Kloeppels Abschied & Amazons Ringe

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. August

Schwer zu sagen, was an unserer dystopisch-disruptiven Epoche deprimierender ist: Dass die rechte Wut-Bubble den Täter des Solinger Attentats mit einem Dutzend Toten und Schwerverletzten reflexhaft unter Geflüchteten ausmacht oder dass sie damit offenbar sogar recht behält. Tatsache bleibt: Der mediale Diskurs büßt seine Funktion als verlässlicher Realitätskurtor ein, die ordnende Wirkung seriöser Berichterstattung verblasst. Information ist Krieg.

Kein Wunder, dass nach der Landtagswahl in Thüringen – die Zivilgesellschaft und Medien am kommenden Sonntag zumindest östlich der Elbe den Garaus machen dürfte – ein Kriegsberichterstatter beim früheren Kanzler-Kanal Sat1 sein eigenes Fernsehformat erhält: Ronzheimer. Im publizistischen Irrenhaus Bild-Zeitung gilt der krisenerprobte Reporter namens Paul zwar bereits als relativ vernünftig. Auch er allerdings betrachtet Auseinandersetzungen per se als Schlachtfelder.

Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse, wir gegen die – so handhaben es auch die User von Pawel Durow Fakenews-Inkubator Telegram, der für mangelnde Administration nun in Frankreich festgenommen wurde. Zu Recht? Zwischentöne jedenfalls fehlen bei Messengern oft ebenso wie auf AfD-Wahlpartys. Vor Björn Höckes erwartetem Sieg hat die Thüringer Parteizentrale daher mehrere Leitmedien vom Spiegel über die Welt bis zur Süddeutschen Zeitung die Akkreditierung versagt.

Wegen der Präsenz großer Fernsehsender habe der Saal angeblich Kapazitätsprobleme – wenngleich keine so großen, dass die Junge Freiheit nicht hineinpassen würde. Ob die Dokusoap-Granate Melanie Sieg Heil Müller nach ihrer Verurteilung fürs Hitlergrüßen vor mutmaßlichen AfD-Fans Zutritt erhält, ist ungeklärt. Aber wer definitiv draußen bleibt, sind Peter Kloeppel und Ulrike von der Groeben. Nach 4850 Sendungen in mehr als 32 Jahren hat das Nachrichtenduo vorigen Freitag zum letzten Mal RTL aktuell moderiert.

Neben dem Rekordeintrag ins Guinness-Buch als Longest Serving National News Anchor Duo hinterlassen sie dem Genre damit eine Seriositätslücke, die im aufmerksamkeitsheischenden Privatfunk womöglich niemand so schnell wieder füllen wird – obwohl wir den zwei Neuen Andreas von Thien und Roberta Bieling natürlich nur das Beste wünschen. So wie der RTL-Daily Alles was zählt, die Donnerstag volljährig wird.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

26. August – 1. September

Sieben Jahre jünger ist das liebevoll zynische Filmgemetzel SchleFaZ, in dem Oliver Kalkofe und Peter Rütten ab Freitag bei Nitro statt Tele5 B- bis D-Movies erst zeigen, dann zerlegen. Wobei der fetteste Neustart bei Amazon Prime läuft. Tags zuvor gehen die Ringe der Macht in Staffel 2, was ähnlich wie die Fortsetzung vom House of the Dragon zwar ein wenig unter der anschwellenden Komplexität leidet, aber grandios in Szene gesetzt wurde. Terminator Zero wiederum leidet parallel dagegen unterm Format.

Netflix vermengt die bislang acht Sequels, Prequels, Reboots, Spin-Offs mit oder ohne Arnold Schwarzeneggers Ur-Cyborg schließlich zehnmal 30 Minuten zur Anime-Serie im Manga-Stil. Den Vorgängern fügt das inhaltlich zwar nichts hinzu, verliert sich aber in genretypischer Melancholie. Ist also das Gegenteil der HBO-Serie Peacemaker, die ab Sonntag bei Prime das Superhelden-Fach mit einer großen Portion Selbstironie aufs Korn nimmt.

Oder der englischen Netflix-Serie Kaos, in der Jeff Goldblums paranoider Göttervater Zeus drei Normalsterbliche nutzt, um den Olymp zu retten – und dabei mit Widerständen wie Gleichberechtigung und Wokeness ringt. Warum die Roman-Adaption A Good Girls Guide to Murder ab Freitag nur hierzulande nicht bei Netflix, sondern Neo läuft, unterliegt womöglich der Vertragsschweigepflicht beider Parteien.

Für Fans emotional verworrener Highschool-Krimis ist der Sechsteiler um die 17-jährige Britin Pip (Emma Myers) beim Versuch, einen Cold Case an ihrer Schule zu lösen, hier wie dort perfekte Young-Adult-Kost. Souveräne Crime-Kost ist das Spin-Off der Karibik-Serie Death in Paradise. Für Beyond Paradise kehrt Inspector Goodman (Kris Marshall) Samstag sechs Folgen lang in der ZDF-Mediathek nach England zurück.

Außerdem im Angebot: Ein zweistündiges Paramount-Porträt von Bob Marley (Freitag) und eine sechsteilige Sketch-Reihe der ARD-Mediathek (Donnerstag) von und mit Jakob Leube, Freddy Radeke, Lea Finn sowie einer verblüffenden Zahl ziemlich prominenter Episodenstars wie Negah Amiri, Jan Josef Liefers, Linda Zervakis, Kostja Ullmann, die den dümmlichen Titel Gags – Comedy Deluxe echt nicht verdient hat.


Musks Buddy & Kebekus Kids

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. August

Die Medienbranche muss sich seit vorigem Dienstag um ihre Vormachtstellung innerhalb der Informationsbranche sorgen, und nein – dass lag nicht daran, dass mit Richard Mörtel Lugner ein jahrzehntelanger Lieferant leicht bekömmlicher, clicksicherer News weggestorben ist. Es lag natürlich an Elon Musk. In seinem rund zweistündigen Gespräch mit Donald Trump hat er vor 1,3 Millionen X-Usern schließlich vielerlei bewiesen.

