Aggregat, The Dead South, Brittany Howard
Posted: February 11, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentAggregat
Basislager und Bergankunft der Musik liegen womöglich Jahrmillionen auseinander, aber auch letzter ist ein Weilchen her. Der steinzeitliche Ursprung war rhythmischer Art, sein barocker Gipfel klassischer Natur. Grenzgänger wie Hauschka, Den Sorte Skole oder OhOhOhs klettern zwar schon länger zwischen den Steilwänden umher, aber niemand tut es verschwitzter als Aggregat. Der analoge Techno des Hamburger Trios fusioniert den ältesten Musikstil schließlich nicht nur mit dem sinfonischsten.
Es kombiniert physische Drums so mit Elektrobeats und Kontrabass, bis daraus etwas Unerhörtes und zugleich Vertrautes wird. Ein Kammerclubsound für Herz, Hirn, Bauch, Beine, der manchmal trancig ist, oft housig, gelegentlich ein bisschen Jazz einstreut und dabei mit etwas Fantasie an den hypnotischen Realismus Sergei Rachmaninoffs erinnert. So weit die Theorie. Die Praxis: einfach geiles Tanzzeug.
Aggregat – Origins (Poly Unique/Aggregat)
The Dead South
Um die Blue-Grass-Band The Dead South geil zu finden, hätte man früher Amerikas rostig-reaktionären Westerngürtel bewohnen, Trump wählen und Kohle statt Hirn im Kopf haben müssen. Ein günstiger Umstand der Popgeschichte allerdings hat das kanadische Quartett auf der Welle von Mumford & Sons vor Jahren bereits in den Mainstream befördert. Jetzt sind seine Traditionals nicht nur grenzübergreifend erfolgreich.
Sie bleiben auch auf dem vierten Album Chains & Stakes von einer filigranen Vielgestalt, dass Banjowirbel und Gesangsmelanchole mit so epischer Wucht an den Alternative-Country eines Mojo Nixon – R.I.P.! – docken, als läge Texas in Brooklyn. Augenscheinlich konservativ, schafft es der Hochgeschwindigkeits-Country von Dead South somit abermals, ein paar Gräben dieser zerklüfteten Nation kurz mal zuzuschütten.
The Dead South – Chains & Stakes (DevilDuck)
Brittany Howard
Diese Brückenbautätigkeit ist aber noch gar nichts gegen die ausgestreckte Hand von Brittany Howard – eine Universalkünstlerin, deren angebots- und nachfrageentkoppelter Multilayer-R’n’B praktisch jeder einzelnen Anspruchshaltung widerspricht und dennoch (oder deshalb) selbst Grammy-Bühnen rockt. Schon als schwarze Gitarristin der Garage-Band Alabama Shakes war sie einfach zu divers um wahr zu sein.
Ihr zweites Soloalbum ist hingegen eine so neugierige Expedition ins Dickicht von Fusion-Funk, Neo-Soul und Glam-Rock – da könnte es passieren, dass sie Kollegen wie Anderson .Paak am Wegesrand findet, der nach dem richtigen Abzweig in die echt spannenden Areale fragt und bei Brittany fündig wird. Fast alles an What Now beschreitet schließlich Umwege, die direkter als jeder Highway ins Herz der Musik führen.
Brittany Howard – What Now (Island/Universal)
Klamroths Volk & Ferchs Afrika
Posted: February 5, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
29. Januar – 11. Februar
Aktuell wird viel darüber diskutiert, wie viel Volkes Stimme publizistisch geboten ist und was davon populistische Anbiederung. Bei Hart aber fair steht sie Volkes Bestimmenden paritätisch im Raum gegenüber. Klingt ausgewogen, kann aber nicht darüber hinwegtäusche, dass Louis Klamroths groß angekündigter Radikalumbau mit neuer Produktion (Florida) seltsam unausgegoren wirkt. Sein Mobiliar trennt Otto-Normal- und Premium-Verbraucher zwar in Lager.
Die üblichen Verdächtigen äußern jedoch übliche Beschwichtigungen. Und dass es die ARD als hart aber fair to go für die Mediathek halbiert, klingt eher nach Clickbaiting als Konzept und definitiv anbiedernd. Im Stern haben sich gut 30 Promis von Roland Kaiser bis Bully Herbig nirgendwo angebiedert, sondern klar Stellung gegen rechts bezogen. Einige. Anderen ging „AfD“ oder auch nur „rechts“ schon deshalb nicht über die Lippen, weil ein Gutteil ihrer Kundschaft beidem zuneigt.
Statt die Feinde beim Namen zu nennen, verurteilt Helene Fischer „Extremismus“ und Florian Silbereisen „Menschenverachtung“. Trotzdem ernten beide auch für halbgare Haltung Hass. Im Dschungelcamp gehört der zum Spiel, er garantiert Quote und macht Achtelberühmtheiten viertelbekannt. Wer gewonnen hat (Lucy) ist abseits der RTL-Promirutschen zwar schon wieder egal. Was bleibt, sind aber wundervolle SZ-Sottisen.
Etwa jene, Fabio und Mike seien „Obelix nach einem Training zur gewaltfreien Kommunikation“ und „wandelndes Kirchenfenster“ mit „Namen einer Kinderüberraschungsfigur“. Während IBES 2025 verlässlich wiederkommt, müssen wir uns von anderen verabschieden: Judith Rakers, die Mittwoch nach 19 Jahren ihre letzte Tagesschau moderiert hat. „Einen schönen Abend noch, Tschüss“, könnte es nach der nächsten Bundesliga-Bieterrunde auch für die Sportschau heißen.
Und nebenbei deutet sich auch ein Ende des Streaming-Booms an: Laut DWDL plant nach Magenta und Sky nun Paramount+ den deutschen Kahlschlag. Veröffentlichte Serien wie Der Scheich oder A Thin Line sind bereits offline, abgedrehte wie Zeit Verbrechen oder Turmschatten gehen nicht online. Konzernchef Bob Bakish versichert zwar, dass er hier weiter produzieren lässt. Aber der radikale Sparkurs, um Video-on-Demand profitabel zu machen, trifft gerade Deutschland hart.
Die Frischwoche
5. – 11. Februar
Internationale Produktionen wie die 2. Staffel den sündhaft teuren SciFi-Bombast Halo wird es bei Paramount+ allerdings auch weiterhin geben und ab Donnerstag wieder weltweit Abermillionen Zugriffe generieren. Eine Abruf-Etage tiefer spielt sich demgegenüber buchstäblich naturgemäß die Sky-Doku Whale with Steve Backshall, worin der britische Tierfilmer ab heute vier Teile lang unter Wasser geht.
