Heike Makatsch: Where’s Wanda
Posted: October 4, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentQuereinsteigerin von wo?!

Drei Jahrzehnte nach Viva dreht Heike Makatsch längst alles. Jetzt etwa die drollig-verzweifelte Mutter in Where’s Wanda, der ersten deutschen Serie bei AppleTV+. Ein Gespräch über vermisste Töchter, überwachte Häuser und ihre Moral von der Geschicht.
Von Jan Freita
freitagsmedien: Frau Makatsch, in Where’s Wanda verwanzt Ihre Carlotta die halbe Stadt und dringt sie tief ins Privatleben Unbeteiligter ein. Heiligt der Zweck, die vermisste Tochter finden zu wollen, aus Ihrer Sicht die Mittel?
Heike Makatsch: Das muss natürlich jeder für sich entscheiden. Ich kann jedoch verstehen, dass Familie Klatt sich an jeden Strohhalm klammert – angesichts der Notsituation, dass die eigene Tochter verschwunden ist und die Polizei die Suche nach ihr aufgegeben hat. Auch, wenn es am Ende reiner Aktionismus ist, um irgendwie nicht die Hoffnung zu verlieren. Deshalb kann ich es menschlich gut nachvollziehen. Ist für Sie da die rote Linie schon überschritten?
Absolut. Zumal es die aktuell sehr hitzig geführte Diskussion berührt, wie viel unserer Privatsphäre wir für vermeintliche oder tatsächliche Sicherheit zu opfern bereit sind.
Ich denke, dass kann man schwer vergleichen. Im Fall der Familie Klatt kommt ja dazu, dass die Beobachteten ihre Privatsphäre nicht freiwillig opfern und zu keiner Zeit das Gegenteil suggeriert wird. Die Überwachung wird stets als illegal und noch nicht einmal als zielführend dargestellt. Von daher hinkt der Überwachungsstaatenvergleich. Mir persönlich ist jedenfalls gesellschaftspolitisch sicher nicht jedes Mittel recht, um vermeintliche Sicherheit zu erlangen. Denn daraus entwickelt die Gesellschaft eine Atmosphäre des Misstrauens, der Unfreiheit, also dem genauen Gegenteil von Sicherheit.
Entsteht dieses Verständnis für Carlottas Situation auch aus der Perspektive einer Mutter mit drei eigenen Töchtern?
Ich schaue auf jede meiner Rollen nicht nur als Schauspielerin, sondern als Mensch mit einer gewissen Erfahrung, der zum Verständnis all seiner Figuren in die eigenen Ängste, Trigger, Abgründe schaut, um sie daraus zu speisen. Insofern blicke ich nicht nur theoretisch auf Carlottas Situation bei Where’s Wanda, sondern auch ganz praktisch und emotional, als Heike.
Glauben Sie, dass die Verantwortlichen mit der Serie ein Statement für oder gegen diese Überwachung abliefern, oder bleibt sie am Ende reines Entertainment?
Ich kann für die Verantwortlichen der Serie nicht sprechen, aber uns allen gemeinsam war wichtig, verzweifelte Menschen in der bizarren Extremsituation zu beobachten, die ebenso planlos wie akribisch der Idee nachzugehen, ihre Tochter wiederzufinden. Und ohne jetzt spoilern zu wollen: richtig viel trägt die Überwachung am Ende zur Auflösung gar nicht bei. Die Moral von der Geschicht‘ ist also definitiv nicht, dass uns weniger passiert und wir endlich in Sicherheit leben, wenn wir alle verwanzt werden.
Aber Sie suchen offenbar schon die Moral von der Geschicht‘?
Klar mache ich mir Gedanken darüber, was erzählt wird. Natürlich ist auch in einer Serie letztlich alles politisch und transportiert dabei vielleicht keine Message, trägt aber irgendwie bei zum gesellschaftlichen Klima und deren Sichtweisen.
Oder kommentiert beides unterschwellig.
Zum Beispiel. Von daher achte ich schon darauf, was meine Geschichten erzählen – in diesem Fall übrigens weniger von Überwachung, als von dem System Familie und wie es durch Einflüsse von außen und innere Verlustängste aus den Fugen geraten kann, wie eigentlich sehr konventionelle Persönlichkeiten plötzlich Lügner oder Kontrollfreaks werden und ihr zweites Kind vernachlässigen, um das erste zurückzugewinnen.
Und die Moral von der Geschicht‘ ist nun?
Dass Familienzusammenhalt am Schluss stärker ist und niemand ein schlechter Mensch, nur weil er oder sie dunkle Geheimnisse hat. Was ich an dieser Serie so sehr mag, ist dass sie darüber nicht urteilt und anerkennt, dass wir alle so gut es uns gelingt mit dem Leben ringen. Manchmal geht dann eben auch etwas schief.
War das der Grund, warum Sie die Serie gemacht haben?
Darum und wegen ihrer Vielschichtigkeit, der Spannung, dem Genremix, meiner Figur darin. Und ganz wichtig: dass bei allem Slapstick das Drama nie aus dem Fokus gerät. Für mich ist das Unterhaltung auf höchstem Level mit Liebe zu Figuren, die nicht perfekt sein müssen.
Und das, in Ihrer ersten Arbeit für einen Streamingdienst.
Es ist zumindest die bislang größte für einen Streamer.
Wenn Sie es mit Serien für andere Plattformen vergleichen – bei RTL+ zuletzt Herzogpark oder für die ARD Zero: Arbeiten reine Streamer wie Apple TV+ anders als private oder öffentlich-rechtliche Sender?
Der Unterschied zwischen Serie und 90-Minüter besteht erst einmal darin, dass der erzählerische Bogen ein sehr viel größerer ist. Aber spielst du mit deinem Kollegen erst einmal deine Szene, ist es am Ende des Tages überall gleich – egal, ob Streamer, Sender, Serie, Film. Natürlich kommt es auch auf die Zahl der Drehtage im Rahmen des Budgets an oder wie preisgekrönt Kollegen, Regie, Autoren sind. Aber man will überall gleichermaßen die Wahrhaftigkeit der Essenz, die du aus deiner Figur gewonnen hast, einfließen lassen.
Mit dieser hier waren jetzt Ihre letzten fünf, sechs Produktionen keine linearen mehr, sondern allesamt digitale, und den Freiburger Tatort haben Sie auch beendet…
Na ja, den hat der Freiburger Tatort beendet…
Aber täuscht der Eindruck, Sie verlassen grad das sinkende Schiff öffentlich-rechtlicher Rundfunk?
Ich würd’s gerne so sehen (lacht). Aber das klänge, als könnte ich ständig die Drehbücher toller Projekte in die Ecke pfeffern, weil mir der Kanal nicht passt. Wo etwas läuft, ist für mich daher zunächst mal kein Entscheidungskriterium. Obwohl ich die Königsdisziplin Kino zugegeben immer noch am meisten liebe, ist für mich am wichtigsten, ob die Geschichte gut ist und zu mir passt. Als ich dort letztens für Bibi Blocksberg die böse Hexe gespielt habe, kam daher alles zusammen.
Was abermals zeigt, dass Ihr Repertoire für eine Quereinsteigerin erstaunlich breit ist…
Quereinsteigerin? Nach 30 Jahren? Quereinsteigerin von wo?!
Keine Sorge, ich komme nicht auf Viva zu sprechen. Aber gelernt haben Sie den Schauspielberuf nicht!
Der aber ja ein kreativer ist. Meine Ausbildung habe ich durch viel Erfahrung erlangt.
Gibt es da eine, die Ihnen noch fehlt, wo Sie mittlerweile bereits böse Hexen spielen?
Eine Erfahrung? Bestimmt. Und ich bin gespannt, was da noch alles kommt.
Sonst haben Sie keine Agenda?
Nur die, mit dem übereinzustimmen, was ich drehe. Ich habe einen starken inneren Kompass.
Treutlers Phoenix & Zweiflers Preise
Posted: September 30, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
23. – 29. September
Deutschland hat im Lauf der Nachkriegsgeschichte Fernsehfiguren der skurrilsten Art hervorgebracht. Dittsche und Atze, Hallervorden oder Feddersen, Ekel Alfred und Ina Müller, Dieter Bohlen oder Trude Herr und jetzt ganz neu, quasi alles in einer einzigen Fernsehfigur: Jürgen Treutler. Wer bisher nicht wusste, wo Phoenix auf der Fernbedienung ist, dürfte es nun nie wieder vergessen, seit der kurzzeitige Alterspräsident des Magdeburger Landtag auf dem Nischenkanal gute vier Stunden für beste Unterhaltung sorgte.
Nicht missverstehen bitte: Was der geistig schlichte Politiklandser dort am Donnerstag zur Aufführung brachte, war mit Parlamentsverachtung noch einigermaßen mild umschrieben. Es hat aber auch gezeigt, dass Pluralismus absolut entertainmenttauglich ist, sofern es den Protagonist*innen von der AfD abgesehen von rassistischer Demokratiezerstörung ausnahmslos um eben genau das geht: Entertainment.
Wer es allerdings lieber ohne Konzentrationslager und Volksgerichtshöfe hätte, ist bei den Siegern der Deutschen Fernsehpreise aktuell definitiv besser aufgehoben als bei Höckes Sturmabteilung. Dort nämlich hat ausgerechnet das jüdische Alltagsepos Die Zweiflers abgeräumt. Nach vier Trophäen für Aaron Alteras und Sunnyi Melles, Kamera und natürlich die beste Dramaserie fragt sich nur, warum der Sechsteiler nicht auch den Rest zehn möglichen Pokale erhalten hat.
