40 Jahre ZDF-Fernsehgarten

Der stationäre Schlagermove

Seit 40 Jahren hilft der ZDF-Fernsehgarten Schlagerfans bei der sonntäglichen Realitätsflucht. Ein Besuch auf dem Mainzer Lerchenberg, wo alle Krisen zwei Stunden Pause machen – einmal als Reportage, einmal als Rückblick

KNA-Mediendienst

Wer die Quintessenz der deutschen Fernsehunterhaltung sucht, sollte am Mainzer Hauptbahnhof die Straßenbahn 53 nehmen und nach 15 Stationen einer erstaunlich reizlosen Kulturlandschaft dort aussteigen, wo sich zehn Fußminuten später ein kulturlandschaftliches Donnerwetter ereignet. Hier oben nämlich, auf dem Lerchenberg, veranstaltet das ZDF seit genau 40 Jahren ein Hochamt der guten Laune, das es im Grunde gar nicht geben dürfte. Nicht mehr. Nicht an Tagen wie diesen.

Während (auch) der Klimawandel die 90.000 Quadratmeter Freifläche bereits um halb elf Uhr morgens auf brutale 40 Grad heizt und ringsherum Kriege, Krisen, Donald Trump wüten, herrscht im „Fernsehgarten“ ungetrübter Frohsinn. Auch Eskapismus genannt. „Das gibt heute viel Kreislauf“, warnt ein DRK-Sani, als 5000 Gäste das Gelände fluten. Vorerst jedoch gibt es nur erhöhten Puls. Vom künstlichen See stampft schließlich Lorenz Büffel zur Bühne. Und der Partyschlagerstar hat nicht nur Mia Julia nebst Malle Anja dabei, sondern 140 beats per minute, in denen nun also sieben Ballermänner und -frauen die Fans aufwärmen.

Ihre Fans, Daniela Kiewels Fans. Ein paar Minuten, nachdem der Einpeitscher im Hawaii-Hemd unter Hawaii-Schlips über Hawaii-Hose lautstark gefordert hatte, wenn er „Kiwi“ sage, „müsst ihr spontan ausrasten, als wenn ihr euch wirklich freut“, läuft die Moderatorin ein. Vorerst nur probeweise. Zu Wolfgang Petrys „Wahnsinn“. Aber was bitte macht das Publikum? Es rastet schon beim Warm-up „spontan“ aus. So, wie es auch beim Start der Sendung Punkt zwölf ausrastet. So, wie es die folgenden zwei Stunden live im Zweiten nahezu unaufhörlich ausrasten wird. Also so, wie es seit der Premiere am 29. Juni 1986 ausrastet?

Nicht ganz.

Damals nämlich, das Reaktorunglück von Tschernobyl hatte den Deutschen zumindest westlich der Mauer grad gehörig die Schwarzwaldklinik-Laune verhagelt, sah der Fernsehgarten noch ganz anders aus. Andrea Kiewels Vorvorgängerin Ilona Christen hatte zwar bombastische Brillen, aber dezenteres Programm. Statt hochtouriger Malle-Hits zum Mitgrölen gab es Spielmannszüge, Kammermusik, Varieté. Der Sound, die Choreo, das ganze Programm – bis auf den Lerchenberg erinnerte anfangs nur wenig an heute.

Gut 80.000 Sendeminuten verteilt auf 665 Sendungen später, seit 2000 unter Kiewels (acht Jahre später nur mal kurz schleichwerbeskandalbedingt unterbrochener) Leitung, ist der Fernsehgarten das Oktoberfest unter den TV-Shows. Ein stationärer Schlagermove für Aida-Passagiere beim Landgang quasi. Popkultureller Mainstream, purer Kommerz, und in der Tat: Wenn Wolles Sohn Achim Petry singt, wie „total verrückt wir sind“, und Patrick Lindner, was „der Wahnsinn will“, wenn Aileen Sager auf „rosa, rosa, rosaroten Wolken“ schwebt, Büffels Bierzeltkumpel Peter Wackel nur ein Gas kennt, „nämlich Vollgas“, und die Schlagerlegenden Amigos ein umjubeltes Medley brettern – dann ist die Hochkultur weiter vom ZDF entfernt als dessen Grünfläche vom Grimme-Preis.

