Voigts Welt & Norwegens Festung

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. April

Die Aufmerksamkeitsökonomie des (kommerziellen) Fernsehens funktioniert wie jene rechter Populisten: Man kippt kommunikative Gefahrengüter in öffentliche Debatten, lässt sie mit der digitalen Umgebung reagieren, bezeichnet etwaige Emissionen als ungewollt, Zufall oder nebensächlich, kümmert sich nicht weiter um deren Entsorgung und genießt die allgemeine Erregung – Stefan Raabs Entertainmentelixier.

Es besteht seit jeher aus großem Getöse über Bagatellen wie Maschendrahtzäune oder Boxkämpfe und erzeugt auch neun Jahre nach seinem Rückzug von der Pro7-Bühne verlässlich Breaking News wie die, er werde gegen Regina Halmich kämpfen, neue Shows moderieren, einen Sender gründen, womöglich gar alles in einem, zugleich und gigantisch. Wie viel daran reines Marketing ist, lässt sich vorerst nur erahnen.

Zumal sie im Kernschatten einer weit größeren PR-Attacke steht: dem Streitgespräch des Thüringer CDU-Fraktionsvorsitzenden Mario Voigt mit dem rechtsextremsten Gottseibeiuns Joseph-Adolf Höcke. Moderiert vom Senderchef Jan Philipp Burgard, will der Ministerpräsident in spe die Persona non grata a.D. Donnerstag beim Springer-Portal Welt TV vorführen – trotz warnender Beispiele. Die MDR-Sommerinterviews zum Beispiel.

Darin ist Moderator Lars Sänger bereits mehrfach an der geschmeidigen Faktenverachtung des AfD-Ostgauleiters abgeprallt wie fleischlose Wurstalternativen am CSU-Parteitag. Umso gespannter darf man sein, ob und vor allem: wie gut sich die Voigt und Burgard diesmal vorbereiten, um den Leitsatz der Mediendemokratie gerecht zu werden: Schweigen ist Silber, Reden – nun ja, besser als nix.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

8. – 14. April

In Umkehrung dieses Grundsatzes, halten wir uns bei der Vorstellung anstehender Fernseh- und Streamingformate mal kurz und arbeiten sie chronologisch in Stichworten ab

Am Mittwoch begeben sich vier Unbekannte in der ARD-Mediathek auf die Suche nach verschollenen Elternteilen und machen den Vierteiler My Roots zu einer intensiven Tauchfahrt ins eigene Seelenleben, bevor bei Netflix die sechsteilige Alpen-Mystery-Serie Anthracite startet.

Ab Donnerstag mach Arte eine impulskontrollgestörte Gewerkschafterin mit dem Kampfnamen Machine zur Hauptfigur einer französischen Dram-Serie, während Amazon Prime das populäre Videospiel Fallout zur wuchtigen Serienfiktionen mit Tiefgang umdefiniert

Freitag dann schottet die skandinavische Near-Future-Dystopie The Fortress (ARD-Mediathek) Norwegen zu einer Festung für Klimawandelgewinner ab und die schwedische Comedyserie Dreaming of England reist in der Arte-Mediathek zurück in die Achtzigerjahre.

Am Samstag weht Neuer Wind im Alten Land durchs ZDF, als Felicitas Wolls Top-Journalistin Beke an ihre Wurzeln zurückkehrt. Und kurz darauf die Schauspielerin dann auch noch an gleicher Stelle in Hannu Salonens Psychodrama Blindspot Teil eines neoliberalen Intrigantenstadls ist.

Und Sonntag rundet der Neo-Sechsteiler Infiniti die Woche dann mit einem weiteren Ausflug ins All ab, der sich nach Das Signal und Constellation schon wieder auf der ISS abspielt – dem neuen Serienhotspot oberhalb der Erdatmosphäre.


AUGN, oh alien, Khruangbin

AUGN

Das Prinzip Sleaford Mods ist auf komplizierte Art simpel: Rotzige Beats auf die Ohren, rotzigere Lyrics an die Nieren, das Ganze mit 3000 Litern Adrenalin, Testosteron und Schweiß in einen Kellerclub gekippt – fertig ist eine der erstaunlichsten Alternative-Karrieren, die natürlich Nachahmer findet. AUGN zum Beispiel. Wobei es viel zu kurz gedacht ist, das Kreuzköllner Duo als puren Abklatsch der englischen Vorbilder zu nehmen.

Auch auf ihrem neuen Doppelalbum Fata Morgana/Gerstenkorn nämlich klingen die technoiden Bässe im vorderen Hintergrund zwar verteufelt nach Andrew Fearns Dosenbier-Kakophonie. Aber wenn der unerkannte Strumpfmaskensänger dem Hass auf Berlin, Beyoncé, Habibibullshit und alles rechts der Linken dystopisch verzerrt seinen Lauf lässt, klingt Jason Williamson geradezu versöhnlich. AUGN tun richtig weh. Aber es ist ein guter Schmerz.

AUGN – Fata Morgana/Gerstenkorn (Dioptrien)

oh alien

Das Gewöhnliche ungewöhnlich zu machen oder wenigstens klingen zu lassen, ist eine der ganz großen Kunstgriffe. Dem Wiener Trio oh alien gelingt er buchstäblich spielend. Sein Elektropop wurde in den vergangenen 20 Jahren schließlich rauf und runter dekliniert. Gelangweilte Frauenkopfstimme, eher gehaucht als gesungen. Dazu analoge Synthetik zwischen TripHop und Wave – Billie Eilish hat das zuletzt abermillionenfach verkauft.

Wie es da neu erscheinen kann, ist ein Geheimnis aus Österreich, dem man nördlich der Alpen schwer habhaft wird. Auf ihrem Debütalbum kreieren oh alien nämlich popkulturelle Lückenbebauung, die ihren Überfluss als Originalität verschleiert und umgekehrt. Das cheezy Shining wird so zum Beispiel mit einer öligen Gitarre verfüllt, die andernorts nach Ricky King klänge. Hier macht sie daraus große Kleinkunst für nebenbei. Man kann sich an ihr kaum satthören.

oh alien – What We Grow (Assim Records)

Khruangbin

Und wo wir schon bei Musik mit Milchprodukten sind: Das texanische Trio Khruangbin ist zurück und tunkt uns auch auf der vierten Platte in ein käsiges Quarkgemisch aus Psychopop, Americana und LoFi-Funk, als wäre Beck in einen Topf Laid Back gefallen. Unter Marko Speers Gitarrentupfern schleichen DJ Johnsons Schlagzeug und Laura Lee Ochoas Bass hindurch wie Kiffer auf Ketamin – als wäre selbst ihr Downbeat zu schnell für heiße Sommernächte.

