Nach 40 Jahren öffentlich-rechtlicher Rundfunk beendet WDR-Intentant Tom Buhrow (Foto: Marina Weigl) Ende des Jahres seine Fernsehkarriere. Ein journalist-Interview zum Abschluss mit einem der ganz großen, einflussreichen, höchst populären, aber auch umstrittenen Charaktere des früheren Leitmediums.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Buhrow, haben Sie kürzlich den Zeit-Artikel Die Intendantin gelesen, in dem Patricia Schlesinger nahezu vollumfänglich vom Vorwurf der Vetternwirtschaft oder Vorteilsnahme freigesprochen wurde?
Tom Buhrow: Den hab‘ ich natürlich gelesen.
Was war Ihre Reaktion – Na bitte oder Na, wenn schon? Ändert er alles oder nichts?
Nachdem die Perspektive bislang häufig von außen kam, haben die zwei Autoren jetzt mal eine andere Perspektive eingenommen. Im Grundsatz ändert das aber eher wenig.
Auch nicht ihre Sicht auf den Fall und den daraus entstandenen Reformkurs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?
Nein.
Bei aller Vorverurteilung, die ihr offenbar zu Unrecht widerfahren war, räumt Patricia Schlesinger allerdings ein, die Diskrepanz zwischen Sparrunden und Investitionen hätten beim rbb das „Klima vergiftet“, weshalb sie „die Belegschaft verloren“ habe. Haben Sie die des WDR noch?
Seit ich vor fast 40 Jahren angefangen habe, kenne ich es sowohl beim WDR als auch in der ARD nicht anders, als dass Ressourcen immer knapper geworden sind. Schon damals konnten wir programmlich nur Neues aufbauen, wenn wir woanders abbauten. Das macht natürlich was mit den Menschen – unabhängig davon, wer gerade Intendant ist und unabhängig vom Sender.
Und bei Ihrem im Besonderen?
Haben wir diese Adaptionen aus meiner Sicht gut bewältigt. Und auch für die Zukunft ist der WDR gut aufgestellt. Ich übergebe meiner Nachfolgerin ein solides Haus. Wie die Rahmenbedingungen von der Medienpolitik gerade verändert werden, das ist etwas anderes, aber das kennt ja jeder.
Kennt ja jeder oder akzeptiert es auch?
Sie finden in jedem Bereich, der von so was betroffen ist, natürlich Menschen, die ihn bitte nicht angetastet sehen wollen. Aber alles in allem herrscht da beim WDR hoher Realismus und entsprechend große Einsicht.
Es gibt in Köln also anders als jetzt gerade bei ARD-aktuell gar keinen Tarifstreit mit der Aussicht auf Streiks?
Tarifauseinandersetzungen sind etwas anderes. Die sind ebenso normal wie Warnstreiks. Als Arbeitgeber bin ich natürlich manchmal anderer Meinung als die Gewerkschaften, wie früh man das Mittel des Arbeitskampfes anwenden sollte. Aber es ist etwas Legitimes, das nichts über generelle Befindlichkeiten einer Belegschaft aussagt.
Kann man ein System wie das öffentlich-rechtliche unabhängig von der Belegschaftsreaktion auch kaputtsparen?
Wir müssen eine ehrliche Debatte darüber führen, was die Gesellschaft in Zukunft vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwartet. Das habe ich vor zwei Jahren in meiner Rede in Hamburg deutlich gemacht.
Wo sie zwar aktuell ARD-Vorsitzender waren, angeblich aber als Privatmann radikale, hitzig diskutierte Reformen gefordert haben…
Privatmann habe ich nie gesagt. Lesen Sie das ruhig nochmal nach. Ich habe nur deutlich gemacht, dass ich an diesem Abend nicht im Namen der ganzen ARD spreche. Es war und ist mir wichtig, aufrichtig zu sein. Wenn man uns nicht mehr ausstatten will wie bisher, muss man ordnungspolitische Grundsatzentscheidungen in der Medienpolitik treffen. Man muss dann klar sagen, auf was man konkret verzichten will, und nicht nur pauschal fordern, wir sollten schlanker und kleiner werden. Nur dann können die Sender das verantwortungsvoll managen. Mein Credo besteht immer darin, auch unkomfortable Maßnahmen offen und ehrlich zu kommunizieren. So habe ich es auch vom ersten Tag an gehalten. Bei meiner Ankunft in der Intendanz 2013 habe ich mit der Geschäftsleitung eine solide Finanzplanung für die kommenden Jahre aufgestellt.
Und?
Um das Programm dauerhaft zu entlasten, haben wir den Personalstand abgebaut. Über fünf Jahre hinweg 500 Planstellen einzusparen, ist keine kleine Sache und alles andere als angenehm. Aber mit klarem Zeitplan klar vermittelt hat der WDR das geschafft.
Also Ihre Schlussfolgerung?
Unangenehmes nicht Salamischeibe für Salamischeibe kommunizieren, sondern klar sagen, was auf Sender und Belegschaft zukommt. Das ist immer noch konfliktreich, aber ehrlich und handhabbar.
Aber wo lassen sich denn die größten Stücke der Wurst kürzen: horizontal beim WDR oder vertikal zwischen den Landesrundfunkanstalten der ARD?
Spätestens an dieser Stelle kommen also die Kompetenzzentren ins Spiel, mit denen senderübergreifend Themenschwerpunkte gebündelt werden?
Zum Beispiel. Damit heben wir programmliche Synergien aus eigener Kraft. Es müssen nicht alle alles machen. Grundsätzlich ist mir wichtig: Wir erfüllen einen Auftrag, den uns die Gesellschaft gibt. Und die Gesellschaft darf sagen, was sie will, aber auch, was sie nicht, anders oder vielleicht zusätzlich will. Danach bemisst sich dann der Beitrag, den wir alle zahlen. Wer den Beitrag beeinflussen will, muss zunächst den Auftrag ändern. Anders formuliert: Wer B sagt, muss erst A sagen. In der Zwischenzeit schaffen wir von uns aus programmliche Synergien, etwa durch die erwähnten Kompetenzzentren.
Wäre das beim WDR beispielsweise der Sport?
Ab 2025 werden die meisten Sportereignisse der ARD zentral auf dem Sportcampus des WDR produktionstechnisch abgewickelt. In anderen Feldern übernimmt der WDR dagegen Leistungen von anderen, zum Beispiel Inhalte anderer Radiowellen. Wir müssen nicht alles parallel machen. Der Reformstaatsvertrag geht sogar noch weiter. Einzelne Wellen sollen ganz eingespart werden. Und da sind wir noch nicht mal bei der denkbaren Zusammenlegung von 3sat und Arte.
Flankiert vom Vorschlag des Zukunftsrates, nicht nur einzelne Aufgaben der ARD, sondern ihre Geschäftsführungen zusammenzulegen.
Soweit ich weiß, kommt das im Entwurf zum Reformstaatsvertrag gar nicht mehr vor.
Was der Zukunftsrat gerade kritisiert hat. Zumal dem Publikum, also der angesprochenen Gesellschaft, Sparmaßnahmen im Führungsbereich lieber sind als an Personal oder Programm.
Das ist eine medienpolitische Überlegung außerhalb meines Einflussgebietes. Aber ein Problem daran dürfte sein, dass womöglich erstmal nichts abgebaut, sondern was aufgebaut wird. Wenn Sie eine zentrale Geschäftsleitung installieren, machen die neun anderen ja nicht sofort dicht. Was genau wegfällt, müsste da erstmal genau durchdekliniert werden. Bei den Kompetenzzentren sind wir da schon weiter.
Befürchten Sie persönlich denn nicht, dass sich durch überregionale Bündelungen regionaler Kompetenzen die lokalen Profile und Befindlichkeiten vor Ort abschleifen – also genau das, worin viele den aktuell wichtigsten Daseinsgrund des Journalismus sehen?
Die Befürchtung teile ich nicht. Jeder kann selbst entscheiden, welche Senderstrecken man von einem Federführer übernimmt. Das wird in jedem Fall eher in den Randzeiten sein und auch da wird man die eigenen erfolgreichen regional geprägten Programmteile beibehalten.
Im Radio zum Beispiel, das eine andere Primetime als Fernsehen hat, gibt es abendliche Sendungen mit vergleichsweise wenig Hörerinnen und Hörern, dass es sich anbietet, die eigene Sendung durchaus mal gegen eine Sendung aus einem anderen ARD-Haus auszutauschen. Zu welchem Zeitpunkt genau man aber ins Programm anderer einsteigt, ist jedem selbst überlassen. Es kann auch sein, dass man erst einmal bis 21 Uhr weiter das sendet, was besser zum regionalen Profil passt. Natürlich gibt es überall Verlustängste, und es ist die Aufgabe des Managements, damit umzugehen. Aber schon allein wegen dieser Flexibilität, die wir hierzu eingeführt haben, ist mir um die regionalen Profile nicht bange.
Ist Ihnen denn um die Vielfalt am Bildschirm bange, wenn 3sat mit Arte, Neo mit ONE und Phoenix mit ZDFinfo, ARD alpha und tagesschau24 zusammengelegt werden?
Im Grunde herrscht abseits einiger Kritikpunkte doch große Wertschätzung für das öffentlich-rechtliche Programmangebot. Wenn man davon etwas wegnimmt, herrscht deshalb zunächst mal mehr Bedauern als Befriedigung. Das sieht man ja an der emotionalen Debatte über 3sat. Aber wenn der Auftrag darin besteht, schlanker und kostengünstiger zu arbeiten, müssen wir identifizieren, wo was wegfallen kann – selbst, wenn es Verluste guter Sachen mit sich bringt.
Aber wie unterscheidet man bei der Verteidigung liebgewonnener Formate, Sender, Inhalte denn Pfründe von Qualität, also Masse von Klasse?
