Dieter Stein: Junge Freiheit & Alte Rechte

Avantgarde klingt ein wenig anmaßend

Dieter Stein

In 36 Jahren hat Dieter Stein die Junge Freiheit von der handgehefteten Schülerzeitung zum neurechten Leitmedium gemacht. Ein Gespräch mit dem bayerischen Offizierssohn über ideologische Publizistik, Meinungsvielfalt im eigenen Haus, False Balance, sein Verhältnis zum russischen Angriffskrieg und warum die JF wirtschaftlich vergleichsweise erfolgreich ist.

 

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stein, Sie haben heute Morgen einen Volontär verabschiedet. Wohin gehen die nach einer Ausbildung bei der Jungen Freiheit denn gemeinhin so?

Dieter Stein: Also die meisten haben wir in der Regel als Redakteure übernehmen können. Einige gehen andere Wege, Henning Hoffgaard beispielsweise hat zwischenzeitlich für die AfD gearbeitet, ist jetzt aber gerade wieder zu uns zurückgekommen. Aber für Journalisten der JF ist unsere Medienlandschaft generell nicht so durchlässig wie etwa jene der taz, die man in nahezu jeder Redaktion wiederfindet.

In Gestalt von Robin Alexander sogar als stellvertretender Chefredakteur der konservativen Welt.

So ist es. Mir fällt dagegen keine große Zeitung ein, wo bislang ein Volontär von uns untergekommen wäre.

Liegt das an der Branche oder der Jungen Freiheit?

In erster Linie an der politischen Kultur und einer Branche mit Schlagseite. Als Journalist von links zu kommen, gilt als Selbstverständlichkeit, konservativ zu sein, löst Irritationen aus. Der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein brachte es im JF-Interview gerade auf den Punkt, als er die zunehmende politische Monotonie in den Medien beklagte.

Gibt es aus Ihrer Sicht darin so etwas wie linke oder rechte Publizistik?

Es müsste selbstverständlich sein, dass nicht nur demokratisch linke, sondern demokratisch rechte Medien zu einem normalen Diskurs gehören. Der Begriff „rechts“ wird hierzulande anders als etwa in Frankreich von vorneherein fast ausschließlich abwertend verwendet, also problematisiert. Vielleicht bezeichne ich mich auch deshalb als konservativ, aber ja – natürlich gibt es verschiedene Zonen der Berichterstattung. Nur dass die linke da ein gewaltiges Übergewicht hat und das als normal angesehen wird.

Der Springerkonzern mit den Flaggschiffen Bild und Welt dürfte sich wie die FAZ nicht allzu weit links verorten…

Welt und FAZ unterliegen einem erheblichen politischen Anpassungskurs. Wenn man sich Umfragen unter Journalisten ansieht, sympathisieren drei Viertel mit Grünen, Linken, SPD und ganze zwölf Prozent mit Union oder FDP, von der AfD ganz zu schweigen. Bei Volontären der ARD sah das kürzlich noch einseitiger aus. Warum ist das so?

Was meinen Sie?

Das ist wie eine sich selbst bestätigende, selbst verstärkende Prophezeiung. Dieser Trend wird von den Verlagen und Redaktionsleitungen gefördert. Und weil diejenigen, die eher eine konservative Einstellung haben, wissen, dass sie angesichts der bereits bestehenden Kräfteverteilung in traditionellen Medien nicht weit kommen dürften und schon gar nicht mehr den Beruf des Journalisten ins Auge fassen. Noch mal Martenstein: „Je stärker diese Kohorte wird, desto weniger Lust haben alle, die anders ticken, Journalisten zu werden.“

Tendenziell linke Haltungen gelten im Vergleich zu tendenziell rechten halt als progressiver, zukunftsaffiner, moderner und damit auch jünger.

Das stimmt ja nicht. Wahlen zeigen sehr wohl, dass Jungwähler nicht nur links ticken. Bei der Bundestagswahl schnitt die FDP bei Erstwählern sogar am stärksten ab. FDP, Union und AfD erhielten knapp 40 Prozent. Das Spektrum reicht – abseits der extremen Ränder – von demokratisch links bis demokratisch rechts, das müsste sich im Idealfall auch publizistisch in annähernder Breite wiederfinden. Tut es aber nicht.