Das Besondere an A La Sala – Spanisch für “zum Zimmer”: Es ist dabei ziemlich gut gelüftet, also frisch genug, um wach zu bleiben. Man möchte sich einfach in warme Chai-Latte legen, Ochoas hauchzartem Gesang lauschen und leicht wegdösen, ohne einzuschlafen. Was schon deshalb gut gelingt, weil die Klangteppiche Aufmerksamkeit erfordern, um darin Takte zu erkennen. Bedroom-Pop für Aufgeweckte gewissermaßen.

Khruangbin – A La Sala (Dead Oceans)


Reichelts Rassenwahn & Krens Crooks

Die Gebrauchtwoche

TV

25. – 31. März

Zeigefinger haben viele Funktionen. Sie können sich melden, hakeln, alle Aufmerksamkeit einfordern, sie können dich anzeigen, belehren, in der Nase bohren, seit einiger Zeit sogar islamistische Gesinnung bezeugen und für Resonanzraum-Rassisten wie Julian Reichelt noch viel besser: auch jenseits solcher Gesinnungen Hass und Hetze schüren.

Wäre der frühere Bild-Chef nicht nur ein rechtsradikaler Schreihals, sondern Reichsführer JR, würde Antonio Rüdiger wohl allenfalls im KZ-Team spielen. Weil er es jedoch in der deutschen Fußballnationalmannschaft tut, hat Reichelt ein Bild mit erhobenem Zeigefinger auf seiner Plattform Nius zum Terrorakt umgedeutet, wofür ihn Rüdiger und der DFB angezeigt haben.

Siege gegen Frankreich und Holland, die erst dem ZDF, dann RTL zweistellige Quoten brachten, empfindet der brustbehaarte Volkverhetzter angesichts nichtarischer Beteiligung eben als Rassenschande. Für empathie- und vernunftbegabte Menschen dagegen sind sie Vorboten auf etwas, das vor kurzem noch undenkbar schien: Euphorie und Optimismus während der EM im eigenen Land.

Dazu passt, dass ein Moderator beim Sommermärchen 18 Jahre zuvor den Höhepunkt seines TV-Schaffens erreicht hatte, der im Sommer wieder auf Sendung gehen könnte. Stefan Raab kündigt sein Comeback an. Schöne alte Medienwelt. In der hässlichen neuen hingegen schadet Daniel Drepper gerade jener pluralistischen Demokratie, die er für NDR, WDR und SZ zu schützen vorgibt.

Der Investigativ-Journalist beehrt eine Unternehmensberatung per Gastbeitrag, hält es aber nicht für nötig, Kress auf Nachfrage Auskunft über sein Honorar zu geben, verachtet also jene Transparenz, die er bei anderen einfordert. Drepper hat aber auch achtbare Kolleg*innen – und juristisch entlastete: Correctiv hat auch den (vorerst) letzten Prozess gegen Teilnehmer der Potsdamer Remigrations-Verschwörung gewonnen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

1. – 7. April

Auf wessen Seite Gerhard Schröder steht, lässt sich hier nur mutmaßen. Im konventionell gelungenen ARD-Porträt Außer Dienst? aber zeigt NDR-Autor Lucas Stratmann (Kevin Kühnert und die SPD) den Altkanzler ab Mittwoch in der Mediathek als unbelehrbares Alphatier mit Diktatorenfaible, das perfekt in die Netflix-Serie Crooks passen würde. Ab Donnerstag schickt Showrunner Marvin Kren sein Gang-Gemetzel 4 Blocks darin quasi auf Europareise.

Und wenn Frederick Lau als Safeknacker Charlie mit der organisierten Kriminalität in Wien, Marseille, Berlin um den Verbleib einer geraubten Goldmünze rangelt, suppt aus jeder zweiten Szene fast noch mehr gewaltverliebtes Testosteron als Kunstblut. Unterhaltsam ist es dennoch – oder gerade deshalb. Ähnlich viel drastisches Entertainment verströmt die Apple-Serie Sugar.

Collin Farrell spielt darin ab Freitag einen Detektiv, der vermisste Personen findet. Die Hommage an schwarzweiße Film-Noir-Legenden ist zwar schön gefilmt, ästhetisch also wertvoll. Inhaltlich aber nervt die Reminiszenz an misogyne Mackerzeiten mehr als sie fesselt. Einen Zeitsprung vorwärts macht derweil die 4. Staffel Charité und reist zugleich in der ARD-Mediathek 25 Jahre vorwärts.

Der Klimawandel ist darin raue Realität, unserer Fortschrittsgläubigkeit kann er aber ebenso wenig anhaben wie die AfD, von der nichts zu spüren ist. Ohne den üblichen Superstarcast wird stattdessen sechsmal 45 Minuten der medizinische Fortschritt mit queer-diversem Herzschmerz angedickt. Das ist ungefähr so okay wie das schwedische Vermisstendrama Dark Heart, ab Montag bei Prime.

Oder Ripley, die Serienadaption des 90er-Blockbusters, aber Donnerstag mit Andrew Scott statt Matt Damon bei Netflix. Oder parallel die Aurel Mertz Neo-Late-Talk Tropical Tonight und Dan Aykroyds Mystery-Dokureihe UnBelievable. Oder das Matriarchats-Experiment Girls State, tags drauf bei Apple, gefolgt von Hannah Emde als neue Moderatorin von Terra X am Sonntag im Zweiten.


Maischbergers Nuhr & Schalkos Kafka

Die Gebrauchtwoche

TV

18. – 24. März

Ob und wie viel Rücksichtnahme, gar Pietät vonnöten ist, entscheiden empathische Gemüter meist mittig zwischen Herz und Hirn. Dort also, wo sie eigene Emotionen mit denen anderer irgendwie austarieren. Bei Boulevardmedien wie RTL dagegen gibt es weder den Begriff der Rücksichtnahme noch Pietät. Entscheidungen fallen daher grundsätzlich mittig zwischen End- und Mitteldarm. Auch jene also, ein Kate-Spezial zu zeigen.

Nur Stunden zuvor hatte die Princess of Wales ihre Krebserkrankung publik gemacht. Für Sender mit Herz und Hirn ein Moment des Innehaltens, wie er sich auch nach Fritz Weppers Tod gehört. Für Sender ohne Herz und Hirn bietet es indes die Gelegenheit, beides auszuschalten, damit das Stammpublikum einschaltet. So funktioniert nun mal die Aufmerksamkeitsökonomie, in der auch Dieter Nuhr nach Kräften mitmacht.

