Tobias Moretti: Der Gejagte & seine Tochter

Teufel riechen nur im Märchen nach Schwefel

Moretti

Tobias Moretti (Foto: Barbara Gindl) hat zahllose Rollen gespielt, aber mit Tochter Antonia Im Netz der Camorra – das war 2021 neu für ihn. Ein mit dem österreichischen Charakterdarsteller über die Fortsetzung des ZDF-Films bei Magenta TV und wie viel Familie in Der Gejagte steckt.

Von Jan Freitag

Herr Moretti, wie ist das, wenn die eigene Tochter – und sei es nur am Set – eine Waffe auf Sie richtet?

Tobias Moretti: Gute erste Frage! Da kommen einem im ersten Moment in der Tat in einem Zeitraffer einige Bilder in den Sinn, Charakterblitze zwischen Kleinkind, Pubertät und Heute und Morgen. Wenn dann die Kamera läuft, ist man ganz in der Situation und in den Figuren, da ist die private Verbindung eigentlich ausgeblendet. Die Szene ist ja ein Schlüsselmoment für den Tiefststand, den die Beziehung zwischen Laura und Matteo zu Beginn des Films erreicht hat.

Dachten Sie in dem Moment, „die macht mir Angst“ oder „die macht das toll“?

Mit den Jahren kennt man Szenen und Szenarien, in denen eine Waffe auf dich gerichtet wird oder umgekehrt, das wird im deutschen Fernsehen oft verniedlicht. Man merkt, wie weit manche Kolleginnen und Kollegen von solchen Lebenssituationen entfernt sind. Für Antonia war so ein Szenario auch neu, und die Souveränität und Klarheit, mit der sie das gespielt hat, hat mich beeindruckt. Also: toll!

Wie ist es denn generell, mit ihr zu spielen?

Sehr professionell, klar, sie stellt die richtigen Fragen, ist unprätentiös und hat so was wie einen dramatischen Instinkt. So war mein Eindruck.

Ist das eine stärkere, womöglich aber auch geringere Intensität, weil man sich ja in und auswendig kennt?

Dieser private Eindruck ist vielleicht der erste, aber die Privatismen verflüchtigen sich eigentlich gleich. Es ist die Situation beider Figuren, die sehr intensiv und hoch emotional ist. Beide trauern um Stefania – Laura um die Mutter, Matteo um seine Frau. Aber sie trauern eben nicht gemeinsam, sondern zerfleischen sich dabei selbst in diesem monatelangen Eingesperrt-Sein.

Wer von beiden ist der jeweiligen Rollenfigur charakterlich ferner?

Was Laura angeht, kann Antonia das nur selbst beantworten. Wenn es um Matteo geht: Sein bedingungsloser Kampf ums Überleben und dass Lauras Existenz wieder ein erfülltes Leben haben könnte mit einer Perspektive, ist ja mehr als nachvollziehbar. Ebenso, dass der Schmerz um den Tod seiner Frau ihn zerreißt und fast zerstört. Er selbst ist der Grund, warum dies alles passiert. Schwerer ist es zu ermessen, was es heißt, mit einer solchen Vergangenheit zu leben: mit der Schuld, mit der Angst, die einen durch die Jahrzehnte begleitet und die man verdrängt – und auch mit dieser Angst, dass der innere Schalter mit einem Klick ihn wieder in sein altes kaltes Ich verwandeln kann.

Suchen Sie bei Ihren Rollen eher nach Nähe oder nach Distanz?

Sie meinen den eigenen Anker? Die analytische Beschäftigung mit Figuren ist eine Sache; daneben geht es natürlich darum, einem Rollencharakter oder Schicksal etwas zu geben, wo man etwas von sich selbst einhakt – ob Biografie oder Wesenszug.

Es gibt eine Szene im 2. Teil, da stehen sich deCanin und Erlacher mit gezogener Waffe gegenüber wie im Western. Ist diese Referenz bewusst gewählt?

Die Szene symbolisiert die grausam-ausweglose Pattsituation. Beide könnten ja unterschiedlicher nicht sein und wollen in dem Moment doch dasselbe. Für Erlacher ist es wahrscheinlich fast noch schlimmer als für Matteo: Ihm ist dieser DeCanin völlig fremd, aber er hat Empathie für dessen Schicksal. Und er verdankt ihm sein Leben, das schafft eine Bindung, obwohl man einen wie Matteo so weit wie möglich von sich weghalten will. Dass die Szene wie ein Western wirkt, hat also mehr mit der Bildauflösung zu tun, als dass man diese Metapher bewusst gewählt hätte. Aber es war ein guter Einstieg zum Spielen, weil man sofort auf einer dramatischen Höhe war. Es war im Übrigen die erste Szene am ersten Drehtag.