Nach globalen Maßstäben kaum noch messbar sind aber ein paar deutsche Produktionen für öffentlich-rechtliche Mediatheken. Was gleichwohl wenig über deren Qualität aussagt. Mit komplettem Desinteresse gestraft werden sollte dringend der unfreiwillig komische Umwelt-Thriller Tod in Mombasa mit Heino Ferch als Heino Ferch, der ein hilfloses Land namens Afrika stoische 90 ZDF-Minuten mit seiner mitteleuropäischen Hilfsbereitschaft ehrt.
In Mannheim hilfsbereit ist schon dem Serientitel nach Die Notärztin – was fürchterlich nach deutschem Medical klingt. Dank seiner Hauptdarstellerin Sabrina Amali aber bringt der Sechsteiler die Schwierigkeiten großstädtischer Rettungsdienste ab Dienstag in der ARD-Mediathek durchaus differenziert auf den Punkt, während allein die Tatsache, dass sie aus Österreich stammt, School of Champions Freitag an gleicher Stelle ansehnlich machen könnte.
David Schalko hat das achtteilige Drama um ein alpines Ski-Internat sogar mitproduziert. Es besticht allerdings nicht durch skurrilen Humor, sondern präzise Beobachtungen des kapitalistischen Leistungssports und liefert nebenbei cleveres Coming-of-Age-Entertainment. Routinierte Skandi Noir bietet dagegen tags drauf die schwedische Cold-Case-Reihe Iris mit der unvergleichlichen Sofia Helin, bekannt aus Die Brücke.
Ja, Panik – LUCI – J Mascis
Posted: February 3, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentJa, Panik
Nicht singen zu können, war einst ein guter Grund, es – wenigstens außerhalb von Karaokebars und Duschen – zu lassen. Es ist daher ein Wink der Musikgeschichte, dass ein Großmeister des windschief Denglischen am schlechtesten singt, daraus aber das denkbar Beste macht. Wie Andreas Spechtl, Mastermind der Berlin-Wiener Artrock-Band Ja, Panik, und als solcher auf ewiger Mission, die Popkultur zu schreddern.
Das 7. Album Don’t play with the rich kids ist demnach Englisch betitelt, mehrheitlich Deutsch gesungen, aber sprachliche wie tonal ein disharmonisch poetisches Durcheinander, das zugleich überwältigend und verstörend ist. Wozu Textzeilen wie “Kleiner Dude auf der Strada / Nimmt einmal ein Naserl / Und greift nach den Stars dann / Aber nix” die passende Metrik liefern. Alles zu viel, alles zu wenig, alles lauter als zuvor, alles leiser auf der neuen Ja, Panik. Wie immer. Wie immer großartig.
Ja, Panik – Don’t play with the rich kids (Bureau B)
LUCI
LUCI dagegen kommt aus den USA, singt ausnahmslos englisch, tickt amerikanisch und liefert auf ihrem Debütalbum They Say They Love You dennoch ein Panoptikum verschiedener Stile, das es mit Ja, Panik mangels Kenntnis vermutlich nicht aufnehmen will, aber kann. Geboren im republikanisch geprägten North Carolina ist sie für ihr Debütalbum ins liberale Los Angeles gezogen und hat dort zehn grandios verschiedene Tracks produziert.
Die nämlich passen auch horizontal selten zusammen, werden von Produzenten wie Louallday (Outkast) oder Edmund Irwingsinger (Glass Animals) aber so passend gemacht, das auf They Say They Love You alles aus einem Guss ist. Mehr noch. Mit ihrer wuchtigen, ja opernhaften Stimme durchdringt sie von HipHop bis TripHop und einer Prise Punk plus Pop alles, was sie durcheinander schleudert und neu verkleistert. Fast nichts daran ist eingängig, nahezu alles genial.
LUCI – Say They Love You (Don’t Sleep)
J Mascis
Joseph Donald Mascis Jr., besser bekannt als J Mascis, noch viel besser bekannt als Sänger der Melogrunge-Legende Dinosaur Jr. und hätte er vor bald 40 Jahren deren Angebot angenommen am bekanntesten als Drummer von Nirvana, ist ungefähr viermal so alt wie LUCI, hat sich aber auch auf Solopfaden die Inselbegabung bewahrt, beim Singen wie ein melancholischer Trotzkopf zu klingen.
Zweite Inselbegabung: Gitarren-Soli, die nicht breit-, sondern o-beinig klingen, also irgendwie eher nach kindlichem Überschwang als testosterongetränkter Selbstgerechtigkeit. Und so ist auch What Do We Do Now, sein fünftes Album ohne Dinos, ein liebevoll zerdeppertes Emorock-Sammelsurium altersloser Ergriffenheit, die uns J Mascis gern noch 50 Jahre mehr in die Fresse streicheln darf. Forever young!
J Mascis – What Do We Do Now (Sub Pop)
Charles M. Huber: Der Alte & Passau-Krimi
Posted: February 2, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentVon Micky Maus zu Karl Marx

Charles M. Huber (Foto: Elena Ternovaja) war weg vom Fernsehfenster. Fast 40 Jahre nach seinem Kommissar Johnson beim Alten aber spielt der afrikanische Niederbayer Figur im ARD-Krimi Gier nach Gold aus Passau, die ihm nicht unähnlich ist. Ein Interview über Herkunft, Vorbilder und wie man als Schwarzer Diplomatensohn Unionspolitiker wird.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Huber, Sie machen sich seit vielen Jahren rar am Bildschirm. Warum spielen Sie da ausgerechnet im Passau-Krimi „Gier nach Gold“ den unehelichen Sohn eines GI?
Charles M. Huber: Ich hatte mich eigentlich schon innerlich davon verabschiedet, nochmals für eine TV-Produktion zu drehen. Aber da es in Niederbayern spielt, empfand ich meine Figur, die noch dazu im Dialekt spricht, als ebenso charmant wie interessant.
Auch als Schwarzer im weißen Bayern, dessen Vater ebenfalls früh fort war?
Ich bin zwar Sohn eines Diplomaten aus dem Senegal; das wussten die Leute im niederbayrischen Dorf, wo ich aufwuchs. Mein Vater war also kein GI, der Frau und Kinder aus Deutschland wegen der Segregation gar nicht mit in die USA nehmen konnte. Die Situation war für uns aufgrund der Hautfarbe die gleiche. Aber diese Situation sogenannter Mischlingskinder fiel mir eigentlich erst beim Schreiben meines Buches auf.