Umso irritierender, dass er Mittwoch bei Sandra Maischberger in einer Sendung zur Spaltung der USA gravitätisch dreinblickend die der deutschen Gesellschaft beklagen durfte, ohne dass sie ihn groß mit seiner fundamentalistischen LinksgrüngenderwokenessF2F-Feindlichkeit konfrontiert hätte. Im Gegenteil. Sie stellte den AfD-Liebling als AfD-Gegner dar, der sich entsprechend zum Opfer von, tja – was eigentlich stilisieren durfte?

Kritik ganz generell vermutlich. Die gab es vorige Woche aber auch in konstruktiver Form. Nämlich beim Deutschen FernsehKrimi-Preis, den unter anderem die Podcast-Verfilmung ZEIT-Verbrechen erhielt. Noch mehr würde sich X Filme Creative Pool zwar über eine Abspielplattform freuen, nachdem sich Paramount+ aus der deutschen Inhaltsproduktion komplett zurückgezogen hat.

Aber so eine Trophäe dürfte die Suche vermutlich befeuern. Weitere Preisträger übrigens: Allerlei mit Landkrimi oder Tatort im Label. Und apropos Label: House of Dragons, zugkräftig-lukratives Prequel im endlosen GoT-Universum kriegt ab Juni die 2. Staffel und belegt damit, was eigentlich alle längst wissen: Dass einmal zugerittene Fernsehpferde reiten müssen, bis sie sterben.

Die Frischwoche

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25. – 31. März

Und manchmal sogar darüber hinaus. Deutsches Historytainment zum Beispiel ist im Grunde tot, seit Miguel Alexandre Die Frau vom Checkpoint Charlie 2007 auf 1982 bügelte. Ab Donnerstag dekoriert RTL+ nun Bochum für Disko 76 zurecht, wo Jannik Schümann den popkulturellen Aufbruch im Ruhrpott jener Tage simuliert. Die sechs Folgen à 45 Minuten sind auf so lächerliche Art überkostümiert, dass Mettigel in verbleitem Benzin bekömmlicher wärne.

Oder sagen wir: Teil 2 der Passion, die RTL am Mittwochabend durch Kassel treibt – und wieder freut sich die hauseigene Promi-Kaderschmiede auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, etwa für Ben Blümel als Jesus, Nadja Benaissa als Maria, Timur Ülker als Petrus, Jimi Blue Ochsenknecht als Judas und kein Scherz: der Autor dieser Zeilen als Kreuzträger-Komparse, Donnerstag nachzulesen bei DWDL.

Vorher gibt’s aber noch verblüffendes Fernsehen wie das sechsteilige Biopic Kafka. Zum 100. Geburtstag spielt der famose Joel Basman den weltweit meistverkauften deutschsprachigen Schriftsteller im Kreis eines beispiellosen Casts von Lars Eidinger bis Verena Altenberger. Wenn das Erste Dienstag/Mittwoch zwei Dreierfolgen zeigt, dürfte die Quote allerdings nicht nur wegen des morgigen Länderspiels bei RTL mies sein.

So experimentelles, originelles, herrlich wirres Historytainment wie David Schalkos nach Daniel Kehlmanns Buch ist dem Durchschnittspublikum nämlich kaum zuzumuten. Das schätzt eher Krimis wie Signora Volpe. Drei Teile lang ermittelt die britische Geheimagentin im italienischem Urlaubsidyll, und wer dachte, nur Deutsche können derart bescheuerte Ausflugsmorde lösen – hier ist der Gegenbeweis.

Empfehlenswerter ist dagegen – zumindest für Märchenfans – ab Freitag die Disney-Serie Renegade Nell um eine Engländerin mit Superkräften auf ihrer achtteiligen Flucht vor Magie und Machismo der frühen Neuzeit. Und immerhin erwähnenswert: A Bloody Lucky Day, ein zehnteilige Mystery aus Südkorea (Freitag, Paramount+) und zeitgleich bei Apple TV: STEVE!, ein zweiteiliges Porträt des Komikers S. Martin.


Kates Bilder & GoTs Nachfolger

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. März

Man fragt sich angesichts der anhaltenden Debatte um falsche Fotos aus dem Buckingham Palast ja schon, was merkwürdiger ist: Dass Bilder kursieren, die nicht den wahren Zustand von Prinzessin Kate darstellen. Oder dass überhaupt jemand erwartet, es könnte Bilder von ihr geben, die etwas anderes als Fake sind, also – hüstel – der Wahrheit entsprechen. Schließlich ist es seit jeher Teil der erhabenen Wirklichkeit, genau die im Sinne profaner Ansprüche zu gestalten.

Anders gesagt: Ob mit KI, simpler Retusche oder der strikten aristokratischen Angebotspolitik – nichts, was aus Königshäusern nach außen dringt, geschieht zufällig, ist also auch nur annähernd authentisch. Schon drollig, dass selbst seriöse Medien solch ein Aufhebens um den wahren Zustand irgendwelcher Royals machen. Zumindest hierzulande ist da doch weitaus interessanter, was Peter Kloeppel macht.

Aufhören nämlich. Und das ist wirklich mal der Rede wert. Denn als der Henri-Nannen-Schüler 1993 zu RTL ging, war der Sender unseriöser als eine Peepshow unweit seiner Journalistenschule in Hamburg. Peepshows sind mittlerweile zwar verboten und der frühere Marktführer hat auch weiterhin die Seriosität einer vergessenen Unterhose im Stundenhotel. Aber Peter Kloeppel – der stand fast 30 Jahre lang fürs halbe Prozent Anspruch, den sein Arbeitgeber nur kurz mal erfüllen wollte.

Dazu passt, dass RTL dieses Jahr keinen Grimme-Preis kriegt, wie überhaupt nahezu ausnahmslos öffentlich-rechtliche Produktionen prämiert wurden. Wobei geehrt: Dass die Sieger Nichts, was uns passiert, Tamara und Sam – Ein Sachse mit der toxisch-obszönen Macho-Exkulpation Boom Boom Bruno um den Titel beste Fiktion konkurriert haben und weder das sensationelle Historytainment Deutsches Haus noch die herausragende BRD-Doku Capital B gewonnen haben, lässt gehörig am Sachverstand der Jury zweifeln.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

18. – 24. März

Umso mehr steht zu befürchten, dass die Fortsetzung der harmlos depperten Glubschaugen- Satire Miss Merkel, seit gestern bei RTL+ zu sehen, 2025 im Marler Lostopf steckt, während die Fortsetzung der abermals hinreißend originellen Coming-of-Age-Real-Groteske Oh Hell, ab Donnerstag bei Magenta TV, wohl wieder leerausgeht – und damit die letzte fiktionale Eigenproduktion des Streamingdienstes der Telekom.