Entscheiden ist doch bei der Reformdebatte, was die Menschen von uns erwarten und was nicht. Beim WDR, mit dessen Verschlankung ich ja schon bei meinem Amtsantritt betraut wurde, sind wir frühzeitig alle Alternativen konkret durchgegangen und haben personell so umgeschichtet, dass hauptsächlich Produktion, Technik und Verwaltung betroffen waren und erst dann das Programm. Eine Maßnahme, die mir dabei nicht leichtgefallen ist, betraf die äußerst populäre Lokalzeit am Samstag, in der alle elf Regionalstudios getrennt voneinander Beiträge gebracht haben.
Später Nachmittag.
19.30 Uhr, für mich eher früher Abend. Und statt elfmal die komplette Infrastruktur einzusetzen, haben wir trotz guter Einzelreichweiten alles zu einer Sendung für Nordrhein-Westfalen zusammengelegt. Mittlerweile wird unser gesamtes Angebot von Audio über Video bis Social Media darauf überprüft, ob Ressourcen und Reichweite, Input und Output in einem konstruktiven Verhältnis stehen. Damit wollen wir das Unternehmensziel erreichen, nicht nur lineare, sondern digitale Heimat im Westen zu sein und neue Zielgruppen zu erreichen. Früher erfolgte diese Steuerung bereichsweise, jetzt aus einem zentralen Cockpit, unserer Angebotssteuerung.
Noch händisch, also von Menschen, oder bereits automatisiert, also mithilfe von KI?
KI kommt auch bei uns an anderen Stellen zum Einsatz, aber Entscheidungen in der Angebotssteuerung werden zum Glück noch von Menschen getroffen.
Die ARD ist nicht nur im nachrichtlichen und dokumentarischen, sondern auch im fiktionalen Bereich die mit Abstand größte Auftraggeberin. Kann sie dieses Niveau aufrechterhalten?
Das sind medienpolitische Entscheidungen, bei denen wieder gilt, was ich bei meiner Rede vor zwei Jahren gesagt habe: Es geht nicht ohne Schmerzen! Wenn der gesellschaftliche Auftrag an uns weniger lautet, wird es weniger geben. Und das würde dann eben auch weniger fiktionale, dokumentarische und journalistische Auftragsproduktionen bedeuten. Darum haben die Produzenten schon in der letzten Beitragsdebatte vor vier Jahren darauf hingewiesen, was das auch für die Produktionsstandorte der einzelnen Bundesländer bedeutet. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Sagt ehrlich, was ihr wollt und was nicht. Ich schaue übrigens gerade die ARD-Serie Der Herr des Geldes…
Ein vierteiliges Biopic über die letzten Tage des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen bis zum Attentat der RAF.
Finde ich fantastisch und es wäre sehr, sehr schade, wenn solch gute Sachen weniger gemacht würden als zuvor.
Aber auch das kann passieren?
Das hat die Gesellschaft zu entscheiden, nicht wir – auch wenn es besonders für unseren Anspruch, experimenteller, jünger, diverser zu werden, wichtig ist.
Wie findet man da die Balance zwischen Mainstream für die Masse und Experimenten für die Nische?
(überlegt lange) Unter anderem dadurch, dass wir uns frühzeitig darauf festgelegt haben, den Fokus klar aufs Digitale zu legen. Wo mehr Experimente – die ich auch aus meinem Intendantentopf zu fördern versuche – möglich sind, programmieren wir digital only beziehungsweise digital first. Gleichzeitig schichten wir aber auch große Batzen Programm so um, dass sie erst in der Mediathek laufen und dann nach einem linearen Sendeplatz gesucht wird.
Muss die ARD mit ihrer gewaltigen Man- und Material-Power digital weniger presseähnlichen Inhalt anbieten oder im Sinne der journalistischen Grundversorgung eigentlich sogar mehr?
Sie steuern mich auf Konfliktfelder, sehr gut! (lacht) Dazu Folgendes: Wir müssen alle im Internet präsent sein, da sind wir uns einig. Die alte Einteilung zwischen Audio und Video auf der einen Seite und Text auf der anderen, ohne Berührungspunkte – diese Welt existiert nicht mehr. Ob Zeitung, Radio, Fernsehen: Alle müssen im Netz präsent sein, wo Informationen ohne Text undenkbar sind. Ich bin auch überzeugt, dass die Herausforderungen der Printbranche nicht geringer wären, wenn wir kaum Text im Internet hätten.
Weil dieses Internet kein Nullsummenspiel ist?
Genau. Das gesamte Geschäftsumfeld der Verlage hat sich so geändert hat, dass sie – vorsichtig formuliert – in keiner allzu beneidenswerten Situation sind. Denken Sie nur ans Anzeigengeschäft. Dennoch haben WDR und ARD großes Interesse an einer starken Presselandschaft, besonders regional. Weite Teile Deutschlands, insbesondere aber Nordrhein-Westfalens, befinden sich immer noch in der komfortablen Lage, ein reichhaltiges Angebot qualitativ hochwertiger Tageszeitungen zu haben, die von lokalen Gemeinde- und Kreistagssitzungen berichten.
Bei presseähnlicher Arbeit der ARD-Homepages allerdings womöglich in Konkurrenz zu gebührenfinanzierter Berichterstattung.
Das sehe ich wie gesagt etwas anders als viele Verleger. Aber ich habe mich trotzdem immer um ein konstruktives Verhältnis bemüht. Beispielsweise indem ich vor Jahren da unilateral aus der ARD ausgeschert und den Text-Anteil des WDR im Internet reduziert habe.
Als Good-Will-Aktion?
Die womöglich dazu beigetragen hat, im Staatsvertrag eine Formel zu finden, den Konflikt zu befrieden. Ich bin wie in jeder guten Beziehung bereit, Kompromisse einzugehen, wenn mein Partner mit meinen Entscheidungen Probleme hat. Zugleich bin ich aber überzeugt, dass unser Text Verlagen nicht schadet, mehr noch: dass er unerlässlich ist. Wir können bei Ereignissen wie dem Anschlag von Solingen im eigenen Sendegebiet doch nicht mit der Berichterstattung warten, bis die ersten Beiträge gedreht sind – so wie es der aktuelle Entwurf vorsieht! Auch Spielergebnisse im Sport müssten wir dem Publikum komplett vorenthalten, wenn wir keine Übertragungsrechte hätten.
Was bedeutet das nun?
Wir sollten nicht Artikelzeichen zählen und mit Sendesekunden abgleichen, aber im Schwerpunkt bild- und ton-, statt textlastig berichten. Der ARD-Vorsitzende Kai Gniffke hat in diesem Zusammenhang das Angebot einer Selbstverpflichtung gemacht, um bestimmte Aspekte genauer zu fassen und damit den Sorgen der Verleger entgegenzukommen. Aber wir können und wollen nicht einfach nur ein Play Button sein. Und wie gesagt: Wir müssen und werden da Kompromisse finden.
Auch, indem Redaktionsverbünde wie der von WDR und NDR mit Süddeutsche Zeitung ausgebaut werden?
Das nimmt in der Tat an einigen Stellen Druck vom Kessel, fügt an anderer Stelle aber neuen hinzu. Printredaktionen, die keine solche Kooperation eingehen, wittern schnell beitragsfinanzierte Vorteile für Konkurrenten wie die Süddeutsche. Ich plädiere hier für mehr Pragmatismus, denn es gibt schlicht nicht die eine, perfekte Antwort auf alle Probleme und Herausforderungen unserer Branche.
Wie lautet die vorläufige Antwort auf den öffentlich-rechtlichen Umgang mit Streamern und Privatsendern: deren Erfolge kopieren oder eigene kreieren?
Hier plädiere ich für Letzteres. Gerade Streamer haben alle ein extrem spitzes Profil, die einen etwa mit Fokus auf Sport, die anderen mit Serien und Filme.
Ein digitales Vollprogramm gibt es bislang nicht.
Exakt. Wir dagegen müssen eines anbieten und darüber hinaus wegen der Altersstruktur unseres Publikums, das immer noch sehr gern linear sieht und hört, mindestens zehn Jahre lang noch alle Abspielwege anbieten. Darüber hinaus müssen wir auf allen Geräten überall und permanent digital abrufbar sein. Dennoch können wir natürlich Teilaspekte der Streamer auf uns übertragen. Wenn ich sehe, dass digitale Serien besser funktionieren als solitäre Filmproduktionen, können und müssen wir davon lernen.
Das Zwischenergebnis eines langen, teils schmerzhaften Lernprozesses ist der Reformstaatsvertrag auf Basis der Empfehlungen des Zukunftsrates, den die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten Ende Oktober verabschieden sollen. Da dieses Heft dann vermutlich schon im Druck ist: Können Sie eine Prognose abgeben, ob am Ende alle glücklich damit sind?
Keine Reform macht alle happy, aber ich finde es beachtenswert, dass die Politik jetzt versucht, ordnungspolitisch klare Vorgaben zu machen und dabei eventuelle Phantomschmerzen in Kauf nimmt. Unsere Rolle ist klar: Wir erfüllen einen gesetzlichen Auftrag. Natürlich können wir Input geben, aber wir sollten nicht verbissen den Status quo verteidigen. Ich jedenfalls werde nicht jammern. Unsere Aufgabe besteht darin, die Konflikte mit Genres, Gewerken, Personal, Interessengruppen so zu managen, dass unser Auftraggeber davon profitiert, nämlich Publikum und Gesellschaft. Der größte mediale, längst überlebenswichtige Kulturwandel meiner Amtszeit besteht schließlich darin, nicht mehr nur auf unseren Anspruch, sondern den der Nutzerinnen und Nutzer zu blicken.
Also nachfrage- statt angebotsorientiertes Programm bieten?
Nicht ausschließlich natürlich, aber größtenteils. Dass die Bevölkerung und ihre gewählten Vertreter das einfordern, ist für uns manchmal einschränkend, aber absolut demokratisch.
