Giovanni Zarrella: Castingpop & Schlagershow

Probleme löse ich allenfalls zuhause

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Nach seiner Pop-Karriere mit Bro’Sis steckte das Casting-Gewächs Giovanni Zarrella (Foto: Tobias Schult) eine Weile lang im Loch einer Resterampen-Karriere. Dann sang der Schwabe Italienisch, feierte Erfolge und darf Samstag zum zweiten Mal im ZDF Die Giovanni Zarrella Show“ moderieren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Giovanni Zarrella, kennen Sie eigentlich Vicco Torriani?

Giovanni Zarrella: Natürlich kenne ich den, ein großer Kollege.

Seit den späten 50er Jahren war er so eine Art italienisches Fernwehmaskottchen des Nachkriegsfernsehen. Verbindet ihn das ein wenig mit Ihnen?

Abgesehen davon, dass er Schweizer war und einer sehr komplizierten Zeit entsprungen ist, hat Vicco Torriani tatsächlich versucht, das italienische Fernweh der Deutschen zu bedienen. Interessanterweise spüre ich diese Sehnsucht nach dem dortigen Dolce Vita seit den Siegen bei der EM und dem ESC wieder ein bisschen mehr. Viele hier bringen Genuss, Entspannung, Lebensfreude ja noch immer mit der Heimat meiner Eltern in Verbindung.

Und das bedienen Sie auch?

Ich hoffe! Es ist schließlich Teil meiner Aufgabe, das Publikum einer Live-Show wie dieser für zwei, drei Stunden aus dem Alltag zu befreien. Das habe ich übrigens schon in der Pizzeria meiner Eltern im Schwabenland gelernt. Wenn ich ausgeholfen habe, war es meine Challenge, dass die Menschen zufrieden nach Hause gehen. Deshalb hat mein Papa mich gern zu Leuten geschickt, die besonders gestresst waren. Giova, meinte er dann (simuliert den italienischen Akzent seines Vaters) – du gehste da hinne, singste, machste sie glucklisch.

Sie haben am Tisch gesungen?

Ja. Und ich habe es geliebt. Nicht nur, weil es angesichts der Konkurrenz von mindestens sieben italienischen Restaurants in Hechingen auch eine Werbung für uns war, sondern weil es mir schon damals wirklich wichtig war, Menschen glücklich zu machen. Vor 23 Uhr, indem ich alle Italo-Hits vom Band laut mitgesungen habe. Nach 23 Uhr, als nur noch Stammgäste da waren, zu Papas Gitarre am Tresen. Für Gastgeber ist die Gastronomie die denkbar beste Schule. Und weil ich aus der italienischen komme, stille ich dabei auch ein bisschen das Fernweh meines Publikums.

Klingt trotzdem klischeehaft.

Aber wenn es alle Beteiligten doch gut finden und niemand darunter leidet? Ich finde es toll, dass Italien hierzulande selbst im Fußball wieder mehr Fans hat. Das merkte man besonders bei der EM, als uns viele Deutsche die Daumen gedrückt haben.

Aber auch ein wenig aus Mitgefühl für die fürchterlichen Pandemie-Bilder aus Bergamo ein Jahr zuvor, oder?

Ganz bestimmt sogar, die Bilder von Särgen überall vergisst niemand mehr, der sie gesehen hat. Aber nicht nur Bergamo, auch Rom, es war damals überall furchtbar. Auch im Angesicht der schweren Zeit, die wir alle auch in Deutschland grad durchmachen, möchte ich die Leute kurz aus ihrem Alltag holen, damit sie es sich einfach mal gutgehen lassen.

Es gibt dafür einen Begriff, der es selten gut meint mit dem Fernsehen: Eskapismus.

Kenne ich.

Er besagt ja nicht nur, Menschen aus dem Alltag zu holen, sondern sie zu sedieren.

Niemand behauptet, dass Unterhaltung Probleme lösen kann. Probleme löse ich allenfalls zuhause, mit meiner Frau und meinen Kindern. Wenn es irgendjemandem in meinem Umfeld schlecht geht, kann ich keine gute Zeit haben, unmöglich. Das geht so weit, dass Jana manchmal zu mir sagt, ich solle mich selbst dabei nicht vergessen. Auf der Bühne versuche ich, für Entspannung zu sorgen, also buchstäblich für ein paar Stunden Druck vom Publikum zu nehmen, denn Druck ist kontraproduktiv, unter Druck brechen Dinge.

Druck kann aber auch motivierend wirken. Manche sind ohne Druck unproduktiver.

Das stimmt, die definieren Druck dann eben anders; was aber nicht heißt, dass er für sie nicht dennoch zu groß werden kann.

Spüren Sie Druck, auf diesem immer noch wichtigen Sendeplatz am Samstagabend im ZDF ein Millionenpublikum beliefern zu müssen?

Nein, ich betrachte das als großes Geschenk, eine Spielwiese, auf der ich mich austoben kann.

Wobei diese Spielwiese gar nicht ihr eigenes Biotop ist. Als Mitglied der Casting-Band Bro’Sis kommen Sie ja eher aus dem Pop. Entspringt der Weg in den Schlager da echter Überzeugung oder doch eher dem Pragmatismus, damit erfolgreicher zu sein?

Ich stehe zu 1000 Prozent hinter diesem Weg, denn wer mich kennt, weiß genau: wenn ich etwas tue, zu dem ich nicht stehe, würde es mir dabei absolut nicht gut gehen. Das gilt auch für die letzten zwei Alben, auf denen ich deutsche Hits auf Italienisch singe. Nach Bro’Sis war erst mal 14 Jahre Sendepause, 14 Jahre, in denen es keinen wirklich interessiert hatte, was ich musikalisch mache. Jetzt hole ich als Italo-Deutscher eben alles aus den zwei Kulturen, die mich geprägt haben und die Leute glauben mir, dass ich es ehrlich meine. Außerdem ist Schlager 2021 nicht das Gleiche wie Schlager 1971.

Er ist viel poppiger geworden.

Und klingt darin ganz schön nach dem Italopop der Achtziger, von dem die Leute auch dachten, das sei Schlager. Ist er aber nicht. Es ist Pop. Von Pragmatismus also keine Spur.

Ist es denn Pragmatismus oder Überzeugung, sich so bereitwillig ins Rampenlicht zu stellen, dass sogar während der Schwangerschaft Ihrer Frau ständig die ProSieben-Kameras bei den Zarellas mitliefen?

Zu der Zeit, 2008, wollten wir eine Sendung machen, die das Schönste, was es für einen Italiener und eine Brasilianerin gibt, zeigen wollte, nämlich eine Familie zu gründen. Wenn das ein Klischee ist – bitte. Aber lieber Klischees von Herzen als Gefühle nach Drehbuch. Damit kann ich mich auch deshalb voll identifizieren, weil uns niemand aufgefordert hat, Dinge zu tun oder sagen, die gescriptet sind. Deshalb gibt es bei aller Bereitschaft, etwas öffentlich von mir preiszugeben, Formate, in denen man mich nie sehen wird.