Das ist wirklich schade, wird vom Konkurrenzprogramm dieser Woche allerdings an den Rand der Aufmerksamkeitsschwelle verdrängt. Parallel startet bei Netflix nämlich 3 Body Problem, und wer die chinesische Romanvorlage nicht kennt: Darin geht es acht Teile lang um fünf Physiker, die mit der möglichen Ankunft Außerirdischer konfrontiert werden. Für geschätzte 25 Millionen Dollar pro Folge wird daraus nun ein opulentes SciFi-Drama.

Wobei schon die Showrunner andeuten, welche Wucht es entfaltet: Die GoT-Macher David Benioff & D.B. Weiss haben sich des angeblich unverfilmbaren Stoffes angenommen und nicht weniger als Kino fürs Fernsehen daraus gemacht, das zum Fettesten zähl, was bislang je gestreamt wurde. Fett vor allem, weil es ein bildgewaltiges, wissenschaftsaffines, aber nie verkopftes Panoptikum zivilisatorischer Ängste entwirft, das nie in billigen Budenzauber abdriftet.

Auf kleinerer Flamme köchelt hingegen ab Freitag in der Mediathek hingegen Friedefeld, nach ARD-Angaben die „erste deutsche Animated Sitcom“. Zehnmal 25 Minuten orientiert sich die Bevölkerung des anarchistischen Zeichentrick-Städtchens um den Prokrastinierer Paul (gesprochen von David Kross) spürbar an Formaten wie Family Guy oder Bob’s Burger, erreicht zwar zu keiner Zeit deren Aberwitz, ist aber ziemlich kurzweilig.

Was auf heitere Art auch für den Comedy-Zehnteiler Palm Royale um Kristen Wiig als gewöhnliche Frau gilt, die in den Siebzigerjahren versucht, im Jet Set von Palm Springs Fuß zu fassen. Und auf ernste Art gilt es ebenso für die deutsche Doku Bittere Früchte, in der Arte in seiner Mediathek unseren irrsinnig umweltfeindlichen, weil ausschließlich egoistischen Nahrungsmittelkonsum unter die Lupe nimmt.


Oppenheimers Oscars & RTLs Reality Stars

Die Gebrauchtwoche

TV

4. – 10. März

Darf man das, der Unterhaltung in Zeiten globaler Krisen Priorität einräumen, im Tsunami reaktionärer Shitstorms also einfach mal arglos durchs Entertainment schippern und eskapistischer Gelassenheit nach Hollywood schalten? Darf man, kann man, muss man sogar! Schließlich sind die Oscars auf apolitische Art hyperpolitisch und dennoch gute Alltagsablenkung.

Schon weil Christopher Nolans subtiler Friedensappell Oppenheimer acht Stück gewann, der lipstickfeministische Zuckerschock Barbie dagegen nur einen für die Musik. Weil das Auschwitz-Kammerspiel The Zone of Interest doppelt prämiert wurde, aber der 75. Teil des Action-Geballers Mission Impossible ebenso oft leerausging. Weil letzteres nicht nur für Sandra Hüller gilt, sondern auch die zwei Netflix-Beiträge Nyad und Maestro.

Das Streaming-Zeitalter dürfte damit zwar nicht vorbei sein, sah aber auch schon mal glänzender aus. Was das lineare Fernsehen aber keineswegs erfreuen sollte. Dort herrscht mal wieder ideologisches Durcheinander. Was nicht nur am öffentlich-rechtlichen Umgang mit Nastassja Kinskis Vorwurf liegt, als halbes Kind zu Nacktszenen Tatort Reifeprüfung genötigt worden zu sein, was der NDR mit sabberndem Hinweis auf den Siebziger-Zeitgeist abgebügelt.

Chaotisch ist auch das Talkshow-Gebaren. Während Olaf Scholz der Legende 3 nach 9 eine furchtbar belanglose Audienz gewährte, hat Uschi Glas im Kölner Treff bei milder Intervention von Micky Beisenherz nämlich das N****-Wort benutzt. Kein gutes Omen Mario Voigts CDU-Plan, Bernd Höcke per Rededuell „zu stellen“. Zumal es in Ulf Poschardts altrechtem Jagdrevier Welt TV stattfände, der sich beim Gedanken an den Kraft-durch-Freude-Machismo à la AfD vermutlich im Porsche selbstbefriedigt.

Ob GDL-Führer Weselsky angesichts seiner Macht über Land und Leute dasselbe im ICE tut, hängt vom Streikplan ab. Der Tarifstreitgegner aber bleibt so konstant in den Schlagzeilen, dass das ZDF die Contenance verliert. Vorigen Dienstag lief eine derart voreingenommene, schlampig recherchierte, bewusst irreführende Ausgabe der Reihe Die Insider, Episodentitel Tricks hinter den Kulissen, dass sie aus der Mediathek verschwand und gern im digitalen Jenseits bleiben darf.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. März

Im digitalen Diesseits gibt’s ja auch so viel zu sehen. Guy Ritchies Netflix-Serie The Gentlemen zum Beispiel, eine Fortführung seines gleichnamigen Films um englische Aristokraten, die an eine Cannabis-Plantage unterm eigenen Landsitz und damit in Teufels Küche der organisierten Kriminalität geraten – was wie immer bei Ritchie routiniert zwischen Gewaltästhetik und Aberwitz kreiselt.

Zumindest letzteres bildet auch das Wesensmerkmal der vierteiligen Rocko Schamoni Supershow des Hamburger Trash-Entertainers (ab Mittwoch, ARD-Mediathek). Auf weniger charmante Art gilt es aber auch für The 50. So viele Cup-D-Promis wie Cosimo Citiolo und Cora Schumacher oder Diogo Sangre und Djamila Rowe versammelt RTL ab heute in einem Schloss zum Get-together der „bekanntesten deutschen Reality-Stars“.

Und ehrlich: das ist exakt so schrecklich, wie es klingt. Besser als alle spontanen Vorurteile, die ein Endzeit-Thriller namens Helgoland 513 um den Kampf der Überlebenden einer globalen Katastrophe auf der deutschesten aller Inseln hervorruft, ist da die siebenteilige Dystopie ab Freitag bei Sky. Weitaus schlechter gerät demgegenüber das fünfteilige Neo-Original Bauchgefühl.

