GoT: A Knight of the Seven Kingdoms
Posted: January 28, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentRutsch ins Ritterbiz
A Knight of the Seven Kingdoms, nach House of the Dragon das zweite Prequel des Game of Thrones, macht vieles anders als im Original und dabei viel richtig. Neben zwei außergewöhnlichen Hauptfiguren ist das vor allem sein Humor. Und ein erfrischender Mangel an Heldentum.
Von Jan Freitag
Und dann wallt sie auf, die Titelmelodie, eher schon ein Choral: Ramin Djawadis Soundtrack, der Game of Thrones zur Serienlegende machen half. Nur wenige Minuten ist das zweite Prequel nach House of the Dragon dabei, die Vorgeschichte der Drachensaga zu erkunden, als sich das weltberühmte Cello durchs Fantasy-Szenario von A Knight of the Seven Kingdoms wühlt – und dann? Bricht es abrupt ab. Denn Ser Duncan muss erstmal, pardon: scheißen. Sittsamere Umschreibungen wie „auf Klo“ wären angesichts der unverblümten Art, wie sich der Ritter unter einem Baum erleichtert, einfach unangemessen.
Soweit also alles ähnlich explizit wie im Original der Showrunner David Benioff und D. B. Weiss. Nie zuvor und nur selten danach ging es in einer Blockbuster-Serie vulgärer zu. Getötet, gelitten, gehurt, gestorben, gefoltert, gedemütigt, geschändet, gequält – was immer Menschen miteinander anstellen: GoT hat es in so drastische Bilder gepackt, dass man mitunter kaum hinsehen konnte – und es doch 73 Folgen fast zwanghaft tat. Wenn die Geschichte nun rund 90 Jahre rückwärts zu George R.R. Martins dreiteiligem Spin-off Tales of Dunk and Egg reist, bleibt also einiges beim Alten. Wenngleich nicht mal annähernd alles.
Das beginnt bereits bei Djawadis ikonischer Musik, die nach dem Stuhlgang-Auftakt nicht mehr zu hören sein wird. Es geht aber auf nahezu jeder Handlungsebene weiter. Anders als House of the Dragon nämlich, mit dem Benioff und Weiss ihr Game of Thrones 200 Jahre zuvor historisch hergeleitet hatten, erzählt A Knight of the Seven Kingdoms eine weitestgehend autarke Story abseits vom dynastischen Intrigantenstadl der Lennisters und Starks. Mit einer Hauptfigur, die deren Armee elitärer Superkämpfer ferner kaum sein könnte.
Dem Serientitel nach mag Ser Duncan (Peter Claffey) zu einer Zeit, da die Sieben Königreiche noch vom Drachengeschlecht Targaryon regiert werden, ein Mann von edler Geburt sein. Schon die Eingangssequenz aber belegt, dass er ins Ritterbusiness eher so reinrutscht als hineinzugehören. Kurz nachdem der Knappe des altersschwachen Ser Arlen seinen langjährigen Meister bei Nacht und Nebel begraben muss, versucht er dessen Erbe anzutreten. Mehr als Schild plus Schwert und drei Pferde weisen „Ser Duncan the Tall“, wie sich der zerlumpte Koloss fortan nennt, zwar nicht als Aristokrat aus. Dafür ist sein Streben nach Anerkennung fast ebenso unerschütterlich wie seine Bescheidenheit.
Damit haben Owen Harris und Sarah Adina Smith nach Drehbüchern des GoT-erfahrenen Hauptautors Ira Parker einen Charakter kreiert, der vom Gardemaß handelsüblicher Fantasy-Helden fast noch weiter abweicht als Peter Dinklages kleinwüchsiger Tyrion Lennister im Original. Schließlich ist Ser Duncan selbstkritisch, zuvorkommend, rechtschaffen, anständig, ein bisschen schlicht gestrickt vielleicht, aber auf grobschlächtige Art bauernschlau, dabei sehr sympathisch und damit das genaue Gegenteil von, sagen wir: Tyrions Bruder Jamie.
Beim Versuch, am Ritterturnier von Ashford teilzunehmen, sind das allerdings definitiv keine Eigenschaften, die einen Krieger im Hauen und Stechen mittelalterlicher Riten und Gebräuche sonderlich voranbrächten – hätte er keinen Wegbegleiter von noch eigentümlicherer Gestalt: ein kahler Neunmalklug von vielleicht zwölf Jahren namens Egg (Dexter Sol Ansell), den – natürlich – ein biografisches Rätsel umweht. Sechs halbe Stunden lang weicht er Ser Duncan nach kurzer Kennenlernphase nicht mehr von der Seite und sorgt dabei für etwas, das im „GoT“-Imperium bislang bestenfalls Nebenrollen spielte: Heiterkeit.
Allein schon die Vielzahl alltagsphilosophischer Dialoge, in denen sich das ungleiche Gespann näherkommt, hat in jeder Episode mehr Humor als ganze „Game of Thrones“-Staffeln. „Ich bin sogar klein für mein Alter“, sagt Egg einmal auf seinen Wuchs angesprochen. „Früher sagten alle, ich sei dumm“, entgegnet Dunk daraufhin. Pause. „Und?“, fragt Egg. So debattiert das originellste Odd-Couple seit langem ständig. Und kriegt dabei scherzhaftes Geleit von Lynoel Baratheon. Wie bereits in Guy Ritchies Ganoven-Groteske „The Gentlemen“ spielt Daniel Ings das schwarze Schaf seines Adelsgeschlechts auf so impertinente Art megalomanisch, dass man aus dieser Figur glatt ein eigenes Spin-off machen könnte.
All das macht A Knight of the Seven Kingdoms zur amüsanten Weitererzählung eines eigentlich längst auserzählten Stoffes. Mit etwas Wohlwollen könnte man ihn gar als kleinen Kommentar auf eine Klassen- und Statusgesellschaft sehen, gegen die sich Dunk and Egg couragiert auflehnen. Vor allem aber gelingt es der Serie, den strukturellen Heroismus von George R.R. Martin in Gestalt benachteiligter, verwundeter, zerkratzter, aber angenehm resilienter Protagonisten zu brechen. Wie Ser Duncan mit jedem Schritt auf seinem Weg zur Standesmäßigkeit ein wenig versehrter aussieht und dennoch immer ganz bei sich bleibt – das ist schließlich nicht nur herzzerreißend, sondern ungeheuer empathisch.
„Müsst ihr mich verspotten?“, fragt er einmal zwei Prostituierte, die sich über sein Erscheinungsbild lustig machen. „Ich wollte doch nur Hilfe.“ So viel menschliche Größe abseits testosterongesättigter Kampfkraft sucht man in Martins Song of Ice and Fire sonst ebenso vergeblich wie Zurückhaltung beim Zeigen kriegerischer Gemetzel. Hier besteht die härteste Schlacht eigentlich in einem Tauziehen. Schon deshalb wäre eine Fortsetzung der Fortsetzung unbedingt wünschenswert – und alles andere als unwahrscheinlich.
30 Jahre Harald Schmidt Show
Posted: December 21, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentZwischen Hildebrandt und Mario Barth
Vor ziemlich genau 30 Jahren lief bei Sat1 die erste Harald Schmidt Show. (Foto: Sat1) Nach ein paar Pleiten mit Gottschalk und anderen, war die erste echte Late Nite ein absoluter Wendepunkt in der deutschen Fernsehunterhaltung. Zum Guten wie zum Schlechten.
Von Jan Freitag
Das Feuilleton, dieses hochkulturelle Scherbengericht der Mediendemokratie, ist traditionell nicht allzu gut aufs Privatfernsehen zu sprechen. Bevor unterhaltsame Moderatoren wie Joko und Klaas sogar fürs öffentlich-rechtliche Wettsofa in Frage kamen, gehörte es daher zum guten Ton angesehener Kulturressorts, über Kommerzkanäle wie ProSieben bestenfalls die Nase zu rümpfen. Normalerweise jedoch herrschte ein Tonfall kultivierter Verachtung. Bis zum 5. Dezember 1995.
Damals betrat einer der Ihren die Bühne des – vergleichsweise seriösen – „Kanzlersenders“ Sat1 und wagte den dritten Versuch, amerikanische Late Night Shows einzudeutschen. Die RTL-Herren Gottschalk und Koschwitz, beide wie in Dax-Vorständen üblich Thomas mit Vornamen, waren daran zwar gescheitert. Ein katholisches Kind sudetendeutscher Schwaben aber brachte neben seiner öffentlich-rechtlichen Erfahrung in der WDR-Comedy „Schmidteinander“ noch etwas anderes, weitaus wohler gelittenes mit: sein Bildungsbürgertum.
Als Harald Schmidt vor 30 Jahren erstmals die selbstbetitelte Show moderierte, war das Feuilleton folglich nur kurz geschockt. Anders als seine US-Vorbilder wie Jay Leno begann er die Premiere mit einer losen Folge billiger Zoten. Viele davon übers Liebesleben des virilen Fußballers Lothar Matthäus. Der saftelnde Sound (gern zulasten marginalisierter Gruppen) sollte allerdings nicht nur sein Debüt prägen; er blieb das Markenzeichen von „Dirty Harry“, wie Harald Schmidt bald darauf gern genannt wurde.
„Witzeln, nicht Witz, Tusch statt Pointe“, klagte der jetzige Zeit-Herausgeber Josef Joffe seinerzeit in der Süddeutschen Zeitung über die „misslungene Letterman-Kopie“, wie das Sonntagsblatt sekundierte. Darüber hätte Programmchef Fred Kogel nur milde gelächelt – wären die Einschaltquoten, damals wie heute Goldstandard des dualen Systems, besser gewesen. Anfangs bei fast zwei Millionen Zuschauern, sanken sie bald auf sechsstelliges Niveau und verharrten dort.
Offenbar wirkte das deutsche Publikum nicht reif fürs formatierte Late-Night-Besteck aus Stand-up, Sketchen, Talkshow. Vielleicht sahen es viele als unverfroren an, ein zugeschaltetes Interview von Thomas Gottschalk mit dem neuen 007 Pierce Brosnan brachial abzuwürgen. Vielleicht war ihnen Helmut Zerletts peitschende Studioband zu amerikanisch. Vielleicht fanden sie Blondinenwitze à la „Hausfrauenkongress Madrid. Programmpunkte sind: autogenes Training gegen Kalkpanik, Rückwärtseinparken und – seit Monaten ausgebucht – Was ist Abseits?“ auch einfach nicht witzig.