Stichwort Dschungelcamp.

Oder Promiboxen, Big Brother, alles durchaus lukrativ. Aber selbst in weniger guten Jahren, von denen es einige gab, kam so was nie infrage. Das ist ein Lifestyle, für den ich mich später vor meinen Kindern nicht rechtfertigen möchte.

Aber „Giovanni & Jana Ina – wir sind schwanger“ würden Sie heute nochmal machen?

(überlegt lange) Ich würde es nur aus einem Grund nicht mehr machen: Weil es eine bessere Zeit hatte, die vorüber ist. Mein Popstars-Casting war das erste, bei denen Männer dabei waren, und es hat mir erstmals die Möglichkeit gegeben, das beruflich zu tun, was vorher nicht richtig geklappt hatte. Von der Schwangerschaftsdoku gab es damals eine im gesamten Jahr. Heute sind die Sender voll von solchen Real-Life-Formaten, der Charme ist nicht mehr von damals.


Gottschalks Finger & Hayalis Hund

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. November

Es ist seit einiger Zeit viel von toxischer Männlichkeit die Rede – ein Vorwurf, der seinerseits toxisch zu werden droht, wenn er alle Männer über denselben Kamm schert und toxische Stereotypen verfestigt, anstatt sie aufzulösen. Aber eines davon ist nun mal so einflussreich, dass es am Samstag geschlagene drei Stunden öffentlich-rechtlicher Primetime füllen durfte: Thomas Gottschalk.

Einst Europas frischeste Fernsehfrühlingsrolle, hat er sich Richtung Herbst seiner Karriere mit jedem Jahr mehr zum Lustgreis entwickelt, der Misogynie mit Selbstironie tarnt und Eitelkeit mit Exzentrik. Im Kernschatten drolliger Faltengebirge wie diesem sind Frauen bestenfalls Dekoration, schlimmstenfalls Freiwild – so war es auch beim Comeback von Wetten, dass…?, die ihm das ZDF nachträglich zum 70. Geburtstag schenkte.

Emanzipation? Vollendet! Gendern? Lächerlich! Sofa-Besucherinnen ständig zu befingern? Hat dir doch auch nicht geschadet, oder Michelle? Bruhaha! So bot das angeblich einmalige Revival „im besten wie im schlechtesten Sinne“ laut DWDL „über weite Strecken hinweg das typische Wetten, dass..?-Gefühl, ergo: eine unterhaltsame Zumutung. Mit Gästen wie Helene Fischer oder Joko & Klaas, aber ohne Modernisierungsehrgeiz. Dass im ZDF angesichts der 14 Millionen Zuschauer eine Fortsetzung erwogen wird, passt da zur Info von ProSieben, TV Total fortzusetzen – wenngleich mit Sebastian Puffpaff als Stefan Raab.

Mit Johannes Boie als Julius Streicher, pardon: Julian Reichelt, bleibt derweil auch die Bild veränderungsrestistent. Mit den Springer-Gewächsen Linna Nickel und Antje Schippmann lässt der neue Chefredakteur zwar zwei weitere Frauen in seinen Männerzirkel – der weiterhin gegen Demokratie, Minderheiten, Journalismus geifert und damit jene Stimmung anheizt, in der sich der WDR nun endgültig von Nemi El-Hassan trennt, weil sie im Alter von 20 Jahren auf einer islami(sti)schen Demo war. Solche Konsequenzen für extremistische Taten hätte man sich nach 1945 auch gewünscht.

Die Frischwoche

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8. – 14. November

Obwohl – der ARD da Einseitigkeit vorzuwerfen, ist ja nun auch Quatsch. Wie objektiv, überparteilich, haltungsstark der Sender ist, zeigt er schließlich seit gestern wieder in seiner jährlichen Themenwoche, 2021: Stadt.Land.Wandel über die Gräben und Brücken zwischen Provinz und Urbanität. Ein Teil davon: die Fortsetzung der entzückenden Milieu-Studie Warten auf’n Bus um zwei lebenswunde Dorfbewohner. Der RBB zeigt die sieben Teile Samstag ab 20.15 Uhr am Stück, gefolgt von der ersten Staffel.

Nicht dabei: Regisseur Dirk Kummer, der im ARD-Mittwochsfilm stattdessen einen Vater und seinen Sohn für 12 Tage Sommer auf einen Esel-Trip schickt. Einen Ego-Trip dagegen startet am Dienstag Oliver Polak. In seiner vorerst dreiteiligen Netflix-Sendung Your Life is a Joke erkundet der jüdische Brachial-Komiker Gäste wie Christian Ulmen oder Jennifer Rostock und schickt sie danach in die Hölle seiner Stand-up-Boshaftigkeit. Auf impulsive Art erhellend, kann man sagen.

Auf erhellende Art tragisch: Colin Black and White. Die Serie skizziert an selber Stelle, wie aus dem Schwarzen Quaterback Colin Kaepernick der kniende Trump-Antagonist. Gleiches Land, anderes Problem: Dopesick macht die amerikanische Drogentragödie ab Freitag bei Disney+ zum achtteiligen Drama. Ähnliches Problem, anderes Land: In der Porträtreihe Her Story porträtiert Sky ab Donnerstag Dunja Hayali. Gleiches Land, andere Zeit: in der Doku Der weiße Blick beleuchtet Arte am Sonntag (16.10 Uhr) den Kolonialismus.

Und damit es hier nicht zu dramatisch wird, noch drei Entertainment-Tipps: In der zehnteiligen King-Verfilmung Chapplewaite kommt Adrian Brody (Donnerstag, Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts dem dunklen Geheimnis seiner Familie auf die Spur. Zwei Tage später entführt uns die ZDF-Horrorserie Cryptid in den Abgrund einer schwedischen Kleinstadt. Und zwischendurch glänzt der saukomische Will Ferrell bei Apple+ als Therapeut von nebenan. Und wie immer zum Monatsbeginn diskutieren freitagsmedien das Angebot der kommenden vier Wochen in Eric Leimanns Podcast Die Fernsehkritik. Don’t miss!


Metaverse & Wetten, dass…?

Die Gebrauchtwoche

TV

25. – 31. Oktober

Facebook heißt jetzt Meta und nein, wir werden an dieser Stelle nicht sagen, wie Raider heutzutage heißt oder Twix einst hieß, sondern kurz bitter auflachen. Allerdings nur um dem Ernst der Lage sogleich mit angemessener Leichenbittermiene gerecht zu werden. Denn was Mark Zuckerberg uns vor vier Tagen in einer Videobotschaft wissen ließ, ist nicht nur deshalb so verstörend, weil er auch in Fleisch und Blut so aussah wie die Avatare des Metaverse; sein Gefasel von einer besseren Welt dank virtualisierter Vollzeitkommunikation ist die Quintessenz jener Lügenoffensive, die sein Konzern nach Kräften fördert.

