Stabil: Psychiatrie & Happyend

Feelgood-Depressionen

Die ARD-Serie Stabil um ein halbes Dutzend Insassen einer Jugendpsychiatrie dockt an Formate wie Euphorie oder Hungry an. Junges Seelenleid wird von erwachsenen Filmemachern darin endlich mal ernst genommen. Das tut der deutsche Sechsteiler im Grunde auch – und landet dennoch im Bällebad fiktionaler Klischees. 

Von Jan Freitag

Im Zeitalter des neuen Kinos Serie hat es eine Regel zur Gesetzeskraft gebracht: Nie spoilern! Sie gilt also auch für Stabil. Wenn die ARD den Sechsteiler heute online stellt, verböte es sich deshalb normalerweise von selbst, das finale Kapitel der Geschichte einer Jugendpsychiatrie und ihrer Insassen zu verraten. Einerseits. Andererseits gibt es eine Art feuilletonistischer Fürsorgepflicht, das Publikum vor verschwendeter Lebenszeit zu warnen. Nach fünfeinhalb Folgen existenzbedrohender Probleme nämlich gleiten nahezu alle Hauptfiguren nicht nur lachend ins Happyend; zwei davon genießen gar die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben in trauter Zweisamkeit.

Man kann, nein: muss von dieser Verharmlosung der dystopischen Krankheit Depression in all ihren Facetten also nur abraten. Dabei ist die Thematik durchaus verheißungsvoll. Nach einem Suizidversuch landet Greta (Luna Mwesi) in der psychiatrischen Klinik von Dr. Kim (Abak Safaei-Rad). Sechs halbe Stunden kämpft die 16-Jährige fortan mit einer Gruppe Gleichaltriger buchstäblich ums eigene Seelenheil. Zugleich aber versucht sie im geschlossenen System medizinisch-sozialer Kontrolle, das weder Außenkontakt noch Intimitäten gestattet, erwachsen zu werden. Ein pubertärer Spagat, den zurzeit reihenweise fiktionaler Formate wagen.

Aktuell etwa brillieren Derya Akyol und Sira-Anna Faal im fabelhaften RTL+-Reboot zur US-Serie Euphoria als mental kollabierende Prototypen der Generation Z. Ein Jahr zuvor ließ ZDFneo die essgestörte Ronnie (Zoe Magdalena) in Hungry an sich und ihrer Welt verzweifeln, nachdem Caroline Links Meisterwerk Safe an gleicher Stelle für zwei Psychologen und ihre Patienten Preise abgeräumt hatte. Gerade erst wurde Staffel 2 des Genre-Pioniers Club der roten Bänder abgedreht. Und jede dieser Serien wirft ein ebenso glaubhaftes wie anregendes Bild auf Jugendliche im Dauerstress ihrer krisengebeutelten Epoche.

Wenn sich Regisseurin Teresa Fritzi Hoerl drei der sechs Folgen Stabil selber aufgeschrieben hat, könnte es auf dem gebührenfinanzierten Online-Portal daher gehaltvoll werden. Schließlich trägt die Serie durch ihre Existenz allein schon dazu bei, das Chaos im Kopf Heranwachsender für voll zu nehmen. Schade nur, dass Hoerls Vorqualifikation in einer cremigen Melange aus Werbefilmen, Feelgood-Movies und dem gesendeten Pony-Fanzine Reiterhof Wildenstein besteht. Was die Hauptautorin mithilfe dreier Kolleginnen verzapft, hat deshalb den Tiefgang einer mittelmäßigen Vorabendserie. Schlimmer noch: inhaltlich grenzt sie oft an Körper-, Geist- und Seelenverletzung. Es nimmt bereits in Minute zwei seinen Anfang.

Vom vermeintlich mitverschuldeten Tod ihrer Schwester Nele lebensmüde, rast Greta mit dem Motorroller frontal gegen die Wand. Dass sie dabei nur zwei, drei dekorative Cuts im makellos geschminkten Gesicht davonträgt, ist nur das erste einiger Dutzend schlecht gescripteter Melodramen. Rückstandslos genesen nämlich zieht die 16-Jährige in eine Kinder und Jugendpsychiatrie, wo ihr eine Betreuerin „Uwe, dein Bezugspfleger, hier in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“ vorstellt.

Das bevormundende Erklärbär-Fernsehen deutscher Art schießt sofort aus allen Didaktik-Rohren und sichert es mit einem Kugelhagel stereotyper Charaktere ab. Der spielsüchtige Killer (Uhud Karakoç) heißt wie sein Egoshooter und ist natürlich übergewichtig. Die autoaggressive Michelle (Katharina Hirschberg) wäscht sich nie und nascht dazu Chilischoten. Ein exoaggressiver Hooligan namens Fresse (Beren Zint) schlägt um sich und trägt Goldkettchen. Keine drei Sekunden nach ihrer Einführung packt jede Figur all ihre Macken auf den Stationstisch, damit auch ja niemand Zweifel daran hat, wie krass so eine Einrichtung ist.

Für alle inszenatorischen Mängel und Widersprüche fehlen hier Zeit und Raum. Nur so viel: dass der Gewalttäter im Zimmer des Gewaltopfers Alireza (Caspar Kamyar) einquartiert (und hinter ihm abgeschlossen) wird, ist sogar noch absurder als Alizeras Turtelei mit der verlusttraumatisierten Greta zwei Szenen später. Nach drei Folgen, bei denen fast permanent das Drehbuchpapier raschelt („eine psychische Erkrankung ist immer ein Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, neurobiologischen Prozessen und ja, auch dem Umfeld“), setzt man daher Hoffnungen in die zweite Regisseurin Sinje Köhler. Schließlich verdanken wir ihr gelungene Serien wie Doppelhaushälfte – und werden sofort bitter enttäuscht.

Wie der gemobbte Alireza beim Ausflug ins Shoppingcenter Sekundenbruchteile vorm ersten Kuss mit Greta die Täter aus Schulzeiten trifft, ist ebenso billig konstruiert wie Fresses weicher Kern, den uns sein behutsamer Umgang mit Faltern (im Abendlicht) und Pferden (in Zeitlupe) einzuprügeln versucht. Und kleiner Tipp für Nachwuchsfilmemacher: Gelegentliche Flashbacks sind ein legitimes Hilfsmittel zeitüberlappender Erzählungen. Permanent verwendet, stehen sie einfach nur für Denkfaulheit.

Das ist schon deshalb schade, weil sich Luna Mwezi – die 2020 mit 13 Jahren als drogensüchtiges „Platzspitzbaby“ im Kino auffiel – spürbar für ihre Figur aufreibt. Auch Ronald Zehrfelds Pfleger Uwe ist in jeder Sekunde authentisch. Und dass wir viele Patienten viertelstundenweise beim Therapie-Dialog beobachten, ringt dem Boom-Genre Jugend-Medical eindrückliche Facetten ab. Wäre das anschließende Happyend kein so lächerlicher Schlag ins Gesicht aller Psychiatriepatienten, die statt fünf klischeehafter Episoden oft lebenslang mit ihrer Krankheit kämpfen. Vielleicht machen Köhler und Hoerl doch lieber was mit Ponys.


Plattformrechtsdrall & Toxic Tom

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. November

Der Begriff „Medium“, Altgriechisch für „das Mittlere“ wird seit langem schon für kommunikative Öffentlichkeit verwendet. Zu ihr gehören also – auch wenn es manch einem Presseverlag und Fernsehsender missfällt – Plattformen wie TikTok oder Spotify ebenso wie seit neuestem ChatGPT. Drei digitale Medien einer hochtourigen Öffentlichkeitskommunikation, die gerade mehr Aufmerksamkeit generieren, als ihren Logarithmen lieb ist.

TikTok zum Beispiel bietet auf seinem Marktplatz reichlich rechtsradikales Merchandising an, wie ein Rechercheteam der Süddeutschen Zeitung in einem Selbstversuch belegen konnte. Das Portal reagiert nicht auf Nachfragen. Spotify Niederlande wird mit rechtsextremer Musik geflutet, wie der Deutschlandfunk berichtet. Der Audio-Streamingdienst reagiert nicht auf Nachfragen. ChatGPT verletzt massenhaft Urheberrechte, wie das Münchner Landgericht urteilte. Der Chatbot geht dagegen, klar, in Berufung.

Ob die Ankündigung von Google, Milliarden in Deutschland – vor allem Berlin und München – zu investieren, eine bessere Nachricht ist, bleibt angesichts der demokratiezersetzenden Stoßrichtung von Mark Zuckerbergs Megakonzern Meta im Rücken noch zu klären. Definitiv besser ist dagegen die aus Entenhausen. Unterm Titel E-313 leitet Nr. 604 des Lustigen Taschenbuchs demnächst die Mobilitätswende ein und beginnt mit dem umgerüsteten Oldtimer von Donald Duck.

Parallel geht die Debatte um Deutungshoheit und Interpretationsspielräume der Netflix-Doku über Haftbefehl weiter. Einige fordern, sie als Schulstoff einzuführen. Andere plädieren angesichts der Selbstentblößung eines glorifizierten Drogenwracks für Warnhinweise aller Art. Und dann wäre da noch die neue Sky-Kooperation mit Sony. Sie ersetzt künftig die regelhafte Ausstrahlung aller HBO-Formate bei Wow. Wo die demnächst laufen, muss also noch geklärt werden.

