80. Jahre Kriegsende: Gedenken & Verdrängen
Posted: May 8, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentOpfer nach Mitternacht
Wenn sich das Ende des Zweiten Weltkriegs heute zum 80. Mal jährt, gleicht das Fernsehgedenken irritierend genau jenem zur ähnlich alten Auschwitzbefreiung im Januar: die großen Sender zeigen business as usual und verdrängen echte Aufarbeitung in die Nische. Ein Erinnerungsüberblick am Bildschirm.
Von Jan Freitag
Der Krieg ist ein furchtbares, aber auch faszinierendes Geschäft. So wenig sich irgendjemand darin durchschlagen möchte, übt er doch einen Sog aus, der am Bildschirm geradezu kriegslüstern wirkt. Ende der Neunzigerjahre etwa, als das öffentlich-rechtliche Fernsehen förmlich überlief vor Hitlers Soldaten, Volk, Schlachten und Hofstaat. Als Chef der ZDF-Abteilung für Zeitgeschichte, ließ Guido Knopp damals reihenweise Sach- oder Spielfilme drehen, gerne in der Mischform Dokudrama. Es glich einer Sucht. Und fast alle großen Kanäle waren ihr verfallen.
Weil Abhängigkeiten jeder Art eher destruktiv sind, ist es daher zu begrüßen, dass von ARD und ZDF bis RTL und Sat1 alle geheilt sind. Auch heute ist die Zahl militärischer Stoffe demnach überschaubar. Besser: ausgerechnet heute. Denn am 8. Mai 1945 ging mit Deutschlands bedingungsloser Kapitulation der Zweite Weltkrieg zu Ende. Genau 80 Jahre später, ein Tag von epochaler Tragweite, sind sie alle nahezu frei von inhaltlicher Erinnerung an damals. Während Privatsender Interesse nicht mal heucheln, indem sie bellizistische Blockbuster zeigen, delegiert ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz das Gedenken in die Nische der Spartenkanäle und Dritten Programme.
Das hat System – kennzeichnet es doch ziemlich exakt die Arbeitsteilung vom 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung vor gut drei Monaten. Am Montag hat die ARD ihren Dokumentarplatz nach den Tagesthemen zwar der animierten Oral History Hitlers Volk – Ein deutsches Tagebuch 1939 bis 1945 geräumt, die als verlängerter Vierteiler in der Mediathek steht. Ansonsten aber fand nur das Volkssturm-Melodram Die Freibadclique am Mittwoch den Weg ins lineare Hauptprogramm. Und im Zweiten? Läuft ein Neoheimatfilm der Reihe Lena Lorenz, bevor es nach Mitternacht doch etwas Gedächtnisfutter gibt.
Christian Lerchs Drama Das Glaszimmer begleitet eine Kriegerwitwe und ihr Kind auf der Flucht durchs Chaos der letzten Kriegstage ins Münchner Umland – und auch das hat System. Denn wer sich das Angebot dieser Tage so anschaut, findet viele Täterperspektiven, aber kaum Opferperspektiven. Gestern etwa warf Neo mit Oliver Hirschbiegels Der Untergang und Dennis Gansels Napola anspruchsvolle, aber einseitige Blicke auf nationalsozialistische Verbrechen. Der rbb dagegen gedenkt heute fast ganztägig des 8. Mai, tut dies allerdings mit Überbetonung auf die letzten Gefechte der Reichshauptstadt.
Wenn er zwischen Kinder der Flucht (13.10 Uhr) und Nestwärme – Mein Opa, der Nationalsozialismus und ich (22.10 Uhr) in Bernhard Wickis Die Brücke (20.15 Uhr) von 1959 gipfelt, auf der es ausnahmslos um Wehrmachtseltern und Volkssturmkinder geht, wird das Dilemma des Kriegsende-Gedenkens offenkundig. Anders als am 27. Januar geht es am 8. Mai schließlich um beide Seiten – Angreifer und Angegriffene des verlustreichsten Kriegs der Geschichte. Die Täter dabei auszublenden, wäre nicht nur lückenhaft, sondern fahrlässig.
Umso mehr fällt auf, wie die linearen Regelprogramme ihren Fokus vom Objekt aufs Subjekt verschieben, also das Gegenteil ausgewogener Aufarbeitung leisten. Der WDR etwa sendet um 22.45 Uhr in der Reihe Menschen hautnah die Doku Wir Kriegskinder. Erste, nicht zweite Person Plural. Als ginge es um uns allein. Der NDR macht den Bock sogar noch ein wenig mehr zum Gärtner und zeigt das Primetime-Dokudrama Der Norden zwischen Petticoat und Spätheimkehrern. Letztere übrigens eine Lieblingszielgruppe des Erinnerungsfernsehens – gut zu beobachten am Abend im Hessischen Rundfunk.