Tatsache ist: Schmidts „sexuelle, aggressive, tendenziöse Komik gegen Frauen, Polen, Ostdeutsche“, die der Münchner Mediensoziologin Karin Knop auf den Keks ging, lief monatelang unter der Aufmerksamkeitsschwelle. Wer sich schon damals auf die breiten Schenkel klopfte, sah zwar womöglich auch wohlwollend über Gottschalks Knie-Fummeleien hinweg und hielt „Tutti Frutti“ für gute Unterhaltung. Aber es waren halt schlicht zu wenige. Bis das Feuilleton einsprang.
Für seine Jubiläumssendung vom 5. Dezember 1996 nämlich wurde Harald Schmidts Show vom Grimme-Institut gewürdigt. Und weil ihm fortan reihenweise Fernsehpreise zuteilwurden, begann die Hochkultur der Tiefkultur zu huldigen. Popliterat Rainald Goetz verglich den gelernten Kirchenmusiker sogar mit Adorno. Und dass er Bochums Sinfonieorchester im Studio begrüßte, Prince am Mikro oder den Ruhepol Manuel Andrack als Sidekick, ließ selbst sittenstrenge Kritiker die heitere Niedertracht dahinter tolerieren.
Misogynie und Rassismus, „Die dicken Kinder von Landau“ und Mohrenköpfe, Ossi-Bashing, Bodyshaming und das volle Programm kultureller Aneignung: Schmidts politisch unkorrekter Provokationshumor machte ihn zu einer Art distinguierter Maßanzugausgabe des Rammstein-Frontschweins Till Lindemann ohne Groupies unter und Pimmel auf der brennenden Bühne. Doch obwohl er – abgesehen von Juden – auf alle(s) und jede(n) abwärts der eigenen Komfortzone eintrat, mündete Schmidts Kloake mit dem Wechsel zur ARD 2004 endgültig im bürgerlichen Mainstream. Nur leider nicht rückstandslos.
Zu einer Zeit nämlich, als Emanzipationsbewegungen im rot-grünen Fahrwasser erstmals seit Willy Brandt die Deutungshoheit über die Profiteure soziokultureller Privilegien erlangten, galt seine Impertinenz als Akt der Befreiung gegen vieles, das heute unter „woke“ firmiert. Bei Harald Schmidt lachte sich die Mehrheitsgesellschaft ihre Minderheitenverachtung schön und kaschierte es mit einem „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“, die jede Kritik daran als „Man-darf-ja-gar-nichts-mehr-sagen“ abbügelt.
Nur weil der WDR vor Passagen alter Schmidteinander-Folgen warnt, die „heute als diskriminierend“ gelten, ist deren Urheber natürlich kein Nazi – da kann er sich noch so fröhlich beim Sektempfang mit Rechtsaußen wie Hans-Georg Maaßen anstoßen. Sein kalkulierter Slalom durch Hochkultur und Tabubruch, Dieter Hildebrandt und Mario Barth, Jungliberale und CSU-Stammtisch sprengt allerdings bis heute Grenzen des Sagbaren. Das gefällt Björn Höcke wohl besser als Klaas Heufer-Umlauf, Ralf Husmann oder Ralf Kabelka, die seinerzeit an Schmidts Humor gefeilt haben.
Der war übrigens oft ebenso gut wie seine Talkshow-Gespräche. Harald Schmidt hat nachweislich frischen Wind durch die verstaubte Nachkriegsunterhaltung geblasen. Nur dass man sich daran dank seiner Polarisierung kaum noch erinnert. „Im deutschen Fernsehen muss man entweder kochen, singen oder im Dschungel verrotten“, sagte er nach dem Aus seiner Show bei Sky vor elf Jahren und fügte hinzu: „Ich habe mich für den Ruhestand entschieden.“ Möge er ihn auch künftig in der Freiheit genießen, alles sagen zu dürfen, was ihm beliebt.
Leck-mich-Faktor auf XXL-Format
Mit seiner Late Night Show wurde Harald Schmidt vor 30 Jahren zum Posterboy tabufreier Unterhaltung. Hat er damit womöglich den Rechtsruck befördert? Ein würdigender Denkanstoß.
Von Jan Freitag
Es war ein, nun ja – nicht gerade ein Erdbeben, aber doch schon ganz schön erschütternd, was am 5. Dezember 1995 auf dem ehedem (Ältere erinnern sich dunkel) sehr relevanten Privatsender Sat.1 geschah. Ein graumelierter Mann mit viel zu weitem Jackett über viel zu gemusterter Krawatte betrat da ein typisches Neunzigerjahre-Studio und begrüßte sein Publikum mit „mein Name ist überraschenderweise Harald Schmidt“. Die zugehörige Show trug zwar nicht als erste den Namen des viel zu lauten Moderators. Danach aber war das Unterhaltungsland der Gottschalks, Elstners, Kulenkampffs ein anderes. Was angesichts anderer Umwälzungen jener dualen Fernsehtage schon einiges heißt.
Vor exakt 30 Jahren war es schließlich bereits gehörig in Unordnung geraten. Die werbefinanzierten TV-Frischlinge um RTL herum hatten das Revier öffentlich-rechtlicher Platzhirsche mit Heißem Stuhl, Daily-Talks und „Tutti Frutti“ bereits rücksichtslos untergraben – da schoss ihnen der schwäbische Kirchenmusiker nach Schmidteinander und Pssst… die nächste Ladung despektierlichen Schrots in das öffentlich-rechtliche Gewissen. „Sie hat mich reingelegt: Väter wider Willen“, zitierte er zum Auftakt der bis heute wirkmächtigsten Late Night Show die aktuelle Nachmittagserniedrigung seines angeblichen Vorbilds Hans Meiser.
Es folgte der erste von gefühlt 1800 Zoten aus dem Liebesleben von Lothar Matthäus, die auch in gut 1800 Folgen danach das Durchschnittsniveau der Harald Schmidt Show mitgeprägt haben: die heitere Verachtung gesellschaftlich marginalisierter Gruppen ohne Gift und Galle sexistischer Rassisten oder umgekehrt. Denn anders als so viele Brachial-Entertainer ihrer Zeit, wurde der Sohn streng katholischer Sudeten nicht nur ins Neu-Ulmer Herz der nivellierten Wirtschaftswunderrepublik hinein geboren. Fast 40 Jahre später hob er sie mit bildungsbürgerlichem Gestus aus den Angeln.
Wenn Männer schwanger werden können, heißt das dann umgekehrt, Frauen können in Zukunft auch Auto fahren?
Im US-erprobten Ablauf von Stand-up, Live-Musik, Schlagzeilenanalyse und Einzeltalk jonglierte „Dirty Harry“ virtuos zwischen „Hochkultur und Stammtisch-Zote, Falschwitz und tiefgründigem Gespräch“, wie es die Medienpädagogin Barbara Hornberger in ihrem Essay „Harald Schmidt als Meister der Distanz“ mal beschrieb. Im Gegensatz zu David Letterman oder Jay Leno trat er allerdings dorthin, wo es seine Vorbilder kaum je taten: nach unten. Und dafür muss man noch nicht mal „Die dicken Kinder von Landau“ bemühen. Es reicht ein Blick nahezu in jede seiner – zumindest frühen – Shows.
Trotz (oder wegen?) verheerender Quoten im sechsstelligen Bereich ließ ihn Sat1 ein Jahr lang Ausländerwitz an Blondinenwitz an Ossiwitz an Unterschichtenwitz reihen. Mit seiner „tendenziösen Komik“ der „kalkulierten Grenzüberschreitung“, meint Barbara Hornberger, habe er „bewusst die Grenzen und Tabus“ übertreten und sich damit „einerseits Aufmerksamkeit, andererseits öffentliche Empörung“ verdient. Dass auch die Stars und Sternchen auf seinem Sessel vor Schmidts Respektlosigkeiten nicht verschont blieben, führte zwar zu ungeheuer originellen Interviews. Es änderte aber wenig am Kernproblem der Harald Schmidt Show: Sie wurde zum Hochamt des gediegenen „Das-wird-man-ja-wohl-noch-mal-sagen-dürfen“.
In Polen gibt es jetzt auch Viagra. Viele Polen nehmen es gar nicht selbst, weil – sie haben in der Hose kein Platz für noch ‘ne zweite Brechstange.
Parallel zur Popularisierung der Volksmusik durch Superhits von Herzilein bis Holzmichl und dem Aufstieg misogyner Stand-up-Patriarchen wie Mario Barth oder Atze Schröder, half Harald Schmidt dem grassierenden Populismus damit zumindest auf die Sprünge. Den Operetten-Fan mit „Traumschiff“-Kabine deshalb ins recht(sradikal)e Eck zu stellen, wäre trotz anhaltender Attacken auf Genderwahn, Sprachpolizei und Feminismus zwar überinterpretiert. Nur weil Harald Schmidt beim Sektempfang der nationallibertären Schweizer Weltwoche mit Hans-Georg Maaßen und Matthias Matussek plaudert, ist er noch lange kein Steigbügelhalter selbsterklärter Alternativen für Deutschland.
Doch ohne die intellektuell verbrämte Banalisierung diskriminierender Witze über alles, was Alice Weidels Weltbild widerstrebt, hätte sie es womöglich nicht so weit ins Rampenlicht der Demokratie geschafft. Dass Harald Schmidt seine Show – die er als einer der ersten Entertainer mit seiner Produktionsfirma Bonito auch eigenhändig herstellte – spätestens seit ihrem Wechsel zur ARD 2004 sprachlich abgerüstet hat, ändert wenig an dieser beiläufigen Ursünde des kommerziellen Unterhaltungsprogramms.
Zumal er bis heute wenig bis gar keinen Hang zur Selbstreflexion zeigt. Im Gegenteil. „Keinen einzigen“, antwortet er zackig, als ihn das österreichische Magazin profil vor drei Jahren nach Witzen fragt, die er bereue. Damit stimmt der 68-Jährige in den Chor seiner Generation um Hallervorden, Gottschalk, Dieter Nuhr ein, die sich in Ermangelung jedes Privilegien-Bewusstseins als Verfolgte einer feindlich gesinnten, linksliberalen, woken Moderne betrachten.