Das wäre die politische Basis der öffentlich-rechtlichen Tätigkeit. Was ist mit der finanziellen – rechnen sie gleich nach Ende Ihrer Amtszeit damit, dass die Ministerpräsidenten-Konferenz eine Beitragserhöhung um 58 Cent wie von der KEF empfohlen akzeptiert?
Die KEF-Empfehlung hat eine hohe Verbindlichkeit. Ich gehe davon aus, dass sie wirksam wird. Politisch kommt das Verfahren an seine Grenzen. Es ist schwieriger geworden, dass sich alle 16 Bundesländer im Konsens einigen und alle vier Jahre der KEF-Empfehlung folgen. Diese Herausforderung ist bislang nicht gelöst.
Weshalb das Verfassungsgericht alle vier Jahre ein Machtwort spricht.
Aber das kann ja nicht die Dauerlösung sein.
Der ARD-Gremienvorsitzende Engelbert Günster sagte dazu kürzlich sogar, das nütze nur den Populisten!
Ich finde nicht, dass wir uns von denen abhängig machen sollten, weder in die eine noch in die andere Richtung, weder was Zustimmung noch Ablehnung betrifft. Wir müssen tun, was wir für richtig halten. Punkt.
Dummerweise steht die populistische Ablehnung gerade in mehreren Bundesländern an der Grenze zur politischen Entscheidungsgewalt und könnte den Rundfunkstaatvertrag einseitig kündigen.
Das ist eine hypothetische Frage, weil die Parlamente sich noch in der Mehrheitsfindung befinden. Im Augenblick sieht es nicht so aus, als ob Herr Höcke Ministerpräsident wird. Und damit kann er auch keinen MDR-Staatsvertrag kündigen. Insofern droht das in naher Zukunft nicht.
Umso wichtiger wäre es, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch vertragsrechtlich für die entferntere Zukunft wehrhaft zu machen.
Und da können Sie den Beitrag absenken oder sich programmlich anstrengen, wie Sie wollen – populistisches Anspruchsdenken wird man nie befriedigen, nie befrieden.
Wäre es da nicht umso wichtiger, das Kündigungsrecht der Staatsverträge von der Exekutive auf die Legislative zu übertragen?
Das wäre eine Möglichkeit. Parlamentarismus ist das Herz unserer Demokratie. Bei so grundlegenden Fragen wie der Kündigung von Staatsverträgen sollte es so wenig rein exekutive Entscheidungen wie möglich geben. Aber da befinden wir uns tief im Unterholz juristischer Feinheiten und föderalistischer Fragen. Da müssen Sie Verfassungsrechtler fragen.
Dann können wir ja auf die staatsrechtliche Lichtung gehen und fragen, ob Deutschland ein Mediengesetz wie das europäische braucht oder das Grundgesetz ausreicht?
Ich finde, das Grundgesetz reicht. Auch wenn es gut gemeint war, stecken ja auch im europäischen Media Freedom Act, der alles abzudecken versucht, einige Gefahren, die die Medienvielfalt eher schwächt als stärkt. Unsere Verfassung, insbesondere das Bundesverfassungsgericht, dagegen hat Recht und Gesetz, der Demokratie und Pressefreiheit super gedient – denken Sie nur an die sogenannte Spiegel-Affäre 1962. Und Gerichte haben dabei die richtige Balance zwischen dem Schutz des Einzelnen und dem öffentlichen, also auch staatlichen Interesse gefunden.
Auch da lautet Ihr Credo offenbar inhaltliche statt formeller Auseinandersetzung der Medien mit der Welt, über die sie berichten.
Ja.
Wie viel inhaltliche Haltung ist dabei für eine Nachrichtenredaktion wie ARD aktuell da statthaft, um sich klar etwa gegen rechte Populisten zu positionieren, ohne als voreingenommen und subjektiv zu gelten?
Der digitale Raum vergibt bekanntlich Aufmerksamkeitsprämien für zugespitzte, emotionale, provozierende Bemerkungen, die deutlich leichter Communitys bilden als neutrale, sachliche. Weil wir dieser Versuchung besser nicht erliegen, sollten wir uns als öffentliche, von der Gemeinschaft finanzierte Stiftung verstehen, in der Meinungen erlaubt sind, wenn sie klar als Kommentare gekennzeichnet sind. In toto sollte unser Interesse an Ausgewogenheit und Objektivität immer spürbar bleiben. Und da muss ich dem NDR ein Kompliment machen, der die wertvollste Nachrichtenmarke in Deutschland…
… die Sie als langjähriger Tagesthemen-Anchor ja von innen kennen!
Auch beim WDR sind wir dankbar und wirken gerne daran mit, dass ARD aktuell sowohl formal als auch inhaltlich seit Jahrzehnten als Nachrichtenmarke so gut gepflegt wird in Hamburg.
Seit 40 Jahren sind Sie Teil seiner Familie, davon zwölf als Intendant der größten ARD-Anstalt. Nicht, dass die Welt 1984 oder 2011 viel friedlicher war, aber schon etwas übersichtlicher als heute. Wie lautet Ihr Resümee nach all der öffentlichen-rechtlichen Zeit?
Die Medienwelt hat sich in dieser Zeit komplett geändert. Obwohl es nach einer Binse klingt: Digitalisierung ist eine technische Revolution, wie sie nicht alle 100, sondern eher 500 Jahre vorkommt, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks. Da stecken wir, öffentlich-rechtlich oder kommerziell, alle noch mittendrin. Es erfordert Kraft und Weitsicht, führt zu Konkurrenz und Gereiztheit und geht einher mit einem völlig neuen Verhältnis zwischen Sender und Publikum: Wir senden und andere empfangen…
Was als Instrument zur Meinungsbildung früher Gatekeeping genannt wurde.
… aber so nicht mehr existiert. Heute wollen die Menschen nicht nur zurück zu uns, sondern untereinander senden. Deshalb ist die größte Veränderung unserer disruptiven Zeit das Verschieben der Perspektive zum Nutzer hin. Dass die Kolleginnen und Kollegen beim WDR diesen Perspektivwechsel vollzogen und die Nutzersicht nicht nur eingenommen haben, sondern leben – darauf bin ich wirklich stolz.
Sie trauern der komfortablen, erhabenen Situation, Nutzende bloß versorgen und nicht in jeden Diskurs einbinden zu müssen, gar nicht hinterher?
Nein, denn heute sind Medien einfach demokratischer. Und auch, wenn das Internet in Teilen zu populistischer Sektenbildung geführt hat, trägt es doch auch zum Demokratisierungsschub bei.
Zurück zum Fazit: Sind ARD und WDR in ihrer Existenz, ihrer Relevanz oder nur der Komfortzone gefährdet?
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird in diesem digitalen Jahrhundert weiter eine starke Rolle für unsere Demokratie spielen – als Dienstleister der Gesellschaft über alle Unterschiede und Schranken hinweg.
Sie sind also gar nicht froh, das sinkende Schiff öffentlich-rechtlicher Rundfunk in der Seeschlacht gegen die Freibeuter von Streamingdiensten bis Social Media zu verlassen?
Das Schiff des WDR fährt unter vollen Segeln seinen Kurs, wir sind haushalterisch und programmlich solide aufgestellt, unsere Teams haben den Reformkurs trotz aller Schwierigkeiten mitgemacht und ebenso wichtig: Sie sehen ihn noch lange nicht als vollendet an.
Und da stimmen Ihnen auch jene zu, die Arbeitsbedingungen, Sparzwänge, Gehälter oder im Fall der Freiberuflichen den Mangel an Wertschätzung beklagen?
Veränderungen sind anstrengend und herausfordernd, und ich bin stolz darauf, wie die Kolleginnen und Kollegen sie meistern.
Wie darf man sich angesichts all der Herausforderungen die Stabübergabe an Katrin Vernau vorstellen – gehen Sie mit ihr eine Woche ins Yoga-Retreat und räumen dann dieses große Büro oder wird der Übergang fließend?
Auf jeden Fall fließend! Und dafür hatte ich dem Rundfunkrat drei Pflichten zugesichert, die ich mir selbst auferlegt habe. Die erste liegt in der Vergangenheit und bestand darin, eine starke und heterogene Geschäftsführung aufzubauen. Damit hatte der Rundfunkrat intern schon mal eine Auswahl an starken Führungskräften für eine Nachfolge. Die zweite betrifft meinen Rückzug, den ich mit großem zeitlichem Vorlauf bekanntgegeben habe. Damit hatte der Rundfunkrat genug Zeit, das ganze Wahlverfahren in Ruhe umzusetzen. Meine letzte Pflicht betrifft die letzten Monate, in denen ich alles dafür tue, anstehende Entscheidungen organisch und gemeinschaftlich zu treffen. Deshalb ist Katrin Vernau schon längst in die WDR-Intendanz und ARD-Diskussionen voll eingebunden. Auf der Kommandobrücke gibt es einen guten, vertrauensvollen, harmonischen Übergang.
Sie sagten vorhin, ihr und uns den WDR als gesundes Haus hinterlassen zu wollen. Ungeachtet der Frage, ob das gelingt: Wie hinterlässt dieses Haus denn Sie persönlich?
(lacht) Danke der Fürsorge! Die letzten zwölf Jahre waren die intensivsten meines gesamten Berufslebens, deshalb gehe ich wirklich bereichert von den vielen tollen Begegnungen und Erfahrungen mit verschiedensten, hochinteressanten Themen hier raus. Es ist aber auch mal gut, Abstand zu gewinnen. Die Tage hier sind sehr durchgetaktet. Wenn ich so an mir runterblicke, bin ich daher froh, bald wieder so viel Sport machen zu können, dass ich mich dem körperlichen Zustand, als ich hier angefangen habe, wieder annähere.