Bei Magenta TV übrigens, wo die Fortsetzung des ZDF-Dramas entstanden ist. Hat man die Streaming-Plattform beim Drehen gespürt?

Nein. Wohin Produzenten in Kooperation mit TV-Sendern ihre Produktionen vertreiben oder verkaufen, interessiert uns während des Drehs eigentlich weniger. Unsere Aufgabe ist es, ein gutes Produkt, eine besondere Arbeit zu machen, so dass sich das Ergebnis eben auch gut verkaufen lässt.

Nach Teil 1 und Euer Ehren waren Sie seit 2021 dreimal Teil der Mafia, wenn man die des Fußballs in Das Netz oder der Finanzwelt in Bad Banks dazu nimmt, mindestens fünfmal in fünf Jahren. Ist das Zufall?

Diese drei Geschichten haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Es ist das Genre, das den Plot vorgibt. Das einzig Verwirrende in diesem Fall war die zufällige Namensähnlichkeit in den Untertiteln Im Netz der Camorra und Das Netz – Prometheus. Das Mafia-Milieu ist prototypisch für die Brutalität der Welt: einerseits rohe Gewalt, andererseits undurchschaubare Unterwanderung und Infiltration vieler Lebensbereiche, die lange unbemerkt bleiben. Das macht dieses Milieu seit Bestehen des Films geeignet für dieses Medium.

Ist es dabei eine Frage von Physiognomie und Spiel, dass Sie sich gut für die kriminelle Seite eignen?

Glaube ich nicht. Das hieße ja, dass man den Mafiosi das Mafiöse im Gesicht ablesen könnte. Da wäre dann die Welt wirklich viel einfacher. Der Teufel hat nur im Märchen einen Klumpfuß und riecht nach Schwefel.

Sind Sie als Mensch ein Typ, der Gelübde bricht wie deCanin die Omertà?

Die Entscheidung für die Familie, für Stefania und Laura, die DeCanin getroffen hat, ist auch ein Gelübde, eben das Versprechen von Liebe und bedingungsloser Zugehörigkeit, und das wiegt für Matteo einfach höher als diese vermeintliche Verpflichtung gegenüber dem Clan, in die er hineingeboren wurde.  In der Wahrnehmung der Mafiawelt spielt die Behauptung von familiären „Ehren“-Codices oft eine große Rolle; aber in Wirklichkeit geht es meistens um Geld, um Macht und brutale illegale Geschäfte, an denen verdient wird.

Ist „Der Gejagte“ trotz Mafia-Patin und Ihrer Tochter ein Stoff von Männern mit Männern für Männer?

Manche Frauen behaupten, in einer Welt der Frauen gäbe es weniger Gewalt. In der komplexen Struktur von rationalen Entscheidungen, wie sie unsere merkantile Welt vorgibt, mit aller Brutalität, glaube ich das nicht mehr.

Welches Männlichkeitsbild wird darin transportiert? Oberflächlich scheint es ein traditionelles, fast atavistisches zu sein.

Für Matteo oder Erlacher kann ich das nicht sehen. Am ehesten könnte man von Sorrentino sagen, dass er nach anachronistischen Rollenmustern funktioniert, aber damit scheitert er ja letztlich. Schon in den 90er Jahren erschien ein Buch über die unterschätzte Rolle der Frauen in der Mafia. Die stellen den Clan-Chefs nicht nur die Pasta auf den Tisch.

Was ist Ihr Selbstbild, welche Art Mann wollen Sie sein?

Als Schauspieler beschäftigt man sich mit „Rollen“ in jeder Hinsicht, das heißt, man hat auch zu Geschlechter-Rollen analytische Distanz. In der Pubertät war es für mich nicht leicht, dass ich ein eher sensibler Bursche war, der sich für klassische und Kirchenmusik interessiert hat. Später hat das Leben viele Rollen für mich bereitgehalten, in die ich dann hineingewachsen bin, und das betrifft auch meinen Beruf. Welche Art Mann ich da sein will? Dazu habe ich eigentlich nur die Assoziation, dass man Reich-Ranicki mal die Frage gestellt hat: „Wer oder was hätten Sie sein mögen?“ Seine Antwort war: „Schlank.“

Wie weit würde dieser Mann gehen, um seine Familie vorm Bösen zu beschützen?

Die Meinen sind das Zentrum meines Daseins, die ich um alles in der Welt schützen würde. Wie weit man dafür gehen würde, habe ich bis jetzt in meinem Leben, Gott sei Dank, nicht in letzter Konsequenz ausloten müssen. Aber wozu ein Mensch fähig ist, wissen wir auch.

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