Die Frischwoche

17. – 23. November

Bei startet morgen derweil die norwegische Dramaserie Toxic Tom. Wie der Titel andeutet, handelt sie von einem Incel, der in seiner Man-Cave jede freie Minute damit verbringt, Hass auf Frauen zu verbreiten. Darunter die populäre Fernsehmoderatorin. Und da, wie sagt man so schön: legt er sich mit der Falschen an. Klingt erstmal nicht ungewöhnlich. Aber was ab der zweiten von vier Episoden folgt, ist mit das Originellste, was eine Fiktion zu diesem Thema vielleicht jemals ersonnen hat.

Ebenfalls ungewöhnlich ist der israelische Achtteiler Fireflies. Ab Freitag explodieren darin bei Paramount+ rings um ein Wüstenstädtchen plötzlich Menschen. Verantwortlich dafür scheinen zwar die weiten Minenfelder des konfliktverseuchten Landes zu sein, an denen zwei Schulfreundinnen im Polizei- und Räumdienst arbeiten. Je länger die Serie dauert, desto mysteriöser werden allerdings mögliche Ursachen. Von denen endlich mal die wenigsten politischer Herkunft sind.

Ebenfalls unergründlich ist es, warum dem Abteilungsleiter eines Immobilienkonzerns bei der Präsentation einer Shoppingmall der Stuhl unterm Hintern zusammenbricht. In seiner eigenen Sky-Serie The Chair Company gerät Hauptdarsteller Tim Robinson daraufhin ins Hamsterrad irrer Verschwörungstheorien. Und wie der Comedian das ab Donnerstag spielt, ist mitunter zwar leicht overacted, aber auf sehr unterhaltsame Art entlarvend.

Das wird hoffentlich zeitgleich auch die dreiteilige ARD-Mediatheken-Doku Being Jérôme Boateng, in der das Erste versucht, dem frauenverachtenden Fußballprofi näherzukommen. Und noch ein ARD-Format, diesmal live: Tödliches Spiel, ein Krimi-Dinner mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl als Gastgeber eines maximal prominent besetzten Esstischs, am dem es sicher drollig zugeht.


Tim Mälzer: Impossible & Meisterklasse

Das ist hier eine Teller-Therapie

Tim Mälzer war nie weg und ist doch zurück: Als Coach und Kumpel im Sternekoch-Casting Mälzers Meisterklasse, wo er bei Vox diesmal mit Halbprofis in der luxuriösen Inselküche steht. Ein schnodderig-selbstbewusstes Gespräch über Tränen am Herd, Scheitern als Chance und warum er ein Steckrübeneintopf ist, vorab ersscheinen beim Medienmagazin DWDL.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Tim Mälzer, haben Sie die Disney-Serie The Bear um ein hektisches Restaurant in Chicago gesehen?

Tim Mälzer: Ja. Klar.

Und?

Dieses getriebene, lebensschwere Chaos ist mir persönlich viel zu intensiv. Ein Küchenchef, der sein Team heute noch so behandelt, ist nicht nur ein schlechter Küchenchef, sondern bald auch allein und Pleite. Rumgrölen ist Führungsschwäche, nicht Führungsstärke. Wenn du bei Jan Hartwig in der Küche stehst…

Ihr Ko-Juror bei Mälzers Meisterklasse, selber mit drei Sternen dekoriert.

… dann hörst du kaum ein lautes Wort, da läuft alles wie von selbst. Dieses ständige philosophische Überhöhen großer Köche geht mir ohnehin auf die Nerven. Du darfst gerne fürs Kochen brennen, aber am Ende geht es dabei um Essen und Trinken, fertig. Ich vergleiche das gern mit Fußball: Da sind auch elf Leute auf dem Platz, von denen alle spezielle Fertigkeiten haben, aber gewinnen können sie nur gemeinsam.

Die 50.000 Euro für Mälzers Meisterklasse mit dem Bonus eines Duells mit Ihnen bei Kitchen Impossible gewinnt allerdings nur einer oder eine.

Aber auch da ist mir ein gewisses Miteinander wichtig. Schon, um mit Frustrationsmomenten besser umzugehen, die es natürlich gibt. Mein Job dabei ist es ja, die Leute aus ihrer Komfortzone rauszuholen. In der kannst du solide Arbeit abliefern, aber nicht über dich hinauswachsen. Je häufiger du dir die Hände verbrennst, desto klarer wird, wer du bist.

Und Ihre Hände haben öfter gebrannt?

Ja. Und je heißer, desto extremer waren meine Entscheidungen. Mit dem Kochen aufzuhören, zum Beispiel, und lieber Restaurants zu führen als Küchen. Ich wollte schon immer ebenso an mich glauben wie an mir zweifeln und dabei ständig meine eigenen Konzepte verändern. Deshalb wollte ich nach all dem Herumreisen für Kitchen Impossible jetzt auch unbedingt wieder mal ins Studio. Routine ist Langeweile und beides habe ich schon immer als Gift auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit angesehen.

Ein Ziel, dass sie den 15 Kandidatinnen und Kandidaten der Meisterklasse in fast jeder Aufgabe mit an den Herd geben.

Und sie damit bewusst ein bisschen überfordere. Nur so gibt es Lerneffekte, und die sind das Wichtigste an jeder Arbeit.

Das Wichtigste an dieser Art Reality ist wie so oft Emotionalisierung. Ständig sind Tränen, Wut, Verzweiflung in Zeitlupe zu sehen. Gehört das einfach dazu oder stört es Sie?

Es ist Fernsehen und Fernsehen braucht Gefühle! Und ob die wahrhaftig sind, kann ich als Vater und Unternehmer mittlerweile ganz gut einordnen. Tränen, die Druck abbauen, sind meistens echt, die kann man zeigen. Tränen, die aus Missverständnissen entstehen, sind meistens falsch, die sollte man weglassen.

Nicht jede Träne ist ein Trauerfall?

Genau, aber das hier ist eine Teller-Therapie in sechs Sitzungen à 90 Minuten. Da sind Selbstzweifel vorprogrammiert. Ich selber zweifle ja ständig an mir, das grenzt ans Hochstaplersyndrom. Deshalb kann ich auch überhaupt nicht gut mit Komplimenten umgehen. Schlimmer ist eigentlich nur der Vorwurf, ich sei arrogant. Das kriegen Prominente zwar gern zu hören, falls sie nach einem harten Arbeitstag nicht mehr die Kraft haben, auch noch das 40. Selfie zu machen. Aber manchmal ist man halt einfach zu müde.

Und zwar auch langfristig, deshalb haben Sie sich öfter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Was bringt einen Kochunternehmer am Ende weiter: Erfolg oder Scheitern?

(überlegt lang) Erfolg und Anerkennung sind schon wichtig, aber mehr und nachhaltiger lerne ich aus Fehlern. Deshalb ist mir Scheitern so wichtig. Zumal Deutschland eine so blöde Fehlerkultur hat, und das ist durch Giftspritzen auf Social Media nochmals schlimmer geworden. Viele dort können nicht gut mit Niederlagen umgehen, weiden sich aber an denen anderer. Fürchterlich! In der Meisterklasse geht es mir hingegen darum, die Kandidatinnen und Kandidaten voranzubringen. Ich beziehungsweise Jan muss zwar Leute rauswerfen, aber nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil andere besser sind. Auch ich bin zwar manchmal destruktiv, möchte aber grundsätzlich konstruktiv sein.

Aber was entscheidet denn nun wirklich abschließend darüber, wer ein wirklich guter Koch ist – Handwerk, Persönlichkeit, Sendungsbewusstsein, Scheitern, Erfolge, Mut?

Ein guter Koch beherrscht sein Handwerk, ein herausragender Koch hat auch noch Persönlichkeit.

Kann man das in Ausbildung, Praxis oder einer Sendung wie dieser rauskitzeln, oder hat man das oder eben nicht?

So ganz genau weiß ich das gar nicht, Die Identität lässt sich allerdings nur erkennen, wenn sie ins Risiko gehen. Und das geht eigentlich nur in der Selbstständigkeit. Als Angestellter einer großen Küche Persönlichkeit herauszubilden, ist schwierig. Ich hab‘ meine deshalb erst herausgearbeitet, als ich dann mein eigener Chef war

In der ersten Folge von Mälzers Meisterklasse sollen die Kandidaten „kochen, was sie sind“. Welches Gericht sind Sie?

Hühnerfrikassee. Und Steckrübeneintopf. Das bin ich, das ist meine DNA. Wenn ich den koche, schweigen meine Gäste oft andächtig. Ich koche ihn mit der Leidenschaft und den Zutaten wie meine Oma, das lässt sich nicht verbessern.

Gleichzeitig fordern Sie in der Meisterklasse doch ständig, sich was zu trauen, ins Risiko zu gehen, vom Erwartbaren abzuweichen. Ist Omas Steckrübeneintopf nach zu kochen nicht das Gegenteil davon?

Nee, das ist mutig, weil weglassen mutig ist. Das hilft, eine Persönlichkeit herauszubilden und ihr auch treu zu bleiben, wenn man im Sturm steht. Über mich ist schon jeder Dreckkübel ausgekippt worden. Das mithilfe meiner Persönlichkeit wieder abzukriegen, ist vielleicht die größte Fertigkeit, die ich in 20 Jahren Fernsehkochen entwickelt habe.