Nur: so what? Oder wie Kiwi in ihrer entwaffnenden Art sagen dürfte: What the Fuck? Wer sommersonntagnachmittags über den begrünten Asphalt dieser TV-Institution geht, blickt mehrheitlich in glückliche, ja selige Gesichter eines ziemlich diversen Publikums aller Alters- und Steuerklassen. Der Pride-Regenbogen ist fast so präsent wie Deutschlandtrikots. Es gibt ab halb elf Aperol Spritz für 7 Euro und Pils für 2,50 weniger, aber selbst um zwei kaum besoffene Testosteronschleudern.

Trotz Dreiklassengesellschaft mit Stehbereich für alle, Tribüne für einige und Tischbedienung für wenige, sitzen halt alle im selben Boot eines Gemeinschaftserlebnisses mit Ritualcharakter. Die meisten der zahlenden Gäste verstehen sich deshalb nicht als passive Konsumenten, sondern aktive Protagonisten, deren Kostümierung wie die offizielle Ausstattung dekorativen Charakter hat. Salatkirmes Oberelsungen zeigt sich qua Oberbekleidung genauso herkunftsstolz wie die Kleeblatt-Gruppe, diverse TMT Schlager-Fans oder der zehnköpfige Girls Club, dem sogar ein Boy im Mädchendress angehört.

Der FC Südstern ist in Mannschaftsstärke da. Viele Sportskameraden haben zumindest ihr Mittelfeld delegiert. Und ob gefühlt 500 Bewohner vom mysteriösen Camp namens David mehr als ihre Kurzarmhemden gemeinsam haben, lassen wir hier mal offen. Aber auch, wenn der kollektive Frohsinn für Außenstehende bisweilen etwas Aufdringliches, geradezu Missionarisches verströmt: Er wirkt so glaubhaft, dass sieben Mittzwanziger in sieben Deutschlandtrikots bei der zaghaften Annahme, womöglich ironische Fernsehgartenbesucher zu sein, nicht mal die Frage verstehen.

Statt einer Antwort singen sie lieber spottfrei Sweet Caroline mit. Abseits ihrer aufrichtigen Leidenschaft fürs Tagesmotto „Discofox“, sind die Menschen hier nämlich vor allem dreierlei: sehr sangesfreudig, ziemlich textsicher, ständig am Klatschen und das sogar im Takt. Wenn ihre Vorsängerin Kiewel in den Talkeinlagen schwarzrotgoldene Milchshakes mixt, einer „Snailfluencerin“ Schneckengeheimnisse entlockt, beim Steht-Paddel-Polo abtaucht oder einem Geburtstagskind mit Discokugel-Tiara gratuliert, geht der Stimmungspegel zwar merklich nach unten.

Doch im Grunde nur, um sich im Selfie-Spalier für Stefanie Hertel anzustellen oder für die nächste Chorprobe Luft zu holen. Dass Kiwi die Fußball-WM am Tag nach „unserem“ 2:1 gegen die Elfenbeinküste ungeachtet obszöner Ticketpreise der totalitären FIFA vorbehaltlos feiert, gilt hier nicht als Makel. „Die meisten Medien“, sagt sie vorab zur Wirklichkeitsflucht am Mainzer Lerchenberg, „sind mit ihrer Sicht auf die Dinge des Lebens am Sonntagmittag Lichtjahre entfernt von dem, was unsere Zuschauer wollen“.

Anders gesagt: Wenn rund 5000 Leute vor Ort und durchschnittlich 1,67 Millionen am Bildschirm Eskapismus wollen, dann kriegen sie Eskapismus. Punkt. Kurz vor zwölf bringt das Partykollektiv GroßstadtEngel dieses Dienstleistungsentertainment voll auf die Zwölf: „Wir haben oben gute Laune, unten gute Laune, vorne gute Laune, hinten gute Laune, rechts gute Laune, links gute Laune, gute Laune einfach überall.“ Es ist die Quintessenz öffentlich-rechtlicher Gartenarbeit. Mittlerweile seit genau 40 Jahren. Ein Prosit der Geselligkeit.