Nicht?

Schon Konrad Adenauer hatte daher versucht, mit dem ZDF ein konservatives Gegengewicht zur linkeren ARD zu schaffen. Mit Gerhard Löwenthal und seinem ZDF-Magazin bot es bis zu seiner Verabschiedung 1988 wenigstens ein explizit konservatives Politmagazin. Wobei es ohnehin nicht sein kann, dass öffentlich-rechtliche Sender Sprachrohre der einen oder der anderen großen Partei sind, anstatt politische Debatten pluralistisch abzubilden. Aus dieser Motivation heraus habe ich vor 35 Jahren ja auch die Junge Freiheit gegründet.

Aber bietet die nicht bewusst unausgewogenen Journalismus der liberal-konservativen Seite, um ein Gegengewicht zum – wie sie es nennen – linken Mainstream zu erzeugen?

Für eine kleines privates Medium ist das doch legitim! Insgesamt ist jedoch Ausgewogenheit der Medienlandschaft unser Ziel. Daran mitzuwirken, wird uns allerdings massiv erschwert. Fürs Interview auf Seite 3 zum Beispiel hätten wir gern ein breiteres Spektrum. Aber es ist gar nicht so einfach für uns, fundierte Gesprächspartner aller Seiten zu gewinnen.

Weil die einem Rechtfertigungsdruck unterliegen, in einer rechtskonservativen Zeitung zu erscheinen?

Weil Gesprächspartner damit rechnen müssen, massiv angegriffen zu werden. Wobei wir eine lange Liste Gesprächspartner außerhalb enger Meinungskorridore haben. Denken Sie an unsere Interviews mit Peter Glotz, SPD-Außenstaatssekretär Christoph Zöpel, Charlotte Knobloch, Margot Käßmann… Die Liste der Absagen ist nur ungleich länger. Es ist halt zweischneidig, mit uns zu reden. Als Dunja Hayali es mal exakt unter der Voraussetzung getan hat, Streit auch zuzulassen, statt abzuwürgen, schlug das entsprechend riesige Wellen, und zwar in beide Richtungen. Sie wurde vor allem aus der Medienbranche massiv attackiert. Wir suchen aber auch bewusst das Gespräch mit Vertretern der Öffentlich-Rechtlichen und hatten in Person des SWR-Intendanten Kai Gniffke vor einem Jahr einen Interview-Partner, mit dem es genau ums Thema Einseitigkeit insbesondere in Bezug auf die Einladungspraxis bei Talkshows ging. Solange ich diese Zeitung mache, geht es immer wieder um die Frage: wer wird von wem gehört, wer kommt öffentlich zu Wort und wer nicht.

Sie würden also ausgewogener berichten, wenn man Sie nur ließe?

Ja, sagen wir, wenn dies schlicht möglich wäre. Denn vereinfacht ausgedrückt ist es schwer, links mit rechts und umgekehrt ins Gespräch zu bringen. Und das gilt keineswegs nicht nur für uns als konservative Zeitung. Nehmen Sie zum Beispiel den Berliner Historiker Jörg Baberowski oder Bernd Lucke in Hamburg.

Deren Auftritte an Universitäten massiv gestört wurden.

Diese Spießrutenläufe der Cancel Culture haben natürlich Rückwirkungen auf Diskurse insgesamt. Wer ist noch bereit, einen Streit zu führen, bei dem man gesellschaftlich nur verlieren kann? Als Politiker, Publizist, Journalist sammelt kaum jemand Pluspunkte, rechts der Mitte in ein echtes Pro und Contra einzusteigen. Am Ende wird aus der Diskurs- eine Machtfrage.

Nochmals: kämen linksliberale Positionen etwa zu Migration, Gendern, Klimawandel in ihrem Blatt gleichberechtigt vor, wenn sie bereit wären, darin mit der rechtskonservativen zu diskutieren?

Selbstverständlich: Wir fragen auf breiter Front Interviews mit Andersdenkenden an. Um nur zwei Beispiele zu nennen, von Alice Schwarzer bis Kevin Kühnert – von letzterem erhielten wir eine regelrecht hasserfüllte Absage. Ich selbst habe wiederum 1993 einmal Johann Scheringer interviewt, damals Fraktionsvorsitzender der PDS im Schweriner Landtag. Doch dieses Interview hatte prompt einen Parteivorstandsbeschluss zur Folge, der JF künftig Interviews zu verweigern.