Dass sein neues Logo mit etwas Fantasie aussieht wie jene Masken, die Ganoven einst in Comics so trugen, passt bestens zum Eindruck, den Zuckerbergs furchteinflößender Auftritt hinterlässt. Schließlich dient Zuckerbergs Schöne-neue-Welt-PR einzig und allein dem einen Zweck: Profite seines Billionen-Konzerns ins Unermessliche zu maximieren. Dabei beläuft sich das Privatvermögen des unsozialen Netzwerkers schon jetzt auf ein Vielfaches jener Summen, die Deutschlands erfolgreichste Verleger und Verlegerinnen auf sich vereinen.

Ganz vorn im Kress-Ranking: Bertelsmanns Mohn-Dynastie mit 4,5 Milliarden Euro, gefolgt vom Springer-Clan mit ganzen 100 Millionen weniger. Dahinter: Die bestens situierten Mediendynastien Burda (4,0 und Bauer (3,8), aber schon mit gehörigem Abstand Holtzbrinck (1,8) und Ströer mit geradezu lächerlichen 1600 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto. Für diese deutschem Mittelstandspeanuts kauft sich Mark Zuckerberg mal eben einen Streamingdienst, wenn ihm danach ist. Wobei – die Konkurrenz steht Facebook, pardon: Meta ja in nichts nach und hat auch in dieser Woche Serien im Angebot.

Die Frischwoche

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1. – 7. November

Auf dem Portal von Apple (Börsenwert: 2,6 Billionen Dollar) startet Dienstag die Anthology-Serie The Premise, in der The Office-Star B.J. Novak mit schwarzem Humor Großprobleme der USA von sexueller Gewalt über Waffenbesitz bis Rassismus verarbeitet. Nach dem Start der koreanischen SciFi-Serie Dr. Brain (Donnerstag) mit Parasite-Star Lee Sun-kyun, kämpft sich Tom Hanks im selben Genre tags drauf als Endzeit-Überlebender Finch durch eine klimakatastrophal verheerte Welt.

Amazon (Börsenwert: 1,6 Billionen Dollar) gönnt derweil einem anderen Konzern mit begrenzter Moral (hoffentlich) kostenlose Werbung. Wenn Behind the Legend dem FC Bayern ab morgen dokumentarisch in den Arsch kriecht, dürfte Kritik fehlen. Netflix hingegen (242 Milliarden) begnügt sich diese Woche mit dem Western-Epos The Harder They Fall, während Sky vom Medienmogul Comcast (252 Milliarden) mit der britischen Krimiserie Wolfe (ab Donnerstag) und dem dreiteiligen BBC-Porträt von Greta Thunberg zwei Formate von Belang im Portfolio hat.

RTL (8,05 Milliarden Euro) schickt mit Glauben derweil die nächste Schirach-Verfilmung aufs eigene Portal TV Now. Als fachlich brillanter, menschlich ruinierter Anwalt, fiktionalisiert Peter Kurth die Wormser Prozesse um fatale Kindesmissbrauchs-Vorverurteilungen. Gar nicht börsennotiert ist indes das öffentlich-rechtliche Fernsehen, was man dem Programm in der Spitze durchaus anmerkt. Als würden Aktien noch auf Papier gedruckt an die Wand gehängt, holt das ZDF am Samstag Thomas Gottschalk aus der Mottenkiste und lässt ihn ein Revival von Wetten, dass…? moderieren.

Diese Art nostalgischer Sedierung eines vergreisenden Publikums könnte man noch mehr kritisieren, würde der Modernisierungsversuch im Ersten nicht so lächerlich scheitern. Das Near-Future-Experiment Zero inszeniert die künftige Social-Media-Überwachung am Mittwoch mit so stereotyper Bräsigkeit, dass sogar die etwas zu melodramatische Thrillerserie Furia über rechten Terror ab Sonntag acht Teile lang in der ZDF-Mediathek sehenswerter wird. Besser macht es die gleichlange Neo-Comedy Start the Fuck up!, in der die Generationen Y bis Z ab morgen um Anschluss ringen. Den hat dagegen die Generation Klimakrise im postapokalyptischen Arte-Sechsteiler Anna ab Donnerstag dummerweise verloren.


Mala Oreen, Geese, Richard Ashcroft

Mala Oreen

Die Schweiz – Gletscher, Alphörner und Kühe. Kennt man. Die Schweiz – Prärien, Steelguitars und Cowboyromantik? Kennt man eher nicht so. Umso überraschender ist es, einer Schweizerin zu hören, die amerikanischen Country in ihr europäisches Heimatland (re)importiert und daraus ein Album zaubert, das offenbar tiefster Überzeugung entsprungen ist, nicht Ironie oder gar kultureller Aneignung. Kein Karneval also auf Awake, nur Empathie. Schließlich hat Mala Oreen aus Luzern verwandtschaftliche Links in die USA.

Und nicht nur das. Auch dessen Folk hat sie von Kindesbeinen an aufgesogen, frühzeitig das Fiddeln gelernt und war zuletzt so lange in Texas, dass daraus in Nashville/Tennessee (wo sonst) zehn Tracks entstanden sind, die sich nur als hingebungsvolle Hommage an die ursprüngliche, nicht popverwaschene Americana hören und sehen lassen. Klar, man muss die Melodramatik ihrer Musik schon grundsätzlich mögen. Aber spätestens dann vergisst man die Schweiz dahinter und sitzt mit am Prärielagerfeuer.

Mala Oreen – Awake (TOURBOmusic)

Geese

Wenn Britrock noch klänge, wie Britrock mal klang, wenn er noch das verwaschen Postpunkige im Popgewand besäße, dieses alte Gespür für kakophone Spielerei im harmonischen Proklamationsgesang, das Bands wie Franz Ferdinand nach New York klingen ließ und solche wie The Strokes nach Manchester, wenn wir also an den Rand der Jahrtausendwende zeitreisen würden, wo Oasis und Suede dringend zu den Akten gelegt werden müssten – dann wäre eine Band wie Geese perfekt für diesen Neustart.

Zum dumm, dass Geese ungefähr 20 Jahre zu spät für eine Revolte kommen, aber es ist ungeheuer schön zu hören, dass Rafinesse und Wahnsinn noch immer zusammenpassen, wenn man beide lässt. Das blutjunge Quintett aus Brooklyn, Durchschnittsalter diesseits der Volljährigkeit, wurde gelassen, woraus das wirklich fabelhafte Debütalbum Projector hervorgegangen ist, auf dem die Gitarren so unverzerrt psychedelisch über geschmeidige Keyboardteppiche fegen, dass es die pure Freude ist.

