Django Django, Anadol, QOTSA

Django Django

Die – fragile – Daseinsberechtigung der EP besteht in ihrer Brückentechnologie von der Single zum Album, ein halbvoller Zwischenraum ohne kommerziellen Mehrwert und auch künstlerisch umstritten. Dass die englische Discorockband Django Django in zehn Jahren bei 23 Kurz- gerade mal vier Langspielplatten produziert hat, mag da für einen Schwebezustand fortwährender Unentschlossenheit stehen. Aber der ist jetzt ja zu Ende.

Nr. 5 Off Planet ist eine LP aus vier EPs, die alle Sphären des Quartetts umfassen, also bündeln, was ihr eklektisches Werk so kennzeichnet: Nostalgischen Rave aus der Happy-Mondays-Ära, gepaart mit dystopischem Südlondoner Soul, dem Produzent und Drummer David Maclean von Minimal House über Wavepunk bis Powerpop, gar Eurodance alles beimengen, was digital-analoge Grauzonen so hergeben.

Django Django – Off Planet (Because Music)

Anadol

Was Gözen Atila wem beimischt, worin genau das Ergebnis besteht und ob es dafür irgendein originelles Etikett geben könnte – da hinterlässt eine*n auch das neue Album Hatıralar seltsam ratlos – schon weil der Name nur muttersprachlich kundigen Vaterlandsleuten geläufig sein dürfte. Hatıralar ist Türkisch für “Erinnerungen”, von denen die Keyboarderin allerdings keine im eigenen Gedächtnis gesammelt haben dürfte.

Anadols zwölf Instrumentalstücke sind schließlich Versuche, Orient und Okzident so zu vereinigen, dass ihre Lebensmittelpunkte Berlin und Istanbul mithilfe windschiefer Orgeln gleichermaßen nostalgisch und futuristisch klingen. Ein bisschen in der Art drittklassiger James-Bond-Kopie-Soundtracks quetschen sich dadaistische Krautrockfragmente da durch psychedelische Flächen und kommen als sämiger Quatsch mit Soße für Pop-Gourmets wieder raus. Lecker.

Anadol Hatıralar – (Morr Music)

Queens of the Stone Age

Queens of the Stone Age dagegen, vor 25 Jahren aus der düsteren Gruft von Grunge und Stoner, Kyuss und Screaming Trees, schmeckt für moderne Geschmäcker gewiss abgestanden nach breitbeinger Rock-Pose und Gitarrensolo-Onanie. Aber mal ehrlich? Pfeif drauf! Denn das Quintett ums letztverbliebene Gründungsmitglied – Sänger und Distortion-Nerd Josh Homme – hat abgerüstet, ohne gleich wehrlos dazustehen.

Die Stimme gewohnt pathossatt, versuchen QOTSA anders als auf einigen der sieben Vorgänger-Alben nicht mehr ständig, sich im mathematischen Grenzbereich ihrer Fähigkeiten selbst zu überholen/überbieten/überhöhen, was zwar meistens virtuos war, aber bisweilen auch anstrengend. In Times New Roman dagegen ist reduzierter, waviger, bisschen mehr Franz Ferdinand als Nietenlederjacke wenn man so will und damit auch für Rockkostverächter durchaus nahrhaft.

Queens of the Stone Age – In Times New Roman (Matador)


freekind., This Is The Kit, Jeff Clarke

freekind.

Jazz ist ja so eine Sache. Seine Definition fällt selbst Eingeweihten schwer. Alles was kompliziert ist, sagen die einen, alles was durcheinander ist, die anderen, auf ein ein kompliziertes Durcheinander von und für alte Männer mit Hut und Kippe können sich Außenstehende irgendwie einigen, also definitiv nicht das kroatisch-slowenische Duo freekind. meinen, schon weil es aus zwei jungen Frauen ohne Hut und Kippe besteht.

Die singende Pianistin Sara Ester Gredelj nebst Drummerin Nina Korošak-Serčič springen aber nicht nur genderbedingt aus der Klischeekiste. Ihr Debütalbum Since Always And Forever mischt Soul der Achtziger so geschmeidig mit Pop der Neunziger, dass der Jazz dazwischen alt klingen könnten – ließe ihn nicht ein lässiger HipHop zeitreisen. Das Hamburger Indielabel BUTTER 92 hat uns und sich da echt mal Nostalgie zum Tanzen für die Generationen X bis Z angelacht.

Freekind. – Since Always And Forever (BUTTER 92)

This Is The Kit

Schon 20 Jahre länger im Geschäft, ohne substanziell älter zu wirken, ist Kate Stables – Kopf, Hirn, Bauch, Gesicht von This Is The Kit, die auf ihrer neuen Platte abermals Ungewöhnliches vollbringen: Popmusik, die gleichermaßen zart und rough, folkloristisch und urban, filigran und erdig ist, also nach Paris und Wales klingt, Stables zwei Lebenswelten, die auch auf Careful Of Your Keepers durch alle Tracks wabern.

