Himmlers Anstalt & Hiddlestons Vulkan
Posted: July 21, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Juli
Vielleicht waren das genau jene sieben Worte, die den Irrsinn der vergangenen Woche perfekt zusammengefasst haben: „Wir sind im ZDF gegen das ZDF“, sagt Maike Kühl in einer kurzfristig aktualisierten Fassung der Anstalt über die Sabotage ihrer 100. Ausgabe durch Intendant Norbert Himmler. Zwei Tage zuvor hatte er schließlich etwas Beispielloses getan und Danger Dan sowie den Pianisten Igor Levit von der Jubiläumsfolge am Dienstag ausgeladen. Der Grund: sein neues Lied rufe angeblich zur Gewalt auf.
Ob es das in Gestalt verklausulierter Anleitungen zum Widerstand gegen Rechtsradikale tut – darüber hätte Maike Kühl ebenso wie die Frage, ob der Song ge- oder misslungen sei, im Rahmen ihrer Sendung gern mit Max Uthoff und Claus von Wagner diskutiert. Allein: die ZDF-Führung zeigte das Gegenteil dessen, was Danger Dan bereits im Titel fordert: Keine Angst. Das ist besonders nach ihrem Umgang mit einer rassistischen Entgleisung im Fernsehgarten vor acht Tagen bemerkenswert.
Dass Andrea Kiewel darin lautmalerisch Chinesen verspottet, erklärt die ZDF-Pressestelle mit der Live-Situation. Während Kiwi angemessen zerknirscht um Verzeihung bat, sah sich das Zweite nicht zu irgendeiner Form der Abbitte genötigt. Das erinnert ein wenig an den MDR, der den völkischen Bierzelt-Schwurbler und Polizeiruf-Kommissar a.D. Uwe Steimle, bis 2019 im Programm geduldet hatte. Dass er bei einer AfD-Veranstaltung Tötungsfantasien gegen Friedrich Merz oder Angela Merkel äußerte, macht diese Geduld noch bedenklicher.
Fun Fact: Für Steimle wäre Graf von Stauffenbergs Attentat auf Merz dringlicher als jenes gegen Adolf Hitler einst war. Wer da noch denkt, man müsse das Publikum dringend vor Danger Dans Anleitung zur Selbstjustiz schützen, könnte mal einen Blick in die USA werfen. Dort hat die Trump-Administration journalistische Visa vom unbegrenzten Duration of Status auf 240 Tage limitiert – weshalb auch Himmlers ZDF-Reporter demnächst für regierungskritische Berichterstattung ausweisbar sind.
Parallel dazu ehrt Axel Springer den Demokratieverächter mit einem Preis für, tja, Demokratieverachtung. Und das AfD-Fanzine Berliner Zeitung verliert vor Gericht gegen Jan Böhmermann, der habe den Porschefahrer Ulf Poschardt „saure Froschfresse“ genannt. Angesichts so viel männlicher Besitzstandshysterie empfehlen wir mal einen Kinofilm: Die Dokumentation Was haben wir gelacht begleitet Komikerinnen wie Hella von Sinnen, Maren Kroymann und Esther Schweins durch die Frauenverachtung aasiger Alpharüden der 90er.
Die Frischwoche

20. – 26. Juli
Aber auch am Bildschirm läuft empfehlenswertes – und zwar nicht die lineare Ausstrahlung der Anstalt zur gewohnten Sendezeit um 22.15 Uhr im ZDF. Interessant ist in der dortigen Mediathek auch die deutsch-französische Drama-Serie Kabul. Oliver Demangel, Thomas Finkielkraut und Joé Lavy rekapitulieren darin mit teilweise deutscher Besetzung die letzten Tage der afghanischen Hauptstadt, bevor sie die Taliban 2021 zurückerobert haben.
Bedrückend, realistisch, relevant. Also das genaue Gegenteil des Realfilm-Blockbusters Masters of the Universe, ab Mittwoch bei Prime Video. Oder Stuart Fails to Save the Universe – ein Spin-off der legendären Sitcom Big Bang Theory. Weil die alten Hauptdarsteller*innen vermutlich zu teuer geworden sind, geraten Nebendarsteller*innen wie Brian Posehn, Kevin Sussman, Lauren Lapkus oder John Ross Bowie ab Freitag bei HBO Max ins Chaos einer merkwürdigen Maschine.
Immerhin erhellend ist die Dokudrama-Serie Pompeji, in der sich Antisuperheldenstar Tom Hiddleston vier Folgen lang bei Disney+ auf die Spuren dieser berühmtesten aller Naturkatastrophen begibt. Rein wissenschaftlich ist das zwar Historytainment auf Galileo-Mystery-Niveau. Der Host aber gibt sich Mühe, das Grundraunen fabulierter Geschichte unterhaltsam zu machen. Und zu guter Letzt, mal wieder was von Viaplay.
In All & Eva begibt sich das skandinavische Streamingportal seit Montag auf die Verpaarungsfährte der mittelalten Titelfigur (Tuva Novotny), die sich in den Samenspender ihres ungeborenen Kindes verliebt. Nicht nur dank ihrer tragikomischen Serie gilt die verantwortliche Showrunnerin Johanna Runevad bereits als Schwedens Antwort auf Phoebe Waller-Bridge.