Zirkus Krone hat ein Solarium für Pferde. Man hat nämlich festgestellt, dass Pferde gesünder sind, wenn sie regelmäßig unter dem Solarium stehen. Es ist also bei ‘Krone’ wie im ganz normalen Sonnenstudio – alles voller Araber.
Das ist auch deshalb schade, weil die Harald Schmidt Show immer dann herausragend unterhielt, wenn ihr Host Zynismus kurz mal durch Ironie ersetzt und damit Entertainment auf Augenhöhe geboten hat. Das zeigte er schon bei der Premiere anno 1995, als er ein inhaltsleeres Interview des zugeschalteten Thomas Gottschalk mit dem Bond-Darsteller Pierce Brosnan geringschätzig, aber völlig zu Recht abwürgte. Perfekt auf den Punkt brachte er es dann allerdings knapp 13 Jahre später. Damals machte er seinen Sidekick Oliver Pocher dafür öffentlich rund, dass „so’ne kleine miese Type“ wie üblich nach unten trat, im Mega-Ego der Rapperin Lady Bitch Ray aber die Falsche traf.
Ob sein Chef mit diesem Affront vor laufender Kamera am Ende ein Stück weit auch sich selber meinte, sei mal dahingestellt. Es deutet aber an, was Harald Schmidt nicht zum ersten, aber besten Late-Night-Talker im Land der Primetime-Plauderer machte: die elaborierte Regelverachtung. Oder wie er es im profil-Interview ausdrückt: „Leck-mich-Faktor auf XXL-Format“. Hätte er dieses Talent nicht nur zur passiv-aggressiven Selbstbeweihräucherung genutzt: hier stünde jetzt ein anerkennender Nachruf auf eine der einflussreichsten Fernsehsendungen der linearen Epoche.
Schließlich haben sich all seine Epigonen von Anke Engelke über Kurt Krömer bis Edin Hasanovic vergeblich am Monolith des geselligen Grenzübertritts abgearbeitet, aber niemals seine Leichtigkeit erreicht. So aber warnt der WDR irgendwie stellvertretend für alle anderen Formate von und mit Harald Schmidt unter archivierten Schmidteinander-Ausgaben, sie enthielten „Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.“ Kleiner Hinweis noch nach Köln: das wurden sie damals auch. Es war Harald Schmidt bloß bestenfalls egal.
Being Jérôme Boateng
Posted: December 12, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentBolzplatz, Bayern, Boulevard
Jérôme Boateng war (Foto: ARD) schon vieles: Aufsteiger, Fußballstar, Stilikone, Rassismusopfer, Integrationsfigur, Frauenschläger, Straftäter. Eine ARD-Doku versucht gerade all seinen Persönlichkeiten gerecht zu werden. Besonders seine Gewalt gegen Frauen bleibt seltsam unterbelichtet. Auch deshalb distanzieren sich mittlerweile mehrere Gesprächspartner:innen von der Doku.
Von Jan Freitag
Wandlungsfähigkeit ist in der digitalen Unterhaltungsökonomie von unschätzbarem Wert. Seriencharaktere zum Beispiel, die sich von der ersten bis zur letzten Episode nicht verändern? Langweilig! Und warum bitte ist ein vielfach gefallener, aber ebenso oft aufgestandener Tennisstar aus Leimen fast drei Jahrzehnte nach seiner siegreichen Ära noch immer ständig in aller Munde? Weil er für großes Entertainment steht! Da lohnt sich ein Blick auf Boris Beckers lange Zeit schillerndsten Rampenlichtkollegen doch umso mehr.
Von Wilmersdorf zum Wedding, vom Bolzplatz zum Bayernstar, vom Weltmeister zum Trendsetter, vom Rassismusopfer zum Gewalttäter, vom Parvenü zum Paria – alles in einem Bruchteil jener Zeit, die unser Bobele bereits in der Achterbahn des hiesigen Boulevards sitzt: Jérôme Boateng. Landauf, stadtab sorgt allein sein Name fast sieben Jahre seit seinem letzten Länderspiel noch verlässlich für Schnappatmung. Man könnte also fragen, ob es nach all dem Klatsch & Tratsch, nach Biografien, Podcasts plus Abertausend Schlagzeilen eines weiteren Porträts bedarf. Anna Grün und Ulrike Schwerdtner meinen: Ja.
Denn weil sich im Porträtierten „gesellschaftliche Erwartungen und mediale Dynamiken“ spiegeln, wollte das Produzentinnen-Duo „diese komplexe Biografie erzählen“. Und dafür hat es nicht nur die versierte Co-Regisseurin Annette Baumeister gewonnen, sondern fast wichtiger noch: den Porträtierten selbst, der buchstäblich aus erster Hand erzählt, wie es ist, er selbst zu sein. Oder wie man neudeutsch titelt: Being Jérôme Boateng.“ Unter diesem Label hat die ARD schon ähnlich polarisierende Topsportler porträtiert. Jan Ulrich, zuletzt Franziska van Almsick, demnächst Katharina Witt.
Mit der genretypischen Chronologie von Aufstieg über Ankunft bis Abstieg, zeigt auch Annette Baumeisters Starschnitt, wie die aufmerksamkeitsindustrielle Revolution ihre Kinder erst zeugt, dann frisst und gegebenenfalls wiederkäut. In dieser Metrik begleiten wir Jérôme Boatengs steilen Weg über drei vierzigminütige Folgen vom fußballbegabten Scheidungskind im Berliner Problemkiez auf den Olymp seiner Sportart und, nun ja, zumindest ein Stück weit wieder herab, seit er gleich mehrfach für Gewaltdelikte gegen die Frauen an seiner Seite angeklagt worden war.
Zu Wort kommt dabei das branchenübliche Ensemble aus professioneller Beteiligung, Bewertung, Beobachtung. Freunde und Kollegen, Streetworker und Journalisten, Anwälte und Influencerinnen. Dazu Papa Prince, der unerlässliche Bild-Reporter und Prominente Marke Lukas Podolski, Horst Hrubesch, Marcel Reif. Im Wechsel mit der Titelfigur persönlich vertonen sie eine Mischung aus Milieu-, Gesellschafts- und Charakterstudie, die den Werdegang des kleinen Jérôme zum großen Boateng wirklich erlebbar machen.
Alles exzellent recherchiert, alles originell konstruiert, alles auch von der Titelfigur in respektabler Selbstreflexion kommentiert. Alles gut also? Beinahe. Was der Serie zur journalistischen Vollkommenheit fehlt, ist nämlich die dringend nötige Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext unserer postpostheroischen Epoche. Jérôme Boateng steht ja nicht nur für den nimmermüden Krach digitaler Erregungs- und Echoräume. Zugleich verkörpert er den reaktionären Backlash dessen, was man mal etwas altbacken das Patriarchat nannte.
Es ist zwar richtig, die öffentliche Figur nicht auf seine justiziablen Straftatbestände zu reduzieren. Jérôme Boateng war schließlich einer der besten Fußballer, die jemals für Bayern oder Deutschland, gespielt haben und auch als Integrationsfigur ungeheuer wichtig. Die richtungsweisende Sequenz der Serie folgt allerdings erst im dritten Teil und wird auf ganzen 40 Sekunden abgehandelt: Ein Post, in dem der verurteilte Gewalttäter Jérôme Boateng mit Till Lindemann die #MeToo-Bewegung feixend als Geschäftsmodell zu Lasten Unschuldiger wie, genau: Jérôme Boateng und Till Lindemann verunglimpft.
Schien es vor der Pandemie kurz so, als hätten die Emanzipationsbewegungen männliches Machtgebaren endgültig als Hauptursache weiblichen Leids in seine Schranken verwiesen, schlägt das misogyne Imperium längst zurück. Zuletzt mit Thomas Gottschalk als frauenverachtender Bambi-Laudator. Da hätte es der ARD weit besser zu Gesicht gestanden, Jérôme Boateng ein wenig härter anzupacken. Stattdessen aber machen seine Weggefährten regelmäßig die prekären Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist, für spätere Handlungen haftbar. Besonders Cathy Hummels nimmt den Teamkameraden ihres Ex-Mannes Mats irritierend oft dafür in Schutz, wie Geld und Ruhm im Milliardengeschäft Fußball „optikorientierten“ Jungs halt zu Kopf steigen, wenn sie plötzlich von bildschönen Girls umschwärmt werden.
Damit ist sie nur einen Schritt von der reaktionären Schutzbehauptung entfernt, weibliches Verhalten sei für männliche Gewalt irgendwie mitverantwortlich. Hätt’se mal keinen Minirock getragen… Wenn die ARD für Jérôme Boatengs Gewaltbiografie ganze zehn Minuten aufwendet und der Beklagte nach dem Suizid seiner öffentlich diskreditierten Exfreundin Kasia Lenhardt auch noch seinerseits beklagen darf, man habe ihm „das Recht zu trauern“ abgesprochen, öffnet die Doku jedenfalls erstaunlich viel Interpretationsspielraum zu Lasten der Objekte seines problematischen Verhaltens. Nicht umsonst haben sich mittlerweile gleich mehrere Talking Heads von der Serie distanziert. Alexander Stevens, das juristische Feigenblatt dieser Doku, wirft den Macherinnen vor, sie hätte “geschätzt 95 Prozent meines Interviews schlicht rausgeschnitten” und “drei kurze Statements, die völlig aus dem Kontext gerissen und zum Teil in neue Zusammenhänge hineinkopiert wurden” übrig gelassen. Alles im Dienste von Boatengs Exkulpation.
Dabei ist häusliche Gewalt weder „Rangelei“ noch Bestandteil einer „toxischen Beziehungen“ oder „Schlammschlacht“, wie es im Lauf mehrerer Prozesse mitunter hieß. Sie steht für eine Form nahezu ausnahmslos männlicher Aggressivität, die in letzter Konsequenz durchschnittlich einen Femizid pro Tag zur Folge hat. Was bei Boatengs daheim tatsächlich geschehen ist, da haben selbst verständnisvolle Zeitzeugen Recht, lässt sich seit dem Tod der Beteiligten nie mehr nachvollziehen.