Geese – Projector” (Partisan Records)

Richard Ashcroft

Um hier aber nicht mal ansatzweise den Eindruck zu erwecken, die wegweisend nostalgische Cool-Britannia-Bewegung vor einem Vierteljahrhundert überflüssig gewesen, zollen wir hiermit jemandem Tribut, der damals wirklich Großartiges geleistet hat: Richard Ashcroft. Und weil der frühere Frontmann, so hieß das in maskulinerer Zeit, von (The) Verve vor lauter Selbstliebe kaum lauen kann, hat er uns passend zur reflexiven Heldenverehrung ein Tributalbum in eigener Sache produziert. Klingt eitel. Ist eitel.

Aber auch herausragendes Zeitzeugnis einer Epoche, die dem Pop Tiefe von einer Oberflächlichkeit verliehen hat, dank der die 1990er trotz Eurodance und Tony Blair ein Sehnsuchtsort sind und bleiben. Acustic Hymns Vol. 1 heißt die geigengesättigte Sammlung von zwölf Stücken seiner frühen Jahre, die er mit Freunden akustisch in den berühmten Abbey Road Studios reanimiet und maximal remastered hat und auch wenn das Resultat zuweilen ganz schön überkommen klingt: Was für ein Zeugnis, was für eine Zeit!

Richard Ashcroft – Acustic Hymns Vol. 1 (RPA)


Christoph Nickel: Beleuchtung & Blackout

Zuhause heißt mein Lichtkonzept gemütlich

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Christoph Nickel hat von Homeland bis Babylon Berlin schon viele Serien erhellt, mit Blackout (seit 14. Oktober bei Joyn+) betritt aber auch der erfahrene Oberbeleuchter aus Kiel Neuland. Wie man Licht ins Dunkel eines europaweiten Stromausfalls bringt und was deutsche von amerikanischer Beleuchtung unterscheidet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nickel, in der Joyn-Serie Blackout fällt der Strom in ganz Europa aus. Wie beleuchtet man glaubhaft und dennoch sichtbar die Dunkelheit?

Christoph Nickel: Das Gleiche hat mich die Produktionsseite auch gefragt und meinte, das könne ja nicht so aufwändig sein – ist ja eh dunkel.

Im Scherz, nehme ich an?

Klar, die Sache ist ja doch komplizierter. Fangen wir draußen an. Wenn man nicht grad auf offenem Feld dreht, lässt sich die Dunkelheit mit vorhandenem Restlicht wunderbar erzählen. Dummerweise fällt in einer Stromausfallserie auch in der Stadt alles weg, was sonst leuchtet. Straßenlaternen zum Beispiel oder Wohnungsfenster. Klassischerweise imitiert man dann Mondlicht mit hartem, kühlen Gegenlicht. Unser Ansatz war es, No-Light Situationen zu schaffen.

No-Light?

Zum Beispiel eine bewölkte, mondlose Nacht ohne andere Lichtquellen. Wir haben große flächige, an Kränen hängende, Leuchtquellen gebaut, um möglichst schattenarmes Licht zu erzeugen. Oder selbstleuchtende Heliumballons, von denen ich bei dieser Serie mehr eingesetzt habe als in 30 Berufsjahren vorher zusammen. Da dürfen Kameraleute keine Angst vor Dunkelheit haben, und bei Kolja Brandt wusste ich, dass er wie ich bereit ist, viel Dunkelheit im Bild zuzulassen. Wir haben aber auch mit Feuer, Autoscheinwerfern, Blaulicht von Polizei und Feuerwehr oder Petroleumlaternen gearbeitet – Lichtquellen, die es auch beim Stromausfall noch gibt.

Vom Leuchten der Smartphones ganz zu schweigen.

Ganz wichtig. Eine Krankenhausszene haben wir ausschließlich mit einer Reihe batteriebetriebener Baumarktlampen beleuchtet – mit denen würde ich sonst eher den Weg zum Catering beleuchten.

Was ist aus Ihrer 30-jährigen Berufserfahrung heraus denn herausfordernder: Tag oder Nacht, Helligkeit oder Finsternis?

Die Herausforderung, Dinge nachts sichtbar zu machen, ohne dass es künstlich wirkt, ist allgemein schon größer, auch spannender. Aber hier war es auch tagsüber anspruchsvoll, weil die Regisseure keine Sonne erzählen wollten, sondern fahles, winterliches Licht. Da kämpft man dann mit vielen großen Segeln gegen die direkte Sonne, die ja auch wandert, sodass man ständig korrigieren muss.

Zumal es mit jedem Tag „Blackout“ dunkler zu werden scheint.

Und da haben wir uns mit Regie, Kamera und Szenenbild Timelines erstellt, welche technischen Geräte wann innerhalb der sieben, acht Handlungstage den Geist aufgeben. Wenn die Kraftwerke stoppen, gehen Deckenlampen sofort aus, aber die Akkus sind noch voll. Wir haben da – auch mit der Continuity – genau überlegt, an welchem Punkt des Drehbuchs selbst mit Taschenlampen Schluss ist, um es von Tag zu Tag dystopischer wirken zu lassen.

Wie eng arbeitet der Oberbeleuchter darüber hinaus mit dem restlichen Team – stehen Sie von Anfang an mit der Regie in Verbindung?

Manche Regisseurinnen und Regisseure haben genaue visuelle Vorstellungen, auch übers Licht. Da fängt die Kommunikation dann schon sehr früh an, und es gibt auch beim Dreh einen engen Austausch. Meist sind es aber die Kameraleute, mit denen ich mich als erstes treffe und ein Konzept erstelle. Man arbeitet dann aber auch eng mit den anderen Gewerken, vor allem dem Szenenbild, zusammen – besonders bei so einem Projekt wie diesem, wo viele Lichtquellen ja auch Teil der Ausstattung sind.

Dafür haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere vermutlich noch mit analogem Licht gearbeitet, Kilowatt-Strahlern, womöglich gar Glühbirnen.

Bis in die 80er gab es eigentlich nur Glühlicht und HMI-Scheinwerfer fürs Tageslicht. Mitte der 90er kamen Kino-Flos auf den Markt – filmtaugliche, nicht grünstichige Leuchtstoffröhren in leichten Gehäusen, die das Leuchten in Innenräumen sehr vereinfacht haben. HMI und Glühlicht sind weiterhin tolle Leuchtmittel – allerdings hat LED-Technik die Filmbeleuchtung mittlerweile revolutioniert.

Und das ist auch gut so?

Das ist auch gut so. LED-Lampen sind mittlerweile farblich hervorragend vielseitig, ohne aufwändige Dimmertechnik wireless steuerbar, und nicht zuletzt energiesparend. Wenn es nicht gerade richtig große Sets sind, bei denen ich einen Dimmeroperator brauche, steuere ich im Prinzip alles per Software vom Ipad. Und LED wird auch von der Lichtqualität her ständig verbessert, man kann es mit jeder anderen Quelle mischen, jede erdenkliche Farbe erzeugen. Ich kann heute Kerzenschein mit einer LED-Lampe verlängern. Das war vor drei Jahren so nicht möglich.