Nach Gebaut aus Trümmern – 80 Jahre Kriegsende in Hessen um neun, begibt sich das Reportageformat Re 60 Minuten auf die Spur der kriegsgefangenen Väter. Phoenix dagegen beschränkt sich im Themenschwerpunkt Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs auf militärstrategische Themen. Das ist legitim, aber auch angemessen? Nicht annähernd so sehr wie der dreiviertelstündige Rückblick auf Richard von Weizsäckers Bundestagsrede vor genau 40 Jahren, den der rbb leider erst 23.45 Uhr vornimmt. Dass er die Kapitulation am 8. Mai 1985 Befreiung genannt hatte, war ein Wendepunkt der bundesdeutschen Erinnerungskultur. Weitere 40 Jahre später hätte sie daher ein differenzierteres Andenken verdient als heute.
Immerhin, es gibt Ausnahmen. Der MDR zeigt erst War mein Uropa ein Nazi? (22.40 Uhr) und im Anschluss Nazijäger – Reise in die Finsternis. Zuvor lässt Arte Das Urteil von Nürnberg (20.15 Uhr) von 1961 mit Spencer Tracy, Marlene Dietrich oder Burt Lancaster Revue passieren. Und dann stellt uns der BR endlich eine Zeugin der Zeit vor, die bis heute für die Opfer gegen die Täter kämpft: Beate Klarsfeld, bekannt als Nazijägerin. Leider läuft ihr Porträt Donnerstagfrüh kurz nach Mitternacht. Damit auch ja niemand zuschaltet.
Volk in Angst: Kriminalstatistik & Krimis
Posted: May 7, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDie Panikmacher
Georg Restles mitunter leicht alarmistische, aber in aller Kürze hervorragend recherchierte ARD-Doku Volk in Angst zeigt eindrücklich, wie mit der Polizeilichen Kriminalstatistik Politik gemacht wird. Das wirft auch ein Schlaglicht auf die Krimi-Dichte oder Tagesschau-Berichte im deutschen Fernsehen.
Von Jan Freitag
Klima, Kriege, Wohnungsnot. Feinstaub, Armut, Zoonosen. Höcke, Putin, Donald Trump: Es gibt 1000 gute Gründe, vor dieser Zeit Angst zu haben! Warum fällt uns jetzt schon länger, ein einziger nur ein? Wer vor drei Wochen verfolgte, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) das Land aufwühlt, stand womöglich kurz vor der inneren Emigration. Fürs „Rekordhoch“ angezeigter Gewaltdelikte, machten Bild und AfD schließlich vor allem die äußere Immigrationverantwortlich. Oder im Duktus populistischer Stimmungsmarodeure: Die Ausländer. Plural. Also alle?
Der haltungsstarke ARD-Journalist Georg Restle hat da seine Zweifel und prüft „Faesers Schreckensbilanz“ plus „Staatsversagen“ mal eingehend auf Populismusverdacht. Nüchtern betrachtet stieg die Zahl polizeibekannter Verdachtsfälle von gefährlicher Körperverletzung und sexualisierter Gewalt bis hin zu Mord und Totschlag tatsächlich um 1,5 Prozent. Die der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass gar um weitere sechs Punkte. Was aber sagt beides aus? Dieser Frage geht die Monitor-Doku „Volk in Angst“ ab heute in der Mediathek nach.
Kurze, aber präzise 30 Minuten führt sie auf die Reise durch ein furchtsames, argwöhnisches, kleinmütiges Land. Es beginnt am Dortmunder Hauptbahnhof, für Blaulichtmedien „einer der gefährlichsten Deutschlands“. Die Jahresbilanz klingt ja auch happig: 764 Gewalttaten an einer eher regional als national relevanten Zugstation. Andererseits, betonen Ortskundige wie Christina Wittler von der Bahnhofsmission oder Sachkundige wie Prof. Gina Wollinger von der Polizeihochschule NRW, gelten die meisten Angriffe Obdachlosen und Drogenabhängigen, ausgerechnet denen also, die anderen Angst machen.