Produziert von ihrem Landsmann Gruff Rhys (Super Furry Animals), wandert das Quartett mit klassischem Instrumentarium über asphaltierte Auen, zerkratzt hier mal plödderndes Piano durch kauzige Riffs, taucht rhythmisches Gitarrengeklimper in repetitive Beatkaskaden und ist schon deshalb auf surreale Art wahrhaftig (schön), weil Kate Stabels ihren Indierock im Sound eines leicht genervten Engels untergräbt.

This Is The Kit – Careful Of Your Keepers (Rough Trade Records)

Jeff Clarke

Und damit zu jemandem, der mit Folk wirklich perfekt beschrieben wäre. Konjunktiv. Denn der kanadische Stadtwaldschrat, in Alternative-Legenden wie Demon’s Claws bis Black Lips zuhause, macht auf seinem Solo-Album Locust das, was er schon immer am besten konnte: nölen wie einst Bob Dylan, nur weniger distanziert, sondern mitten im Leben, als würde sein reduzierter Country-Sound um Aufmerksamkeit abseits seiner ländlichen Homebase bitten.

Tut er ja auch – schon weil Locust im grünen Gürtel seiner Wahlheimat Berlin entstanden ist, wo er statt elektrischer nun akustische Gitarren mit weit weniger Trara, aber viel Traumtänzerei durchs Unterholz schickt. Seine naturalistische Großstadt-Lyrik (Hollywood / Slowly grows / No one knows) funktioniert im Grunewald also ähnlich wie unter Rednecks und sprengt damit musikalische Grenzen wie zuletzt vielleicht nur Adam Green.

Jeff Clarke – Locust (Bretford Records)


Nathan Micay, Zion Flex, Protomartyr

Nathan Micay

Die Werbung erfindet gern blöde Phrasen für neue Platten. “Lang ersehntes Debüt” ist so ein Bullshit-Terminus, übertroffen nur vom “bislang emotionalsten Werk” oder ganz frisch im Regal der PR-Verarschung: das “bislang ehrgeizigste Album” von Nathan Micay. Rückfrage ans Marketing: war der kanadische Produzent und DJ zuvor unambitioniert und faul? War er nicht, wovon seine Soundtracks für Fernsehformate wie Industry oder Reality stehen.

Dennoch sticht To The God Named Dream aus dem Kanon der Filmmusiken und Dance-Sinfonien heraus. Dieses “postmodernes Meisterwerk aus Score-Sounds, Downtempo, Pop und Clubmusik” ist nämlich echt überwältigend. Micays perfektionistischer Mix aus digitalem Footage und hitzigen Beats, nostalgischen Synths und futuristischem Rave passt ebenso ins Berghain wie aufs Waldfestival und ist vor allem, nein – nicht besonders ehrgeizig, sondern besonders gut.

Nathan Micay To The God Named Dream (LUCKYME)

Zion Flex

Es ist schon fast peinlich, dass die Popwelt im Allgemeinen und freitagsmedien im Besonderen nahezu alles feiern, was aus Österreich nordwärts schwappt. Aber wenn es zuvor von UK aus südwärts über die Alpen gewandert ist, machen wir es gerne – für Zion Flex. Ursprünglich aus Bristol, verbreitet die Rapperin ihren eklektisch-noisigen HipHop nun über Wien in die Welt und es klingt ortsunabhängig erstaunlich.

Mit vielschichtigen Vocals über technoidem Sound, scheppert sie ein Werk weiblichen Empowerments in die Branche, das wütend und nachsichtig, angriffslustig und kompromissbereit gleichermaßen klingt. Produziert von Def III ist We Got This deshalb auch weniger verkopft, als das Thema andeutet. Es handelt von Verletzungen, aber nie aus Opferperspektive. Und es verwendet dafür triphopige Downbeats, die zwar dystopisch klingen, aber Mut machen.

Zion Flex – We Got This (Banc Publik Records)

Protomartyr

Und damit zu einer Band, die ausgerechnet dort eklektisch noisigen Post-Punk kreiert, wo Zion Flex’ musikalische Urahnen einst Techno und HipHop revolutioniert haben. Nach Detroit also, seit elf Jahren Heimat von Protomartyr. Auf ihrer neuen Platte Formal Growth In The Desert verdichtet das Quartett seinen Hang zum retrofuturistischen Wave nun in einer dystopischen Mischung aus Poesie und Politik.

