Love Sucks: Models & Vampire

Düsterdeutsche Mystery

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Die ZDF-Serie Love Sucks erzählt Romeo & Julia unter Vampiren von heute nach. Das ist radikal oberflächlich, zuweilen sehr deutsch. Gerade deshalb aber auch ganz schön ansehnlich.

Von Jan Freitag

Von wegen Aschenputtel: Soziale Schichten sind in der Regel gerade aufwärts so undurchlässig, dass sich die Menschen darin selten grenzübergreifend verpartnern. Normabweichungen kommen allenfalls in Teenagerträumen vor – und Melodramen. Als der neofeudale Ben von Greifenstein (Damian Hardung) eine Kirmes besucht, steigt er in den Ring der burschikosen Preisboxerin Zelda (Havana Joy Braun), verliebt sich trotz bezogener Dresche fünf soziale Stufen abwärts. Und was auch so schon jeder Wahrscheinlichkeit widerspricht, wird dadurch kaum realistischer, dass Ben ein Vampir ist.

Keine allzu verheißungsvolle Beziehungsbasis also für die öffentlich-rechtliche Gruselromanze Love Sucks. Zumal Zelda nicht nur versehentlich die Angebetete von Bens fiesem Bruder Theo (Rick Okon) umbringt, der Rache schwört; ihre Jahrmarktdynastie erweist sich auch noch als Nachfolger Abraham van Helsings, die auf höheres Geheiß Jagd auf Untote machen. Das ZDF badet also genüsslich im Kunstblut von Twilight bis True Blood, die Romeo & Julia Mitte der Nullerjahre bissfest reanimiert hatten.

Schade, dass Andreas Prochaska und Lea Becker dabei in (seltsam deutsche) Klischees verfallen. Acht Teile verrühren sie die Drehbücher aus dem Writers Room von Serienschöpfer Marc O. Seng zu einer sämigen Soße ortsüblicher Stereotypen, die vier Stunden vor sich hin blubbert. Das Gute guckt empathisch, das Böse lacht gehässig, beides achtet penibel aufs Äußere bildschöner Geschöpfe, deren Funktion ihrer Form in fast jeder Minute betriebsblind hinterherhechelt, dass niemanden am Set zu interessieren schien, warum diese Capulet eigentlich diesen Montague anhimmelt und umgekehrt.

Vieles an Love Sucks bleibt daher oberflächliche Behauptung einer Lovestory, an der die Vampire noch das Glaubhafteste sind. Vieles ist aber auch deshalb absolut instagramtauglich. Düsterdeutsche Mystery, das zeigen die Streaming-Millionäre Dark oder Barbaren, führt ja nicht trotz, sondern wegen ihrer leicht pathetischen Effekthascherei globale Abrufrankings an. Dass sich die Tanktop-Amazone Zelda da nach kurzer Begegnung mit dem wortkargem Ben zur Dancing Queen seines technoiden Tanzes der Vampire aufbrezelt, mag da selbst für magische Verhältnisse Unfug sein; es macht die Serie ungeheuer ansehnlich.

Dafür greift Studio Zentral tief in der Ideenkiste eindrücklicher Ausstattungselemente. Der barocke Gothic-Pop untoter Greifensteins um die Morticia-Addams-hafte Clanchefin Katharina (Anne Ratte-Polle) kontrastiert wunderschön mit Frankfurts lebloser Glas-Stahl-Aseptik. Bens Bürde der ständigen Hinwendung zu Lebenden statt seinesgleichen, hat sich Marc O. Seng zwar beim Highlander geborgt, das aber sehr versiert. Der Twist, dass Vampire selbst entscheiden, ob ihr Fluch auf Gebissene übergeht, erklärt endlich mal schlüssig, warum die Welt nicht längst flächendeckend blutsaugt.

Der tagtägliche Umgang mit Draculas Todfeinden Pflock und Sonne denkt dazu durchaus originell Peter Meisters Genre-Spaß Der Upir weiter. Geistesblitze wie die New Dawn Care AG genannte Blutbank der Reichensteins zur unauffälligen Eigenversorgung ist ganz schön pfiffig. Als habituell robuste Schausteller legen Stipe Erceg und Dennis Scheuermann zudem nahe, sie hätten für ihre Rummelplatzrollen Ilja und Branko Zori ein paar Monate als junge Männer zum Mitreisen verbracht. Und dann war ja noch gar nicht von deren Serienverwandten die Rede.

Selten wurde die weibliche Hauptfigur einer popkulturell überfrachteten Coming-of-Age-Ballade so gegen den Strich tradierter Sehgewohnheiten besetzt wie Havana Joy Braun. Dass ausgerechnet ihre Amour fou seltsam blutleer wirkt, ist da fast ebenso egal wie die angesprochenen Klischees. Nach ein paar Kurz- und Werbefilmen verleiht die 24-Jährige ihrer ersten Hauptrolle eine Bildschirmpräsenz, von der Damian Hardung bei allem Respekt nur träumen kann. Und weil sie die zu cleveren Coverversionen wie Jealous Guy oder Nothing Else Matters entfalten darf, ist Love Sucks am Ende doch besser als die Summe ihrer Stereotypen.


Stefan Raab: Schläge & Fragen

Schlaf den Raab

Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab

Es ist das Comeback des Jahres: Stefan Raab moderiert wieder Fernsehshows, jetzt bei RTL. Leider kommt ihm bei Du gewinnst hier nicht die Million!!! (Foto: RTL) der leidige Zeitgeist dazwischen – und sein unverwüstliches Ego.

Von Jan Freitag

Vor knapp neun Jahren, nein – da war die Welt natürlich auch schon längst nicht mehr in Ordnung. Banken, Klima, Staaten, selbst VW steckte dank Dieselskandalen tief in der Krise. Und dann geschah obendrein das Unfassbare: Stefan Raab trat von der Bühne, die er seit 1993 geprägt hatte wie kaum ein anderer vor ihm in Deutschland und gewiss keiner danach. Da war es buchstäblich ein Paukenschlag, als das ProSieben-Gewächs vorigen Samstag parallel zum Schlagabtausch mit Regina Halmich sein Comeback bei RTL verkündete.

Und gestern war es dann auch schon so weit: Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ging Du gewinnst hier nicht die Million!!! auf Sendung, raabgerecht nur echt mit den drei Ausrufezeichen plus Selbstbeschreibung, in den nächsten 90 Minuten nicht weniger als die „erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt“ abzuliefern. Große Worte eines großen Entertainers, die er mit dem Großmaul-Rocksong „Stefan Raab is back in town / jetzt gibt’s ‘n paar aufs Maul“ untermalte.

Fast wäre man geneigt zu sagen: als wäre er nie weg gewesen. War er aber. Und zwar für die Verhältnisse unserer rasenden Zeit lange. Zu lange. Lange genug jedenfalls, damit die einzige Innovation im Grunde darin bestand, dass der Buzzer, mit dem Raab seine merkwürdigen Einspielfilme abgespielt hatte, durch ein Tablet ersetzt wurde. Auf Fingerwisch sondert es nun Zitate von Florian Silbereisens Traumschiff-Kapitän ab. Schon lustig. Aber auch ziemlich gebraucht. Wie nahezu alles an der Sendung.