Aus Sicht des Freiburger Kriminologen Dietrich Oberwittler enthält die PKS also nicht nur „hohe Dunkelziffern“, sondern „systematische Verzerrungen“. Rund ein Drittel eingestellter Verfahren zum Beispiel oder die Tatsache, dass Menschen migrantischer Herkunft weitaus öfter kontrolliert und angezeigt werden als biodeutsche. Georg Restle sieht in der PKS abgekürzten Polizeistatistik somit nur einen „Arbeitsnachweis der Polizei, kein realistisches Bild“. Und das wird 500 Kilometer südlich noch deutlicher. Sigmaringen. Badisches Fachwerkidyll. 17.000 Einwohner. Alle in Selbstisolation, so scheint es.
Zwei befragte Passanten jedenfalls trauen sich vor lauter Ausländerkriminalität kaum noch raus. Die Flüchtlingsunterkunft, noch Fragen? Ein Beamter der dortigen Polizeiwache korrigiert jedoch, Straftaten gebe es nur innerhalb der Einrichtung. Jung, männlich, sozial benachteiligt, sind viele der Insassen naturgemäß gewaltaffiner als, sagen wir: ältere Anwältinnen, und damit zwar füreinander gefährlich. Für andere weniger. Was empirisch belegbar ist, müsste man halt nur noch allgemein bekannt machen. Leider geschieht das Gegenteil.
Eine Erhebung der Macromedia Hochschule Hamburg hat ergeben, wie tendenziös das Fernsehen Gewalt thematisiert. Während ein Drittel der Tatverdächtigen Nichtdeutsche sind, betrug ihr Berichtsanteil 84,7 Prozent. Selbst die Tagesschau, meint WDR-Moderator Restle, gewichte einseitig. Während der arabische Anschlag von Magdeburg Ende 2024 acht Beiträge und einen Brennpunkt nach sich zog, waren es beim deutschen von Mannheim vorigen März zwei ohne Sondersendung. Womit wir beim Untertitel von „Volk in Angst“ wären: „Wie mit Verbrechen Politik gemacht wird.“
Angst, weiß Macromedia-Professor Thomas Hestermann im SZ-Interview, „generiert Quoten, Klicks und Wählerstimmen“, sie sei also „ein Geschäftsmodell“. Und darin wirkt wenig auf abstoßendere Art anziehend als die rassistisch genährte Furcht vorm schwarzen Mann – das wusste schon der Paranoia-Dirigent Eduard Zimmermann, als er ab 1967 unterm Aktenzeichen XY reihenweise dunkler Gestalten durch hiesige Wohnstuben schickte. Dabei geschehen bis zu 60 Prozent der Tötungs- und Dreiviertel aller Sexualdelikte im „sozialen Nahfeld“, also unter Bekannten und Verwandten. Rund 100 Femizide im Jahr zeigen: die größte Gefahr für Frauen liegt nicht im Bett der nächsten Asyleinrichtung, sondern dem eigenen.
Das Risiko, fernab davon Opfer physischer Gewalt zu werden, ist ungleich kleiner als in den USA. Die Kluft zwischen Kriminalitätsrealität und ihrer Wahrnehmung hat folglich andere Ursachen – politische, kulturelle, ökonomische, psychosoziale. Und sie werden zwar medial selten erzeugt, aber nachhaltig verstärkt. Macromedia-Studien zufolge etwa dadurch, dass TV-News und -Magazine bereits 2017 doppelt so häufig über Gewaltverbrechen berichtet hatten als zehn Jahre zuvor und 2023 den nächsten Höchstwert erreichten.
Deutschland, sagt Thomas Hestermann, „ist eins der sichersten Länder der Welt“, aber seine Bevölkerung „geradezu angstsüchtig“. Im Sog des sprachlichen Exportschlagers german angst fluten uns Mediatheken, Podcasts, Buchgeschäfte mit „leichtem Grusel“ popkultureller Real und Fake Crime. Allein der Tatort zählt surreale 2,3 Todesopfer pro Fall. Im Rekordjahr 2014 waren es gar 150 von bis zu 2000 Tötungsdelikten, die Fachleute Jahr für Jahr am Bildschirm zählen – das Dreifache der aktuell 668 Fälle, die ihrerseits einen Bruchteil des Höchstwerts von 1993 darstellen.