Wenn Joe Casey die mal luziden, mal brachialen Riffs von Greg Ahee wieder zwischen Rezitation und Sprechgesang überwölbt, wenn Alex Leonard seine reduzierten Drums dahinter versteckt, die Scott Davidsons Bassläufe scheinbar freudlos unterhöhlen, fühlt man sich an The Fall im Abbruchhaus erinnert – alternativer Industrial lichtloser Räume. Nichts für laue Sommernächte am Strand, aber in den Kellern darunter grandios.

Protomartyr – Formal Growth In The Desert (Domino)


Bipolar Feminin, bar italia, Isolée

Bipolar Feminin

Ein bisschen wohlfeil ist es schon, nahezu alles abzufeiern, was musikalisch aktuell aus Österreich nach Deutschland schwappt, aber um mit dem Opener des neuesten Partygrundes Bipolar Feminin zu sprechen: “Es ist wie es ist wie es war”, also abermals mit fantastisch noch zwei, drei Nummern zu klein beschrieben. Denn wenn mittlerweile sogar leicht schweiniger Noisepop über den Umweg des Herzens ins Hirn vordringt wie eine Axt durch Butter, könnte es auch an der Herkunft Wien liegen.

Zunächst aber liegt es an Leni Ulrich. Deren Gesang erinnert zwar an Rockröhren genannte Siebzigerstimmen wie Joy Fielding. Wenn sie zu Jakob Brejchas Gitarrengetöse wiederholt “Willkommen am Boden” singt, der Überflussgesellschaft in Attraktive Produkte reibeisenruppig den Kampf ansagt oder dem Tocotronic-Drummer Herr Arne Zank ihren Respekt als Inspirationsquelle erweisen, ist Bipolar Feminins Debütalbum dennoch das Beste was uns dieser Tage von irgendwo her erreicht, hier halt: Austria.

Bipolar Feminin – Ein fragiles System (Buback Tonträger)

bar italia

Kleines Ratespiel: woher mögen wohl bar italia kommen? Italien wäre jetzt natürlich zu einfach. Der Name des Debütalbums Tracey Denim gibt auch keinerlei Auskunft darüber. Und wer die Namen des Trios Nina Cristante, Jezmi Tarik Fehmi und Sam Fenton hört, kriegt auch keinerlei Hinweise auf ihre Wurzeln. Der Sound allerdings ist, wenn schon nicht in Österreich, dann hörbar in London zuhause, wo er sich aus Melting Pots und Pop-Traditionen bestens erklären lässt.

Atmosphärisch eine Emulsion der The-Bands Notwist, XX oder Velvet Underground, erkundet dieser Postpunk das Abseits analoger Musik mit psychedelischer Methodik von versteckter Schönheit. Akustisch verschachtelt, windschief gesungen, textlich voller Rätsel, macht Tracey Denim zwar nicht ständig Laune, animiert aber in jedem der 15 meist einsilbig betitelten Tracks zum Entschlüsseln dieser plöddernden Pop-Rätsel. Sie klingen dabei nach vielem, nur keiner italienischen Bar. Zum Glück.

bar italia – Tracey Denim (Matador Records)

Isolée

An Hamburger Bars ist hingegen schon so einiges erklungen, aber hausgemachte Clubsounds entstammen gemeinhin fernab der örtlichen Schule. In Frankfurt zum Beispiel, Heimat des Klangkünstlers Rajko Müller, der die Tanzflächen seit zwei Jahrzehnten mit elektronischer Tanzmusik bereichert – die allerdings ausnahmsweise nicht in Deutschlands hessischer Techno-Hauptstadt entstehen, sondern – eben: in Hamburg, wo sein Pseudonym Isolée sämtliche Platten aufnimmt, also auch das vierte: Resort Island.

Das mit klassischen Club-Labels zu versehen, greift erneut zu kurz. Erstmals auf eigenem Label, veranstaltet Müller aka Isolée nämlich gar keinen Micro-House, sondern Schatzsuchen. Und er wird überall dort fündig, wo sich viele seiner Mix-Kolleg:innen oft nicht hinbegeben: In die Zwischenräume geschmeidiger Rhythmen und Beats, dort also, wo Panflöten und Vibrafone, Drones oder Videospielschnipsel Flächen zerteilen, bis sie platzen und dennoch intakt lassen. Gut, dass die Festivalsaison beginnt.

