Lauchhammer: Silke Zertz & Frauke Hunfeld

Hunfeld+Zertz

Wir stehen auf schwankendem Grund

Die Drehbuch-Autorinnen Frauke Hunfeld und Silke Zertz haben schon mehrfach miteinander gearbeitet, aber nie für ein so emotionales Projekt wie den Krimi-Sechsteiler Lauchhammer, ab heute in der Arte-Mediathek. Ein Gespräch über den Drehort Lausitz, wahrhaftige Figuren und Riesenbagger als Hauptdarsteller.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hunfeld, Frau Zertz – Ihr Sechsteiler Lauchhammer wird ab heute bei Arte von einer Reihe gewaltiger Braunkohlebagger dominiert. Standen die so auch im Drehbuch?

Frauke Hunfeld: Ja, diese Giganten einer vergangenen Industrieepoche haben uns beeindruckt und inspiriert. Die Landschaft, in der sie wie Mahnmale einer untergegangenen Zeit stehen ist so etwas wie unsere erste Hauptfigur.

Silke Zertz: Der Tagebau und seine Hinterlassenschaften hat die gesamte Gegend und die Gesellschaft geprägt und prägt sie bis heute. Und so auch unsere Erzählung.

Hunfeld: Unsere Serie erzählt ja ein Deutschland, das – als wir begonnen haben – noch auf die Lausitz beschränkt schien. Mittlerweile jedoch betreffen und erschüttern die Folgen der Energiewende, ihre Schmerzen, das Kollabieren gewohnter Lebensrealitäten, dazu der Wertewandel, die gesellschaftliche Spaltung und finanzielle Sorgen das ganze Land.

Zertz: Wir stehen auf schwankendem Grund, wissen nicht, ob die Erde uns trägt – und dafür ist der Lausitzer Boden ein Sinnbild. Überall Abgründe, bröckelndes Fundament, plötzliche Löcher und Abrutschungen. Besser kann man eine grundlegende Verunsicherung fast nicht in Bilder übersetzen.

Hunfeld: Und dieser physisch brüchige Boden erzählt auch viel darüber, wie wir uns bis heute auf dem unsicheren Grund der Vergangenheit bewegen. Die Hinterlassenschaften von Politik und Gesellschaft sind genauso wenig verfüllt und verdichtet worden wie die Braunkohlegruben. Schwamm drüber ist nicht immer die Lösung. Deshalb ist dieser Ort so ideal, um Opfer verschwinden zu lassen.

Ein Ort namens Lauchhammer.

Hunfeld: 1995 hatte er rund 24.000 Einwohner, heute sind es nur gut halb so viele. Wir haben Leerstand gesehen, auch Verfall und ganze Straßenzüge, in denen nur noch in einer Wohnung Licht brannte. Zugleich haben wir haben aber auch viele positive, optimistische Leute getroffen, die was aufbauen wollen. Die Leute lieben ja ihre Heimat. Sie wollen nicht weg, sondern kämpfen. Auch das hat Eingang in die Erzählung gefunden.

Umso auffälliger ist, dass viele Figuren der gängigen Vorstellung von ostdeutscher Provinz entsprechen – die Zahl an Rassisten, Sonderlingen, Drogensüchtigen, Verwahrlosten wirkt deutlich höher als diejenige, gewöhnlicher Menschen.

Zertz: Happy characters are boring characters, das ist so in der Fiktion, sie lebt von Konflikten, insbesondere in Krimis. Wir machen ja keine Reportage. Aber ich widerspreche, viele unserer Figuren sind sehr bodenständig, die Bergarbeiterfamilie Noack zum Beispiel. Der junge Polizist, der alte Glockengießer. Und natürlich unsere Hauptfiguren. Mišel Matičevićs zurückgekehrter Polizist Maik Briegand ist ein ruhiger, verwurzelter, trotzdem eigensinniger Typ. Aber auch die Ruhigen können ihre Abgründe haben. Verwurzelung kann auch Verstrickung sein.

Sind diese Typen abstrakt im Drehbuch entstanden oder erst, als Sie sie bei der Recherche vor Ort leibhaftig erlebt haben?

Hunfeld: Die Recherche findet ja statt, bevor das Drehbuch entsteht. Wir kannten die Lausitz schon sehr gut, haben aber für die Recherche nicht nur Museen und Archive besucht, sondern die Orte und Landschaften. Wir haben mit Sozialarbeitern gesprochen, dem Bürgermeister, einem Arzt für Drogenkranke, aber auch mit Leuten, die was Neues versuchen. Trotzdem sind die Figuren natürlich erfunden. Ein Maik Briegand arbeitet nicht im LKA Cottbus. Polizisten des Reviers Lauchhammer zertrampeln in der Wirklichkeit keine Tatort-Spuren.

Hatte es da Auswirkungen auf die Geschichte, das sie von zwei Frauen stammt – was in der Film- und Fernsehbranche ja immer noch eher Ausnahme als Regel ist?

Zertz: Ach, das stimmt so einfach nicht mehr; es gibt längst richtig viele, auch sehr erfolgreiche Autorinnen. Es kommt ja nicht darauf an, welches Geschlecht sie haben, sondern dass die Charaktere in ihrer ganzen psychologischen und biographischen Ambivalenz sichtbar werden. Darauf legen wir großen Wert, wir wollten jeder Figur Tiefe geben, gute wie schlechte, verletzliche und starke Seiten.

