Wacken: Thomas Jensen & Holger Hübner
Posted: June 11, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |Leave a commentMit Freunden ‘ne geile Zeit verbringen

Als Thomas Jensen und Holger Hübner 1991 auf ihr erstes Open Air veranstalten, ist nicht absehbar, dass 35 Jahre später 80.000 Menschen nach Wacken pilgern. Eine Magenta-Dokumentation zeigt jetzt, wie es so weit kommen konnte. Ein Interview mit den Gründern übers Familienfest auf der Wiese und was das mit beiden heute macht.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Thomas Jensen, Holger Hübner – was ist mit Blick aufs Wacken Open Air surrealer: Dass es demnächst zum 35. Mal stattfindet, dass wieder 85.000 Gäste kommen oder dass ihr noch immer dabei seid?
Thomas Jensen: Alles daran ist absolut gleich surreal. Denn nichts davon war unsere Motivati-on, so ein Festival zu machen. Deshalb empfinden wir es auch als Geschenk, dass wir beide dieses Festival noch immer für so viele Leute machen dürfen. Wobei es ja nur 1993 mal kurz auf der Kippe stand.
Holger Hübner: Da kamen mehrere Tragödien zusammen. Thomas Mutter war gestorben, es gab finanzielle Probleme, wir hatten paar Konzerte vergeigt. Aber auch da sind wir durchgekommen und haben uns voriges Jahr nach 40 Jahren den Traum erfüllt, dass Guns’n’Roses in Wacken spielen. Mehr geht nicht. Deswegen sind wir vor allem dankbar und demütig, dass Wacken ist, was es ist, und wir mit über knapp 60 immer noch dafür brennen sowie uns freuen, Menschen Glücklich zu machen, mit dem was wir tun. Ein Dorf wird zur Marke und Metropole!
Jensen: Für unsere Utopie und ihre Heimat, so groß solche Worte auch klingen. Denn eigentlich steht Wacken für was ganz Kleines: Mit Freunden aus der gleichen Community gemeinsam ‘ne geile Zeit zu verbringen.
Hübner: Wacken ist das kleine gallische Dorf und die Musik, ihre Fans, alles drumherum und genießen unseren Zaubertrank gegen die Welt da draußen.
Bringt der Film von den Beetz-Brüdern dieses Gefühl aus Ihrer Sicht gut auf den Punkt?
Hübner: Auf jeden Fall. 100 Prozent.
Jensen: Schon, weil es ihnen und Regisseurin Cordula Kablitz-Post gelingt, die Masse an Infos so zu extrahieren, dass nicht alles, sondern das Wesentliche drin ist. Uns wär’s definitiv schwerer gefallen, Dinge auszusortieren, die nicht allen so wichtig sind wie uns. Am Ende ist das – um Lemmy Kilmister zu zitieren – nur Rock’n’Roll und keiner stirbt (lacht). Aber ist es auch gutes Entertainment? Ich glaub schon, bin aber auch bisschen nervös, ob das alle so sehen (lacht).
Ist es denn ein Porträt von Wacken oder seiner zwei Gründer?
Jensen: Ach, das lässt sich mittlerweile doch gar nicht mehr trennen. Hübner und Jensen ohne Wacken – das klingt für mich langweilig, gilt aber für die ganze Region. So viel wir beide in der Welt rumreisen: hier, südliches Holstein, liegen unsere Wurzeln, da gehören wir hin.
Hübner: Ich war zwischendurch in Hamburg, bin aber in der Pandemie – back to the roots – zurückgezogen gen Wacken.
Jensen: Du warst aber auch damals ständig hier. Das Festival und uns auseinanderzudividieren, wird schwer – das wusste die Regisseurin Cordula ganz genau. Und trotzdem kommt die Musik nie zu kurz. Das merkt man besonders in den Passagen mit Motörhead und Lemmys Tod – so traurig das alles war.
Was macht es da mit zwei Jungs vom Dorf, wenn sie zu weltbekannten Figuren der Popkultur werden, die Freunde wie Lemmy Kilmister haben?