Nur der Form halber zur Erklärung von Du gewinnst hier nicht die Million, das erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt, kurz DGHNDMDEEQCSDW: Nach einer halben Stand-up-Stunde müssen fünf Kandidaten eine Frage aus eben der beantworten, um jenen Platz zu ergattern, auf dem der Sieger – zum Auftakt Oliver aus Karlsruhe – auf seinem Weg zum Millionengewinn eine Mischung aus Multiple-Choice-Fragen und Spieleaction bewältigen muss. Einige davon im direkten Duell mit dem Moderator.

Klingt schwer nach einer Kombination aus Schlag den Raab und Wer wird Millionär mit einer Auftaktprise TV total. Zumal er sich von ProSieben nicht nur Sebastian Pufpaffs Studioband Heavytones zurückgeholt hat, sondern als Schiedsrichter den unvermeidlichen Elton. Und so bittet der Ex-Praktikant seinen Ex-Ausbilder darum, sich durch Maschendrahtzäune zu schneiden oder Reifen zu wechseln.

Es sind Jungsdinge, die ihm einst den Ruf des ehrgeizigsten Showmasters aller Zeiten eingebracht hatten. Ein musikaffiner Kindskopf mit dem Geschäftssinn eines Investmentbankers, der früher als alle anderen seine eigenen Ideen produzierte und damit Einfluss, ja Macht erlangte. Der die Aufmerksamkeitsindustrie um Wok-Weltmeisterschaften, Böörti Vogts und Lena Meyer-Landrut bereicherte. Der Quotenerfolge am Fließband produzierte und dennoch stets aus voller Überzeugung handelte. Der also, mit zwei Worten, ein großartiger Entertainer war. Vergangenheitsform.

Denn von alledem ist praktisch nichts mehr geblieben. Mit fast 58 ist sein Körper zwar ähnlich intakt wie sein spektakuläres Gebiss; mit dem aber kann er nicht mehr so kraftvoll zubeißen wie in seiner Glanzzeit der Nullerjahre. Wenn Raab Witze über Peter Maffays Warze, Harald Glööklers Botoxunfälle und immer, immer, immer wieder Regina Halmichs Kampfwunden macht, wirken sie aus der Zeit gefallen wie sein altbackener Kampfbegriff „Tussi“, den niemand außer ihm mehr benutzt. Der Kameraschwenk ins Publikum landet da verlässlich auf einer Vielzahl Gäste mit versteinerter Miene, die während der endlosen Spiele vermutlich ebenso sanft weggedöst sind wie bei einer minutenlangen Reportage aus der Umkleidekabine vorm Halmich-Fight.

Dass RTL ihm dafür statt Gage ein Streamingabo zahlt, war demnach vielleicht ernster gemeint als all die selbstreferenziellen Flachwitze über Jürgen Milski, deutsche Schlager und Herzzeichen, die für ihn der neue Stinkefinger sind. Puhh. Als DGHNDMDEEQCSDW nach einer sagenhaft öden Autoreifenwechsel-Challenge (und natürlich ohne Millionen-Gewinner) endet, wirkt daher nicht mal Stefan Raab selbst sonderlich enttäuscht über die Abschlusssirene. Sie klingt ein wenig nach Erlösung. Leider nur bis nächsten Mittwoch.


Partyschlager-Doku: Layla & Rendite

Chartsturm dank Shitstorm

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Die ZDF-Doku Partyschlager erklärt das hochprofitable Phänomen sexistisch versoffener Ballermann-Hits und fördert dabei viel Erwartbares, aber auch Überraschendes, zutage.

Von Jan Freitag

Es gibt nur wenig im menschlichen Miteinander, das leichter auffliegt als offensichtliche Heuchelei. Mitte 2022 zum Beispiel besang der Ballermann-Poet Schürze zum Kirmestechno von DJ Robin eine Puffmutter namens Layla, die „schöner, jünger, geiler“ sei. Das war weder subtil noch sonderlich emanzipiert. Vor allem aber war es nur mäßig erfolgreich – bis das bundesdeutsche Spießbürgertum den Einwegsong zum Evergreen der eigenen Scheinheiligkeit kürte.

Drei Titelstorys der Bild und zahllose RTL-Berichte, 30 Wochen Hitparade am Stück, bei gut 143 Millionen Streams und Downloads: Ohne die Erregung vieler Tugendwächter und noch mehr Tugendwächterverächter, sagt Schürze in der ZDF-Mediathek, hätte sich sein vergleichsweise gedämpft sexistisches Schunkellied kaum zweieinhalb Monate auf Platz 1 gehalten. Doch „je mehr es verbiete wolltet“, schwäbelt Michael Müller, wie er im Ausweis heißt, „desto mehr habet direkt gegesteuert.“ Also geladen, gehört und mitgebrüllt.

Chartsturm dank Shitstorm: für diese Theorie kriegt der, nun ja, Künstler sogar akademische Unterstützung. In der dreiteiligen Doku Partyschlager redet Prof. Gregor Herzberg, Dozent für populäre Musik an der Uni Regensburg, von einem „Stellvertreterkrieg“, den die Mehrheitsgesellschaft gegen ihre kulturellen Ränder führt. Ein Stück wie Layla dient demnach nur als Ventil für die generelle Geringschätzung der Titelmelodie von Maria Burges‘ sehenswerter Serie.

Wer Partyschlager nicht kennt: so heißen Volkslieder von Helene Fischer bis Roland Kaiser mit einer hochbeschleunigten Extraladung Sex’n’Alk’n’Ballermann. Ein kulturelles Phänomen. Vor allem aber betriebswirtschaftliches. Obwohl sich absolut jeder Malle-Song mit 119-125 beats per minute im Viervierteltakt um dasselbe (meist das eine) dreht, verdienen sich Bierzeltlegenden wie Ikke Hüftgold, Isa Glück oder Micky Krause damit nämlich dumm und dämlich.

Allein die zehn Tophits der Spitzenverdiener zählen bei minimalen Herstellungskosten sagenhafte 758 Millionen Spotify-Abrufe. Plus Merchandising, Lizenzabsätze und 2500 Festivals vom Mecklenburger Schützenhaus bis zur Arena auf Schalke summiert sich der jährliche Gesamtumsatz zur halben Milliarde Euro aufwärts. Und zwar dank zotiger Texte, die Matthias Distel zufolge „mit drei Promille so leicht sein“ sollten, dass „selbst der Vollste an der Playa“ sie noch mitgrölen könne. Er muss es ja wissen.