Sie bleiben erneut auf der Ebene Ihrer Gesprächspartner. Was ist mit der Berichterstattung generell – ist die zu allen Seiten hin offen?

Die JF versteht sich dezidiert als konservatives Meinungsmedium oder Tendenzblatt. Insofern wünschen wir uns dennoch, im Rahmen von Streitgesprächen oder Gastbeiträgen Dialoge anzustoßen, werden das komplette Meinungsspektrum aber nie gleichberechtigt abdecken. Wie erwähnt wollen wir schließlich eine Lücke füllen, die Tageszeitungen wie FAZ oder Welt und am Bildschirm teilweise auch das ZDF bis in die Achtzigerjahre noch abgedeckt haben.

Führt die Wochenzeitung für Debatte, wie sie im Untertitel heißt, die ihre dem Anspruch nach nur extern oder auch intern, also auf Redaktionsebene?

Was die Debatte im Blatt betrifft, sehe ich in der Tat noch Defizite und wünsche mir mehr, was wir aber nur beschränkt durchbrechen können. Denn alles, was potenzielle Gesprächspartner abschreckt, schreckt offenbar auch potenzielle Autoren ab.

Wie sieht es demnach mit der Meinungsvielfalt im eigenen Haus ab, die Sie an anderen Häusern ja so heftig kritisieren?

Bei uns wird in Redaktionssitzungen offen und kontrovers gestritten. Die Haltung zur Corona-Frage hat uns beispielsweise geteilt wie die Bevölkerung. Hier streiten wir wöchentlich um die Bewertung. Die Junge Freiheit hat auch Leser verloren, weil wir uns für manche zu kritisch, für andere aber auch vermeintlich zu unkritisch mit Querdenkern befasst haben. Wenn um Parteimitgliedschaften geht: Ich persönlich würde mir wünschen, dass Journalisten im Idealfall gar keiner Partei angehören.

Wie flexibel sind denn die Haltungsgrundsätze der Jungen Freiheit, kann sie sich dem Zeitgeist oder wissenschaftlichen Konsens auch dann anpassen, wenn er ihnen wie im Fall des zweifelsfrei belegten menschgemachten Klimawandels widerspricht?

Dass der von Menschen verursachte erhöhte CO2-Ausstoß Einfluss auf die Klimaerwärmung hat, bestreitet kein ernst zu nehmender Mensch. Umstritten ist jedoch der Anteil an der Erderwärmung und Bewertung der Folgen.

Das IPCC – also keine NGO, sondern die Gesamtheit aller seriösen Klimawissenschaftler weltweit – hat gerade genau das festgestellt und ein katastrophales Zukunftsszenario entworfen, wenn wir den Ausstoß nicht sofort radikal drosseln.

Der Weltklimarat ist keine unabhängige wissenschaftliche, sondern eine politische Institution. Wir bestreiten wie gesagt keineswegs, dass es Temperaturveränderungen gibt. Insofern ist es sinnvoll, den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu bremsen. Aber ich finde es fragwürdig, dass nur die letzten 150 Jahre seit der Industrialisierung betrachtet werden, anstatt auch die Zeit davor in den Blick zu nehmen, wo sich das Klima ebenfalls verändert hatte. Wir kritisieren das Bild einer Apokalypse, die in der Klimadebatte mit beinahe religiösem Eifer an die Wand gemalt wird. Mehr Rationalität tut not.

Was ist eigentlich ausgerechnet an der Leugnung des menschengemachten Klimawandels, der Befürwortung der Atomkraft oder dem Kampf gegen Gleichberechtigung durch Sprach konservativ?

Der Begriff „Klimaleugnung“ ist ein Beispiel, wie das Stellen kritischer Fragen delegitimiert wird. Niemand, der bei Trost ist, bestreitet, dass es einen menschengemachten Anteil am Klimawandel gibt. Es geht vielmehr um die Dimension und die richtigen Antworten darauf. Darüber wird aber nicht ergebnisoffen diskutiert. Dazu gehört auch, über den Einsatz von Kernenergie nachzudenken, wenn wir in einem hochindustrialisierten Land auch künftig verlässliche Stromversorgung sichern und zugleich CO2 einsparen wollen. Tatsächlich sind Umweltschutz und Skepsis gegenüber der technischen Machbarkeit ein urkonservatives Motiv. Und beim Gender-Sprech geht es nicht um vernünftige Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

Sondern?

