The Robocop Kraus, Leftfield, Haftbefehl

The Robocop Kraus

Als das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts doch nicht wegen Datumskollision ins Armageddon führte und der Hedonismus des vorangegangen also noch kurz die Kataststrophe des übernächsten vernebelte, gab es ein Label, das alles in Sound packte, was dem Millennium musikalisch guttat: Punk und Techno, Ironie und Wahnsinn, Lust und Last einer vollgebremsten Aufbruchsphase, schön kompiliert im Programm von L’Age D’or, wo nach Hamburger Schulbands wie Tocotronic oder Die Sterne auch Von Spar, Ascii Disco. Beige GT und eine von außergewöhnlicher Tiefe groß wurden: The Robocop Kraus.

Der fränkischen Provinz entsprungen, feuerte das Quartett einen Psychopop durchs grungemüde Rockland, dessen kakophonischer Druck Köpfe gutgelaunt platzen ließ. Lange her. 20 Jahre, die Tapete Records jetzt mit einer Sammlung unveröffentlichter Stücke überbrückt. Und während Why Robocop Kraus became the love of my life das vielschichtige Werk zusammenfasst, wirft es ein Schlaglicht in die Vergangenheit. Anfang der Nuller, als noch Hoffnung auf Friede, Freude, Eierkuchen war, schrill-schön vertont von The Robocop Kraus.

The Robocop Kraus – Why Robocop Kraus became the love of my life (Tapete Records)

Leftfield

Noch vor dieser Epochengrenze, an der das vermeintliche Zeitalter ewiger Glückseligkeit Kontakt zu demjenigen aufgetürmter Menschheitskatastrophen aufnahm, komponierten ein paar experimentierfreudige Briten den passenden Soundtrack, namentlich Projekte wie Underworld, Aphex Twin und allen voran: Leftfield, ein Londoner Elektro-Duo, dessen Debüt Leftism 1996 den elektronischen Dance ein bisschen revolutionierte und nun nach längerer Pause sein sechstes Album herausbringt: This Is What We Do.

Und das, was sie da tun, besser: was das verbliebene Gründungsmitglied Neil Barnes tut, lässt sich einfach auf den Punkt bringen: intelligenter, fast schon feuilletonistischer Progressive House mit Breakbeats und Dubsteps, die nicht selbstreferenziell, sondern organisch verspielt auf die Zwölf hauen. Und wie zuletzt vor sieben Jahren, als Leftfield mit Sleaford Mods kooperierte, holt er sich jetzt von Fountaines D.C. Unterstützung, um seinen Techno mit Rock zu würzen. Und das funktioniert wie immer großartig.

Leftfield – This Is What We Do (Virgin)

Haftbefehl

Ach Aykut, alte Selbstvermarktungsmaschine, wenn einer weiß, wie man den Kapitalismustiger reitet, dann du und dein PR-Ego Haftbefehl. Bisschen Provokationspop voller Bitch, Blowjob und Pumpguns, dick bestrichen mit Polarisierungschiffren von Fotze bis Fickteuremütter – schon bist du verlässlich so tief in aller Munde, dass bestimmt bald ein paar weitere Hochglanzfotos mit Monsterprotzkarre im Offenbacher Ghetto drin sind. Und es ist ja auch auf deiner siebten Platte, die vermutlich niemand physisch kauft, schon wieder maßgeblicher HipHop.

“Club fast leer, Nase voll Blut /Stehen uns gegenüber und schreien / alle schauen, keiner wie du / Wir sind mit dem Dreck hier im Reinen” – grob gehackte Straßenpoesie schon im ersten Track Geruch von Koks, gehaucht von Paula Hartmann, zersägt von deiner rachitischen Wutbürgerstimme und diesem Highhat-Tinnitus wie aus dem Torture-Porno: Mainpark Baby, Hassliebeserklärung an ein Leben im Wohlstandsabseits, ist wie immer Gangstarap für urbane Haudraufs, aber eben auch richtig deep, derb, drogig, also alles, was deine Crowd von dir will: Dienstleistungsaggressionen.

Haftbefehl – Mainpark Baby (Urban/Azzlacks)



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