Hunfeld: Wobei wir Maik Briegand womöglich etwas anders gezeichnet haben als ein Mann. Vielleicht finden wir Frauen unterschiedliche Charakterzüge toll an der Figur; die Verletzlichkeit zum Beispiel hinter einer sehr maskulinen Fassade. Maik Briegand schleppt ja nicht nur einige Kilos, sondern auch sonst viel mit sich herum: Vergangenheit, Schuldgefühle, Ansprüche, auch Wut.

Das Mehrdimensionale führt hier allerdings dazu, dass viele Männer toxisch sind.

Hunfeld: Ich mag den Begriff der toxischen Männlichkeit so wenig wie „weiße alte Männer“, weil beide Begriffe ihrerseits eindimensional sind. Aber natürlich ist der Frauenmangel dieser Region ein Umstand, der die Gesellschaft, das Miteinander prägt und Gefühle von Zurückweisung und Scheitern verursacht.

Ergreift die Serie da für irgendwelche Protagonisten oder Protagonistinnen Partei?

Hunfeld: Nein. Und das sollte eine Fiktion wie diese auch nicht tun.

Zertz: Wichtig ist, dass die Charaktere rund sind. Dass Verhalten verstehbar ist, nachfühlbar. Bergleute in der DDR zum Beispiel waren sehr stolz. Sie haben hart gearbeitet und viel gegeben. Wenn dann junge Klimaaktivisten wie Maiks Tochter Jackie sagen, alles daran sei falsch, erzeugt es Abwehr. Wir wollen mit unseren Geschichten auch nachvollziehbar machen, warum Menschen tun, was sie tun, und denken, was sie denken.

Sie betreiben wie Ärztinnen eine Art Anamnese der Figuren, um ihr Verhalten ganzheitlich zu deuten?

Hunfeld: So ungefähr. Wobei uns das Erzählen mehr am Herzen liegt als das Deuten.

Zertz: Das ist unsere Form von Respekt, die wir den Figuren ebenso wie den Zuschauern schuldig sind, auch wenn es Zeit und Energie erfordert.

Hunfeld: Wir haben im Schreibprozess tagelang über Figuren geredet, als wären es Freunde, die wir manchmal gleich einschätzen, manchmal verschieden. Das ist der große Vorteil: man kann sich austauschen, man kann diskutieren, es gibt unterschiedliche Sichtweisen, es wird dichter. Deswegen schätze ich das gemeinsame Schreiben: Wenn es funktioniert, ist es ein großes Glück und ein großer Spaß.

Den Sie ja nicht zum ersten Mal hatten…

Zertz: Wir haben zuvor schon beim ARD-Fernsehspiel Vermisst in Berlin zusammengearbeitet, dann kam Gefährliche Wahrheit fürs ZDF. Lauchhammer ist unsere dritte Zusammenarbeit.

Haben ARD und Arte Sie wegen dieser Expertise gemeinsam angefragt?

Hunfeld: Es war umgekehrt. Wir haben das Konzept für Lauchhammer erst entwickelt und dann der Produktionsfirma moovie angeboten. Die haben uns erstmal machen lassen und sind dann zur ARD gegangen.

Hätte die Serie theoretisch auch in Duisburg-Marxloh oder einer abgehängten Region im Bayerischen Wald spielen können.

Beide (fast entrüstet): Nein!

Hunfeld: Die Radikalität der Systembrüche in der Lausitz ist unerlässlich für die Geschichte. Da ist ein ganzes Staatssystem kollabiert, an das viele Menschen glaubten. Die haben für ihre Ideale vom Sozialismus – die ja keineswegs alle falsch waren – gekämpft, und plötzlich soll alles verkehrt gewesen sein?

Zertz: Diese Seelenlandschaft ist schon sehr ostdeutsch, das kann man nicht einfach nach NRW verpflanzen.

Haben die Menschen in Brandenburg das fertige Produkt schon gesehen?

Zertz: Nee, noch nicht. Aber in Schwarzheide wird es vor Publikum gezeigt, mit vielen aus der Region, die uns unterstützt haben.

Fürchtet man als Autorin, die über wahrhaftige Menschen schreibt, den Moment, wenn sie es erstmals sehen und darüber urteilen?

Hunfeld: Nein, bei einer fiktionalen Serie sind alle Figuren eben nicht aus Fleisch und Blut, sondern ausgedacht. Aber wir erzählen sehr wahrhaftig aus einer Region in Deutschland, die sehr viele noch nie gesehen haben. Und ich freue mich, auch weil während der Dreharbeiten große Unterstützung spürbar war, und die Leute es toll fanden, dass man mal nicht in Berlin, Hamburg oder Köln dreht, sondern bei ihnen zuhause. Die Leute wollen gesehen werden.

Zertz: Wir machen die Region mit ihren Gefühlen und Geschichten, ihrer Vergangenheit und Gegenwart in einer bildgewaltigen Serie zur besten Sendezeit sichtbar. Manchmal haben uns Leute gefragt: Dieses Lauchhammer in dieser Landschaft – das gibt’s doch nicht, oder? Wo habt Ihr wirklich gedreht? Vielleicht wird so was nach



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