Neues Deutschland

1986 war ein katastrophales Jahr. Von der dystopischen Putin/Trump/Orbán/Xi/Netanjahu-Gegenwart aus betrachtet, gab es seinerzeit zwar nicht nur dank Michail Gorbatschows Glasnost sanften Anlass zur Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber als erst das Atomkraftwerk Tschernobyl havarierte und bald darauf das Schweizer Chemiewerk Sandoz, da weinte die Bundesrepublik noch saurere Tränen als der Himmel auf sterbende Wälder. Selten war die Stimmung West wie Ost gedrückter – allerdings mit der ortsüblichen Unterhaltungskonsequenz.

Denn wann immer das Land der Wettsofas und Kessel Buntes Trübsal bläst, klatscht es sich die Wirklichkeit schöner als sie ist. Wenngleich nur selten im Takt. Und damit hinauf auf den Mainzer Lerchenberg. Dort nämlich bekam der Frohsinn Made in Germany vor vier Jahrzehnten neue, alte Struktur. In Wurfweite des eigenen ZDF-Sendezentrums wurde am 29. Juni 1986 der Fernsehgarten eröffnet und gab dem gegenwartsmüden TV-Volk die Gelegenheit, der rauen Realität sommersonntags zu entfliehen.

Ausgerechnet auf dem Sendeplatz der hochkulturellen ZDF-Matinee wird seither ab zwölf Uhr mittags zwei Stunden lang live zu massentauglicher Musik, kreuzfahrtschiffaffiner Akrobatik und drolliger Publikumsinteraktion getanzt, gesungen, geschunkelt und gern leicht neben dem Takt geklatscht bis der Traumschiff-Arzt aus der Schwarzwaldklinik (oder heutzutage eher: Sachsenklinik) kommt. Der Begriff dafür lautet Eskapismus. Praktisch nirgendwo blüht er unverwüstlicher als im Fernsehgarten. Und das war, Hand aufs orangefarbene Herz des Zweiten Deutschen Fernsehens, keinesfalls absehbar.

Als die deutsch-schweizerische Moderatorin Ilona Christen mit Riesenbrille und Bombenlaune zur Premiere ein paar Tausend Realitätsflüchtige im Betonbeet am Rande der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt begrüßte, überschlugen sich die Kritiken mit einer Häme, die bis heute anhält. Ungefähr mittig zwischen Bierzelt und Kaffeekränzchen hielt der ZDF-Fernsehgarten im Feuilleton für die Bräsigkeit aller Beteiligten her: Sender, Publikum, Kreative, Moderation. Alles richtig, alles aber auch nur die halbe Wahrheit.

Schließlich bringt es das Format in mittlerweile gut 660 Sendungen plus 175 Spezial- und Sonderausgaben auf stolze drei Millionen Gäste am Lerchenberg – von den durchschnittlich 1,7 Millionen TV-Zuschauern zu einer Tageszeit, die eigentlich zur eigenen Freilichtveranstaltung einlädt, ganz zu schweigen. Und auch, wenn die ganz großen Stars längst selten in Mainz vorbeischauen: bislang 5300 Musik-Acts bilden das Who-is-Who der deutschen Volksschlagerbranche ab.

Weil Giovanni Zarrella und Florian Silbereisen nicht nur die Primetime nach acht bieten, sondern höhere Gagen, fettere Produktionen, generationenübergreifende Zugkraft, kommen statt Roland Kaiser und Andrea Berg mittlerweile zwar allenfalls Peter Wackel oder Captain Jack. Aber auch deren Dreiviertel- bis Vollplayback versetzt gut 5000 Fans unterm Glasdach in das, was im bürgerlichen Party-Pop Marke Hermes House Band unter Eskalation firmiert – eher angestachelt als gebändigt von der alterslosen Dompteurin Andrea Kiewel.