Sprachliches Aufoktroyieren einer Ideologie, nach der Geschlechter ein reines soziales Konstrukt sind, das aufzulösen sei. Was absurd ist. Aber nochmals zum IPCC: Es hat keine alleinige Hoheit über die Wahrheit, niemand hat das. Erinnern Sie sich an die Podiumsdiskussion zwischen Giovanni di Lorenzo, Jan Böhmermann und Markus Lanz zu der Frage, wen öffentlich-rechtliche Talkshows zum Thema Corona-Politik einladen sollten und wen nicht?

Da ging es um False Balance und ob randständige Lehrmeinungen durch Überrepräsentation nicht ins Zentrum der Debatte rücken.

Wer entscheidet eigentlich, ob eine Lehrmeinung randständig ist?

Die herrschende Meinung, wenn sie in so überwältigender Mehrheit ist wie hier.

Aber es kann doch nicht sein, dass anerkannte Forscher wie Alexander Kekulé oder Hendrik Streeck keine Talkshowgäste mehr sein dürfen, nur weil ihre Meinung von einer Mehrheitsmeinung abweicht!

Das sehen Medien wie Süddeutsche oder Zeit, denen Sie ebenfalls Einseitigkeit vorhalten, ebenso kritisch. Trotzdem führt die Dauerpräsenz der genannten Virologen doch dazu, dass ihre Außenseitermeinungen mehrheitsfähig wirken.

Kekulé und Streeck sind doch überhaupt nicht so präsent. Dauerpräsent sind Karl Lauterbach und Christian Drosten. Was wir erleben, ist doch eine Art betreuter Journalismus, der dem Publikum unliebsame oder strittige Positionen von vorneherein vorenthält. Deshalb appellieren wir an die Überzeugungskraft des besseren Arguments im öffentlichen Wettstreit.

Sie wirken an diesem Punkt extrem energisch. Warum eigentlich?

Vielleicht, weil ich diese Einseitigkeit schon in den 80er Jahren als konservativer Schüler im linken Freiburg am eigenen Leib erleben musste. Sicher versucht jeder, mit seiner Haltung Debatten zu dominieren, aber sie so vorzusortieren, dass Debatten von vornherein im Keim erstickt werden, halte ich für falsch.

Würden Sie ergebnisoffen mit Menschen diskutieren, die Putins Eroberungskrieg in der Ukraine befürworten?

Es dürfte momentan schwer sein, intelligente Menschen zu finden, die Putins Angriffskrieg rechtfertigen. Ich kenne keinen. Für JF-TV habe ich jedoch eine Gesprächsrunde moderiert mit dem intimen Russlandkenner und Putin-Biografen Thomas Fasbender, dem ehemaligen EU-Diplomaten Albrecht Rothacher und Politikwissenschaftler Martin Wagener von der Hochschule des Bundes, wo BND-Mitarbeiter ausgebildet werden. Hier wurden kontrovers die sicherheits- und geopolitischen Gründe diskutiert, die zu diesem Konflikt geführt haben.  

Konservative Medien wir Ihres haben rechtsnationale Autokraten wie Wladimir Putin, Viktor Orbán, Jarosław Kaczyński oder lange Zeit mindestens wohlwollend behandelt. Ändert dieser völkerrechtswidrige Angriff also etwas daran?

Demokratisch gewählte Politiker wie Orban und Kaczynski mit Putin in einen Topf zu werfen, ist daneben. Die Interessengegensätze zwischen Polen und Russland sind zudem größer kaum denkbar, und auch bei Ungarn sieht es wieder anders aus; das haben wir stets abgebildet. Von einer wohlwollenden Behandlung Putins kann also überhaupt keine Rede sein. Wir haben nüchtern die geopolitische Lage beobachtet, analysiert und wiederholt Sprachrohre der russischen Propaganda scharf angegriffen. Ich erinnere nur an die mehrteilige Reportage über den schillernden von linksaußen nach rechtsaußen gewanderten Publizisten Jürgen Elsässer.