Die Sorge, Opfer einer Straftat zu werden, das misst die Versicherung R & V seit langem, geht zwar kontinuierlich zurück. Von vier Fünfteln der Deutschen 1990 auf derzeit 20 Prozent. Für den Freiburger Kriminologen Hans-Jörg Albrecht „nimmt das subjektive Sicherheitsempfinden“ abgesehen von einer „Beule im Zuge von Angela Merkels Flüchtlingspolitik nach 2015“ tendenziell sogar zu. Parallel aber beeinflusst die Menge publizistisch verabreichter Verbrechen gepaart mit der fear mongering genannten Panikmache manipulativer Medien das kollektive Sicherheitsempfinden.
„Je mehr Konsum, desto mehr Kriminalität“ – auf die Formel bringt Albrecht auf SZ-Anfrage den Zusammenhang von echter und verbreiteter Verbrechensdichte. Im Rahmen seiner Kultivationshypothese, wonach ein Übermaß an Fernsehen individuelle Weltbilder prägt, sprach der Kommunikationsforscher George Gerbner schon vor 50 Jahren vom Mean World Syndrome. Dem Gefühl einer feindseligen, gefährlichen Welt dank zu viel Bildschirmgewalt also, die der Doomscrolling genannte Hang des Digitalzeitalters, schlechte Nachrichten durch noch schlechtere zu bestätigen, weiter verstärkt.
Während die Aufklärungsquote handelsüblicher Krimis nahe 100 Prozent gepaart mit dem „CSI-Effekt“ unfehlbarer Forensik das Publikum in Sicherheit wiegt, müssen die Verbrechen von Nordic Noir bis Real Crime somit immer blutiger werden. „Heute brauchst du schon einen Toten mit krassem Hintergrund, damit es gekauft wird“, sagt ein Essener Polizeireporter in Restles Reportage über sein Metier. „Mord und Totschlag führen zu Emotionen, Spannung, Aufregung“, pflichtet Fernsehforscher Albrecht bei. „Langwierige Ausführungen zu CumEx-Geschäften eher nicht“. Es sei denn, die Täter wären Geflüchtete.
Eingelocht: Arte & Minigolf
Posted: April 16, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentGernegroßes Kleinstvergnügen
Die bezaubernde kleine Arte-Serie Eingelocht handelt sechsmal 12-15 unscheinbar tiefgründige Minuten von einem Minigolfplatz irgendwo in Frankreich, auf dem wechselnde Figuren zwischen Loch 1 und 18 wahrhaftige Sorgen und Nöte der großen Gesellschaft im Kleinen durchspielen. Toll!
Von Jan Freitag
Und Größe zählt doch! Wer oder was warum auch immer geringere Abmessungen hat als andere, steht schließlich schnell im Ruf der Unvollkommenheit. Kleine Autos gelten als unfallgefährdet, kleine Ortschaften als provinziell, kleine Portionen als unzureichend, kleine Menschen als durchsetzungsschwach. Und da war noch nicht mal vom Minigolf die Rede. Verglichen mit Maxigolf auf kleinstadtgroßer Fläche, das muss sogar Marc einräumen, ist die Spielplatzversion „banal.“ Banal?
Welch ein Affront! Vor allem aber: welch ein Irrtum! Findet zumindest Chacha (Rosa Bursztein), die sich mit ihrem Mann (Nicolas Bernot) gerade auf der Tour de France de Minigolf zwischen Nordsee und Mittelmeer, Alpen und Atlantik befindet. Bislang 1486 Plätze in zwei Jahren, also zwei pro Tag. Bei Wind und Wetter. Dafür haben die zwei Finanzbeamten nicht nur unbezahlten Urlaub genommen, sondern praktisch „alles geopfert“, wie Chacha den Banalitätsvorwurf abbügelt. Und zwar aus gutem Grund.
Denn Minigolfplätze, erzählt sie dem Lokalreporter Hadrien (Édouard Sulpice) auf ihrer Schlussetappe, „sind wie Menschen“. Jeder sei anders. Auch Nummer 1487 also, auf den wir das Paar ab heute zu Beginn der Arte-Serie Eingelocht begleiten. Zwischen Bahn 1 und 18 einer grünen Betonoase irgendwo im Nirgendwo Frankreichs, erzählt es jedoch nicht nur vom gernegroßen Kleinstvernügen ganz gewöhnlicher Leute. Maximal knackige 15 Minuten pro Folge malen Maxime Chamoux und Sylvain Gouverneur ein Fernsehgemälde auf Kinoformat.