Er ist der weltbeste Journalist auf der weltreichweitenstärksten Plattform mit der weltfehlerfreiesten Technik für weltanspruchsvolle Werbekunden. Wer die vier hier enthaltenen Fehler entdeckt, darf beim Wiener Opernball 2025 am Mörtel-Lugner-Lookalike-Wettbewerb teilnehmen oder wahlweise in der Kommentarspalte einer geplanten ZDF-Sendung mit dem Focus-Populisten Jan Fleischhauer zwei Stunden lang über linksgrünversiffte Genderideologie herziehen.

Die Auflösung: Elon Musks „Interview“ war ungefähr so faktenbasiert, also journalistische wie ein AfD-Plakat im sächsischen Wahlkampf. Seiner heruntergewirtschafteten Twitter-Ruine X läuft die lesende (also hetzende) Kundschaft auch deshalb in Scharen weg, weil die 40-minütige Verspätung der Trump-Show gewiss keine Cyberattacke, sondern veraltete Technik zugrunde lag, auf der immer weniger seriöse Unternehmen im Umfeld rechtsextremer Hetze werben wollen.

Außer solche wie Jürgen Elsässers rechtsextremes Verschwörungsfanzine Compact, das einen fiesen kleinen Sieg über die Vernunft eingefahren hat. Das Bundesverwaltungsgericht hat Nancy Faesers schlampig formuliertes Verbot der Wirtschaftseinheit dahinter kassiert. Aus Formgründen zwar, weshalb ihr Verdikt in nächster Instanz Bestand haben könnte. Bis dahin aber knallen in Elsässers blaubraunem Sumpf die Sektkorken. Ein Sound, der beim Online-Buchhändler (und damit Amazon-Vorgänger) Weltbild nicht zu hören war.

Nach fast 80 Jahren am Printmarkt und vergeblicher Investorensuche sind Verlag und Versand endgültig pleite. Schwere Zeiten überall. Die Promis aller Art, sofern sie karitativ tätig werden, vor allem kulleräugig angehen. So wie Carolin Kebekus gutgemeinte, aber wohlfeile Hilfsaktion #KINDERstören für die Rechte der Kleinsten. Für derlei Empathie-Trigger verschiebt das Erste sogar seine Premium-Fiktion, den Tatort.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

19. – 25. August

Die Premium-Fiktion auf Prime heißt dagegen: Perfekt verpasst. Das Team von How To Sell Drugs Online (Fast) lässt darin Bastian Pastewka und Anke Engelke gerade donnerstags achtmal 30 Minuten auf engstem Raum der Mittelstadt Marburg aneinander vorbeileben. Von der Idee her witzig, erschöpft sich die Titelstory zwar gelegentlich in arg kindischem Humor. Die Zwickmühle der zivilisationsmüden Generation X zwischen Nostalgie und Digitalisierung allerdings wird mit feiner Klinge seziert.

Richtig in die Hose geht hingegen die japanische Version der anarchistischen Warner-Serie Rick and Morty. Während das US-Anime seit Jahren verlässlich für absurden Aberwitz mit hohem Tempo und origineller Punchline glänzt, verliert sich der Ableger in melodramatischer Manga-Ästhetik, die alle außer Cosplay-Fans vermutlich langweilt. Dann doch lieber täglich zur besten Sendezeit bei RTL die Dschungel-Allstars beim Dschungel-Allstars-Sein beobachten.

Alter Wein in neuen Schläuchen, popkulturell aufgeblasen und dadurch auf belanglose Art unterhaltsam also – wie das, was die ARD ab heute in der 3069. Staffel Sturm der Liebe verbreitet, wo ab November kein Geringerer als Bruce Darnell ein paar Gastauftritte hat. Was im kratertief klaffenden Sommerloch wirklich neu ist demgegenüber Carl Hiassen’s Bad Monkey bei Apple TV+, wo sich Vince Vaughn zehn Teile lang als Ex-Cop auf Exil-Ermittlungstour in Amerikas Provinz befindet.


Supersemppft, Pom Poko, Smashing Pumpkins

Supersempfft

Der popkulturelle Mainstream steckt in einer Zwickmühle. Seit langem schon. Man könnte ihn gut an der Diskrepanz zwischen Wave und Electronica oder Punk und Techno. Während erstere auf filigrane Art ihre Ernsthaftigkeit zelebrieren, sind letztere gern in schlichter Weise unernst. Zwischentöne? So selten, dass man in der Geschichte manchmal rückwärts reisen muss, um sie zu finden. Bei Supersempfft zum Beispiel.

Kennt hier niemand? Kann sich ändern. Denn Bureau B bringt das Debütalbum des hessischen Duos neu heraus und zeigt darin, wie verspielt technoid-waviger Electropunk 1979 war. Roboterwerke ist von vorne bis hinten ein so futuristischer Ritt durch die damals noch neue Welt analog-artifizieller Klänge, dass trotz Glamrock- und Retrofunk-Sequenzen praktisch kein Stück davon schlecht gealtert ist.

Supersempfft – Roboterwerke (Bureau B)

Pom Poko

Wenn jemand sagt, irgendwer sei erwachsen geworden, ist Vorsicht angeraten – impliziert es doch den Vorwurf, der oder die Erwachsene sei vorher für was auch immer noch nicht reif gewesen. Und das war bei der norwegischen Noisepop-Band Pom Poko definitiv nicht der Fall, als sie 2019 ihr erstes Album gemacht haben. Birthday – und mehr noch Cheater zwei Jahre später – sind zwar verworrene Krachsinfonien, in ihrer Absurdität aber ungemein clever und geistreich.

Trotzdem hat sich das Quartett auf Champion spürbar weiterentwickelt. Die 3:33-Minuten-Metrik ihrer scheppernd schönen Gitarrengespinste wirken konzentrierter, der dialektische Engelsgesang von Texterin Ragnhild Fangel Jamtveit kommt darin besser zur Geltung. Alles wirkt ein bisschen geerdeter, ohne an experimenteller Courage zu verlieren. Die elf Stücke daher, bei Musik nicht zu unterschätzen, kann man daher auch mal einfach nebenbei hören. Und sich sauwohl dabei fühlen. Toll!