Schade eigentlich. Denn Laura Berlin als abtreibungswilliger Thirty-Something, die es ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek mit einer paternalistisch-ignoranten Gesellschaft zu tun kriegt, hat alles für ein tiefgründiges Stück über deutsche Doppel- bis Dreifachmoral. Leider klotzt sie stattdessen mit billigen Klischees. Was parallel vermutlich auch für die Anwaltsserie Mandat für Mai an gleicher Stelle gilt.

Daher noch drei ehrliche Tipps: Der Achtteiler The Brigade (Dienstag, Magenta TV) um eine extrem diverse Pariser Eliteeinheit und was die Nähe zur Kriminalität mit Kriminalitätsbekämpfenden macht. Der Siebenteiler Nach dem Attentat (Freitag, Apple TV) um die Jagd auf den Mörder von Abraham Lincoln 1865. Und Robot Chicken (Samstag, Comedy Central), eine Stop-Motion-Variation von Star Wars, die man eigentlich nur lieben kann


Florian David Fitz: Terror & Signale

Jeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf

Fitz

Florian David Fitz (Foto: Anika Molnar/Netflix) war lange der schludrige Lover vom Dienst. Seit Terror wurde er spürbar ernster – und darf jetzt den Witwer einer Astronautin im vierteiligen SciFi-Drama Das Signal bei Netflix spielen. Ein Gespräch über deutsche Mystery, die Angst vorm Fremden und ob eigentlich alles gut wird.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Fitz, Netflix kündigt Das Signal als Science-Fiction-Mystery-Thriller an. Aber ist nicht eigentlich ein gesellschaftskritisches Familiendrama?

Florian David Fitz: Naja, das ist genau, was ich von Anfang an am Stoff mochte. Er ist beides. Das kleine Drama im großen Ganzen: das Rätsel, das die abgestürzte Astronautin der Welt hinterlässt, und das ganz kleine Drama ihrer Tochter, um die sich der hinterbliebene Vater fortan allein kümmern muss, während er versucht das Rätsel zu lösen.

Konnten Sie dafür auch ein bisschen aus ihrem Privatleben als Familienvater schöpfen?

Klar hilft das. Das ist ja das Schöne am Schauspielen. Jeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf. Aber unsere Gefühle kleinen Kindern gegenüber, kommen doch direkt vom Stammhirn. Das kann jeder nachvollziehen. Ich musste auch mit 17 schon heulen, als Meryl Streep sich bei Sophies Entscheidung an der Rampe im KZ für eines ihrer Kinder entscheiden soll. Das lässt keinen fühlenden Menschen unberührt. Was eigene Kinder allerdings bewirken: Sie machen einen empfindlicher.

Inwiefern empfindlicher?

Jetzt kann ich mir die Szene in Sophies Entscheidung nicht mal mehr anschauen. (lacht)

Machen Kinder auch optimistischer? Ihr Sven sagt allein in der ersten Folge mindestens achtmal zu Charlie, alles wird gut, obwohl gar nichts gut wird.

Vielleicht sagt sich Sven das Mantra auch selbst vor, damit er durchkommt. Aber darum geht es in der Serie: Du kannst dein Kind nicht vor der Wahrheit schützen, indem du die Unwahrheit sagst, musst aber auch abwägen, was man ihm zumuten kann. Das ist unglaublich schwer, abzuwägen.

Sind Sie denn eher der Wahrheits- oder der Beschwichtigungstyp?

Als Vater weiß ich das noch gar nicht, dafür sind meine Kinder zu klein. Aber als Mensch bin ich definitiv kein Beschwichtigungstyp (lacht). Ich sage nie, alles wird gut, wenn es schlecht zu werden droht. Was aber nicht heißt, dass ich ein Pessimist bin. Mir kommt es in der aktuellen weltpolitischen Lage nur so vor, dass wir immer mal wieder im Dreck unserer Geschichte landen müssen, um etwas zum Besseren zu verändern. Wir müssen beim Baden im Meer den Mund voller Plastik haben, damit wir merken, davon zu viel zu produzieren. Wir haben einen klugen Kopf auf den Schultern, aber….

Holen aber nicht das Optimum raus.

Milde ausgedrückt nein. Aber vielleicht hängen wir das mit der Vernunft zu hoch. Die Vernunft kostet uns viel. Sie entspringt uns nicht unbedingt mühelos. Wir sind intelligente Tiere. Schwierige Kombination.

Transportiert die Netflix-Serie diesbezüglich Botschaften?

Was meinen Sie denn?

Eine Botschaft könnte die Angst vorm Fremden sein und wie sehr sie uns im Wege ist.

Unbedingt. Und je weiter die Serie fortschreitet, desto mehr. Verkörpert unter anderem ja von meiner Figur. Ein Zyniker, der als Geschichtslehrer nach der Maxime lebt, der Mensch ist des Menschen Wolf, während seine Frau eher der philanthropische Typ ist. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte, aber es bleibt mühsam mit unserer Spezies. Und auch deshalb gibt die Serie keine Wahrheiten vor, sondern lässt ständig alle Interpretationsräume offen.

Dabei geht Das Signal angesichts der geringen Aufmerksamkeitsspanne heutzutage ein großes Risiko ein. Die Serie ist nämlich unfassbar langsam und leise.

Finden Sie? Eigentlich passiert ja ständig etwas, die Wahrheiten drehen sich dauernd auf den Kopf. Aber eben nicht unbedingt actionmäßig. Spannung und Tempo sind ja nicht dasselbe. Ich hätte Angst, wenn Sie sagen würden, es ist langweilig. Genau deshalb ist die Bildsprache leiser Science-Fiction wie Gravity oder Interstellar sinnlich, aber zugleich spannend. Und das gilt meines Erachtens auch fürs Signal.

Stand für Sie als Ko-Autor dabei je im Raum, dass Sie den Astronauten spielen und Peri Baumeister die daheimgebliebene Geschichtslehrerin?

Nee, nie. Natürlich steckt auch ein emanzipatorisches Element darin, klassische Rollenmuster aufzubrechen, aber wir wollten den unkonventionellen und damit auch interessanteren Ansatz, ohne ein Riesenthema daraus zu machen. Wobei Home-Dads ja mittlerweile ebenso wenig die absolute Ausnahme sind wie geniale Wissenschaftlerinnen.

Dafür steht bei Ihnen jetzt noch immer Astronaut auf der To-do-Liste, den sich nicht nur Jungs wünschen, wenn sie beschließen, Schauspieler zu werden…

Natürlich war ich ein bisschen eifersüchtig auf Peri, aber dafür war meine Arbeit verglichen mit ihrer auch ungleich entspannter. Was sie technisch für ihre Figur leisten musste, war extrem anspruchsvoll.

