Ulmens Interview & Clements Steve
Posted: June 16, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
8. – 14. Juni
Könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis lauter schweigen als das von Christian Ulmen? Der toxische TV-Comedian und sein Staranwalt Christian Schertz haben mehrstündige Interviews mit der Zeit zu den Vorwürfen sexualisierter Gewalt gegen Collien Fernandes komplett zurückgezogen. Das macht niemand, der nichts zu verbergen hätte. Könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis später kommen als das von Wim Wenders?
Dessen Stiftung hat nach langer, sehr langer Bedenkzeit, fadenscheinigen Ausflüchten und einem höchst bedenklichen Auftritt beim Deutschen Filmpreis die Zugänge zu seinem Kinofilm Falsche Bewegung gesperrt, in dem der Regisseur die damals 13-jährige Nastassja Kinski halbnackt von einem dreimal so alten Mann verprügeln ließ – was zu keiner Zeit der Nachkriegsmoderne auch nur ansatzweise okay gewesen wäre. Und könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis ekelerregender klingen?
Gianni Infantinos „Pressekonferenz“ im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft in den USA sowie zwei Ländern drüber und drunter, deren Name einem gerade nicht einfällt; die Audienz beim Fifa-Führer jedenfalls war eine so abstruse Aneinanderreihung von selbstgerechter Realitätsflucht, dass man sich fast schon auf den Fußball als Ablenkung von Infantinos Tyrannei freut. Aber eben nur fast. Und zu guter Letzt: könnte das Eingeständnis, keinen Schuss gehört zu haben, lauter knallen als bei der ARD?
Die Popkultur-Welle Cosmo durch ein haltungsschwaches Radiohybrid namens Street zu ersetzen, ist angesichts der vielen Dudelfunk-Folterkeller à la Joy oder NDR 2 nicht weniger als die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Sendeauftrags. Ach ja, und dann hat Trumps Administration noch die Übernahme von Warner durch Paramount für 111 Milliarden Dollar genehmigt. Womit das Schicksal von CNN als liberales Gegengewicht zum erwachenden US-Faschismus besiegelt sein dürfte.
Die Frischwoche
15. – 22. Juni
Bleibt wie so oft nur, sich niveauvoll zu sedieren. Mit der ebenso fabelhaften wie polarisierenden Hulu-Serie Alice and Steve zum Beispiel, die seit voriger Woche bei Disney+ läuft. Weil er etwas mit ihrer halb so alten Tochter anfängt, startet Alice (Nicola Walker) einen Freundschaftsrosenkrieg gegen Steve (Jemaine Clement), der sechs halbe Stunden dieser WrongCom lang rasend komisch und zugleich sehr gehaltvoll ist.
Nichts von dem ist die Prime-Serie Every Year After nach dem gleichnamigen GenZ-Bestseller. Aber wenn die bildschöne Hauptfigur darin an den kanadischen See ihrer bildschöneren Jugendliebe zurückkehrt und alte Wunden aufreißt, gibt es zumindest elegische Bilder plus gehaltvollen Eskapismus. Was wiederum irgendwie an die Viaplay-Serie Sisters 1968 erinnert, deren sechs Teile die Emanzipation schwedischer Frauen vor bald 60 Jahren rekapitulieren.
Zwei weitere Fiktionen dieser Woche behandeln obendrein das unverwüstliche Film- und Fernsehthema Jailbreak. Namentlich Nur für dein Leben um einen Mann, der Donnerstag bei Netflix aus dem Gefängnis ausbricht, um acht Teile lang seine Tochter zu retten. Und tags drauf schickt die ARD-Serie Prisoner einen Schwerkriminellen an der Seite seiner Wärterin in einen sechsteiligen Hinterhalt. Das Besondere: Inszeniert wurde der britische Sechsteiler neben Otto Bathurst auch von der Deutschen Pia Strietmann. Und als kleiner Tipp zum Schluss noch: Becoming Taylor Swift. Eine zweiteilige ZDF-Doku, die den Superstar seit voriger Woche in der Mediathek zwar konventionell, aber durchaus anspruchsvoll erklärt.