Das bezieht sich auf ihr physisch-seelisches Wohlbefinden. Wie verhält es sich mit dem beruflichen – wird es ein wirklicher Ruhestand oder tendieren Sie zum Unruhestand als Medienplayer?
Als Medienmanager definitiv nicht, das Kapitel ist abgeschlossen – zumal ich ja nicht aus der Betriebswirtschaft, sondern dem Journalismus stamme. Und da gibt’s den schönen Satz: Journalist bleibt man immer. Aber wer wie ich nicht langsam ausrollt, sondern bis zum letzten Tag Vollgas fährt, braucht danach erstmal etwas Distanz. Alles andere würde sich ungesund anfühlen. Den Rest wird die Zukunft zeigen.
Sollten Sie darin irgendwann noch mal wieder publizistisch tätig werden – eher in Form einer Reisereportage oder eines Reporter-Ratgebers?
Hajo Friedrichs hat nach seinem Ausscheiden bei den Tagesthemen Tiersendungen gemacht, ich dagegen diesen Intendanten-Job (lacht). Wer weiß…
Gäbe es darin denn irgendetwas zu bereuen – insbesondere in den vergangenen zwölf Jahren als WDR-Intendant?
Nein, mir war von Anfang an bewusst, dass es eine sehr herausfordernde Zeit wird. Es war nicht immer einfach. Aber ich bereue nichts. Weil ich mich auch nie davor gescheut habe, die unbequemen Dinge anzusprechen. Aber zurück zu Ihrer vorherigen Frage: Eigentlich halte ich es mit Ulrich Wilhelm.
Erzählen Sie!
Als der als BR-Intendant aufhörte, haben wir alle geglaubt, er hat schon was Neues in der Pipeline. Als er sagte, dass er erst einmal Abstand brauche, hat das keiner geglaubt. Jetzt glaube ich es ihm. Denn es ist bei mir genauso. Auch ich brauche nun etwas Abstand.
BIO BUHROW
Tom Buhrow, 1958 geboren in Troisdorf bei Köln, beginnt direkt nach seinem Magister in Geschichte und Politikwissenschaft ein Volontariat beim WDR und bleibt dem Sender fast 40 Jahre in wechselnder Position treu. Bundesweit bekannt wird der vorherige Leiter des ARD-Studios Washington 2006, als er von Ulrich Wickert die Tagesthemen übernimmt und im Wechsel mit Anne Will moderiert. Seit Mai 2013 ist der fünffache Vater aus zwei Ehen WDR-Intendant. Die Amtszeit endet am 31. Dezember.
Am 20. Oktober 1974 betrat mit Derrick und Harry (Foto: ZDF) ein Ermittlerduo die TV-Bühne, das zugleich konservativ und modern, viril und träge war. Ein Nachruf zum 50. Geburtstag des deutschen Exportschlagers schlechthin.
Von Jan Freitag
Die Siebziger waren ein komisches Jahrzehnt. Während die Arbeitslosigkeit im Gleichschritt mit Ölpreis, Inflation und Armut galoppierte, während der Watergate-Skandal Richard Nixon stürzte und ein Doppelagent Willy Brandt, während der RAF-Terror die Republik erschütterte und Flensburgs Verkehrskartei ihre Autofahrer, während das Land politisch recht trüber Stimmung war, tauchten es die drei verfügbaren TV-Kanäle zusehends in grellere Farben.
Es gab zwar Monitor, Autorenfilme, den Tatort. Am liebsten aber entkam das Publikum der Realität mit buntem Klamauk zwischen Pauker-Komödie, Klimbim und Hallervorden. So gesehen war der 20. Oktober 1974 um 20.15 Uhr ein bemerkenswerter Moment deutscher Fernsehgeschichte: An einem nasskalten Sonntag vor 50 Jahren betrat Stephan Derrick den Röhrenbildschirm, und zwar nicht im knallgelben Polyesterhemd, sondern beigegrauen Trenchcoat, den er für 24 Jahre nicht mehr auszog.
281 Episoden ermittelte der Oberinspektor Kapitalverbrechen im Münchner Speckgürtel. Bereits die Auftaktfolge Waldweg sahen surreale 31 Millionen Zuschauer. Der Berliner Weltstar Wolfang Kieling ging dort als Frauenmörder so brutal zu Werke, dass eine halbe der 60 Minuten bis heute auf dem Index steht. Wegen solcher Exzesse im Spießerparadies, avancierte die Reihe zum Exportschlager. Von Holland über Japan bis Kuba prägte „Derrick“ in gut 100 Ländern das Bild der Deutschen.
Es war ein Gemälde, wie es nur Herbert Reinecker malen konnte. Bereits zuvor hatte der Drehbuchautor Ludwig Erhards nivellierte Mittelstandsgesellschaft mit kriminalistischen Ablenkungsmanövern à la Edgar Wallace sediert, bevor Der Kommissar Erik Ode ab 1969 ohne englische Romanvorlage auskam. Von dort nahm er fünf Jahre später Fritz Weppers Inspektor Harry Klein mit in Derricks Dezernat und ließ ihn fast 300 Stunden selten relevant zu Wort kommen, aber dekorativ ins Bild rücken.
Stand sein Chef, Baujahr 1923, für preußische Solidität mit einer Prise Ironie, verkörperte der Assistent, Baujahr 1941, jugendlichen Schwung mit 3er-BMW, den Harry, wie Herbert Reinecker betonte, zwar nie „schon mal“ holte; er stand aber für die populäre Mixtur aus Jung und Alt, modern und konservativ, viril und träge, also auf tradierte Art zeitgemäß. Denn so klassisch die Polizeiarbeit mit Fragen nach Alibi („wo waren Sie gegen 22 Uhr?“) und Motiv („Hatte er Feinde?“) vorwärts kroch, so fortschrittlich war der Spannungsaufbau.
Bekamen Derricks Kollegen nämlich Anrufe im Kommissariat, wo sie der nächste Fall wohl hinführt, zeigten Regisseure wie Theodor Grätler (51 Folgen), Helmut Ashley (46), Alfred Vohrer (28) erst lange den Tathergang. Nicht selten, dass der Mörder wie bei Peter Falks Columbo früh bekannt war. Nicht selten auch, dass Derrick erst zur Halbzeit den Tatort betrat, der oft dort lag, wo handelsübliche Krimis bis dato eher Opfer als Täter verortet hatten: im wohlständigen Bürgertum.
Der Trend, Leistungsträgern Schwerkriminalität anzudichten – er fand bei Derrick seinen Ursprung. Den Trend, dass sie von Frauen überführt werden, weniger. Während Sigrid Göhlers Leutnant Arndt 1971 im „Polizeiruf“ ermittelte, dauerte es westlich der Mauer noch sieben Jahre, bis Renate Fröhlich der SOKO 5113 angehörte und Nicole Heesters dem Tatort. Der überzeugte Single Stephan Derrick dagegen duldete bis zum Ende seiner Dienstzeit nur zwei Psychologinnen im Büro, von denen ihm eine (Johann von Koczian) auch emotional näherkam. Ganze drei Folgen. Kein Wunder.
„Wir konnten keine gute Schauspielerin halten, die 20 Jahre zur Verfügung steht, aber kaum etwas zu tun bekommt“, erklärte Herbert Reinecker Derricks Männergesellschaft. Obwohl selbst Hobbyregisseur Horst Tappert elf Fälle inszenieren durfte, gab es bis zum Finale am 16. Oktober 1998 aber auch keine Frau hinter der Kamera und bis auf seltene Ausnahmen allenfalls Täter- oder Opfergattinnen in nennenswerter Rolle. Gleich siebenmal zum Beispiel Evelyn Opela. Dass sie die Frau von Produzent Helmut Ringelmann war, würde die Mainzer Compliance-Abteilung heute vermutlich beanstanden.
In Zeiten des Ost-West-Konflikts jedoch taugte es nicht mal zum Skandal, dass sowohl Reinecker als auch Tappert SS-Mitglieder waren, also selbst Schwerstverbrecher. Ob sich die braune Vergangenheit der Verantwortlichen inhaltlich niederschlug, ist Gegenstand vieler Spekulationen, aber schwer belegbar. Tatsache bleibt, dass Derrick verbissen um Neutralität bemüht war. Die Mordmotive spielten sich gern im Rahmen von Habgier, Eifersucht oder Veranlagungskriminalität ab, etwa beim einzigen Einsatz von Götz George anno 1978 als Gangsterboss.
Wie fast alle Episoden kann man ihn bei Youtube abrufen, wo sich nicht nur ein Sittengemälde bundesdeutscher Ängste, Spleens, Befindlichkeiten voll leichter Mädchen entfaltet, die schon ein bisschen selber schuld sind am Sexualmord gut situierter Herren; man sieht dort auch das Who-is-who der Schauspielbranche. Von Klaus Maria Brandauer bis Inge Meysel, von Armin Müller-Stahl bis Iris Berben, von neunmal Gerd Baltus bis gefühlt fünfzigmal Karin Anselm sind alle, die im goldenen Fernsehzeitalter gut im Geschäft waren, bei „Derrick“ aufgetaucht.
Die „vollkommene Verkörperung von Durchschnittlichkeit, Phlegma und Beamtenkarriere“, wie der Weltliterat Umberto Eco einst urteilte. Umso seltsamer, dass der 50. Geburtstag unterm Radar lief. Weder Derrick-Nacht bei 3sat noch Tappert-Porträt im Zweiten. Mit etwas Fantasie diente nur eine Arte-Doku über die genussfeindlichen Amish als Referenz. Der dunklen Schrankwandatmosphäre am Grünwalder Tatort kommt das näher als jede Jubiläumssendung.
