Claudia Paganini: Andrea Kiewel & Danger Dan
Posted: July 23, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |Leave a comment“Das Dilemma des ZDF”

Was hat Andrea Kiewels rassistische Entgleistung im Fernsehgarten mit Danger Dans Ausladung aus der Anstalt zu tun? Ein Interview mit Claudia Paganini (Bild: Studio Matphoto), Professorin für Medienethik an der Unsiversität Innsbruck, über Beschwichtigungs-PR, Fehlerkultur und das informelle Vetorecht der AfD.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Paganini, kurz nachdem das ZDF eine rassistische Entgleisung im Fernsehgarten mit der Live-Situation entschuldigt hat, cancelt die Intendanz Keine Angst von Danger Dan. Was waren Ihre Reaktionen?
Bei Andrea Kiewel war ich über die halbherzige Entschuldigung irritiert. Die Live-Situation erklärt, dass nicht sofort reagiert wurde, aber weder den weiteren Verlauf noch rassistischen Gehalt. Bei Danger Dan war meine Reaktion vor allem Unverständnis über die Ängstlichkeit und Kurzfristigkeit der Entscheidung. Gleichzeitig sehe ich das Dilemma des ZDF, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht unter extremer Beobachtung und soll möglichst nie einen Fehler machen – gerade das erhöht aber die Gefahr, aus Angst vor negativer Bewertung Fehler zu produzieren.
Wie bewerten sie die beiden Fälle jeweils?
Bei Kiewel sehe ich einen spontanen persönlichen Fehler, der Fragen zur Haltung der Moderatorin aufkommen lässt und auf den institutionell nicht klar genug reagiert wurde. Bei Danger Dan sehe ich dagegen ein institutionell erzeugtes Problem: Aus einer möglichen problematischen Deutung wurde vorsorglich die Absage eines Kunstbeitrags. Der erste Fall verlangte eine bessere Entschuldigung bzw. Aufarbeitung, der zweite eine größere Bereitschaft sich mit Alternativen auseinanderzusetzen, sodass statt einer Absage eine redaktionelle Kontextualisierung erfolgen hätte können:
Haben die beide Fälle aus Ihrer Sicht miteinander zu tun?
Nicht ursächlich, aber durch die zeitliche Nähe entsteht eine eigenartige Optik. Bei Kiewel beruft sich das ZDF auf die gute Absicht, bei Danger Dan orientiert es sich an einer möglichen problematischsten Wirkung. Diese unterschiedlichen Maßstäbe wirken inkonsequent: Hier wird eine tatsächlich ausgestrahlte Entgleisung relativiert, dort ein noch gar nicht ausgestrahlter Beitrag sehr streng interpretiert.
Sind die unterschiedlichen Maßstäbe eher kommunikativer oder senderpolitischer Natur?
Kiewel ist vor allem ein Fall der Kommunikation und Fehlerkultur: Wie entschuldigt man sich, ohne den Fehler sofort wieder kleinzureden? Der Fall Danger Dan ist stärker senderpolitisch. Er berührt die Frage, wie autonom Redaktionen und Satireformate sind, wie viel Provokation ein öffentlich-rechtlicher Sender aushält und wie stark die Logik der Risikovermeidung das Programm bestimmen soll.
Haben diese beiden Reaktionsmuster mit der großen Gereiztheit zu tun, die Bernhard Pörksen der Kommunikation insgesamt unterstellt?
Zum Teil. In einer gereizten Öffentlichkeit wird jede Äußerung sofort moralisch bewertet, politisch eingeordnet und über soziale Medien vervielfacht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk befindet sich dabei in einer prekären Lage: Er muss Fehler vermeiden, obwohl Liveprogramm und Entscheidungen, die in Wechselwirkung zu gesellschaftlichen Debatten stehen, grundsätzlich nicht fehlerfrei sein können. Die Lösung kann aber nicht noch mehr Ängstlichkeit sein, sondern eine gute Fehlerkultur: Fehler eingestehen, erklären und korrigieren, ohne bei jeder möglichen Empörung in Panik zu geraten.
Ist Ehrlichkeit in der PR grundsätzlich besser als Beschwichtigung oder gibt es Ausnahmen?
Ehrlichkeit ist fast immer besser, aber sie bedeutet nicht, vorschnell jede Vermutung zu bestätigen. Gute Krisenkommunikation bringt deutlich und schnell auf den Punkt, was geschehen ist, was noch unklar und was daraus folgt. Beschwichtigung wird besonders dann zum Problem, wenn sie die Perspektive der Betroffenen übergeht. Der Satz „Es war nicht so gemeint“ kann daher invalidierend wirken und die Sache schlechter statt besser machen. Im schlimmsten Fall kann das sogar zu einer Reviktimisierung der Betroffenen führen, die durch die in der „Entschuldigung“ spürbare Ignoranz ein weiteres Mal zu Opfern werden.