Ist ihre Umgebung im Raumschiff komplett animiert oder wurde viel Kulisse geschoben?

Obwohl bei solchen Einstellungen naturgemäß CGI im Spiel ist, war auch viel Handarbeit dabei oder eben eine Mischung aus beidem. Etwa Schwerelosigkeit dadurch zu simulieren, dass die Darsteller auf einer Wippe sitzen, Oldschool Hollywood. Witzigerweise sah das richtig gut aus. Aber alles andere hätte unser Budget aber auch gnadenlos überschritten. (lacht)

Das dennoch eher im oberen Drittel deutscher Produktionen als darunter lag, oder?

Zahlen kann ich nicht nennen, aber es war definitiv keine billige Serie. Netflix will zwar zunächst mal den lokalen Markt ansprechen, aber laut Feedback fühlt sich die Serie schon international an. Dark hat schließlich gezeigt, dass deutsche Produktionen auch im Ausland funktionieren können.

Bis Sie Mitte der Zehnerjahre Die Lügen der Sieger und vor allem Terror gemacht haben, waren Ihre Rollen oft leichter, gern auch komödiantisch. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich weiß gar nicht, ob diese Beobachtung so pauschal stimmt, denn ich versuche auch Komödien immer mit Härte und Schmerz zu versehen. Deshalb waren meine Komödien zwar leicht, aber Leichtigkeit und Flachheit sind ja unterschiedliche Dinge. Das lag allein schon an der Themenauswahl. Ob es um Transsexualität ging, das Tourette-Syndrom oder den Tod – ich habe kaum Filme gemacht, bei denen es nicht auch ums Eingemachte ging. Humor war da oft nur der Haken, um die Leute ins Kino zu ziehen.

Gibt es dennoch eine Art Altersweisheit, die komödiantische Schauspieler ab 40 in ernstere Stoffe bringt?

Nein, denn ich habe auch früher schon ernstere Sachen gemacht, die hat nur kein Arsch gesehen. Obwohl, nicht mal das stimmt. Terror – Ihr Urteil lief sehr gut. Aber stimmt schon: seit Vincent will Meer

Wofür Sie 2010 erstmals auch das Drehbuch geschrieben haben.

… ging es eigentlich immer um was Tieferes. Mittlerweile glaube ich, dass es gar nicht so trivial ist, was wir machen: Wir setzen die Leute 90 Minuten in ein anderes Leben, lassen sie die Erfahrungen anderer Menschen machen. Das relativiert viel in unserem eigenen Leben, und lässt uns ab und an über den Tellerrand gucken. Das empfinde ich als sehr befriedigend.


Berlinantisemitismus & Bauchgefühle

Die Gebrauchtwoche

TV

26. Februar – 3. März

Der Terror, so deprimierend das klingt, befindet sich gerade in Höchstgeschwindigkeit auf der Siegerstraße – das war vorige Woche nirgends so gut zu beobachten wie auf der Berlinale, wo offener Antisemitismus auf größtmöglicher Bühne so unwidersprochen blieb, dass die künstlerischen Beiträge des wichtigsten Filmfestivals der Welt komplett in den Hintergrund gerieten.

Damit haben die Schlächter der Hamas am 7. Oktober eins ihrer Ziele erreicht: so viel Zwietracht zu säen, dass Pluralismus und Demokratie wackeln wie auch beim Potsdamer Remigrationszirkel geplant. Denn während das Landgericht Hamburg dem beteiligten AfD-Intimus Ulrich Vosgerau in nur einem Punkt seiner Unterlassungsanträge Recht gab, wird Stefan Niggemeier nicht müde, das Berliner Recherche-Kollektiv anzugreifen.

Das ist sein Recht, wenn nicht gar eine Pflicht, oder um es mit Michelle Obama zu sagen: When they go low, we go high. Niggemeiers Regelpurismus jedoch verbeißt sich derart in Formfehlern, als ginge es dem revisionistischen Rand rechts der CDU/CSU um publizistische Ausgewogenheit. Angesichts dieser Autoaggressivität Geistesverwandter tat es beinahe schon wieder gut, mit Prime Video der Realität zu entfliehen.

Auf seiner Saison-PK hat der Streamingdienst am Dienstag ein Programm verkündet, das fast so eskapistisch ist wie ein paar Dutzend Influencer*innen im Berliner Westhafenloft – aber eben auch einfach nur schrecklich unterhaltsam zu sein scheint. Amazon mag in Bereichen wie Transparenz, Arbeitsrecht oder Umweltschutz katastrophal versagen; Unterhaltung kann er. So wie Johannes Boss.

Nachdem der Showrunner mit Serien von jerks bis Oh Hell bekannt wurde, gründet er mit Moritz von der Groebens „good friends“ demnächst die Entwicklungs- und Produktionsfirma „vjllage“, zu der auch die neue „Johannes Boss Storytelling Academy“ gehört. Und wer weiß – vielleicht sorgt sie ja auch bei Prime für Furore.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

4. – 10. März

Eines seiner Projekte: The Deadlines übers bizarre Leben fortpflanzungsreifer Frauen in der Multioptionsgesellschaft – der sich auch die fabelhafte ARD-Serie Sexuell verfügbar widmet. Mit Laura Tonke als feministische Trouble Makerin, die einen Investor vergewaltigt haben soll und das Patriarchat auch sonst mit jedem Mittel attackiert. Ohne mehr zu spoilern: fünf Teile ab Freitag in der Mediathek sind dafür definitiv zu wenig!

Das gilt leider nicht für die ZDF-Serie Reset, in der Katja Riemann ebenfalls eine Feministin spielt. Allerdings eine, die in einer Near Future genannten Gegenwartszukunft ihre Tochter per Zeitreise vorm Suizid bewahren will. Das ist zwar deutlich tiefgründiger als der billige Trick einer komplett irrationalen Dramaturgie, bei der sich Albert Einstein im schwarzen Loch umdrehen würde.

Bei aller Vielschichtigkeit der Abrechnung mit dem Kontroll- und Selbstoptimierungswahn unserer digitalen Gesellschaft allerdings kann sich das Drehbuch von Ingrid Kaltenegger und Mika Kallwass allerdings nicht die Klischees deutscher Mystery verkneifen. Was die Serie grundlegend von der sechsteiligen Tragikomödie Bauchgefühl mit Laura Berlin als ungewollt schwangere Großstädterin ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek unterscheidet.

Der Rest in Stichworten:

Montag, Netflix: Supersex, die wahre Fiktion des italienischen Pornostars Rocco Siffredi, in der sieben Teile lang praktisch kein Geschlechtsverkehr zu sehen ist.