Welche noch?

Immer absolut ehrlich zu sein. Wenn du mich auf dem Bildschirm siehst, dann bin das immer ich – auch wenn ich dort lauter bin als zuhause, wo ich beim Kochen ganz ruhig bin, eher als würde ich im Atelier stehen und ein Bild malen.

Was genau sind Sie denn nun: Entertainer, Koch, Unternehmer, Food Content Creator?

Also das letzte schon mal nicht. Im Wesentlichen bin ich Gastwirt. Und mit meiner großen Klappe? Geschichtenerzähler.


Musks Billionen & RTLs Nibelungen

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. November

Eine Billion. Man muss die Zahl ausziffern, um sie greifbar zu machen: 1.000.000.000.000 – zwölf Nullen also. Tesla will Elon Musk also das aktuelle Bruttoinlandsprodukt Saudi-Arabiens in Aktien auszahlen, falls der Konzern die entsprechenden Gewinne erwirtschaftet. Bis 2035 könnte sich die Summe sogar auf 2,5 Billionen Dollar steigern, was wiederum Indiens BIP entspricht.

Währenddessen dürfte Musks Online-Enzyklopädie Grokipedia, die nicht von einer Schwarm-, sondern künstlichen Intelligenz mit Informationen gefüttert wird, mit den Milliarden ihres Erfinders bald den globalen Wissenstransfer beeinflussen. Schon jetzt sortiert der KI-Chatbot Grok seine Informationen ideologisch so vor, dass rechte Inhalte überwiegen – zumindest, sofern sie wie so oft nicht stumpf vom Vorbild Wikipedia abgepaust wurden.

Dieser algorithmische Copy-and-Paste-Kapitalismus verachtet jede Form des Urheberrechts mit einer Kaltschnäuzigkeit, die Milliardäre zu Billionären macht und Politiker zu Königen. Wer daran zweifelt, muss sich nur mal Karoline Leavitts digital bestens dokumentierte Schimpftiraden ansehen, in denen die Sprecherin des US-Präsidenten Lüge an Lüge an Lüge reiht und Journalist*innen, die das in Frage stellen, zu Feinden des Volkes erklärt. Wohlgemerkt: Auf Pressekonferenzen.

Und jetzt bekam sie auch noch neue Nahrung von belogener Seite. Weil die BBC einen Beitrag über den Kapitol-Sturm am 6. Januar 2021 mindestens missverständlich geschnitten hatte, sind Generaldirektor Tim Davie und Nachrichtenchefin Deborah Turness zurückgetreten. Der Manipulationsgrad lag zwar im Promille-Bereich gewöhnlicher Trump-Lügen. Er war aber gravierend genug, um Feuer ins Öl rechtspopulistischer Angriffe auf den Pluralismus zu gießen. Und was macht das lineare Fernsehen sonst so?

Es kriegt künftig Konkurrenz von Netflix, das durch die Übernahme von Warner Bros Discovery ins klassische Filmgeschäft einsteigen will. Ähnlich wie stationäre Amazon-Shops ist das ein rückwärtsgewandter Bruch eigener Geschäftsmodelle, die es traditionellen Playern am Markt noch schwerer als ohnehin machen. Nicht zu verwechseln übrigens mit der ersten Papier-Ausgabe des Satire-Portals Postillion, das einfach nur ein drolliger Gimmick ist.

Die Frischwoche

10. – 16. November

Gewohnt saftig ist die 2. Staffel von Maxton Hall bei Prime Video, worüber wir hier ansonsten lieber schweigen. Schon, um mehr Gewicht auf Die Nibelungen bei RTL+ zu legen. Der Sechsteiler mit Jannis Niewöhner als moralisch verkommener Siegfried überrascht nicht nur durch sein exzellentes Setdesign, sondern eine angenehm unpopulistische Entschlackung germanischer Mythen.

Ebenfalls überraschend: The other gAIrl, ein sechsteiliges Komödienstadl um Tom Beck als KI-Programmierer, der sich in einen Chatbot verliebt. Weil seine Frau von Becks echter Gattin Chryssanthi Kavazi verkörpert wird, spielen sie ihre Eheprobleme in der ZDF-Mediathek verblüffend authentisch. Geradezu brillant ist derweil die Apple-Serie Pluribus von Vince Gilligan, der Reah Seehorn darin neuen Folgen lang gegen ein Glücksvirus ankämpfen lässt, das die restliche Weltbevölkerung zu einer woken Achtsamkeitsmasse macht.

Auf andere Art absolut überzeugend ist die Arte-Serie Ana & Oscar über ein spanisches Paar, dessen Hop-on-hop-off-Beziehung zehn Jahre jeweils an Silvester betrachtet wird. Weil obendrein die ARD-Historisierungen Sturm kommt auf (ARD) und Nürnberg 45 fabelhaft vom Anfang und Ende des Nationalsozialismus erzählen, hat es die aktuelle Woche schwer mit Empfehlungen.

Ein Selbstläufer ist ab Mittwoch bei Paramount+ das Finale von Yellowstone. Immerhin bemerkenswert gerät die Psychothriller-Serie The Beast in Me mit Homeland-Star Claire Danes ab Donnerstag bei Netflix. Ob das dortige Biopic Mrs Playmen über ein reales Erotik-Magazin der Siebzigerjahre ab Mittwoch was taugt, durfte man vorab nicht selber prüfen. Der ARD-Sechsteiler Stabil dockt Freitag ein bisschen zu aufdringlich am Boom verhaltensauffälliger Jugend-Medicals à la Euphoria an. Dafür erklärt uns das Erste die Ereignisse vom 13. November 2015 gerade in der klugen Doku Terror.Fußball.Paris.


Jonathan Berlin: Josef Mengele & Ernst Michel

Wir sind alle in der Verantwortung

Kurz, nachdem er im ARD-Biopic Die Nichte des Polizisten einen Neonazi verkörpert hatte, spielt Jonathan Berlin im großartigen Dokudrama Nürnberg ‘45 an gleicher Stelle den Auschwitz-Überlebenden und Prozess-Beobachter Ernst Michel. Ein Gespräch über reale existierende Figuren, seine Angst davor, ihnen nicht gerecht zu werden, und was eine KZ-Uniform mit Darstellern macht.

Von Jan Freitag

Jonathan Berlin, Sie sind unmittelbar hintereinander als Neonazi und Holocaust-Überlebender in ARD-Filmen zu sehen. Sind das einfach nur zwei unterschiedliche Figuren, die man mit seinem Rüstzeug als Schauspieler füllt?

Jonathan Berlin: Die Reihenfolge der Ausstrahlung war zufällig und beim Dreh nicht in der Form absehbar. Beide Projekte, so unterschiedlich sie sind, haben schon einen speziellen Zugang erfordert, den ich so noch nicht kannte. Auch inhaltlich haben sie mich länger als andere Figuren beschäftigt. Bei der Nichte des Polizisten lag das auch daran, dass sich die Realisierung seit 2018 immer wieder verzögert hatte.

Warum?

Unter anderem wegen des damals noch laufenden Zschäpe-Prozesses im NSU-Kontext. Selbst beim Drehen wurde lange gewartet mit einer Startmeldung, weil die Reaktionen – gerade aus rechten Kreisen – schwer einschätzbar waren. Was das schauspielerische Rüstzeug angeht, ist das einfach ein Balanceakt bei einer solchen Figur. Man läuft schnell Gefahr, etwas auszustellen und in schauspielerische Fallen zu treten. Zum Glück war da das sehr präzise geschriebene Drehbuch und eine sehr feine Regie.

Ist der Grat bei einem jüdischen NS-Opfer wie Ernst Michel, der beim Nürnberger Prozess 1945 als Reporter über die Täter berichtet, ähnlich schmal?

Mindestens. Deshalb war essenziell, dass seine Tochter Lauren und Seweryna Szmaglewskas Sohn Jacek am Projekt beteiligt waren. Für mich hat das dem Projekt eine andere Form der Legitimation gegeben, die ich in diesem Kontext als zwingend empfand. Dementsprechend akribisch bereitet man sich natürlich auf so eine Figur vor.

Ernst Michl ist ein jüdisches Opfer aus Zeiten Jahrzehnte vor Ihrer Geburt, der Neonazi Duric ist dagegen zwar ebenfalls Millennial, steht aber politisch auf der völlig entgegengesetzten Seite als Sie. In wen war es leichter, sich hineinzufühlen?

Mir fällt es schwer, das gegenüberstellend zu beantworten. Duric ist in jeglicher Form das Gegenteil meiner Werteansichten. Er steht für all das, was die AfD in den letzten Jahren an Populismus und Rassismus geschürt hat. Insofern musste ich die Figur sehr handwerklich nehmen und setze woanders an. Im Kontrast dazu ist Ernst Michel jemand, vor dem ich kaum größeren Respekt haben könnte. Sein Schaffen beeindruckt mich zutiefst. Und im Angesicht dessen, was ihm angetan wurde, kann ich lediglich all meine Empathie und Hochachtung aufwenden, um mich seiner Biographie anzunähern. Es wäre vermessen zu sagen, ich könnte mich in ihn hineinfühlen; ich kann ihn lediglich verkörpern. Und auch davor hatte ich eine gewisse Scheu. Und Angst.