Distels Label Summerfield produziert nicht nur misogyne Marschmusik à la Layla, sondern auch sein Alter Ego Ikke Hüftgold – eine Kunstfigur mit Zottelperücke, der Deutschlands Schnapsbrennereien vermutlich Altare errichten, so fördert sie toxischen Alkoholmissbrauch enthemmter, meist junger Kerle. Alles richtig, alles aber auch etwas wohlfeil für eine 135-minütige Milieustudie auf der Suche nach soziokultureller Einsicht.

Deshalb dringt Maria Burges tiefer ins Metier lukrativer Nach-mir-die-Sintflut-Hymnen ein und entdeckt Überraschendes. Die „erste farbige Partyschlagerkünstlerin in der Branche seit Roberto Blanco“, wie sich Malin Mensah alias Malin Brown bezeichnet. Oder ihre Kollegin Nancy Franck, die es mit Partykrachern ohne Saufen in obere Gehaltsklassen bringt, wo Stefan Scheichel-Gierten, Kampfname Lorenz Büffel, verblüffend offen einräumt: „Ich muss für den Veranstalter Umsatz bringen, nicht mehr und nicht weniger.“

Diese klaren Worte verleihen Partyschlager Wahrhaftigkeit in einer Branche, an der sonst das wenigste echt ist und gerade deshalb profitabel. Noch. Denn im dritten Teil, der passenderweise „Schöner, jünger, geiler“ heißt, sprechen die Profiteure Tacheles. „Der Zenit ist erreicht“, unkt Ikke Hüftgold und erklärt es mit „vielleicht noch drei Millionen Umsatz“, die er 2024 „mit ‘ner Tour und 164 Auftritten macht“. Da selbst Nachwuchskräfte nun vierstellige Gagen pro Auftritt verlangen, werde sich ein Markt bereinigen, „der seit Layla völlig aufgeblasen wurde“. Einerseits.

Andererseits lehrt uns schon die 1. Folge „Gute-Laune-Hits vom Fließband“ viel übers Preis-Leistungs-Verhältnis im Ballermann-Biz. Zwischen Après-Ski und El Arenal lädt Distels Label schließlich jedes Frühjahr 30 Fabrikanten und Interpreten auf die Almhütte, um in Windeseile 100 Partyschlager herzustellen. Klingt verwegen, ist realistisch. Immerhin klingt jeder exakt wie der nächste, alles andere als schöner, jünger, geiler also. Aber variabel genug für die (längst nicht mehr nur männliche) Stammklientel von 15 und 35 mit 1,5-3,5 Promille im Blut. Oder wie der Szenestar Isa Glück singen würde: „Das Leben ist ‚‘ne Party, dabdadadab“.

Partyschlager – dreimal 45 Minuten, in der ZDF-Mediathek und am 8. August, 20.15 Uhr bei ZDFinfo


Becoming Karl Lagerfeld: Brühl & Disney

Stilikone auf Stilsuche

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Modeporträts wie Becoming Karl Lagerfeld dürfen optisch aus den Vollen schöpfen. Dank Daniel Brühl als Titelfigur schafft es die Disney-Serie aber spielend, der 70er-Optik Tiefe zu geben.

Von Jan Freitag

Falls Stil, wie der große Philosoph Arthur Schopenhauer sagte, die Physiognomie des Geistes ist, war der große Couturier Karl Lagerfeld zeitlebens ein Suchender, ein Getriebener, ein Jäger des verborgenen Schatzes seiner Ausdrucksform. So stylisch er im kollektiven Gedächtnis auch wirkte mit Vatermörderkragen und Fächer, Bikerhandschuhen und Brille, weißem Zopf und schwarzem Rest: Fünf Jahre nach seinem Tod können selbst Modemuffel den Modemacher zwar locker aus dem Gedächtnis zeichnen.

Aber von Karl dem Kleinen?

Anfang 1972 war der Hamburger in Paris nicht ansatzweise als Stilikone, geschweige denn Kaiser Karl bekannt, wie ein Biopic aus dem Hause Gaument heißen sollte. Gut, dass Disney+ die Serie noch in Becoming Karl Lagerfeld umbenannt hat. Der Titelheld, den die Welt bis heute so klar vor Augen hat, erblickte darin schließlich erst vor 52 Jahren mit Ende 30 das Rampenlicht der Fashionwelt. Und wie! In blutroten Stulpenstiefeln stolziert er zu Beginn der sechs Teile so auffällig durch eine Schwulenbar, dass Jacques de Bascher buchstäblich hingerissen ist und tags drauf die Hochglanzmagazine durchforstet.

Ob sie Karl Lagerfeld kenne, fragt der junge Landadelsspross die Zeitungsverkäuferin. „Nein, da klingelt nichts“, antwortet sie schulterzuckend, obwohl der Gesuchte damals schon 20 Jahre im französischen Modebusiness erfolgreich ist. Disney skizziert ihn entsprechend als distinguiert, originell, glamourös et très, très chic, was Franzosen den Deutschen nur eine Generation nach Kriegsende weder zutrauen noch zubilligen. Im Olymp schöpferischer Genies á la Dior & Chanel aber ist er ein unbeschriebenes Blatt.

Feinstes Drehbuchmaterial also, das Headautorin Isaure Pisani-Ferry vier Stunden mit einer faszinierenden Liebestragödie füllt. Während sein (wie die meisten Charaktere real existierender) Fan, Lover, Gefährte Jacques alias Jako in Lagerfelds Luxusleben tritt, sucht dieser künftige Star unterm Radar der Haut Couture allerdings nicht nur die Anerkennung nur eines Verehrers. Nein, er will nach oben! Jedenfalls höher als seine Nemesis, das kathartische Menetekel, der frühere Freund und heutige Gegner: Yves Saint Laurent.

Als Kreativchef von Chloé kreiert Karlito, wie YSL ihn ebenso zärtlich wie abschätzig nennt, Prêt-à-porter genannte Kollektionen für Kundinnen knapp unterhalb der oberen Zehntausend. Schon das ermöglicht ihm ein Leben in Saus und Braus. Wahrer Ruhm jedoch erfordert mehr als Initialen auf jedem Stück Stoff und einen Rolls Royce, in dem KL durch Paris gleitet. Der Dienstleister braucht Alleinstellungsmerkmale. „Du hast 20 Stile“, nörgelt seine Mutter (Lisa Kreuzer), die wie ein Krokodil ketterauchend in Lagerfelds Pariser Salon hockt, „vielleicht findest du erstmal einen, bevor du mit deiner Marke anfängst“.

Gar nicht so einfach. Denn als er der öffentlichkeitsscheuen Hollywoodikone Marlene Dietrich (grandios: Sunnyi Melles) ein Kleid kreieren will, das Lagerfelds Weg ins Zentralorgan der mächtigen „Vogue“-Chefin Francine Crescent (Julia Faure) ebnet, fragt seine Landsfrau, so kühl es auf Französisch eben geht: „Avez vous un style?“ Hat er nicht. Noch. Doch je fieberhafter der Emporkömmling seinen Stil sucht, desto mehr verseucht das Virus übersteigerten Ehrgeizes alle, die ihn lieben. Sich selbst am meisten.