Mittwoch, Netflix: The Gentleman, Drogenkönigsmilieustudie vom Drogenkönigsmilieustudienkönig Guy Ritchie

Donnerstag, Netflix: Das Signal, vierteilige SciFi-Mystery-Serie mit Peri Baumeister als Astronautin, die besser ist als ihr Label

Samstag, Comedy Central: Robot Chicken, Stop-Motion-Variationen von Star Wars, die man eigentlich nur lieben kann


Totgesagte & Lebendgeburten

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. Februar

Tennis war mal ein Straßenfeger mit Übertragungen selbst kleiner Turniere bei ARZDF und Einschaltquoten über Tatort-Niveau. Wer Filzbälle sehen will, musste deshalb zuletzt darauf hoffen, dass Martin Kind weiter Branche, Sport, Gesellschaft, selbst seine Vereinsmitglieder betrügt. Und bei Hart aber fair hat der Herzog von Hannover genau das ja auch im toxischen Trotz seiner Generation fortgesetzt.

Zu dumm für alle Tennisfans, dass die DFL ihre Investorensuche zwei Tage später für beendet erklärt und dem Protest quasi die Ballmaschinen abgestellt hat. Es gab am Wochenende daher zwar keine Spielunterbrechungen, aber die Aussicht, dass Ultras künftig auf der Bundesliga-Nase herumtanzen, wann immer Entscheidungen unliebsam wirken. Klassisches Eigentor also, inmitten einer finalen Schlacht.

Denn der TV-Markt, sagte mit Richard Broughton ein internationaler Experte, „hat sich signifikant verkleinert“. Damit meint der britische Marktforscher zwar fiktionale Serien, von denen 2023 zwei Fünftel weniger beauftragt wurden als im Jahr zuvor. Doch es trifft die Streaming-Branche inklusive Sport-Anbieter wie Sky oder DAZN ins geschäftliche Mark – und führt womöglich dazu, Totgesagte am Leben zu halten.

Das lineare Fernsehen nämlich legte auf 77 Prozent aller Produktionsaufträge zu, was sich positiv auf die Vergabe der Fußballrechte auswirken könnte. Da die Werbe-Erlöse 2024 wohl um 2,7 Prozent steigen, während sich das Abo-Wachstum verlangsamt, wird Video-on-Demand inklusive Fußball unattraktiver. Davon profitiert die Sportschau, vor allem aber das öffentlich-rechtliche Kerngeschäft: Journalismus.

Ob es auch Julian Assange betreibt, wird eingedenk seiner drohenden Auslieferung in die USA kaum diskutiert. Schade eigentlich. Denn dass er Millionen Datensätze unkommentiert online stellt, macht ihn vom Journalisten zum Aktivisten, weshalb sein Fall eher politischer statt publizistischer Natur ist. Und wie willkürlich Digitalportale agieren, zeigte zuletzt ja X aka Twitter, als es den Account von Alexej Nawalnys Witwe sperren ließ.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

26. Februar – 3. März

Apropos Rechtspopulismus: Die ARD zeigt heute Abend ihre wichtige Aussteiger-Doku Wir waren in der AfD, nachdem das ZDF zur Primetime Ferdinand von Schirachs sensationelles Courtroom-Drama Sie sagt. Er sagt auch linear zeigt. Da beides schon längst in den Mediatheken steht, sind zwei Fiktionen ab Freitag allerdings ein bisschen bemerkenswerter.

Im Ersten nimmt zur immer noch allerbesten Sendezeit Die Großstadtförsterin ihren Dienst auf. Klingt fürchterlich, ist aber gar nicht so schlimm – weil darin die großartige Stefanie Reinsperger im Degeto-Auftrag den Berliner Grundwald hegt. Richtig fabelhaft ist hingegen das sechsteilige Medical-Drama Push geworden. Drei Hebammen um Anna Schudt holen dabei in der ZDF-Mediathek Babys zur Welt.

Auch und weil sie sich nebenbei (natürlich) noch mit allerlei privatem Ärger von Trennungen bis Strafprozesse herumschlagen, ist die Serie von einer Intensität, als säße man selber im Kreißsaal. Mit so viel Authentizität können die Streaming-Formate nicht mithalten. Aber auch sie sind durchaus erwähnenswert. Das Remake der Achtziger-Serie Shogun etwa dienstags bei Disney+, das nicht wegen seiner Bildgewaltigkeit zum Besten der Saison zählen dürfte, sondern auch, weil es Richard Chamberlains euroszentrische Sicht auf Japan umdreht.

Dazu das funkensprühende Münchhausen-Stück Die frei erfundenen Abenteuer von Dick Turpin mit Noel Fielding als unfreiwilliger Räuberhauptmann im 17. Jahrhundert. Oder Adam Sandler als tschechischer Astronaut im Netflix-Biopic Spaceman, was angesichts des Hauptdarstellers seicht klingt, aber gar nicht ist. Ähnliches gilt für das Filmporträt Ferrari, in dem Michael Mann (Miami Vice) bei Prime Video den Gründungsmythos erkundet.

Und zum Schluss, als bittere Schmankerln: die Doku As We Speak, in der J.M. Harper ab Mittwoch bei Paramount+ am Beispiel des Rappers Kemba aufzeigt, wie US-Gerichte offenbar seit Jahrzehnten HipHop-Texte als Beweismittel von Strafprozessen gegen ihre Urheber heranziehen. Und Spiel mit den Alpen, ein Katastrophenbericht vom globalen Wintersportrevier Nr. 1, den der wachsame Felix Neureuther heute um 20.15 Uhr im Ersten erstellt.


Teddy Teclebrhan: Anarchie & Improvisation

Es gibt bei mir keinen Pointen-Zwang

Teddy

Unter den konsensfähigen Comedians ist Teddy Teclebrhan (Foto: Amazon Prime Video) definitiv der anarchistischste. Jetzt sogar mit eigener Unterhaltungsshow bei Amazon Prime. Ein Gespräch über gespaltene Persönlichkeiten, improvisierende Stars und die neue Lust am Scheitern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Teddy, kannst du mir deine Show kurz erklären? Ich habe zwei der sechs Folgen gesehen, bin aber weit davon entfernt, das Konzept dahinter zu verstehen…

Teddy Teclebrhan: Der beste Weg, sie zu verstehen, ist vermutlich, es gar nicht erst zu versuchen, sie zu verstehen. Die Geschichte hinter der Show war ja, dass ich bei Prime Video war, den Vertrag unterschrieben habe, und als sich die Tür hinter mir geschlossen hat, standen da drei Typen und fragten: Okay, und was ist mit uns?