Isolée – Resort Island (Resort Island)


Greta Schloch, Overmono, Esben and the Witch

Greta Schloch

Greta Schloch, wer wüsste das nicht, ist – tja: wer oder was noch mal? Seit Ende der Neunziger veröffentlich er/sie/es darunter Songs, von dem Alter fast schon Kultstatus erlangte. “Lieber ne Flasch Bier als Freund / als ne Flasche als Freund” – treffender ließ sich das Verpaarungsdilemma nicht auf den dadaistischen Pop-Punkt bringen. Stilistisch zwischen weder und noch, fanden es alle zwar ungefähr so schrecklich wie Fatih Akins Goldener Handschuh, aber anziehender als Autounfälle im Gegenverkehr und damit perfekt für ein Remix-Album, das Crocodile Records kuratiert.

Vom Disco-Dub des kanadischen Musikers Deadbeat bis zum Minimalhouse des schwedischen Produzenten The Field, vom Electro-Kraut der Ostrock-Band Herbst in Peking bis zu Gretas eigener Country-Version, vom fiepsenden Atari-Trash bis zur Originalversion macht die viel zu kurze EP daraus alles und nichts zugleich, also herzzerreißend behämmerte Found-Footage-Remixe zum Tanzen, Kotzen, Schlafen, verschwitzt aufwachen, ergo: den Soundtrack unserer dissonant bewegenden Zeit.

Greta Schloch – Alter Remixe (Crocodile Records)

Overmono

Und wenn Greta Schloch schon ein Kunstbegriff von schlichter Schönheit ist – was soll man da eher vom Label halten, das die britischen Brüder Ed und Tom Russell ihrem Club-Projekt Overmono verpassen: Mono mal Mono gleich Stereo? Einklang plus Vielklang macht Durchdrehen? Egal: das – hier kann mans wirklich mal sagen: lang erhoffte Debütalbum der Tanzflächenfüller ist so derart poloyphon elektronisch, dass es den Dancefloor selbst als Konserve mitreißt, Homedisco-Eskalation gewissermaßen.

Denn Good Lies schafft es spielend, Stimmungen in Bässe zu verwandeln und umgekehrt – Sound in Gefühle. Stilistisch der weiten Welt des House am nächsten, hat der Gewinner des DJ Mag Best of British Awards als bester Live-Act seine schweißtreibenden Club-Sounds 13 Tracks lang auf Tonträger gerettet und bietet darauf gewissermaßen Anschauungsmaterial, wie einfach, zugleich aber vertrackt es ist, elektronische Zappeligkeit in plattentauglichen Pop zu verwandeln.

Overmono – Good Lies (XL Recordings)

Esben and the Witch

Und damit zu etwas wirklich, also vollumfänglich anderem als House und Dada, nämlich der Dark-Wave-Band Esben and the Witch, die natürlich auch deshalb unterm Radar der Clubkultur läuft, weil sie so tief in sich ruht, dass der ideale Ort dafür Hängematten im Dunkeln sind oder zumindest Zimmer mit zugezogenen Vorhängen. Aber bitte nicht missverstehen: das Trio aus Brighton macht dennoch zutiefst aufwühlende Musik, die mit seinem digital-analogen Dark-Wave tief ins Unterbewusstsein vordringt.

Bestes Beispiel: das sechste Album Hold Sacred. Flächig ausgewalzt von Thomas Fishers Gitarrenbrett, singt sich Bassistin Rachel Davies abermals in die Abgründe ihrer alltagswunden Seele, kreiert damit allerdings Epen von variabler Tristesse, die The XX quasi ästhetisch aufblähen und dabei manchmal fast noisig, ja krautig klingen. Wenn Drummer Daniel Copeman dazu klitzekleine Synths und Samples über diese Kunstwerke des elaborierten Trübsinns tröpfelt, ist es daher egal, ob man allein oder im Pulk ist. Der Magen vibriert sowieso.

Esben and the Witch – Hold Sacred (Nostromo Records)


Robocop Kraus, Pearl & The Oysters, Silver Moth

The Robocop Kraus

Die Jahrtausendwende brachte 1999 zwar nicht das befürchtete Weltchaos, aber einen Wandel unerwarteter Art: Deutsche Musik wurde plötzlich alternative und damit cool. BeigeGT zum Beispiel brachten Funk in den Punk, Von Spar wiederum Punk in den Pop und Whirlpool Productions Pop in den House und alle fanden beim Hamburger Label L’Age D’Or ihre Formvollendung in einer Band aus der fränkischen Provinz, die schon dem Namen nach Hamburger Schule mit Weltgeltung verbindet: The Robocop Kraus.

Genau 20 Jahre nach ihrem Durchbruch und immerhin 16 seit der bislang letzten Platte kehren Sänger Thomas Lang und Gitarrist Matthias Wendl nun zurück, und was soll man sagen – auch in neuer Besetzung liefern sie ein Album, von dem sich Jüngere gern ein paar Sinfonien wie Young Man abschneiden dürften. Abermals Überwältigungspop à la Franz Ferdinand, klingt der orchestrale Sound nach folkloristischer Frischzellenkur für New Wave und Postpunk, im Uptempo durch die Vergangenheit der Zukunft entgegen. Toll.