Während der Vorjahresabräumer Netflix diese Mal komplett leer ausging, hat RTL in Gestalt von Die Verräter und Let’s Dance sogar doppelt zugeschlagen. Spitzenreiter war allerdings das ZDF mit zwölf Auszeichnungen, unter anderem für Schlecky Silbersteins Browser Ballett bei Neo – was der letzte Plexiglasobelisk gewesen sein könnte. Wie Horizont berichtet, droht im Zuge anstehender Beitragsverhandlungen öffentlich-rechtlicher Kahlschlag, an dessen Ende sogar Arte zur Disposition stehen könnte.
Die Frischwoche
30. September – 6. Oktober
Für die private Konkurrenz – ob gestreamt oder gesendet – wäre das womöglich ein gefundenes Fressen, um Überlebenskämpfe wie die 4. Staffel von 7 vs. Wild, ab heute bei Amazon Prime und FreeVee präsenter zu machen. Bis dahin aber erfreut uns der Kulturkanal ab Mittwoch mit grandioser Fiktion wie der französischen Serie Rematch, wo Ex-Weltmeister Garri Kasparov sein legendäres Duell gegen den Schachcomputer Deep Blue von 1997 nachspielt.
Ebenso geschichtsträchtig ist Pia Stratmanns ARD-Reenactment vom RAF-Anschlag auf den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen anno 1989. Zwei Teile à 100 Minuten lang schliddert Der Herr des Geldes Dienstagabend langsam in die Fänge des linken Terrors jener bewegten Tage. Das ist zwar ab und an ein bisschen freundlich zum profitorientierten Investmentbanker, aber dank Oliver Masucci als Titelfigur sehr ergreifend.
Auch das dritte Biopic der Woche hat es buchstäblich in sich. Ich bin Dagobert skizziert ab Mittwoch bei RTL+ den Weg des Berliner Lackierers Arno Funke zu Deutschlands meistgesuchtem Verbrecher ohne Terror-Hintergrund Anfang der Neunzigerjahre. Und trotz einiger Stereotypen macht Friedrich Mücke den Kampf des Kaufhauserpressers mit Polizisten wie Mišel Matičevićs hemdsärmeligen Cowboycop hervorragend. Im Gegensatz zur denkbar größten Farce der Woche: Where’s Wanda.
Die erste deutsche Streamingserie von AppleTV+ ist trotz oder wegen Heike Makatsch und Axel Stein als Provinznestpaar auf der Suche nach seiner vermissten Tochter so berechnend ulkig, dass wir den weiteren Inhalt hier einfach mal ignorieren und zu zwei aufrichtigen Tipps kommen: Die deutsche Migrationskomödie Made in Germany, ab Freitag in der ARD-Mediathek. Und die tschechische Akte-X-Persiflage Whe’re On It Comrades, parallel in der ZDF-Mediathek.
Zamperonis Komparsen & Lieblings Kreuzberg
Posted: September 23, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
16. – 22. September
ARD und ZDF – dafür reicht ein Blick in Abertausend Romanzen, Krimis, Vorabendformate – mögen dramaturgisch hier und da von irritierender Schlichtheit sein, während das Gebaren mancher Intendantinnen und ihrer Hofstaaten bisweilen an Cäsarenwahn grenzt. Aber so richtig dumm, also deppert im Sinne von doof, sind in den Landesrundfunkanstalten eher wenige, schon gar nicht Ingo Zamperoni. Seine Redaktion allerdings sollte sich bei Gelegenheit mal einem Intelligenztest unterziehen.
In Zeiten verschwörungstheoretischer Attacken von rechts Komparsen zu engagieren, denen in der vermeintlich demoskopischen, also objektiven NDR-Show Die 100 AfD-kritische Haltungen diktiert werden – das ist öffentlich-rechtliche Ignoranz auf Claas-Relotius-Niveau. Kein Wunder, dass Alice Weidel bei allem gespielten Entsetzen hellauf begeistert ist – daran konnte auch der frisch verkündete Sparkurs nichts ändern, demzufolge der ÖRR die Hälfte seiner Spartenkanäle und diverse Radiosender streichen wird.
Auch die rundfunkgebührenfeindliche Bild ritt natürlich feuchtfröhlich auf jenem PR-Debakel herum, das die Verhandlungen der nächsten Beitragserhöhung Anfang 2025 kaum erleichtern dürfte. Wobei die Axel Springer SE aktuell selbst Teil wilder Spekulationen ist. Die Gruppe soll schließlich aufgespalten werden in einen Familienverlag und einen eCommerce-Konzern in Heuschreckenhand. Wobei letzterer den Großteil jener 14 Milliarden Euro ausmachen würde, auf die sich der Wert des Unternehmens in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt hat.
Gar so viel ist der zweitteuerste deutsche Privatfernsehanbieter RTL nicht wert. Aber mit Stefan Raab hat er sich immerhin ein uraltes Zugpferd vom teuersten (ProSieben) geholt und hält sich seit dessen völlig verpatzter Actionquizshow um eine Million, die er nicht rausrücken will, beharrlich in den Kommentarspalten – was aus regulären Werbeetats kaum zu finanzieren wäre.
Die Frischwoche
23. – 29. September
Aus dem hat die ARD seit Wochen bundesweit Plakate für etwas gehängt, das ebenfalls sehr, sehr alt und zugleich neu ist: Kanzlei Liebling Kreuzberg mit Luise von Finckh als Enkelin von Manfred Krugs Serienanwalt, die ab Mittwoch in der Mediathek (und freitags linear) für Rechtsempfinden in Opas gentrifiziertem Kiez sorgt. Das ist schon okay so weit, aber halt weder frisch noch originell, sondern einfach nur Eigenreceycling fürs Stammpublikum ab 66.
Daran richtet sich auch das ZDF-Biopic Kati – Eine Kür, die bleibt mit Lavinia Nowak als Eiskunstlauf-Ikone Katharina Witt und ihre Comeback-Versuche im wiedervereinigten Deutschland. Auch das: schon okay, aber halt… Ähnlich wie der ARD-Thriller Die stillen Mörder, Samstag um 20.15 Uhr und zuvor bereits online. Darin geht es um dubiose Business-Methoden im Altenpflegebereich und auch dort gilt: nicht ganz schlecht, aber ganz schön altbacken.
Die mexikanische AppleTV+-Serie Midnight Family hingegen zeigt tags zuvor, dass man auch mit herkömmlichen Medicals um eine Medizinstudentin mit Nebenerwerb im Rettungswagen souverän unterhalten kann. So wie das Erste seine Stärken nun mal im Dokumentarischen hat – was die dreiteilige Rekonstruktion des rechtsextremen Anschlags auf eine Synagoge in Halle namens 158 Minuten ab Mittwoch eindrücklich unterstreicht.
Fiktional nennenswert wäre dann noch die niederländisch-belgisch-deutsche Coming-of-Age-Erzählung This is gonna be great um einen holländischen Schauspieler in Berlin ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Dazu an Samstag der subtile Horrorfilm Appartment 7a, den Natalie Erika James nach eigenem Drehbuch als Prequel zu Roman Polanskis Klassiker Rosemaries Baby für Paramount+ inszeniert hat. Und zum Wochenabschluss das deutsch-französische Drama France mit Léa Seydoux als Starjournalistin in existenzieller Lebenskrise.
Brezel Göring, Peter Thomas, Bright Eyes
Posted: September 22, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBrezel Göring
Es ist immer schwierig, sich die Einzelteil eingespielter Duos isoliert vorzustellen. Und falls diese Duos auch noch für brillanten Dilettantismus stehen, fällt das umso schwerer, ist aber möglich – sofern es sich um Brezel Göring handelt, Mastermind von Stereo Total und damit gleichermaßen Nachlassverwalter der unfassbar früh verstorbenen Francoise Cactus und in eigener Sache. Wie gut, dass ein Solo-Album weder nach dem einen noch dem anderen klingt.
Friedhof der Moral wildert zwar eifrig im Trashpop des Berliner Underground-Projektes der hedonistischen Millennials. Die 13 Hardcore-LoFi-Tracks blasen Görings Sound allerdings so auf und specken ihn zugleich ab, dass daraus ein sehr eigensinniges, retrofuturistisches Kammerspielorchester für alle jene entsteht, denen Stereo Total am Ende doch zu poppig war. Auf dem Friedhof der Moral ruht daher auch das Cheezige von früher. Gut so.
Brezel Göring – Friedhof der Moral (Stereo Total Records)
Peter Thomas
Wer den Retrofuturismus musikalisch zur Perfektion brachte, ist einer von Brezel Görings heimlichen (weil womöglich unbekannten) Helden: Peter Thomas. Nie gehört? Nur dem Namen nach vermutlich. Denn als Komponist der Titelmelodie des SciFi-Trashs Raumpatrouille Orion und ähnlicher Absurditäten wie Edgar-Wallace-Soundtracks war er eine Weile in aller Ohren und hat dort ein imposantes Gesamtwerk orchestral verspleenter Sixties-Sinfonien hinterlassen.
Damit die wiederentdeckt werden können, hat Mocambo Records gemeinsam mit Backseat das Werk des deutschen Henry Mancini kurz vor dessen 100. Geburtstag zu einer fantastischen Platte gebündelt. The Tape Masters Vol. 1 – Library Music enthalten dabei alles, was Thomas’ Epoche kennzeichnet: schrille Beat-Gewitter, elegante Cocktailparty-Harmonien, existenzialistischer Souterrain-Jazz, Hammondorgel-Spektakel der Extraklasse. Unbedingt anhören, durchhören, weiterempfehlen.