Herausgeber des Magazins Compact.

Dessen Russland-Verbindungen wir schon nach der Okkupation der Krim unter die Lupe genommen haben – auch um dessen problematischen Einfluss auf den rechten Flügel der AfD aufzuzeigen. Ich nahm ihn damals in einem Kommentar als „umtriebigen Guru“ einer spinnerten moskauhörigen Verschwörungs-Szene aufs Korn. Dennoch bleibe ich dabei, Debatten nicht von vorneherein im Keim ersticken zu wollen.

Würden Sie dann zu einer geologischen Diskussion Flat Earther einladen, die die Erde für eine Scheibe halten, damit alle Positionen vertreten sind?

Nein.

In welchem Streit über Positionen, die denen der JF widersprechen, hat sie dem wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Konsens mal Tribut gezollt und nachgegeben?

Wir sind selbstverständlich von wissenschaftlichen Erkenntnissen getrieben. Aus meiner Sicht heißt konservativ ja gerade im Kern, Realitäten anzuerkennen.

Ein Beispiel: In den späten Neunzigern hat sich die Junge Freiheit vom extremen Rand der neuen Rechten und konservativen Revolution um Götz Kubitschek und Armin Mohler gelöst. Warum?

Bei verschiedenen Brüchen ging es auch um Politikfähigkeit und die Frage, wie und in welchem Umfang konservative Positionen in einem eher linksliberalen Meinungsumfeld tragfähig werden. Einige der Eierschalen sind generationenbedingt abgefallen. Sie dürfen nicht vergessen: Ich war noch Student, als die JF von monatlicher auf wöchentliche Erscheinung umgestellt hat, da sind wir mit einigen Fragen gedankenloser umgegangen.

Gedankenloser?

Oft zitiert wird unser Werbeslogan von 1992 „Jedes Abo eine konservative Revolution“, eine wenig reflektierte Provokation und Koketterie. Weil man an den Begriff nicht einfach unkritisch anschließen sollte, haben wir das später bewusst nicht wiederholt. Mit Götz Kubitschek habe ich mich auch überworfen, weil ich diese fortgesetzte unkritische Heldenverehrung der konservativen Revolution für grundfalsch halte. Genauso falsch ist es aber, alle Protagonisten dieser Strömung, von Ernst Jünger über Carl Schmitt bis zu Thomas Mann, pauschal als Wegbereiter des Nationalsozialismus abzufertigen. Wir versuchen kritisch in alle Richtungen zu sein. Deshalb war auch Armin Mohler 1994 untragbar, als er versuchte, radikalen Geschichtsrevisionismus ins Blatt zu lancieren.

Es ging damals also um die Frage, wie weit rechts die Zeitung stehen darf und soll?

Stark vereinfacht schon. Es gibt immer wieder die Gefahr, sich in ein politisches Ghetto zu manövrieren.

Hat sich die JF, um mit einem Slogan der AfD zu sprechen, vom gärigen Haufen früherer Tage befreit?

(überlegt lange)

Ist sie kompromissfähiger geworden, gesellschaftsfähiger?

Bei den Autoren haben wir uns stetig verbreitert, sicher sind wir auch älter geworden, erwachsener. Beim erwähnten Streit mit Kubitschek ging es auch darum, ob wir die NPD als politischen Gegner betrachten. Natürlich ist sie das. Eine Frage, die sich nach dem Aufkommen der AfD abermals stellte. Dutzende meiner Kommentare befassen sich damit, wie zu verhindern ist, dass die AfD im gesellschaftlichen Abseits landet.

Als Objekt, das von anderen dorthin gedrängt wird, oder als Subjekt, das diese Radikalisierung selbst vornimmt?

Am Ende ist jeder seines Glückes Schmied, aber die allgemeine gesellschaftliche Grundannahme besteht darin, eine Parteienergänzung von rechts – egal in welcher Form – überhaupt nicht zuzulassen. Dabei müsste eine konservativ-nationalliberale Partei, wie es sie auch in anderen europäischen Ländern gibt, das Normalste der Welt sein! Selbst das wird in den meisten deutschen Medien als unnormal dargestellt. Während der Euro-Krise 2013, das muss man einräumen, ist die AfD in der Wirtschaftspresse in den ersten Wochen tatsächlich wohlwollend hochgeschrieben worden, mehr als es ihrer anfänglichen Größe entsprochen hätte. Aber selbst da wurde bereits von allen Seiten permanent das „rechte Haar“ in der Suppe gesucht.