Weltbühne Afrika: Zwischen Politik und Schauspiel.
Meine Identität wurzelt in Bayern, sie ist Teil einer geografischen und inneren Herkunft. Die meines Vaters spielt aber ebenfalls eine Rolle. Senegalesen haben einen ähnlich sturen Schädel wie Niederbayern, beide sind in der Regel aber auch höfliche Menschen, was mir in Großstädten wie Berlin manchmal ein bisschen fehlt. Im Alter wird man eben harmoniebedürftiger.
Vermittelnd waren Sie allerdings auch schon 1984 tätig, als Sie in „Der Alte“ die erste Serienhauptrolle eines Schwarzen außerhalb Amerikas gespielt haben.
Damals musste man sich als schwarzes deutsches Kind immer erklären, noch dazu, wenn man Dialekt sprach. Das schärfte früh mein analytisches und politisches Bewusstsein. Man sollte das Thema Hautfarbe aber auch nicht überbewerten. Niederbayern habe ich als Kind als empathisch und herzlich in Erinnerung. Oft merkte ich damals nur beim Blick in den Spiegel, dass an mir etwas anders war.
Wollten Sie davon unabhängig durch Ihren Weg von den Theaterbühnen ins Fernsehen etwas bewegen oder nur spielen?
Damals wurden Schwarze nur als Zuhälter und Drogendealer besetzt. Aber ich komme aus einer intellektuellen Familie, ein Verwandter war der erste Präsident des Senegals und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, mein Vater erhielt von Heinrich Lübke das Verdienstkreuz 1. Klasse – da stimmt das Konzept afrikanischer Klischees im deutschen Film einfach nicht. Ich komme aus der Hippie- und Babyboomer-Generation. Da fing man an die Welt mit etwas anderen, mit etwas offeneren Augen zu sehen.
Wann ging das bei Ihnen los?
Auf dem Gymnasium wechselte ich von Micky Maus zu Karl Marx. Wie damals üblich, widmete man sich früh anspruchsvoller Literatur. Schopenhauer, Erich Fromm, die Stoiker, aber auch Jimi Hendrix, Muhammed Ali oder Malcolm X – das waren für mich Chiropraktiker, die Blockaden eines verengten Blicks auf die Welt und sich selbst gelöst hatten.
Umso seltsamer, dass ihr Weg 2003 zur CSU führte.
Die CSU ist eine wirtschaftsaffine Partei. Nach mehreren Aufenthalten in Afrika – unter anderem als Berater des Tourismusministers in Äthiopien – fühlte ich mich als jemand, der schon vor meiner Zeit im Bundestag die wirtschaftlichen Beziehungen zu Afrika verbessern wollte, bei so einer Partei besser aufgehoben. Wer das seltsam findet, sucht den geraden Weg.
Zwischen gerade und umgekehrt besteht allerdings schon noch ein Unterschied…
Obwohl ich eher sozialliberal war, missfiel mir schon damals der mangelnde Pragmatismus der Entwicklungshilfe, die nicht auf Effizienz ausgerichtet war und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Drittstaaten eigentlich gar nicht gefördert hatte. Im Gegenteil: Resultat ist nun, das die Menschen ihr Land verlassen und Arbeit im Ausland suchen. Auch in Europa. Mein Ansatz war und ist daher, ein verstärkter Wirtschaftsdialog mit Afrika.
Deshalb sind Sie ja seinerzeit unter anderem auch in die Politik gegangen. War Ihre Popularität als Schauspieler bei diesem Quereinstieg eher hilfreich oder hinderlich?
Schauspieler werden häufig unterschätzt. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan waren auch Schauspieler und als Politiker erfolgreich. Ein Onkel war Botschafter im Vatikan, eine Tante Ministerin, ebenso ihr Ehemann. Mit dem Hintergrund meiner Vorerfahrung in Bezug auf meine Aktivitäten im Senegal und Äthiopien, sowie dem familiären Fundus an Erfahrungen kam ich eigentlich relativ komplett in den Bundestag.
Wie schätzen Sie Ihren Einfluss aufs Fernsehen denn ein – hat er dabei geholfen, Menschen anderer Ursprünge akzeptabler, gewöhnlicher zu machen?
Jein. In Bezug auf mich ja, in Bezug auf weniger populäre Kollegen weniger. Und insgesamt muss man sagen, dass die Akzeptanz in den Medien nicht analog zur Akzeptanz in der Gesellschaft verläuft. In der Werbung zum Beispiel gibt es ungleich mehr schwarze Menschen als in Führungspositionen. Das wird von vielen kritisiert, aber ich empfinde es als gerechtfertigt, da man die Existenz der schwarzen Deutschen über Jahrzehnte fast verschwiegen hatte. Wir waren eine Minorität ohne Stimme in der Politik und in der Gesellschaft.
Umso erstaunlicher war Ihr Kriminalkommissar bei Der Alte.
Schwarze gäbe es bei der Kripo nicht, hieß es. Ich habe jedoch gleich zu Beginn meiner Zeit beim „Alten“ einen kennengelernt. Raimund Eichner, von der Kripo München. Die 800.000 schwarzen Deutsche mussten erst von einer US-Organisation gezählt werden. Wenn es dich nicht gibt, wirst du auch nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden.
Haben Sie sich – ob in Politik oder Fernsehen – je als Alibi-PoC zur Bestätigung der eigenen Aufgeschlossenheit empfunden?
Weil ich dafür bekanntlich ungeeignet bin, erübrigt sich Ihre Frage. Niederbayrische Schädel kann man nicht einfach in jede Richtung biegen. Ebenso wenig ich diese Herkunft verleugne, würde ich es mit meiner afrikanischen tun. Außerdem kann man 1984 nicht mit heute vergleichen, obwohl das gesellschaftspolitische Klima sich seit der sogenannten Flüchtlingswelle verschlechtert hat und junge Menschen mit einem anderen kulturellen Erbteil schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Dialekt ist nochmals ein besonderes Indiz für kulturelle Verwurzelung.
Warum? Einen Dialekt spricht man nicht nur, man lebt ihn irgendwie auch. Eine Rolle in einem Film wie Gier nach Gold hilft vielleicht, den Menschen klarzumachen, dass Menschen anderer Hautfarbe, ob sie TV sind oder nicht, sich auch selbst als Teil der Kultur verstehen. Viele von ihnen kennen auch keine andere. Nun bin ich nur noch gespannt, ob Ihr mich da oben im Norden ohne Untertitel versteht (lacht).