Pom Poko – Champion (Bella Union)

Smashing Pumpkins

Man kann gar nicht oft genug betonen, welche überragende Bedeutung Smashing Pumpkins für die heutige Musik im Allgemeinen und ihr Publikum im Besonderen haben. Fragiles Gefühl in so brachialen Sound zu packen, hat Abermillionen ambivalente, geschlechterdiverse, unbehauste Persönlichkeiten vervollkommnet. Schön, dass sich die Grunge-Band 33 Jahre nach Gish und 24 seit der Reunion endlich wieder daran erinnert.

Bis auf Bassistin D’Arcy in Originalbesetzung, lassen es Billy Corgan, James Iha und Jimmy Chamberlin wieder sensibel krachen. Klar – Aghori Mhori Mei erreicht nie die elegische Wucht von Siamese Dream. Aber es verkneift sich die altersweisen Versuche, intellektueller zu klingen als nötig. Mit Gitarrengewittern wie Edin und Sighommi oder das metallische War Dreams of Itself bleiben sich Smashing Pumpkins treu, werden trotz des verstiegenen Titels aber auch endlich wieder wahrhaftig.

Aghori Mhori Mei (Martha’s Music)


Partyschlager-Doku: Layla & Rendite

Chartsturm dank Shitstorm

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Die ZDF-Doku Partyschlager erklärt das hochprofitable Phänomen sexistisch versoffener Ballermann-Hits und fördert dabei viel Erwartbares, aber auch Überraschendes, zutage.

Von Jan Freitag

Es gibt nur wenig im menschlichen Miteinander, das leichter auffliegt als offensichtliche Heuchelei. Mitte 2022 zum Beispiel besang der Ballermann-Poet Schürze zum Kirmestechno von DJ Robin eine Puffmutter namens Layla, die „schöner, jünger, geiler“ sei. Das war weder subtil noch sonderlich emanzipiert. Vor allem aber war es nur mäßig erfolgreich – bis das bundesdeutsche Spießbürgertum den Einwegsong zum Evergreen der eigenen Scheinheiligkeit kürte.

Drei Titelstorys der Bild und zahllose RTL-Berichte, 30 Wochen Hitparade am Stück, bei gut 143 Millionen Streams und Downloads: Ohne die Erregung vieler Tugendwächter und noch mehr Tugendwächterverächter, sagt Schürze in der ZDF-Mediathek, hätte sich sein vergleichsweise gedämpft sexistisches Schunkellied kaum zweieinhalb Monate auf Platz 1 gehalten. Doch „je mehr es verbiete wolltet“, schwäbelt Michael Müller, wie er im Ausweis heißt, „desto mehr habet direkt gegesteuert.“ Also geladen, gehört und mitgebrüllt.

Chartsturm dank Shitstorm: für diese Theorie kriegt der, nun ja, Künstler sogar akademische Unterstützung. In der dreiteiligen Doku Partyschlager redet Prof. Gregor Herzberg, Dozent für populäre Musik an der Uni Regensburg, von einem „Stellvertreterkrieg“, den die Mehrheitsgesellschaft gegen ihre kulturellen Ränder führt. Ein Stück wie Layla dient demnach nur als Ventil für die generelle Geringschätzung der Titelmelodie von Maria Burges‘ sehenswerter Serie.

Wer Partyschlager nicht kennt: so heißen Volkslieder von Helene Fischer bis Roland Kaiser mit einer hochbeschleunigten Extraladung Sex’n’Alk’n’Ballermann. Ein kulturelles Phänomen. Vor allem aber betriebswirtschaftliches. Obwohl sich absolut jeder Malle-Song mit 119-125 beats per minute im Viervierteltakt um dasselbe (meist das eine) dreht, verdienen sich Bierzeltlegenden wie Ikke Hüftgold, Isa Glück oder Micky Krause damit nämlich dumm und dämlich.

Allein die zehn Tophits der Spitzenverdiener zählen bei minimalen Herstellungskosten sagenhafte 758 Millionen Spotify-Abrufe. Plus Merchandising, Lizenzabsätze und 2500 Festivals vom Mecklenburger Schützenhaus bis zur Arena auf Schalke summiert sich der jährliche Gesamtumsatz zur halben Milliarde Euro aufwärts. Und zwar dank zotiger Texte, die Matthias Distel zufolge „mit drei Promille so leicht sein“ sollten, dass „selbst der Vollste an der Playa“ sie noch mitgrölen könne. Er muss es ja wissen.

Distels Label Summerfield produziert nicht nur misogyne Marschmusik à la Layla, sondern auch sein Alter Ego Ikke Hüftgold – eine Kunstfigur mit Zottelperücke, der Deutschlands Schnapsbrennereien vermutlich Altare errichten, so fördert sie toxischen Alkoholmissbrauch enthemmter, meist junger Kerle. Alles richtig, alles aber auch etwas wohlfeil für eine 135-minütige Milieustudie auf der Suche nach soziokultureller Einsicht.

Deshalb dringt Maria Burges tiefer ins Metier lukrativer Nach-mir-die-Sintflut-Hymnen ein und entdeckt Überraschendes. Die „erste farbige Partyschlagerkünstlerin in der Branche seit Roberto Blanco“, wie sich Malin Mensah alias Malin Brown bezeichnet. Oder ihre Kollegin Nancy Franck, die es mit Partykrachern ohne Saufen in obere Gehaltsklassen bringt, wo Stefan Scheichel-Gierten, Kampfname Lorenz Büffel, verblüffend offen einräumt: „Ich muss für den Veranstalter Umsatz bringen, nicht mehr und nicht weniger.“

Diese klaren Worte verleihen Partyschlager Wahrhaftigkeit in einer Branche, an der sonst das wenigste echt ist und gerade deshalb profitabel. Noch. Denn im dritten Teil, der passenderweise „Schöner, jünger, geiler“ heißt, sprechen die Profiteure Tacheles. „Der Zenit ist erreicht“, unkt Ikke Hüftgold und erklärt es mit „vielleicht noch drei Millionen Umsatz“, die er 2024 „mit ‘ner Tour und 164 Auftritten macht“. Da selbst Nachwuchskräfte nun vierstellige Gagen pro Auftritt verlangen, werde sich ein Markt bereinigen, „der seit Layla völlig aufgeblasen wurde“. Einerseits.