Das nennt man doch den journalistischen Auftrag.

Der ist auch legitim. Trotzdem zeigte sich im Bemühen, die AfD zügig regelrecht zu Kleinholz zu verarbeiten, eine Asymmetrie verglichen mit Parteien im restlichen Spektrum. Deshalb wurde der Fokus frühzeitig auf rechtsradikale Kapriolen gelegt.

Namentlich den Flügel.

Mit Björn Höcke als Chiffre. Trotzdem erfahren weder er noch gemäßigte AfD-Politiker mediale Fairness. Der Druck, den mittlerweile sogar konservative, CDU-nahe Professoren aushalten müssen, hat teils repressiven Charakter, während Sie als früheres RAF-Mitglied der Knaller auf jeder Journalistenparty in der Hauptstadt sind!

Hat das aktuelle Klima, in dem die AfD zur festen Größe praktisch aller deutschen Parlamente gewachsen ist, die Junge Freiheit quasi in deren Arme getrieben?

Nein, die Überzeugung, eine parteipolitische Ergänzung rechts der Union sei notwendig, stand von Anfang an bei uns im Mittelpunkt des Interesses. Nachdem ich 1984 die Junge Union verlassen hatte und 1985 über die Republikaner zur Absplitterung Freiheitliche Volkspartei gefunden habe, deren Jugendorgan die JF im ersten Jahr sein sollte, steckt die AfD quasi als Absplitterung der CDU schon in unserer politischen DNA. Ich bin seit 1987 zwar parteilos, aber die JF beobachtete stets rege Initiativen in dieser Richtung. Die Entwicklung vom Bund Freier Bürger über Schill-Partei bis zur AfD haben wir daher als einzige immer wohlwollend verfolgt.

Gibt es diesbezüglich eine Art rechtskonservatives Netzwerk, dass diese Entwicklungen publizistisch begleitet?

Netzwerk klingt so dramatisch überhöht. Politische Journalisten kennen sich und tauschen sich aus, mehr gibt es aus meiner Sicht nicht. Die konservative Zeitschrift Criticón war in den 80er Jahren ein wichtiger Kristallisationspunkt, der aber schon Anfang der 2000er Jahre untergegangen ist. Umso mehr war ihr Herausgeber Caspar von Schrenck-Notzing ein wichtiger Publizist, dessen Förderstiftung für konservative Bildung und Forschung ich als Stiftungsratsvorsitzender 2007 übernommen habe. Anders als beispielsweise das Deutschland-Magazin oder diverse Vertriebenenblätter war Criticón eben nicht von der CDU domestiziert, hat also keine Hofberichterstattung gemacht.

Ein Vorwurf, der Ihrer Zeitung jetzt gegenüber der AfD gemacht wird.

Was aber nicht stimmt. Unsere Aufgabe ist es auch dort, zu kritisieren, was schiefgeht. Und das tun wir regelmäßig.

Die Junge Freiheit steigert seit 20 Jahren kontinuierlich ihre Auflage auf mittlerweile mehr als 30.000. Ist sie wegen dieses Kurses zwischen moderater und radikaler Rechter aktuell so erfolgreich?

Ich sehe uns nicht in der Nähe eines radikal rechten Kurses. Und das Wachstumspotenzial ist auch keinesfalls ausgereizt. Wie bei allen anderen Medien liegt die Zukunft allerdings eher im digitalen Bereich, weshalb wir nach langer Programmierphase endlich seit einem Jahr eine Bezahlschranke haben. Zugleich ist unser Erfolg aber nicht exklusiv. Konservative Medien wie der Cicero, Achse des Guten oder Tichys Einblick haben sich stark entwickelt. Die Verbreiterung durch Konkurrenz als Gegenpol zu den dominierenden linken Medien finde ich sehr erfreulich.

Empfinden Sie sich dennoch als Avantgarde?

