Aiming for Enrike/AgarAgar/Johnny Notebook

Aiming for Enrike

Ob es leichter ist, Grenzen leise zu übertreten oder laut zu überrennen, hängt von deren Stabilität ab. Wenn sie sich allerdings als so stabil und gleichsam fließend wie jene zwischen analoger und digitaler Musik erweisen, muss man es wohl mit ähnlich sanfter Wucht tun wie Aiming for Enrike. Seit vier Platten bereits treibt der Schlagzeuger Tobias Ørnes Andersen die Gitarren von Simen Følstad Nilsen mit technoider Präzision zu einer flächigen Form minimalistischer Krautrock-Electronica.

Jetzt erscheint das fünfte Album. Und Empty Airports ist nicht nur länger, sondern flächiger, krautiger, besser. Wie Jean-Michel Jarre auf Koks lässt das Osloer Duo seinen Instrumentalsound durch virtuelle Clubs mäandern und kreiert dabei Sinfonien von repetitiver Originalität, die sich schon im Titeltrack-Tryptichon pt. 1-3 zu einer mal glockenklaren, mal breiig sedierten Masse flatternder Beats übers Ohr stülpen. Nichts für den Moshpit, aber kleine Floors am Festivalrand, baumumstanden, lichtdurchflutet.

Aiming for Enrike – Empty Airports (Jansen Records)

Agar Agar

Was das französische Duo Agar Agar macht, galt dagegen bereits vor rund 20 Jahren unterm Begriff Electroclash als musikalischer Grenzübertritt, hat sich seither links und rechts der Schlagbäume konsolidiert, ist also nicht ganz so revolutionär wie seinerzeit Le Tigre, Miss Kitten, fischerspooner, Peaches oder das Berliner Jeans Team. Dennoch sorgen Clara Cappagli & Armand Bultheel für fabelhafte Feelgood-Melancholie, wenn sie in englischer Sprache über die Liebe oder ihr Ende singen und digitales Konfetti darüber streuen.

Bei Zeilen wie A dude on a horse with no horse weiß man dabei ebenso wenig, ob der Nachfolger des erfolgreichen Debütalbums wie ihr minimalistische Computerspielsound, der oft unter Player Non Player hindurchrätselt, poetisch oder dadaistisch ist. Sei’s drum: Cappaglis nachhallender Gesang holt den Cool der Achtziger in den Trash der Neunziger und macht daraus mit dem Wave der Nuller und ganz viel elaboriertem Unfug einen Electroclash, den man lange nicht gehört und dennoch ständig im Ohr hatte.

Agar Agar – Player Non Player (Grönland Records)

Johnny Notebook

Und um das kleine Eighties-Revival hier am Grenzzaun des vorherigen und anschließenden Jahrzehnts zu komplementieren, wird jetzt noch mal ordentlich das neue Album von Johnny Netbook gefeiert. Das Synthpunk-Duett aus den praktisch identischen Popkulturschmelztiegeln Madrid und Wuppertal prügelt wieder so hochbeschleunigte Beatgebirge aus retrofuturistsichem Weltraumschrott von Roland TR505 bis PolyKorg800, als säßen The B-52s mit Ziggy Stardust in einer Rakete zum Käsemond.

Schwer zu sagen, ob das Uptempo-Stakkato dieses Multilayer-Powerpops immer ernst gemeint ist, zwinkerzwinker. Stücke wie die entfesselt schnelle Dancefloor Queen oder das noch viel rasantere Rate Me Rate Me aber machen eine*n beim Hören von 28th Century Mates viel zu zappelig, um länger darüber nachzudenken, was denn die Metaebene dieses eklektischen Sammelsuriums sein könnte. Denn wie einst bei Spillsbury dürfen darin selbst nietenhosige E-Gitarrensoli zum Refrain-Geshoute nicht fehlen. Geil!

Johnny Notebook – 28th Century Mates (Sounds of Subterrenia)

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