Woher rührt eigentlich die spürbare Leidenschaft fürs Licht – hatten Ihre Eltern ein Lampengeschäft?

(lacht) Nee. Und ich komme eigentlich auch aus der Fotografie. Als ich Ende der Achtziger nach Berlin kam, hatte ich Geografie studiert und bin durch so eine Filmclique an der Uni zur Kamera gekommen, das war mein erster Traum. An der Filmhochschule bin ich dann zwar nicht genommen worden, aber gleichzeitig bei kleinen Projekten gelandet, wo ich das Licht gemacht habe, mit null Erfahrung, aber Zeit, Dinge auszuprobieren. Als ich gemerkt habe, wie kreativ und abwechslungsreich das ist, war meine Leidenschaft geweckt.

Also alles Zufall?

Eher Glück, würde ich sagen. Auch, früh mit Kameraleuten gearbeitet zu haben, mit denen ich kreativ auf einer Wellenlänge lag und die offen für meine Ideen waren. Der Job des Oberbeleuchters hat drei Aspekte: Kreativität, Organisation, Technik. Ich hab‘ schnell gemerkt, dass diese drei Dinge, und vor allem die Kombination, mich herausfordern und mir Spaß machen, besonders der technische Aspekt in den letzten Jahren, all die Innovationen für mich zu entdecken.

Laufen Sie mit dem Lötkolben am Set rum und basteln sich das perfekte Licht selbst?

Ich hab‘ immer gern verrückte Sachen, die es so zuvor noch nicht gab, gebaut. Da liegt so Einiges in den Regalen unseres Lagers. In meiner Crew habe ich aber meist jemanden, der darauf spezialisiert ist, am Set mal schnell was zu basteln. Es sind auch ziemlich professionelle Lampen entstanden, zum Beispiel ein umfangreiches Set von LED-Panels in diversen Größen und Formen mit Steuerungstechnik.

Sind Beleuchter denn alles ausgebildete Lichttechniker?

Ab und an gibt’s da mal einen Veranstaltungstechniker, professionelle Rigger, und bei großen Institutionen wie dem Studio Hamburg, auch noch richtige Lichtmeister. Aber die meisten der freien Filmwirtschaft sind Quereinsteiger wie ich, die sich aber zunehmend fortbilden müssen, zum Beispiel zum Thema Strom.

Die größte Serie, die Sie bislang beleuchtet haben, war vermutlich Babylon Berlin.

Hierzulande schon. Aber noch größer war zum Beispiel Homeland, da habe ich bei einer Staffel mitgemacht. Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen.

Arbeiten amerikanische Beleuchter anders als deutsche?

Im amerikanischen System gibt es Beleuchter, die nur für Lampen zuständig sind, und Grips, die mit Fahnen oder Segeln arbeiten – das ist in Europa nicht getrennt. Was amerikanische Produktionen aber definitiv unterscheidet: der Beleuchtungsaufwand ist viel größer. Größere Sets, höheres Lichtlevel, mehr Freiheit beim Spiel mit Lichtrichtungen. Diesen Aufwand können sich deutsche Produktionen so in der Regel nicht leisten.

Wäre das denn besser?

Es gibt Geschichten wie die eines oscarprämierten Kameramanns, der für einen Zugüberfall im Western megaaufwändig ausgeleuchtet hat, mit vielen Lichtkränen. Die hat er dann allerdings ausschalten lassen und die Szene mit einer offenen 5000-Watt Halogenbirne vorn auf der Lokomotive gedreht. Dafür würde dir hier jeder Produzent den Kopf abreißen. Aber ehrlich? Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen; daraus entsteht oft etwas viel Besseres, als wenn man alle Optionen hat. Manchmal kreiert der Zufall die tollsten Dinge.

Wie schauen Sie selbst denn Filme anderer an – zuerst mit Blick aufs Licht?

Nee, ich lasse mich fallen, wenn der Film mich einfängt, und wenn ich Kamera und Licht toll finde, schaue ich oft ein zweites Mal und achte auf die Visualität und technische Umsetzung.

Und ist Ihre Wohnung nach einen speziellen Lichtkonzept ausgeleuchtet?

(lacht) Ich habe schon viele Lampen, auch schöne, aber keine komplizierten Installationen mit smarter Regulierung. Zuhause heißt mein Lichtkonzept gute Atmosphäre und Gemütlichkeit.


Döpfners DDR & Primes Maradona

Die Gebrauchtwoche

TV

18. – 24. Oktober

Die rechtspopulistische Welt ist voller Liebespaare, deren Trennung riesige Scherbenhaufen hinterlässt, an denen sich komischerweise nur einer der beiden schneidet. Als Hamburgs Bürgermeister den Rassen-Richter Ronald Schill aus der Koalition warf, gewann Ole von Beust haushoch die Wahlen. Als Österreichs Kanzler dasselbe mit dem Ibiza-Fan Heinz-Christian Strache tat, ging auch Sebastian Kurz gestärkt aus der Affäre hervor. Jetzt also trennt sich Mathias Döpfner vom „Sex-Monster“ Julian Reichelt, wie ähnlich übergriffige Männer in der Bild hießen, und was geschieht mit dem Springer-Boss?

Eben.

Trotz bizarrer Begleiterscheinungen führt der demokratiefeindlichste deutsche Publizist nach Götz Kubitschek und weiter Verlag und Branchenverband BDZV, die aus Döpfners Sicht bis auf sein Ziehkind ausnahmslos Gefälligkeitsjournalisten einer Corona-Diktatur im Stil der DDR beschäftigen. Statt den Skandal um Reichelts Misogynie wie verlautet aufzuarbeiten, kritisiert er lieber die NYT für ihre Enthüllung, strickt Verschwörungsideologien um Rachefeldzüge früherer Kollegen und zersetzt damit fortlaufend die Pressefreiheit.

Dass Friede Springers Liebster den brachialen Reichelt durch den feinsinnigen Johannes Boie ersetzt, dürfte da nur eine Interimslösung sein. Wahrscheinlich hat Döpfner bereits seine Fühler nach rechtspopulistischem Ersatz ausgestreckt. In Frage kämen neben Ken Jebsen und Xavier Naidoo vor allem Roland Tichy oder Jochen Kopp. Und frisch in der engeren Auswahl: Dirk Ippen, der sich durch die Unterschlagung der Reichelt-Recherchen seiner Reporterinnen mit nepotistischem Netzwerker-Schwung zu Döpfners Komplizen machte.

Fragt sich nur, wo Springer nach dem Kauf des amerikanischen Nachrichtenhändlers Politico noch überseeisch investieren könnte. Kleine Anregung: Donald Trump gründet gerade sein eigenes Netzwerk. Und eine Lügenplattform wie Truth Social müsste doch eigentlich so ganz nach dem Geschmack von Döpfners Ideal einer moralbefreiten Medien-Oligarchie nach Vorbild Ungarns mit dem Unterhaltungswert von RTLzwei sein.