Wie viel haben die Fälle mit Angst zu tun, der AfD kein ideologisches Futter zu geben?
Vermutlich spielt diese Angst eine Rolle, auch wenn man die internen Motive von außen nicht bewerten kann. Öffentlich-rechtliche Sender wissen, dass jeder Fehler von rechts als Beleg für angebliche Parteilichkeit, Verschwendung oder moralische Bevormundung genutzt wird. Problematisch wird es, wenn die Angst vor solchen Angriffen das Programm indirekt mitbestimmt. Wer permanent vermeiden will, der AfD „Futter“ zu geben, räumt ihr am Ende eine Art informelles Vetorecht ein.
Wie hätte das ZDF jeweils medienethisch besser und medientaktisch klüger agiert?
Bei Kiewel wäre eine klare persönliche Entschuldigung sinnvoll gewesen: die Äußerung konkret benennen, ihre rassistische Wirkung anerkennen und erst danach erklären, dass sie nicht beabsichtigt war. Außerdem hätte man transparent machen können, wie der Vorfall intern aufgearbeitet und was unternommen wird, um ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden.
Und bei Danger Dan?
Wäre eine denkbare Lösung gewesen, den Song aufzuführen und die problematischen Passagen unmittelbar anschließend zu diskutieren. So entstehen Diskurs und Öffentlichkeit und es kann zu einer produktiven Auseinandersetzung mit der Frage kommen, welche Werte man gemeinsam in einer Demokratie hochhalten will. Sollte das ZDF den Auftritt allerdings für indiskutabel gehalten haben, hätte diese Entscheidung erheblich früher fallen und nachvollziehbarer erklärt werden müssen. Dass selbst das Team der „Anstalt“ von der kurzfristigen Absage überrascht wurde, verstärkt den Eindruck eines späten, eher planlosen Eingriffs der Senderführung.
Wie fängt das ZDF den Shitstorm jetzt wieder ein?
Am besten nicht durch einen PR-Trick. Das ZDF sollte möglichst offenlegen, wie man zu den problematischen Entscheidungen gekommen ist, bei Danger Dan die Kurzfristigkeit ausdrücklich als Fehler anerkennen und mit den Beteiligten öffentlich ins Gespräch kommen. Dass es eine Aspekte-Sonderausgabe produziert hat und der Anstalt erlaubt, die Ausladung im eigenen Programm zu kritisieren, sind richtige Schritte.
Halten Sie es für möglich, das ZDF habe die Reaktion kalkuliert, um für Aufmerksamkeit zu erhöhen?
Möglich ist vieles, plausibel erscheint es mir nicht. Der Imageschaden, der interne Konflikt und der Vorwurf eines Eingriffs in die Kunstfreiheit wären für eine geplante PR-Aktion sehr hohe Risiken. Wahrscheinlicher ist eine verspätete Eskalation innerhalb der Entscheidungsstrukturen: Je höher der Vorgang im Haus wanderte, desto stärker wurden offenbar die möglichen negativen Effekte des geplanten Auftritts gewichtet.
Aber ist ein Shitstorm am Ende nicht womöglich besser als gar keine Resonanz?
Für populistische Politiker vielleicht, für öffentlich-rechtliche Sender nicht. Aufmerksamkeit bedeutet nämlich nicht Vertrauen. Ein Shitstorm kann eine wichtige Debatte auslösen, aber er ist kein Erfolg, wenn beim Publikum vor allem der Eindruck von Ängstlichkeit, Inkonsequenz oder mangelnden redaktionellen Feingespürs hängen bleibt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk lebt nicht primär von Reichweite, sondern von Glaubwürdigkeit.
Wie werden beide Fälle aus Ihrer Sicht weitergehen?
Der Fall Kiewel dürfte sich schnell beruhigen, sofern keine weiteren vergleichbaren Vorfälle hinzukommen. Er wird vermutlich als Negativbeispiel für etwas wie Entschuldigungs- oder Fehlerkultur und den schwierigen Umgang mit Alltagsrassismus in Erinnerung bleiben. Wichtig wäre hier zu diskutieren, wie im Vorfeld Schulungen oder der gezielte Austausch mit Menschen, die häufig diskriminierten oder rassistisch beleidigten Gruppen angehören, die Wahrscheinlichkeit derartiger Entgleisungen reduzieren können. Der Fall Danger Dan hat vermutlich das größere senderpolitische Nachspiel. Er dürfte noch länger Anlass für die Diskussion darüber sein, wie öffentlich-rechtliche Institutionen unter politischem Druck zu angemessenen Entscheidungen gelangen können. Entscheidend wird sein, ob das ZDF den Vorgang nur auf der Ebene der Kommunikation bearbeitet oder daraus Konsequenzen für frühzeitige Prüfungen, redaktionelle Zuständigkeiten und den Umgang mit künstlerischer Provokation zieht.