The Robocop Kraus – Smile (Tapete Records)

Pearl & The Oysters

Die Vergangenheit in der Gegenwart des französischen Duos Pearl & The Oysters zu erkennen, ist dagegen sogar noch ein wenig einfacher, ohne auf der Hand zu liegen. Juliette Pearl Davis und Joachim Polack, privat wie musikalisch seit Studienzeiten in Paris ein Paar, machen jazzigen Space-Pop voller Avancen an die technicolorbunten Sixties, klingen dabei allerdings meist wie beim heutigen Clubbing in ihrer Wahlheimat L.A., wo ihnen eine Extraladung Electroclash ins Werk geflattert ist.

Unterstützt von Lætitia Sadier (Stereolab), Riley Geare (Unknown Mortal Orchestra) oder Alan Palomo (Neon Indian), ist ihr zweites Album Coast 2 Coast eine Collage antiquierter und modernisierter Lounge-Rhythmen, dass der Verdacht käsiger Coolness im Raum stünde – wären Polacks polyinstrumentellen Keyboad-Kaskaden über Davis Flattergesang nicht auf so chaotische Art harmonisch und schön. So schön durcheinander, dass es die reine Freude ist, mit Pearl & The Oysters zurück in die Zukunft zu reisen.

Pearl & The Oysters – Coast 2 Coast (Stones Throw Records)

Silver Moth

Weil bei aller Wertschätzung am Ende wenig langweiliger ist als Harmonie um ihrer selbst Willen, müssen wir hier noch mal kurz eine Lanze für deren Aufbruch brechen, den Versuch, Wohlklang mit den eigenen Mitteln zu schlagen, das also, was die Unknown Superband Silver Moth auf ihrem Debütalbum betreibt. Kombiniert aus Indie-Gruppen wie Mogwai, Abrasive Trees oder Burning House, scheppert sich das Septett sechs Stücke lang durchs psychedelische Flächen von gebirgshoher Wucht.

Wichtiger noch: es schreddert sie in einer Art Emo-Noise, der trotz esoterischer Folk-Sequenzen gar nicht so abgehoben klingt wie Elisabeth Elektras feenhaft verwehender Gesang. Mit einer wallofsoundbreiten Prise Pink Floyd mäandert Black Bay durch die Siebzigerjahre, macht ein paarmal bei Kraut- und Progressive Rock Halt, dickt es mit elegischer Spoken-Words-Poesie an, verheddert sich dabei allerdings nie im Drogenrausch melodramatischer Querflöten, sondern bleibt auf Kurs einer Platte, die tiefer dringen will als jede Harmonielehre.

Silver Moth – Black Bay (Bella Union)


Wednesdey, Blondshell, Daughter

Wednesday

Was an den Neunzigern toll war? Vor allem natürlich die kultivierte Wut über einen Hedonismus, der zu blind, zu taub, zu ignorant war für die offenkundige Erkenntnis, in welchem Tempo unsere Art zu Leben gerade gegen jede nur erdenkliche Wand fährt. Kein Wunder, dass die realitätsblinden Neunziger musikalische Protestbewegungen wie den Grunge hervorgebracht haben, der zwar zur melodramatischen Hülse verkam, aber genug Hoffnung in sich trug, um Epigonen zu erzeugen. Folgebewegungen wie Wednesday.

Mit schreiender Gitarre und verbissenen Drums trägt das Quintett die Fackel popkultureller Renitenz aus dem stockkonservativen North Carolina in die weite Welt des Alternative-Rocks und macht daraus ein Debütalbum, als träfe sich Heather Nova mit Donald Trump auf Kurt Cobains Grab zum Fight Club. Verantwortlich dafür ist Frontfrau Karly Hartzman, deren intimer Gesang sich so eindringlich über brachiale Steelguitar-Riffs legt, dass Country, Shoegaze, Punk und Trash auf Rat Saw God eine Einheit von dialektischer Eleganz bilden. Brutal schön.

Wednesday – Rat Saw God (Dead Oceans)

Blondshell

So richtig aus dem Quark ihrer Wurzeln kommt auch die New Yorkerin Sabrina Teitelbaum nicht, wenn sie das selbstbetitelte Debüt als Blondshell mit der groben Kraft älterer Riot-Grrrl-Disharmonien zerstückelt. Gemeinsam mit Bosh Rothman (Drums), Sam Stewart (Guitarre), Joe Kennedy (Bass & Keys) emanzipiert sich die 25-Jährige nämlich vom Schweinerock, den sie daheim in Manhattan hören musste, bleibt seiner Metrik allerdings so treu, dass daraus retrofuturistischer Indie-Noise-Pop wird.