Peter Thomas – The Tape Masters Vol. 1 – Library Music (Mocambo Records)
Bright Eyes
Um zum Schluss die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und doch daraus zu schöpfen, gibt es hier noch mal eine Art Supergroup, die seit bald 30 Jahren aus den Vollen ihrer vielen Mitglieder und Features schöpfen kann: Bright Eyes, das ewige Start-up des umtriebigen Conor Oberst, für das er auf seiner neuen Platte mal wieder das Who-is-Who alternativer Americana von Cat Power, The National, Matt Berninger oder Alex Orange Drink um sich schart.
Gemeinsam erschaffen sie ein Kompendium skurriler Pop-Texturen, die ebenso unfertig wie übersteuert klingen und damit größtenteils fantastisch. Das liebevoll verfrickelte, bläserlastig aufgeplusterte, jederzeit funkensprühende Five Dice, All Threes schafft es dabei vor allem dank Obersts proklamatorisch zerkratztem Gesang heiter und melancholisch, anrührend und ironisch, psychisch labil und dabei seltsam durchsetzungsstark zu wirken.
Conor Oberst – Five Dice, All Threes (Dead Oceans)
Stefan Raab: Schläge & Fragen
Posted: September 20, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a commentSchlaf den Raab

Es ist das Comeback des Jahres: Stefan Raab moderiert wieder Fernsehshows, jetzt bei RTL. Leider kommt ihm bei Du gewinnst hier nicht die Million!!! (Foto: RTL) der leidige Zeitgeist dazwischen – und sein unverwüstliches Ego.
Von Jan Freitag
Vor knapp neun Jahren, nein – da war die Welt natürlich auch schon längst nicht mehr in Ordnung. Banken, Klima, Staaten, selbst VW steckte dank Dieselskandalen tief in der Krise. Und dann geschah obendrein das Unfassbare: Stefan Raab trat von der Bühne, die er seit 1993 geprägt hatte wie kaum ein anderer vor ihm in Deutschland und gewiss keiner danach. Da war es buchstäblich ein Paukenschlag, als das ProSieben-Gewächs vorigen Samstag parallel zum Schlagabtausch mit Regina Halmich sein Comeback bei RTL verkündete.
Und gestern war es dann auch schon so weit: Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ging Du gewinnst hier nicht die Million!!! auf Sendung, raabgerecht nur echt mit den drei Ausrufezeichen plus Selbstbeschreibung, in den nächsten 90 Minuten nicht weniger als die „erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt“ abzuliefern. Große Worte eines großen Entertainers, die er mit dem Großmaul-Rocksong „Stefan Raab is back in town / jetzt gibt’s ‘n paar aufs Maul“ untermalte.
Fast wäre man geneigt zu sagen: als wäre er nie weg gewesen. War er aber. Und zwar für die Verhältnisse unserer rasenden Zeit lange. Zu lange. Lange genug jedenfalls, damit die einzige Innovation im Grunde darin bestand, dass der Buzzer, mit dem Raab seine merkwürdigen Einspielfilme abgespielt hatte, durch ein Tablet ersetzt wurde. Auf Fingerwisch sondert es nun Zitate von Florian Silbereisens Traumschiff-Kapitän ab. Schon lustig. Aber auch ziemlich gebraucht. Wie nahezu alles an der Sendung.
Nur der Form halber zur Erklärung von Du gewinnst hier nicht die Million, das erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt, kurz DGHNDMDEEQCSDW: Nach einer halben Stand-up-Stunde müssen fünf Kandidaten eine Frage aus eben der beantworten, um jenen Platz zu ergattern, auf dem der Sieger – zum Auftakt Oliver aus Karlsruhe – auf seinem Weg zum Millionengewinn eine Mischung aus Multiple-Choice-Fragen und Spieleaction bewältigen muss. Einige davon im direkten Duell mit dem Moderator.
Klingt schwer nach einer Kombination aus Schlag den Raab und Wer wird Millionär mit einer Auftaktprise TV total. Zumal er sich von ProSieben nicht nur Sebastian Pufpaffs Studioband Heavytones zurückgeholt hat, sondern als Schiedsrichter den unvermeidlichen Elton. Und so bittet der Ex-Praktikant seinen Ex-Ausbilder darum, sich durch Maschendrahtzäune zu schneiden oder Reifen zu wechseln.
Es sind Jungsdinge, die ihm einst den Ruf des ehrgeizigsten Showmasters aller Zeiten eingebracht hatten. Ein musikaffiner Kindskopf mit dem Geschäftssinn eines Investmentbankers, der früher als alle anderen seine eigenen Ideen produzierte und damit Einfluss, ja Macht erlangte. Der die Aufmerksamkeitsindustrie um Wok-Weltmeisterschaften, Böörti Vogts und Lena Meyer-Landrut bereicherte. Der Quotenerfolge am Fließband produzierte und dennoch stets aus voller Überzeugung handelte. Der also, mit zwei Worten, ein großartiger Entertainer war. Vergangenheitsform.
Denn von alledem ist praktisch nichts mehr geblieben. Mit fast 58 ist sein Körper zwar ähnlich intakt wie sein spektakuläres Gebiss; mit dem aber kann er nicht mehr so kraftvoll zubeißen wie in seiner Glanzzeit der Nullerjahre. Wenn Raab Witze über Peter Maffays Warze, Harald Glööklers Botoxunfälle und immer, immer, immer wieder Regina Halmichs Kampfwunden macht, wirken sie aus der Zeit gefallen wie sein altbackener Kampfbegriff „Tussi“, den niemand außer ihm mehr benutzt. Der Kameraschwenk ins Publikum landet da verlässlich auf einer Vielzahl Gäste mit versteinerter Miene, die während der endlosen Spiele vermutlich ebenso sanft weggedöst sind wie bei einer minutenlangen Reportage aus der Umkleidekabine vorm Halmich-Fight.
Dass RTL ihm dafür statt Gage ein Streamingabo zahlt, war demnach vielleicht ernster gemeint als all die selbstreferenziellen Flachwitze über Jürgen Milski, deutsche Schlager und Herzzeichen, die für ihn der neue Stinkefinger sind. Puhh. Als DGHNDMDEEQCSDW nach einer sagenhaft öden Autoreifenwechsel-Challenge (und natürlich ohne Millionen-Gewinner) endet, wirkt daher nicht mal Stefan Raab selbst sonderlich enttäuscht über die Abschlusssirene. Sie klingt ein wenig nach Erlösung. Leider nur bis nächsten Mittwoch.
Katia Saalfrank: Supper Nanny & Helft uns!
Posted: September 19, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentEs gibt keine kurzen Antworten
Nach langer Fernsehpause ist Super Nanny Katharina alias Katia Saalfrank zurück auf dem Bildschirm. Heft uns! Die Familienretter heißt ihr tägliches Hilfsformat (16.05 Uhr) bei RTLZwei. Ein Gespräch über Erziehungsprobleme, Fernsehzynismus und ihre eigene Kindheit.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Saalfrank, Sie waren Anfang der Zehnerjahre das Aushängeschild, wenn nicht die Mitbegründerin der Reality-Sparte Help TV. Seit dem Ende der Super Nanny 2011 hat man aber wenig von Ihnen gehört und gesehen. Wo waren Sie bloß?
Katia Saalfrank: Seit 2009, parallel zur öffentlichen Arbeit für RTL, habe ich meine private Praxis für Eltern- und Familienberatung gegründet. Im Mittelpunkt der Beratung und der therapeutischen Arbeit steht immer die Beziehung zum Kind.
Die Sie auch in mehreren Büchern zum Ausdruck bringen.
Kindheit ohne Strafen etwa, was mir sehr am Herzen liegt und großen Zuspruch gefunden hat. Außerdem ist mir die Aus- und Weiterbildung von Eltern und Fachleuten in meiner Kursreihe Kinder Besser Verstehen wichtig. Ich habe eine Ausbildung zum Bindungs- und Beziehungsorientierten Eltern- und Familienberater konzipiert. Auch mein Podcast Familienrat mit Katia Saalfrank macht mir ebenso viel Freude wie Helft uns! Die Familienretter.
Hatten Sie dem Reality-Genre nicht auch deshalb den Rücken gekehrt, weil es auch bei Ihnen zusehends gescripted war und selten ohne den Zusatz „zynisch“ auskam?
Helft uns! ist sicher nicht zynisch! In der Sendung werden alltägliche Konflikte zahlreicher Familien in Deutschland gezeigt. Ich versuche dahinterliegende Strukturen zu analysieren und ihre Dynamiken besser zu verstehen. Hierbei fließen Aspekte und Informationen aus der Wissenschaft ebenso ein wie allgemeine Impulse für die Zuschauer, die aus jeder Sendung etwas mitnehmen können, auch wenn sie sich nicht selbst in der Situation befinden.
Aber was machen Sie denn anders als in anderen Ratgeber-Formaten?
Ich reagiere von außen aufs Geschehen, ordne pädagogisch und psychologisch ein, kommentiere, fühle mit, versuche für alle Seiten Verständnis aufzubringen und nehme den Zuschauer mit auf eine kleine emotionale Reise von Verstehen, statt Empörung. Und weil die Geschichten von Schauspielern und Komparsen nach- und dargestellt werden, kann ich komplexe Familiensituationen beleuchten und Dynamiken nachvollziehbar machen.
Helft uns! drohen also nicht dieselben Vorwürfe wie der Super Nanny, das Elend anderer bloßzustellen und strenge Erziehungsmittel zu propagieren?
Nein, die Konflikte sind an die Wirklichkeit angelehnt, werden aber dramaturgisch zugespitzt und machen so meine Erklärungen, die Wissensaspekte, die Hinweise und Impulse für den Zuschauenden nachvollziehbar. Wir versuchten, authentisch aktuelle Familienkonstellationen und gesellschaftliche Themen aufzugreifen.
Zum Beispiel?