Andererseits lehrt uns schon die 1. Folge „Gute-Laune-Hits vom Fließband“ viel übers Preis-Leistungs-Verhältnis im Ballermann-Biz. Zwischen Après-Ski und El Arenal lädt Distels Label schließlich jedes Frühjahr 30 Fabrikanten und Interpreten auf die Almhütte, um in Windeseile 100 Partyschlager herzustellen. Klingt verwegen, ist realistisch. Immerhin klingt jeder exakt wie der nächste, alles andere als schöner, jünger, geiler also. Aber variabel genug für die (längst nicht mehr nur männliche) Stammklientel von 15 und 35 mit 1,5-3,5 Promille im Blut. Oder wie der Szenestar Isa Glück singen würde: „Das Leben ist ‚‘ne Party, dabdadadab“.

Partyschlager – dreimal 45 Minuten, in der ZDF-Mediathek und am 8. August, 20.15 Uhr bei ZDFinfo


Bachs Bilder & Ballermanns Schlager

Die Gebrauchtwoche

TV

29. Juli – 4. August

Gefangene aus totalitärer Haft zu holen, ist ein humanistisches Gebot, das Rechtstaaten selbst im Tausch gegen Gefangene in demokratischer Haft anwenden sollten. Aktuell fragt sich nur, was es mit Ina Ruck, Armin Coerper oder auch Rainer Munz macht, wenn ihre Regierung unschuldige Kollegen wie Wladimir Kara-Mursa und Evan Gershkovich für schuldige Agenten wie den Kreml-Killer Wadim Krassikow aus Wladimir Putins Kerkern holt.

Weil er mit der Häftlingsrochade Erfolg hatte, leben westliche Journalist*innen künftig wohl noch gefährlicher als ohnehin in Russlands Diktatur. Da wäre es wenig überraschend, falls bald unvermittelt Drogen oder Umsturzpläne im Handgepäck der drei erwähnten Korrespondent*innen von ARD, ZDF und RTL in Moskau auftauchen, um weitere Staatsterroristen als Faustpfände freizupressen.

Auch der Zeitpunkt des Gefangenenaustauschs dürfte nicht zufällig sein. Während die zivilisierte Welt gebannt auf Paris schaut, wo – hier stimmt es endlich – einmalige Sommerspiele stattfinden, kriegt die russische Öffentlichkeit davon nichts mit, weil dortige Medien nicht von Olympia berichten. Also auch keine Bilder zeigen, die der IOC vorsortiert wie beim Fußball, wo das jubelnde Publikum so oft im Bild ist, dass man vom Sport wenig mitkriegt.

Dirk Bachs Botschaft lautet halt immer: alles so schön bunt hier. Alles so spektakulär wie Jerome Brouillets Foto vom fliegenden Surfer Gabriel Medina vor Tahiti. Alles so poetisch wie Carsten Sostmeiers blumige Kommentare beim Vielseitigkeitsreiten von Versailles. Alles so stereotyp wie deutsche Fieldreporter, die notorisch fragen, wie glücklich oder enttäuscht glückliche oder enttäuschte Athleten sind. Ausnahme: Sven Voss, der als einziger offene Fragen stellt und seinem Journalistenausweis daher zu Recht besitzt.

Einen Reichsbürgerpass scheint dagegen Melanie Müller zu haben, die bei einer dunkeldeutschen Party den Hitlergruß zeigte – wofür ihr RTL die 8. Staffel Dschungelcamp inklusive Müllers Volksgenossen Michael Wendler aufs Portal stellt. Dass Stefan Niggemeier die Correctiv!-Recherchen zur neurechten Migrationsfantasie von Potsdam parallel dazu als fehlerhaft bezeichnet, dürfte die AfD da genauso freuen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

5. – 11. August

Worüber sich die AfD sonst noch freut, versucht Eva Schulz ab heute in der ZDF-Mediathek zu erkunden. Für den Reportagedreiteiler Deutschland, warum bist du so? reist die Stimme der Generation Y heute durch Thüringen, Brandenburg, Sachsen auf der Suche nach Antworten im Angesicht drohender AfD-Siege bei dortigen Landtagswahlen.

Sie fallen vorwiegend beunruhigend aus, sind auf evaschulzige Art aber ziemlich erhellend. So wie fünf Milieustudien der ARD-Rechercheure Y-Kollektiv parallel in der Mediathek. Oder wie eine vermeintlich weniger politische ZDF-Doku namens Partyschlager, deren Analyse besoffen-sexistischer Ballermann-Hymnen viel übers aktuelle Lebensgefühl der Generation Nach-mir-die-Sintflut aussagt.

Bei so viel unappetitlicher Scheinrealität lohnt sich dann doch noch ein genauer Blick in die Fiktionen der Woche. Am Dienstag etwa stellt Sky in Elsbeth eine Hauptfigur der juristischen Politdramaserie Good Wife in den Mittelpunkt eines gelungenen Spin-Offs. Am Donnerstag setzt Netflix die melodramatische Mystery-Serie Umbrella Society mit der vierten Staffel fort.

Am Freitag dann startet bei Apple der Heist-Movie The Investigators mit Ex-Ocean’s Eleven Matt Damon als Überfallsvirtuose. Am Sonntag zeigt Wow die achtteilige Coming-of-Age-Knast-Bestseller-Verfilmung Fallen. Und das deutsch-französische Hochseedrama Die Yacht rundet all dies zeitgleich mit viel maritimem Flair in der ZDF-Mediathek ab.


Bartels Girl & Apples Women

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. Juli

Tom Bartels ist sprachlos. Und er spricht davon. Wer hier einen Widerspruch entdeckt: Richtig gefunden. Als der ARD-Moderotor mit seiner Kollegin Friederike Hofmann am Freitagabend die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele übertragen hat, konnten beide nämlich noch so oft betonen, wie ihnen angesichts einer überwältigenden Feier die Worte fehlen – sie packten genau das in einen so lückenlosen Wortschwall, dass man sich die unkommentierte Stadion-Spur von Sky wünschte oder wahlweise zu Eurosport zappte.