Die Frischwoche

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25. – 31. Oktober

Apropos Privatsender: Wer sich erhofft hatte, dass der Wechsel von Zervakis und Opdenhövel die Seriosität von ProSieben steigern würde, darf sich heute wieder getäuscht sehen, wenn ZOL statt seriösem Journalismus abermals nur Aufreger mit Sex, Crime, Kindern bietet. Darstellerisch dürfte die gespielte Entrüstung der beiden allerdings auf dem Niveau fiktionaler Serien sein, von denen es in dieser Woche ein paar bemerkenswerte gibt.

Da wäre zum Beispiel das Sportler-Biopic Maradona, eine Art fiktional-realer Nekrolog des Fußballgenies, das unlängst verstorben ist – und damit ab Freitag weniger Anlass zur humorigen Hommage bietet als die Sky-Persiflage über den römischen Superstart Totti vier Wochen zuvor. Ganz und gar humorlos ist ein weiterer Historiendreiteiler bei TV Now. Im Rahmen einer Kostümfestreihe startet dort heute das BBC-Liebesdrama Tod und Nachtigallen aus dem Irland der 1880er Jahre, was zwar ein bisschen glatt gebügelter Geschichtsunterricht ist, aber durchaus politisch grundiert.

Ganz und gar unpolitisch ist hingegen die SyFy-Zombieserie Day of the Dead, in der die Untoten ab Mittwoch eine kanadische Kleinstadt belagern und dabei zehn Teile lang verblüffend psychologisch agieren. Ganz und gar unpsychologisch ist demgegenüber die WDR-Horrorserie True Demon ab Freitag in der ARD-Mediathek, die zwar leicht an Blair Witch Project für die Generation Insta erinnert, aber wie die achtteilige Flugbegleiter-Dramedy The Flight Attendant ab Donnerstag bei Warner TV durchaus raffiniert inszeniert wurde.

Das genaue Gegenteil von raffiniert ist das größte Ärgernis der Woche: Schlecky Silbersteins Sitcom-Version seiner ganz großartigen Polit-Clipshow Browser Ballett tags zuvor an selber Stelle. Dann doch lieber Trash as Trash can wie Klaus Lembkes Kunstfälscher-Groteske Berlin Izza Bitch, morgen um 22.15 Uhr beim WDR. Oder noch besser: Freud, Marvin Krens international gefeiertes, weil komplett gegen den Strich gebürstetes Psychiater-Biopic, ab Samstag endlich auch im Free-TV, aka Neo.


Guido Marie Kretschmer: Shopping & Wedding

Erfahrung, Liebe, Energie

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Dank seiner endlosen Empathie ist der hilfsbereite Designer Guido Maria Kretschmer (Foto: Enver Hirsch/SpotOn) everybodys darling. In seiner Vox-Show Guidos Wedding Race hat er Linda nun Linda de Mols Traumhochzeit nun eine Frischzellenkur verpasst. Nach der ersten Folge wurde sie zwar vorübergehend abgesetzt, aber ein Interview (vorab auf DWDL) über Äußerlichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit, Homophobie und wo selbst der 55-jährige Harmoniefan wütend wird, ist dennoch immer ein Fest.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kretschmer, können Sie das Erfolgsgeheimnis Ihrer Fernsehkarriere in einem Satz zusammenfassen?f

Guido Maria Kretschmer: Eine schöne Verbindung aus Kreativität, Freude am Menschen und derjenigen, mit ihnen besondere Momente zu teilen. Was wäre denn Ihr Satz?

Ich kann Ihnen den meiner Frau nennen, ein großer Fan. Sie meint: Weil er uns, also Frauen, so aufrichtig liebt.

(lacht) Schön. Ich wurde ja vornehmlich von Frauen sozialisiert wie meinen äußerst speziellen Großmüttern – eine sehr intellektuell, eine sehr modeverdreht; sonst wäre ich heute ein anderer. Dass ich ihnen so viel zu verdanken habe, hängt aber auch damit zusammen, Frauen immer besonders zugehört zu haben. Das ging von meiner Schwester bis hin zu Lehrerinnen. Ich spürte einfach, dass von denen mehr zu holen war als von Männern.

Nämlich was genau?

Erfahrung, Liebe, Energie. Ich glaube bis heute, die Welt wäre ein entspannterer Ort, würden Männer Frauen mehr Raum lassen. Deshalb hat mir im Bundestagswahlkampf auch am meisten die Geschlechtergerechtigkeit gefehlt. Wir reden zwar viel übers Gendern, haben es aber noch immer nicht geschafft, für gleiche Arbeit gleiches Geld zu bezahlen. Dieser Irrsinn verleitet mich dazu, Frauen in meinen Sendungen viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Auch wenn ich Männer, wie Sie sich denken können, sehr mag, feiere ich die Frauen, wo ich kann.

Wobei Sie, so scheint es zumindest in Ihren Shopping-Shows, dabei vor allem das Äußere der der Frauen feiern, um nicht die Oberfläche zu sagen.

Na ja, die Oberfläche ist eben Teil meines Berufes als Designer, aber anders als manch andere Kollegen dringe ich vom Äußeren möglichst schnell ins Innere vor. Schließlich sage ich immer, Mode ist die Haut der Seele. Wer das nicht glaubhaft machen würde, könnte doch nicht erfolgreich das einzige Frauenmagazin mit einem Männernamen machen.

Guido!

Das ist ein wunderbares Vehikel, um Frauen das Handwerkszeug für echte Selbstachtung zu vermitteln. Ich versuche ja auch bei Shopping Queen nicht nur, das Äußere zu optimieren, sondern damit neues Selbstbewusstsein zu erzeugen, das auch andere spüren.

Können Sie das Innere eines Menschen über sein oder ihr Äußeres erkennen?

Ich glaube schon. An ihrem Auto zum Beispiel kann man sich sowohl anhand der Marke als auch der Aufkleber, des Nummernschilds oder dem Zeugs auf der Rückbank ein erstes Bild von Ihnen machen. Das Gleiche gilt fürs Zuhause, wo schon ein Blick durch den Flur reicht, um die Bewohner grob einschätzen zu können. Auch das gehört ja zum Beruf des Designers. Der ist nämlich idealerweise ein enger Vertrauter seiner Kundinnen – was mir als schwulem Designer nochmals leichter fällt. Wenn ich mit ihnen auf der Bettkante sitze, müssen sie sich keine Sorgen machen, dass ich mit ihnen hineinspringen will. So kann eine unvoreingenommene Art von Nähe entstehen. Für mich war Mode daher auch immer eine Möglichkeit, Menschen näher als andere zu kommen, fast wie ein Psychologe. Von daher bin ich im Grunde der letzte, der nur an Äußerlichkeiten interessiert wäre.