Chrupallas Kontraste & Monks Rückkehr
Posted: January 29, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
22. – 28. Januar
Auch wenn das Medieninteresse leicht nachlässt: Die Großkundgebungen gegen alternative und andere Nazis gingen vorige Woche unverändert weiter – wobei Dunja Hayalis Interview mit dem parlamentarischen Geschäftsführer Bernd Baumann ebenso wie Olaf Sundermeyers Infight mit AfD-Führer Tino Chrupalla bei Maischberger hochinteressante Facetten rechter Reaktionen offenbarte.
Während wutbürgerliche Demonstrationen der Pandemie von pluralistischer Seite abgesprochen wurde, „das Volk“ zu repräsentieren, sprechen Rechte den mutbürgerlichen Demonstrationen dieser Tage ab, überhaupt Demonstrationen zu sein. Und sie beklagen dabei eine Ausgrenzung, die ihrer Politik wesenseigen ist. Am Dienstag zum Beispiel wurde dem ARD-Magazin Kontraste der Zutritt zu einem AfD-Bürgerdialog in Sachsen-Anhalt verweigert. Begründung: man wolle nur „seriöse Medien“ im Saal.
Was das Magdeburger Landgericht per einstweiliger Verfügung untersagte. Der nachfolgende Spießrutenlauf des Reportageteams ist am Donnerstag im Ersten zu sehen. Dort also, wo WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni laut einem Kress-Bericht kurz vorm Ukraine-Überfall ein Interview von Hubert Seipel – möge er in der AfD-Hölle schmoren – mit Wladimir Putin verhindert
Schließlich, so Ehni, habe der korrupte Antijournalist schon 2014 ein liebedienerisches PR-Gespräch mit dem Diktator geführt, als er die Pressefreiheit daheim längst vollumfänglich zerstört hatte. Das allerdings hindert Qualitätsmedien nicht daran, Putins Staatspropaganda wiederzukäuen. Zuletzt etwa, als sie verbreitete, an Bord eines abgeschossenen Flugzeugs saßen 80 ukrainische Kriegsgefangene.
Ob das stimmt, lässt sich nicht unabhängig prüfen. Aber gerade deshalb ist es so fatal, Meldungen wie diese auch nur zu erwähnen. In Russland gibt es keine Fakten, keine Realitäten, keine Wahrheiten mehr, die Putins Weltsicht widersprächen. Und damit zu etwas komplett anderem, sehr erfolgreichen: Mit Das Lehrerzimmer wurde neben Sandra Hüller und Wim Wenders auch eine ZDF-Koproduktion für den Oscar nominiert.
Die Frischwoche
29. Januar – 4. Februar
Während die Verleihung allerdings noch fünf Wochen hin ist, läuft Freitag bei Amazon Prime das Remake eines Hollywood-Blockbusters von 2005, der seinerzeit zu Recht keine Nominierung erhalten hatte, nun aber durchaus Fernsehpreise gewinnen könnte, Kategorie Krimikomödie: Mr. & Mrs. Smith. Anders als Angeline Jolie und Brad Pitt sind Maya Erskine und Donald Glover nämlich mehr als Eye-Candy.
Ihr scheinverheiratetes Auftragskillerpaar Jane und John kriegt acht Folgen lang reichlich Gelegenheit, unterhalb der schicken Oberfläche Untiefen pragmatischer Zwangsvereinigung auszuloten – und nutzt sie überaus ansehnlich. Etwas, das der dritten und letzten Staffel Sløborn parallel dazu in der ZDF-Mediathek für deutsche Katastrophenfilmverhältnisse ebenfalls ganz gut gelingt.
In der ARD-Mediathek macht Kida Khodr Ramadan bald das, was er seit knapp zehn Jahren praktisch unablässig tut: er spielt den Bandenkriminellen einer Serie, die das flutende Männerhormon darin sogar im Titel trägt: TESTO. Als Regisseur, Autor, Hauptdarsteller in Personalunion überfällt sein Gangster Keko darin mit den üblichen Komplizen (Veysel, Lau, Erceg) eine Bank, was sieben Teile à 15 Minuten maximal toxisch eskaliert. Na, ja…
Dann vielleicht doch lieber das sechsteilige Drama Hafen ohne Gnade vom Drogenumschlagsplatz Le Havre, ab Mittwoch in der ARD-Mediathek. Die drollige Cringe-Mockumentary Nathan for You, zeitgleich bei Paramount+ und Comedy Central. Oder ein Leckerli für Nullerjahre-Nostalgiefans: Mr. Monk’s Last Case, eine Art filmischer Abschluss der Comedy um den zwangsneurotischen Mordermittler, mit dem Magenta 14 Jahre nach dem vermeintlichen Serienfinale am Freitag auf Sendung geht.
Remigration & Masters of the Air
Posted: January 22, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
15. – 21. Januar
Das Unwort des Jahres, Jahr für Jahr verliehen von einer sechsköpfigen Jury aus Linguistik und Publizistik, die sich vor 30 Jahren von der Gesellschaft für deutsche Sprache abgespalten hat, wagt seit ausländerfrei von 1991 Spagate: Einerseits brandmarkt es öffentliche Formulierungen, die Humanität und Sachlichkeit widersprechen. Andererseits werden dabei gelegentlich Wörter angeprangert, die eigentlich das Gegenteil bezwecken.
Tätervolk (2003) oder Herdprämie (2007) zum Beispiel, womit Opfer und Täter rechter Politik umgedreht wurden. Remigration dagegen reiht sich logisch ins Vokabular reaktionärer Kampfbegriffe ein, die sich in bürgerliche Diskurse fressen wie die AfD in Parlamente. Deren Rückführungsfantasie war es denn auch, die bundesweit Hunderttausende gegen alte und neue Neonazis auf Straßen brachte.
Ein Thema, das tagelang die Top-Nachricht aller ernstzunehmenden News war und natürlich auch Caren Miosgas, nun ja, solides Talkshow-Debüt mit dem Stargast Friedrich Merz sowie ein paar Unsicherheiten zu Beginn und verblüffend langen Reportage-Einspielern im taubenblauen Studio tangierte. Auch, als die Journalistin Anne Hähnig und der Soziologe Armin Nassehi hinzustießen, blieb Caren Miosga zwar ein bisschen wackelig, aber das sind die üblichen Anfangsprobleme aller Hosts.