Aber dass jemandem mit einer Prozessakte, die sogar noch größer ist als seine Vorbildfunktion als Fußballer und Stilikone, womöglich mehr alte Chancen verwirkt hat als neue verdient – dazu dürfte die Doku bei aller Objektivität gern klarer Stellung beziehen. Durch Interviews mit Frauenhaus-Betreuerinnen zum Beispiel oder Gewaltopfern, die weniger Durchsetzungskraft haben als alle Influencerinnen in Boatengs Schlafzimmern. Zumal auch dieser verhaltensauffällige A-Promi ebenso butterweich hochfallen dürfte wie Thomas Gottschalk, Didi Hallervorden oder Till Lindemann. In einer Doku über die Terroranschläge vom 13. Dezember 2015 saß er unlängst schon wieder als normaler Zeitzeuge vor der Sky-Kamera. Als wäre Jérôme Boateng einfach nur ein Fußballer von früher.
ZDFneo: House of Bellevue
Posted: December 5, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKurzweilige Selbstermächtigung
Die sechsteilige ZDF-Serie House of Bellevue (Foto: Daniel Lwowski/ZDF) macht nicht nur Berlins queer-migrantische Ballroom-Tanzszene sichtbar. Sie gibt den Figuren darin auch vielschichtige Gesichter jenseits ihrer intersektionalen Diversität. Das ist zwar manchmal stereotyp, aber ungeheuer empowernd. Und hat gestern völlig zu Recht den Serienpreis der TeleVisionale in Weimar gewonnen.
Von Jan Freitag
Voguing, progressive Wirtschaftswunderkinder West erinnern sich womöglich dunkel, war ein expressiver Tanz der Siebzigerjahre. Damals trat New Yorks queere Community aus ihrer gesellschaftlichen Nische ins Rampenlicht tagheller Diskotheken und verschwand ebenso wenig von dort wie Drogenkonsum, Diversität oder elektronische Beats. Drei, vier Befreiungsbewegungen später könnte man also meinen, weil die Emanzipation seither auch hierzulande schier unaufhörlich vorangeschritten ist, wäre Voguing kaum noch der Rede, geschweige denn Fernsehserien wert. Ein schöner Traum. Und ein trügerischer.
Das Rampenlicht der Siebzigerjahre leuchtet nämlich noch immer eher jenseits des heteronormativen Mainstreams. 2025 gönnt sich zwar jeder Vorabendkrimi ein paar schwule Randfiguren und mitunter gar Hauptkommissare. Halbwegs authentische Subkulturen aber schaffen es normalerweise nur als Dekorationen oder Opfer und Täter ins Drehbuch. „Ballrooms“ genannte Sammlungen verschiedenster Performances, bei denen sich marginalisierte, meist migrationshintergründige Gruppen wie vor 50 Jahren im Big Apple bei Battles von Fashion über Beauty bis Tanz miteinander messen, gibt es daher höchstens mal im Spartenprogramm von Arte.
Mit der ZDF-Serie House of Bellevue arbeiten sie sich jetzt allerdings ins Unterhaltungsprogramm des ZDF vor. Zunächst zwar nur in der Mediathek zuzüglich nächtlicher Neo-Ausstrahlung drei Tage drauf. Aber immerhin – es ist Teil des öffentlich-rechtlichen Angebots an alle. Rein inhaltlich zieht der Schwarze Emm (Ricco-Jarret Boateng) darin vom ereignisarmen Lausitzer Provinznest Spremberg ins pulsierende Berlin, um Vogue-Performer zu werden. Sein erster Versuch auf dem Laufsteg endet ähnlich enttäuschend wie der Einzug in ein überteuertes, abweisendes, dunkles Plattenbau-Zimmer. Doch weil er bald darauf Gleichgesinnte trifft, geht es für ihn danach erstmal bergauf.
Die einflussreiche Ballroom-Organisatorin Lia (Nora Henes) fördert den bisexuellen Frischling in ihrer eigenen Tanzschule. Auch Mother Calista (Florence Kasumba), als offiziell amtierende Königin aller deutschen Vogue-Events geradezu anbetungswürdig, erkennt Emms Potenzial. Und der angehende Modedesigner Djamal (Abed Haddad) gewährt ihm Asyl in seiner bezahlbaren, einladenden, lichtdurchfluteten WG plus tiefe Freundschaft auf Augenhöhe. So tanzt sich der 19-Jährige rasch aufwärts in der Hierarchie dieser schillernd-schönen Party-Blase. Und das ist für sich genommen schon sehr amüsant.
Der Writers Room von Kai S. Pieck zeichnet den Berliner Ballroom schließlich als bodypositive Version von Heidi Klums Supermodel-Zucht bei ProSieben, spart trotz aller Diversität aber nicht an deren Eifersucht, Drama und Zickenkrieg. Weil selbst Tanzfilme von Flashdance bis Dirty Dancing nicht ohne Handlung auskommen, war der Hauptautor obendrein gut beraten, seinen Co-Regisseuren Gabriel B. Arrahnio und Toby Chlosta mehr als dufte Musik mit an den Set zu geben. In House of Bellevue geht es daher mindestens nebenbei auch noch um Spielarten intersektionaler, also mehrfacher Diskriminierung, denen die Charaktere hier ausgesetzt sind.
Zumal einer der Stoffentwickler dieser deutschen Pose-Variante (bis zu seinem Ausstieg) Lamin Leroy Gibba war, der mit Schwarze Früchte Ende 2024 mindestens 99 Thesen entwaffnend ehrlichen Empowerments ans staubige ARD-Kirchenportal genagelt hatte. Sein anfänglicher Einfluss hat der Serie womöglich den Philorassismus ausgetrieben – jene wohlmeinende, aber leicht ölige Schonhaltung, mit der besagte Vorabendkrimis gelegentlich Vielfalt simulieren, statt abzubilden. Die queeren Zuwandererkinder dagegen dürfen unangenehm auffallen. Die Schwarze Lia zum Beispiel ist von ähnlichem Ehrgeiz zerfressen wie ihr afrodeutscher Vater, der sie gern in den Fußstapfen seiner eigenen Architektur-Karriere gesehen hätte.
Auch Emm sieht in Leas House of Bellevue eher Sprungbrett als Safespace, weshalb er selbst Freunden oder Verwandten ständig vor den Kopf stößt. Und die sexuelle Identität des irakischen Ballroom-Stars Mo (Kawian Paigal) ist ebenso dubios wie sein Umgang mit Rauschdrogen. Damit zeigt Producer David Ekow Herman, wie nah seine Crew dem Thema kommen wollte – und konnte. Selbst als Ballroom-Promoter aktiv, ging es ihm nach eigener Aussage schließlich um einen Raum für „respektvollen und offenen Austausch“, in dem „Individualität gefeiert und kollektive Kreativität gestärkt“ werde.
Ob es ein „tiefes Verständnis für Schwarze und Latinx-queere Kultur, Körperbewusstsein und Selbstinszenierung“ erzeugt, „das sich aufs Publikum überträgt“, bleibt allerdings abzuwarten. Weil das ZDF einerseits wie immer viel zu feige ist, so ein Format auch mal in der linearen Hauptsendezeit auszustrahlen, dürfte House of Bellevue ja vor allem für Gläubige predigen. Weil es (vermutlich mangels Budget) andererseits oft leicht schäbig ausgestattet wurde und dabei (wohl eher aus Bevormundungs- als Kostengründen) öfter das Drehbuchpapier raschelt, könnte es allerdings selbst in der eigenen Gemeinde auf Kritik stoßen.
Schließlich ist die Serie, der es abseits allen Entertainments auch um Beseitigung kulturkreisüblicher Klischees geht, manchmal ihrerseits stereotyp. Dass Emms gierige Vermieter im Märkischen Viertel zwei queerphobe Knalltüten wie aus dem AfD-Katalog sind, hätte sich Kai S. Piecks Team jedenfalls ebenso verkneifen dürfen, wie das wiederkehrende Starren auf Fotos oder Smartphones, um Emotionen zweidimensional zu machen. All das sind aber allenfalls handwerkliche Mängel.
Dazwischen und außerhalb verbirgt sich aber ein ersichtlich empathisches Bemühen um Ausgewogenheit mit Unterhaltungsanspruch, vor allem jedoch Haltung. Oder wer hat sich außerhalb der entsprechenden Community schon mal gefragt, wofür eigentlich der letzte Buchstabe im sprechenden Diversitätskürzel LGBTQIA+ steht? Hier gibt die scheinbar einsame DJ-Ikone TJ (Ilonka Petruschka) darüber angenehm unaufgeregt, vor allem aber ohne erhobenen Zeigefinger Auskunft.
Damit sorgt die Serie des jungen Berliner Produktionsunternehmens Don’t Panic Films im Kreis eines absolut typgerecht zusammengestellten Ensembles (Casting: Liza Stutzky und Jan Nwattu) für etwas, das selten ist im deutschen Regelprogramm: Diversität für alle Interessierten kurzweilig sichtbar zu machen. Und mal ehrlich: Eine Serie, die Alice Weidel nach Lage der Dinge hassen dürfte, kann nicht ganz schlecht sein.
Arte-Doku: Pawel Durow & Telegram
Posted: November 27, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentInformationen nach Gutsherrenart
Zwölf Jahre nach der Gründung des Messenger-Dienstes Telegram ist immer noch unklar, was dessen Gründer Pawel Durow wirklich will. Eine Arte-Doku nährt sich Antworten über den absolutistischen Herrscher eines liberalen Messengers aus der angehenden Diktatur Russland zumindest mal an.
Von Jan Freitag
Tech-Milliardäre gönnen sich gerne exklusives Spielzeug. Marsmissionen zum Beispiel, US-Präsidenten, Kryptowährungen und seit neuestem, für Normalsterbliche so unerreichbar wie unerschwinglich: Longevity. So heißt das Selbstoptimierungskonzept superreicher, meist männlicher Menschen, mithilfe biomedizinischer Prozesse länger zu leben. Peter Thiel oder Jeff Bezos investieren dafür Unsummen in gentherapeutische Start-ups. Pawel Durow bevorzugt klassische Methoden.
Disziplin, Ernährung, Askese, Sport: dieses pausenlose Trainingsprogramm hat seine inneren 41 Jahre äußerlich auf gut die Hälfte reduziert. Damit wäre das russische Mathe- und Marketinggenie nur unwesentlich älter als sein wichtigstes Selbstoptimierungskonzept: Telegram. Ein weltumspannender Messenger-Dienst, der fast so gut in Form ist wie dessen Erfinder. Vor allem aber: ähnlich dubios. Und beides fasziniert seinen Landsmann Aleksandr Urzhanov seit der Geburt des jüngeren Pawel Durow.