Angst?

Ernst Michel nicht gerecht zu werden. Auch weil seine Schilderungen für die Schicksale so vieler anderer stehen. Wie gesagt: es ist nicht nachzuempfinden, man kann sich nur annähern.

Hilft es dabei, eine KZ-Uniform anzuziehen?

Das würde ich so in keinem Fall sagen, denn auch das ist ein äußerst ambivalenter Punkt, über den ich mit Regie und Produktion am meisten gesprochen habe, denn der Grat solcher Szenen ist schmal und heikel. Es ist ja kein Kostüm, sondern ein in Stoff erkennbares Schicksal vieler Millionen Menschen. Das muss in jedem einzelnen Moment klar sein.


Kann man mit so vielen Bürden auf der Schulter und Menschen, die Sie darüber hinweg beobachten, überhaupt einfach das tun, was Ihren Beruf ausmacht, nämlich spielen?

Ich würde es nicht als Bürde bezeichnen, schlichtweg als eine Verantwortung der Figur und in diesem Fall einer realen Persönlichkeit gegenüber. Wie es mir damit ging, muss egal sein. Ich kann nur ins aufrichtige Zwiegespräch mit der Figur gehen und mich fragen, wie Menschen zu solchen Verbrechen fähig sein können und wie jemand wie Ernst Michel danach trotzdem ein lebensbejahendes Leben führen konnte.

Ist die Verantwortung für und der Respekt vor realen Figuren grundsätzlich größer als bei fiktiven?

Ich denke schon. Aber auch die Frage, wie oft Biographien schon erzählt wurden, spielt eine Rolle. Wenn sie noch nicht sonderlich bekannt ist, ist die Tragweite einer Erzählung noch größer. Bei fiktiven Charakteren erlaube ich mir, mehr von mir auszugehen und freier zu gestalten. Es sind schon zwei andere Dinge, auch wenn man das im Moment des Spielens natürlich ausblenden muss.

Dabei fällt auf, dass Sie zwar sehr viele sehr unterschiedliche Rollen gespielt haben, inklusive dieser hier aber mittlerweile sechs, die ums Jahr 1945 herum handeln. Angefangen mit dem ZDF-Nachkriegsdrama Tannbach vor zehn Jahren. Gibt es so etwas wie ein historisches Gesicht, das bestimmte Epochen gut widerspiegelt?

Das habe ich mich auch schon öfter gefragt, aber diese Kategorisierung überlasse ich anderen. Vielleicht zieht man auch eine bestimmte Art von Konflikten an. Sicherlich interessiert mich an diesen Stoffen, dass dort ein Wertesystem gänzlich neu verhandelt wird. Außerdem ist es ja nicht so, dass diese Themen der Vergangenheit angehören. Erst kürzlich haben einige Unions-Politiker dafür plädiert, die Brandmauer zur AfD abzubauen. Da frage ich mich, ob die sich ernsthaft mit der Geschichte und den Abgründen des eigenen Landes auseinandergesetzt haben. Genau aus diesem Grund haben meine Kollegin Luisa-Céline Gaffron und ich Anfang des Jahres einen offenen Brief gegen das Einreißen der Brandmauer zur AfD initiiert.

Den Hunderte Kulturschaffender unterzeichnet haben.

Genau. Wir erleben gerade aufs Neue, wie Minderheiten angegriffen werden, Antisemitismus zunimmt, Rassismus wächst, Gedenkstätten attackiert werden und gleichzeitig gut 25 Prozent eine gesichert rechtsextremistische Partei wählen würden. Wir sind alle in der Verantwortung, genau hinzusehen. Mich selbst beschäftigt seit einiger Zeit ein massiver Missstand in Günzburg, der Stadt, in der ich als Jugendlicher aufgewachsen bin. Wissen Sie, wer noch von dort kommt?

Nein.

Josef Mengele.

Oh, dem Ihre Figur in Nürnberg 45 leibhaftig in Auschwitz begegnet.

Obwohl sich die Stadt mit diesem Erbe beschäftigt und eindrückliche Mahnmäler zu Mengeles Verbrechen errichtet hat, sind noch zwei Günzburger Straßen nach Verwandten Mengeles benannt. Sein Vater Karl ist 1933 in die NSDAP eingetreten. Sein Bruder Alois soll Mengele nach dessen Flucht finanziell unterstützt haben. Wie kann es sein, dass sie als Namensgeber geduldet werden? Ich fordere den Stadtrat daher auf, diese Straßen endlich umzubenennen.

Mit Erfolg?

Das steht noch aus, aber ich befinde mich dazu gerade im Austausch und versuche, das Thema erneut auf den Tisch zu bringen. Schließlich sehen viele in der Stadt die Straßennamen ebenso kritisch und sprechen sich gegen den Missstand aus.

Betreibt dieses Engagement gegen rechts nur der Mensch oder auch der Schauspieler Jonathan Berlin?

Beides bedingt einander. Ich finde, dass man für die Figuren, die man spielt, auch im Hier und Jetzt eine Verantwortung hat, wenn sie realpolitische Kontexte treffen. Wenn ich ein Projekt wie Nürnberg ‘45 zusage, aber nichts gegen die beiden Mengele-Straßen täte, dann würde ich doch letztlich die Figur, nein, Ernst Michel als Person, verraten. Diese Verantwortung besteht zwar auch ohne diese Projekte, aber sie vergrößern sie erheblich, finde ich.

Wussten die Verantwortlichen von ARD und Zeitsprung vorm Casting als Ernst Michel, dass Sie im selben Ort wie Josef Mengele großgeworden sind?

Meines Wissens nicht, aber ich habe es sehr früh in der Vorbereitung angesprochen.

Und was hat es mit Ihnen gemacht, von dieser Konstellation im Drehbuch zu lesen?

Ich würde sagen, es hat mich gleichzeitig zurückschrecken und auf den Stoff zubewegen lassen. Denn ganz klar war: diese Figur zu spielen verpflichtet dazu, diesen Missstand vehementer anzugehen. Dem Bürgermeister der Stadt habe ich auch deshalb bereits die Umbenennung in die Ernst-Michel-Straße vorgeschlagen. Denn wir haben es Personen wie ihm zu verdanken, dass Worte für das gefunden wurden, wofür es kaum Worte gibt.


Podcast Hateland: Reichsbürger & Tag X

Wahnvorstellungen im Bundestagskeller

Der neue ARD-Podcast Hateland berichtet in seiner ersten Staffel über die Reichsbürgerbewegung zwischen Verschwörungsidiotie und Umsturzfantasie. Eine dringende Hörempfehlung.

Von Jan Freitag

Verschwörungstheorien, die ja in der Regel eher Verschwörungsidiotien sind, haben oft etwas angenehm Schrulliges, tendenziell Harmloses an sich. Wer ernstlich glaubt, die Eliten der Politik, Wirtschaft, Kultur würden das Volk mit Chemtrails oder Microchips manipulieren und währenddessen hormonell optimiert vom Adrenochrome entführter Kinder den „großen Austausch“ durch außerirdische Echsen oder andere Ausländer vorbereiten – wer solchen Irrsinn für voll nimmt, verdient also mitleidiges Lächeln statt erhöhter Aufmerksamkeit.

Normalerweise. Denn wenn sich der neue ARD-Podcast Hateland bereits nach 45 Sekunden dem absoluten Ausnahmefall nähert, klingt er frühzeitig alles andere als lustig. Anmoderiert vom Talkshow-Promi Louis Klamroth, begibt sich der investigative WDR-Reporter Martin Kaul auf die Spuren einer besonders ideologischen Verschwörungstheorie. Vor rund 15 Jahren aus dem Kellerloch des kalten Krieges ans Licht der wiedervereinigten Aufmerksamkeitsökonomie gekrochen, lehnen Reichsbürger die Bundesrepublik Deutschland inklusive all ihrer Institutionen, Vertreter und Gesetze kategorisch ab.

Das klingt, wirkt, ist alles auf seltsam senile Art realsatirisch. Aber ist es auch eine Bedrohung für Demokratie und Gesellschaft? Offenbar schon – das zeigt eine Schießerei, die der Nachbar eines gewissen Markus Leykam bei dessen Festnahme Anfang 2023 mit seinem Handy aufgenommen hat und nun Martin Kaul vorspielt. Mit einem Schnellfeuergewehr verletzte der reichsbürgerliche Revolutionär mehrere Polizisten. Und wie die Schüsse zu Beginn von Hateland durchs Treppenhaus am Rande Reutlingens hallen, wird klar: Diese Verschwörungsideologie ist weder lustig noch harmlos, sondern lebensgefährlich. Wie sehr, zeigen die sechs Folgen à 33 bis 47 Minuten danach.

Unterm Staffel-Titel „Deep State: Vom Elite-Soldaten zum Reichsbürger“ porträtieren sie vordergründig den früheren KSK-Offizier Rüdiger von Pescatore. Dessen Patriotische Union um den Operetten-Diktator Heinrich XIII. Prinz Reuß wurde sie 2022 von 3000 Polizeibeamten an 130 Einsatzorten ausgehoben. Vorwurf: Vorbereitung eines bewaffneten Umsturzes. Es war die größte Razzia gegen politische Extremisten seit RAF-Zeiten – und doch nur ein kleiner Stein im Mosaik rechter Bewegungen, die der westlichen Demokratie seit 20 Jahren den Garaus machen. Dass ihm die ARD einen Podcast widmet, der die Rechercheure von Baden-Württemberg über Berlin bis nach Brasilien führt, ist trotzdem überaus berechtigt.