Der Bote war’s, na klar. So ungefähr ließen sich Christian Lindners Aussagen übers D-Day-Desaster der FDP zusammenfassen, die natürlich nichts falsch gemacht, sondern Richtiges nur schlecht kommuniziert habe. Das brachiale Bashing seriös recherchierender Medien von „Frechheit“ (Bijan Djir-Sarai) bis „Lüge“ (Wolfgang Kubicki) allerdings zeugt von einer Pluralismus-Verachtung, die den Verdacht nahelegt, im Hans-Dietrich-Genscher-Haus würde man auch Björn Höcke zum Propagandaminister küren, sofern es dem Machterhalt diente.
Dazu passt, dass die Süddeutsche Zeitung der Partei ihre Informationen übers freiheitlich-liberale Lügengeflecht vorab presseethisch einwandfrei zukommen ließ, was ihr die FDP mit dem nächsten Betrug an Demokratie und Bevölkerung dankte. Statt (zugesagter) Antworten stellte sie die SZ-Infos nämlich selber online und erweckte zulasten einer seriösen Zeitung den verlogenen Eindruck von falscher Transparenz.
Kaum zu glauben, dass man sich angesichts dieser Steilvorlagen in den Sturm der AfD jene Frau zurückwünscht, die letztere erst großmachen half und jetzt ihre Memoiren verkauft. Dass Angela Merkel aktuell nahezu jedem Medium bis runter zur Schülerzeitung superexklusive Interviews darüber gibt, wie makellos ihre Kanzlerschaft 16 Jahre doch war, täuscht allerdings nicht ganz darüber hinweg, dass es darin tatsächlich noch so etwas wie politischen Anstand gab.
Was da noch bleibt? Eskapismus vielleicht… Anspruchsvolleren zum Beispiel mit gutem Fernseh- und Streaming-Programm, das zuletzt deutlich häufiger aus Deutschland kam als ehrliche FDP-Politiker. Nur so ist erklärbar, dass mit Liebeskind und Tommi Katze gleich zwei Serien bei den International Emmys abgeräumt haben. Kurz darauf wurden dann letztmals vorm Umzug nach Weimar 2025 in Baden-Baden die Preise der TeleVisionale vergeben.
Zur besten Serie kürten öffentlich tagende Jurys das RTL+-Ereignis Angemessen Angry mit Marie Bloching als feministische Superheldin auf Rachefeldzug, was der Podcast Och eine nochin seiner neuesten Ausgabe geahnt hatte. Bester Film wurde Karl Markovics ORF-Landkrimi Das Schweigen der Esel. Den MFG-Star erhielt Justine Bauers bäuerliche Milieustudie Milch ins Feuer. Alles verdient – und verblüffend tatortfrei. Weshalb wir mit der Meldung schließen, dass Carlo Ljubek Nachfolger der aktuellen Münchner Kommissare wird
Die Frischwoche
2. – 8. Dezember
Krimis und Thriller, wenngleich ohne Bauern und Esel – davon ist auch das Programm der laufenden Woche voll. Am Dienstag zum Beispiel schickt die HBO-Serie Get Millie Black eine jamaikanische Ermittlerin aus London zurück in ihr Heimatland, wo sie ein vermisstes Mädchen sucht, aber massenhaft eigene Dämonen findet – was an diesem Schauplatz sehr, sehr sehenswert ist.
Freitag mengt die ARD-Serie Passenger eine sechsteilige Portion heiterer Mystery unters Crime-Gefüge, während die kanadische Real-Crime-Fiction-Serie The Sticky bei Amazon Prime in einem wahren Fall von Ahornsirup-Raub festklebt, nachdem sich Keira Knightley tags zuvor in Joe Bartons sechsteiligem Polit-Thriller Black Doves verheddert hat und Daniel Brühl bei der Film-in-Film-Komödie The Franchise (Sky) am Dreh eines Superhelden-Blockbusters verzweifelt.
Ebenfalls Freitag begrüßen wir The Actor Jean Dujardin im Paramount-Original Zorro als Mantel-und-Degen-Held, was wieder ein bisschen nach Kintopp aussieht, aber sehr unterhaltsam ist. Mittwoch eröffnet Neo mit der zwölfteiligen Serie Single Bells aus Belgien dann die Weihnachtssaison. In Die Papiere des Engländers wagt Arte eine Drama-Serie aus Angola, was wirklich kein allzu weitverbreiteter Drehort ist.
Das mit Abstand Beste dieser Woche kommt allerdings vom ZDF, steht bereits in der Mediathek und läuft heute Abend auch im Zweiten: Uncivilized. Unter diesem Hashtag wurde 2022 angeprangert, dass im Zuge des Ukraine-Kriegs eine Zweiklassen-Gesellschaft Geflüchteter entstanden war. Der Filmemacher Bilal Bahadır hat daraus fünf 25-minütige Filme postmigrantischer Einzelschicksale gemacht, die mit zum Besten gehören, was das Fernsehen leisten kann.
Das erste Opfer des Krieges, sagt man, ist die Wahrheit. Was aber, wenn sich diese Wahrheit selber im Krieg befindet? Wenn die Gegner keine feindlichen Mächte sind, sondern belegbare Fakten? Wenn es keine bewaffneten Gegner mehr gibt, sondern informationelle? Dann haben, da machen sich Vernunftbegabte langsam nichts mehr vor, die Populisten – meist rechte – mithilfe propagandistischer Medien von Fox bis X, von Compact bis Bild schon gewonnen. Beinahe zumindest.
Was seriöse Medien gegen die Wahrheitsverachtung ja noch immer in der Redaktionshand haben, ist ihre Beharrlichkeit, einfach weiterzumachen – und sei es mithilfe des Bundesverfassungsgerichts, vor das ARZDF vorigen Dienstag gezogen sind. Da selbst mittige Populisten wie Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff wegen 58 Cent das öffentlich-rechtliche System attackieren, wird die Empfehlung der KEF erneut in Karlsruhe entschieden. Und zwar, daran besteht kaum ein Zweifel, zugunsten der Beitragserhöhung.
Anderes Land, anderer Ansatz: Australien verbietet Jugendlichen unter 16 künftig die Benutzung sozialmedialer Plattformen und Messenger von TikTok bis Telegram. Das kann man als überspitzt empfinden, unzeitgemäß, realitätsblind; es ist allerdings auch ein (wenngleich schwer durchsetzbarer) Hilfeschrei, die informationelle Persönlichkeitsbildung junger Menschen nicht Algorithmen, sondern Menschen zu überlassen.
Idealerweise solchen, die nicht Elon Musk und Pawel Durow heißen oder wahlweise Bryan L. Roberts und Shay Segev, deren Konzerne Comcast und DAZN grad auf die Bundesliga-Rechte bieten, ohne auch nur das geringste Interesse an Sport oder Publikum zu haben. Wobei DFB und DFL womöglich die Sportschau opfern, um dem Fußball das Maximum abzupressen. Als Fan könnte man da durchdrehen. Wenn es nicht bessere Gründe für Wut und Empörung gäbe.
Die Frischwoche
25. November – 1. Dezember
Gewalt gegen Frauen zum Beispiel, der RTL+ ab heute die buchstäblich aufregendste Serie 2024 widmet. In Angemessen angry kriegt das Zimmermädchen Amelie (Marie Bloching) nach einer Vergewaltigung die Superkraft, Männern anzusehen, ob sie sexuell übergriffig sind. Diesen Rachefeldzug inszeniert Elsa van Damke (mit Jana Forkel) als Mischung aus Drama und Groteske, die zwar nicht jeden Fernsehpreis abräumen dürfte, aber müsste.
Wie belanglos, öde, vulgär ist dagegen doch der Versuch, geistig schlichte Benzin-im-Blut-Hammel der Testosterondusche Motorsport zu feiern wie Ayrton Senna in der gleichnamigen Biopic-Lobhudelei, ab Freitag bei Netflix. Ähnlich viel überschüssiges Männerhormon fließt tags drauf auch aus dem Spionage-Thriller The Agency von Paramount+, während die Hauptfigur des vierteiligen Terror-Thrillers Operation Omerta, Montag in der ZDF-Mediathek, immerhin eine schwarze Finnin ist.
Aus dem Nachbarland Schweden kommen ab Donnerstag die sechs Folgen der deprimierenden Fünfzigerjahre-Internatsserie Evil auf Arte. Der Ursprung des dreiteiligen Biopics A Very Royal Scandal zeigt sich indes spätestens beim Verursacher: Es geht ab Sonntag bei Magenta TV um die sexuellen Exzesse von Prinz Andrew. Beischlaf als Business steht dagegen ab Sonntag im Mittelpunkt der ebenso erhellenden wie unterhaltsamen ARD-Doku Let’s talk about porn.
Ebenfalls bemerkenswert: Die eigene Show des Brachialkomikers Chris Tall Chris du das hin?, heute bei Pro7. Staffel 4 der Mockumentary Die Discounter bei Amazon Prime am Mittwoch, die sich leider nur noch um sich selber dreht. Dazu zwei Erinnerungsformate zum 20. Tsunami-Jahrestag, seit voriger Woche in der ZDF-Mediathek oder ab heute bei Disney+. Und nicht zuletzt die sechsteilige Real-Crime-Doku Warum verbrannte Oury Jalloh über den Tod einer PoC in Polizeigewahrsam, Mittwoch in der ARD-Mediathek.
Referenzen mögen ja Orientierung geben, womöglich gar schmeichelhaft sein – aber was bitte soll die Augsburger Gitartenkrach-Band Das Format mit Vergleichsgrößen wie Idles, Die Nerven, Fountaines DC anfangen, außer Messlatten höher zu legen als nötig. Dieses Format, ziemlich noisiger Alternativerock, dem Labels wie Postpunk auch nicht aus der schlechten Laune helfen, ist sein eigenes Referenzgrößen-Irgendwas.
