Nuhrs Haut & Funks Beat
Posted: July 7, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
29. Juni – 5. Juli

Jetzt, da auch diese Weltmeisterschaft in der KO-Phase steckt, fällt besonders auf, wie dünn Haut und Nerven der größten Mäuler sind. Man konnte das perfekt bei Julian Nagelsmann beobachten, der ZDF-Reporterin Lili Engels nach dem WM-Aus gegen Paraguay am Spielfeldrand mit einer so trotzigen Larmoyanz attackierte, als kämpfe er ums bunteste Förmchen im Sandkasten.
Ob er einen Mann am Mikro ähnlich herablassend behandelt hätte, lässt sich hier nicht abschließend klären. Aber wenn man den Hohepriester der Misogynie betrachtet, könnte das Geschlecht zumindest nicht ganz unschuldig daran sein. Nachdem Dieter Nuhr im Ersten Gewalt gegen Frauen lächerlich gemacht hatte, ging der ARD-Komiker aller AfD-Herzen gegen den österreichischen Standard vor.
Der nämlich hatte in einem Kommentar kritisiert, Dieter Nuhr mache sich über Femizide lustig – was schon deshalb belegbar falsch ist, weil er keine Pointen drischt, sondern reaktionäre Propaganda. Und damit zurück zum Fußball, wo Bastian Schweinsteiger nach einem Spiel der Deutschen kommentiert hatte, die Elfenbeinküste habe „wild“ gespielt. Weil das ins französische „sauvage“ übersetzt wurde, hängt dem netten Basti also ein Rassismusvorwurf an.
Das wiederum ist ähnlich absurd wie ein viraler Post nach Deutschlands Ausscheiden im – neues Wort: Sechzehntelfinale. „Was für ein Spiel!“, faselte Friedrich Merz. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Fragt sich was peinlicher ist: die unfreiwillige Komik oder das Kanzleramtsstatement, es habe sich um eine „Kommunikationspanne“ gehandelt. Egal. Beides witzig. So witzig wie Berichte über Donald Trumps Great American State Fair in Washington.
Obwohl sich dort ausweislich unbestechlicher Fernsehbilder selten mehr als ein paar Dutzend Leute gleichzeitig tummelten, haben sie rechte Medien wie Fox zum Massenevent mit Hunderttausenden von Gästen aufgeblasen. Aber was sind schon Fakten gegen die Urteilskraft des US-Präsidenten, der Fußballfouls besser beurteilt als alle Schiedsrichter. Zur Medienpolitik: Axel Springer kauft die Mediengruppe Telegraph für 575 Millionen Pfund und zahlt damit einen Cent pro tendenziösen Bericht des Daily Telegraph zugunsten der Tories.
Die Frischwoche
6. – 12. Juni

Viel los also in der gedruckten, geposteten Welt. Mehr jedenfalls als in der gesendeten oder gestreamten. Besonders bemerkenswert ist dieser Tage daher vor allem ein fiktionales Format namens Between the Beats. Das Vertical Drama der öffentlich-rechtlichen Plattform funk erzählt eine strikt datengenerierte Liebesgeschichte im K-Pop-Stil mit K-Pop-Stars zu K-Pop-Songs und will damit wirklich nichts anderes als Klicks generieren.
Warum dieser Zuschnitt aufs hochkantige Medienkonsumbedürfnis der GenZ legitim sei, erklärte Produzent Gregor Sauter von Red Pony zuletzt beim Kölner Seriencamp. „Mikrodramen sind keine Kunst, sondern Schokolade“. In dieser Logik wären gehaltvolle Dokumentationen dann also Salat. Hood Stories zum Beispiel, eine Sozial-Reportage in vier Teilen, ab Mittwoch in der ARD-Mediathek.
Der hochgefallene Rapper $ick begleitet darin vier Kolleginnen und Kollegen auf ihrem Weg zum Erfolg und lässt dabei auch seine langjährige Drogensucht einfließen. Hochinteressant. Etwas ganz, nein völlig, nein komplett anderes ist hingegen ein Reboot der naheliegenden Art: Rund 50 Jahre nach dem Original legt Netflix die Familienserie Unsere kleine Farm wieder auf.
In den Siebzigern ein weitestgehend unpolitischer Feel Good Western mit christlicher Erweckungsbotschaft, bleibt die Neuauflage ab Donnerstag zwar leichtverdauliche Kost. Rassismus, Genozide, Willkür der amerikanischen Expansion im ausgehenden 19. Jahrhunderts allerdings kriegen mehr Raum – aber nicht zulasten der kindertauglichen Unterhaltung. Und damit zu einer alten, aber sehenswerten Serie: Arte.tv zeigt ab Freitag den neuseeländischem Sechsteiler After the Party von 2023. Es geht um sexuellen Missbrauch und Opferumkehr. Dieter Nuhr hätte seinen Spaß daran.