Vor vier Jahren haben die beiden Filmemacher ähnlich alltägliches Serienpersonal 50 erfolgreiche Episoden lang Tag für Tag für Tag Punkt 18:30 auf dem Heimweg vom Büro zur Bushaltestelle begleitet. Jetzt suchen sie erneut nach dem Ganzen im Halben und werden auf der leicht angejahrten Anlage von Managerin Sylvie (Jeanne Arènes) ebenso bezaubernd fündig. Zum Auftakt etwa bittet der Personalchef Gilles (Nicolas Lumbreras) die alleinerziehende Faïza (Saffiya Laabab) zum Bewerbungsgespräch, wo sie zwischen Abschlag und Loch zugleich Siegeswillen und Teamgeist beweisen soll.
Später lädt der unsichere Single Gautier (Théo Navarro-Mussy) seine alleinerziehende Internet-Bekanntschaft Claire (Agnès Miguras) zum ersten Date hierher und kriegt es nebenbei mit ihrem Sohn sowie einem Hund zu tun. Davor spielt Cécile (Chloé Stefani) gegen ihre Schwester (Bérengère McNeese) darum, wer von beiden dem kranken Bruder ein Organ spendet. Und wenn diverse Figuren im Staffelfinale nach Art einer Mockumentary erklären, warum der greise Jacques an jedem 14. Juli pausenlos Bahn 7 spielt, wird „Eingelocht“ endgültig zur federleichten Gesellschaftsstudie von fast philosophischer Tiefe.
Das Besondere an diesem Kleinod mikrosozialer TV-Unterhaltung besteht dabei darin, dass der Minigolfplatz nicht bloß ein drolliger Drehort ist, dem sechs Folgen lang wahllos Geschichten übergestülpt werden. Wie Amazon Primes Discounter im Hamburger Vorstadtsupermarkt, wie der Brandenburger Bäckereiwagen Tina Mobil, wie das Bestattungsinstitut von Six Feet Under oder zuletzt ein Marzahner Nagelstudio als Refugium widerstandsfähiger Wohlstandsverlierer: Auf Sylvies Minigolfplatz verbinden sich kleine bis große Dramen organisch mit dem Belag darunter und umgekehrt.
Alle sechs Episoden sind daher abgeschlossen, aber lose verzahnt. Die Hasenfigur aus Folge 6 schaut acht Zehntelsekunden aus dem Bildschirmrand von Folge 2 vorbei. In Folge 5 hört man die Schwestern aus Folge 2 streiten. Durch Folge 4 fliegt ein Gegenstand aus Folge 3. Alles ganz lustig, alles zu unscheinbar, um dem Wesen echter Probleme wahrhaftiger Menschen Aufmerksamkeit zu entziehen. Denn wenn der blinde Domi (Guillaume Muller) beim Einlochen ohne Sicht auch seinen Liebeskummer zu besiegen, könnte es in billigen Slapstick münden. Tut es aber nicht.
Dafür sorgen schon fabelhafte Darstellerinnen und Darsteller, denen man ihre Figuren jederzeit abkauft. Was wiederum an Drehbüchern liegt, in denen Chamoux und Gouverneur eine Komödiengrundregel beherzigen: Nimm die Handlung und ihre Pointen nicht wichtiger als die Figuren und ihre Persönlichkeiten. Eingelocht ist daher mal lustig, mal traurig, meist beides in einem, aber selten selbstgefällig, gar berechnend. Faïzas angehender Arbeitgeber ist folglich ein Paradebeispiel des toxischen Mannes, der sich für unwiderstehlich hält und davon selbst dann noch redet, wenn ihm seine Inkompetenz um die Ohren fliegt.
Trotz des lächerlichen Profioutfits inklusive Golftasche und Handschuh, führen ihn die beiden Regisseure aber nicht vor, sondern lassen ihn in aller Seelenruhe an seiner Selbstüberschätzung scheitern. Dafür brauchen sie keine schnellen Schnitte, lustigen Twists oder gefährlichen Querschläger. Es reicht, Individuen dabei zuzusehen, Anspruch und Wirklichkeit ihrer Existenzen bei einer kindlichen Freizeitbeschäftigung in Einklang zu bringen, die einfach aussieht, aber so kompliziert ist wie das Leben. Auf dem Minigolfplatz kommt es erst richtig zur Geltung. Banal ist das nie. Aber sehr amüsant.