Was ist, wenn die Eltern den Freund der Tochter nicht mögen? Wie gehen sie damit um, wenn der Sohn sich in Frauenkleidung wohler fühlt? Wie wird verantwortungsvoller Umgang mit viel Social-Media begleitet? Die Welt für Familien hat sich verändert, Eltern sind im Wandel, aber die größte Veränderung ist der Perspektivwechsel, den viele von ihnen zu machen bereit sind. Eltern fragen heute seltener „was kann ich tun, wenn mein Kind sich auf den Boden schmeißt“ als „warum macht mein Kind das?“. Sie wollen besser verstehen.
Und verstehen sie besser?
Leider sind verhaltensorientierte Maßnahmen und Sanktionen im veralteten Schulsystem aber auch in der Kita noch sehr weit verbreitet. Ich wünsche mir auch in staatlichen Systemen Perspektivwechsel im Sinne von Kindern. Für mich hat das, was die tun, immer einen Sinn und wird wie jedes menschliche Verhalten von Freude, Scham, Wut, Ärger, Schmerz oder Angst motiviert und von emotionalen Basis-Grundbedürfnissen nach Verbindung, Sicherheit, Autonomie, Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit gespeist.
Auf all dies zu achten, kann für Eltern ganz schön anstrengend sein.
Ja, denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine der größten Herausforderungen. Der Umgang mit dauerhafter Gleichzeitigkeit von Einflüssen und ständige Erreichbarkeit macht es Eltern schwer, im Hier und Jetzt Priorität auf die Beziehung zu ihren Kindern zu legen. Auch der Umgang mit den vielfältigen Medien ist immer wieder ein großes Thema in Familien. Ich freue mich über die Möglichkeit, meine Gedanken und wissenschaftliche Erkenntnisse durch Bewegtbilder und Formate in die Welt zu senden.
Bieten Reality und Help TV dafür heute andere Voraussetzungen als vor 13 Jahren?
Das könnten Medienwissenschaftlicher besser beantworten, aber ich wünsche mir mehr Familie im Fernsehen. Schließlich kommen alle aus einer, viele haben Kinder und die, die keine haben, waren mal welche. Zu reflektieren, was sie ausmacht und an Bindung, an Beziehung brauchen, erzählt uns die Wissenschaft seit Jahrzehnten zunehmend dezidierter und differenzierter. Wir habe also kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsthema. Mit diesem Format wünsche ich mir daher, dass die Frage, wie wir Beziehung gestalten können mehr in den Mittelpunkt rückt und so auch hilfreich für alle Zuschauer sein kann.
Würden Sie selbst denn Formate wie Helft uns! zur Hilfestellung nutzen oder bleibt es reine Unterhaltung?
Das Interessante an dem Format ist ja, dass es Aufklärung, Einordnung und Dimensionen hinter dem Gesehenen einordnet, also Hilfestellung sein kann und gleichzeitig Unterhaltung. Ich freue mich sehr, dass die Mischung so gelungen ist. Es sind nachgestellte Szenen und Konstellationen, angelehnt an echte Familiensituationen, aber für mich gibt es keine Vorgaben; ich ordne das ein, was ich sehe.
Dennoch fragt sich, warum Sie das 13 Jahre nach der Super Nanny nochmals machen?
Zum einen hatte ich Lust, wieder in eine Produktion einzusteigen, zum anderen nutze ich einfach immer gern alle Möglichkeiten und Sendekanäle in die Öffentlichkeit, um familiäre Mechanismen zu analysieren und aufzuklären, was Kinder brauchen, um psychisch und physisch gesund aufzuwachsen – ob durch Bücher, Artikel, Podcasts oder das Fernsehen. Ich bin dankbar, dass es wieder eine Sendung gibt, die Familie und Kinder in den Mittelpunkt stellt.
Ihre eigenen vier Kinder sind inzwischen alle erwachsen…
Stimmt. Wobei ich den Vorteil habe, dass die Ablösung bei vier Kindern ein längerer Prozess ist. Da ich nach wie vor eine nahe und warme Beziehung zu allen habe, bin ich gut damit klargekommen, dass sie ihre eigenen Wege ins Leben gefunden haben.
Erkennt man Sie eigentlich noch auf der Straße?
Es gab Zeiten, da war es schwierig, sich privat in der Öffentlichkeit zu bewegen. In den letzten Jahren ist das mehr möglich gewesen. Dennoch werde ich immer noch ab und zu erkannt – etwa neulich, als ein älteres Paar mein Praxisschild studiert hat. Wir haben kurz gesprochen und ein Selfie gemacht. Das freut mich, weil es ja heißt, dass gute Botschaften in Erinnerung bleiben und mit mir verknüpft werden. Auch ohne große Fernsehpräsenz kommen Menschen weiterhin auf mich zu und erzählen, welche Bedeutung für Sie Die Super Nanny hatte und wir kommen schnell in persönliche Gespräche.
Auch mit der Bitte um ein bisschen familientherapeutischer Hilfe?
Manchmal kommt die Bitte um einen schnellen Blick aufs Familiensystem und das beschriebene Symptom. Aber wenn man sich das anschaut, gibt es keine kurzen Antworten, denn es ist wichtig, sich das gesamte Beziehungsgeflecht anzusehen und in alle Beteiligten einzufühlen. Trotzdem kann ich Impulse zur Frage geben oder auch einen kleinen Wissensaspekt aus dem, was die Wissenschaft uns zu dem Thema sagt. Die Begegnungen sind oft kurz und dann doch intensiv.
Als Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Sprachheilpädagogik und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sind Sie beruflich bestens fürs Help TV geschult. Waren ein Pfarrer und eine Lehrerin als Eltern ebenso gute Coaches fürs Coaching?
Ich war als Kind oft an der Nordsee und wir haben am Strand gebuddelt, Sandburgen gebaut, im Meer gebadet und im Strandkorb gepicknickt. Es war ein Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit und Unbeschwertheit, an das ich mich gern erinnere. Als ich älter war, bin ich bei Wanderungen mit meinem Vater dann über mehrere Tage von Hütte zu Hütte gelaufen; auch das sind Erinnerungen, die ich als glücklich und erfüllend in mir gespeichert habe. In meiner Arbeit heute, ist mir auch wichtig, dass Eltern vor allem viele gute und neue Erfahrungen in der Beziehung zu ihren Kindern machen können.
Trumps Katzen & Fahris Upir
Posted: September 16, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
9. – 15. September
Der Aufmerksamkeitsökonomie sind Schlagworte bekanntlich lieber als Inhalte. Söders Bart krieg aktuell daher mehr mediale Aufmerksamkeit als Wind und Wetter, während über die Krise der deutschen Autoindustrie ungleich mehr berichtet wird als über das, was sie befeuert: ein Klimawandel, dem wir am Wochenende gefühlt die fünften Jahrhundertregenfälle seit Januar verdanken. Sogar das Versagen bei VW steht allerdings im Schatten des dominierenden Dauerthemas: Ausländer rau… Pardon: Migration.
Der Tipp bis tief in liberale Kreise und Medien lautet: Grenzen eher mehr als weniger dicht, dann gibt’s auch keinen Terror mehr. Das klingt zwar, als hätte man der sozialdemokratischen Vorwärts 1933 empfohlen, mit dem antisemitischen Stürmer im Chor zu hetzen, dann wäre schon kein SPD-Mitglied ins KZ gekommen, aber gut – Politik hat ja bekanntlich nichts mit Überzeugungen, sondern Umfragen zu tun. Und seit neuestem: Katzen.
Seit Donald Trump sie in der presidental debate voriger Woche zur Leibspeise haitianischer Flüchtlinge erklärte, sind Messenger und Portale voller Memes. Allerdings nicht halb so unterhaltsame wie seine anderthalbstündige Demütigung durch Kamala Harris, die sodann auch noch offizielle Unterstützung von Taylor Swift erhielt. Gut 60 Millionen Clicks’n‘Views in den USA beweisen übrigens, welchen Sog das alte Fernsehen noch immer entfalten kann.
Gar so viele sahen Samstag zwar nicht zu, als Regina Halmich Stefan Raab beim Final Fight verdroschen hat. Der Vorgeschmack auf seinen Fünfjahresdeal mit Raab Entertainment brachte RTL mit acht Millionen aber gleich mal einen Tagessieg auf Länderspielniveau ein. Exakt das Achtmillionenfache dessen übrigens, was Luke Mockridge zurzeit bei Sat1 erreichen kann. Für seine Behindertenfeindlichkeit leistet er nun ein wenig Abbitte, hat jedoch von Dieter Nuhr gelernt, dass Zuspruch von rechts am billigsten ist.
Der toxische Lümmel wird also bald auch bei Sat1 wieder gegen alles pesten, was seiner privilegiert weißen Alphamännerwelt zuwider ist. Sein Sender braucht ja alles, was Quote bringt, und wird auch deshalb beim Deutschen Fernsehpreis (hoffentlich) so leerausgehen wie Maxton Hall (während Baby Reindeer, Shogun und The Bear völlig zu Recht bei den Emmys abgeräumt haben) von der nur die Jury weiß, warum sie die Seifenoper neben Deutsches Haus, Zweiflers, Liebes Kind und Push als beste Dramaserie nominiert.
Die Frischwoche
16. – 22. September
Auch die 51. Folge des Sende- und Streamingpodcasts Och eine noch ist da ratlos, aber nicht verstummt. Lieber diskutiert sie über zwei neue Serien, und zwar mit Schaudern. Beim ARD-Zweiteiler Wäldern hat das am Mittwoch allerdings weniger mit dem Gruselstoff des Cold-Case-Gefuchtels mit Rosalie Thomass zu tun, sondern der unfreiwilligen Komik, die das lachhafte Klischeegewitter entfaltet. Richtig zum Fürchten ist parallel auch das zweite Spukformat der Woche nicht, wirkt aber immerhin gewollt komisch – und das mit großer Hingabe.