Und wie Daniel Brühl den ungekrönten Kaisers Karl zwischen Kontrollsucht und -verlust, Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn, Überfluss und Askese, Exzess und Vereinsamung spielt – das ist nicht weniger als die endgültige Bestätigung der Brillanz des polyglotten Weltstars aus Köln. Ob Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch: Über neun Jahre hinweg spielt Brühl den hanseatischen Pariser mit familiärem Naziballast in einer fragilen Zielstrebigkeit, als würde das Original aus dem Jenseits die Fäden führen.

Bis zur 5. Folge ohne Zopf und Kragen, aber schon mit dieser hüftsteigen Grandezza in Gang und Sprache, ist Lagerfelds autoaggressive Geschäftstüchtigkeit körperlich spürbar. Oft qualvoll gerät sie in seiner platonischen Beziehung zum halb so alten Jako (Théodore Pellerin) und der pathetischen Hassliebe zum doppelt so berühmten Yves (Arnauld Vallois). Wie Jérôme Salle und Audrey Estrougo deren Gefühlsrausch inszenieren, ist Bildschirmkunst auf Leinwandniveau. Allerdings entfaltet sie sich auch in vertrauter Umgebung. Die Laufstegexistenzen moderner Porträts von Cristóbal Balenciaga (Disney) oder Christian Dior (Apple) bis alle paar Jahre Coco Chanel haben schließlich keine Ausstattung, sie sind Ausstattung.

Nirgendwo darf die Funktion so selbstverliebt ihrer Form folgen wie im Mode-Biopic. Doch anders als im deutschen Historytainment üblich, sind Kostüme (Pascaline Chavanne), Dekos (Jean Rabasse) und Frisuren (Sébastien Quinet) bei Becoming Karl Lagerfeld nicht nur plausibel statt museal; sie stellen sich ohne falsche Bescheidenheit in den Dienst einer Erzählung, deren Egos ebenso üppig, barock, also überdimensioniert sind wie die Möbel, Accessoires und Schlaghosen.

Umso mehr überzeugt an dieser queeren Milieustudie, dass Look & Feel im subkulturellen Mainstream einer liberalen (aber auch homophoben) Aufbruchsphase zugleich beiläufig und raumgreifend sind. Nur so kommt das imposante Schauspiel aller Beteiligten richtig zur Geltung – und macht die Serie trotz der hypothetischen Intimität zur ergreifendsten, schönsten, ja besten Modefiktion aller Film- und Fernsehzeiten. Im Grunde kreiert sie das, was Karl Lagerfeld jahrzehntelang vergebens suchte: einen ganz eigenen Stil.


Die Hamburger Schule: Poesie & BRD

Zwischen Kiez und Kommerz

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Das viel zu kurze NDR-Porträt der Hamburger Schule erkundet die einflussreichste Richtung hiesiger Popmusik seit Kraftwerk – und sorgt trotz einiger Misstöne für wohlige Nostalgie in der ARD-Mediathek.

Von Jan Freitag

Die Pfade deutschsprachiger Musik sind seit jeher Highways to Hell. Vom erdigen Volkslied über die feudale Klassik, debile Kaiserzeitoperetten oder das Horst-Wessel-Lied, ging germanisches Gesangsgut so kalkuliert Richtung NDW, Eurodance, Helene Fischer, dass Ausfahrten in abseitigere Regionen meist nicht mal richtig ausgeschildert waren. Eine davon klingt denn auch mehr nach Zwang als Genre: Hamburger Schule.

Kreiert vom taz-Kritiker Thomas Groß, beschreibt der Kunstbegriff ein ortsgebundenes Sammelbecken, in dem drei, vier Jungs an vier, fünf Instrumenten wenig mehr verbunden hat als Sprache, Haltung, Gestus und das, was Natascha Geier in ihrer Dokumentation „eine Bewegung“ nennt. „Ein Lebensgefühl“, um alles anders zu machen als alle anderen im heimischen Rock zuvor. Tocotronic zum Beispiel. Relativ spät, also nach den Vorschulbands Blumeld, Die Sterne, Huah! oder Kolossale Jugend hinzugekommen, war das Trio um den Freiburger Dirk von Lowtzow rasch so bedeutend, dass ihr Album Nach der verlorenen Zeit 1995 die Hymne ihrer Lebensgefühlsbewegung enthielt:

Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und ich kenn mich noch nicht so gut aus
Ich bin grade in die erste Klasse gekomm‘
Und ich weiß noch nichts genau

Das aber, zeigt Geiers Nabelschau des einflussreichsten Musikstils seit Kraftwerk und Krautrock, galt für die ganze Gattung. Entstanden im Mauerfallfiebertraum aus Ernüchterung über NDW, Hedonismus und Wende plus Angst vor Krieg, Aids und Rechtsruck, richtete sich der distinguierte Punkableger gegen das, was die beteiligte Malerei-Ikone Daniel Richter im Film „Kommerz, Mainstream, auch den politischen“ nennt. Zugleich existierten jedoch kaum Gemeinsamkeiten abseits vom Text, dem weder Deutsch noch Poesie peinlich war.

Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und bin grade erst weg von zuhaus‘
Die Lehrer sind alle ganz nett hier
Und die meisten meiner Mitschüler auch

Wie in jeder Bildungseinrichtung gab es Wortführer und Außenseiter, Kuschelpädagogen und Frontalunterricht. Trotz aller Differenzen aber waren zwei Aspekte vorheriger Epochen tabu: „Folk und Romantik“, wie es Sterne-Sänger Frank Spilker ausdrückt. Damit prägte die Hamburger Schule bei aller Dissonanz nicht nur den Sound der gesellschaftlichen Aufbruchsjahre in sorglose Zeiten; sie begann auch, die Popkultur diskursiv, also politisch aufzuladen.

Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und es gefällt mir hier eigentlich ganz gut

Die Klassenzimmer sind angenehm dunkel
Es gibt Bier als Pausenbrot

So ist Die Hamburger Schule auch ein Streifzug durchs womöglich letzte Aufbegehren der Subkultur gegen Gentrifizierung, Mainstream, Verwertungslogik in Clublegenden wie Goldener Pudel, Komet, Heinz Karmers, wo die Doku nochmal in Nostalgie schwelgen darf. Kurz zumindest. Denn wie so oft hat auch diese Revolution ihre Kinder gefressen. Und schon wieder taugen Tocotronic dafür als (warnendes) Beispiel.

Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und lern kein Griechisch und kein Latein

Und trotzdem scheint mir die Hamburger Schule
‘Ne Eliteschule zu sein

Während sie im 2. Teil durch die Aufmerksamkeitsindustrie gehetzt werden, wo parallel zum Aufstieg von Viva und Love Parade das entsteht, was Myriam Brügger vom Schullabel L’Age D’Or als „Schlagerwendung“ bezeichnet, zeigen sich nämlich die Sollbruchstellen: eklatanter Mangel an Frauen und ebenso eklatantes Übermaß an Selbstgefälligkeit bis hin zur Arroganz. Die tollste Szene ist da jene, als Dirk von Lowtzow Wortungetüme wie „heterotrop“ oder „Epiphanie“ absondert und sein Bassist Jan Müller fast mitleidig lächelt.

Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und vielleicht komme ich hier nie wieder raus
Vielleicht werde ich nie meinen Abschluss machen
Denn hier gibt es ja immer Applaus

Den gibt es – auch wenn das Schultor längst verriegelt ist – weiterhin. Tocotronic mögen allerdings Mehrzweckhallen füllen; für ihre Wegbegleiterin Christine Rösinger von den Berliner Lassie Singers aber sind sie „schuld an AnnenMaiKantereit oder Bosse“. Natascha Geiers Film lässt trotzdem keinen Zweifel daran, dass die Hamburger Schule Spuren bis in Kunst und Literatur hinterlassen hat. Sie hier zu sehen, hören, fühlen hätte mehr verdient als zweimal 30 Minuten in der ARD-Mediathek.


Zweiflers: Holocaust & jüdischer Alltag

Im Schatten der Shoah

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Die Zweiflers erzählen den Alltag einer jüdischen Familie in Frankfurt ohne Fokus auf Holocaust und Antisemitismus. Da beides dennoch ständig unüberseh- und hörbar mitschwingt, ist der Sechsteiler ein tragikomisches Meisterwerk, zu bestaunen in der ARD-Mediathek.

Von Jan Freitag

Die Vorhaut ist alles andere als ein passendes Thema fürs gesellige Beisammensein. Obwohl fast 50 Prozent aller Menschen damit zur Welt kommen, wird deshalb selbst im engsten Kreis kaum darüber gesprochen. Es sei denn, er besteht aus Samuel Zweiflers weitverzweigter, engverwobener Sippe; dann ist Praeputium penis, wie das Stück Haut auf Latein heißt, nicht nur Randaspekt, sondern Mittelpunkt familiärer Debatten. Tagein, tagaus.

Kein Wunder – besteht die Verwandtschaft des werdenden Vaters doch vor allem aus Deutschen jüdischen Glaubens mit traditioneller Religionsauffassung plus Samuels gottloser Freundin. Über die Beschneidung ihres gemeinsamen Sohnes wird demnach schon vor dessen Geburt befunden, als stamme er direkt von Abraham ab – doch der Reihe nach. Denn zu Beginn des gleichnamigen ARD-Sechsteilers haben Die Zweiflers ab sofort in der ARD-Mediathek ganz andere Sorgen.

Patriarch Symcha (gespielt von Broadway-Legende Mike Burstyn) will das Feinkost-Imperium im Frankfurter Bahnhofsviertel, von dem die halbe Verwandtschaft lebt, loswerden. Sein Enkel Samuel (Aaron Alteras) ist zwar Musikmanager. Für etwaige Erbangelegenheiten allerdings reist auch er aus Berlin an und verliebt sich in die karibikstämmige Köchin Saba (Saffron Coomber). Dass sie kurz darauf schwanger wird und mit dem Familienplan einer rituellen Vorhaut-Zirkumzision fremdelt, ist allerdings nicht das größte Zweiflers-Problem.

Schwerer wiegt ein dunkles Firmengeheimnis der Nachkriegszeit, das die Kiezkanaille Siggi (Martin Wuttke) ausplaudern will, falls er nicht am Geschäft beteiligt wird. Und dann brüskiert Sams Bruder (Leon Altaras) die Mischpoke auch noch mit Kunstwerken, die den Holocaust relativieren. Alles stereotyp, vieles klischeehaft, das meiste aber so sinnlich, plausibel und warm, wie es wohl nur ein jüdischer Showrunner wie David Hadda – der für Daniel Donskoy die wunderbare Talkshow Friday Night Jews produziert – kreieren kann.

Von Anja Marquardt und Clara von Arnim teilweise auf Jiddisch inszeniert, brillieren Die Zweiflers jedoch durch etwas anderes: fokussierte Beiläufigkeit. Wer jüdische Fiktionen nach 1945 durchforstet, stieß bislang meist auf zwei Pole: Oliver Hirschbiegels Ein ganz gewöhnlicher Jude, der 2005 komplett im Holocaustschatten des Antisemitismus stand. Und Dani Levys Alles auf Zucker!, wo Henry Hübchens Zocker kurz zuvor nur im Stammbaum Jude war.

Dazwischen gibt es von Maximilian Glanz (Towje Kleiner) in Helmut Dietls Zwölfteiler Der ganz normale Wahnsinn von 1979 bis Nina Rubin (Meret Becker) im Berliner Tatort zwar geschichtslose Kinder Israels. Ansonsten aber spielt das Trauma jahrtausendealter Verfolgung Hauptrollen wie aktuell in der ZDF-Serie Borders um israelische Grenztruppen in Tel Aviv oder wird in der NDR-Komödie Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut unsichtbar.

Wenn Samuels manipulative Mutter Mimi (Sunnyi Melles) unbedingt die ihres Enkels verabschieden möchte, will Chefautor Hadda uns einen „authentischen Einblick in den Mikrokosmos“ gewähren und die „Ambivalenz des jüdischen Selbstverständnisses auf tragisch-humoristische Weise“ verhandeln. Beides gelingt ihm mithilfe von Phillip Kaminiaks Zoom auf jüdische Essgewohnheiten derart fantastisch, dass es an israelische Welterfolge wie Shtisel, Kvodo oder die Homeland-Vorlage Hatufim erinnert.

Bei den älteren Zweiflers steht schließlich alles unter Holocaust-Vorbehalt. Doch weil die jüngeren eher auf der Suche nach Identität als Wurzeln sind, darf das Format wie eine Milieustudie Woody Allens wirken: als kommunikatives Chaos, in dem nicht dauernd Klezmer durch Chanukkas und Chagall-Gemälde wehen muss, um authentisch zu sein. Auch deshalb wurde es gerade in Cannes als „beste Serie“ samt „beste Musik“ prämiert. Zu Recht! Denn ob mit oder ohne Vorhaut: Die Zweiflers sind ein tragikomisches Meisterwerk.

Die Zweiflers, 6 x 50 Minuten, komplett in der ARD-Mediathek


Ingo Zamperoni: Eloge zum 50. Geburtstag

195 Zentimeter Gefühlsdistanz

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Kaum zu glauben, aber belegt: Ingo Zamperoni (Foto: Schwichtenbergf) ist jetzt 50 Jahre alt. Die Hälfte davon arbeitet der deutsch-italienische Moderator mittlerweile daran, die Nachrichtenlage einigermaßen erträglich zu machen. Mit Erfolg.

