Belle and Sebastian, Liela Moss, Phal:Angst

Belle and Sebastian

Die mittleren Neunziger, frühe Millennials erinnern sich, waren das Hochplateau des Britpop. Oasis, Suede, Blur, Verve hoben die gediegene Hochnäsigkeit auf ein soziokulturell phänomenales Niveau, und immer im Schlepptau, vom Mainstream eher geduldet als mitgerissen: Belle and Sebastian. Vielleicht, weil es aus dem schottischen Inselteil stammt, dudelt der Tweepop des Glasgower Kleinorchesters eher so im Hintergrund mit – entfaltet dort aber bis heute hörbaren Eigensinn.

Das neue Album macht das Dutzend harmonisch-munterer Platten voll und straft den Titel Late Developers damit Lügen. Denn so gut wie hier waren sie schon bei der Bandgründung 1996 entwickelt und klingen dabei bis heute nach dieser betörenden Melange aus Velvet Underground und Yo La Tengo, als läge der selige Jeff Beck mit Lou Reed bekifft im Schaumbad. Immer eine Spur zu viel ESC im Arrangement, immer facettenreich genug, dass der Indiefaktor im Britpop-Belcanto dominiert.

Belle and Sebastian – Late Development (Matador)

Liela Moss

Während sich die Songwriterin Liela Moss um Kategorien wie muntere Harmonie wenig schert, ist ihr Facettenreichtum umso gewaltiger. Seit fünf Jahren solo, ist die frühere Sängerin von The Duke Spirit stets auf der Suche nach den Abseiten tradierter Songstrukturen, ohne ganz vom Pfad der Hörbarkeit abzuweichen, und jetzt wieder fündig geworden. Denn ihr drittes Album Internal Working Model modelliert wieder synthetische Alternative-Plastiken von zerkratzter Schönheit.

Textlich eher auf der schattigen Seite des Lebens, durchsetzt von Alltagsproblemen und Gelegenheitschaos, klingt die Britin erneut ein bisschen wie Tori Amos mit einer Portion Wut im Bauch. Aber es klingt eben konstruktiv, was aus Stücken wie Empathy Files sickert, in dem sie zum Auftakt über kommunikativen Beziehungsstress singt und düstere Synths darüber kippt wie knallende Türen. Eigentlich kein guter Gesprächsstil, wirkt die ständige Kakophonie allerdings beruhigender als aufgestauter Zorn. Raus damit!

Liela Moss – Internal Working Model (Bella Union)

Phal:Angst

Und um den Hang zur Disharmoniesucht hier auf die Spitze zu treiben, gibt es Neues von Phal:Angst. Für Außenstehende: seit beinahe zwei Jahrzehnten schon zerdeppert das Quartett aus Wien mit industrieller Lust handelsübliche Metriken und kreiert damit musikalische Schwelbrände, für die das Wort Post-Rock mal erfunden wurde, um zu sagen: so wie bislang geht’s nicht weiter, also machen wir alles wie vorher, nur ein wenig krasser, rauer, dystopischer.

Und so klingt denn auch das neue, fünfte Album Whiteout ein bisschen wie Western-Noise aus dem elektroanalogen Folterkeller. Hier mal vereinzelte Gitarren-Pics, dort flächige Breitseiten, beides zusammen einstürzendeneubautenartiger Retrofuturismus mit seltenem Flüstergesang, der nur durch eine Hintertür erahnen lässt, dass die Vorgänger Phal und Projekt Angst der österreichischen Hardcore/DIY/Punkrock-Ecke entstammen, dann aber mit Nachdruck.

Phal:Angst – Whiteout (Noise Appeal Records)

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