Nur – da mag Siggi Heinrich ein bisschen zurückhaltender geredet haben; zu viel der Worte war es auch dort, weil Besserwissende der sozialmedialen Zukunftsgegenwart eben alles zwanghaft deuten – vor allem das Offensichtliche. Gerade deshalb hätte es ein großer Moment dieser – im Internet natürlich zornesrot kommentierten – Kommentarkatastrophe werden können, dass Bartels die finale Fackel-Trägerin Marie-José Pérec nebst Teddy Riner nicht erkannt hatte.

Aber was tat die allwissenwollende Müllhalde, statt es einfach mal einzuräumen? Sie fragt bei offenem Mikro internationale Kollegen „who’s that girl“. Betonung auf „Mädchen“, das – auch davon sprach Tom Bartels mindestens vierhundertsechsundachtzigmal – wirklich schlechtes Wetter erwischt hatte. Aber gut, es ist das Megasportereignis der Saison. Wichtiger als die Formel 1, dessen Ergebnis die Tagesthemen auch zwei Stunden nach Rennende noch falsch vermeldeten.

Wie schön, dass wenigstens Susanne Daubner wie im ARD-Morgenmagazin vor anderthalb Jahren mal wieder für ausgelassene Heiterkeit sorgte, als sie sich beim Verlesen eines olympischen Fußballergebnisses sekundenlang kaum einkriegte. Jene Nachrichtensprecherin also, die regelmäßig digitale Berühmtheit erlangt, wenn sie mal wieder Jugendwörter aufsagt. Das neueste allerdings führte sie bislang nicht im Mund: Talahon.

So heißen seit neuestem junge, tendenziell migrantisch geprägte Männer, die der Begriff kennzeichnen soll, wie so oft aber vorerst mal stigmatisiert. In den herrschenden Diskurs hat er es daher schneller geschafft, als man „herkunftssensible Sprache“ aufsagen kann oder wahlweise eine der wenigen Erstausstrahlungen dieser Woche.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

29. Juli – 4. August

Bemerkenswert ist daran nämlich vor allem eine: die mexikanische Tragikomödie Women in Blue. Damit sind vier Frauen gemeint, die in der zutiefst sexistischen Macho-Kultur des mittelamerikanischen Landes Teil einer rein weiblichen Polizeieinheit werden. Für die Betroffenen ein großer Schritt, erweist sich die (tatsächlich erfolgte) Gründung zwar als Feigenblatt, um vom Versagen ihrer Kollegen im Fall eines Serienkillers abzulenken.

Aber wenn das Quartett die PR-Finte nicht zur emanzipatorischen Selbstermächtigung nutzen würde, hätte es ab Mittwoch bei Apple TV+ kaum zehn Teile à 55 Minuten Zeit, den Spieß umzudrehen. Zum Glück. Denn Las Azules, wie sie auf Spanisch heißen, ist auf voller Länge ein gelungenes Kostümfest des TV-Empowerments mit Thriller-Elementen. Und am Ende, keine Sorge, wird der Täter geschnappt. So wie beim Mord ohne Sühne in der ARD-Mediathek – wenngleich mit Verspätung.

Erst 30 Jahre, nachdem er Frederike von Möhlmann 1981 getötet hatte, wird der Anfangsverdächtige überführt. Und was dazwischen geschah, deckt die dreiteilige Real-Crime-Doku parallel zu Las Azules auf. Sky geht danach zwei etwas anderen Phänomenen auf den Grund. Am Freitag wird die Geschichte der Disco mit viel Musik und Tamtam nachgezeichnet. Samstag folgt The Truth vs. Alex Jones um den rechtsradikalen Talk-Radio-Star, der für seine Leugnung des Sandy-Hook-Massakers zu einer Milliardenzahlung verurteilt wurde.

Zu guter Letzt zwei Serien: Am Donnerstag startet bei Prime Video Caped Crusader, ein animierter Batman also, der zehn Teile lang auf den endlosen DC-Zug springt. Anspruchsvoller dürfte da die Fortsetzung der grandiosen Echtzeit-Serie In Her Car um eine Ukrainerin sein, die ab Freitag in der ZDF-Mediathek mit ihrem Auto Landsleute vorm russischen Vernichtungskrieg in Sicherheit bringt.


Faesers Compact & Haase Kleo

Die Gebrauchtwoche

TV

15. – 21. Juli

Zensur! Das brüllen aktuell alle, die für ihre Meinungen keine bedingungslose Zustimmung ernten. Zensur brüllen jetzt also auch jene, die Nancy Faesers Verbot von Jürgen Elsässers AfD-Fanzine (und das der Polizei Jena) Compact kritisieren. Weil es sich um staatliches Handeln handelt, ist der Begriff dabei nicht mal grundlegend falsch, aber Teil jener Selbstzensur, die rechte Publizistik inhaltlich betreibt. Gut zu beobachten in den USA.

Dort wurde übers Attentat auf Donald Trump nur in einer Handvoll Medien objektiv berichtet. Fox zum Beispiel hat vornehmlich jene 15 Dollar thematisiert, die der Attentäter einer liberalen Wahlinitiative als Teenager überwiesen hatte. Seine Registrierung als Republikaner blieb dagegen unerwähnt. So ging es oft zu in einer Öffentlichkeit, der Trumps gereckte Faust das ikonischste Politiker-Bild seit Bushs Blick ins Leere 9/11 schenkte. Da konnte ein Elon Musk natürlich nicht stillsitzen.

Der hat sich nun auch offiziell auf Trumps Seite geschlagen und das Verbot der Compact auch deshalb – siehe oben – als staatliche Zensur verurteilt. Was den X-Populisten allerdings nicht daran hindert, staatliche Zensur von Sebastian Hotz zu fordern. Unabhängig von der ethischen Frage, ob angehende Tyrannen wirklich dieselbe Pietät verdienen wie, sagen wir, ukrainische Kriegsopfer, legen El Hotzos unappetitlichen Trump-Tweets den Finger in die Wunde öffentlich-rechtlicher Scheinheiligkeit.

Denn dass der rbb den Komiker rausgeworfen hat, wirft die Frage auf, warum Dieter Nuhr beim selben Sender unlängst ungestraft vorschlagen durfte, Messerattentäter – in seiner Welt Muslime – einzuschläfern. Der Stern hat dazu eine Liste all jener ARD-Promis erstellt, die gern rassistisch, sexistisch, völkisch und/oder antisemitisch agitieren, ohne dafür gecancelt zu werden. Wäre Jan Böhmermann nicht in der Sommerpause, hätte er dazu sicher etwas zu sagen.