Und damit Dinge, mit denen sich im Dschungelcamp niemand herumschlagen muss. Was einerseits zum Wesen eskapistischer Fernsehunterhaltung gehört, andererseits aber auch damit zu tun hat, dass zum 20. Geburtstag niemand vor Ort ist, der/die jemals durch Äußerungen abseits der eigenen Aufmerksamkeitsökonomie aufgefallen, geschweige denn in der Tagesschau präsent gewesen wäre, die Ende Januar ihr populärstes Gesicht verliert: Judith Rakers.
Wer praktisch nie verliert, zumindest nicht bei den Emmys, ist Succession, diesmal mit vier Trophäen, also sechs weniger als der große Abräumer The Bear. Wer wirklich immer verliert, und das nicht nur bei den Emmys, ist hingegen Better Call Saul, in jeder Staffel mehrfach nominiert, in keiner ausgezeichnet. Warum auch immer…
Die Frischwoche
22. – 28. Januar
Das fragt eine Doku der ARD-Mediathek grad auch all jene, die zugeben: Wir waren in der AfD, wozu die Süddeutsche eine sehr kluge Antwort findet: Ihre Ex-Partei, schrieb sie in der Wochenendausgabe, „ist eine Einsamkeitsmaschine. Sie zieht einsame Menschen an – um sie noch einsamer zu machen.“ Während man Neonazis ihre Einsamkeit allerdings von Herzen gönnt, macht sie in der Prime-Serie Expats betroffen.
Nicole Kidman spielt eine Amerikanerin, die ab Freitag sechs Teile lang mit ihrer Familie ein wohlstandsverwahrlostes Luxusleben in Hongkong führt – bis eine Frau aus ihrer Vergangenheit das aseptische Idyll zur Hölle macht. Eine Eskalationsspirale, die Lulu Wang nach Yanice Lees Bestseller mit vier weiblichen Hauptfiguren in sedierter Seelenruhe vorantreibt.
Weniger Ruhe, dafür mehr Gewalt beinhaltet das Prequel des gefeierten Heist-Movies Sexy Beast, in dem Ben Kingsley 2000 sein Coming-Out als Schurke feiern durfte. Ab Donnerstag erzählt Paramount+ nun achtmal 50 Minuten, wie der Choleriker Don (Emun Elliott) den liebenswert windigen Safeknacker Gal (James McArdle) zum Supercoup bringen konnte – und das mit der gewohnten Routine britischer Ganovenstoffe.
Damals entstand auch etwas, das man der Popkultur vor rund 30 Jahren nicht zugetraut hätte: HipHop made in Germany. So heißt eine ARD-Doku, die ab Dienstag in der Mediathek dessen Aufstieg nachzeichnet, bevor am Freitag das wuchtigste Format der Woche startet: Masters of the Air – bekloppter Titel, famose Bilder von einer legendären US-Fliegerstaffel, die 1944 das Deutsche Reich bombardierte.
Produziert von Steven Spielberg und Tom Hanks, ist die neunteilige Weitererzählung ihrer Serien Band of Brothers und The Pacific erneut ein Glossar militärischer Techniken, nebenbei aber auch eine Milieustudio couragierter Kerle im Ausnahmezustand – die das beendet haben, woran Arte Dienstag mit Die Shoah in den Ghettos oder Sobibor – Anatomie eines Vernichtungslagers ab 20.15 Uhr erinnert: das größte aller Menschheitsverbrechen.
Frank Z: Abwärts, Krautrock, R.I.P.
Posted: January 19, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentEins, zwei, drei, go

Wie so viele von den Guten viel zu früh ist Abwärts-Sänger Frank “Z” Ziegert (Foto: Visions) am Mittwoch mit nur 66 Jahren gestorben. Als kleine Reminiszenz an einen grandiosen Punkrocker der ersten Stunde in Deutschland ist hier noch mal mein Interview mit ihm vor ziemlich exakt zehn Jahren.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frank, ist es beabsichtigt, dass manche Stücke auf eurer neuen Platte ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern?
Frank Z: Ach, echt? Interessante Wahrnehmung, aber nicht beabsichtigt.
Ist die minimalistische Prägung dennoch so eine Art Altersintellektualismus oder eher logische Konsequenz aus dem, was ihr seit fast vier Jahrzehnten macht?
Weder noch, würde ich sagen. Sie ist ein Versuch, zu experimentieren. Unsere letzten Platten waren ja eher punkorientiert, gingen aber dabei fast in den Industrial hinein. Da wollten wir diesmal etwas machen, das wieder minimalistischer ist. Deshalb lautet der Name ja auch „Krautrock“, der zwischendurch zum Schimpfwort verkommen war, aber eigentlich für ziemlich innovative Musik stand.
Aber ist Krautrock mit seinen psychedelischen Gitarrenflächen nicht genau das Gegenteil vom kühlen Minimalismus, den ihr hier ausprobieren wollt?
Wenn du dir so Sachen wie Can anhörst, gab es da durchaus minimalistische Soundstrukturen.
Ist das Krautrock-Element denn auch eine Reminiszenz an die musikalischen Wurzeln von Rockmusikern über 50?
Schon, aber auch eine Reminiszenz an uns selbst. Wir haben ja zum Beispiel drei Abwärts-Songs neu aufgenommen und zitieren auch sonst musikalisch viel aus den Achtzigerjahren. Wer sich ein bisschen in der Pop- und Punkgeschichte auskennt, wird bei uns immer wieder fündig, solange er denn sucht.
Aber seid ihr das denn überhaupt noch – Punk?
Zumindest kommen wir ursprünglich aus der Ecke und haben das zuletzt auch sehr gepflegt. Aber wir ticken gar nicht so konzeptionell. Was allerdings auffällt ist, dass die Arbeit an Krautrock viel arbeitsintensiver war als an den Alben zuvor.
Für Punkrock reichen halt drei Akkorde.
Genau. Eins, zwei, drei, go.
Was unterscheidet den Punkrock eurer frühen Jahre von dem der Gegenwart?
Gar nicht so viel, weil wir auch 1979 nie den schlichten Punk jener Zeit gespielt haben, sondern immer eher zwischen den Stühlen saßen, also experimenteller waren. So gesehen waren die Sachen des 21. Jahrhunderts mehr Punkrock als das, was wir in den Achtzigern gemacht haben. Man muss halt aufpassen, dass das, was man macht, kein reines Verkaufsargument ist. Wenn die Toten Hosen plötzlich eine Platte wie wir aufnehmen würden, wären doch alle völlig vor den Kopf gestoßen. Deshalb machen die immer wieder das Gleiche.