„Eingelocht“, 6 x 12-15 Minuten, ab 8. April bei Arte.tv
The Handmaid’s Tale: Fiction & Reality
Posted: April 11, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchlussstrich unters Horrorszenario
Mit der sechsten Staffel in fast acht Jahren endet die verstörende Zukunftsdystopie The Handmaid’s Tale bei MagentaTV. Und zwar ausgerechnet in einer Zeit, wo ihre Fiktion Realität zu werden droht. Fazit einer Serie, die anfangs zu schrecklich war, um wahr zu sein. Lange her…
Von Jan Freitag
Kanada ist, wer würde dies bestreiten, eine topografisch spektakuläre, international geachtete, politisch selbstbewusste, allem Anschein nach standhafte Nation. Sie lässt sich daher von niemandem so leicht unterkriegen. Auch nicht unterm Druck der weltgrößten Militär- und Wirtschaftsmacht, die das Rückgrat des zweitgrößten Landes grad einem Belastungstest aussetzt, dem beileibe nicht jedes widerstehen würde. Wer ihm dabei aus sicherer Entfernung zusieht, hält es da durchaus für denkbar, wie Kanada sich ab heute zum letzten Mal bei MagentaTV zeigt.
Als Hort liberaler Ideale nämlich, der dem aufkeimenden Faschismus im Süden trotzt. Und nein, damit ist nicht Donald Trumps Zoll-Regime gemeint. Es geht um Gilead. Benannt nach einem Reich biblischen Ursprungs, haben christliche Fundamentalisten die USA in dieses postapokalyptische Patriarchat verwandelt, das den letzten Rest fruchtbarer Frauen zu Gebärmaschinen degradiert. Ein misogynes Horrorszenario, das bei der Premiere 2017 ähnlich undenkbar schien wie die Rückkehr der Taliban oder fünf Jahre später Trumps Rückkehr.
Wenn The Handmaid’s Tale nun mit Staffel 6 endet, zeigt sich also das prophetische Potenzial der Hauptverantwortlichen dieser aufsehenerregenden Serie. Kurz, nachdem Margaret Atwood 1985 den zugehörigen Roman geschrieben hatte, versprach Francis Fukuyama im Licht des Mauerfalls das Ende der Geschichte und meinte damit auch Gegner von Liberalismus, Marktwirtschaft, Demokratie. Als Bruce Miller den Besteller dann 2016 zur Serie aufbereiten ließ, schien der schwarze US-Präsident Barack Obama dem Showrunner trotz aller Finanz- und Staatskrisen sogar Recht zu geben.
Leider hat sich dieser Optimismus vorm Start der letzten acht von 68 Folgen in Luft auflöst. Schließlich wird nicht nur das Gilead-Territorium gerade von einer Clique antipluralistischer Frauenfeinde regiert. In aller Welt befinden sich die Errungenschaften jahrhundertelanger Befreiungskämpfe auf dem Rückzug. Nur Teile Europas halten dem rechtspopulistischen Sturm noch Stand. Und Kanada, versteht sich, das nächstgelegene Refugium. Dorthin zog es folglich auch die Hauptfigur June (Elisabeth Moss), nachdem sie ihr Dasein zwei Staffeln lang als lebender Brutkasten gefristet hatte.
Nach furchtbarer Irrfahrt durch Herrenhäuser und Frauenkäfige Gileads, verhalf sie 86 Kindern zur Flucht ins gelobte Land nordwärts. Mehr noch: mit Ehemann Luke (Olatunde Fagbenle), der Verbündeten Moira (Samira Wiley) und dem Kollaborateur Tuello (Sam Jaeger) baute June in Kanada eine Form feministischer Widerstandsbewegung entflohener Mägde gegen das alttestamentarische Regime im Süden auf. Ein Gottesstaat, dessen Religiosität nur als Feigenblatt männlicher Machtgelüste dient. Doch zu Beginn der finalen Staffel ist auch dieser Rückzugsort bedroht.
Da Kanada Flüchtlinge wie sie wieder ausweist, sitzt June mit Baby und gebrochenem Arm plötzlich neben der verhassten Witwe (Yvonne Strahovski) ihres alten Besitzers im Zug nach Süden, wo der Kampf gegen die Unterdrückung weitergeht. Wie genau, wird hier nicht verraten. Was die Serie in den ersten vier Staffeln allerdings faszinierend machte, findet auch jetzt seine Fortsetzung. Denn abgesehen von der grundbösen Aufseherin Lydia (Anne Dowd), leiden Opfer und Täter, Sklavinnen wie Halter gleichermaßen an der retrofuturistischen Steinzeittyrannei.