Als Der Upir spielt schließlich Fahri Yardim bei joyn das gebissene Opfer des Berliner Vampirs Igor (Rocko Schamoni), dem er 30 Tage, verteilt auf acht Folgen à 22 Minuten, zu Diensten sein muss, um wieder ein Mensch zu werden. Peter Meisters Buch und Regie dahinter sind von so dilettantischer Absurdität, dass nahezu alles daran irre ist. Irre komisch vor allem. Das sollte auch die Superduper Show beim Mutterkanal ProSieben sein.
Wer jedoch Edin Hasanovic oder die Kaulitz-Brüder zu Hosts einer gelungenen Idee – Kinder denken sich ulkige Fernsehspielchen für Erwachsene aus – macht, kriegt dienstags zur Primetime eben viel zu laute Selbstbefriedigung eitler Rampensäue zu sehen. Schade eigentlich, aber gut – gibt ja noch genug bessere Unterhaltung ohne Childwashing zu sehen. Die kulinarische ARD-Rundreise durch deutsche Küchen ausländischer Herkunft Alles außer Kartoffeln zum Beispiel, dienstags um 23.30 Uhr (WDR/BR/HR/SR).
Was sonst noch passiert? Die Fortsetzung der Monster-Reihe, mit der Netflix außergewöhnliche Killer porträtiert. Ab Donnerstag: Der unfassbare Elternmord von Lyle und Erik Menendez. Ausnahmsweise ohne reales Vorbild startet Freitag das zehnteilige Modebranchendrama La Maison bei Apple, während So long, Marianne ab Sonntag sehr anrührend und wahrhaftig die Lovestory des Sängers mit der Norwegerin nacherzählt – und deshalb natürlich Lichtjahre vom Batman-Ableger The Penguin mit Colin Farrell zwischendurch bei Sky ist.
Pochers Mockridge & Saalfranks Hilfe
Posted: September 9, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
2. – 8. September
Und wenn man denkt, das Niveau könne nicht mehr sinken, wenn man denkt, unsere Selbstgerechtigkeit sei bodenlos genug, wenn man denkt, sogar männliche Alphahammel würden sich irgendwann mal in einer frühen Vorform von Reflexion und Demut üben, dann kommt Luke Mockridge um die Ecke und gewinnt den Oliver-Pocher-Preis für besonders schäbiges Abwärtstreten.
Kurz vorm Start wurde bekannt, dass sich der Comedian mit offenbar ohnehin bedenklicher Gewaltaffinität zum Start der Paralympics abfällig über behinderte Athlet*innen geäußert hatte. Und weil Sat1 ihm daraufhin eine dieser völlig egalen Fernsehshows entzog, hat er sich zwar halbgar entschuldigt. Aber es geht für den Grüßaugust deutscher Fans von Frauenfeinden wie dem – irrsinnigerweise frisch freigesprochenen Harvey Weinstein – ja auch um geldwerte Aufmerksamkeit.
Andererseits haben die Paralympics kurz vor der gestrigen Abschlussfeier wenigstens mal ein wenig medialer Aufmerksamkeit erhalten. Ansonsten nämlich mussten Sportinteressierte die meisten Wettkämpfe mit der Lupe suchen – auch, wenn ARD und ZDF ihre verblüffend konsequente Nicht-Berichterstattung aus Paris mit spärlichen Weltbildern erklären. Was wohl Lutz Hachmeister darüber geschrieben hätte…
Leider ist der frühere Leiter des Grimme-Instituts und begnadete Medienanalytiker kurz vorm 65. Geburtstag gestorben und lässt uns mit Hasserfüllungsgehilfen digitaler Portale allein. Wobei ihnen ja ein paar Aufrechte entgegentreten, etwa der brasilianische Richter Alexandre de Moraes. Dass dessen Sperrung von Elon Musks Giftschleuder X richtig war, zeigt dabei nicht zuletzt eine Demo des faschistischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro dagegen.
War noch was? Ach ja – der rbb ist und bleibt on fire. Vorigen Dienstag ist der Verwaltungsrat Benjamin Ehlers wegen eines „eklatanten Vertrauensbruchs“ im Sendergremium zurückgetreten und zeigt damit erneut, wie weit der öffentlich-rechtliche Weg zur moralisch-betriebswirtschaftlichen Konsolidierung des Skandalsenders noch ist.
Die Frischwoche
9. – 15. September
Apropos Skandalsender: Als RTL sein übelstes Trash-Fernsehen noch nicht so konsequent auf der eigenen Abraumhalde mit II/2/Zwei am Ende verklappt hatte, stand Katharina Saalfrank ein paar Jahre lang für relativ seriöses Help-TV. Zuletzt wurde der Super Nanny vornehmlich menschenverachtendes Zeug in die Geschichten geskriptet. Aber so erbärmlich, wie ihr neues Format Helft uns! Die Familienretterin ab heute werktäglich um vier Realität simuliert, war es in den Nullern eigentlich nie.
Damals gab es aber auch noch keine Streamer, die den Sendern Beine machten. Apple zum Beispiel, wo Mittwoch die Thriller-Serie Disclaimer des fünffachen Oscar-Gewinners Alfonso Cuarón mit Kate Blanchett als Journalistin auf der Suche nach dunklen Geheimnissen rund um Kevin Kline startet. Oder Netflix, dessen RomCom Romance in the House ab Sonntag reihenweise die nächste Runde K-Pop eröffnet, nachdem kurz zuvor schon die Dramaserie Ein neuer Sommer mit Nicole Kidman als furchterregende Geldadels-Mum angelaufen war.
Disney+, damals für riesige Vergnügungsparks und noch größere Vergnügungsblockbuster zuständig, stellt Freitag das dokumentarische Filmporträt In Vogue über die Chefin des gleichnamigen Modemagazins, Anna Wintour, online. Sky, wo ab Freitag ein bemerkenswertes Klitschko-Porträt läuft, hatte seinerzeit statt eigener Serien nur Kino-Filme oder Fußball gezeigt. Und das Öffentlich-Rechtliche fand natürlich noch ausnahmslos linear statt.
Also nicht in der ARD-Mediathek, wo Mittwoch ein paar seifenfiktionale Feuerwehrfrauen abrufbar sind und tags drauf Charlotte Links Psychothriller Ohne Schuld, bevor sich der Weltspiegel dort am Sonntag Deutschen in Ungarn widmet, die vor unserer Diktatur ausgerechnet zum Demokratie-Verächter Viktor Orbán geflohen sind. Und zwischendurch versammelt die ZDF-Mediathek Vertreter dreier Religionen in einer WG namens Against all Gods.
Höcke-Medien & Großstadt-Jugend
Posted: September 2, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
26. August – 1. September
Da standen sie also, Berichterstattende seriöser bis weniger seriöser Medien und kommentierten das gestrige Thüringer Wahlgeschehen vorm Völkischen Hof… Moment, nee – HopfenBerg, so heißt das „Traditions-Gasthaus seit 1866“, deutsch-dänischer Krieg, AfD-Fans erinnern sich noch persönlich. Denn rein durfte ja offenbar nur das rechtsextreme Compact-Magazin, um Björn Höckes historischen Sieg publizistisch zu begleiten.
Nun ließe sich natürlich einwenden, dass sich kein Mensch bei klarem Verstand gern in die Jubeltraube geifernder Neonazis und ihrer Steigbügelhalter stellt. Aber es war mindestens mal eine Andeutung kommender Zeiten, dass die rechtsextreme Partei zuletzt sämtliche Medien von der Wahlparty ausgeladen hatte, weil – Platzprobleme, Zwinkersmiley. Auch die Absage von Höckes finalem TV-Duell, weil – Gesundheitsprobleme, Fieber-Emoji – zeugt vom Verhältnis der politisch stärksten Kraft des Ostens zur Pressefreiheit.
Aber gut, nichts davon ist überraschend. Inklusive der verbissenen Sachlichkeit, die ARD und ZDF, RTL oder N-TV im Umgang mit ihr an den Tag gelegt hatten. Ob das Sternstunde oder Götterdämmerung der pluralistischen Demokratie war, wird sich spätestens dann zeigen, wenn Rechte auch hierzulande öffentlich-rechtliche Sender abschaffen oder die Redaktionen aufgekaufter Zeitungen austauschen. Bis dahin ist es, zugegeben noch ein sehr, sehr weiter Weg.
Öffentliche Debatten über verschärfte Abschiebungen bis hin zur verfassungswidrigen Aussetzung des Asylrechts deuten aber ebenso wie bis zu 38 Prozent AfD-Wähler (und weitaus seltener Wählerinnen) unter 24 an, dass die mediale Hegemonie solcher Gedanken nicht nur von rechtsaußen vorbereitet wird. Dieses Meinungsklima rückt dann auch die Festnahme des Telegram-Chefs Durow ein fahles Licht. Denn natürlich ist er mitverantwortlich, dass antidemokratische, ja offen faschistische Kräfte weltweit auf dem Vormarsch sind.
Auch denen erlegt sein Messanger schließlich keinerlei Schranken auf. Zugleich aber zählen Dienste wie seiner – mal abgesehen vielleicht von Elon Musks Propaganda-Plattform X – ja gerade wegen ihrer Liberalität zu den Ankern der Meinungsvielfalt. Ach, wäre die Gegenwart doch nur so übersichtlich wie im Dschungelcamp, das mit identischem Personal wie im Winter nun auch im Sommer wochenlange Topquoten erzielt und Fernsehen mit mehr Originalität zeigt, wo der retrospektive Hammer hängt. Wobei sich RTL dieses Phänomen selbstredend mit Vox teilt.