Die Reichsbürgerbewegung mag schließlich ein weit verstreuter Haufen wirrer Revisionisten sein, die von 336 Bataillonen schwer bewaffneter Revolutionäre am „Tag X“ faseln, aber nicht mal genügend Munition für ordentliche Schießübungen gesammelt haben. Doch je tiefer Martin Kaul mit seinem Hund Holly im VW-Bulli ihre Strukturen freilegt, je mehr Wegbegleiter, Zeitzeugen, Ermittelnde und Sympathisanten der Journalist trifft, je mehr Informationen über Genese, Zustand, Ziele der Reichsbürgerbewegung zutage treten – desto massiver zeigt sich das „Luftschloss“, wie die Bundesanwaltschaft Prinz Reuß‘ Terrorzelle inoffiziell nennt.

Damit reiht sich Hateland ebenso erhellend wie kurzweilig, vom Tonfall her mitunter sogar fast amüsant in eine Vielzahl baugleicher Formate ein, die sich dem hochbeschleunigten Rechtsruck westlicher Demokratien widmen. Wie Khesrau Behroz im vielfach preisgekrönten Podcast Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen, konzentriert sich Martin Kaul dabei zwar auf eine Figur. Der unehrenhaft entlassene KSK-Offizier Rüdiger von Pescatore ist aber nur das militärische Schlachtross einer Umsturzbewegung, deren politischer Arm AfD parallel Zivilgesellschaft und Parlamente perforiert.

Mit der geballten Kraft des öffentlich-rechtlichen Informationsapparates im Rücken, erzählt „Deep State: Vom Elite-Soldaten zum Reichsbürger“ demnach fast vier Stunden lang unterhaltsame Verschwörungsgeschichten voller Dummheitsstolz und Wahnvorstellung, Astrologie und Außerirdischen, Zustimmung der Bevölkerung und Fantasiepanzern vor Berlin, also „ein bisschen Scheinwelt und ein bisschen Schießtraining“, wie es der Ich-Erzähler Kaul mal ausdrückt. Zum Lachen ist sein herausragender Podcast trotz aller Leichtigkeit jedoch selten. Wenn er die Frage, „wo hört Spinnerei auf, wo fängt Terrorvorbereitung an?“ damit beantwortet, wie leicht militante Reichsbürger in Bundeswehrkasernen oder Bundestagskeller vordringen, um ihre Revolution vorzubereiten, ist nämlich allerhöchste Wachsamkeit geboten. Das nächste Hateland wird zeigen, ob daraus langsam mal Alarmbereitschaft werden sollte.

Hateland · Neue Folgen – Jetzt Podcast anhören!


Friedrichs Stadtbild & LINDAS Wehrkunde

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Oktober

Gibt es eigentlich auch Erwachsenen- oder nur Jugendwörter des Jahres? So oder so jedenfalls wäre Stadtbild ein adultes das crazy 2025. Oben rechts im Eck zeigt Google bei entsprechender Eingabe zwar noch Postkarten deutscher Fachwerkensembles. Darunter jedoch scrollt man sich seitenlang durch die politische Umdeutung eines eigentlich harmlosen Begriffes, den ausgerechnet das ZDF weiter zum rechtspopulistischen Popanz aufbläst.

Laut einer Umfrage des hauseigenen Politbarometers, stimmen annähernd zwei Drittel der Befragten zu, dass Flüchtlinge im Stadtbild stören. Dumm nur, dass die Erhebung gar nicht nach der rassismusanfälligen Stadtbild-Aussage des Bundeskanzlers, pardon: CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz gefragt hatte, sondern dessen Konkretisierung, er habe doch nur arbeitslose Migranten ohne Aufenthaltsstatus gemeint, also nur böse Ausländer.

Wer das angeordnet hat? Karoline Leavitt würde darauf „deine Mudder“ antworten. Also mit jener Floskel, die man in den USA gibt, wenn jemand unliebsame Fragen nach individueller Schuld stellt. Vorige Woche bügelte Donald Trumps Chefpropagandistin die Frage nach den Verantwortlichen für Ungarn als Standort eines Gipfeltreffens mit Wladimir Putin mit „Your Mother“ ab. Und was ihr daraufhin mehrere Minister nachmachten, zeigt eindrücklich, was die US-Regierung von der freien Presse hält.

Ungefähr so viel wie Pier Silvio Berlusconi. Nur Wochen nach der feindlichen Übernahme von ProSiebenSat1 hat der Chef des neuen Mutterkonzerns MFE den halben Vorstand entlassen – darunter CEO Bert Habets. Nicht, dass der ein großer Fan journalistischer Inhalte gewesen wäre. Mit seiner Entscheidung nach Gutsherrenart zeigt der älteste Sohn des neofeudalen Demokratieverächters Silvio B. allerdings schon früh, wie sehr er seinem Vater nachzueifern gedenkt.

Aber gut, darin ähnelt er Markus Söder, dem Lavinia Wilson beim Blauen Panther fka Bayerischer Fernsehpreis öffentlich die Leviten las. „Wir brauchen keine starken Männer und kein Gegockel, um erfolgreich zu sein“, sagt sie mit Blick auf den Ministerpräsidenten, dessen Name auf ihrer Siegestrophäe steht. Wer künftig noch eine davon im Regal stehen hat: Leroy Lamin Gibba (Schwarze Früchte), Marie Lina Smyreks (smypathisch) oder Pia Strietmann (Herrhausen).

Die Frischwoche

27. Oktober – 2. November

Seit fünf Jahren hat auch Thilo Mischke einen davon in der Vitrine. Jetzt ist er Teil einer Reportage-Reihe auf Pro7, die heute mit LINDA ZERVAKIS in Großbuchstaben und journalistischer Mission ihre Fortsetzung findet. Erster Einsatz um 20.15 Uhr: Under Attack, eine Reise durch die Wehrhaftigkeit der Demokratie zwischen Trump und Putin. Parallel geht das ZDF in seiner Mediathek auf die Suche nach dem Orgasmus-Gap von Mann und Frau, bevor es Samstag das Teenstar-Dilemma der gereiften Internet-Gören Die Lochis beleuchtet.

Hochinteressant könnte zeitgleich der ARD-Dokudreiteiler RuhrBeat um die Anfänge des HipHop in Westdeutschland sein. Noch interessanter sind allerdings die Fiktionen der Woche, angefangen mit dem Serien-Prequel von Steven Kings Horrorclown Es: Welcome to Derry. Ziemlich unverdaulicher Body-Horror, der gewiss sein Publikum findet, dramaturgisch aber eher belanglos ist. Ähnliches gilt für die Magenta-Serie Talamasca mit Elizabeth McGovern als Leiterin eines magischen Geheimzirkels zivilisierter Hexen, ab heute bei MagentaTV.

Aufsehenerregend ist dagegen der neue Netflix-Film von Edward Berger. In der Roman-Adaption Ballad of a Small Player begleitet er Colin Farrell als Spielsüchtigen durch Macao, was der Oscar-Gewinner so wuchtig in Szene setzt, dass die aufgeblasene Melodramatik nicht weiter stört. Zumindest herausragend besetzt ist derweil die Apple-Serie Down Cemetry Road mit Emma Thompson als Privatdetektivin Zoë, die mit Ruth Wilson eine Verschwörung aufdeckt.


Khesrau Behroz: Cui Bono & Capoeira

Ihr braucht mich!

Mit dem Podcast Cui Bono über den Verschwörungsideologen Ken Jebsen wurde Khesrau Behroz (Foto: Holger Talinski/Turi.One) quasi über Nacht zum Star der Audio-Szene. Vier Jahre, fünf wegweisende Nachfolger und eine Firmengründung später ist das 38-jährige Kind afghanischer Flüchtlinge buchstäblich die Stimme einer Generation Radiomacher. Ein Gespräch von Turi.One übers Hören statt Sehen, deutsche Migrationsbiografien, sein Mitteilungsbedürfnis und wie oft er moralischen Furor rausschneiden muss.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Khesrau Behroz, kennen Sie die Stern-Rubrik „Was macht eigentlich…?“

Khesrau Behroz: Klar, letzte Seite, gibt es seit 1000 Jahren, warum?

Was macht eigentlich Ken Jebsen?

Gute Frage. Ich glaube, er macht das, was er vorher gemacht hat.

Also ungefähr jene Art Verschwörungsideologie verbreiten, über die Sie vor vier Jahren den preisgekrönten Podcast Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen gemacht haben?

Genau. Ab und zu blitzt er irgendwo auf, weil Leute mir neue Videos oder Gespräche mit ihm schicken. Aber es gibt einfach genügend aktuelle Themen, da beobachte ich ältere nicht unbedingt. Bei Ken Jebsen bin ich also ein bisschen raus.

Dabei war sein rechtes Geschwurbel früher ein Nischenthema, jetzt ist es Mainstream.