Und das klingt nicht neu, aber schon individuell nach No-Future-Attitüde, wenn sich emotional ergriffene Schredder-Riffs von Sänger Bruno Teschert durch Liebesquälereien wie “Du bist wie Urlaub / Ich will in Ferien / Du hältst dich raus / und ich halte mich aus” drängeln. Bässe wie Bauchweh, stinksaure Drums, alles nicht Idles oder sonstwas, sondern das fatalistische (Über)Lebensgefühl der GenZ in trostloser Zeit.
Das Format – Das Format (paulpaulplatten)
Warhaus
So richtig gut gelaunt klingt auch Balthazar Maarten Devoldere zwei Jahre, nachdem das Solodebüt den Belgier als Warhaus in ein trübe flackerndes Rampenlicht brachte. Aber das täuscht. Wenn er im Opener des Nachfolgers Karaoke Moon von seiner Kindheit singt, klingen Zeilen wie “I can still remember the number they pinned to my shirt / it was a talent show for kids and I was an introvert” zwar bestenfalls melancholisch.
Das liegt allerdings eher an der Stimme als deren Aussage. Denn eigentlich darf der Mann aus Brügge, das man bekanntlich sieht und dann sterben möchte, bester Laune sein. Sein Gesang atmet zwar ein Art-Gainsbourg-Aura, mogelt sich aber so beschwingt unter den sixtieslastigen, elektronisch angehauchten LoFi-Pop hindurch, dass man sich dabei eher am Meer als am Trauern wähnt. Gute Laune muss ja nicht immer auf dicke Hose machen.
Warhaus – Karaoke Moon (Play it Again Sam)
Rogê
Und wem selbst das noch zu subtil amüsiert, kann sich schön auf die Seite unzweideutiger Offenherzigkeit schlagen und das neue Album des brasilianischen Sängers Rogê hören, der vor zwei Jahren die komische Idee hatte, vorm rechtsradikalen Irrsinn seiner Heimat in die USA zu fliehen, wo der rechtsradikale Wahnsinn nun expandiert. Wie gut, dass er sich (und uns) mit Samba-Interpretationen bei Laune hält.
Die Coverversionen seiner Ahnen João Donato and Caetano Veloso, denen er auf Curryman II die Ehre erweist, sind von einer intrinsischen Fröhlichkeit, die niemanden kalt lässt. Ihre Neubearbeitung mithilfe von Drummachine oder Synthesizer untergräbt sie allerdings mit einer eleganten Verschrobenheit, die ungleich tiefer geht als ihre Originale. Trotzdem gut zu tanzen natürlich. Samba eben.
Die griechisch-bayerische Wienerin Adele Neuhauser ist nicht nur als Tatort-Kommissarin seit Jahrzehnten gut im Fernsehgeschäft. Dank ihrer burschikosen Art darf die 65-Jährige jetzt sogar die Transperson des ARD-Dramas Ungeschminkt spielen. Ein Gespräch über Rollenprofile, Vorurteile und mit wem sie sich auf ihre Josefa vorbereitet hat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Neuhauser, Sie spielen in Ungeschminkt eine Frau, die früher als Mann gelesen wurde. Für Leute, die sich mit den Begriffen der Geschlechteridentität nicht auskennen: Welche hat Josefa 25 Jahre, nachdem sie in ihrem Dorf alle nur als Josef kannten?
Adele Neuhauser: Dieselbe wie 25 Jahre zuvor: Josefa ist eine Frau. Transmenschen wechseln durch eine Angleichung ja nicht ihr Geschlecht, sie vervollständigen das, zu dem sie sich in der Regel seit jeher zugehörig fühlen. Weil ihr Umfeld dies allerdings nicht begriffen hätte, hat sie einst Hals über Kopf das Dorf, die Ehefrau, ihr altes Leben verlassen. Deshalb handelt Ungeschminkt auch gar nicht von der Angeleichung an sich, sondern den Verletzungen, die sie ihr und anderen zugefügt hat.
Hat der Film dabei explizites Aufklärungsbedürfnis oder nur Unterhaltungsbedürfnis?
Unbedingt auch ein Aufklärungsbedürfnis. Denn was bei der Thematisierung von Transsexualität oft vergessen wird: dass betroffene Menschen in erster Linie Menschen sind, keine Betroffenen. Trotzdem haben viele Angst vor ihnen. Dabei müssen allenfalls sie Angst vor Menschen haben, die darin irgendeine Art von Norm verletzt sehen und darauf nicht selten mit Aggressivität reagieren.
Umso mehr stellt sich die Frage, an wen genau sich der Film richtet – die Überzeugten, Eingeweihten, persönlich Betroffenen oder die Unkundigen, Schwankenden, Kritischen?
An alle, aber für letztere könnte er heilsame Wirkung haben. Weniger durch meine Figur der Josefa als durch die ihrer Freundin Antonia.
Die ihre Transidentität sehr offen lebt.
Sie erzählt viel mehr über die Aggressivität bis hin zur Gewalt, der Transpersonen ausgesetzt sind. Durch sie lernen wir, dass sich Gesellschaften immer im permanenten Wandel befinden, mit dem wir umgehen müssen – um andere Identitäten zu akzeptieren und mehr Rücksicht auf sie zu nehmen. Denn die sind ja nichts Neues, Modisches, sondern seit jeher Teil der Realität, also normal.
Dabei fällt auf, dass Uli Brée und Dirk Kummer Josefa nicht mit dem Rad ins vegane Restaurant fahren lassen, wie es Transpersonen oft unterstellt wird, sondern mit dem Auto ins Wirtshaus, wo sie zur Überraschung aller Bier und Schweinsbraten bestellt.
Ein toller Kniff, wie ich finde. Normalität ist schließlich das, was Menschen sind und machen, nicht das, was andere von ihnen erwarten. Diese Normalität zeigt sich ja auch darin, dass sie mit einem Mann – toll gespielt von Matthias Matschke – verheiratet ist, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend läuft, und Toleranz einfordert.
Der Film fordert eigentlich im Gegenteil eher Toleranz für die Intoleranten ein, oder?
Ja. Obwohl es das nicht besser macht, wenn Josefas bester Freund von früher sagt, es sei fast schon eine Mode, sich umoperieren zu lassen. Dieser flapsige Umgang mit der Persönlichkeit anderer verdient gewiss keine Toleranz, wohl aber die Unsicherheit vieler im Umgang mit gesellschaftlichem Wandel, der selbst tolerante Menschen manchmal intolerant macht. Denn die Gewöhnung an Veränderungen ist Ergebnis langer Übung. Umso intensiver habe ich mich auf diese Herausforderung vorbereitet, um ihr für alle Seiten gerecht zu werden.
Wodurch zum Beispiel?
Indem ich Dokumentationen geschaut oder Fachliteratur und Interviews gelesen habe. Um die medizinischen Aspekte der Geschlechtsumwandlung zu verstehen. Außerdem habe ich natürlich Transpersonen gesprochen.
Auch aus dem eigenen Umfeld?
Ja, ich konnte Gott sei Dank zwei, die ich gut kenne, intensiv befragen. Dennoch habe ich in meiner Darstellung bewusst darauf verzichtet, dem Publikum zu viele Vorgaben zu machen.
Ist die Geschichte eigentlich zu Ihnen gekommen oder sind Sie es zur Geschichte?
Claudia Simionescu, Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk, die mit Faltenfrei bereits einen anderen Film von Uli Brée für mich und mit mir entwickelt hatte, wollte wieder was mit mir machen und hat sich frühzeitig auf diese Idee von Uli eingelassen.
Dachten Sie beim Lesen des Drehbuchs, na toll – jetzt muss die burschikose Adele Neuhauser mit der dunklen Stimme so eine Rolle spielen, keine Person, die wirklich trans ist wie die Darstellerin von Josefas Freundin Antonia?
Na, dafür bin ich ja Schauspielerin. Und hier habe ich zudem betroffene Menschen gefragt, ob es für sie in Ordnung sei, dass ich Josefa spiele.
Mit kultureller Aneignung, in ihrer extremem Ausprägung Blackfacing höchst umstritten, haben Sie also kein Problem?
Überhaupt nicht! Ich nähere mich jeder Rolle mit demselben Respekt, der gleichen Recherche, und habe auch bei der hier jeder Hysterie oder Überspitzung enthalten. Ich fühle mich durch solche Rollen eher herausgefordert als unbefugt.
Hat es Ihnen dabei geholfen, das Landleben aus persönlicher Erfahrung zu kennen, also das Umfeld derer, die mit Veränderungen ein bisschen überforderter sind?
Da ich lange im oberbayerischen Klosterdorf Pollingen gelebt habe, wo auch mein Sohn zur Welt gekommen ist, ist mir das überhaupt nicht fremd. Obwohl ich solche Situationen dort nie erlebt habe, fällt es mir aber nicht schwer, mich in sie hineinzufühlen. Auch, weil das Drehbuch sehr gefühlvoll und empathisch geschrieben wurde.
Könnte Josefa Ungeschminkt in den Kursen zur Transidentität also bedenkenlos als Anschauungsmaterial nutzen, die sie im Film gibt?
Ich finde sogar, er sollte permanent im Kino laufen!
Die Säulen der Demokratie werden viele wohl erst vermissen, wenn sie eingerissen sind. Eine besonders wichtige davon: unabhängige, pluralistische, objektive, sachorientierte Medien. Wie die Süddeutsche Zeitung. In der hat ein fünfköpfiges Team heute veröffentlicht, was es übers Ampel-Aus herausgefunden hat: Dass es die FDP-Spitze offenbar akribisch vorbereitet hatte, sich nun aber als Opfer darstellt.
Wer künftig an der Wahlurne steht, könnte auf Basis solcher Erkenntnisse also darüber nachdenken, für eine Partei zu stimmen, die aus reinem Eigensinn ins Innere intrigiert. Wenn er (m/w/d) denn künftig überhaupt noch die Wahl an der Urne hat – was in den USA, dessen nächster Präsident den Fox-News-Hetzer Pete Hegseth zum Verteidigungsminister machen will und den Klimawandel-Leugner Chris Wright zum Energieminister, den Verschwörungsmystiker Matt Gaetz zum Justizminister und den Impfgegner Robert F. Kennedy Jr. zum Gesundheitsminister.