Zwei Jahrzehnte beobachtet der Investigativ-Journalist den steilen Aufstieg eines St. Petersburger Elitestudenten in die Broconomy genannte Aristokratie mächtiger Digital-Unternehmer. Gemeinsam mit Regisseur Igor Sadreev hat der Exil-Berliner seine Recherchen jetzt zur RBB-Serie verdichtet. Und schon der Titel deutet an, dass es keine Lobeshymne geworden ist: „Das dunkle Imperium von Pawel Durow.“ Wie dunkel, wie imperial – das fragt die Dokumentation dreimal 40 Minuten. Und vorweg: einfach Antworten gibt es nicht.
Zur Erkennungsmelodie der brachialen Kapitalismus-Schelte Succession beginnt die Reise mit ihrem (vorläufigen) Ende: Am 24. August 2024 steigt Durow in Paris aus seinem Privatjet und wird festgenommen. Der Vorwurf lautet Drogenhandel, Hassverbrechen, Kindesmissbrauch. Wenngleich nicht eigenhändig, sondern durch Unterlassen entsprechender Schutzvorrichtungen für weltweit angeblich eine Milliarde Telegram-Nutzer.
Seit seiner (vorläufigen) Freilassung residiert der russische Staatsbürger mit französischem Pass in einem Pariser Luxushotel für angeblich 25.000 Euro pro Nacht. Und von dort aus arbeitet er nicht nur an seiner physischen Unvergänglichkeit. Es geht ihm auch um sein Kernanliegen: die „Beseitigung der Informationsasymmetrie“, wie es ein Biograf in der Serie beschreibt. Genauer: das Ende klassischer Medien als Gatekeeper der gesellschaftlichen Kommunikation zum Wohle informationeller Eigenverantwortung.
Und hier wird es kompliziert. Denn Durow mag seine Unternehmen, die teilweise mit dem Geld organisierter Banden aufgebaut wurden, nach Gutsherrenart führen – ohne Regeln, Betriebsräte, Transparenz und Belegschaft. Er weigert sich nachweislich, seinen Messenger auch nur ansatzweise gegen Radikale, Pädophile, Gesetzlose abzusichern und vergleicht das 30-köpfige Ingenieur-Team beim Interview mit dem rechtsradikalen Trump-Fan Tucker Carlson als „Navy Seals“. Mehr noch!
Geld verdient Durow fast nur mit nebulösen Krypto- oder Blockchain-Deals. Und das, nach Stress mit der amerikanischen Börsenaufsicht, mittlerweile vom autokratischen Zockerparadies Dubai aus, wo ihn das Bundesjustizministerium wegen zahlloser Verstöße gegen das Netzwerkdurchsuchungsgesetz seit Jahren vergeblich haftbar machen möchte. Nahezu alles am Gebaren des Vaters von angeblich 100 Kindern ähnelt daher dem ruchlosen Turbokapitalismus von Elon Musk bis Mark Zuckerberg.
Mit einer Ausnahme: der einzige Europäer im Kreis US-amerikanischer Tech-Narzissten hält sich bis heute relativ glaubhaft fern vom Sumpf geschmeidiger Autokraten-Kuschler à la Bezos und Thiel. Seine Weigerung sich irgendeiner anderen Macht als der eigenen unterzuordnen, wirkt demnach einigermaßen authentisch. Dass Verschwörungsideologen und Antifaschisten, der IS und die Linke, Reichsbürger und Demokraten, Putins Propagandisten und Selenskyjs Freiheitskämpfer gleichberechtigt auf Telegram kommunizieren, scheint das eher zu be- als widerlegen.
Immerhin, so lehrt uns die ARD-Doku, hat Pawel Durow sein russisches Facebook VK nach der Krim-Invasion verkauft und mit kolportierten 300 Millionen Dollar Erlös das staatsferne Telegram aufgebaut. Die geflohene Online-Reporterin Galina Timchenko vergleicht den Messenger deshalb mit einem Küchenmesser. Man könne damit „Brot schneiden oder jemanden erstechen“. Pawel Durow macht beides, ohne selbst Hand anzulegen. Noch.
Denn wenn uns Donald Trumps neoliberale Monarchie etwas lehrt, dann dass sie mehr als alle anderen die Mächtigen korrumpiert. Zwölf Jahre nach der Gründung von Telegram jedenfalls zeigt sich: auf dem Weg zur globalen Autokratie nutzen es vor allem die Feinde von Demokratie und Pluralismus.
Stabil: Psychiatrie & Happyend
Posted: November 19, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentFeelgood-Depressionen
Die ARD-Serie Stabil um ein halbes Dutzend Insassen einer Jugendpsychiatrie dockt an Formate wie Euphorie oder Hungry an. Junges Seelenleid wird von erwachsenen Filmemachern darin endlich mal ernst genommen. Das tut der deutsche Sechsteiler im Grunde auch – und landet dennoch im Bällebad fiktionaler Klischees.
Von Jan Freitag
Im Zeitalter des neuen Kinos Serie hat es eine Regel zur Gesetzeskraft gebracht: Nie spoilern! Sie gilt also auch für Stabil. Wenn die ARD den Sechsteiler heute online stellt, verböte es sich deshalb normalerweise von selbst, das finale Kapitel der Geschichte einer Jugendpsychiatrie und ihrer Insassen zu verraten. Einerseits. Andererseits gibt es eine Art feuilletonistischer Fürsorgepflicht, das Publikum vor verschwendeter Lebenszeit zu warnen. Nach fünfeinhalb Folgen existenzbedrohender Probleme nämlich gleiten nahezu alle Hauptfiguren nicht nur lachend ins Happyend; zwei davon genießen gar die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben in trauter Zweisamkeit.
Man kann, nein: muss von dieser Verharmlosung der dystopischen Krankheit Depression in all ihren Facetten also nur abraten. Dabei ist die Thematik durchaus verheißungsvoll. Nach einem Suizidversuch landet Greta (Luna Mwesi) in der psychiatrischen Klinik von Dr. Kim (Abak Safaei-Rad). Sechs halbe Stunden kämpft die 16-Jährige fortan mit einer Gruppe Gleichaltriger buchstäblich ums eigene Seelenheil. Zugleich aber versucht sie im geschlossenen System medizinisch-sozialer Kontrolle, das weder Außenkontakt noch Intimitäten gestattet, erwachsen zu werden. Ein pubertärer Spagat, den zurzeit reihenweise fiktionaler Formate wagen.
Aktuell etwa brillieren Derya Akyol und Sira-Anna Faal im fabelhaften RTL+-Reboot zur US-Serie Euphoria als mental kollabierende Prototypen der Generation Z. Ein Jahr zuvor ließ ZDFneo die essgestörte Ronnie (Zoe Magdalena) in Hungry an sich und ihrer Welt verzweifeln, nachdem Caroline Links Meisterwerk Safe an gleicher Stelle für zwei Psychologen und ihre Patienten Preise abgeräumt hatte. Gerade erst wurde Staffel 2 des Genre-Pioniers Club der roten Bänder abgedreht. Und jede dieser Serien wirft ein ebenso glaubhaftes wie anregendes Bild auf Jugendliche im Dauerstress ihrer krisengebeutelten Epoche.
Wenn sich Regisseurin Teresa Fritzi Hoerl drei der sechs Folgen Stabil selber aufgeschrieben hat, könnte es auf dem gebührenfinanzierten Online-Portal daher gehaltvoll werden. Schließlich trägt die Serie durch ihre Existenz allein schon dazu bei, das Chaos im Kopf Heranwachsender für voll zu nehmen. Schade nur, dass Hoerls Vorqualifikation in einer cremigen Melange aus Werbefilmen, Feelgood-Movies und dem gesendeten Pony-Fanzine Reiterhof Wildenstein besteht. Was die Hauptautorin mithilfe dreier Kolleginnen verzapft, hat deshalb den Tiefgang einer mittelmäßigen Vorabendserie. Schlimmer noch: inhaltlich grenzt sie oft an Körper-, Geist- und Seelenverletzung. Es nimmt bereits in Minute zwei seinen Anfang.
Vom vermeintlich mitverschuldeten Tod ihrer Schwester Nele lebensmüde, rast Greta mit dem Motorroller frontal gegen die Wand. Dass sie dabei nur zwei, drei dekorative Cuts im makellos geschminkten Gesicht davonträgt, ist nur das erste einiger Dutzend schlecht gescripteter Melodramen. Rückstandslos genesen nämlich zieht die 16-Jährige in eine Kinder und Jugendpsychiatrie, wo ihr eine Betreuerin „Uwe, dein Bezugspfleger, hier in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“ vorstellt.
Das bevormundende Erklärbär-Fernsehen deutscher Art schießt sofort aus allen Didaktik-Rohren und sichert es mit einem Kugelhagel stereotyper Charaktere ab. Der spielsüchtige Killer (Uhud Karakoç) heißt wie sein Egoshooter und ist natürlich übergewichtig. Die autoaggressive Michelle (Katharina Hirschberg) wäscht sich nie und nascht dazu Chilischoten. Ein exoaggressiver Hooligan namens Fresse (Beren Zint) schlägt um sich und trägt Goldkettchen. Keine drei Sekunden nach ihrer Einführung packt jede Figur all ihre Macken auf den Stationstisch, damit auch ja niemand Zweifel daran hat, wie krass so eine Einrichtung ist.
Für alle inszenatorischen Mängel und Widersprüche fehlen hier Zeit und Raum. Nur so viel: dass der Gewalttäter im Zimmer des Gewaltopfers Alireza (Caspar Kamyar) einquartiert (und hinter ihm abgeschlossen) wird, ist sogar noch absurder als Alizeras Turtelei mit der verlusttraumatisierten Greta zwei Szenen später. Nach drei Folgen, bei denen fast permanent das Drehbuchpapier raschelt („eine psychische Erkrankung ist immer ein Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, neurobiologischen Prozessen und ja, auch dem Umfeld“), setzt man daher Hoffnungen in die zweite Regisseurin Sinje Köhler. Schließlich verdanken wir ihr gelungene Serien wie Doppelhaushälfte – und werden sofort bitter enttäuscht.