Ebenso wie zum Landgericht Dresden, das dem sächsischen Imker Rico Heinzig erlaubt, Böhmermanns Konterfei weiter auf Honiggläser zu drucken. Oder zum Kollaps globaler Kommunikationsnetze infolge eines schadhaften Updates. Oder den FX-Fernsehserien The Bear und Shogun, die zusammen sensationelle 46-mal für Disney+ bei den Emmys nominiert sind.

Die Frischwoche

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22. – 28. Juli

Wer vermutlich völlig zu Unrecht wieder leer ausgeht, ist dagegen Kleo. In der zweiten Staffel erreicht Jella Haase als unverdauliche Doppelt- bis Dreifachagentin in eigener Sache zwischen den Wiedervereinigungsstühlen zwar nicht ganz das Niveau der ersten. Aber auch die Fortsetzung stellt ab Donnerstag bei Netflix diverse Regeln des Spionage-Action-Genres so lässig auf den Kopf, dass jede Minute davon – abermals vor allem wegen Dimitrij Schaad gewaltigen Spaß bereitet.

Gleiches gilt überraschend auch fürs Remake von Terry Gilliams Time Bandits. Mit sich selbst als Gut/Gott und Böse/Teufel haben die beiden Showrunner Taika Waititi (Reservation Dogs) und Jemaine Clement (Flight of the Conchords) den Fantasy-Film von 1981 in ein achtteiliges Feuerwerk der Absurditäten verwandelt, das ab Mittwoch bei Apple TV+ sogar ein paar seiner damaligen Makel verliert

Übrigens auch, weil die Titelfiguren keine Kleinwüchsigen sind, die mithilfe des kleinen Kevin auf Raubzug durch Raum und Zeit reisen. Tags drauf bedient sich auch Netflix bei Monty Python. The Decameron macht die Pest anno 1348 zum Thema einer Serien-Groteske, in der buchstäblich keine Gefangenen gemacht werden, aber reichlich Witze auf Kosten Schwächerer. Mal sehen, ob das funktioniert.

Letzteres beweist heute im Ersten der Eberhoferkrimi. Natürlich muss man den bayerischen Mundart-Humor mögen. Aber auch Rehragout-Rendezvous glänzt durch schlagfertige Lässigkeit, also: gute Bücher. Die sechsteilige Bushido-Huldigung Back on Track finden dagegen ab Dienstag bei FreeVee vermutlich nur Fans erträglich. Ebenso wie die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele am Freitag.


Knarre, Angélica Garcia, Baby You Know

Knarre

Punkrock ist ja kein Punkrock, weil er von Punks gemacht wird. Punkrock ist Punkrock, weil er auf wohlige Weise wehtut. In den Ohren. In den Augen. Im Herz. Im Hirn. Weil er zugleich banal und politisch sein kann, betroffen und eskapistisch, bedeutungsschwanger und egal – alles ziemlich gut kompiliert in der Berliner Punkrockband mit dem berlinernden Punkrockbandnamen Knarre, die ein bisschen mehr als nur an Turbostaat erinnert.

https://www.youtube.com/watch?v=B81U2EJkOvs

Wenn Sänger Daniel P. im zweiten Album Hundeleben “Du bist die Alpen / und ich bin Brandenburg / Du bist das Meer / und ich bin der Baggersee” über scheppernde Gitarren und beckenlastige Drums brüllt, klingt er schon ganz schön nach Jan W., aber egal. Die acht Lieder über Liebe und ihre Dornen dengeln uns ihre ganz eigene Metrik ins Gemüt und wühlen es mit disruptiver Emotionalität auf. Live ist das ein Unwetter, aber auch konserviert noch gewittrig gut.

Knarre – Hundeleben (Through Love Rec.)

Angélica Garcia

So ganz, also wirklich komplett was anderes ist das neue Album der Experimentalpop-Kuratorin Angélica Garcia. Auf dem Nachfolger ihres gefeierten Debütalbums Cha Cha Palace hat die Kalifornierin ihre mittelamerikanische Herkunft ein bisschen versteckt. Gemelo dagegen ist nahezu komplett auf Spanisch und thematisiert ihre Wurzeln in Mexico und El Salvador auch musikalisch. Manchmal klingt es daher fast folkloristisch, wenn sie metaphorisch zwischen Geist und Körper, Bauch und Seele mäandert.

https://www.youtube.com/watch?v=Ze_ZbtY7t3Y

Eine wirklich ergreifende Elektronica im hintergründigen Future-Soul aber umschmeichelt ihren Tori-Amos-haften Gesang mit Ideen, die für sich genommen schon großartig sind. Hier mal ein verschämtes Plöttern, dort ein waviger Bass, im verschwitzten Y Grito sogar Alternative Rap, der im anschließenden El Que fast nach Industrial klingt – bisschen Punkrock strahlt auch Gemelo aus, wenn es sich jeder Zuordnung verweigert, ohne beliebig zu sein.

Angélica Garcia – Gemelo (Partisan Records)

Baby You Know

Und weil der Sommer naturgemäß ein bisschen ärmer an Neuveröffentlichungen ist, hier der Tipp zweier Re-Issues derselben Band: Baby You Know aus Regensburg, die – ohne es zu wissen – Anfang der Neunziger einen Trend mitbegründet haben: alpiner Southern Rock mit Western-Elementen, den Epigonen à la G.Rag y los Hermanos Patchekos oder die Dead Brothers zur vollen Blüte gebracht haben.

https://www.youtube.com/watch?v=YV2AfgUxr24&t=1s

Baby You Know klingen dabei noch relativ roh, fast ein bisschen unbeholfen, noch eher nach Aneignung als Eigensinn. Aber wie die zwei neu aufgelegten, digital verfügbaren Platten To Live Is To Fly und Clear Water mit Fiddel, Americana und deutschem Akzent zeigen: da steckt schon viel Country-Appeal dring, der sich hierzulande seinerzeit noch durch ein Meer der Truck-Stop-Vorbehalte kämpfen musste.