Selbst Profiteuren gewährt sie wenig Freude an ihrer schönen neuen Welt. Und genau darin besteht die Faszination einer zeitlosen Near-Future-Serie, deren Ästhetik zugleich anzieht und abstößt. Beides perfekt verkörpert von Elisabeth Moss, die Junes Achterbahnfahrt von untertäniger Demut über aufkeimende Renitenz bis zur entfesselten, aber kontrollierten Wut mit ihrer Mimik allein Ausdruck verleihen kann wie kaum eine Schauspielerin sonst. Wenn ihr Ringen um Selbstbehauptung für sich und ihre Schicksalsgenossinnen im Rachefeldzug gipfelt, haben sich einige der Eskalationsspiralen zwar abgenutzt.
Sie entfalten allerdings auch weiterhin einen Sog, dem man sich anders als bei der auserzählten Referenzgröße The Walking Dead schwer entziehen kann. Das liegt wohl auch an der bedrückenden Atmosphäre und ihrer fabelhaften Ausstattung. Zwischen Darth Vaders tiefschwarzem Helm (Star Wars) und Uma Thurmans dottergelbem Overall (Kill Bill) zieren die blutroten Kutten unter schneeweißen Hauben schließlich längst das Museum ikonischer Filmaccessoires. Ihre Wirkung lässt sich bestens im Showdown von Handmaid’s Tale bestaunen.
Wenn die unverwüstliche Hauptfigur darin mit ihrer kleinen Armee aufsässiger Mägde während einer hochherrschaftlichen Hochzeit in retrofuturistischer Cyberpunk-Ästhetik aufmarschiert und dabei „lieber Gott, gib uns die Kraft diese gottverdammten Motherfucker zu töten“ zischt, schaltet das Format ein letztes Mal in jenen Überwältigungsmodus, der es so unvergleichlich macht. Und zieht – was zusehends kritische Bewertungen auf Portalen wie Metacritics oder Rotten Tomatos unterstreichen – rechtzeitig einen Schlussstrich. Möge er den machtversessenen Missbrauch der Religion bei aller guten Unterhaltung niemals so weit kommen lassen wie in dieser wegweisenden Serie.
Das zweite Attentat: Bushs Lügen & ARDs Serie
Posted: April 4, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentFototapetenverschwörung
Die Story des deutschen Ingenieurs arabischer Herkunft, der George W. Bushs Irak-Invasion mit einer Reihe von Lügen über Saddams Giftgaslabore herbeiführen half, ist schlicht zu gut, um daraus kein Historytainment zu machen. Leider wurde es Das zweite Attentat (Foto: ARD Degeto/Thomas Kost) im Ersten.
Von Jan Freitag
Die größten Skandale eignen sich naturgemäß auch für großes Historytainment. NSU-Morde, Gladbeck-Drama, RAF-Terror, Wirecard-Pleite, das CumEx-System krimineller Banken – alles teilweise mehrfach fiktionalisiert, gern mit den Klarnamen zentraler Figuren wie Zschäpe, Rösner, Meinhof, Marsalek, Olaf Scholz und jetzt bereits zum zweiten Mal: Rafid Ahmed Alwan. Nie gehört? Na, dann vielleicht sein Pseudonym. Als Curveball wurde der deutsche Ingenieur irakischen Ursprungs schließlich 2017 ein bisschen weltberühmt.
Damals kam raus, dass er den BND so beharrlich mit Falschformationen über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen gefüttert hatte, bis George W. Bush wider besseres Wissen einen Angriffskrieg begann, der zum Flächenbrand wuchs. Wahnsinnige Wissenschaftler und angriffslustige Präsidenten, alternative Fakten und intrigante Agenten – es war eine Frage der Zeit, bis die Räuberpistole als Reenactment im Fernsehen landet. Dumm nur, dass es das deutsche ist…
Während sich Johannes Naber (Der Albaner) in seiner bitterbösen Satire Curveball – Wir machen die Wahrheit bereits 2020 über den Stoff lustig gemacht hatte, versuchen es Barbara Eder und Philipp Osthus nun auf die ernste Tour. Gute Idee eigentlich. Und bestens besetzt. Die Hauptrolle des ARD-Sechsteilers Das zweite Attentat spielt der talentierte Noah Saavedra. 20 Jahre, nachdem er den Racheakt serbischer Nationalisten an seinem Vater knapp überlebt hatte, lebt sein Sohn des Elitesoldaten Frank Jaromin als Fotograf Patrick Schneider im Athener Zeugenschutzprogramm.