Wie der gemobbte Alireza beim Ausflug ins Shoppingcenter Sekundenbruchteile vorm ersten Kuss mit Greta die Täter aus Schulzeiten trifft, ist ebenso billig konstruiert wie Fresses weicher Kern, den uns sein behutsamer Umgang mit Faltern (im Abendlicht) und Pferden (in Zeitlupe) einzuprügeln versucht. Und kleiner Tipp für Nachwuchsfilmemacher: Gelegentliche Flashbacks sind ein legitimes Hilfsmittel zeitüberlappender Erzählungen. Permanent verwendet, stehen sie einfach nur für Denkfaulheit.
Das ist schon deshalb schade, weil sich Luna Mwezi – die 2020 mit 13 Jahren als drogensüchtiges „Platzspitzbaby“ im Kino auffiel – spürbar für ihre Figur aufreibt. Auch Ronald Zehrfelds Pfleger Uwe ist in jeder Sekunde authentisch. Und dass wir viele Patienten viertelstundenweise beim Therapie-Dialog beobachten, ringt dem Boom-Genre Jugend-Medical eindrückliche Facetten ab. Wäre das anschließende Happyend kein so lächerlicher Schlag ins Gesicht aller Psychiatriepatienten, die statt fünf klischeehafter Episoden oft lebenslang mit ihrer Krankheit kämpfen. Vielleicht machen Köhler und Hoerl doch lieber was mit Ponys.
Stefan Raab: Ageism & Abschied
Posted: October 1, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentGefräßige Fernsehrevolution
Stefan Raab (Foto: RTL) hatte einst frischen Wind durchs Leitmedium linearer Tage geblasen. Sein Primetime-Comeback bei RTL zeigte vorigen Mittwoch, wie lange das her ist. Ein Appell zur drohenden Fortsetzung heute Abend, endlich abzutreten.
Von Jan Freitag
Im weitverzweigten Flussdelta der Niedertracht, dümpelt eine weithin unterschätzte Diffamierung durchs Wasser. Sie nennt sich „Ageism“ und bezeichnet abwertende Haltungen aufgrund unvermeidbarer Alterungsprozesse. Normalerweise verbietet es sich da von selbst, Menschen aufgrund der Zahl ihrer Falten und Jahre herabzuwürdigen. Bei einem allerdings machen wir an dieser Stelle schon deshalb kurz die Ausnahme, weil er sein humoristisches Arsenal eigentlich nur noch mit Diffamierungen von variierender Niedertracht munitioniert: Stefan Raab.
Stefan wer, fragen die Generationen Z bis Alpha da womöglich. Stefan, kurz zur Aufklärung, der 1993 das deutsche Musikfernsehen und sechs Jahre später die Mainstream-Comedy revolutionieren half. Wobei die Zeitspannen allein bereits andeuten, dass diese Revolution ihr frechstes Kind längst gefressen hat. Und dem anhaltenden Verdauungsprozess wohnen wir zurzeit auf RTL bei, wo der begnadete Entertainer nach drei Jahrzehnten ProSieben gerade sein Lebenswerk verfüttert.
Ein paar Appetithäppchen gab es in der Vorwoche, als Die Stefan Raab Show fünfmal 15 Minuten lang zur immer noch besten Sendezeit um 20.15 Uhr lief. Das Konzept? Tja… Grob erinnerte es an seine Comedy-Legende TV total, wo er bis 2012 das zeitgenössische Fernsehprogramm kommentierte. Gröber war es bereits zum Auftakt vor zehn Tagen eine Dauerwerbesendung für RTL-Formate oder Bully Herbigs Kinofilm Kanu des Manitu. Am gröbsten war jedoch Raabs Rap-Variante der deutschen Nationalhymne zwischendurch, bei der man sich vor Fremdscham gern in Sarah Connors Sickergrube verkrochen hätte.
Schwer zu glauben, dass die gestrige Langversion dieser Live-Zumutung noch schlimmer werden könnte als ihre viertelstündigen Teaser zuvor. Aber es wurde schlimmer. Sehr viel schlimmer. So schlimm, dass er zum Premierenthema „Bodybuilding“ fünf Muskelpakete plus Horst Lichter eingeladen hat, aber keinen Kritiker der umstrittenen Anabolika-Cocktailparty, geschweige denn einen Mediziner. Inga Lescheks Reklame für „bestes Entertainment, Humor, Neugier und die scharfzüngige Einordnung der Woche“, kam also nicht zufällig ohne Begriffe wie „Relevanz“ oder „Niveau“ aus.
Warum die RTL-Inhaltsverantwortliche „Fremdscham“ und „Inkompetenz“ vergessen hatte, lässt sich da nur mit dem Zeugnisverweigerungsrecht aller Angeklagten erklären. Umrahmt von handgezählten 750 Ähs unterschiedlicher Länge, eröffnet Raab die Show mit einer 7,5-minütigen Sketch-Attrappe darüber, wie sein Langhaarschneider bei der morgendlichen Kopfrasur versagt hat. Mangels Pointen versagte dann selbst das handverlesene Saalpublikum dem Studio-Einpeitscher die Gefolgschaft. Dabei sind geschätzt zwei Drittel der Besucher unübersehbar selbst Bodybuilder, die Raab nur in Gestalt einer Straßenumfrage mit sanfter Kritik am Körperwahn behelligt.
Der Staffelstart lässt sich deshalb nur als Verbeugung vor einer Manosphere genannten Klientel traditionsbewusster Pfundskerle deuten, die vom traditionsbewussten Pfundsmoderator mit patriarchal geprägter Folklore versorgt wurden. Dad-Jokes wie „Louis Armstrong, der erste Trompeter auf dem Mond“ stammen schließlich noch aus Stefans Köln-Sülzer Kindheit. Kalauer über Gartenzaunstreitereien, den ZDF-Fernsehgarten oder das Oktoberfest haben ebenso grauen Bartwuchs. Und wenn der Gastkomiker Robert Geiss in drei Minuten Trash-TV humoristisches Fatshaming plus Homophobie und Agism betreibt, hat Die Stefan Raab Show erfolgreich um Applaus von rechtsaußen gebettelt.
Nach furchtbar zähen 75 Minuten, in denen der Moderator keinerlei erkennbares Interesse an Thema, Gästen, der Realität, aber umso mehr an sich selber zeigte, hinterlässt Stefan Raabs Rückkehr also zwei grundsätzliche Fragen. Worum genau ging es da zwischen GZSZ und stern TV eigentlich noch mal? Und wann tritt dieser hochverdiente Bilderstürmer linearer Fernsehtage eigentlich ab? Ungeachtet der Diffamierungen Schwächerer, waren Formate wie TV total oder die Wok-WM ja doch Meilensteine des dualen Systems. Seine Liebe zur Musik stach angenehm aus dem Konservenprogramm anderer Kanäle hervor. Außer ihm konnte 1998 folglich niemand so glaubhaft den dahinsiechenden ESC retten.
Dass der NDR den Gesangswettbewerb künftig wieder ohne seinen Heilsbringer organisieren will, sollte ihm hier allerdings zu denken geben. Die sang- und klanglose Beerdigung von „Du gewinnst hier nicht die Million“ sowieso. Nur Monate nach ihrer Premiere hatte RTL im Juni schließlich die notorisch quotenschwache „Entertainment-Quiz-Competition-Show“ abgesägt. Hauptgrund: Stefan Raab hat seinen Instinkt verloren. Fürs herkunftsunabhängige Maß an Respektlosigkeit. Für schlagfertigen Humor. Letztlich also: für gute Unterhaltung.
Jimmy Kimmel kann ihn in seiner zurückgekehrten Late-Night-Show daher noch so sehr für ein drolliges Job-Angebot loben: Raab ist von vorgestern. Ein Grund mehr, übermorgen keine Sende-, also Lebenszeit mehr mit ihm zu vergeuden. Irgendwann war es irgendwie mal lustig mit dir, lieber Stefan. Aber jetzt genieß doch bitte endlich deinen wohlverdienten Ruhestand. Das ist kein Agism, sondern einfach höchste Zeit.
Becoming Madonna: Virgin & Aktivistin
Posted: August 21, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentMadonna Mia
In 40 Jahren Weltkarriere hat sich Madonna ständig gehäutet und stand doch stets ganz oben. Eine ZDF-Doku zeigt, wie oft sie dafür den Mainstream einfach umgeleitet hat.
Von Jan Freitag
Um zu verstehen, was Skandale skandalös macht, muss man das Wort kurz aus dem Blitzlicht der Regenbogenpresse ins Dämmerlicht seiner sprachlichen Herkunft holen. Im Griechischen beschrieb skándalon einst den Stein des Anstoßes, der beim Aufprall für Ärger sorgen könnte. Ob sich jemand daran stößt, hing allerdings schon in der Antike schwer davon ab, was gesellschaftlich als allgemein anstößig galt. Und das kann sich bekanntlich permanent ändern.
1903 zum Beispiel taugte es zum Skandal, falls die Dame statt Rock Hosen trug. Rund 60 Jahre drauf war letztere zwar selbst an Frauenbeinen normal; dafür sorgte es verlässlich für bürgerliche Schnappatmung, wenn ersterer zu hoch übers Knie reichte. 1983 dagegen bestand der Skandal umgekehrt eher darin, dass CSU-Bundestagspräsident Richard Stücklen der Grünen Petra Kelly ihr Beinkleid im Plenarsaal verbieten wollte, während eine Geschlechtsgenossin nur Monate später durch den Fleischwolf des prüden Amerika gedreht wurde, weil sie ein Brautkleid getragen hatte, sich darin Like A Virgin auf der Bühne geräkelt und obendrein so hieß wie eine Marienstatue.
Madonna mia!
Es war der skandalumtose Kickstart einer Künstlerin, die das erregungsökonomische Konzert nicht nur mitspielen, sondern dirigieren wollte. Und wie ihr das gelang, zeigt eine Dokumentation, die das Kalkül gewaltiger Popkarrieren bereits im Titel trägt: Becoming Madonna. Denn dass sie mit respektablem Abstand zu Taylor Swift und Rihanna die kommerziell erfolgreichste Solokünstlerin der Welt geworden, vor allem jedoch: bis heute geblieben ist, war in erster Linie ihr eigenes Werk. Ein streng kalkuliertes, wie Regisseur Michael Ogden 90 Minuten lang glaubhaft macht. Aber aus tiefster Überzeugung.