Ist euer Sound 1979 aus Rebellion oder Verweigerung entstanden?
Wir hatten zu Beginn jedenfalls ganz klar das Bedürfnis, mit unserer Musik auch was verändern zu können. Aber so was erledigt sich dann doch ziemlich schnell, weil man schnell merkt, als Musiker doch sehr begrenzten Einfluss aufs Große und Ganze zu haben. Wir können da höchstens Denkanstöße geben. Trotzdem war unsere Musik wie Punkrock generell auch Ausdruck einer bestimmten Wut, der wir Ausdruck geben wollten.
Hast du noch was von dieser Wut in dir?
Ein bisschen davon hab‘ ich mir bewahrt, das zieht sich noch immer durch unsere Texte. Klassische Liebeslieder findest du bei mir eher selten (lacht).
Eher schon Parolen wie Stahlbeton & Blechlawinen. Ist das auch so ein Zitat aus früheren Zeiten?
Nicht unbedingt, unsere Zitate sind eher musikalischer Natur.
Dieses hier klingt aber schwer nach Zurück zum Beton von Syph.
Das stimmt, jetzt wo du’s sagst.
An wen richtet sich das – Nostalgiker, die euch von Beginn an begleiten, oder neue Fans, die man damit noch überraschen kann?
An beide, hoffe ich. Auf unseren Konzerten findet man die Alten ebenso wie 16-, 17-Jährige. Wenn man sich mit „Krautrock“ echt auseinandersetzt, ist da für alle was dabei.
Abwärts hat sich in 35 Jahren gefühlt fünfmal aufgelöst und neu zusammengesetzt. Gab es die Band zwischenzeitlich eigentlich immer weiter?
Es gab immer mal Zeiten, wo in den Pausen viel passiert ist und welche, in denen es nichts zu sagen gab. Und wenn du als Künstler nichts zu sagen hast, dann lässt man es lieber. Unterm Diktat dieses zwanghaften Zyklus Platte-Tour-Platte-Tour wird man am Ende bloß kommerziell, nicht kreativ. Deshalb habe ich auch längst aufgehört, die Band auch als solche zu bezeichnen, sondern eher als Kunstprojekt mit wechselnder Besetzung.
Und dir als roten Faden.
Das kann man so sehen, Frank Z., der rote Faden.
Jetzt gehst du langsam auf die 60 zu…
(lacht laut)
Spürt man das in den Knochen oder rockst du das einfach weg?
Ach, ich bin relativ fit. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, ich kipp von der Bühne, würde ich es lassen. Wie das einige Altrocker durchziehen, finde ich eher absurd.
Du möchtest nicht als Rolling Stone enden.
Auf keinem Fall.
Heinz W. Hübner: Holocaust & Helmut Oeller
Posted: January 18, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDas war ein Psychoschock

Heinz Werner Hübner (1921-2005) ist WDR-Programmdirektor, als er 1979 Fernsehgeschichte schreibt, die US-Serie Holocaust ins Erste holt und Unionskreise gegen sich und seinen Sender aufbringt. Zum Ausschwitz-Gedenktag am 27. Januar dokumentiert freitagsmedien ein Interview mit Hübner, dass er 25 Jahre nach der Erstausstrahlung gab – und in Zeiten einer rechtsextremen Bundestagspartei neue Aktualität erhält.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Hübner, Hand aufs Herz – kannten Sie im Sommer 1978 bereits das Wort Holocaust?
Heinz Werner Hübner: Nein, der Begriff ist in Deutschland erst durch die Serie aufgetaucht. Vorher war er nur einer Minderheit bekannt, zu der ich damals offenbar noch nicht gehörte.
Nach der Ausstrahlung von Marvin J. Chomskys epochaler Serie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss im darauffolgenden Januar kannte ihn dann das ganze Land und hat darüber ausgiebig diskutiert. War Ihnen im Vorfeld bewusst, welche Macht das Fernsehen hat?
Dass es Einfluss auf die Meinungsbildung hatte, war klar. Aber nicht im Zusammenhang mit dem Holocaust.
Bundeskanzler Helmut Schmidt hat seinerzeit sogar eine Finanzdebatte im Bundestag unterbrochen.
Also damit war überhaupt nicht zu rechnen. Die Vorgeschichte ist ja so, dass die Serie schon in etlichen europäischen Ländern gelaufen ist. Es gab eine Diskussion, ob sie hier gesendet werden soll. Ich sagte, wenn wir es kaufen, haben wir eine große Diskussion, und wenn nicht, auch. Ein Rückzug war gar nicht mehr drin.
War das auch eine erzieherische Maßnahme?
Überhaupt nicht. Die Sender hatten Dutzende von Büchern und Schicksalen verfilmt. Dass das Thema zwischen 1950 und 1979 keine Rolle in den Medien gespielt hat, ist einfach falsch. Es gibt eine Parallele: als hätte es vor Günter Grass und der Gustloff keine Vertriebenendebatte gegeben. Das ist eine Wellenbewegung: Alle 25 Jahre entdecken die Menschen ein Thema und tun so, als sei es vorher nie erörtert worden.
Dennoch: Holocaust bewegte die Menschen mehr als alles zu diesem Thema zuvor. Wieso ausgerechnet dieser amerikanische Typ Spielfilm?
Das war vielleicht doch ein Psychoschock. Er hat angerührt und vor allem den Jüngeren klar gemacht, was wirklich passiert ist. Die ältere Generation, das ist kein Geheimnis, hat mit ihren Kindern nicht darüber gesprochen.
Erinnern Sie sich noch an die Debatte der Rundfunkanstalten?
Natürlich. Auf einer Tagung in Bremen ging es für die Programmdirektoren der neun Sender um den Sendeplatz, und Fernsehspielzeit war Mittwochabend. Dafür hatte ich eine Mehrheit von 5:4.
Dagegen war vor allem BR-Programmchef Helmut Oeller,
Genau. Und ich wollte niemanden vergewaltigen. Da kam mir der Einfall: wir senden es in den Dritten, aber innerhalb einer Woche. Mit Ausnahme Oellers waren alle dafür. Es gab danach eine Menge Kritik, die heftigste von der Welt, die am Tag vor der Ausstrahlung forderte, dass ich dieses Machwerk aus meiner Tasche bezahlen müsste. Oder so absurde, in England habe jemand einen Herzinfarkt bekommen, man könne das also den Menschen nicht zumuten.