Baby You Know – To Live Is To Fly/Clear Water (Tapete)


Valerie Niehaus: Verbotene Liebe & heute show

Mein Job ist nicht nur Selbstverwirklichung

heute-show HISTORY

20 ihrer 30 Fernsehjahre hat Valerie Niehaus (Foto: ZDF/Benjamin Zeitz) normale Frauen normaler Filme gespielt. Dann kam die heute-show und jetzt ihr eigenes History-Format. Ein Gespräch über Ernst, Humor und Eskapismus

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Niehaus, muss man die Realität leicht oder ernst nehmen, um darüber Witze zu machen?

Valerie Niehaus: Das Ernste muss ja nicht schwer sein und das Leichte nicht lustig. Ich habe mich mit meinen 50 Jahren damit arrangiert, dass die Welt ernste Realitäten hat, dadurch aber nicht dauernd ein schweres Herz. Das ermöglicht mir und vermutlich auch vielen meiner Kollegen selbst dann Leichtigkeit, wenn es wirklich ernst wird. Erst, wer die Komplexität unserer bedrohlichen Zeit akzeptiert, anstatt auf leichte Lösungen zu setzen, schafft es auch, sie zu bewältigen. Die Frage ist nur, warum wir uns überhaupt keine Lösungen mehr zutrauen.

Und die Antwortet lautet?

Dass wir uns von der Angst lösen müssen, die am Ende nur das Denken blockiert. Humor ist da ein gutes Instrument.

Im therapeutischen Sinne?

Eher im psychosozialen Sinne einer Bereitschaft, sich auch dann so etwas wie Realismus abzuverlangen, wenn es wehtut, um daran gemeinsam gesund wachsen zu können. Und da hilft eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit der Schwere ungemein, um individuelle Entscheidungsmöglichkeiten zu erweitern.

Wobei Sie zwei Ebenen der Leichtigkeit bespielen: eskapistische Primetime-Unterhaltung und konfrontative Polit-Comedy. War es ihr Plan, beides parallel zu machen?

Pläne entwickeln sich oft aus dem, womit man Erfolg hat. Vor meiner Sketch-Arbeit habe ich jahrelang normale Frauen im normalen Alltag normaler Geschichten gespielt. Diese Normalität habe ich bei aller leichten Bekömmlichkeit immer sehr ernst genommen. Aber schon dort waren Ende der Neunziger Komödien dabei, die mir gezeigt haben, wie sehr mir Humor auch persönlich liegt und Spaß beim Drehen bereitet – sofern er ein trojanisches Pferd ist, um das Publikum auf neue Gedanken zu bringen.

Das wäre die Angebotsseite. Wie groß war die Nachfrage, als das Daily-Soap-Gewächs Valerie Niehaus vor zehn Jahren zur Satire gewechselt sind?

Bei den Verantwortlichen von Sketch History offenbar groß genug, um mich zu fragen. Da haben welche etwas Witziges an den Komödien mit mir entdeckt, das zur Satire taugt (lacht). Um die immer wieder neu zu erfinden, braucht man schließlich frische Gesichter. Ähnlich war es bei der heute-show; da hat irgendwer einen Sketch mit mir zum Diesel-Skandal gesehen und mich daraufhin angerufen. Manchmal ist es eben doch nicht so kompliziert.

Haben diese Anfragen Ihre Schauspielkarriere ein bisschen davor gerettet, irgendwann auf dem Traumschiff festzusitzen?

(lacht) Man braucht auf Seiten der Auftraggeber definitiv jemanden, der solche Fenster öffnet, ja. Aber ich glaube, in der Branche ist mittlerweile hinreichend bekannt, dass Daily Soaps in hochkonzentrierter, professioneller, lustvoller Arbeit entstehen und kein Hinderungsgrund für das sind, was alle in meinem Beruf wollen: unterschiedliche Charaktere zu verkörpern. Dass mich die Leute bis heute auf Verbotene Liebe ansprechen, meine Figur also auch 30 Jahre später noch Erinnerungen – und seien es eskapistische – wachruft, sehe ich daher positiv. Das gehört zu mir.

Es gibt also nichts zu bereuen?

Nein, schon weil ich dem Konzept der Reue nicht sonderlich nahestehe. Außerdem geht es bei meinem Job nicht nur um Selbstverwirklichung, sondern Dienstleistung. Daily Soaps zum Beispiel zeigen auf unterhaltsame Art, wie die Mehrheit von uns lebt. Trotzdem war die Vielfalt meiner Genres schon damals größer als viele denken. Wobei die Satire auf dem Weg zum Ziel, die Leute wirklich zu bewegen, nach 30 Jahren im Beruf schon eine Art Krönung ist. Andere angstfrei zum Lachen einzuladen, empfinde ich als großes Geschenk.

Finden Sie das dann auch selber lustig oder ist das die angesprochene Dienstleistung?

Vieles finde ich schon auch lustig. Aber als Schauspielerin geht es ja nicht um mich und meinen Geschmack oder die Befriedigung eigener Ansprüche, sondern die Werke anderer, denen ich durch meine Arbeit Respekt zolle. Ich muss das also nicht alles witzig finden, suche aber stets nach Wegen, den Humor für andere greifbar zu machen.

Warum bedient sich der deutsche Humor dafür auch in der heute-show oder Sketch History eigentlich so oft Grimassen und Lärm, anstatt sich aufs Wort zu verlassen?

Das ist einfach ein technisches Stilmittel, wobei die heute-show wegen der Kürze ihrer Beiträge anders als neunzigminütige Satiren darauf angewiesen ist, Charaktere schnell eindeutig auf den Punkt zu bringen. Da probieren wir viel aus, nutzen aus meiner Sicht aber nicht überproportional viele Grimassen.

Finden Sie den Humor deutscher Satire wie Ihre Ex-Kollegin Christine Prayon, die deshalb die heute-show verlassen hat, auch manchmal zu sehr von oben herab gegen Andersdenkende gerichtet?

Nein, finde ich nicht (Pause). Punkt.

Was fügt die Dienstleitung „heute-show HISTORY“ dem Fernsehhumor da hinzu, was es bei heute-show und Sketch History nicht schon gibt?