Auch nach fast 500 Sendungen in 27 Staffeln peitscht „Kiwi“ – wie hier alle nur skandieren – das Publikum mit ungedrosselter Energie an. Beim Anblick ihrer Schäfchen, die das ZDF-Freigehege bis Ende September noch zwei Stunden pro Woche für 15 (Stehplatz) bis 30 Euro (Tischplatz) besiedeln, „verwandelt sich in mir alles zu purer Freude“. Klingt sehr nach selbsterfüllender PR-Prophezeiung. Wer Andrea Kiwel je live am Lerchenberg erleben durfte, hält sie allerdings für absolut authentisch. Und unersetzlich.

Bis auf schlanke 19 Ausgaben Ende der Zehnerjahre, in denen ihr Ersatz-Conférencier Ernst-Marcus Thomas die Dauergastgeberin wegen eines peinlichen (fürs ZDF aber offenbar nicht exkludierenden) Schleichwerbeskandals vertrat, war Kiwi immer dabei – seit 2017 sogar als Pendlerin aus Tel Aviv, wo die konvertierte Jüdin lebt. Der ZDF-Fernsehgarten und Andrea Kiewel – das sind trotz populärer Vorgängerinnen wie Ramona Leiß oder Einzelvertretungen wie Michael Schanze und Joachim Llambi faktisch Synonyme.

Auch, weil sie wie eine Löwenmutter um ihre Welpen kämpft. Als die profilneurotische Komiker-Attrappe Luke Mockridge Kiwis Stammpublikum jenseits der 66 einmal mit Banane am Ohr veräppelte, rief sie ihm ein wütendes „Shame on you“ hinterher und achtet nun noch mehr darauf, nur wohlgesinnte Stars oder Sternchen einzuladen. Deren Songs – kleiner Funfact für Altersdiskriminierende – übrigens erstaunlich viele Kinder und Enkel der diskreditierten Boomer auf dem Lerchenberg mitschmettern.

Dennoch wird die ebenso erfolgreiche wie beharrliche Mehrgenerationensause öffentlich-rechtlicher Art selbst im eigenen Stall nicht gewürdigt. Ilona Christen gewann 1988 den Goldenen Gong, Andrea Kiewel 2006 die Goldene Henne. Der Deutsche Fernsehpreis 15 Jahre später war bereits eher einer für Ausdauer als Qualität. Nur – wer sind wir, darüber zu urteilen, was gutes, was schlechtes Fernsehen ist? Wenn Unterhaltung von so ironiefreier Hingabe ist wie bei Andrea Kiewel, ihren Fans, deren Entertainern, entzieht es sich jeder Bewertung.

Die Liste der Show-Promis von Biggie Lechtermann und Oli P. bis Horst Lichter und Sally Özcan, die Kiwi seit einiger Zeit auf der 90.000 Meter großen Bühne als Ko-Moderatoren zur Seite stehen, liest sich zwar wie eine Bewerbungsliste fürs Dschungelcamp. Aber es geht im ZDF-Fernsehgarten schon lange nicht mehr um Starparaden. Ging es eigentlich noch nie. Das Format will Nähe schaffen, Verbindlichkeit, ein festes Ritual in volatiler Epoche. Mit Schlagerparty und Oktoberfest, Live-Schalte zur ISS und 41 Auftritten von Bernhard Brink.

Im Trommelfeuer von Klimawandel, Ukrainekrieg, Trump-Vandalismus ist so ein Anker der guten Laune für viele selbst dann einfach tröstlich, wenn sie ersteren leugnen, letzteren feiern und dazwischen Wladimir Putin als lupenreinen Demokraten bezeichnen. Wem der Fernsehgarten also einfach zu unpolitisch ist, zu brachial, zu bieder, zu banal, zu blöde: Bitte einfach nicht einschalten! Sonntags Punkt zwölf bietet der Sommer ja reichlich alternative Open-Air-Veranstaltungen. Gartenarbeit zum Beispiel. Zuhause.



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