Wie Wednesday lebt also auch Blondshell vom Widerspruch klanglicher Gegensätze. Wenn Olympus von toxischen Beziehungen erzählt, mögen Teitelbaums Worte wie “I wanna save myself you’re part of my addiction / I just keep you in the kitchen while I burn / Burn / Burn / Burn / Burn” nach Blitz und Donner klingen – dank ihrer pragmatisch ruhigen Stimme allerdings wirken selbst Brandbeschleuniger so tiefenentspannt, als sei das innere Chaos totenstill. Blondshell sedieren, Blondshell zerwühlen, Blondshell sind auf widersprüchliche Art großartig.

Blondshell – Blondshell (Partisan Records)

Daughter

Völlig frei von Widersprüchen ist demgegenüber auch 13 Jahre nach seiner Gründung das britische Trio Daughter. Die Hälfte ihres Daseins in der Folkrock genannten Mischung aus Tradition und Moderne haben sich Elena Tonra, Igor Haefeli und Remi Aguilella zuletzt Zeit fürs dritte Album gelassen. Jetzt liegt es vor. Und Stereo Mind Game gelingt dabei derselbe kleine Geniestreich wie auf den Platten zuvor: geschmeidig und gleichsam kantig zu klingen, also etwas mehr Moderne als Tradition zu verbreiten.

Wie eine hellere Variation von The XX schleicht Daughter durch Alternative-Harmonien von Toriamoshafter Hyperemotionalität, deren Streich- und Bläser-Einlagen keine Samples sind, sondern teils live im Schwimmbad eingespielt wurden und dem Ganzen damit orchestrale Sinnlichkeit verleihen, die ein fließender Sound bis hin zu Walgesängen unter Wasser zu drücken scheint. Auf Koks durch die Großstadt laufen sollte man zu den 12 Tracks nicht, aber das ist ja auch weder Tradition noch Moderne, sondern voll Neunziger.

Daughter – Stereo Mind Game (4AD)


Takeshi’s Cashew, Deerhoof, A Certain Ratio

Takeshi’s Cashew

Wer in Erdkunde auch nur ein ab und zu mal zugehört hat, dürfte sich erinnern, dass Japan kein Bundesstaat Mexicos ist, Ostafrika nicht an der Küste Südamerikas liegt und Halle kein Stadtteil Wiens oder umgekehrt. Wer jetzt allerdings beim zweiten Album der österreich-deutschen Band Takeshi’s Cashew zuhört, könnte dies alles auch in Frage stellen. Das Instrumental-Sextett reist nämlich in jedem der elf Stücke von Asien über Arizona Richtung Fernost, sammelt dabei ergebnisoffen Sounds ein und verrührt sie zu einer Süßspeise von betörender Vielfalt.

Enter J’s Chamber heißt dieses Dessert, das aus dem Menü Hunderter Neuveröffentlichungen pro Woche heraussticht, ohne dafür das Rad des Pop neu zu erfinden. Auf filigrane Art beschwingt wie ihr Name, mischen Takeshi’s Cashew dafür Electrobeats jeder möglichen Herkunft mit Sitar, Flöten, Funkgitarre, kippen noch etwas psychedelischen Krautrock unter Dutzende von Percussions – fertig ist die retrofuturistische Partyzone einer Bühne am Rand großer Festivals, vor der sich alle Versprengten, Verirrten, Verlorenen zur Ekstase treffen. Versprochen!

Takeshi’s Cashew – Enter J’s Chamber (Laut & Luise)

Deerhoof

Dass der kalifornische Indierock von Deerhoof nach drei Jahrzehnten noch immer genau da zu finden ist, also abseits der großen Floors, Kanäle, Wahrnehmungsgrenzen, ist zwar eine Frechheit von epischem Ausmaß, hat aber natürlich auch ein bisschen damit zu tun, wie das Trio aus San Franzisko um den Schlagzeuger und Keyboarder Greg Saunier, nun ja: musiziert. Auf ihrem 19. Album Miracle-Level schreddern sie ihre International Pop Conspiracy schließlich abermals so brutal zum Noise, dass ein Tinnitus verglichen damit nach Belcanto klingt.

Weil Satomi Matsukakis japanisch-amerikanischer Gesang das jazzig verspielte Durcheinander mit luzider Schönheit überzuckert, vor allem aber, weil die verschobenen Riffs und Synths am Ende doch immer irgendwie zueinander finden, ist Deerhoof mit jeder neuen Platte ein frischerer Luftzug im Alternative-Rock. Und obwohl sich Vergleiche angesichts des Bandalters schlicht verbieten: Wenn sich Sonic Youth beim Hate-Sex auf Mescalin mit Madonna vermehren – so hinreißend durchgeknallt könnte das Baby brüllen.