Bei Ihrer neuen Vox-Show Guidos Wedding Race geht es also auch ums Innere der Teilnehmer?

Natürlich ist so eine Show zunächst mal visuell; ich bin schließlich Fan von Linda de Mols Traumhochzeit aus den Neunzigern, an der sich das Wedding Race orientiert. Ich versuche darin besonders Frauen zu helfen, sich klarzumachen, was genau sie von Hochzeit und Ehe eigentlich wollen, warum sie ihre Auserwählten so lieben, dass sie es aller Welt mitteilen. Dafür blicke ich hinter die Kulissen, lerne ihre Verwandtschaft kennen, aber auch die Budgets – denn heutzutage verschulden sich viele für dieses besondere Ereignis im Leben.

Und darum kämpfen die Paare der Sendung daher im harten Wettstreit?

Eher Rennen als Wettstreit, daher der Name Wedding Race. Jeweils drei Paare fahren im E-Auto von Süd nach Nord und kriegen übers Navi Aufgaben zum Erledigen. Die Sieger erhalten gewissermaßen ihre Traumhochzeit 3.0, bei der ich dann die Traurede halte. Aber auch die Verlierer bekommen etwas. Von mir kreierte Eheringe zum Beispiel, das Brautkleid, auch nicht schlecht. Bei mir sind alle Gewinner.

Sie sind also wie immer auf der Seite von allen?

Absolut. Mein Anspruch ist, allen Paaren – so unterschiedlich sie auch sind – die Hochzeit zu ermöglichen, bei der ich gerne als Gast dabei wäre.

Wenn man betrachtet, wie Sie auch in dieser Sendung also auf Seiten aller sind: Können Sie eigentlich auch mal richtig konfrontativ und sauer werden?

Sauer schon, aber es ist nicht in meiner DNA kodiert, auf andere draufzuhauen. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch das gleiche Recht, mit größtmöglichem Respekt behandelt zu werden. Versagen abzufeiern, liegt mir nicht. Ich bin als Christ stets darum bemüht, ein anständiger Mensch zu bleiben. Es gibt im Fernsehen viele, die provozieren wollen und das auf ihre Art auch sehr unterhaltsam tun. Die müssen sich dann aber auch fragen, was das bei den Menschen hinterlässt, die es abkriegen. Ich glaube ans Prinzip der Subsidiarität.

Inwiefern?

Wenn jemand Hilfe braucht, nehme ich ihn wie einen Vogel auf den Finger und füttere ihn durch.

Aber wann werden Sie denn dann mal richtig sauer?

Wenn Leute dumm, radikal, intolerant daherreden. Aber selbst da werde ich mit Anstand und Würde wütend. Ich würde auch keine Mitarbeiter zusammenstauchen und bin selbst im Straßenverkehr die Ruhe selbst.

Wie reagieren Sie denn zum Beispiel auf Homophobie?

Schon auch mal wütend, aber wenn mich Leute fragen, was die beste Reaktion ist, antworte ich gerne: Homosexualität ist kein Ausbildungsberuf. Den Umgang anderer damit muss jeder auf seine Art selber erlernen, mit dem Einmaleins des Lebens an sich.

Wie viel Homophobie erfahren Sie denn am eigenen Leib?

Wenig. Und ich habe in meinem Leben generell nie Ausgrenzung erlebt – vielleicht, weil ich mich noch nicht mal öffentlich outen musste und seit jeher offensiv damit umgehe, schwul zu sein, ohne andere damit zu verängstigen. Natürlich bekomme ich auch mal homophobe Post, aber die meiste beinhaltet eher Danksagungen von Leuten, denen mein Umgang mit Homosexualität Mut gemacht hat. Umso trauriger ist es natürlich, wie die Emanzipation in Ländern wie Polen oder Russland gerade zurückgedreht wird.

Macht der Grad an Prominenz, wie Sie ihn haben, anfälliger für Homophobie oder im Gegenteil gefeiter davor?

Gute Frage, ich glaube beides. Ich bin zwar exponierter, aber womöglich auch abwehrfähiger als weniger prominente Personen. Umso wichtiger ist es, mit Offenheit, Toleranz und Bildung für Normalität zu sorgen. Am Ende wär’s mir am liebsten, das Thema wäre viel zu gewöhnlich, um darüber ständig zu reden.

Wie wir jetzt.

Wie wir jetzt.


J.T. Kirks Allflug & H.C. Straches Abflug

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. Oktober

Das Fernsehen ist selbst im Bereich der prophetischen Science-Fiction nur so hellsichtig wie die Fantasie der Verantwortlichen, aber diesen Twist futuristischer Formate könnten sich auch die kreativsten Köpfe kaum ausdenken: 55 Jahre nach seinem Jungfernflug auf dem Raumschiff Enterprise ist Captain James T. Kirk tatsächlich ins Weltall geflogen, genauer: sein Darsteller William Shatner, den der Selbstdarsteller Jeff Bezos vorigen Mittwoch zum ältesten Astronauten der realen Welt machte.

So viel Weitblick wie dem legendären Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry hingegen wünscht man dem südkoreanischen Filmemacher Hwang Dong-hyuk nicht. Seine Netflix-Serie Squid Game zeichnet schließlich das Bild einer dystopischen Gesellschaft, die verzweifelte Schuldner in Wettkämpfe lockt, deren Verlierer erst getötet und dann ausgeweidet werden. Die blutrünstige Brutalität des gewaltpornografischen Gemetzels allein ist allerdings noch nicht mal das Verstörendste. Wirklich verrückt wird es erst, weil Squid Game mit 111 Millionen Abo-Abrufen in vier Wochen der bislang erfolgreichste Netflix-Start war. Weit vor Blockbustern von Bridgerton bis The Crown.

Das könnte auch der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz als Beispiel dafür dienen, womit man heutzutage Quoten macht: je blutiger, desto bämmmm. ARD-Programmdirektorin Christine Strobl aber geht erstaunlicherweise doch den entgegengesetzten Weg und hat in ihrer großangekündigten Strukturreform gerade die Informationssparte gestärkt. Zyniker könnten da anmerken, die Wirklichkeit sei mittlerweile schließlich auch drastischer als selbst die derbste Fiktion.

Aber den legendären Weltspiegel, dessen noch viel legendärerer Erfinder Gerd Ruge gerade im biblischen Reporter-Alter von 94 Jahren gestorben ist und ab sofort von der schönsten Wolke im Journalismus-Himmel aus über uns wacht, sonntags vor der Tagesschau zu belassen und den Montag parallel mit Reportagen oder Dokus aufzuwerten – das ist mindestens so anachronistisch niveauvoll wie die angekündigte Rückkehr des auch sehr legendärer Jon Stewart bei Apple+, wo er demnächst eine Talkshow moderiert.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

18. – 24. Oktober

Legendär – das trifft definitiv auch aufs grundlegende Ereignis vom Fernsehformat der kommenden Woche zu: Die Ibiza-Affäre. Nach dem gleichnamigen Sachbuch der investigativen SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier zeichnet Sky ab Donnerstag den größten Skandal des an Skandalen bekanntlich überreichen Österreichs nach und hat dafür mit Nicholas Ofczarek als schmierigem Privatdetektiv Julian H., der Andreas Lust als korruptem Vize-Premier Heinz-Christian Strache zur Strecke bringt, grandiose Darsteller gefunden.