Die JF hat schon eine Vorreiterrolle übernommen.  Avantgarde klingt andererseits ein wenig anmaßend. Trotzdem freue ich mich, wenn wir als Vorbild für andere publizistische Projekte dienen – übrigens so, wie für mich die taz ein Vorbild war.

Ach…

Natürlich nicht inhaltlich, aber die Eigeninitiative dahinter war beispielhaft: Von der Basis gegründet, von den Lesern getragen, nicht von Großverlagen ausgebrütet, die Jahr für Jahr Dutzende konfektionierter Neugründungen auf den Markt werfen, ihr Personal hin und herschieben, Redaktionsgemeinschaften gründen und auflösen. Da hätte ich es übrigens schön gefunden, wenn zumindest Branchenmedien wie Ihres jenseits unserer politischen Haltung wenigstens unser Aufstiegsmodell einmal würdigen.

Seit wann ist die Junge Freiheit denn auch so profitabel?

Seit Ende der Nullerjahre. Das Geld für den Aufbau der JF als Wochenzeitung sammelten wir mithilfe einer Kommanditgesellschaft nach Beispiel der taz mit über 300 Gesellschaftern, die – breit gestreut – über drei Millionen Euro Haftungskapital beisteuern.

Wie ist es mit Crowdfunding?

Ende der Neunziger haben wir ein Kreis Freunde der JF gegründet, Leser regelmäßig persönlich angeschrieben. Inzwischen über 6000 aktive Förderer steckten in 25 Jahren so über zehn Millionen Euro in den Ausbau der JF. Es gab mal eine Phase, da betrug die Förderung fast ein Viertel unserer Gesamteinnahmen. Jetzt sind es noch etwa zehn Prozent, um unsere Art der Publizistik möglichst unabhängig zu finanzieren.

Wie sieht die Medienlandschaft, in der Sie Ihre Publizistik verorten, idealerweise aus?

So, dass sie die Bevölkerung weitgehend widerspiegelt und linke Haltungen nicht unverhältnismäßig stärker zum Ausdruck bringt als rechte. Wobei mir da eine Annäherung der Repräsentanz auch aus demokratietheoretischer Sicht schon reichen würde. Die öffentlich-rechtliche Unterrepräsentierung konservativer Haltungen empfinde ich da fast schon als kriminell.

Kriminell? Das klingt jetzt nach dem rechtsradikalen Begriff der Lügenpresse, den sie eigentlich meiden.

Dann ersetzen Sie ihn bitte durch hochproblematisch. Lügenpresse verwenden wir in der Tat alle nicht, aber dass der Begriff jetzt so Konjunktur hatte, hat eben auch mit der enormen Einseitigkeit der Berichterstattung in etablierten Medien zu tun. Selbst nach den Ereignissen von 2015, als viele Medien meinten, sie würden künftig ausgewogener über Flüchtlinge berichten, sind sie schnell wieder in kritiklose Muster zurückgefallen.

Aber wenn die Berichterstattung so wahnsinnig links ist, warum hatte Deutschland denn seit 1949 so selten linke Regierungen?

Wir haben bei der Bundestagswahl doch eine linke Regierungsmehrheit bekommen. Dennoch interessante Frage, die aber erst auf jene folgen kann, ob unionsgeführte Regierungen wirklich konservative oder grad in jüngerer Zeit nicht doch überwiegend faktisch sozialdemokratische Politik gemacht haben. Bis zum Aufkommen der AfD als Mitbewerber wurden konservative Strömungen und Positionen zuletzt in der Union systematisch zurückgedrängt. Dass es uns in einer solchen Atmosphäre, trotz teils terroristischer Angriffe wie beim Brandanschlag auf unsere Druckerei Mitte der Neunziger, trotz Anschlägen auch auf die Redaktion und mich selber schon so lange gibt, sehe ich da fast als ein Wunder.

Da Sie die JF bereits seit 35 Jahren betreiben. Schaffen Sie nochmals 35?

Bis ich 90 bin? Nein. Aber solange ich gesund bin, werde ich mich bei der Jungen Freiheit gewiss einbringen.

Könnten Sie denn loslassen?

Ich muss, denn viele konservative Blätter sind auch deshalb untergangen, weil ihre rechtzeitige Übergabe nicht funktioniert hat. Meine Aufgabe ist es, dies besser hinzukriegen.

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