Kapitänsbinden & Styroporplatten

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. November

Schwer zu sagen, welche Symbolgeste der deutschen Nationalmannschaft gegen das terroristische Dreigestirn Katar, FIFA, Fußball-WM philosophisch tiefer ging: dank der Niederlage im Auftaktspiel vorsorglich das Achtelfinale zu boykottieren? Damit trotz fehlendem Public Viewing nicht mal mehr zehn Millionen Fernsehzuschauer*innen, wo zu erzielen, die ihre Freizeit stattdessen mit Demos gegen Homophobie und Arbeitsbedingungen (die MagentaTV übrigens noch egaler sind als Uli Hoeneß) vor Ort verbringen.

Oder bunte Kapitänsbinden durch schwarzweiße Handbewegungen zu ersetzten, die niemand versteht, aber für Aufmerksamkeit sorgen. Tatsache ist: weil sich die germanischen Einkommensmillionäre beim – nein, natürlich nicht Abspielen der Nationalhymne vor den Augen aller, sondern nebensächlichen Teamfoto danach die Hand vor den Mund gehalten haben und damit, tja – was noch mal genau symbolisiert: Zahnfäule Mundgeruch, Lippenherpes, sind Gleichberechtigung und Weltfrieden Wirklichkeit geworden, Korruption und Kapitalismus dagegen Geschichte. Danke DFB!

Dem Bild-TV demnächst nicht mehr in den gutgeölten Anus oder umgekehrt kriechen kann, weil es die Fernsehsparte des Springer-Blattes bald nicht mehr geben wird. Das deutsche Fox News für reaktionäre (Ge-)Wissensverweigerer baut dem Vernehmen nach bis zu 80 Stellen ab. Wenn diese Journalismus-Attrappe in absehbarer Zeit abgewickelt wird, bleibt der Menschheit künftig also ein Medium erspart, dessen Dummheit mit seiner Ignoranz aufsehenerregend um Deutungshoheit ringt.

Um die Deutungshoheit bei Disney ringen hingegen mal wieder Mittelmäßigkeit und Größenwahn. Nach nur drei Jahren Pause löst Bob Iger seinen Vornamensvetter und Vorgänger Chapek infolge verheerender Zahlen als CEO des globalen Entertainers ab und hat Weltmachtpläne im Gepäck: die Fusion mit Apple. Um Content und Technik zu vereinen, sagt Iger. Um Netflix und Prime zu vernichten, glaubt die Konkurrenz.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. November – 4. Dezember

Gut, bei letzterem könnte das sogar klappen – zumindest, sofern das Angebot so blutleer und dämlich gerät wie der deutsche Young-Adults-Achtteiler Love Addicts. Mit dem Tiefgang einer Styroporplatte will Amazon damit ab Mittwoch die Netflix-Serie Sex Education germanisieren, was so klischeetriefend (bl)öde ist, dass es nur Adoleszenzverweigerern gefällt, die Instagram-Reels für Kunst halten. Weil das der Aufmerksamkeitsspanne Zielgruppenzugehöriger entspricht, könnten die dreißigminütigen Clips jedoch sogar funktionieren.

Also auf digitaler Ebene ähnlich rätselhaft, aber messbar wie Mittelalterfiktionen der Sorte Die Wanderhure. Damit, einige Boomer erinnern sich, stürmte das Autorenduo Iny Klocke und Elmar Wolrath Anfang des Jahrtausends erst deutsche Bestsellerlisten, um von Sat1 in drei Schnulzen der dümmsten Art verwurstet zu werden. Heute widmet der BR den Eltern der Wanderhure ein Porträt, was vielleicht nicht anspruchsvoll, aber durchaus erhellend sein könnte.

Beides bietet das ARD-Biopic Alice ab Mittwoch in Reinkultur. Nina Gummich agiert als Feministin Schwarzer bis zur Emma-Gründung 1977 so glaubhaft, dass man diese Glanzzeit der Frauenbewegung tatsächlich ein bisschen besser versteht und zudem glänzend unterhalten wird. Letzteres wiederum gilt auch für die parallel startende Thrillerserie The Patient mit Steve Carell als Psychiater, der auf Disney+ einen Serienkiller betreut – damit aber auch die Web-Serie Frankenstream füttert, in der Arte ab Dienstag viermal 15 Minuten in seiner Mediathek erörtert, warum digitales Bingwatching die Welt vernichtet.

Apropos: weil Disney+ alles von George Lucas im Portfolio hat, setzt es dessen Fantasy-Klassiker Willow von 1988 zeitgleich als Sechsteiler fort. Ein Spin-Off aus Dan Browns Mystery-Kosmos zeigt RTL+ Donnerstag mit The Lost Symbol um den Illuminati-Spürhund Robert Langdon. Mit der Near-Future-Dystopie Hot Skull setzt Netflix tags drauf sein Angebot türkischer Formate fort. Währenddessen darf man gespannt sein, wie die Fortsetzung der Anti-Agenten Slow Horses gelingt und ob Franziska Hartmann in der ZDF-Reihe Was wir verbergen genauso brilliert wie zuletzt in Neuland.

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