Deerhoof – Miracle-Level (Cargo Records)

A Certain Ratio

Und damit zu einer Band, die sogar so lange existiert, dass der Titel ihres 13. Albums fünf Jahre jünger ist, zum Relikt der echten, also buchstäblichen Postpunk-Ära also, die seit 1977 ein Stück unterm Radar der Popkultur fliegen, aber Einflüsse versprüht haben wie andere Gruppen Titel mit “Love”. Davon finden sich im epischen Werk von A Certain Ratio gewiss auch ein paar. Zentraler ist aber ihr Anspruch, nahezu jeden feuilletonistisch pfiffigen Sound aufzulesen und einzuweben in ihr eklektisches Breitband-Œuvre.

Auf 1982 sind es folglich zu viele, um auch nur einige zu benennen. Mit kollaborativer Hilfe exquisiter Gäste wie Tony Quigley oder Ellen Beth Abdi haben Jez Kerr, Martin Moscrop und Donald Johnson ihren Avantgarde-Rock aus Manchester jedoch erneut so virtuos mit Funk, Jazz. Soul bis hin zu HipHop angereichert, dass die Veteranen jünger wirken als viele ihre Epigonen. Waiting on a Train zum Beispiel – als würde The Jam mit Sade und Kendrick Lamar rappen. Old goes young goes timeless goes immortal. Bitte hört niemals auf!

A Certain Radio – 1982 (PIAS)


CVC, Unknown Mortal Orchestra, Assistent

CVC

Nostalgie ist ein Wadenwickel. Sie wärmt uns in der Kälte dieser frostigen Zeit und weckt dabei wenigstens den Anschein, Heilung zu bringen. Meistens ist das pure Autosuggestion, wirkt aber besonders dann wahre Wunder, wenn man sie als Vertonung angeblich besserer Zeiten anlegt. Das walisische Church Village Collective, kurz CVC, hat demnach fast therapeutische Wirkung, wenn es Sixties und Crooner mit etwas Britpop und Progressive Rock zu einer zukunftsweisend rückwärtsgewandten Symphonie verdickt.

Alles eigentlich bisschen zu altbacken, alles eigentlich bisschen sämig, alles eigentlich bisschen maskulin für einen Boomer-Sound mit GenZ-Potenzial. Aber wie Sänger Francesco Orsi, Bassist Ben Thorne, Schlagzeuger Tom Fry, Keyboarder Naniel Jones mit den zwei Gitarristen David Bassey und Elliott Bradfield auf ihrem Debütalbum Get Real bei den Beatles oder Supertramp wildern, um Oasis im Kakao von We Are Scientists zu verrühren – das ist einfach ganz große, ja fast schon berauschende Retro-Kunst.

CVC – Get Real (Cargo Records)

Unknown Mortal Orchestra

Ungefähr im selben Referenzspektrum bedient sich seit zwölf Jahren auch das Unknown Mortal Orchestra im Fundus antiquierter Klänge, um sie gegenwartstauglich zu amalgamieren. Wobei Orchestra – das klingt wuchtig nach XL-Proberaum und rappelvoller Bühne, was rein arithmetisch Quatsch ist. Der Neuseeländer Ruban Nielson allerdings schafft es in der Tat, sein Trio zum Dutzend aufzublähen und das Repertoire von CVC nochmals zu erweitern. Um eine Prise seiner hawaiianischen Ursprünge etwa.

So gerät das 6. Album mit dem drolligen Titel V zur nostalgischen Klangkollage, die noch nicht mal allzu aufwändig aktualisiert wurde, weil es Nielsen darum gar nicht geht. Der gitarrensoloversessene Small-Big-Band-Leader schafft es einfach abermals, amerikanische Westcoast mit ozeanischer Eastcoast so zu vereinen, dass selbst Folklore urban klingt und Kreuzfahrtschiff-Piano clubtauglich. Kleines Orchester, großer Anspruch, gewaltiger Spaß, wie immer halt beim UMO

Unknown Mortal Orchestra – V (Jagjaguwar)

Der Assistent

Und damit zu jemandem, dessen Retrostyle schon als Sänger der Hamburger Avantgardepopper Fotos einer Seele zu entspringen schien, die offenbar bereits im Grundschulalter Ü-40 war und auf Solo-Pfaden entsprechend überreif daherkommt. Der Assistent, so nennt sich Tom Hessler jetzt ohne Band, sediert das Werk seiner früheren Tage so virtuos mit analogem Lo-Fi und einer Prise Laid Back, bis es fast schon Wienerische Wattebäuschigkeit vermittelt, also ein bisschen an Bilderbuch erinnert.