Von Jan Freitag

Dante Alighieri wird hierzulande selten zitiert und noch viel seltener tagesaktuell. Von daher war der 28. Juni 2012 ein gewichtiges Datum fürs hiesige Infotainment und seines schönsten Kopfes. Damals traten Ingo Zamperonis Heimatländer im Halbfinale der Fußball-EM gegeneinander an. Und dass der deutsch-italienische Moderator die Halbzeit-Tagesthemen mit dem biografisch-fairen Satz „möge der Bessere gewinnen“ schloss, brachte ihm zwar den allerersten Shitstorm seiner Karriere ein.

Nachhaltiger wirkt im Nachhinein jedoch der Dante-Verweis vorweg. Das Gesicht, zitierte Zamperoni den Nationaldichter aus dem Land seiner Vorfahren väterlicherseits, „verrät die Stimmung des Herzens“. Wie genau es nach dem Aus von einem seiner zwei Lieblingsmannschaften aussah, ist nicht überliefert. Grundsätzlich allerdings darf man vermuten, dass Ingo Zamperoni ziemlich oft guter Stimmung ist.

Trotz allem.

Fast 25 Jahre arbeitet der studierte Amerikanist für Deutschlands wichtigste Nachrichtenredaktion, zur Hälfte vor statt hinter den Kameras. Von Euro-Krise bis AfD-Aufstieg, von Klima-Krise bis Trump-Chaos, von Ukraine-Krieg bis Inflationsspirale hat er seither nahezu ausnahmslos katastrophale Nachrichten verbreitet. Sein Gesicht aber, dieses Gemälde aus verbindlichem Charme und professioneller Empathie – es sorgt für Trost. Abend für Abend.

Wenn er heute – kaum zu glauben, aber belegt – 50 wird, mag Zamperonis Haar demnach grauer geworden sein; das Antlitz darunter wirkt auf ähnlich optimistische Art sachorientiert wie am sieg- und verlustreichen Halbfinaltag zwölf Jahre zuvor. Damit aber genug von Äußerlichkeiten, hin zur Kernkompetenz. Von Ulrich Wickert hat er schließlich nicht nur die nonchalante Lässigkeit geerbt, sondern deren Nebeneffekt, manch Grausamkeit unserer desaströsen Zeit ohne Sinn- oder Bedeutungsverlust erträglicher zu machen.

Sein sonniges Wesen, gepaart mit der Fähigkeit, stürmisch zuzupacken, dient damit als das, was öffentlich-rechtlicher Magazinjournalismus bilden sollte: Die Scharnierfunktion zwischen Ernst und Leichtigkeit, Staatsauftrag und Zerstreuung zur Nacht, in die uns Zamperoni alle zwei Wochen sieben Tage mit dem Abschiedsimperativ „Bleiben Sie stabil“ entlässt. Sie ließ sich nirgends besser bestaunen als im Trialog mit Barack Obama und Bruce Springsteen.

Danach war man wie so oft ab 22.15 Uhr im Ersten informierter, aber auch entspannter, entkrampfter, entertainter. Publizistischer Konfrontationseskapismus gewissermaßen im Dienst analytischer ausgewogener Analyse. Vor allem aber ein Beleg guter Gesprächsführung vom Bauch übers Herz ins Gehirn und wieder zurück, der das Fegefeuer von Corona, Tumulten, Rechtspopulismus Ende 2021 herunterkühlte, ohne es vollends zu löschen. Denn das, da ist der Moderator kategorisch, entspricht nicht seiner Aufgabe.

Schließlich sei es „ein Privileg, unterschiedlichste Menschen verschiedenster Ansichten zu interviewen“, hatte der dreifache Vater zwei Jahre zuvor den Start des Justizmagazins „Das soll Recht sein?“ bei seinem Haus- und Herzenssender NDR kommentiert. Da garantiere er, „nie eine Agenda zu pushen“. Und weil sich der juristisch ausgebildete Journalist ohnehin ständig im „Spannungsfeld von Fakten und Fairness“ befinde, „bin ich auch nicht dauernd innerlich zerrissen, diese Ausgeglichenheit ist absolute Routine“.

Wie gut, dass er die großen und kleinen Tiere nicht nur im Nachrichtenstudio befragt, sondern auch abseits der Redaktionsräume am Hamburger Zoo. So hat uns Ingo Zamperoni zuletzt herausragende Reportagen aus Italien und den USA geliefert. Auf subjektive Art objektiv, reif und jung in einem, ebenso glaubhaft wie kurzweilig: Was bei anderen Gegensatzpaare wären, vereint der 50-Jährige auf 195 Zentimetern distanzierten Mitgefühls.


Ripley: Matt Damon & Andrew Scott

Ästhetisches Nervenreißen

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Die Netflix-Serie von Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley ist nicht nur umfangreicher als der Kinofilm von 1999, sondern ein Meisterwerk der Verbindung von Schönheit mit Spannung und Tiefe.

Von Jan Freitag

Der Weg nach ganz oben ist für Menschen weit unten lang und beschwerlich. Also nicht für Dickie Greenleaf, versteht sich. Der Spross eines New Yorker Großreeders blickt von seiner Luxusvilla hinunter aufs Mittelmeer, muss jedoch offenbar nie selbst hinaufsteigen. Ganz im Gegensatz zu Tom Ripley. Der Trickbetrüger müht sich zu Beginn einer fabelhaften Netflix-Serie die Treppen zu Dickies Domizil erst aufwärts, dann abwärts, bergan, bergab. Immer und immer wieder.

Es ist ein schweißtreibender Kampf gegen die kapitalistische Höhendifferenz, den er mit sich und seinem Ehrgeiz austrägt. Schließlich könnte es sich lohnen: Beauftragt von Dickies Vater soll Tom dessen Sohn überreden, sein Lotterleben als alimentierter Tunichtgut aufzugeben und heimzukehren. Erster Klasse nach Italien. Honorar und Spesen inklusive. Ein verlockendes Angebot für jemanden, der Ottonormalverbraucher um Kleinbeträge erleichtert.

Und eins, das Cineasten vertraut vorkommen dürfte. Als Anthony Minghella Patricia Highsmiths Thriller Der talentierte Mr. Ripley 1999 verfilmt hat, schlidderte Matt Damon beim Versuch, jemand besseres zu sein, von einer Katastrophe zur nächsten. Zwei Jahre nach seinem Mafia-Epos The Irishman nun schickt Steven Zaillion den noch viel talentierteren Andrew Scott zurück in die Neo-Noir-Sixties. Und man fragt sich: Kann das Fernsehen dem Roman etwas abgewinnen, das dem Kino verborgen blieb?

Antwort: Sie kann. Mehr noch: Sie verlängert die Spielfilmlänge nicht nur auf achtmal 30 bis 60 Minuten, sondern zur vielleicht besten Fiktion 2024, wenn nicht aller Zeiten. Denn Ripley, so heißt sie in aller Kürze, gelingt nahezu Einmaliges: Dramaturgischer Tiefgang und schauspielerische Brillanz, gepaart mit ästhetischer Vollkommenheit und erzählerischer Stringenz, die trotz hinlänglich bekannter Story zum Zerreißen fesselt.