Die Frischwoche
2. – 8. September
Dort wagen sich Gründerinnen und Gründer heute Abend zum 16. Mal in Die Höhle der Löwen. Und weil es manchmal zwei Staffeln pro Monat gibt, feiert das weltweit verbreitete Factual Entertainment 23 Jahre nach der Erfindung in Japan nun auch hierzulande 10. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch – auch wenn sich sein Publikum mittlerweile gedrittelt hat und alles irgendwie berechenbarer geworden ist.
Das würde üblicherweise auch für eine Sitcom gelten, die den Titel Jugend – es ist kompliziert trägt und ab Freitag in der ZDF-Mediathek von vier Großstadt-Hipstern bei der Adoleszenzverweigerung handelt. Eigentlich alles schon allzu oft gesehen. Doch dank grandioser Darsteller (Thomas Schubert) und Darstellerinnen (Sarah Gailer), famoser Bücher (Stefan Stuckmann) und liebevoller Regie (Simon Ostermann), ist der Achtteiler mit das lustigste Stück Realsatire seit gefühlt Encurb your Enthusiasm.
Ähnlich klischeeanfällig wirkt die Neo-Serie A Good Girl’s Guide to Murder mit Emma Meyers als investigativer Teenager in der englischen Provinz – und ist es ab Sonntag auch, aber dennoch (oder deshalb) für die Zielgruppe unter 30 unterhaltsam. Das gilt ebenso für die It-Girl-Serie Call Me Bae, Freitag bei Prime. Der Netflix-Sechsteiler Ein neuer Sommer mit Nicole Kidman als manipulative Schwiegermutter einer unstandesgemäßen Braut eines reichen Mannes ist dagegen tags zuvor eher was für die Generation Y abwärts.
Dort also, wo die Thriller-Serie Seconds um Schuld und Sühne einer finnischen Zugkatastrophe (Freitag, ARD-Mediathek) am meisten Fans finden dürfte. Was noch läuft: Der dokumentarische Blick auf Secrets of the Hells Angels (Montag, Crime), LOLLA, eine Reportage des weltbewegenden Lollapalooza-Festivals (Dienstag, Paramount+), der sechsteilige belgisch-französische Crime-Stoff Tödliche Ahnung. Und nicht zuletzt Philipp Hochmair als neuer ZDF-Ermittler Der Geier, ab Freitag in der Mediathek.
Louis Klamroth: Konter & Fairness
Posted: August 29, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentWahre Objektivität gibt es nicht

Vor anderthalb Jahren hat Louis Klamroth (Foto: Nikita Teryoshin) Hart aber fair von Frank Plasberg übernommen. Im journalist*in-Interview spricht der 34-Jährige über seinen Quereinstieg als Moderator, den holprigen Umbau der Sendung – und warum er Lkw-Fahrer mitdiskutieren lässt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Klamroth, Sie stehen seit anderthalb Jahren montags auf einer der größten und damit anstrengendsten Fernsehbühnen. Haben Sie noch dieselbe Energie wie am Anfang oder zermürbt Sie die Aufmerksamkeit?
Louis Klamroth: Ersteres, seit knapp einem halben Jahr macht es mir besonders großen Spaß.
Der Zeitpunkt, als Sie Hart aber fair endgültig von Frank Plasbergs Produktionsfirma Ansager & Schnipselmann übernommen haben und mit Florida Factual eigenverantwortlich betreiben?
Ja. Da konnte ich das Format verändern und damit zu „meinem” Format machen. Es steht anders da, sieht anders aus und hat nach 22 Jahren neuen Schwung erhalten. Der Modernisierungsprozess ist noch längst nicht vorbei, aber die doch leicht angestaubte Marke ist wiederbelebt. Die Arbeit ist anstrengend, klar, aber ich empfinde es als großes Privileg, montags zusammen mit meinem Team vor einem Millionenpublikum Debatten zu kuratieren.
Waren Sie mit der Situation vorher unzufrieden oder ist ein Renovierungsprozess einfach notwendig, wenn man ein bestehendes Produkt übernimmt?
Ganz genau, ein normaler, am Ende eher unspektakulärer Prozess – auch wenn das in der Berichterstattung gelegentlich anders klingt. Dass die Sendung 22 Jahre lineares Fernsehen nachhaltig geprägt und ihr Metier verändert hat, ist ja das Eine. Aber wenn die Moderation wechselt, muss es halt auch ein bisschen zur neuen Person passen. Dieser Prozess wurde vor anderthalb Jahren nicht konsequent genug angegangen; das holen wir nun nach. Und es funktioniert ja auch.
In Zuschauerzahlen ausgedrückt?
Ja, auch in den Zahlen sind wir in der linearen Quote und vor allem bei den digitalen Abrufzahlen besser als zuvor. Das ist nur ein Kriterium von vielen. Mindestens genauso wichtig ist, dass wir die Sendung inhaltlich und konzeptionell neu aufgestellt haben.
Offenbar sind viele in der ARD vom Erfolg nicht überzeugt. Bei einer Programmkonferenz Mitte Juli sollte über ihre Zukunft und die von Hart aber fair verhandelt werden, schreibt der Spiegel. Sind Sie nervös?
Die Produktionsfirma und ich haben zwei Jahre Vertrag. Insofern bin ich auch nicht nervös. Ich bin zufrieden, was die Bilanz des letzten halben Jahres angeht. So höre ich es auch von den Senderverantwortlichen. Mindestens genauso wichtig: Wir haben die Sendung weiterentwickelt und werden diesen Weg konsequent weiter beschreiten. Dass wir in diesem Sommer darüber sprechen, wie die Zukunft von Hart aber fair aussieht, stand ja schon lange fest und ist keine Überraschung.
Wäre es einfacher gewesen, eine neue Sendung zu starten?
Der WDR hat mich gebeten, diese sehr erfolgreiche, eingespielte Marke zu übernehmen und eben keine neue zu erfinden. Eine Kopie der Sendung mit anderem Label hätte aus meiner Sicht nicht funktioniert und wäre auch nicht mein konzeptioneller Anspruch. Es stand auch nie zur Diskussion.
Auch dann nicht, als es eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Frank Plasberg um das Format gegeben hat?
Das ist mir zu viel Was-wäre-wenn. Das Produkt hat nun mal viele Millionen Fans und damit ein Vertrauensverhältnis zwischen Sender und Publikum. Ganz ohne Reibung funktioniert kein Übergang und im Fernsehen schon gar nicht.
Außerdem erzeugt Reibung – fünf Euro ins Phrasenschwein – Wärme, also Energie!
Und beides kann jedes Format gut vertragen.
Fühlen Sie sich unter Feuer besonders wohl?
(lacht) Als Mensch nicht, nein. Anders ist es beruflich. Bei Diskussionen inhaltlicher Natur gehe ich keinem Streit aus dem Weg. Wobei der Begriff bei mir überhaupt nicht negativ besetzt ist, im Gegenteil. In der Demokratie ebenso wie im Journalismus müssen wir streiten, und zwar gerne auch mal lauter, härter, energischer – sofern der Streit respektvoll vonstattengeht.
Das haben Sie vor Hart aber fair geübt, ab 2016 in Klamroths Konter bei n-tv. Haben Sie sich als Quereinsteiger damals eigentlich „Journalist“ genannt?
(überlegt lange) Mit der Bezeichnung habe ich – und das ist jetzt echt keine Koketterie – anfangs gehadert. Ich habe einen Master in VWL und Politik gemacht – sprich weder Journalismus studiert noch ein Volontariat gemacht. Das meiste habe ich mir durch Praktika und Praxis angeeignet. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben den Beruf von der Pike auf gelernt. Ich habe großen Respekt vor denen, die kluge Essays für den Spiegel, Leitartikel in der Zeit oder Analysen in der Wirtschaftswoche schreiben.
Die klugen Texte auf Seite 23 von Dithmarscher Landeszeitung oder Südkurier nicht zu vergessen.
Selbstverständlich! Die vielen Reporterinnen und Reporter, die tagtäglich rausgehen, und unter großem Druck eine informierte Öffentlichkeit im Lokalen schaffen. Damals habe ich gedacht: Ich mach doch nur Fernsehen. Heute weiß ich, dass auch wir Fernsehmacher guten Journalismus können.
Alles andere klänge auch nach Impostersyndrom, als dachten Sie, Sie hätten sich irgendwo reingeschlichen, wo Sie nicht hingehörten.
Nein, eher Respekt vor denen, die sämtliche Stationen der Berufsbildung absolviert haben. Ich wusste schon früh, dass mir mein Beruf nicht nur Spaß macht, sondern auch liegt und ein Handwerk dahintersteckt, das ich langsam beherrsche. Erst da wurde mir klar, wie viele Facetten Journalismus hat – und wie viele Ausbildungen. Wäre ja auch schlimm, wenn nur Absolventen der Journalistenschulen was mit Medien machen.
Was qualifiziert Journalist*innen zur Moderation?
Vor dem ersten Interview bei Klamroths Konter hatte ich kaum Moderationserfahrung, nicht mal echtes Interviewtraining. Ich hatte Praktika gemacht bei erfahrenen Journalisten wie Günther Jauch und Friedrich Küppersbusch, der meine Sendung produziert hat. Denen konnte ich zwar auf die Finger schauen und ungeheuer viel lernen, aber eher theoretisch als praktisch. Super Anschauungsmaterial und eine gute Vorbereitung darauf, zu moderieren, zu fragen, nachzuhaken. Ich empfinde es als Vorteil, mir viel über learning by doing angeeignet zu haben.
Warum ist das ein Vorteil?
