Hartmanns Popanz & Benkos Größe
Posted: November 3, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
26. Oktober – 1. November
Der Popanz ist ein niederdeutsches Schreckgespenst, das Wirtschafswundergenerationen gern hervorholen, sobald Spätgeborene Ärger machen. Aktuell zum Beispiel begehren Geburtsjahrgänge ab 1997 so vehement gegen die Verwerfungen vorheriger Alterskohorten auf, dass sich die Bild-Balken nur so biegen. Selbst Tagesschau und heute berichten immer erstmal über die Randale, dann über friedliche Demonstrationen und deren Beweggründe.
Aber der Popanz des linksextremen Terrors mit oder ohne Migrationsgeschichte wird aktuell ja fast überall aufgeblasen. Elif Eralp zum Beispiel, die der braungesprenkelte Sportschau-Kriegsveteran Waldemar Hartmann schon dem Namen nach lieber aus Berlin deportieren als im roten Rathaus regieren sehen möchte. Da will natürlich auch der Spiegel nicht hintanstehen und definiert den dringenden LKA-Rat, Islamisten oder Clanchefs und islamistische Clanchefs nicht namentlich zu nennen, zur „Angst der Elif Eralp“.
Dass die Redaktion dafür interne Interview-Anmerkungen veröffentlich, die Eralps Büro versehentlich mitgesendet hatte, ist zwar nicht illegitim, geschweige denn illegal; berufsethisch allerdings dürfte man darüber durchaus mal kontrovers diskutieren. Einen noch größeren Popanz basteln sich derweil rechtsextreme US-Medien wie Fox News, die seit Tagen lautstark Käsekuchen durchkauen, seit Barack Obama auf einer Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps Oval Office mit Saddam Husseins Cheesecake Factory verglichen hatte.
Ach ja, und dann wäre da noch die neue Satiresendung von Florian Schröder. Eigentlich ein haltungsstarker Kabarettist, wollte er in seiner ZDF-Show Journal Deluxe offenbar über Bande Jan Böhmermanns Magazin Royale ideologisch entzerren. Leider hat Schröder Lechts mit Rinks dabei so beharrlich in denselben Topf geworfen und mit einer Prise Extremistensinddochallegleich verrührt, dass er die AfD damit genauso salonfähig macht wie Alexander Dobrindt und Waldemar Hartmann, Bild und Spiegel zusammen.
Die Frischwoche
2. – 8. November
Dagegen scheint ein charmanter Gernegroß wie René Benko fast schon harmlos. Nicht harmlos genug allerdings fürs Erste, das ein experimentelles Biopic über den Tiroler Immobilien-Bankrotteur bis kurz vor der Ausstrahlung am Montag unter Verschluss hielt. Geheimstufe 1 also für Size Does Matter. Dabei erzählen Raymond und Hannah Ley ihre dokufiktive Räuberpistole 90 Minuten lang mit so viel magischem Realismus, bis Wahn und Wirklichkeit fast völlig verschwimmen.
Das liegt allerdings auch an Thomas Stipsits. Der österreichische Kabarettist spielt seinen Benko so überdreht, dass er fast schon wieder wahrer wirkt als das Original. Was auch an Heino Ferch liegt, der dem Emporkömmling als fleischgewordenes Gewissen so viele Tipps zur Ausbeutung naiver Geldgeber einflüstert, bis Benkos Kartenhaus zusammenstürzt. Gegen diesen Aberwitz verblasst selbst das funkelnde Restprogramm der Woche. Esther Amramis innerdeutsche Culture-Clash-Komödie Doitscha auf gleichem Kanal zum Beispiel.
Mittwoch lässt sie das Leben einer christlich-jüdischen Familie mit viel Charme und Chuzpe gegen die Wand der antisemitischen Wirklichkeit rauschen, dass praktisch alle ihr Fett wegkriegen. Das verteilen zwei Tage später auch die Belton-Brüder großflächig. In ihrer Impro-Comedy Friesenjunkies zieht ein Dutzend wohlstandsverwahrloster Suchtpatienten achtmal 25 Minuten in eine Nordsee-Klinik. Die Küstenversion von Thomas Manns Zauberberg gerät den Kleinen Brüdern dabei nachdenklicher als alle Discounter und Players of Ibiza.
Ulkig ist es natürlich trotzdem, wenn sich Stars von Sylvie Meis bis Martin Brambach ohne Skript ein wenig selbst spielen. Und in aller Kürze noch drei Tipps: Bei Netflix startet am Donnerstag Staffel 2 der großartigen Agenten-Groteske Black Doves. Parallel dazu startet in der ARD-Mediathek das Real-Life-Format Vibes mit Motsi Mabuse im New-Age-Clinch mit neun Best-Agerinnen. Und tags drauf versucht sich Pierce Brosnan im Paramount-Film Giant als Boxtrainer der Achtzigerjahre.