Schon, als das Mädchen aus Michigan mit kaum 25 erstmals die Top 10 der amerikanischen Billboard-Charts stürmt, fragt es, wer „den größten Star Amerikas“ managt und verkündet: „Den will ich!“ Also kriegt Madonna Michael Jacksons Impresario Freddy Demann. Und nachdem sie zwei Jahre später bei den MTV Awards die amerikanische Prüderie im Brautkleid provoziert, springt Like A Virgin tags drauf auf die 1. Welch ein Kontrast zu den Anfängen.
Als Madonna Louise Ciccone aus dem verträumten Bay City ins schlaflose New York zieht, will die junge Tänzerin zwar bereits ganz nach oben; ihre Vorbilder heißen jedoch noch Blondie oder Lou Reed. Um im Indiepop jener kulturell richtungsweisenden Tage Fuß zu fassen, lernt die Minderjährige daher Schlagzeug und Gitarre. Neben unbekanntem Archivmaterial einer ganz gewöhnlichen Provinzjugend, das Michael Ogden zusammengetragen hat, zählen solche frühen Live-Auftritte zum Faszinierendsten, was Bandbiografien bislang gezeigt haben. Sie bleiben allerdings Episode.
Mithilfe zahlloser Zeitzeugen und Wegbegleiter vom ersten Labelchef Seymour Stein über Ex-Managerin Camille Barbone oder Videoregisseurin Mary Lambert bis hin zur ihrem Entdecker Michael Rosenblatt erleben wir den Werdegang einer globalen Ikone bis in die Niederungen unaufgeräumter Kinderzimmer und Backstagebereiche. Wirklich Fahrt nimmt das Porträt aber erst auf, als der Regisseur tonnenweise Klatsch und Tratsch hinein kippt. Allein die PR-taugliche Hochzeit vom Bad Girl Madonna mit dem Bad Boy Sean Penn belegt fast ein Fünftel der knappen Sendezeit.
Dieser boulevardeske Zuschnitt könnte ebenso wie das Dreschen billiger Phrasen („Sie hat das gewisse Etwas“), ein überhasteter Ritt durch die letzten 25 Jahre ihrer epischen Laufbahn (mit sechs weiteren Top-1-Alben bis 2019) oder der Umstand, dass Madonna selbst leider nicht persönlich zu Wort kommt (dafür in Dutzenden älterer Interviews) ein Makel dieser gutrecherchierten Fernanalyse sein – würde die als Showmance diskreditierte Liaison zweier Superstars ihrer Zeit weniger Wissenswertes übers Showgeschäft, seine handelnden Akteure und vor allem Madonna selbst aussagen. Die ist schließlich nicht nur das Role Model weiblichen Empowerments ihrer patriarchalen Branche schlechthin, sondern ein dezidiert politischer Popstar, ohne den mehrere Fortschrittsbewegungen weitaus träger flössen.
Egal, ob sich das „Material Girl“ 1984 wie zuvor bereits Cindy Lauper mit hedonistischer Lebensfreude dazu bekennt, dass Mädchen mitunter halt auch einfach nur Spaß wollen, zwei Jahre später für Penthouse und Playboy auszieht oder im millionenfach verkauften Bildband Sex zur LP Erotica das Selbstbestimmungsrecht weiblicher Erotik propagiert: Durch die Wirkmacht ihrer Popularität macht Madonna in jeder Karrierephase alle eigenständiger, deren Gefühlshaushalt unter Kuratel der herrschenden, meist männlichen Moral steht. Und das sind beileibe nicht nur Frauen, sondern andersartige Menschen jeder Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Identität.
Spätestens, als ihr schwuler Freund und Vertrauter Martin Burgoyne mit 23 Jahren an AIDS stirbt, engagiert sich Madonna auch auf offener Bühne für die Rechte Homosexueller. 1989 dann folgt der Affront, im Video zum nachdenklichen Like A Prayer einen schwarzen Jesus zu küssen. Beides macht sie zwar mehr denn je zur Zielscheibe evangelikaler Rechtspopulisten, die unter Präsident Reagan nicht weniger als unter Donald Trump jede Abweichung vom heteronormativen Mainstream verteufeln. Vor allem aber wird Madonna so zur Ikone nahezu sämtlicher Zuflüsse, die heutzutage unterm Sammelbegriff LGBTQA+ firmieren.
Kurz, bevor die renitenten Riot Grrrls der späten Achtziger im Folgejahrzehnt zu Spice Girls werden, die Repräsentation und Selbstermächtigung eher materialistisch als emanzipatorisch auffassen, macht die Blond Ambition Tour Madonna 1990 also endgültig zur antirassistischen Queer-Aktivistin. Oder wie sie selber es ausdrückt: „Ich habe mich mit den Augen eines heterosexuellen Machos angeschaut habe und gemerkt: Ich kann auch ganz anders.“
Ihre Häutungsprozesse, die auch danach noch Moden und Stile in aller Welt beeinflussen, frühstückt Michael Ogdens Porträt zwar etwas zu fix ab. Am Ende seiner Zeitreise aber blickt man klarer auf ein Selbstvermarktungsgenie, das die Grenzen seiner Prinzipien zur PR und umgekehrt seit jeher selber zieht und sich damit länger als jedes andere im Aufsichtsrat der Aufmerksamkeitsindustrie hält. Nur eines braucht Madonna Louise Ciccone, geboren am 16. August 1958 in Bay City, längst nicht mehr, um 41 Jahre nach Like A Virgin wohl auch ihr 16. Album in die Top-3 der US-Charts zu bringen: Skandale.
Becoming Madonna, 90 Minuten, ab 9. August in der ZDF-Mediathek und am 23. August in 3sat
Nastassja Kinski: Männermacht & Befreiung
Posted: August 13, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVom Lustobjekt zum Filmsubjekt
Das Arte-Porträt Geschichte einer Befreiung zeigt, wie sich Nastassja Kinski (Foto: arte) aus dem Griff allmächtiger Männer befreien konnte. Aber auch, wie fest er vor 50 Jahren war – und wieder zu werden droht.
Von Jan Freitag
Wer einem Gefängnis entfliehen will, muss dafür oft keine Mauern aus Steinen, Stahl und Stacheldraht erklimmen. Mindestens ebenso scher überwindlich sind die Mauern aus Brauchtum, Klischees und Schränken voller Schubladen. Schubladen, in denen einst kaum jemand so tief steckte wie Nastassja Aglaia Nakszynski. Die Tochter des deutschen Weltstars Klaus Kinski war schließlich noch ein Kind, als sie ihr Filmdebüt feierte und dabei tat, was die Gesellschaft 1975 selbst dann von Frauen erwartete, wenn sie erwachsen waren: zu schweigen.
In Wim Wenders‘ Kino-Drama Falsche Bewegung tat es die 13-Jährige zwar vor allem, weil sie ein stummes Mädchen spielte. Aber auch danach wurde ihr der Mund verboten, sobald Nastassja Kinski als Objekt männlicher Machtgelüste besetzt wurde. Szene für Szene, Affäre für Affäre, Film für Film geriet der Teenager in die übergriffigen Hände doppelt so alter Herren von Richard Widmark über Christian Quadflieg bis Malcom McDowell. Und stets wurde die Schublade, in der sie saß, ein Stück tiefer. Aufschrift: Lolita. Opfer. Femme Fatale.
Es war ein Gefängnis der unüberwindlichen Art. So schien es jedenfalls zu Beginn ihrer beispiellosen Karriere – und sollte sich als ebenso großer Trugschluss wie die Aussage des Produzenten von Falsche Bewegung erweisen, „das Mädchen“ sei „nicht fürs Filmgeschäft gemacht“. Denn was Anfang der Achtziger folgte, steht im Untertitel einer ebenso beispiellosen Dokumentation: Die „Geschichte einer Befreiung“. Und die französische Regisseurin Marie-Gabrielle Fabre beginnt mit dem Befreiungsschlag schlechthin: Paris, Texas.
Gerade mal 21, verfügte sie 1984 zwar über die Erfahrung aus gut einem Dutzend internationaler Werke unterschiedlicher Regisseure. Doch erst ihre zweite (nicht letzte) Zusammenarbeit mit Wim Wenders sprengte die Ketten der ewigen Kindfrau. Es waren bleischwere, lukrative, scheinbar unvermeidbare Fesseln einer Impulsschauspielerin in Beugehaft patriarchaler Herrschaft. Als zweites Kind des Set-Berserkers Klaus Kinski war Nastassja schließlich von Hause aus Gewalt in ihrer niederträchtigsten Form gewöhnt.
Anders als ihre Geschwister wurde sie nach eigener Aussage zwar nie vom leiblichen Vater vergewaltigt. Missbräuchlich war sein Verhalten allerdings schon – durch Abwesenheit, Machtdemonstrationen, passive Aggressivität. „Wenn er uns mal in den Arm genommen hat, hat man keine Luft mehr bekommen“, sagt sie aus dem Off eines der seltenen Familienfotos in trauter Atmosphäre. „Wir hatten alle Angst vor ihm.“ Ein Gefühl, das sich wie Blutspuren durch säftelnde Fiktionen zieht, die selbst im Schatten von #MeToo unglaublich sind.
Ein Jahr, nachdem Wolfgang Petersen die 15-Jährige dazu nötigen durfte, sich für den öffentlich-rechtlichen Tatort: Reifeprüfung vor der Kamera auszuziehen, spielt sie im italienischen Inzest-Drama Bleib wie du bist die Geliebte des dreimal so alten Marcello Mastroianni. Doch was 1978 unterm Emanzipationsbegriff der sexuellen Revolution firmierte, war nichts anderes als struktureller Machtmissbrauch eines männerdominierten Metiers. Die Filmbeziehungen basierten folglich „nicht auf Liebe“, wie Sprecherin Marit Beyer kommentiert, „sondern erotisierenden Dominanzverhältnissen“.