Mit beidem hat die Sendung bis auf den Titel wenig zu tun, weil die Prämisse unsere Gegenwart ist, aus der wir Fragen an die Vergangenheit stellen und diskutieren.

Was verändert es dann für Sie, dass es explizit Ihr Format ist?

Einiges, denn ich spiele nicht nur eine, sondern fast alle Figuren, und das oft allein. Ausserdem bin ich als Moderatorin im Einsatz. Schauspielerisch eine völlig neue Herausforderung, aber auch ein Hochgenuss. Noch neuer ist allerdings, wie tief ich in die Formatentwicklung involviert war.

Steigt damit auch die Fallhöhe für Sie persönlich?

Ach, Fallhöhe… Ein Risiko geht doch schon ein, wer draußen vor die Tür geht.

Wohin kann Sie der Humor draußen vor der Tür noch führen?

Überallhin, denn er ist das Salz in meiner beruflichen Suppe. Ich möchte, dass sich die Leute von mir eingeladen fühlen und muss dafür nicht alles um mich herum kaputtschlagen. Ich bin zwar nur selten auf social media aktiv, freue mich aber, näher ans Publikum zu kommen und als Valerie Niehaus sichtbarer zu werden.

Können Sie sich in eine der folgenden drei Formate hineindenken? Die Anstalt.

Ja, super gerne.

Late Night Show?

Klar, warum nicht. Mit guten Autorinnen.

Wetten, dass…?

(lacht) Nein, aber nicht, weil es mir nicht gefallen würde, sondern weil das glamouröse Konzept in Zeiten von Millionen Bühnen, auf denen man Robbie Williams und Beyoncé auch ohne ZDF sehen kann, einfach nicht mehr nötig ist.


Trumps Endspiel & Emmerichs Rom

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. Juli

Fußball. EM. Finale. Toll. Wobei – eigentlich gab es am Wochenende zwei medial begleitete Endspiele zugleich. Das erste gewann Spanien gegen England. Das andere fing 27 Stunden zuvor an und hat den Präsidentschaftswahlkampf wohl für den blutenden Berserker Donald Trump entschieden, weil der sich nun noch mehr als Opfer dunkler Mächte stilisieren darf – und im Rückenwind demokratischer Selbstdemontage segelt.

Um ihn zu drehen, singt die Film- und Fernsehprominenz mit im Chor ernstzunehmender Medien, die wenig mehr interessiert als das Alter des aktuell einzig wählbaren Bewerbers. Der Großspender (und Netflix-Chef) Reed Hastings zum Beispiel fordert zusammen mit dem Großspendensammler (und Schauspieler) George Clooney Joe Bidens Rücktritt, während der Lost-Erfinder David Lindelof nur dazu aufruft kein Geld mehr für einen Wahlkampf ohne Erfolgsgarantie zu spenden.

Aber wie gesagt – womöglich alles bisschen egal, weil Donald Trump eh alle Fakten ignorieren und mit dem Attentat Wahlkampf machen wird in einem Land, das allen Ernstes einen Schauspieler dafür angeklagt hat, mit einer versehentlich geladenen Requisite eine Kamerafrau erschossen zu haben. Wegen Mordes! Gut, dass die Klage gegen Alec Baldwin fallen gelassen wurde. Und damit zurück zum Fußball.

Der nämlich war für vier Wochen nah dran am völkerverständigenden Ausgleich, den sportlicher Wettkampf seit der Antike auszuüben versucht. Dass er oft ziemlich unterhaltsam vermittelt wurde, lag übrigens nicht am wohlfeilen Bahn-Bashing, das zumindest seriöse Medien besser mal mit einem Auto-Bashing flankiert hätten. Woran es definitiv lag, war die hiesige Studioberichterstattung.

Die Bolzplatzgefechte von Schweinsteiger/Bommes im Ersten, das Odd-Couple Mertesacker/Kramer im Zweiten. Lothar Matthaus‘ selbstlose RTL-Altenpflegerin Laura Papendick und Laura Wontorras Ergotherapie für Michael Ballack bei Magenta TV – sie alle lieferten drollige Fernsehunterhaltung über den Fußball hinaus und zeigten, wie gut investiert Gebühren- und Werbemillionen ins Lieblingsspielzeug der Deutschen ist. Hoffentlich bleibt das so, wenn in absehbarer Zeit die KI übernimmt.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

15. – 21. Juli

So wie ein Roboter namens Sunny, den Rashida Jones als Witwe eines KI-Entwicklers gerade bei AppleTV+ erbt und als künstlicher Gatten-Ersatz natürlich nichts Gutes im Schilde führt. Auch das Fernsehen hat seinen fortschrittsfreudigen Optimismus ja spätestens mit Klimawandel und 9/11 eingebüßt. Wie schön ist es da, ein problembehaftetes Themas in einer solchen Leichtigkeit zu erleben wie in Simple.

Der spanische Fünfteiler begleitet Dienstag bei Neo und in der ZDF-Mediathek vier mental retardierte, vulgo: geistig behinderte Frauen nach Barcelona, wo sie eine fiktive WG bilden. Und das Tolle daran: Die Serie lässt ihnen alle Freiheiten, verschweigt dabei aber nicht, wie kompliziert es für Menschen jenseits der leistungsoptimierten Norm ist, den Alltag zu bewältigen. Zum Trotzheulen schön!

Zum Fremdschämen ist dagegen das teuerste Format der Woche: Those About to Die. Roland Emmerich lässt darin die Gladiatoren des alten Roms wiederauferstehen, und damit ist eigentlich alles gesagt übers zehnteilige Reenactment für läppische 140 Millionen Euro. Es knallt. Es scheppert. Es lärmt, es blutet, es dröhnt, es tötet, quält, vernichtet. Ab Freitag bei Amazon Prime ist beim schwäbischen Bombastkönig also alles wie eh und je und damit scheußlich.

Dann doch lieber Staffel 2 der originellen SyFy-Serie Resident Alien um sesshafte Außerirdische ab Donnerstag. Oder die thailändische Mystery Master of the House um einen Erbschaftsstreit an exklusivem Ort ab Freitag bei Netflix. Oder zeitgleich Omnivore, eine Apple-Doku-Reihe übers dänische Koch-Genie René Redzepi.