Weil Ihre Unterhaltungspersönlichkeit gleich vierfach in Teddy Teclebrhan, Ernst Riedler, Antoine Burtz und Percy gespalten ist?

So kann man das interpretieren. Prime hat den Vertrag mit mir gemacht und die anderen drei wollten halt ihren Anteil daran. Aber brauchen Sie das Konzept der Show für Ihr Leben oder das Interview?

Eher letzteres.

Dann einigen wir uns darauf, dass es kein Konzept gibt, okay?

Okay, aber in dieser Konzeptlosigkeit hat mich Ihre Show dennoch ein bisschen an Filme von Bully Herbig oder Otto Waalkes erinnert, die im Grunde Verdichtungen früherer Sketche waren…

Bei mir war es anders. Ich habe die Fernsehshows so gebaut, wie ich auch meine Liveshows baue: So konzipiert wie nötig, so organisch wie möglich.

Und das wussten auch deine Gäste mit klangvollen Namen von Iris Berben über Megaloh und Caprice bis Heiner Lauterbach?

Wer mich kennt und von mir eingeladen wird, dürfte sich darüber im Klaren sein, dass meine Nummern improvisiert sind. Die wussten das also, und alle sind professionell genug, damit umgehen zu können.

Also gegebenenfalls in den Pointen-Battle mit einem Improvisationsprofi wie Ihnen einzutreten?

Nee, denn es gibt bei mir keinen Pointen-Zwang.

Aber ja schon einen Schlagfertigkeitszwang, sonst tritt das Schlimmste einer Live-Sendung ein, nämlich peinliches Schweigen.

Genau deshalb sind alle Schauspielerinnen und Schauspieler, die wir eingeladen haben, richtig gut in ihrem Fach.

Der Regisseur Jan Georg Schütte sammelt mit dieser Art Impro-Fiktion gerade so viele Film- und Fernsehpreise, dass die größten Stars mittlerweile bei ihm vor der Tür scharren, um mitmachen zu dürfen. Gibt es eine neue Lust an Fallhöhe, der Chance zu scheitern?

Die Lust war immer da, aber jetzt gibt es viel mehr Formate als früher, in denen sie sie nutzen können. Mir ist allerdings fast noch wichtiger, dass man nicht erkennen kann, ob es gescripted oder improvisiert ist. Dieses Überraschungsmoment mag ich sogar noch mehr als gut aufgeschriebene Witze.

Als Schauspieler musst du dich aber vermutlich streng an Texte halten – etwa in deiner Rolle als Erzieher Robert in Nora Fingscheidts Meisterwerk Systemsprenger.

Da gab es zwar ein Drehbuch, aber auch da ist man mit der Regisseurin ständig im Austausch darüber, ob man was mundgerecht anpassen kann – manchmal sogar in der Szene selbst. Aber richtig improvisieren kann man da natürlich nicht.

Was hat dich eigentlich so früh daran fasziniert, ohne schriftliche Fahrbahnbegrenzung gegen die Wand fahren zu können?

Die Möglichkeit, in Momenten der Unsicherheit etwas wirklich Besonderes zu finden, ist wesentlich höher als mit Netz und doppeltem Boden eines Drehbuchs. So wie wir jetzt miteinander reden, ist ja auch nichts gescripted und kann daher in jede Richtung gehen. Improvisation ist Leben. Deshalb habe ich keine Angst, gegen diese Wand zu fahren.

Weil Sie generell ein angstfreier Typ sind?

Nein, nein. Ich bin kein angstfreier Typ, aber ich weiß ganz gut, wie ich mit Ängsten umgehen sollte. Um keine Angst vorm Scheitern zu kriegen, habe ich sie deshalb von einer Gefahr zum Wegweiser umdefiniert, der kein unerwünschtes Ziel, sondern nur die Richtung vorgibt. Einiges vom Scheitern bleibt daher auch im Programm, anderes fliegt raus – aber nicht etwa, weil ich mich dafür schäme, sondern weil ich mein Energielevel nicht erreicht habe.

Ist dieses Energie-Level am Ende eines deiner Humor-Prinzipien?

Unbedingt.

Und was noch – vielleicht das Aushalten von Schmerzpunkten hinausgezögerter Pointen, die Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo es wehtut, auch wenn der Umweg eventuell leichter ist?

Ja. Wobei ich gemerkt habe, dass dieser Schmerzpunkt bei anderen nicht nur früher kommt als bei mir; ich empfinde ihn oftmals gar nicht.

Damit hast du gerade ziemlich genau mein Leiden angesichts einiger Momente der Teddy Teclebrhan Show beschrieben…

(lacht) Sehen Sie? Mich entspannen solche Momente eher…

Das dritte und letzte Prinzip könnte sein: Dein Humor ist radikal unpolitisch. Ist er das?

Schon, und zwar als bewusste Entscheidung. Wenn es mal ein bisschen politischer wird, überantworte ich das gerne an die ältere Figur Ernst Riedler, denn ich als Teddy mache schon deshalb durch und durch Unterhaltung, weil meine gesamte Existenz auch ohne darüber zu reden schon politisch ist. Vom Zwang, mich politisch äußern zu müssen, habe ich mich dementsprechend frei gemacht. Folge 5 der Show handelt allerdings von Heimat und ist somit ein wenig politischer.

Hat sich Amazon Prime diesbezüglich eingemischt?

Null, denn die Leute bei Prime haben Bock auf was Neues. Wenn sie sich eingemischt hätten, hättest du am Anfang womöglich nicht nach dem Showkonzept gefragt. Natürlich gab es auch mal Diskussionen, aber am Ende haben Sie mich meinen Style machen lassen. Die akzeptieren mich so, wie ich bin. Wie schön ist das denn?!

Aber würde Prime als renditeorientiertes Unternehmen denn auch einen Misserfolg akzeptieren?

Das müssen Sie dort fragen, aber ihr Glaube an mich und uns war jederzeit spürbar. Ich feiere die Shows gerade so sehr, weil ich konsequent mein Ding machen und alles komplett Teddy ist.

Auch das Knopfdruck-Gelächter des eingepeitschten Publikums?

Da sprichst du was an (stöhnt)… Das war nicht meine Idee und hat mich echt genervt – gerade, weil ich jemand bin, der mit Stille spielt oder dem, was Sie vorhin peinliches Schweigen genannt haben. Das war auch für mich eine Herausforderung (lacht). Beim nächsten Mal machen wir das safe ohne Publikumsanimation.