Dass der vermeintliche Studienfreund des Hobby-Malers Dickie plant, in dessen Rolle zu schlüpfen, erschließt sich nämlich schon früh, nimmt der Erzählung aber nichts von ihrer Spannung. Bis dahin aber muss Ripley Treppensteigen. Um fremdes Vertrauen zu gewinnen, quartiert er sich in dessen Haus himmelhoch über Neapel ein und wird vom Besucher zum Freund, der seinen Gastgeber so virtuos manipuliert, dass weder Dickie (Johnny Flynn) noch seine Freundin Marge (Dakota Fanning) etwas davon bemerken.

Wo Matt Damon seinen Eindringling als Impulstäter spielt, der eher zufällig in die Eskalationsspirale gerät, bleibt Showrunner Zaillion somit der Buchvorlage näher und kann sich dabei auf seinen Hauptdarsteller verlassen. In dessen Figur skizzierte Highsmith vor 70 Jahren eine Klassengesellschaft, die so hermetisch verriegelt ist, dass man ihr nur auf krummen Weg – oder endlos geschwungener Wendeltreppe – aufwärts entkommen kann. Und diesen Eifer spielt Andrew Scott mit einer unsichtbaren Vielschichtigkeit, die sprachlos macht.

Von argloser Naivität bis zur maliziösen Infamie muss er nur zwei, drei Gesichtsmuskeln bewegen und variiert sein Minenspiel damit in einer Sekunde mehr als ein Heino Ferch in seiner gesamten Karriere. Die eigentlichen Stars sind allerdings gar nicht im Bild: Robert Elswitt und Jeff Russo. Während der Kameramann jede seiner schwarzweißen Einstellungen zum Gemälde macht, das für sich genommen schon ins Filmmuseum gehört, legt der Komponist einen Soundtrack darüber, der gleichermaßen eindrücklich und beiläufig ist.

In seiner unaufdringlichen Detailversessenheit, die oft über Minuten hinweg Schnappschüsse der Umgebung zu machen scheint, erinnert Ripley dadurch an Meisterwerke von Lost in Translation bis Smoke, in denen die Optik inhaltliche Aufgaben übernimmt, ohne sie zu ersetzen. So kreiert Zaillion das atemberaubende Stadtlandfluss-Porträt einer eleganten Ära, deren visuelle Schönheit anmutig mit der sozialen Ungleichheit ringsum kontrastiert und beides damit zur Formvollendung führt. Doch obwohl hier jedes einzelne Bild heillos überfrachtet wirkt, bettelt keines davon je um Bedeutung.

Das Herausragende einer einzigartigen Inszenierung aber besteht darin, dass die Sechzigerjahre hier zu keiner Zeit kostümiert wirken – als würde Netflix Super-8-Filme jener Jahre digitalisieren, anstatt sie nachzustellen. Für den Deutschen Louis Hofmann ist es da die größte Ehre, an der Seite von John Malkovich mitspielen zu dürfen – und sei es auch nur am Rande. Wobei Ripley für alle Beteiligten das Beste sein dürfte, was sie von ihrer Karriere erwarten dürfen. Nur bei Andrew Scott darf man sich da nicht zu sicher sein. Er zählt zwar schon jetzt zu den Größten unserer Zeit, hat sein Potenzial aber noch nicht annähernd ausgeschöpft.


Fernehwesternwelle: 1883 & The English

Totgesagte töten länger

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Western gibt es seit 120 Jahren und wurden seither ständig rituell beerdigt. Gleich zwei opulente Serien – 1883 bei Paramount+ und The English auf MagentaTV – aber belegen eindrucksvoll: „Cowboys und Indianer“, wie man früher sagte, sind mediale Überlebenskünstler.

Von Jan Freitag

Es gibt kein Film- und Fernsehgenre, das öfter totgesagt und wiederbelebt wurde als der Western. Zu schwarzweißer bis technicolorbunter Zeit die Essenz einsamer Überlebenskämpfe in feindseliger Umgebung, kamen Cowboys und (damals noch statthaft) Indianer Ende der Fünfziger außer Mode, wurden Mitte der Sechziger von Sergio Leone reanimiert und fielen Ende der Siebziger ins Koma, aus dem sie 1990 Costners Der mit dem Wolf tanzt holte.

Es war das Anschwellen weiterer Wellen, auf denen vor Jarmusch (Dead Man) oder Tarantino (Django Unchained) ein Fernsehformat nach Westen ritt, mit dem sich 2003 auch am Bildschirm alles änderte. 100 Jahre nach Der große Eisenbahnraub stellte das real existierende Deadwood die US-Zivilisation von 1877 dar, wie sie mit jedem Kilometer landeinwärts wirklich wurde: gesetzlos, dreckig, darwinistisch, also tödlich wie jenes Fort Worth, wo gerade die neuste Westernwoge brandet.

Mit Frau (Faith Hill) und Kind (Isabel May) führt James Dutton (Tim MacGraw) deutsche Immigranten aus der texanischen Wüste ins fruchtbare Montana, und wem der Name bekannt vorkommt: es ist ein Urahn jenes Patriarchen, den Kevin Costner im Neowestern „Yellowstone“ einige Generationen später zum Welterfolg machte. Zum Start von Paramount+ erzählt 1883 nun die Vorgeschichte der Großgrunddynastie. Und wie in den vier Staffeln von heute, tut es Showrunner Taylor Sheridan in der zehn Folgen von gestern mit einer Bild- und Tonsprache, die sich nicht meilenweit, sondern kontinentbreit vom früheren Genre entfernt.

Schon zu Beginn zoomt Regisseur Ben Richardson nicht auf frisch rasierte Cowboys in gebügelter Weste; minutenlang filmt er die junge Elsa Dutton im Staub der „Great Plains“. Solche Bezeichnungen, sagt sie im Staub der endlosen Steppe, hätten sich „Professoren umgeben von Ideen der Ordnung“ ausgedacht, „aber um sie zu verstehen, muss man sie durchqueren, in ihren Dreck bluten“. Und das machen nahezu alle Charaktere fast pausenlos. Auf dem Treck gen Norden herrscht bestenfalls Faust-, meist aber Standrecht, das Beteiligte wie Unbeteiligte noch schneller unter die Erde bringt als Hunger, Kojoten, Unfälle und Schlangen.

Der Tod, lautet die Botschaft des neuesten Revivals, ist das einzige, worauf sich europäische Siedler und ihre Begleiter auf dem Weg durchs gelobte Land verlassen dürfen. Und wer sich nicht bewaffnet, zweite Message, hat schon verloren – was beiläufig einiges über die schießwütigen USA der Trump-Ära sagt. Das in dieser Drastik zu zeigen, animiert Superstars wie Tom Hanks (2020 mit dem Netflix-Film News of the World in derselben Zeit tätig) zur winzigen Nebenrolle und steckt auch in der zweiten großen Serie des neuen Kinos Fernsehen.