Dann aber stirbt dessen Mutter und hinterlässt ihm seltsame Bilder, auf denen er Papas Mörder entdeckt. Damit werden verblasste Erinnerungen wach und bringen Franks Filius auf die Spur einer Verschwörung verschiedener Geheimdienste, die eher mit dem Irak-, als dem Bosnien-Krieg zu tun haben: In Mamas Nachlass befindet sich nämlich eine CD mit Informationen, die Curveballs Giftgaslabor-Lüge widerlegen und damit die Basis für Bushs Angriff.
Sie enthalten also das, was man politischen Sprengstoff nennt. Zu Schade, dass der erfahrene Schriftsteller Oliver Bottini die Lunte legt. Als Drehbuchautor ein Anfänger, verzapft sein Writers Room nämlich Skripte, aus denen Barbara Eder das macht, was sie in Serien wie Concordia oder Barbaren und besonders der missratenen Adaption von Frank Schätzings Schwarm angedroht hatte: oberflächlich reizvolle, inhaltlich kraftlose Fiktionen, deren Dramaturgie Fragen aufwirft, was schlimmer ist: die Effekthascherei, ihre Küchenpsychologie, deren Didaktik?
Eine Antwort erfolgt wie immer entlang individueller Geschmacksgrenzen und Erwartungshaltungen, die sich jeder Wertung entziehen. Während für verschwörungsaffine Actionfans mit Faible für bildhübsche, vorgestanzte, exaltierte Figuren reichlich Eye-Candy enthalten ist, werden differenzierungsfreudige Dialogkinofans mit Schwäche für lebensechte, ambivalente, gewöhnliche Figuren eher unterversorgt. Beides hat seine Existenzberechtigung, beides kann auf unterschiedliche Art gut unterhalten. Falls die Verantwortlichen ihre Story ernstnehmen.
Handwerklich kann Das zweite Attentat da durchaus überzeugen. Sein Sounddesign ist weniger aufdringlich als im Thriller-Genre üblich, die ständigen Zeitsprünge von 2023 bis 2003 und zurück wirken nicht überinszeniert und wirken besonders im arabischen Raum verblüffend authentisch. Leider sind der Homeland-Kopie, die den Faden verbündeter Agenten im Kampf gegeneinander von Zero Dark Thirty bis The Looming Tower zum Irak-Krieg knüpft, dramaturgische Befindlichkeiten herzlich egal. Hauptsache, Schwarzweißcharaktere triggern vor Fototapeten gut erreichbare Hirnareale.
Wenn der moralisch makellose Sympathieträger des nebenamtlichen Models Saavedra die (natürlich) bildhübsche Frauenrechtsaktivistin Simin (Delaila Piasko) trifft, blicken sie daher (natürlich) auf die Akropolis, weil – Athen eben. Ein Strippenzieher des Bösen muss seine Bosheit damit belegen, dass er zu Mozarts Requiem im Kimono rotbeleuchtet Bonsaibäume gießt, bevor sein noch fieserer BND-Kollege (Jakob Diehl) missliebige Akten verbrennt. Ihre Auftragskiller können sich Eikon Media und Deal Productions im Degeto-Auftrag derweil nur im Cyberpunk-Blutrausch à la Luc Besson vorstellen.
Wieso der Grundschüler Alex bis heute zwar deutlich sichtbar zum Endzwanziger Patrick reifen durfte, Desirée Nosbuschs BKA-Agentin Lay die 20 Jahre seit 2003 dagegen ohne jeden Alterungsprozess durchlaufen hat, bleibt da das Geheimnis einer Serie, die viel Energie auf Optik, Action, Attraktivität verwendet, aber wenig auf Logik, Tiefgang, Originalität. Autobiografische Flashbacks handlungsrelevanter Charaktere zeugen deshalb – wie Zeitreisen oder Amnesie – von erzählerischer Faulheit. Weshalb sie ihre Funktion auch ständig verlautbaren.
„Ihr Vater war als Soldat für die Bundeswehr für Auslandseinsätze zuständig“, sagt Patricks Psychologin bei der geschätzt 306. Therapiesitzung. „Ja“, bestätigt ihr Patient. „Beim Einsatz in Bosnien hat er einen Kriegsverbrecher erschießen müssen, und seine Anhänger haben sich dafür gerächt“, worauf sie ihm (also uns) erklärt: „Es waren keine Deutschen, es waren Serben, deswegen sind Sie auch im Zeugenschutzprogramm“. Gut, dass wir mal drüber geredet haben. Weniger gut jedenfalls als die Serie und ihr öliges Happyend mit Fortsetzungspotenzial im Ganzen. Zumindest für Fans feinsinniger Spionagethriller.