Im Vergleich zu solchen Ressort-Dilettanten wäre Elon Musk als Effizienz-Berater geradezu überqualifiziert. Wobei Qualifikation für öffentliche Aufgaben offenbar ohnehin überschätzt wird. In Argentinien zum Beispiel lief der Influencer Ivan „Spreen“ Buhajeruk nur deshalb beim Erstliga-Spiel von Deportivo Riestra auf, weil er bei Twitch und Youtube zusammen auf 17 Millionen Follower kommt – und wurde exakt deshalb auch nach einer Minute ausgewechselt.
Sportlich bedeutender ist dagegen der boxende Youtuber Jake Paul, dem 20,8 Millionen Fans fast acht Milliarden Clicks beschert haben. Grund genug, dass der 58-jährige Mike Tyson Freitagnacht für kolportierte 20 Millionen Dollar live bei Netflix gegen den MAGA-Fan gekämpft – und sehr, sehr deutlich verloren – hat. Das hat auch Facebook in einem spektakulären Fall von Datendiebstahl vorm Bundegerichtshof.
Deutsche Opfer der weltweit mehr als einer halben Milliarde Betroffenen aus dem Jahr 2021 hätten zwar vermutlich nur Anspruch auf niedrige dreistellige Summen. Zum einen aber kommt auch dabei einiges zusammen. Zum anderen macht so ein Urteil international womöglich Schule. Wobei: in den USA müsste Mark Zuckerberg sich nur auf Donald Trumps Seite schlagen und, sagen wir: Familienminister werden; dann wäre er alle Sorgen los.
Die Frischwoche
18. – 24. November
Ein Zustand, von dem Birgit und Horst Lohmeyer nur träumen. Wer sie nicht kennt: so heißen zwei Unbeugsame, die sich der braunen Mehrheit um den zigfach vorbestraften Hammerskin Sven Krüger im nahezu national befreiten Nazi-Dorf Jamel seit 2007 mit einem Musikfestival entgegenstellen. In der ARD-Mediathek porträtiert Martin Groß die zwei Veranstalter, ihre Crew und teilnehmende Stars von Deichkind über Toten Hosen und Ärzte bis hin zu Herbert Grönemeyer, und das ist zwar oft schwer erträglich, aber höchst erbaulich.
Beides trifft in dieser Kombination auch auf die Netflix-Doku Unsere Ozeane zu, in der Barack Obama als Host ebenso schöne wie bedrückende Bilder präsentiert. Und Sonntag gilt es für den beeindruckenden ARD-Film Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush über die Mutter der deutschen Guantanamo-Geisel Murat Kurnaz. Was sonst noch so läuft? Am bildgewaltigsten natürlich Dune: Prophecy.
Das Serien-Prequel setzt 10.000 Jahre früher an als die wuchtigen Kino-Blockbuster, hat ab Montag bei Sky allerdings eher Eye-Candy als dramaturgische Neuerungen zu bieten. Ähnliches gilt vermutlich auch für die Staffel 2 der Kaiserin Sissi, Freitag bei Netflix. Konventionelle, aber keinesfalls schlechte Nordic-Noir bietet parallel die schwedische ARD-Serie Veronika um eine Provinzpolizistin, deren Fälle sich zu einer mysteriösen Reise in die Geschichte verknüpfen.
Ebenfalls erwähnenswert ist Montag bei Disney+ die berauschende Dramaserie Landman mit Billy Bob Thornton als texanischer Krisenmanager im Ölgewerbe, worin seit Dallas nun mal brachiale Machtspiele wie dieses stattfinden. Tags drauf an selber Stelle: die Romanverfilmung Interior Chinatown, zehnteiliger Comedy-Thriller um einen Mord und seine Folgen im chinesischen Amerika. Und Freitag bei AppleTV+: Steve McQeens Historiendrama Blitz um einen Londoner Jungen in den Wirren des 2. Weltkriegs.
Singer/Songwriting aka Liedermachen – schwieriges Terrain. Allzu oft gehen mit jungen Männern dabei die white tears durch und zwingen uns zur Anteilnahme. Meist nervt das, bei Toni Kater strahlt es. Auch, weil es gar kein Mann ist, sondern Anett Ecklebe, die seit 20 Jahren unterm Radar der Öffentlichkeit singt, was weder Radar noch Öffentlichkeit schmeichelt. Denn ihr achtes Album ist wie die sieben zuvor ein umwerfendes Plädoyer fürs Überwältigungsunderstatement.
Wenn sie im zweiten Track übers Scheitern an Bürokratie, Alltag, sich selbst zehnmal Fuck you singt und ein episches Fu-u-u-u-u-u-u-uuuck obendrauf setzt, ist alles über uns und die Welt da draußen gesagt – nur hier eben mit einer wundervoll zerkratzten Gitarre und Toni Katers lieblichem Trotz in der Stimme, dem man sich zwölf seelenschwarzen, hoffnungsfrohen, selbstverlegten Singer/Songwritings nicht entziehen kann.
Toni Kater – Jemals (Toni Kater Records)
Warmduscher
Gut anderthalb Jahre sind vergangen, furchtbare 19 Monate, seit Warmduscher ein Album veröffentlicht haben. Und wer das neue hört, darf sagen: es war viel zu lang, es ist wunderbar! Denn erneut zerdeppern Clams Baker Jr., Benjamin Romans Hopcraft, Adam J. Harmer, Marley Mackey, Quinn Whalley, Bleu Ottis Wright in ihrer bizarren Mischung, die man am ehesten vielleicht als Swimmingpool-Noise bezeichnen könnte, alle Kategorien und ein paar darüber hinaus.
Elf tiefenentspannt hektische Tracks für sedierte Zitteraale, passt hier oft ohrenscheinlich nichts zusammen und bleibt doch seltsam kongruent, ja zwingend. Denn psychedelischer Trashpop gibt theatralischem Punkwave hier elektrisch geladene Klinken in die Hand, hinter deren Tür nur immer neue Türen ins Unterbewusstsein verschrobener Bigband-HipHop-Speedfolk-Bedroom-Metal Parodien führen. Verstörend. Und grandios.
Too Cold to Hold (Strap Originals)
Homer & Fazerdaze
Und damit zu zwei Platten, die dem Begriff der Harmonie unabhängig voneinander ungeahnte Facetten verleihen. Der Schlagzeugvirtuose Homer Steinweiss definiert auf seinem Solo-Debüt Ensatina (Big Crown Records) die Grenzen, vor allem aber Stichwege von Soul, Pop und HipHop neu aus und klingt dabei dank seiner Engelsstimme der Earthgang auf einer Überdosis Andersen .paak, also einfach hingebungsvoll toll.
Amelia Murrey alias Fazerdaze hat uns seit Morningside ewig zappeln lassen. Volle sieben Jahre, also fast dreieinhalb quälende Minuten, danach ist jetzt Soft Power (Partisan Records) erschienen und macht ihrem Titel alle Ehre. Denn wie damals singt sie ihren Westcoast-Pop durch Wände aus Watte ins Gemüt und klingt dabei nach Lust auf Chillen oder doch lieber Feiern, also Feierchillen, falls das geht. Und ja: es geht!
Mit Büchern wurde sie bekannt, mit Else Stratmann berühmt – jetzt hat Elke Heidenreich (Foto: Leonie von Kleist) ein furioses Buch übers Altern geschrieben und beim 10. Sylter Literaturwochenende vorgestellt. Ein Festival, das die 81-Jährige gegründet hat, um den November aufzuhellen. Ein Gespräch übers politische Lesen, Atmen als Therapie und warum sie 105 werden sollte.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Heidenreich, Donald Trump wurde grad wiedergewählt, die rot-gelb-grüne Koalition ist geplatzt – merkwürdiger Zeitpunkt für ein Literaturfestival, oder?
Elke Heidenreich: Das weiß man ein Jahr vorher, wenn die Planungen für so ein Festival beginnen, noch nicht. Komisch ist daher zunächst der terminliche Zeitpunkt, an dem ich gleich aus meinem Buch lese. Normalerweise findet so was abends statt, jetzt morgens. Sylt hat halt seine eigenen Gesetze. Aber vielleicht ist der politische Zeitpunkt auch perfekt, um der Welt zu zeigen, dass Literatur, Kultur, Kunst trotz der Wahl und dem Zusammenbruch der Bundesregierung eine Rolle spielen. Aber wissen, Sie, warum es noch ein sehr seltsamer Termin ist?
Na?
Weil er in der Kirche stattfindet, wo auch Christian Lindner geheiratet hatte. Wünschen wir ihm mal, dass seine Ehe länger hält als seine Regierung. Ansonsten geht mein normales Leben aber einfach weiter. Und auch die Leute, die vor der Kirche Schlange stehen, wollen offenbar für eine Stunde an was anderes denken.
Wobei Literatur ja nicht nur der Ablenkung dient, sondern auch der Konfrontation.
Natürlich. Durch die Jahrhunderte hindurch wurden immer zuerst Dichter, Sänger, Schriftsteller in die Gefängnisse der Potentaten gesteckt und mundtot gemacht. In Chile brach man Victor Jara die Hände, damit er keine Protestlieder gegen Pinochet spielen konnte. Das zeigt, wie groß die Angst der Tyrannei vor den Wahrheiten der Kunst ist. Obwohl wir – so sehr darin alles grad drunter und drüber geht – in einer funktionsfähigen Demokratie leben, sollten wir uns dessen immer bewusst sein.
Hatten Sie im halben Jahrhundert, das Sie bereits im Literaturbetrieb stecken, immer dieses Sendungsbewusstsein?