Zwei Wochen früher (und vier vorm Start der Paramount-Version von „Billy the Kid“) ist bei Magenta ein wahres Meisterwerk angelaufen. The English schildert das Los der englischen Aristokratin Cornelia Locke (Emily Blunt), die dem angeblichen Mörder ihres Sohnes nach Amerika folgt. Finanziell sorglos, aber ohne Prärie-Erfahrung, begleitet sie der indigene Armeescout Eli (Chaske Spencer) ins Ungewisse und erlebt dort dieselben Gewaltexzesse wie ein Portal weiter Familie Dutton.

Wildnis, Rache, Lagerfeuer: die Konstellation erinnert verteufelt an John Fords Kavallerieexpeditionen im Monument Valley – würde Showrunner Hugo Bick nicht aus jeder Szene ein sprechendes Gemälde machen, das Kameramann Arnau Valls Colomer in die originellsten Töne, Bilder, Perspektiven taucht und nebenbei das Leben der Ureinwohner authentischer erzählt als alle alten Western zusammen. Und das wie bei 1883 in einer Langsamkeit, die mit dem zurückhaltenden Soundtrack um Deutungshoheit ringt. Gewinner ist das Publikum. Und ihr beharrlichstes Genre.

The English – 6 x 45 Minuten, seit 26. November, Magenta TV

1883 – 10 x 60 Minuten, ab 14. Dezember, Paramount+


Harry & Meghan: Porträt & Publicity

Feudale Selbstbelagerung

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In der sechsteiligen Netflix-Doku Harry & Meghan (Foto: Netflix) beklagen die verstoßenen Windsors ihr Leben im Lichtkegel der Kamerass – und nutzen für ihre Generalabrechnung, genau zu Eigenreklamezwecken: das die Lichtkegel der Kameras

Von Jan Freitag

Wer hoch fliegt, kann tief fallen, oder um es mit dem buchstäblich großen Boulevardsophisten Mathias Döpfner zu sagen: Wer mit irgendwem irgendwomit aufwärtsfährt, fährt irgendwann wieder abwärts, und nur, weil er/sie/es dort oben alles hatten, schön und reich waren, womöglich gar mächtig, muss es unten nicht besser sein als für all jene, die dort endemisch sind. Das gilt also auch „Harry & Meghan“. Nur dass es bei den Titelfiguren der gleichnamigen Netfix-Serie Auslegungssache bleibt, wo sie drei Jahre nach ihrem Rückzug aus der schrecklichsten Familie neben den Trumps gerade heimisch sind: im Himmel, auf Erden, darunter?

Regisseurin Liz Garbus scheint in den ersten drei der 300 Minuten Doppelporträt eine Antwort zu liefern: am Höllenschlund – so wie das hochgestiegene, tiefgefallene Prinzenpaar aus seiner maßgeschneiderten Wäsche blickt. In groben Smartphonevideos sieht man den Königssohn in der Windsor-Suite eines Londoner Flughafens klagen, wie schrecklich die Monate vorm Entzug königlicher Privilegien für ihn waren, bevor seine Frau im kanadischen Luxusexil mit Meerblick und tränenerstickter Stimme hinzufügt, weil „ihnen nichts heilig ist, zerstören sie uns“.

Soweit der Einstieg einer Doku, die schon lang vor ihrer Ausstrahlung turmhohe Wellen schlug. Und nun, da sie einem Tsunami gleich um den Globus rollen, da statt werbewirksamer Trailer die ersten drei von sechs Teilen zu sehen sind, kann man sich ein eigenes Bild vom Standort des tiefgestiegenen, hochgefallenen PR-Produkts aus der himmlischen Hölle ihres Wolkenkuckucksheimes im Säurebad der Boulevardpresse machen. Und das ist trotz nerviger Pianotupfen, die uns von Anfang an melodramatisch infiltrieren, nicht nur sehenswert, sondern erhellend.

Schließlich erleben wir Harry & Meghan dabei, sich kennen, lieben und ängstigen zu lernen. Wir folgen dem dackelsüßen Duke of Essex in die Vergangenheit seiner ebenso behüteten wie beäugten Kindheit. Wir sehen seine afroamerikanische Prinzessin beim Weg aus ihrer ebenso bürgerlichen wie elitären Hollywoodblase in den rassistischen Buckingham Palace. Wir begleiten beide zwischen Safari und Charity-Gala auf der Flucht vor Paparazzi, was sie Liz Garbus in lässiger Sofa-Atmosphäre schildern, als wären es gewöhnliche Erinnerungen.

Dabei sind es Zeugnisse eines fortwährenden Ausnahmezustandes, den die Emmy-dekorierte Filmemacherin mit einer halben Armada Co-Regisseure routiniert zur Gesellschaftsstudie montiert. Schuld an der Misere einer klassen- wie rassenübergreifenden Lovestory, daran lässt das Format keinen Zweifel, sind schließlich wir, die Medien, ein Beruf also, dem die vielen Talking Heads der Serie nur gelegentlich das englische „Tabloid“ für „Boulevard“ voranstellen. Ansonsten steht Journalismus hier pauschal für das Böse.

In Zeiten royalistischer bis reichsdeutscher „Lügenpresse“-Krakeeler ist das allerdings nur der gefährlichste Makel dieser vielbeachteten Serie. Flankiert wird er vom unreflektierten Blickwinkel zweier Objekte, die sich als Subjekte öffentlicher Aufdringlichkeit geben, um ihren Teufel sodann mit dem Beelzebub auszutreiben. Denn während das (höchst sympathische) Dreamteam seine Belagerung durch Schundblätter von „Sun“ bis „Daily Telegraph“, pardon: „die Medien“ beklagt, bläst es mit einem Videoblog zur Gegenoffensive, in dem sich H&M – genau – für alle ständig selbst beobachten.

Weil ihnen die Selbstbelagerung angeblich „Kontrolle über unser Leben“ zurückgeben soll, klingt das Löschen des Feuers mit Feuer sogar recht glaubhaft – wäre es nicht Teil einer PR-Kampagne inklusive Autobiografie im Januar, die angesichts gekürzter Apanage einen ordinär luxuriösen Lebensstil finanzieren hilft. Und auch das röche weniger streng, würde(n) „Harry & Meghan“ auch nur ein einziges annähernd kritisches Wort über den unverdienten Reichtum des antidemokratischen Feudalsystems Erbadel verlieren, der beiden bis heute ein Leben im Überfluss finanziert.

Stattdessen erleben wir zwei Boulevardmedientäteropfer beim Wehklagen über ein parasitäres Biotop, das hiermit keinesfalls verteidigt werden soll. Aber wer sechs beispiellos unterhaltsame, virtuos geschnittene, über die Maße auskunftsfreudige Episoden Insider-Wissen sieht, sollte sich klarmachen: unter all den Problemen dieser krisengeschüttelten Welt, haben „Harry & Meghan“ eines, das geschätzte 7,95 Milliarden Erdbewohner nur zu gerne hätten.