Stimmt, aber wenn ich ein Thema im Kasten habe, lasse ich es hinter mir. Ich mache ja keine Langzeitbeobachtungen, sondern abgeschlossene Geschichten in fünf, sechs Teilen. Falls sie neue Entwicklungen nehmen, kann man grundsätzlich über zweite Staffeln nachdenken. Die haben sich allerdings weder bei Ken Jebsen noch dem Drachenlord ergeben. Und nach dem Stresstest beider Themen war ich ehrlich gesagt auch froh, mich aus den ganzen Discord- und Telegram-Channels ausgeloggt zu haben

Wobei besonders Ken Jebsen nicht nur journalistische, sondern biografische Relevanz für Sie hat. Vorm Podcast über ihn waren Sie als Audio-Journalist im Kommen, danach fast schon berühmt. Hat Ken Jebsen Ihr Leben verändert?

Er hat nicht nur mein Leben und die Arbeit darin verändert, sondern unsere gesellschaftliche Sicht auf journalistische Podcasts gleich mit. Deswegen besetzt er, so seltsam es klingen mag, einen besonderen Platz in meinem Herzen. Trotzdem hatte ich nie das Bedürfnis, mich auf diesem einen Erfolg auszuruhen.

Das haben Sie auch definitiv nicht getan. Ihre anschließenden Podcasts über Mesut Özil, Amanda Knox, Daniela Klette oder das Hacker-Kollektiv Anonymous sorgen für ebenso enorme Aufmerksamkeit. Wäre das alles ohne Cui Bono möglich gewesen?

„Cui Bono“ hat natürlich den Grundstein für alles gelegt und viele Türen geöffnet; ich glaube, das steht nicht nur Debatte. Mein Ziel ist es, bestehende Sinnzusammenhänge neu zusammenzusetzen und den Menschen so die Gelegenheit zu geben, ihre Sicht darauf, eigene Haltungen zu überdenken – in welche Richtung auch immer. Deshalb frage ich vor jeder Recherche nicht nur, was passiert ist, sondern vor allem, wie es passieren konnte.

Haben Sie dabei ein didaktisches Aufklärungsbedürfnis?

Ich würde keinen Journalismus machen, ohne aufklären zu wollen, aber nicht von oben herab. Ich möchte mein Publikum zu einer eigenen Perspektive auf komplexe Zusammenhänge befähigen. Ob sie dann am Ende zu denselben Ergebnissen kommen, ist zweitranging. Es gibt Jebsen-Fans, die „Cui Bono“ gehört und mir geschrieben haben: „Fair enough, aber ich bin anderer Meinung.“ Ich finde, das ist ein gutes Ergebnis.

Das klingt angesichts der Recherchetiefe Ihrer Podcasts ein bisschen nach Understatement…

Mag sein. Aber wenn ich als privater Konsument einen Podcast höre, worin der oder die Host vorgibt, mehr Antworten als Fragen zu haben, also eigentlich alles schon zu wissen, bleibe ich tendenziell keine sechs Folgen dabei. Der Schlüssel zum Interesse der Menschen ist spürbare Neugier. Und zwar selbst für Antagonist*innen, die womöglich unsympathisch sind. Mein privates Mitteilungsbedürfnis muss da zweitrangig bleiben.

Und Ihre Moral bestenfalls drittrangig?

Moralischer Furor hat im journalistischen Endergebnis meines Erachtens nichts zu suchen. Wenn er mir mal durchrutscht, schneide ich ihn raus.

Und gibt es da viel zu schneiden?

Ach, mal so, mal so. Öfter muss ich saloppen Tonfall oder falsche Gags zur falschen Zeit herausschneiden. Ich bin auch besonders allergisch dagegen, wenn ich als Host hochnäsig klinge, also damit den Leuten das Gefühl gebe, ich würde über den Sachen stehen. Man muss sich das Vertrauen der Zuhörer*innen erst einmal verdienen. Was für mich heißt, dass ich in den ersten Episoden anders spreche als in den letzten.

Andererseits surfen Hosts mit dem journalistischen Anspruch umfassender Recherche vor der Welle. Das hat kein Podcast mehr gezeigt als der über die Capoeira-Gruppe der früheren RAF-Terroristin Daniela Klette. Sorgt das nicht für ein Gefühl von Erhabenheit?

Naja, die Welle der Erhabenheit bei der Klette-Recherche kam ja erst später. Insofern sind wir, um die Metapher endgültig zu begraben, auf dem Scheitelpunkt des Zufalls gesurft. Im Ernst: Themen gibt es wie Sand am Meer; die Herausforderung besteht dann darin, sie zu sortieren und erzählenswert aufzubereiten. Das macht den Erfolg aber keineswegs planbar. Mit „Cui Bono“ wollten wir einfach einen Podcast machen, den wir so in Deutschland bislang noch nicht gehört hatten. Dass daraus eine Art Lagerfeuer entstanden ist, an das sich so viele Menschen gesetzt haben, war überhaupt nicht vorhersehbar.

Zuvor mussten Sie wie so oft in Abgründe der Niedertracht blicken. Das Cyber-Mobbing zum Beispiel, dem der Drachenlord über Jahre ausgesetzt war, schmerzt schon beim Zuhören. Was machen solche Recherchen mit Ihnen als Journalist, Podcaster und Mensch?

Ich komme ganz gut mit Abgründen klar, möchte das aber nicht als zynische Regung verstehen, sondern als einen gesunden Abstand zu meiner Arbeit und den Menschen, über die ich berichte. Das können allerdings nicht alle, und ich habe den größten Respekt vor denen, die hier Grenzen für sich ziehen – und sie dann auch konsequent nicht übertreten. Wir hatten damals für den Drachenlord-Podcast viele Redakteur:innen für eine Zusammenarbeit angefragt, die allerdings ablehnten, weil sie mit dem Drachengame, also der gezielten Vernichtung einer hilflosen Person, nichts zu tun haben wollten. Eine meiner Stärken besteht hingegen womöglich in einem eher analytischen als emotionalen Blick auf meine Arbeit. Deswegen fällt es mir auch leicht, sie danach einfach hinter mir zu lassen.

Hat das womöglich mit Ihrer Biografie zu tun? Als afghanisches Flüchtlingskind haben Sie Ende der Achtzigerjahre schließlich in den größtmöglichen Abgrund eines disruptiven Bürgerkriegslandes geblickt.

Ob ich dank der Taliban nun besser mit dem Drachengame klarkomme: weiß ich nicht. Es gibt auch andere, die mit solchen Geschichten gut klarkommen, und die mussten nicht erst einem Bürgerkrieg entfliehen. Aber natürlich hat meine Biografie mich stark geprägt, daran besteht kein Zweifel.

Insbesondere der kurze Teil mir Ihrer Flucht aus Afghanistan?

Sie schafft, obwohl ich sie mit drei Jahren kaum bewusst erlebt habe, einen anderen Blick auf die Welt. Im Schicksal Geflüchteter steckt ein besonderer Wert für mich, aber auch für die Gesellschaft. Um Empathie und Solidarität zu entwickeln, braucht sie nämlich auch Menschen, die Schlimmes erlebt haben und davon berichten. Nicht nur solche, bei denen als glattgelaufen ist. Meine Biografie ist wichtig für Deutschland, das sage ich ganz selbstbewusst. Ihr braucht mich!

Wie schaffen Sie es in dem Bewusstsein, dass dieser Teil Ihrer Biografie nicht alle anderen überlagert?

Indem ich mich weigere, aufs Etikett „Geflüchteter“ reduziert zu werden. Natürlich prägt die Flucht meine Biografie, aber sie erklärt nicht alles. Wenn ich mich selbst nur auf meine Flucht zurückstutzen lasse, mache ich mich kleiner, als ich bin. Meine Aufgabe ist es, mir diese Vielschichtigkeit immer wieder zurückzuholen. Auch wenn ich immer wieder für Interviews angefragt werden, wenn ich Afghanistan wieder etwas passiert.

Sie sagen solche Anfragen also alle ab?

Nee, ich mache das manchmal trotzdem. Schließlich sind drei Jahre plus Familiengeschichte mehr, als Deutsche in der Regel haben. Ich kommentiere solche Einladungen dann nur gerne mit dem Hinweis, dass ich bei aller Bescheidenheit auch als Unternehmer und Podcaster einen ganz guten Job mache.

Der als Person of Colour mit Fluchtgeschichte bestimmt auch für Abwehrreflexe bei bestimmten Teilen der Gesellschaft sorgt, also rassistischen Hass auf sich zieht. Welche Art negativer Reaktion auf Ihre Podcasts überwiegt da – die auf Herkunft oder Inhalte?

Dass ich dorthin zurücksoll, wo ich hergekommen bin, kriege ich oft zu hören. Aber wie gesagt: Ich kann ganz gut mit Abgründen. Ein paar anonyme Social-Media-Cowboys bringen mich da nicht um den Schlaf.

Rührt diese Gelassenheit auch daher, ein akustisches Format zu machen, also unsichtbar zu bleiben?

Na ja, einem rechtsradikalen Ausländerhasser fällt es womöglich leichter, mich zu hören als zu sehen. Aber das war keine bewusste Entscheidung, um mich nicht als vermeintlich Fremder zu exponieren. Ich sage ja auch meinen Namen, der mich schnell auffliegen lässt.

Woher kommt unter den drei journalistischen Darreichungsformen Fernsehen, Print und Audio dann Ihr Faible fürs Audioformat?