War der Sendeplatz der kleinste gemeinsame Nenner, damit der BR nicht, wie von Oeller angedroht, aus dem Sendeverbund aussteigt?
Na ja, das hatte er schon oft getan. Also acht zu eins – da hätte der BR schon aussteigen können.
Wovor hatte er solche Angst?
Konservatives Unbehagen, möchte ich es mal nennen. Weil sie nicht genau wussten, wie es ankommt. Deutschland wurde total verunglimpft, einer dieser Anti-Nazi-Filme, wo Deutsche immer Unholde mit Hakenkreuz sind.
Dabei wurde den Zuschauern eine erschütternde, aber historisch holprige Familiensaga geboten, mit Hollywood-Pathos, relativ netten Nazis und wohlgenährten KZ-Häftlingen.
Ein filmisches Meisterwerk ist Holocaust sicher nicht.
Aber das Maximum des Zumutbaren.
Das halte ich für überspitzt. Die Mehrheit des Publikums wollte wie heute einfach nur unterhalten werden.
Ephraim Kishon hat damals gesagt, wer an Holocaust Kritik übe, sei verdächtig, weil er „den Antisemitismus wachruft“.
Auch das halte ich für überspitzt.
Also waren nicht alle Kritiker verkappte Antisemiten?
Das muss man die einzelnen Kritiker fragen. Der Erfolg jedenfalls war die Resonanz, zumal die dritten Programme nur minimal wahr genommen wurden. Hinterher gab es ja die Diskussionssendung mit einem Zuschaueranteil von bis zu 30 Prozent.
In den Anrufen und in Zuschriften fielen Begriffe wie Rotfunk, Volksmord oder Brunnenvergiftung.
Es gab zwar Beschimpfungen und Morddrohungen, aber das war der Bodensatz von fünf bis vielleicht sieben Prozent. Die Mehrzahl sagte, sie hätte zum ersten Mal begriffen, was damals überhaupt geschehen ist. Viel kam auch von Betroffenen, von Nachkommen, auch früherer SS-Angehöriger. Der kleine Rest waren Altnazis.
Bald nach Holocaust gründete das ZDF seine Redaktion für Zeitgeschichte unter Guido Knopp. Was halten Sie von seiner Form des Historytainments maximaler Emotionalisierung des Themas und Delegierung der deutschen Schuld auf Führungscliquen, die in spätestens Ende der Neunzigerjahre State of the Art des deutschen Fernsehens wurde?
Über Knopp will ich mich nicht auslassen. Diese Geschichtsklitterung mit der Masche, einzelne Schnipsel aneinander zu reihen, finde ich nicht gut und guck ich mir das nicht an.
Das Prinzip Knopp arbeitet eher ausgleichend auf und versieht deutsche Verbrechen gern mit Verweisen auf die der Gegner. Wären die Wogen 1979 so glatter geblieben?
Das glaube ich nicht. Und wir haben ja auch deutsche Geschichten gezeigt. Aber als der WDR plante, Dokumentationen über deutsche Städte im Bombenkrieg zu machen, haben wir das aufgegeben. Wissen Sie: die haben ja alle dasselbe erlebt und sagen alle dasselbe. Aus unserer Sicht brachte das nichts.
Gäbe es heute noch ein Format, mit der man Aufsehen erregen könnte wie 1979 mit Holocaust?
Kaum. Sie würden nie diese Zuschauerzahlen erreichen. Fernsehen war damals ein Erlebnis. Heute erreichen Sie mit Dokumentationen nicht mehr viele. Das ist das Wesen der Spaßgesellschaft. Sie fesseln damit nicht mehr die Nation.
Schauen Sie etwas wehmütig auf die Spielräume von damals?
Nein. Dafür sind die Möglichkeiten von heute, Fernsehen zu machen, so viel größer. Die Welt entwickelt sich, also was soll’s.
Fifa-Regel & Oderbrüche
Posted: January 15, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
8. – 14. Januar
Wenn der Rechtsstaat tüchtig zupackt: Drei Männer und eine Frau wurden vorige Woche vom Amtsgericht Berlin Tiergarten für ihren Angriff auf das Team der heute-show am Rande einer Querdenken-Demo 2022 verurteilt. Wobei der Rechtsstaat härter zugepackt hätte, sofern sich das Quartett stattdessen fürs Klima ans Pflaster geklebt hätte. So brachte der Angriff auf die Säule unserer Demokratie Bewährungsstrafen – mit absolut absurder Begründung.
Denn strafmildernd wirkte das „Geständnis“, sie hätten ihre Opfer leider mit „Personen aus dem rechten Spektrum“ verwechselt. Schließlich laufen die massenhaft mit professionellem Fernsehequipment über Schwurbeldemos und stellen Systemfeinden kritische Fragen. Warum man die attackierte Pressefreiheit allerdings auch nicht überbewerten darf, zeigte kurz zuvor der ZDF-Kollege Mitri Sirin.
Beim bundesweiten Beckenbauer-Gedenken befragte der heute-Moderator am Montag seinen Sportskollegen über die dunklen Seiten des Kaisers. Markus Harm verstieg sich dabei zur ungeheuerlichen Entgleisung, nicht nur die Steuerhinterziehung oder Sklavenblindheit des Verstorbenen zu unterschlagen; er billigte Beckenbauers Bestechungsskandal mit dem denkwürdigen Satz, noch nie sei eine WM „so billig“ gekauft worden wie 2006, wofür der Franz halt nach den Fifa-Regeln spielen „musste“.
Wenn Deutsche um deutsche Helden kämpfen … werden sie publizistisch eigentlich nur dann noch etwas sanfter angefasst, sofern deren Trecker das halbe Land lahmlegen. Dafür hatte dann auch Jessy Wellmer in den Tagesthemen Verständnis. Obwohl die ausgebildete Sport-Moderatorin das Nachrichten-Fossil im Rahmen ihrer Möglichkeiten überaus souverän präsentierte.
Auf einem Sender übrigens, der wie alle anderen Publikum verliert. Laut einer Studie der AGF Videoforschung sank die tägliche Nutzungsdauer 2022 von 213 auf 195 Minuten, während die Gesamtzahl der Zuschauerinnen und Zuschauer seit 2017 um fünf Millionen abnahm. Obwohl Tatort oder Tagesschau weniger betroffen sind, hängt digitales das lineare Fernsehen somit weiter ab.
