Fotzenrap & Schafsmanko
Posted: July 14, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Juli
„Tschüss, und lassen Sie es gutgehen.“ So verabschiedete sich Jörg Schönenborn nach seiner ersten Moderation der Tagesthemen vor einer Woche und ließ offen, ob er zwischen „es“ und „gutgehen“ bewusst das übliche „sich“ unterschlagen hat. So hatte sein Schlusswort genau jenen Schuss Fatalismus, der unsere Zei von Null bis 24 Uhr prägt. Und zwischendurch? Gibt’s das ZDF-Morgenmagazin.
Vorige Woche mit Ikkimel, die das Frühstücksformat mit kaum erträglicher Verächtlichkeit strafte und dabei herrlich irritierte Gesichter provozierte. Während die selbsterklärte „Fotzen-Rapperin“ genau wusste, worauf sie sich da einließ, wurde das Zweite offenbar komplett überrumpelt. Das würde man von RTL auch gern behaupten, nachdem ein Kandidat der dortigen Reality-Show Bad Boys sich so ganz nebenbei aus einem Fremdgehverdacht mit der Aussage herausredete, die potenzielle Gespielin sei Opfer eines Femizids geworden.
Dummerweise hat die Niedertracht in Köln Methode. Der zuständige Redakteur (unvorstellbar, dass es eine Redakteurin war), dürfte sich über die Instrumentalisierung männlicher Gewalt also absolut klar gewesen sein. Niedertracht gibt es aber auch außerhalb kommerzieller Brachial-Unterhaltung. Als während der Demos gegen den AfD-Parteitag in Erfurt ein Mitarbeiter von Apollo News krankenhausreif geprügelt wurde, gab es kein Wort der Reue.
Nur zur Erinnerung: Auch, wenn Journalist*innen rechter Schwurbel-Portale attackiert werden, ist das ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Punkt. Wenn CDU/CSU und SPD das Informationsfreiheitsgesetz abwickeln, also die Regierungskontrolle erschwert, ist das ebenfalls ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Wenn Konservative wie Karin Prien, Carsten Schnieder, Dorothee Bär und Mario Voigt KI-generierte bis -optimierte Gastbeiträge in FAZ oder Bild platzieren, ist das kaum weniger ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie.
Die Frischwoche

13. – 19. Juli
Und den kann man mittlerweile fast nur noch durch elaborierten Eskapismus ertragen, der uns Sozialkritik allenfalls noch zwischen den Zeilen unterjubelt. Der halbanimierte ZDF-Fünfteiler Sheep zum Beispiel kommentiert die fleischsüchtige Überflussgesellschaft in einer Herde sprechender Schafe (u.a. Birgit, Minchmayr, Merlin Sandmeyer, Jella Haase), der die ziemlich komische Erkenntnis kommt, dass sie vom Menschen nur ausgebeutet werden.
An gleicher Stelle schickt Arne Feldhusen ein Theater-Kollektiv namens „Das Manko GbR“ seit Montag in eine Workplace-Groteske, deren elf Hauptdarsteller*innen vier Folgen lang praktisch kein klar artikuliertes Wort von sich geben und damit nebenbei das hierarchisierte Hamsterrad des mittleren Managements aufs Korn nehmen. Auch das Bowlingcenter-Chaos der Comedyserie Die Abräumer mit Stefanie Lamprecht läuft auf der Digitalplattform des Zweiten.
Und weil dort am Mittwoch zudem das importierte Historiendrama The Forsythes um eine Dynastie der 1880er Jahre startet, könnte man meinen, andere Sender stecken schon tief im Sommerloch. Falsch vermutet. Die Apple-Serie Lucky schickt Anya Taylor-Joy (Das Damen Gambit) zeitgleich als Kriminelle in den FBI-Dienst. Prime Video legt parallel in Ride or Die eine Art Thelma and Louise 3.0 auf. Bei Netflix kehr Will Ferrells Golfer Hawk ab Donnerstag gewiss brüllend komisch aus der Rente zurück.
Freitag dann wärmt der französische Sechsteiler Surface einen Cold Case mit Serienkillerbeteiligung in der ARD-Mediathek auf. Den Knaller aber zündet David Schalke. Nach 14 Jahren Pause geht seine Provinzposse Braunschlag in die zweite Staffel. Und wenn sich das österreichische Starensemble um Robert Pallfrader, Nina Proll und Nicholas Orczarek dabei ins Jahr 1986 kostümiert, wird es bei HBO beinahe so brillant wie 2012.