Hübner: Gar nicht so viel, würde ich sagen. Wir sind eigentlich immer noch zwei Jungs vom Dorf, denn unsere Freunde ordentlich auf die Finger hauen würden, wenn wir uns selber wir Rockstars aufführen. Wir denken immer noch von Fans für Fans! Authentisch, ehrlich und laut!
Jensen: Bei mir hatte es für einen richtigen Rockstar nicht gereicht, aber die Leidenschaft zur Livemusik war und ist immer da. Wir haben das Festival angefangen, dass ja auch damals komplett mit Kumpels aufgebaut wurde.
Hübner: Von denen viele seit 35 Jahren noch immer unsere Kumpels sind. Und zwar weil wir alle, die und wir, authentisch geblieben sind und mehrfach gemeinsam auf die Fresse gefallen, aber auch immer wieder aufgestanden sind. Klingt abgedroschen, aber so ist es doch. Deshalb erleben wir auch keine Katstrophen, sondern Krisen Herausforderungen und die kann man meistern. Wer schläft verliert!
Jensen: Wer uns am Boden gehalten hat, waren aber auch unsere Familys. Und die Tatsache, dass wir nicht schnell gewachsen sind, sondern organisch, mit zehn steinigen Jahren am Anfang und viel Kampf. Junge Künstler haben ja oft das Problem, zu schnell zu groß zu werden und mit dem Erfolg nicht umgehen zu können.
Aber wie verhindert man trotz langsameren Wachstums, dass Wacken vom Mythos zur Marke wird? Sie haben mittlerweile ja auch einen Finanzinvestor im Boot, der nicht den allerbesten Ruf hat.
Jensen: Ach, wir haben es doch wie in der ganzen Gesellschaft am Ende selbst in der Hand, sich klarzumachen, worum es uns geht? Wir wollen Menschen mit Musik verbinden, fertig. Denn bei uns stehen immer die Band und ihre Fans im Mittelpunkt aller Bemühungen. Wenn was nicht läuft, haben wir uns deshalb nie zwei Bier geschnappt und mal geguckt, sondern angepackt, dass es besser läuft. Denn so sehr wir das lieben, was wir hier machen: am Ende sind wir vor allem Dienstleister zwischen Bands und Publikum.
Hübner: Wichtiger als jeder Investor ist deshalb, dass immer wieder junge Leute mit demselben Mindset dazukommen.
Im Film sagen Sie einmal: Wir haben’s gemacht, als es keiner machen wollte, und wir machen’s auch noch, wenn es keiner mehr machen will. Wer macht’s denn, wenn Sie nicht mehr können – Ihre Kinder?
Jensen: Das hoffen wir natürlich beide. Meine sind aber noch bisschen zu jung. Holgers Tochter geht gerade schon so ein Stück Richtung Musikmanagement, aber wir werden beide sicher nicht unsere Verwandtschaft ins Festival zwängen. Am Ende haben wir schließlich auch jetzt schon ein Team, dass Verantwortung übernimmt. Für die, aber auch für alle Fans, versuchen wir Strukturen zu schaffen, die für die Ewigkeit halten.
Hübner: Damit es mit oder ohne uns immer weitergeht. Wir sind nach all den Jahren demütig genug zu wissen, wie schnell alles vorbei sein kann. Deshalb sind wir letztlich auch schmerz-frei, wer es übernimmt. Hauptsache es geht weiter.
Sind Ihre Kinder denn als Grundvoraussetzung wenigstens Metalheads?
Hübner: Meine Tochter leider nicht, da habe ich offenbar als Vater nicht genug aufgepasst (lacht). Aber sie ist jetzt 26, war schon ab dem frühen Teenagealter auf den Festivals dabei und auch als Kind schon immer präsent. Musikalisch hat es noch nicht wirklich gezündet.
Jensen: Ach, ich finde es eigentlich ganz gut, dass die Leute heute musikalisch viel toleranter als Holger und ich in unserer Jugend. Die eine meiner Töchter hört eigentlich gar keine Musik, findet aber Organisation interessant und war auch schon ein paarmal mit mir unterwegs. Die andere hat einen sehr breiten Geschmack. Wer weiß, wo der noch hinführt.