Regisseur Christopher Schier bettet beide allerdings auch in ein höchst originelles Szenario zwischen dokumentarischer Präzision und übersteuerter Fiktion ein, dass es bei allem Entsetzen über die kriminelle Energie der politisch Verantwortlichen zum Fest aller Sinne wird, dem Vierteiler beizuwohnen. Ähnliches würde man nun gern auch über öffentlich-rechtliche Unterhaltung sagen. Die aber lässt doch wieder nur das Übliche vom Fließband laufen und sediert sein Stammpublikum über 66 ab Mittwoch mit dem Breisgau-Krimi im ZDF, bei dem es um chzpühhh…

Der bemerkenswerte Rest in stichwortartiger Kürze: bei Netflix kriegt der frühverrentete Youtuber Julien Bam eine eigene Sitcom namens Life’s A Glitch, in der es allem Anschein nach um Julien Bam beim Julien-Bam-Sein geht. Und mit Infiltration schießt uns Apple+ ab Freitag über zehn fett produzierte Folgen hinweg in eine sciencefiktionale Zukunft, deren Aliens erst heimlich, dann offen die Erde erobern wollen.


Bastis Rücktritt & Schüttes Kranitz

Die Gebrauchtwoche

TV

4 – 10. Oktober

Es ist zwar ein bisschen wohlfeil, auf Facebook rumzuhacken, aber die Gründe dafür werden halt Tag für Tag triftiger. Amoralisch und geldgeil, niederträchtig und korrupt, würdelos und dann auch noch zusehends irrelevant: die Gründe, sich über den sechsstündigen Blackout diverser Messenger-Dienste, Milliardenverlust inklusive, sind so mannigfaltig, dass selbst die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen vorm US-Kongress kaum überraschen – daran kann auch die Sperrung der russischen Propaganda-Plattform RT Deutsch nichts mehr ändern.

Was allerdings viel ändern könnte, ist der Rücktritt von Sebastian Kurz. Perfider als sein rechtsradikaler Ex-Spezl Heinz-Christian Strache, hat der rechtspopulistischen Bundeskanzler versucht, die Pressefreiheit auszuhöhlen – für diese Erkenntnis muss ihm niemand Bestechlichkeit nachweisen, das ist Teil seiner neoliberal-völkischen Agenda, die er mit oder ohne Nazis als Vizekanzler verfolgt. Ach, wäre Volker Bruch doch Österreicher, er würde den Basti und seinen Geistesbruder HC gewiss wählen.

So aber muss der schauspielerisch begabte, menschlich talentfreie Querdenken-Superstar mit Geistesbrüdern wie Wotan Wilke Möhring eben hierzulande Demokratie und Rechtstaat mit verschwörungstheoretischem Bullshit wie #allesaufdentisch destabilisieren. Frage an die staatsvertraglich organisierte, immerhin gebührenfinanzierte ARD: wieso schmeißt ihr den QAnon Fan Xaver Naidoo eigentlich beim ESC raus, lasst seine Buddies Bruch und Möhring aber fröhlich Tatort oder Babylon Berlin für euch drehen?

Würde die schauspielerisch limitierte, menschlich qualifizierte Maria Furtwängler männliche Menschenverachtung ebenso hingebungsvoll anprangern wie weibliche Benachteiligung – öffentlich-rechtlich gäbe es für beide weit weniger zu verdienen. Dennoch war die neue Studie der Malisa-Stiftung zur Benachteiligung von Frauen im Fernsehen bedeutsam. Und bietet Anlass, die aktuellen TV-Tipps unterm Aspekt der Frauenpräsenz zu betrachten.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. Oktober

In der deutschen Netflix-Serie The Billion Dollar Code um zwei realexistierende Hacker, die Anfang der 90er Jahre den Algorithmus des späteren Milliardenprogramms Google Earth programmiert haben, hat zum Beispiel gleich sieben Hauptdarsteller, während mit ihrer Film-Anwältin (Lavinia Wilson) nur ein Charakter doppelte X-Chromosomen trägt. Im etwas langen, aber famosen ARD-Porträt Kevin Kühnert und die SPD dagegen ist der Protagonist naturgemäß genetisch mutiert.

Wenn sich Daniel Cohn-Bendit ab heute (23.35 Uhr) in der Doku Wir sind alle deutsche Juden an gleicher Stelle in Frankreich und Israel auf die Suche nach Glaubensgenossen begibt, herrscht auch fast unvermeidlich Frauenmangel. Weniger unvermeidlich war es hingegen, dass der fesselnde Thriller Blackout ab Mittwoch Moritz Bleibtreu sechs Teile lang auf die Jagd nach den Ursachen eines europaweiten Stromausfalls bei Joyn+ schickt.

Der Rest ist abgesehen der neuen Sat1-Show Halbpension Schmitz ab Donnerstag allerdings paritätisch, was der deutsche Netflix-Partnertauschfilm Du, Sie, Er & Wir tags drauf sogar im Titel trägt. Gehen wir mal durch: das achtteilige Mädchenhandelsdrama Box 21 aus Schweden? Männer sind Schweine, Frauen wehrhaft. Die Influencerinnen-Nabelschau The D’Amelio Show ab Mittwoch bei Disney+? Sexistisch, aber immerhin von weiblicher Seite. Die dortige Coming-of-Age-Serie Reservation Dogs um fiktive native americans beim Großwerden? Nicht sexistisch, beiderseits.

Der Dänemark Krimi parallel im Ersten? Konventionell, aber gemischt. Die Sky-Mockumentary Wellington Paranormal ab morgen? Unkonventionell. Punkt. Die Neo-Milieustudie Wir um ein halbes Dutzend sinnsuchender Mitglieder der Generation Y im Berliner Speckgürtel? Aufdringlich, aber angenehm beiläufig divers. Der neue Geniestreich von und mit Jan Georg Schütte als Paartherapeut Kranitz, Donnerstag in der ARD-Mediathek? Sechsmal höchste Improvisationskunst für alle. Zu guter Letzt die britische Dramaserie The Drowning um eine Mutter, die neun Jahre nach dessen Verschwinden (Freitag, 13th Street) glaubt, ihren Sohn zu sehen und ihn zu stalken beginnt? Mutter, Sohn, Liebe – noch Fragen?


Ferienbreak

Die freitagsmedien machen mal Pause – Herbstferien! Am 18. Oktober geht es weiter mit dem montagsfernsehen.