Dahinter steckt jetzt leider keine tiefergehende Metaebene nach reiflicher Überlegung. Ich bin da einfach organisch reingewachsen. Außerdem mag ich die sensorische Reduktion, die das Audio-Format mit sich bringt. Trotzdem haben wir voriges Jahr unseren ersten Film gedreht – und sind auf den Geschmack gekommen.

Sorgt der Podcaster dann instinktiv dafür, dass der Youtuber mit weniger visuellen Effekten auskommt?

Effekte sind nicht das Problem, Bauerntheater schon. Man wird mich daher nie dabei sehen, wie ich vor der Kamera am Telefon sitze und recherchiere oder bedeutungsschwanger durch die Gegend laufe und an Türen klingle. Wir wollen Dinge dokumentieren, nicht uns selber präsentieren.

Andererseits arbeiten Sie ja auch im Podcast mit Effekten wie Musik oder Geräuschen.

Das sind für mich auditiv-sensorische Tools, die uns zur Verfügung stehen, um eine gute Geschichte zu erzählen. Wir nutzen sie sehr bewusst. Auch, um für gute Unterhaltung zu sorgen. Musik ist dabei beispielsweise stets dramaturgisch eingebunden, sie sorgt an entscheidenden Stellen aber auch dafür, die Aufmerksamkeit hochzuhalten. Wir sind schließlich ein Nebenbei-Medium.

Beim Bügeln, Baden, Autofahren.

Genau. Die wenigsten unserer Hörer:innen hören uns stundenlang hochkonzentriert zu. Sie dabei mit Soundeffekten bei der Stange zu halten, darf man natürlich ebenfalls manipulativ nennen; es geht dabei aber um die Story, nicht dem Erzähler.

War es da eine inhaltliche oder eine wirtschaftliche Entscheidung, dass Sie sich vor zwei Jahren mit Ihrer eigenen Firma Undone selbstständig gemacht haben, anstatt punktuell im Auftrag von Studio Bummens, Florida Factual oder den Öffentlich-Rechtlichen zusammenzuarbeiten?

Beides. Den ganzen Stress einer eigenen Produktionsfirma macht sich ja niemand, weil ihm langweilig ist. Eine der Gründungsregeln heißt deshalb: Wir machen keinen Scheiß, sondern nur, worauf wir wirklich Lust haben, worauf wir stolz sein können. Außerdem will ich eigene Entscheidungen darüber treffen, was ich machen möchte, und nicht auf Angebote warten. Zu wissen, da steht kein fremdes Label, sondern das eigene drauf, erhöht die Motivation noch mehr als ohnehin. Es kommt aber noch etwas hinzu.

Nämlich?

Ich wollte schon immer ein Unternehmer sein. Ich wollte meine eigene Bude haben, eigene Mitarbeiter:innen, ein selbstbestimmter Teil des Wirtschaftslebens in Deutschland sein. Ich wollte, dass in diesem Land irgendetwas auch mir gehört.

Ist dieser bewusste Weg ins unternehmerische Risiko auch wieder eine Frage des persönlichen Mindsets?

Ein bisschen schon. Aber nach der Veröffentlichung von Cui Bono hatte ich einfach so starken Rückenwind, dass mein Risiko kalkulierbar war. Und meine damaligen Kolleg:innen von Studio Bummens und K2H haben mich in dieser Entscheidung stets unterstützt. Da gab es keinen Groll. Wenn du selbst und andere Vertrauen in dich haben – das ist von unschätzbarem Wert.

Dass Sie die sechsstelligen Beträge für journalistische Podcasts wie Cui Bono nun selbst aufbringen mussten, hat Ihnen also keine schlaflosen Nächte bereitet?

Nein.

Sind Sie denn schon mal so richtig auf die Schnauze gefallen?

Ich habe bislang einen sehr glücklichen Weg hinter mir, der gespickt gewesen ist von Zufällen und guten Menschen, die mir gute Dinge gewollt haben. Wenn Sie mich jetzt also fragen, wie man es als Podcaster schafft, könnte ich Ihnen keine Antwort geben. Ich bin tatsächlich totaler Quereinsteiger, habe vorher Kommunikationswissenschaft studiert, bisschen Publizistik. Ich wollte ja noch nicht mal Journalist werden.

Dafür haben Sie ein erstaunliches Händchen für gute, zugkräftige Themen. Wo entstehen die – im stillen Kämmerlein oder lauten Redaktionsrunden?

Überall, aber in der Firma überlassen wir nicht alles dem Zufall. Wir kommen jeden Mittwoch zusammen und suchen neue Ideen. Wenn wir keine haben, versuchen wir sie beim Brainstorming systematisch zu entwickeln. Manchmal fliegen einem die Ideen aber auch zu. Die einer Geschichte über Mesut Özil etwa kam von außen, wir haben sie dann gemeinsam mit RTL+ umgesetzt. Aber manchmal geht natürlich auch was in die Hose. Von zehn Geschichten, die wir entwickeln, überleben vielleicht fünf.

Warum?

Weil das Risiko, dass etwas nicht funktioniert, eingepreist ist, und wir deshalb gelegentlich mehr investieren als herauskommen kann.

Was eigentlich immer funktioniert, sind Gesprächspodcasts – gerade, wenn man bereits so prominent ist wie Sie.

Gute Idee. Ginge auch!

Konjunktiv?

Ich fact-checke das Mal, und wer weiß – vielleicht kommt gegen Ende des Jahre ja was…

Haben Sie eigentlich von Tech Bro Topia gehört, dem Deutschlandfunk-Podcast über Tech-Milliardäre wie Peter Thiel?

Ja klar.

Waren Sie da neidisch, die Idee nicht selber gehabt zu haben?

Nein. Und: Ich höre privat gar keine Podcasts.

Wie bitte?!

Dafür stecke ich beruflich zu tief in der Materie. Ich könnte keine Folge hören, ohne sofort 100 Dinge zu bemerken, die ich bei unseren Produktionen auch im Kopf habe. Also lasse ich es lieber. Wichtiger ist mir sowieso, die Kontrolle darüber zu behalten, was mich inspiriert. Deshalb suche ich diese Inspiration sehr bewusst in anderen Medien: Bücher, Kino, Fernsehen. Das ist für mich auch ein wenig Remix-Kultur: In einer Netflix-Serie etwas sehen, das man dann in einen Podcast fließen lässt. Das sind oft auch ästhetische Dinge, Sound-Design und Musik zum Beispiel.

Unabhängig vom Sounddesign sind Podcasts eigentlich ein nostalgisches Medium. Was wäre der nächste Schritt auf dem Weg zurück zur Effektreduktion – Debattiersalons, wo die Leute wie vor 100 Jahren bei Kaffee und Gebäck über die Welt philosophieren?

Buchclubs gibt es ja schon längst wieder. Das ist allerdings keine Entscheidung gegen technische Neuerungen, sondern für den menschlichen Austausch. Wir müssen uns über die Kultur unterhalten, sonst überrollt sie uns. Die Leute sehnen sich offenbar nach Lagerfeuern. Wenn ich meinem Freundeskreis vorschlage, uns einmal im Monat bei Bier oder Kaffee zu treffen, um über Gott und die Welt zu quatschen, wären viele mit Kusshand dabei.

Zum gemeinsamen Detoxing der digitalen Reizüberflutung?

Nee, man muss sich ja nur dann detoxen, wenn man sich überhaupt erst, ähm, toxen lässt. Es geht eher darum, mit all diesen Reizen nicht alleine zu sein. Denn das bist du am Ende ja auch dann, wenn 1000 Leute deinen Reel sehen oder deine Story lesen. Das hat ja alles nichts mit sozial zu tun. Wir müssen raus und uns leibhaftig treffen. So wie wir beide jetzt. Danke dafür.


Hegseths Maulkorb & Breuers Schattenseite

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Oktober

Wie sehr liberale Medien selbst in Demokratien massiv unter Beschuss sind, lässt sich nahezu nirgends besser beobachten als in der angehenden Autokratie USA. Ihre Resilienz allerdings ebenso. Als bis aufs Trump-Fanzine OANN alle akkreditierten Verlage und Agenturen den militärpublizistischen Maulkorb des neuen Kriegsministers Pete Hegseth verweigert und kollektiv das Pentagon verlassen haben, machte zumindest ihre gemeinsame Haltung Mut auf Besserung.

Dazu gibt ansonsten nämlich relativ wenig Anlass. Das wahre Sturmgeschütz der Demokratie – die taz – ist Samstag letztmals auf Papier erschienen und kämpft nun noch mehr ums Überleben. Jan Böhmermann trifft sich mit Wolfram Weimer zum Streitgespräch über Rechtsruck, Antisemitismus, solche Sachen. Aber irgendwie schaffen es nicht mal diese Hyperintellektuellen irgendwo im Graubereich ihrer ideologischen Randgebiete Diskussionsstoff zu finden.

Währenddessen geriet auch der Grimme Online Awards zwischen unverrückbare Fronten: Hans Block und Moritz Riesewieck, prämiert für ihr multimediales Doku-Format Eternal You, gaben ihren Preis in der Sonderkategorie KI zurück. Grund: der Vorstand des zuständigen Grimme-Fördervereins hatte der Menschenrechtsaktivistin Judith Scheytt zuvor den Donnepp Media Award aberkannt, weil ihre Kritik an der Berichterstattung über den Gaza-Krieg antisemitisch gewesen sei.