Die Frischwoche
15. – 21. Januar
Der Einsatz in Stuttgart am kommenden Sonntag (Zerrissen) dürfte also wie das heutige Vorrundenspiel der Handball-WM Deutschlands gegen Frankreich oder der Start des 278. Dschungelcamps wieder hoch im siebenstelligen Bereich landen, während das hervorragende ARD-Porträt Juan Carlos – Liebe, Geld, Verrat in der Mediathek besser laufen könnte. Ein Ankauf übrigens von Sky, wo parallel die 4. Staffel True Detective startet.
Zehn Jahre nach der gefeierten Premiere, kommen dort erstmals zwei Kommissarinnen zum Einsatz, darunter Jodie Foster. Das Ergebnis reicht an ihre Vorgänger Matthew McConaughey und Woody Harrelson heran. Mit acht Folgen ist die Serie verglichen mit einer deutschen allerdings raspelkurz. In Pumpen porträtiert Neo ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek 25 Folgen à 22 Minuten lang den Existenzkampf einer Magdeburger Muckibude.
Und das ist zwar angemessen billig produziert, hat dank des frischen Casts einer tiefgründig humorvollen Handlung zwischen Body-Shaming und Solidarität durchaus seine Stärken. Was für die Überraschung der Woche umso mehr gilt: Oderbruch. So heißt nicht nur Deutschlands äußerster Osten, sondern ein Mystery-Thriller von Christian Alvart, Adolfo J. Kolmerer und Arend Remmers.
Klingt nach der düsteren Effekthascherei von Dark bis Schnee, ist aber eine intime Regionalstudie mit Gruselfaktor, die ab Freitag in der ARD-Mediathek mit relativ wenig Theaterdonner auskommt und dennoch das Gros der acht Teile fesselt. Ob das auch für den Netflix-Film 60 Minuten gilt, worin der Ostberliner Emilio Sakraya zeitgleich einen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer spielt? Na ja…
Mehr Stil als Muskelmasse verbreitet währenddessen das spanische Biopic vom spanischen Mode-Zaren Cristóbal Balenciaga bei Disney+, während die Prime-Serie Hazbin Hotel ein Horrormusical animiert, bevor Sky sich wahrhaft bedrückender Real Crime widmet. Last Call Killer rekapituliert ab Samstag vier Teile lang die Morde im queeren New Yorker Milieu der frühen Neunziger und damit ein liberales Land im Griff reaktionärer Gewalt.
Fahnenmeere & Beckenbauer
Posted: January 8, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
1. – 7. Dezember
Wer Wintersport kommentieren möchte, benötigt exakt drei Kernkompetenzen, um für ARD und ZDF ans Mikro zu dürfen: Das Publikum wird pro Übertragungsminute vier- bis vierzigmal für seine Begeisterungsfähigkeit gelobt. Zu Beginn, in der Mitte und am Ende aller Interviews hat jede(r) Athlet(in) zu bestätigen, wie „fantastisch“, „gigantisch“ oder „phänomenal“ die Zuschauer seien! Und falls die Antwort zu nüchtern gerät, drücken Fahnenmeere national beseelter Fans das Bild gerade.
Als gäbe es ein weisungsbefugtes Wintersportpropagandaministerium, betreiben Marketingbeauftragte von Lea Wagner und Jens-Jörg Rieck bis Lena Kesting und Christoph Hamm Produkt-PR in eigener Sache, die den Selbstzerstörungsmechanismus ihrer Presseausweise auslösen müsste – hätten sie beim Eintritt ins öffentlich-rechtliche Selbstbeweihräucherungsfernsehen nicht ihr Berufsethos an der Garderobe abgegeben.
Anders als politischer darf sportlicher Journalismus naturgemäß zwar parteiisch sein; der schwarzrotgoldene Rausch allerdings, dem besonders die kommentierenden Skisprung- und Biathlonbrigaden im Ersten und Zweiten oft verfallen, ist so aasig, dass die Moderation der mitreißenden Darts-WM bei Sport 1 dagegen geradezu vorbildlich war. Wobei der wahrhaftigste Wettstreit ohnehin online lief.
Bei FreeVee oder Youtube ging die dritte Staffel 7 vs. Wild zu Ende. Und sie belegt aufs Neue, wie gehaltvoll Trash-TV sein kann, wenn die Selbstdarsteller*innen derart unverstellt agieren. Es war ein bemerkenswerter Start ins erste Jahr der deutschen Produktionsbranche ohne Magenta TV, Sky, Servus und Sat1, wobei sich letztere bislang nur faktisch, nicht offiziell von Inhalten verabschiedet hat.
Die Frischwoche
8. – 14. Dezember
Von publizistischer Distanz hatten sich bislang fast alle Autoren liebedienerischer Porträts populärer Sportskanonen wie Kaiser Franz verabschiedet. Nach monarchistischen PR-Beauftragten wie Thomas Schadt oder Thomas Klinger, wagen sich heute Abend nun Philipp Grüll und Christoph Nahr ans Denkmal Beckenbauer – und siehe da: die ARD-Doku durchleuchtet den bestechungsaffinen Steuerflüchtling mit Katar-Fimmel um 20.15 Uhr geradezu kritisch.
Kurz vorm 20. Geburtstag des RTL-Turmspringens, das am Freitag weitere Bauchklatscher landet, wird Paul Rutmans Old Case in der Apple-Serie Criminal Record ab Mittwoch acht Teile lang zu einem Cold Case, der Englands rassistische Klassenjustiz an den Pranger stellt und nebenbei sehr anspruchsvoll inszeniert wurde. Einen unaufgeklärten Mord der 70er Jahre stellt derweil die Magenta-Serie Steeltown Murders ab Freitag vier Folgen nach.
Irgendwie ebenfalls fiktional und dennoch in der Realität verankert ist die quirlige Neo-Serie The Outlaws. Während sie als Strafersatz ein altes Haus in Bristol renovieren, geraten sieben Kleinkriminelle um den unvergleichlichen Christopher Walken dabei sechsmal 60 Minuten in einen Strudel großkrimineller Verwicklungen – was unter der boshaften Synchronisation nicht nur britische Leichtigkeit entfaltet, sondern einen Gimmick, der mit dem Street-Art-Künstler Banksy zu tun hat.
Zwischendurch repetiert Disney+ mit Echo ab Mittwoch dann noch ein weiteres fünfteiliges Superheldenactiongefasel Marke Marvel, bevor Bülent Ceylan zwei Tage3 später in der ARD-Mediathek seine Comedy-Show Babbel Net! fortsetzt, was zwar wie immer nicht jedermenschs Sache ist, aber sechs Episoden lang sehr aufrichtigen Alltagshumor vermittelt.