Weil ich unvoreingenommener, ohne Erwartung irgendeines Schulterklopfens reingegangen bin. Ich konnte völlig angstfrei fragen, was mir durch den Kopf ging. Meine Gesprächspartner haben das als erfrischend wahrgenommen, das glaube ich zumindest. Vielleicht auch, weil sie mich zunächst fürs Lichtdouble gehalten haben, das sie dann mit Hartnäckigkeit überrascht hat. Aber dieser Vorteil hat sich natürlich relativ schnell abgenutzt. Mit wachsender Aufmerksamkeit fürs Format kannten die mich irgendwann halt einfach.
Was sind die Kernkompetenzen?
Ein dickes Fell vielleicht. Spaß an der Sache. Neugier für Leute und Themen. Und bei aller Härte in der Debatte auch Empathie für meinen Gegenüber.
Wie ist es mit der Fähigkeit zur Objektivität?
Wahre Objektivität gibt es sowieso nicht, aber guter Journalismus beherrscht idealerweise das Handwerk, so nah wie möglich an ein Ideal davon heranzukommen. Journalismus allerdings als reines Handwerk zu verstehen, ist mir zu technokratisch – in Zeiten, da die Demokratie und ihr Journalismus weltweit so unter Druck stehen. Das Wort Haltungsjournalismus ist mittlerweile zu einem Kampfbegriff der extremen Rechte geworden. Deshalb spreche ich lieber von Verantwortung – die gehört für mich zum Journalismus auch dazu.
Steht diese Verantwortung der gebotenen Neutralität im Journalismus nicht im Weg?
Nein. Journalismus findet immer in einem Kontext statt. Neutralität heißt ja eben nicht, diesen Kontext zu ignorieren, sondern ihn bewusst wahrzunehmen und transparent zu machen. Bei einem Pro und Contra würde das bedeuten, nicht aus scheinbarer Neutralität heraus in eine False Balance zu rutschen.
Muss man eine Rampensau sein?
Man darf zumindest keine Angst vor Aufmerksamkeit haben.
Und vor Öffentlichkeit?
Das sind zwei Paar Schuhe. Man muss keine Rampensau sein, um Gespräche vor Publikum zu führen, darf aber keine Angst davor haben, dass einem wie zuletzt bei Hart aber fair dabei 2,7 Millionen Menschen live zusehen. Bei der Arbeit! Völlig absurde Situation eigentlich. Damit muss man umgehen, allerdings ohne dabei – wie Rampensäue – im Mittelpunkt stehen zu wollen. In einer politischen Talkshow sitzen dort die Gäste, nie der Moderator.
Als Moderator muss man die Situation permanent unter Kontrolle haben. Braucht man da Autorität?
Fürs Publikum ist es jedenfalls weitaus entspannter, wenn ich als Moderator das Gefühl gebe, alles im Griff zu haben. Wobei es vermessen wäre, zu behaupten, dass dies immer gelingt – schon gar nicht in einer Live-Sendung wie meiner, wo angespannte Dynamiken nicht einfach rausgeschnitten werden können. Was bei uns 75 Minuten lang passiert, wird ungefiltert gesendet. Und wenn von den fünf, sechs Teilnehmenden jemand das Steuer übernehmen will, muss ich es mir eben zurückholen. Ich lasse unruhige Situationen auch mal laufen, aber ich bleibe derjenige, der die Diskussion leitet.
Was war mit der vielkritisierten Ausgabe vor der Europawahl? Da haben Ihre Gäste zum Thema Rechtspopulismus irgendwann nur noch durcheinander gebrüllt. Haben Sie das laufen lassen oder das Heft aus der Hand gegeben?
(lacht) Ach, das war eine Runde voller Alphatiere im Wahlkampf, die den Stand der aktuellen Polarisierung ganz gut abgebildet hat. Wenn die so wie damals wild durcheinanderreden, ist zwar weder dem Panel noch dem Publikum geholfen, aber zwischendurch finde ich so etwas ganz okay.
Weil es die Enthemmung gesellschaftlicher Diskurse zeigt?
Genau. Das ist die Realität. Ob ich die Diskussion zu lange laufen gelassen habe, kann man diskutieren. Aber da halte ich es mit Armin Wolf, der meinte, er habe noch nie ein Interview geführt, mit dem er voll zufrieden war. Das war ich auch noch nie. Ich lerne ständig dazu.
Vielleicht kokettiert die legendär hartnäckige Interview-Ikone vom ORF da ein bisschen. Haben Sie Vorbilder wie ihn?
Nicht einzelne Personen. Aber bei Ikonen wie Armin Wolf oder auch etwas weniger berühmten Kolleginnen und Kollegen schaue ich mir gern an, was die gut machen, und nehme es für meine Arbeit mit. Dabei geht es nicht ums Kopieren, sondern ums Reflektieren. Anderen gezielt nachzueifern, hilft nicht dabei, seinen eigenen Stil zu finden.
Der WDR hat sich sicher von Ihnen erhofft, dass Sie den Stil eines Millennials mitbringen, der sowohl analog als auch digital sozialisiert wurde.
Vermutlich.
Wie kommt es, dass Ihre Medienkarriere bislang nahezu vollständig im linearen Fernsehen stattfindet?
Als ich Hart aber fair übernommen habe, wurde ich vom eigenen Umfeld oft gefragt, warum ich denn bitte Fernsehen mache (lacht). Aber damit bin ich nun mal aufgewachsen. Für mich übt es nach wie vor riesige Faszination aus. Ich will das nicht zu soziologisch deuten, aber in Zeiten, in denen Diskursräume zusehends fragmentieren und in Sozialen Medien ausfransen, ist die Zahl an medialen Orten überschaubar, wo Politik seriös und kontinuierlich verhandelt werden kann. Einer dieser Orte ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Gerade in sozialen Netzwerken erlebe ich häufig einen Austausch von Affekten statt von Argumenten. Da können gute Talkformate ein Gegenmodell sein. Wobei die Trennlinien verschwimmen.
In den Mediatheken zum Beispiel.
Genau. Deshalb war es von Beginn an unser Bestreben, parallel zur wöchentlichen Ausstrahlung im Ersten ein digitales Publikum aufzubauen. Da haben wir die Aufrufzahlen von Hart aber fair extrem gesteigert und versuchen, Digitales und Lineares zur verbinden – was wahnsinnig schwer ist.
Sie meinen den Mediathek-Ableger Hart aber fair to go.
Zum Beispiel. Aber auch, dass wir Diskurse auf anderen Plattformen lostreten. Unsere Sendung zum Thema Investoren-Einstieg in der Fußball-Bundesliga hat glaube ich mehr Tweets als jede Fernsehsendung zuvor nach sich gezogen. Das Lineare ist und bleibt auf längere Sicht Sprungbrett und Werbefenster für Inhalte aller Verbreitungswege. Insofern begreife ich mich schon als Moderator, der den Spagat zwischen linear und digital versucht.
Würde Hart aber fair mit Ihnen als Moderator auch nur linear funktionieren?
Gute Inhalte finden immer ihren Weg zu den Leuten. Das lineare Fernsehen ist deshalb so stark, weil bei uns rund zweieinhalb Millionen Menschen zeitgleich, nicht zeitversetzt dabei sind, also im gleichen Moment dasselbe Erlebnis haben. Danach wird dann viel mehr darüber geredet, geschrieben, gepostet. Ich sehe aber, wie oft diese Formate in ihren Möglichkeiten überhöht werden.
Stichwort Ersatzparlamente.
Über Talksendungen wird oftmals mehr berichtet als über wichtige Bundestagsdebatten. Auch die beste Talkshow wird nicht eigenständig wettmachen können, was an Vertrauen in unserer Demokratie in den letzten Jahren verloren gegangen ist. Im besten Falle kann ein guter Politik-Talk einen kleinen Teil dazu leisten, Vertrauen in Demokratie und Medien wiederherzustellen. Wenn beim Zuschauer das Gefühl entsteht, ein Problem und die Lösungen nun besser zu verstehen. Das ist es, wofür ich diesen Job mache.
Es klingt etwas platt, aber: Wollen Sie mit Ihrer Arbeit etwas bewegen?
Offensichtlich will Journalismus etwas bewegen. Journalismus will Transparenz herstellen, Erkenntnisgewinn schaffen, Macht hinterfragen und Missstände aufdecken. Das hat für mich etwas mit meinem Berufsverständnis eines Journalisten zu tun. Was mich wirklich umtreibt: Das Vertrauen in demokratische Institutionen und Qualitätsmedien bröckelt. Das ist eine Repräsentationskrise. Ich meine das durchaus selbstkritisch.
Inwiefern?
Wie unsere Demokratie funktioniert, nehmen Menschen über die Medien wahr. Aber die medialen Debatten entfremden die Menschen zunehmend von Politik und Parteien, der Demokratie und ihren Institutionen. Im Fernsehen oder anderswo haben Menschen das Gefühl, dass ihre Lebensrealität häufig nicht vorkommt. Die Themen fühlen sich oft weit weg von ihrer eigenen Wirklichkeit an. Meine Befürchtung ist, dass Talkshows diesen Vertrauensverlust nicht eindämmen, vielleicht tragen sie sogar ihren Teil dazu bei.
Sie laden auch Menschen ohne öffentliche Funktionen in Ihre Sendung ein und lesen Social-Media-Kommentare vor. Ist das der Versuch, dem entgegenzuwirken?
Das ist zumindest ein Hebel. Diskussionen unter Entscheidern über das Bürgergeld zum Beispiel verändern sich sofort, wenn jemand dazwischen sitzt, der oder die es bezieht oder vergibt. Pauschalisierungen und Allgemeinplätze funktionieren dann gleich viel, viel schlechter. Ein anderer Hebel sind Faktenchecks bereits während der Sendung oder Ergänzungen wie Hart aber fair to go, womit wir Transparenz über unsere Entscheidungen als Talkshowmacher schaffen. Warum laden wir bestimmte Leute ein? Warum wählen wir das eine, aber nicht das andere Thema? Transparenter in der eigenen Arbeit zu werden, mehr zu erklären, das ist für mich vertrauensbildend und im positiven Sinne öffentlich-rechtlich.