Ganz sicher. Aber nicht nur, weil es zur Literatur gehört, sondern mir selber wichtig war. Deswegen war ich über die Jahrzehnte hinweg fast missionarisch, die Leute ans Lesen zu bringen, um sich den Problemen der Realität zu stellen – ob Liebe, Krankheit, Politik oder wie in meinem neuen Buch: das Altern. Literatur kann da nicht nur Denkimpulse geben, sondern tröstlich sein und demütig machen, Teil einer Demokratie zu sein, in der alle sagen dürfen, was sie denken.
Bezogen aufs Altern schreiben Sie dazu: Man sollte einfach atmen und dankbar sein.
Also nicht nur jammern, sondern weiterleben. Altern ist ein Geschenk. Das Geschenk, leben zu dürfen.
Darf man das Altern trotzdem auch ätzend finden?
Klar, aber ich fand Jugend ätzender. Ich bin ein sehr glücklicher 81-jähriger Mensch. Mit 20 war ich als ketterauchendes Kind von Nazi-Eltern, das von Lehrern ständig Prügel bezogen und im Studium ein möbliertes Zimmer, anstatt ein Zuhause hatte, viel unglücklicher. Heute denke ich an jedem neuen Tag: Was tun wir Schönes?
Zum Beispiel auf dem Langen Literaturwochenende Sylter Privathotels lesen, dass Sie vor zehn Jahren mitbegründet haben. Ist das eher Eskapismus oder Konfrontation?
Eine Mischung. Mit Arno Geiger oder Giovanni di Lorenzo sind ja sehr politische Gäste dabei. Aber wir wollen ja nicht unentwegt belehrt, sondern auch gut unterhalten werden. Ablenkung ist wichtig. Beides schafft dieses Festival auch, um zu zeigen, dass Sylt mehr als Sommerfrische und Weihnachtszauber bietet. Die Leute kommen Anfang November teilweise von weit her, die Lesungen sind voll, die Hotels ausgebucht. Der Bedarf ist da.
Sind Sie selber denn eher Typ Sommerfrische oder Herbstnebel?
Herbstnebel, unbedingt. Die Jahreszeit, die ich am meisten verabscheue, ist der Sommer: zu heiß, zu aufdringlich, zu nackt, überhaupt nicht mein Ding. Im Frühling mühe ich mich oft vergeblich, mit ihm um die Wette zu sprießen. Aber im Herbst, wenn oben die Kraniche ziehen und unten der Nebel steht, bin ich glücklich.
Unglücklich macht Sie hingegen der aktuelle Umgang mit der deutschen Sprache.
Oh ja.
Von Korrekturen alter Werke wie dem Negerkönig bei Pipi Langstrumpf halten Sie nichts?
Oder der Oberindianer bei Udo Lindenberg. Das macht mich nicht nur unglücklich, sondern empört. Ich finde, das ist Schwachsinn. So wie man die Musik von Wagner nicht ändert, hat man auch nicht in Literatur herumzupfuschen. Und das Gendern hasse ich sogar noch mehr, das werde ich niemals tun.
Viele empfinden es als Respekt vor der menschlichen Diversität.
Also ich möchte mich durch *innen ebenso wie Susan Sontag nicht aufs Mädchen in mir reduzieren lassen. Ich bin Autor, verdammt noch mal. Ich bin Schriftsteller. Wenn andere das machen, akzeptiere es, nehme mir aber das Recht heraus, es scheußlich zu finden.
Weil es elitär ist?
Nein, aufgeblasen und dumm.
Sie selbst waren, als Ihre Kunstfigur Else Stratmann Teil der Popkultur wurde, so etwas wie der kleinbürgerliche Haken im hochkulturellen Feuilleton.
Was aber auch nur deshalb so gut funktioniert hat, weil ich bereits Teil dieser Hochkultur war. Ich hatte als Germanistin an Kindlers Literaturlexikon mitgearbeitet, gehörte aber auch zu den Gründungsmitgliedern der Popwelle SWF3, um die jungen Leute fürs Radio zu kapern. Dafür haben wir uns irgendwann Kunstfiguren ausgedacht. Michael Bollinger zum Beispiel Gotthilf Penibel und ich als Kind aus dem Ruhrgebiet eben die Else Stratmann.
Die mit Kissen unterm Bauch durchs Fenster das Leben erklärt.
Und zwar alles daran, von Königshäuser bis Relativitätstheorie. Hat mir Riesenspaß gemacht. Aber als sie zweimal die olympischen Spiele kommentiert hatte, ist sie mir über den Kopf gewachsen und hat alles andere überlagert. Außerdem wollte ich schreiben, und zwar als Elke, nicht Else. Seitdem habe ich die nie mehr gespielt.
Und was sind Sie seitdem?
Ein Autor, der Bücher, Essays, Kritiken schreibt, Mitglied im Schweizer Literaturclub und aktuell sehr viel mit meinem Buch „Altern“ unterwegs.
Was Sie offenbar vor allem sind: noch längst nicht fertig!
Darüber denke ich wirklich nicht nach. Man kann mit 27 sterben oder mit 85, was in meinem Alter etwas näher liegt. Aber vielleicht werde ich ja wie eine gute Freundin 105. Und solange man in der Welt ist, sagt der 90-jährige Cees Noteboom, nimmt man daran auch teil.
In der ARD-Satire Bad Influencer kämpfen ein misogyner Macker und sein feministisches Opfer acht Teile darum, wer die meisten Follower findet. Das ist manchmal drüber, aber vor allem dank Lia von Blarer auf amüsante Art wahrhaftig.
Von Jan Freitag
Die Herren der Schöpfung haben über deren angeblich bessere Hälfte oft schlichtere Ansichten. „Frauen wollen Jäger“, glaubt ein misogynes Prachtexemplar mit offenem Hend unterm Dreitagebart, „das liegt in ihrer Biologie“. Als passionierter Waidmann ist Pascal deshalb auf der Jagd – und hat gerade „Nummer 5 von 7“ erlegt, wie er nach dem Sex mit Donna in sein Smartphone hechelt. Pascal ist nämlich nicht nur ihr One-Night-Stand, sondern ein Pickup-Artist. Frauen flachzulegen betrachtet er als Sport.
Weil dieser hier allerdings nicht nur ein sexistisches Arschloch ist, sondern genau damit Millionen Follower erreicht, darf man pascal_pickup101 getrost einen Bad Influencer nennen. So betitelt die ARD-Mediathek acht Episoden einer bermerkenswerten Satire. Wobei es darin weniger um ihn als Nr. 5 von 7 geht. Dank der gestreamten Demütigung plus anschließendem Shitstorm verspricht Donna ihrer Web-Community nämlich, in vier Wochen „mehr Follower*innen als dieser Dummschwanz“ zu haben.
Nach eigenen Drehbüchern (mit Anika Soisson) inszeniert Lilli Tautfest (mit Melanie Waelde) also einen Wettstreit geschlechtsspezifischer Ideologien. Hier der toxische Macho, da die burschikose Feministin, dazwischen ihre nonbinäre Mitbewohnerin Milou (Salome Kießling) – alles wie im Glossar genretypischer Klischees, also ein bisschen wohlfeil. Wäre nicht das Personal, allen voran Lia von Blarer. Die Schweizerin verpasst ihrer Figur eine Art achselhaariger Wut, der man jedes noch so derbe Kampfgetöse abkauft.
Wenn sich Donna AngryKillJoyFeminist nennt und „Femi-Fotze“ aufs T-Shirt druckt. Wenn sie einem sexuell übergriffigen Gast im Edelrestaurant Schampus über den Kopf gießt (und dafür rausfliegt, nicht er) oder „verfickte Dic-Pics“ grölt (und dafür mehr Likes als Hates erntet). Wenn Blarer ihren Zorn in die Klaviatur ihrer virtuosen Mimik speist. Dann werden ein paar drollige Übertreibungen nicht nur plausibler; sie lenken das Format in einen neuen, aber anschwellenden Zufluss des Fernsehmainstreams.
Wie zuvor Karin Hanczewski in Lilli Tautfests Knastausbrecherinnen-Groteske „Heul doch!“, wie demnächst Marie Blochin in Elsa von Damkes Superheldinnen-Satire „Angemessen Angry“, wie unterdessen Laura Tonke in Ulrike Koflers Vergewaltigerinnen-Parodie „Sexuell verfügbar“, dreht Donna den Spieß um und wird vom Objekt zum Subjekt jahrhundertealter Erniedrigung. Zum Glück aber bleibt es nicht bei einer saftigen Selbstermächtigungsstudie. Schließlich wird das anfängliche Opfer mit jeder 20-minütigen Folge mehr ihrerseits zum „Bad Influencer“.
Auch hier ist es drüber, wenn sich im Gym von Donnas Ex und Manager Rico (absolut hinreißend: Nils Hohenövel) alle beim Workout filmen oder die Influencerin in spe für billige Clicks sexpositive Pornoszenen dreht. Aber natürlich dürfen Comedys im Hamsterrad der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie die Kritik daran aufbauschen. Doch eben das tut Tautfest in einer Weise, die sich auf amüsante Art wahrhaftig vom Durchschnitt deutscher Lifestyle-Karikaturen abhebt.
Außerdem verdeutlicht erst die Kombination aus Gesellschafts- und Medienkritik, wie perfide Selbst- und Fremdausbeutungsmechanik 2024 wirken. „So schmeckt also Fame“, sagt Donna beim ersten Schluck aus der Pulle Perlwein, die ihr neuer Ruhm ins Haus gebracht hat. Am Ende der 3. Folge hat er ihre Community auf 317.167 Follower geschraubt. Dreihundertmal mehr als vorm Kräftemessen mit Pascal. Bis zu seinen 1,5 Millionen Fans hat sie da noch fünf Folgen Zeit. Man sollte sie besser nicht verpassen.