Amodeis Warnung & Disneys Blut
Posted: September 15, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
7. – 13. September
Nach anderthalb Jahren als Kulturstaatsminister, in denen seine CDU/CSU die AfD halbiert und das BIP verdoppelt haben, konnte auch Wolfram Weimer all seiner politischen Ziele erreichen. Er hat das Festival für Hitlers Lieblingskomponisten mit Geld überhäuft, die Filmförderung auf Blockbuster gedreht, entartete Buchläden kujoniert, das gesamte Feuilleton abseits der Jungen Freiheit gegen sich aufgebracht. Und fast wäre ihm sogar die einzige Initiative gelungen, für die es selbst links der FAZ so etwas wie Zuspruch gäbe.
Zu dumm, dass die EU-Kommission Weimers geplanter Investitionsverpflichtung für internationale Streamingdienste in Deutschland nach einem Bericht eben jener liberalkonservativen Zeitung aus Frankfurt wegen unverhältnismäßiger Eingriffe in die Unternehmensfreiheit womöglich scheitert. Aber gut, im globalen Maßstab gemessen, ist das aktuell natürlich kaum mehr als ein Nischenthema.
Auf der Weltbühne dagegen hat Dario Amodei gerade mehr Regulierung bei weniger Tempo auf einem Feld gefordert, das ihn der mächtigsten Männer macht: KI. Ansonsten, prophezeit der Anthropic-CEO, werde sie das Internet „übernehmen“. Damit stellt er sich erneut gegen den MAGA-Kult, der für völligen Kontrollverlust plädiert – was noch verblüffender ist, wenn man sieht, wer Amodei unterstützt: Elon Musk und Sam Altman.
Ein paar Nummern kleiner und dennoch weltbewegend geht es auf der Magdeburger Bühne zu, seit rechtsradikale Wähler (und ein paar Wählerinnen) der rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt einen Regierungsauftrag erteilt haben, den sie mit Hilfe des BSW, also großer Sicherheit annehmen wird. Bei Markus Lanz jedenfalls waren Tino Wagenknecht und Sahra Chrupalla vorige Woche bereits kurz vorm Petting.
Ob auch die CDU demnächst mit Neonazis fummelt, bleibt dagegen weiterhin offen. Wie sich Philipp Amthor und Markus Frohnmaier tags drauf in Hart, aber fair gezofft haben, sprach allerdings eher dafür, dass sie ihrer Selbstzerstörung (vorerst zumindest) nicht mit einer Duldung oder Koalition Vorschub leisten. Für beide traf es sich hingegen gut, dass ein knapp vereitelter Anschlag den Diskurs wieder nach links lenkte.
Zwei Wochen, nach einer Reihe geplanter Angriffe auf Ziele der fossilen Energie-Infrastruktur hat die Polizei einen Verdächtigen gefasst – und damit nicht nur der Bild die Gelegenheit gegeben, den „Klima-Terroristen“ presserechtswidrig mit Foto vorzuverurteilen. Sie gibt der rechtskonservativen Seite auch Gelegenheit, den wahren Feind wieder links der Mitte zu verorten.
Die Frischwoche
14. – 20. September
Man wünscht sich manchmal nur noch, mit einer ungiftigen Dosis jenes berauschend schönen Pilzes Richtung Besinnungslosigkeit zu entfliehen, von dem eine Arte-Doku am Donnerstag erzählt: Der Fliegenpilz – Zwischen Mythos und Wirklichkeit. Eine eher toxische Überdosis Eskapismus ist das HeidiFest 2026 parallel bei RTL im Münchner Hofbräuhaus sein, eine Arte Wiesen-Warmup mit Frau Klum und Konsorten, das den Rand des Wahnsinns mehr als streifen dürfte.
Immerhin knapp davor endet die Mystery-Serie City of Blood ab Mittwoch bei Disney+. Oberflächlich eine Near-Future-Dystopie übers versteppte Berlin nach dem Klima-Kollaps, schwankt Philipp Kadelbachs starbesetzte Comic-Verfilmung in acht Teilen zwischen Politik-Groteske und Horror-Show. Das ist meistenteils massiv drüber, aber fantastisch ausgestattet und irgendwie doch ganz schön spannend.
Alles also (auch beim Budget) drei Nummern größer als der deutsche ZDF-Sechsteiler Serial Cleaner. Aylin Tezel spielt darin eine unfreiwillige Tatortreinigerin, die ab Montag zur Rettung ihres totkranken Kindes allerlei eigenmoralische Prinzipien beugt. Und nebenbei beweist, dass Neo zwar keine Sitcoms kann, aber durchaus Dramen. Was vier Tage später ähnlich unterhaltsam, aber wohl umstrittener wird: Lizzie Borden, neue Staffel der Netflix-Reihe Monster – diesmal um eine vermeintliche Mörderin des 19. Jahrhunderts.
Noch ein chronistenpflichtiger Tipp: Am Mittwoch dockt Prime Video mit Neagley an den Erfolg der testosteronsatten Verschwörungsthriller-Serie Reacher an. Und zwei wohlmeinende Empfehlungen: Am Donnerstag zeigt Arte Hannes Rossachers Falco-Porträt Mon Amour. Und tags drauf steht der fantastische Berlinale-Beitrag Was Marielle weiß um ein Mädchen, dessen übersinnliche Fähigkeiten die eigene Familie umtreibt, in der ZDF-Mediathek.