Allerdings, ohne sich anzubiedern. Dafür ist sein selbstbetiteltes Debütalbum einfach auf zu lässige Art elegant und schön. Vom ersten der acht karibisch angehauchten Tracks an sendet er wie im Opener Signale “eine Botschaft, die Trost schafft” nach der anderen, gefolgt von je einer “Nachricht, der Nachsicht”, was nur oberflächlich nach Wortspielerei klingt. Tatsächlich entspringt die Platte einer inneren Überzeugung vom heilsamen Drang der Reduktion, dass man darin versinken will – und glücklicherweise auch kann.

Der Assistent – Der Assistent (Papercup Records)


Macklemore, Gruff Rhys, OY

Macklemore

Dass die Welt, in der wir leben, verrückt geworden ist, darüber dürfte nirgendwo mehr ein Zweifel bestehen. Aber es liegt nur noch teilweise darin, dass – in den Worten von Chris Rock – der beste Golfer Schwarz sei und der beste Rapper weiß. Schließlich haben Tiger Woods und Eminem ihren Zenit überschritten. Doch während die besten Golfer wieder Weiße sind, ist es der beste Rapper auch, nur ein anderer: Macklemore. An der Seite von Ryan Lewis, aber auch solo – wie sein fabelhaftes Solo-Album BEN aufs Neue belegt.

Anders als der Reimstapler Marshall Mathers macht Ben Haggerty zwar weniger emblematischen HipHop. Seine Wort-Kaskaden sind dafür origineller instrumentiert und sinfonischem Pop näher als der reinen Lehre, aber so ausgeklügelt, dass sie unter 10.000 Samples und Field-Recordings, den Wokeness- und Pride-Fanfaren aller Ecken der Weltmusik ihre Stellung behaupten. Bestes Beispiel: die Single Heroes ft. DJ Premier – ein Feuerwerk aus orientalem Dub und Westcoas-Rap, der ebenso von den Füßen reißt wie No Bad Days zuvor. Schlechte Tage hat man mit dieser Platte nicht.

Macklemore – BEN (ADA/Warner)

Gruff Rhys

Soundtracks sind normalerweise selten empfehlenswert. Zu selten nur wirken sie eigenständig, also vom visuellen Kontext völlig entkoppelt, aber bei Gruff Rhys’ Score zu Charlotte Gainsbourgs Drama The Almond And The Seahorse machen wir mal eine Ausnahme. Gemeinsam mit dem National Orchestra of Wales nämlich hat deren Landsmann und Ex-Sänger der Super Furry Animals die ergreifende Beziehungsgeschichte einer Archäologin und einer Architektin zum Meisterwerk der Stimmungsschwankungen gemacht.

Das Repertoire reicht von eleganten Cello-Sonaten (Skyward) bis experimentellem HipHop (The Brain and the Body), von Alternative-Pop (Sunshine and Laughter Ever After) bis Electro-Clash (People Are Pissed), von Gaga-LoFi (Amen) bis Crooner-Rock (I Want My Old Life Back). Und immer transportiert es die Aura des Gezeigten ebenso eletang wie die des Gehörten. Weil Soundtracks längst monochrome KI-Konstrukte sind, ist dieser hier also endlich mal wieder wirklich der Rede wert.

Gruff Rhys – The Almond And The Seahorse (Rough Trade) 

OY

Beim polyphonen Berliner Ethno-Expermintal-Duo OY ist es dagegen ein bisschen umgekehrt. Keyboarderin Joy Frempong und ihr drummender Produzent, sprechender Nom de Paix: Melodydreamer, machen seit zehn Jahren Soundtracks, denen der Film zu fehlen scheint. So ist es auch mit World Wide We, ein Titel der seine Vielfalt bereits im Namen trägt. Das Album ist eine so liebenswerte Sammlung verschrobener kleiner und großer Melodien, dass die fehlenden Bilder dazu vorm inneren Auge ablaufen.

Und das Interessanteste: obwohl ihr Fokus so sehr auf der Kompilation aller Tonabfolgen, die der Welt so innewohnen, zu liegen scheint, haben sämtliche 15 Stücke alle Zeit dieser Erde, globale Sorgen anzusprechen, Identitätspolitik zum Bespiel, strukturelle Benachteiligung, Neoimperialismus – all die Fehlentwicklungen des nationalstaatlichen Kapitalismus, denen sich einst die so genannte Weltmusik widmen musste. Jetzt machen es OY. Und es klingt fantastisch wie das World Wide We, von dem  sie träumen. Träumt bitte weiter!

OY – World Wide We (Mouthwatering Records)