Handgezählte 18 Missbrauchsszenen der Minderjährigen schneidet Fabres fabelhafte Cutterin Anna Brunstein dafür einmal am Stück ineinander. Es sind kaum erträgliche, überaus anschauliche Filmausschnitte, in denen Nastassja Kinski ihre Vergewaltigung mal ausdruckslos, mal angewidert über sich ergehen lässt – bis sie sich mit einem Stein befreit. Dass er ihr vom verurteilten Sexualstraftäter Roman Polanski gereicht wird, mit dem sie anschließend ein fruchtbares, aber toxisches Abhängigkeitsverhältnis eingeht, passt ins Bild einer Epoche kreativer Alphatiere, die Frauen als Mischung aus Muse, Spielzeug, Trophäe betrachtet haben.
In ihrer großartig geschnittenen Kompilation aus Filmsequenzen, Talkshowbesuchen und Archivmaterial, wo ihr der graumelierte Studio-Choleriker Rudi Carrell schon mal aufs Meerjungfrauenkostüm sabbert, werden die Zwangsmechanismen dahinter körperlich spürbar – und sagen meist zweierlei aus: Wie lange das Patriarchat seine Herrschaft noch über Schutzbefohlene ausüben konnte. Und wie stark eine davon war, um sich eigenhändig daraus zu befreien. Für aktuelle O-Töne war Nastassja Kinski zwar offenbar nicht zu haben. Auch ältere Interviews geben allerdings Auskunft darüber, mit welcher Energieleistung sie insgesamt vier, fünf Karrieren aufnahm und in jeder davon tiefe Spuren hinterließ.
Zuletzt 2022 an Martina Gedecks Seite der Roman-Verfilmung Die stillen Trabanten – ein intensives Porträt weiblicher Selbstermächtigung im reiferen Alter. Damals dachten vermutlich viele, der Male Gaze genannte Männerblick auf Frauen sei langsam Geschichte. Fast 50 Jahre nach ihrem Debüt als Lustobjekt aber wurden grad die misogynen Gewalttäter Sean Combs und Harvey Weinstein teils vom Vorwurf sexuellen Missbrauchs freigesprochen, während ein anderer im Oval Office sitzt. Nastassja Kinskis Geschichte einer Befreiung ist da nicht nur sehenswert, sondern hochaktuell. Die Gefängnismauer bröckelt, aber sie fällt nicht.
Nastassja Kinski – Geschichte einer Befreiung, 54 Minuten, ab 9. August in der Arte-Mediathek
ZDF-Doku: #looksmaxxing
Posted: July 17, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentMisogyner Schönheitswahn
Auch Männer wollen gut aussehen. Um nahezu jeden Preis. Die ZDF-Doku #Looksmaxxing zeigt allerdings auf bedrückende Art, wie sie aus dem Wunsch nach Attraktivität ein misogynes Unterdrückungsinstrument der Manosphere machen. Und die ist auf dem Vormarsch.
Von Jan Freitag
Es war einmal, dieser Zustand scheint in Zeiten gestapelter Krisen ganze Epochen her zu sein, das Ende der Geschichte. Als westliche Demokratien östliche Diktaturen 1989 besiegt hatten, wurde die Menschheit angeblich in alle Ewigkeit freier, gleicher, geschwisterlicher. Das Patriarchat mündete seinerzeit in einen Postheroismus, der mit Geschlechterbildern brach wie einst nur wenige Blumenkinder in Kalifornien. Lange her. Heute nämlich kehrt der alte Männlichkeitswahn zurück, obgleich in neuen Gewändern.
Ihr Name: #looksmaxxing. Cooles Wort, toxische Bedeutung. Denn es bezeichnet den Trend, sein Äußeres derart kompromisslos, mitunter brachial zu „optimieren“, dass keine Frau ihm widerstehen könne. So lautet zumindest das Ziel einer Sekte, der die ZDF-Mediathek eine Dokumentation von bedrohlicher Dringlichkeit widmet. Zwölf Monate ist der britische Regisseur Ben Zand tief in die Lookmaxxer-Szene eingetaucht und hat dabei verblüffende Männer getroffen.
Den Engländer Austin Wayne zum Beispiel, der seine Kieferlinie früher mit Hammerschlägen auskonturierte und nun auf ein Repertoire sanfterer Mittel umgestiegen ist. Oder den Polen L.T., der sich für acht Zentimeter Körpergröße die Beine brechen lässt, weil „Charisma, Größe, gutes Aussehen“ karrierefördernd sei. Oder ein Pseudonym namens Adonis, der nach Bestätigung sucht und sich dafür sein Sixpack im Netz bewerten lässt. Es sind die Pole einer Selbstoptimierungsgesellschaft, deren Schönheitsimperativ längst nicht mehr nur Frauen versklavt, sondern auch Männer. Was für ein Rückschritt!
Galt es in den Siebzigern als progressiv, dass sich die Gatten adretter Hausfrauen nicht mehr bei Wirtschaftswunderbraten mit Soße gehenließen, führte die Gleichberechtigung beide Geschlechter bald in eine Perfektionierungsspirale. Statt, wie vom Feminismus gefordert, Damen und Herren Hand in Hand vom Schönheitswahn zu befreien, haben pharmazeutische PR-Abteilungen letztere davon überzeugt, ersteren nachzueifern. Ergebnis: Neben drei Regalmetern medizinisch sinnloser Collagen-Cremes für weibliche Haut, gibt es jetzt auch deren zwei für die maskuline.
Kein Wunder, dass Heidi Klum nun auch große Jungen zu Zuchthengstgen ihrer Ausbeutungsmaschinerie drillt. „Der Körper wird zum Projekt“, hatte Andreas Reckwitz bereits 2017 in seinem Standardwerk Die Gesellschaft der Singularitäten geschrieben. „Ein Material, das immer weiter geformt, gestaltet, perfektioniert werden soll“. Lange Zeit rein weibliches Terrain, ergänzt seine Kollegin Paula-Irene Villa von der LMU München, sei die Gestaltung des Äußerlichen nun „Teil des neuen männlichen Selbstverständnisses. Auch die Herren der Schöpfung wollen halt „schön sein, jung sein, gesund aussehen“.
Verstärkt durchs permanente Vergleichen der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, ist aus diesem Trend eine Bewegung geworden. Sie nennt sich „Blackpill“ und suggeriert, dass nur attraktive Männer Erfolg im Job, Bett, Alltag haben. Ben Zands Beobachtungsobjekte füllen dafür ein umfangreiches Arsenal minimal bis maximal invasiver Pillen, Cremes, chirurgischer Eingriffe. Ob UEE (Upper Eyelid Exposure), Mewing (Jawline-Optimierung) oder aufwändige Zahnengstandkorrekturen: Um ihren SMB (Sexueller Marktwert) zu steigern, investieren Lookmaxxer Unsummen für Dinge, die ihnen Influencer empfehlen.
Bis zu acht Stunden täglich verbringt Zands Zeitzeuge Finn dafür mit Austin Wayne, der Hunderttausende Follower um Millionen Euro und zahlreiche Nuancen ihrer angeborenen Persönlichkeit erleichtert. Wäre das alles, könnte man dem Film mit einer Mischung aus Faszination, Fremdscham, Schadenfreude folgen. Im Verlauf dieser 45-minütigen Reise ins Herz der algorithmischen Finsternis allerdings entlarvt #looksmaxxing das, was ebenso dahintersteckt: die Misogynie der „Manosphere“ genannten Zone frauenverachtender Männer.
Für die gab es zwar schon immer Stattlichkeitsideale. Um Damen, Höfe, Länder zu erobern, besetzen, verteidigen, sollten sie seit der Antike breitschultrig, hochgewachsen, maskulin sein. Mit jedem Erkenntnisgewinn der Spätaufklärung jedoch wurde das Ideal männlicher Maße mehr zum Selbstzweck einer wachsenden Gruppe westlicher, weißer, heterosexueller Relikte vormoderner Zeiten. Und auf der Suche nach Schuldigen für den Verlust jahrtausendealter Privilegien, stößt ein Teil von ihnen auf Frauen im Allgemeinen und den Feminismus im Besonderen.
Ein Phänomen, dass die postheroische Gesellschaft am Ende der Geschichte nicht hervorgebracht, aber verstärkt hat. Aus gewöhnlicher Unsicherheit, so erklärt es der Social-Media-Experte Callum Hood vom Zentrum gegen digitalen Hass in Zands Doku, „kann toxische Besessenheit werden.“ Schließlich ist körperliche Optimierung in unserer hochkomplexen Gegenwart barrierefreier zu haben als intellektuelle. „Das ganze Shrek-Märchen ist eben nicht real“, sagt der Looksmaxxer Felix zu Zands, „schöne Mädchen verlieben sich nicht in dicke grüne Männer“.
Damit bringt er das Businessmodell geschäftstüchtiger Blackpill-Influencer, die besonders unter Incels auf offene Ohren und PayPal-Accounts stoßen, auf den Punkt. Ihre Selbstzweifel projizieren Paarungsmarktverlierer ja nicht auf erfolgreiche Konkurrenten, sondern das knappe Gut gemeinsamer Anstrengungen um Interesse, Respekt, Liebe. Wenn Felix Teilnehmerinnen einer Straßenumfrage Lügen unterstellt, weil sie innere Werte höher gewichten als äußere, diskreditiert er Weiblichkeit im Ganzen als unehrlich. Und wenn Austin seinen 200.000 Followern bei Instagram weismacht, „Frauen wollen immer noch starke Männer, die sie beschützen“, macht er diese Lügen zum reichweitestarken Machtinstrument.
Denn darum, das macht die Dokumentation in aller Kürze klar, geht es. Darum zahlt L.T. für seine schmerzhafte Oberschenkelknochen-Verlängerung 75.000 Euro. Darum hat sich die Mitgliederzahl der größten Looksmaxxing-Plattform seit 2021 vervierfacht. Darum legt der Umsatz mit Anti-Aging-Produkten für Männer jedes Jahr um vier bis acht Prozent und damit doppelt so schnell zu, wie bei Frauen. Darum hat sich die Zahl der Schönheitsoperationen auch dank männlicher Eingriffe seit 2010 nahezu verdreifacht.
„Die Imperative der Schönheit, Gesundheit und Jugendlichkeit“, meint der angesehene Kulturwissenschaftler Thomas Macho, „sind zu moralischen Geboten geworden“. Sie haben somit den Weg vom Äußeren ins Innere geschafft. Das Ende der Geschichte: auf dem Feld äußerlich optimierter Männer steht es gerade mal in den Startblöcken.