Ob die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zur Klage einer Frau gegen den Rundfunkbeitrag negative Folgen für die Öffentlich-Rechtlichen, als Demokratie und Pluralismus hat, bleibt zunächst offen. Grundsätzlich sei eine Zahlungsverweigerung nämlich dann denkbar, wenn ARD, ZDF und Deutschlandfunk „flächendeckend“ unausgewogene Berichterstattung nachgewiesen werden könnten. Ein schier unbelegbarer Vorwurf, den die Wutmeute der AfD dennoch fleißig erheben und damit Gerichte blockieren wird.

Für Entlastung hätten da die Werbespots der Deutsch Bahn mit Anke Engelke liefern können. Selbstironie ist schließlich ein achtbarer Weg der Reflexion. Nur – was folgt aus der plumpen Zurschaustellung betriebsbedingter Störungen vom kaputten Klo bis zum ausgefallenen Zug? Ohne Besserungsangebote leider gar nichts. Wir gratulieren der Schwarzwaldklinik an dieser Stelle also auch deshalb zum 40. Geburtstag, weil 1985 wenigsten noch gelegentlich Fernsehen mit Haltung gemacht wurde.

Die Frischwoche

20. – 26. Oktober

Die es allerdings auch vier Jahrzehnte später durchaus gibt, sofern man nur sorgsam sucht. In der ARD-Mediathek zum Beispiel, wo der Sechsteiler Schattenseite zurzeit ein hochintensives Porträt der GenZ zwischen Dauerkrise, Cybermobbing und Aufmerksamkeitsökonomie mit Samira Breuer (KRANK) als Schulwechslerin im digital-analogen Fegefeuer der Jugend zeichnet. Zu Arte.tv muss hingegen wechseln, wer Lust auf Politainment hat.

The Deal heißt das frankophone Reenactment des iranisch-amerikanischen Atomabkommens vor acht Jahren und schafft es, diplomatische Höflichkeit und Hinterzimmer-Chaos sechst Teile lang so unterhaltsam wie lehrreich zu verknüpfen. Aspekte, die der neue ZDF-Urlaubskrimi Weiss und Morales um ein deutsch-spanisches Ermittlerteam eher in landestypischen Klischees ertränkt. Einfach nur fürchterlich, weil lieblos zusammengestückelt, ist die ZDF-Serie Schlechte Menschen über eine – bruha – Behörde im Vorzimmer der Hölle, die darüber entscheidet, wer hochfährt, wer hinunter.

Auweia.

Das gilt auch für die deutsche Gaga-Anime-Serie Taks Force Querlitz ab Freitag in der ZDF-Mediathek, bei der man schlicht das Storytelling vergessen hat. Dann doch lieber die originelle Neo-Serie Hysteria! Um eine Metal-Band, die den amerikanischen Satanismus-Hype Anfang der Achtziger zur Eigen-PR nutzen will – und buchstäblich die Geister trifft, die man rief. Noch mysteriöser ist zeitgleich die ZDF-Serie Moresnet mit Leonie Benesch als Opfer seltsamer Prophezeiungen aus belgischer Vergangenheit. Und A House of Dynamite ist parallel bei Netflix schon deshalb sehenswert, weil der Politthriller von Oscar-Gewinnerin Kathrin Bigelow stammt.


Monster: Real Crime & Ed Gein

Mumien, Menschen, Mutationen

Die 3. Staffel der gewohnt voyeuristischen, ungeheuer grausamen True-Crime-Serie Monster porträtiert den schizophrenen Serienkiller Ed Gein. Allerdings nicht nur ihn. Es erklärt damit auch ein Stück weit Hollywood – und uns alle ein bisschen mit. Das zeigt sich schon darin, dass The Story of Ed Gein seit Wochen weltweit die Netflix-Charts anführt

Von Jan Freitag

Monster haben etwas Bedrohliches, aber auch Tröstliches. Wenn der Mensch andere dazu erklärt, muss er sich nicht tiefer damit befassen, was es mit ihm selbst zu tun hat. Deshalb sind Monster auch auf Leinwand und Bildschirm gern das anormale, abweichende vom humanistischen Standard. Als der NDR 1967 mit Mumien, Monstren, Mutationen das Fürchten lehrte, krochen daher fortan fast nur Vampire, Zombies, Untiere und Aliens aus der dunklen Wildnis ins zivilisatorische Licht. Mal abgesehen vom monströsen Ausnahmefall mit menschlichem Antlitz: Norman Bates.

Als Alfred Hitchcock Robert Blochs Romanvorlage Psycho 1960 zum Blockbuster drehte, stieg der schizophrene Killer nicht nur zur Hollywoodikone auf. Das Böse kroch buchstäblich aus dem Keller des vermeintlich Guten ins Dachgeschoss. „Frankenstein oder Phantom der Oper reichen nicht mehr“, erklärt Hitchcock dem Autor seine Kino-Revolution jetzt bei Netflix. „Die Leute haben ein neues Monster entdeckt, und dieses Monster sind wir.“ Was viele allerdings nicht wissen: Das Monster, von dem der weltberühmte Regisseur da fiktional spricht, hat ein reales Vorbild.

Ed Gein.

In den Fünfzigerjahren beging der Farmer aus Wisconsin mindestens drei Morde und obendrein zahllose Schändungen ausgebuddelter Leichen. Dafür kam er nicht nur lebenslang in die Psychiatrie; sein Fall dient der Popkultur bis heute als Prototyp des triebhaften Ritualmörders. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde davon ebenso inspiriert wie „Texas Chainsaw Massacre“. Und jetzt eben: The Story of Ed Gein. Nach Dahmer und den Mendenez-Brüdern ist es der nächste Verbrecher, den Netflix im Rahmen einer täterfixierten, wie üblich leicht voyeuristischen Real-Crime-Serie als Monster etikettiert. Und das ist gleich doppelt bedenklich.

Zum einen setzt sich der Achtteiler dem Vorwurf der Retraumatisierung Überlebender und Hinterbliebener aus. Zum anderen strapaziert die explizite Bestialität des Gezeigten nicht nur den Jugendschutz; ihre Verschiebung ins Monströse banalisiert das Böse auch als Gruseleffekt abseits des Alltäglichen. Die Ed Gein Story könnte (und wird) demnach polarisieren wie die ersten zwei Staffeln oder das deutsche Prime-Pendent Gefesselt mit Oliver Masucci als „Säurefassmörder“ Raik Doormann alias Lutz Reinstrom. Doch Ian Brennan befreit sich originell aus der Zwickmühle inszenatorisch brillanten, aber moralisch bedenklichen Horrors.

Mit seinem Co-Regisseur Max Winkler erzählt der Showrunner nicht nur die Lebensgeschichte des wirkmächtigsten Serienkillers der Kinogeschichte; er führt ein Selbstgespräch mit seiner eigenen Branche. Als Muttersöhnchen der tiefreligiösen, herrschsüchtigen Augusta Gein (Laurie Metcalf) bleibt Ed (Charlie Hunnam) zwar die Hauptfigur; parallel bevölkert sie als Randfigur jedoch wichtige Stationen seines cineastischen Einflusses und zeigt, wieso Hollywood die Täter liebt, aber nicht ihre Opfer.

Als der psychisch labile Anthony Perkins (Joey Pollari) am Set von Psycho sagt, „du darfst die Leute nicht dazu bringen, so was zu sehen“, antwortet ihm der unsichtbare Ed Gein folglich „dabei kannst du doch nicht wegsehen“. Damit kommentiert Ian Brennan den eigenen Torture Porn mit Selbstkritik daran. So wird Monster 3 gewissermaßen zur diskursiven Meditation über die eigene Existenzberechtigung und damit letztlich gehaltvoller als ihre zwei Vorgänger. Dass Winkler dabei ein wenig zu oft Szenen von unzumutbarer Grausamkeit fixiert und dann auch noch einen Erzählstrang um die sadistische KZ-Aufseherin Ilse – The Bitch of Buchenwald (Vicky Krieps) erfindet, tut dieser Streitkultur keinen Abbruch.

Im Gegenteil. Es skizziert eindrücklich, wieso Ed Gein regelmäßig in zwei Persönlichkeiten zerfällt, von denen eine von Herzen gut ist, die andere abgrundtief böse und beide gemeinsam Grundlage Dutzender Fiktionen um das vielleicht spannendste Einzelphänomen im Trend-Genre Real Crime. Dass barbarische Täter darin seit jeher die größte Anziehungskraft ausüben, teilt es übrigens mit TikTok oder Facebook. Deren Algorithmen verbreiten Hass und Hetze ja auch stärker als Toleranz und Argumente. Ed Gein oder Alfred Hitchcock sind so gesehen nur Variationen von Anders Brejvik oder Maximilian Krah.

Als Tobe Hooper 1973 erklärt, warum Ed Geins Geschichte Teile seines Horror-Klassikers in spe The Texas Chainsaw Massacre beeinflusst haben, sagt der Regisseur: „Ich mache keinen Film, den dieses Land will, ich mache einen Film, den dieses Land verdient.“ Besser ließe sich kaum erklären, warum Netflix seine vielen Monster im Real-Crime-Genre so mag: es sind halt einfach Menschen.