Natalie Scharf: Frühling & Depeche Mode

Nennen sie mich Filmemacherin!

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Mit dem ZDF-Sechsteiler Gestern waren wir noch Kinder hat die schreibende Produzentin Natalie Scharf nicht nur ein fesselndes Familiendrama kreiert, sondern die Rolle der Frau im Thriller neu definiert. Ein Interview mit der Frühling-Autorin über Regisseurinnen, Soundtracks, Psychologie und was Drehbücher mit Mathe zu tun haben.

Von Jan Freitag

Frau Scharf, bezeichnen Sie sich eigentlich als Showrunnerin?

Natalie Scharf: Eher als schreibende Produzentin. Ein befreundeter Neurochirurg sagte mal zu mir, bei Operationen sei es das Beste, alles zu können. Das möchte ich auch, weshalb ich bei dieser Serie zum Beispiel komplett im Schnitt war und nachher in die Mischung der dritten Folge muss. Aber wenn Showrunnerin bedeutet, dass die Produzentin mit der Autorin direkt über bestimmte Einstellungen und deren Preis verhandeln kann, bin ich wohl doch eine. Am liebsten wäre mir aber, Sie nennen mich Filmemacherin.

Gehen beide da förmlich in den äußeren Dialog?

Das nicht, aber ein innerer Monolog ist es manchmal schon. Reden tue ich lieber mit anderen.

Falls Sie auch gern mit anderen feiern gehen: Wissen Sie schon, was Nina Wolfrum am 7. oder 9. Juli 2023 mit Ihnen machen könnte?

Huiuiui (lacht). Nein, wissen Sie es?

Das spielen Depeche Mode in Berlin. Wenn man sich „Gestern waren wir noch Kinder“ ansieht, besser: anhört, klingt die Serie nach deren Greatest Hits.

Wir sind tatsächlich beide Fans. Nina wollte Dave Gahan, zu dem wir wegen der Songrechte Kontakt aufnehmen wollten, sogar mal heiraten (lacht). Wenn ich an einem der beiden Tage in Berlin wäre, würde ich also vielleicht sogar hingehen. Aber dass viel Depeche Mode läuft, hat am Ende doch mehr mit dem Zeitgeist der Serie als uns zu tun. Bei der Hauptfigur verkörpert die Musik zum Beispiel den Freiheitsdrang, sich aus seiner reichen Bubble zu lösen und Schlagzeuger zu werden.

Music safed his life!

Nicht nur seins, das der meisten! Wer eine Serie macht, die Gestern waren wir noch Kinder heißt, erzählt ja automatisch von verwehter Jugend, die von Musik begleitet wird. Diese Emotionen soll der Soundtrack vermitteln.

Und war demnach schon im Drehbuch enthalten?

Ja! Sogar der Sound eines schwarzen Lochs, den wir für Folge 7 von der NASA angefragt haben, ist enthalten. Ich schreibe generell sehr detailliert, selbst Kameraeinstellungen sind schon enthalten.

Weil Sie so ein Kontrollfreak sind?

Weil es mein Anliegen ist, möglichst präzise aus komplexen Figuren heraus zu erzählen, also skandinavisch, hochwertig psychologisierend, ein bisschen – auch, wenn es vermessen klingt – wie Big Little Lies zu inszenieren.

Eine Serie um fünf weibliche Hauptfiguren, die allerdings von Männern stammt. Wie wichtig war es Ihnen, mit Nina Wolfrum eine Regisseurin an ihrer Seite zu haben?

Bis mich eine ihrer Kolleginnen darauf hingewiesen hat, war es mir gar nicht so bewusst; zumal ich bislang selten mit Regisseurinnen zu tun hatte, von denen es lange gar nicht so viele gab. Aber beim fertigen Format fiel mir auf, dass es mit Männern vermutlich ein anderes geworden wäre; was ich an Ninas Arbeit toll finde, ist zum Beispiel die Art, wie sie kleinste Details bis hin zur Weinflasche, die irgendwo rumliegt, mit ihrem Erfahrungsschatz abgleicht und entsprechend inszeniert. Ich arbeite wirklich unfassbar gern mit Männern zusammen.

Aber?

Dank Nina haben wir eine sehr weibliche Serie gemacht, und im Grunde will ich genau da hin, weil meine Vorbilder nun mal Reese Witherspoons Morningshow ist oder eben Big Little Lies.

Deren 2. Staffel dann auch eine Frau inszenierte.

Und vielleicht deshalb auch vor der Kamera praktisch männerfrei war, was ich auch wieder bisschen schwierig fand.

Bei „Gestern waren wir noch Kinder“ fällt dagegen auf, dass zwar in nahezu jeder Situation Frauen zentrale Figuren sind, aber fast immer Objekte männlicher Subjekte und damit irgendwie eher getrieben als eigenständig.

Sehr kluge Beobachtung, die psychologisch genauso geplant war. Obwohl sich Frauen von dieser Objektrolle stark emanzipieren, stellt sie noch immer eine gesellschaftliche Realität dar, die allerdings nun unterschwelliger ablaufen muss.