Während Vertreter*innen aus Parteien, Verbänden, Institutionen oder Fakultäten für relativ kleine Gruppen stehen, steht Lkw-Fahrer Jan aus der vergangenen Sendung für 80 Millionen. Wenn Sie Leute aus der Bevölkerung einladen, stimmen die Verhältnisse bei der Repräsentation nicht mehr.
Mhm.
Ist so ein Mensch aus dem sogenannten Volk nicht eher Feigenblatt als Repräsentation?
Das sehe ich anders. In meiner Sendung wird nicht unter hundert Polit-Profis mal einer eingeladen, der dann „für die Menschen” sprechen soll. Jede Sendung integriert Perspektiven aus verschiedensten Lebensrealitäten. Jemand wie Lkw-Fahrer Jan Labrenz ist dann dezidiert nicht da, um für 80 Millionen zu sprechen. Er muss gerade nicht für eine Partei oder Organisation sprechen. Er steht für sich. Das Schöne dabei: Gerade dann stellt sich oft heraus, wie viele sich mit dieser persönlichen und nahbaren Perspektive identifizieren können.
Die Süddeutsche kritisiert, Sie hätten ihn „degradiert“, weil er nicht bei den Profis Lamya Kaddor, Konstantin Kuhle, Wolfgang Niedecken oder Juli Zeh auf der Bühne saß, sondern im Publikum.
Hach, die Süddeutsche (lacht). Im Publikum sitzen ist keine Degradierung. Ich bin einen Tag lang mit Jan Labrenz in seinem LKW mitgefahren. Den Film haben wir in der Sendung gezeigt. Er hatte also eine herausgehobene Stellung. Wir hatten in der Sendung ja mehrere Themen und Jan Labrenz wollte, verständlicherweise, weder bei der Europawahl-Analyse noch bei der Debatte über Abschiebungen nach Afghanistan mitdiskutieren. Bei uns kommen Bürgerinnen und Bürger in unterschiedlichen Konstellationen zu Wort. Mal sitzen sie 75 Minuten mit am Panel. Mal kommen sie für kurze Impulse aus dem Publikum dazu. Je nachdem, was inhaltlich Sinn ergibt. Wobei wir nie behaupten, dass dann eine für alle spricht. Aber was mir bei dieser Frage wirklich wichtig ist: Ich verstehe Bürgerinnen und Bürger nicht in erster Linie als Betroffene.
Betroffene im Sinne von Opfern?
Ja. Mit die beste Expertise über einen Missstand haben doch diejenigen, die ihm ausgesetzt sind. Sie sind also nicht nur Betroffene, sondern vor allem Experten. Andererseits müssen Bürgergäste nicht zwangsläufig betroffen sein, sie können auch andere Expertise einbringen, etwa durch ihre Arbeit in Vereinen und Interessensgemeinschaften.
Um der Gefahr des Tokenism entgegenzuwirken, könnten Sie mehrere Normalbürger*innen einladen, die entgegengesetzte Positionen einnehmen.
Ganz wichtig. Finde ich super, haben wir ja auch schon oft getan und hat gut funktioniert. Es muss aber auch passen. Ein Gast wie der besagte Jan Labrenz hat die demoskopischen Erkenntnisse übers Rumoren in der Bevölkerung alleine gut auf den Punkt gebracht, als er meinte, er gehe auf dem Zahnfleisch. Andere Sendungen könnten womöglich mehr Leute vertragen. In der Runde zum Bürgergeld sagte ein Gast, es reiche nicht zum Leben, und ein anderer, die Erhöhung würde Arbeitswillige vom Arbeiten abhalten. Wichtig ist aber vor allem, dass wir nicht den Gegensatz die Politik gegen die Menschen aufbauen. Diese Vereinfachung ist im Panel ebenso wie beim Publikum denkfaul.
In einer Welt, wo selbsterklärte Expert*innen überall Fakenews verbreiten, sehnt sich das Publikum doch eher nach fundierter Expertise.
Vielleicht, aber das können auch ungeübte Talkshow-Gäste liefern. Darüber hinaus ist es fast unmöglich zu sagen, was das Publikum will. Dafür ist es viel zu heterogen und divers, und das ist gut so. Umso mehr empfinde ich es als Bereicherung, wenn jemand mal die Kommunikationsmuster von Politikprofis durchbricht.
Erwartet das Publikum eine gewisse Reife von einem Moderator?
(lacht) Reife?
Anders gefragt: Blicken Publikum, Gäste und Kritik skeptisch auf einen Mann Anfang 30, der es ohne entsprechende Ausbildung mit altgedienten Debattenprofis aufnimmt?
Wenn ich auf der Straße angesprochen werde, kommt nach „anfangs hätte ich Ihnen das gar nicht zugetraut“ oft „aber jetzt finde ich das gut, wie Sie das machen“. Kompetenz braucht nicht nur Erfahrung, sondern auch Gewohnheit. Und nach 22 Jahren Frank Plasberg brauchten die Leute ein bisschen, um sich an Louis Klamroth zu gewöhnen. Deshalb fand ich die Entscheidung des WDR, im angestrebten Verjüngungsprozess eine Generation zu überspringen und mich diese Sendung moderieren zu lassen, mutig.
Fast schon verwegen!
Aber es hat funktioniert, weil die Zuschauer und Zuschaurinnen sehen, dass ich thematisch gut vorbereitet und ehrlich interessiert bin. Ich will meine Sendung auf keinen Fall irgendwann routiniert runtermoderieren, ohne mich davon berühren zu lassen. Wir machen eine der meistgesehenen Politiksendungen im deutschen Fernsehen, während jede Woche eine Krise die nächste jagt. Es ist wichtig, dass wir uns fragen: Werden wir der Komplexität dieser Zeit gerecht und lassen wir genug Nuancen zu? Mir ist es ein Anliegen, nicht damit aufzuhören, solche Fragen zu stellen. Sollte mir das irgendwann nicht mehr gelingen, höre ich auf.
Wie gehen Sie damit um, dass jeder falsche Satz einen Shitstorm entfachen kann?
Für mich ist es bedeutend leichter damit umzugehen als für Politikerinnen und Politiker. Fehler passieren, damit kann ich umgehen – und tue es auch. Es ist in meinen Augen ein systemischer Widerspruch, dass wir von Politikern einerseits Fehlerfreiheit erwarten und auf der anderen Seite fordern, dass sie menschlich, spontan und lebensnah sprechen.
Haben Sie es eigentlich je bereut, sich so in der Öffentlichkeit zu exponieren und damit zum potenziellen Ziel von Hass und Hetze zu machen?
Nein. Ich habe meine Mechanismen mit Hass umzugehen.
Welche genau?
Jeder Hate-Post wird kategorisch verfolgt, sofern er juristisch angreifbar ist. Aber als weißer Mann habe ich damit auch weniger Probleme als weibliche Kolleginnen, die weitaus mehr im Feuer stehen.
Es folgt – Ehrenwort – die einzige Frage zu Ihrer Freundin Luisa Neubauer: Sie haben sich dazu entschieden, Ihre Beziehung selbst öffentlich zu machen und haben mit dem Medienmagazin DWDL darüber gesprochen. Warum?
Ich spreche grundsätzlich nicht über mein Privatleben. Und das bleibt auch in diesem Interview so.
Okay. Dann der Vollständigkeit halber noch die Frage aller Fragen: Sollte man die AfD einladen oder nicht?
Ich hatte die AfD bei n-tv zu Gast, ich hatte sie bei ProSieben zu Gast und ich hatte sie bei Hart aber fair zu Gast. Die Partei wird von vielen Menschen gewählt, das sehen wir in der Redaktion natürlich. Aber sie ist eben keine normale demokratische Partei. Sie wird in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft und wird bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet. Es stellt sich die Frage, ob die Partei oder Teile von ihr unser Grundgesetz aushebeln wollen. Das unterscheidet die AfD grundlegend von allen anderen demokratischen Parteien.
Mit welcher Konsequenz für Sie und Ihre Talkshow?
Dass wir von Sendung zu Sendung und Thema zu Thema entscheiden, wen wir einladen oder nicht. Eine Talkshow muss, was viele missverstehen, ja keinem Parteien- oder Meinungsproporz genügen. Gleichzeitig versucht sie in der Regel demokratische Debatten zu ermöglichen. Und da stellen wir uns gerade im Zuge der Rechercheergebnisse von Correctiv oder des Vorwurfs der Bestechlichkeit ranghoher AfD-Europapolitiker die Frage, wie wir mit einer teils undemokratischen Partei umgehen.
Die AfD würde in Ihrer Runde grundsätzlich alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Nicht zwangsläufig. Ich erinnere mich zum Beispiel an unsere Sendung, in der der wirtschaftspolitische Sprecher der AfD, Leif-Erik Holm, mit der Autoindustrie-Lobbyistin Hildegard Müller diskutierte. Das hat gut funktioniert. Aber es bleibt schwierig und kompliziert. Will man die Demokratiefeindlichkeit dieser Partei zum Thema machen, zieht das automatisch Aufmerksamkeit von anderen Themen.
Persönlich hätten Sie aber keine Angst vor dem Streit mit Alice Weidel oder Maximilian Krah?
Ich gehe nie mit Angst in irgendein Gespräch. Aber die Frage hat sich mir bisher auch nicht gestellt. Wir haben weder Maximilian Krah noch Alice Weidel in die Sendung eingeladen