Weil der alleinverdienende Beschützer ausgedient hat?

Genau. So sehr der Plot aus Figuren heraus, von denen mir einige auch im wirklichen Leben begegnet sind, erzählt wird, vollzieht er sich eben entlang eines haudünnen Thrillerfadens, in dem der Mörder ein Mann ist.

Wie hoch ist denn der Anteil persönlicher Bezüge?

Hoch. 85 Prozent?

Was die Figuren betrifft oder auch die Handlung?

Beide, aber die Menschen sind mir vertrauter und den meisten Spaß bereitet mir die Kombination. Auch Hemmingway saß ja gerne in Kneipen herum und hat sich das Verhalten der Leute notiert. Oh Gott, erst Big Little Lies, jetzt Hemmingway – was für Vergleiche…

Entstammen Sie selbst eigentlich dem gehobenen Bürgertum ihrer Seriencharaktere?

Zum Teil. Meine Mutter war Malerin, mein Vater Neurologe mit eigener Psychiatrie und sein Vater wiederum Physik- und Mathematikprofessor. Wobei mein Vater als Sudetendeutscher Jahrgang 1928 auch eine Flüchtlingsgeschichte hat und noch vom Aberglauben seiner alten Heimat geprägt war.

Kunst, Psychologie, Logik, Mystizismus: Topvoraussetzungen für eine Thriller-Autorin!

(lacht) Drehbücher haben mehr mit Mathe zu tun, als man denkt. Hinzu kommt: mein Vater hatte ein extremes Arbeitsethos. Schon, weil man in München auch damals kaum genug Geld verdienen konnte, um sich den Wohnraum dort zu leisten. Das fließt alles zu 100 Prozent in meine Arbeit ein.

Aber so sachlich sie Ihre Arbeitsgrundlage im Allgemeinen ist und „Gestern waren wir noch Kinder“ im Besonderen: Am Ende ist die Serie larger then live – so viel passiert in so kurzer Zeit den wenigsten!

Ich glaube gar nicht, dass die Geschichte so viel größer als das Leben ist. Unter den 100 Drehbüchern, die ich geschrieben habe, kann ich mich mit diesem hier am meisten identifizieren. Schon, weil ich damit mehr Zeit denn je verbracht habe.

Wie nah ist Ihnen verglichen damit denn Ihre Frühling-Reihe mit Simone Thomalla als Dorfhelferin in einer vergleichsweise harmlosen ZDF-Welt?

Dazu muss ich vorweg eins sagen: Ich wollte Frühling nie machen, bis Nico Hofmann vor zwölf Jahren zu mir meinte, du musst! Deshalb war ich am Anfang eher reserviert, liebe die Reihe mittlerweile aber wirklich.

Weil?

Weil sie gar nicht so leicht ist, wie es in der traumhaftschönen Alpenkulisse scheint. Und weil „Frühling“ wie Stricken ist, um mich von noch schwereren Stoffen immer wieder runterzuholen. Der Auftrag, sich jährlich sechs Folgen von Frühling mit denselben 13, 14 Figuren auszudenken und damit sechs Millionen Zuschauer zu halten, ist überaus anspruchsvoll und hält mich in Übung.

Eine Hauptdarstellerin beider Formate ist Julia Beautx, eigentlich eher Influencerin als Schauspielerin. Ist das eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, um jüngere Zielgruppen anzusprechen?

Julia ist besser als manch ausgebildete Darstellerin und sowieso unfassbar; das fanden auch viele bei der Mipcom Cannes, wo Gestern waren wir noch Kinder gezeigt wurde. Als ich Julia vor sechs Jahren kennengelernt habe, hatte sie übrigens eine Million Follower, jetzt sind es dreieinhalb; hat sich also für alle gelohnt. Ich würde lügen, dass mir ihre vielen Fans egal sind, aber unabhängig davon hat sie sich in einem riesigen Casting gegen alle anderen durchgesetzt – auch Nina Wolfrum übrigens, die von der Idee am Anfang gar nicht überzeugt war.

Vorsicht vor Vorurteilen.

Hinzu kommt, dass Julia zwar Videos macht, seit sie 13 ist. Aber ich kenne niemanden, der bodenständiger und disziplinierter ist.

Apropos bodenständig: eine Szene in Gestern waren wir noch Kinder scheint in Brooklyn zu spielen.

Nicht scheint, die spielt dort.

Wie haben Sie diesen Etatposten denn bitte beim ZDF durchgekriegt?

Indem ich die Serie so liebe, dass es mir unerlässlich erschien, die Szene dort zu drehen. Aber weil man so was beim ZDF nicht durchkriegt, bin ich mit Milena Tscharnke dorthin geflogen, habe mir eine kleine Crew aufgebaut und alles für diese zwei Minuten privat bezahlt.

Ernsthaft?

Ernsthaft!

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