Rammstein, Blurry Future, St. Arnoud

Rammstein

Manche Dinge ändern sich einfach nie: in Zeiten eruptiver Zeitenwenden ist das im Grunde nicht die schlechteste Nachricht. Wenn Flakes dystopiedicke Keyboard durch wabernden Nebel brachialer Gitarren bricht und Till Lindemann dazu “Komm zu uns und reih dich ein / wir wollen zuhause traurig sein” aus seiner Lunge räuchert, hören sich Rammstein also an wie immer, irgendwie. Und wie immer, sagen wir’s ehrlich, ist zwar nicht sonderlich originell, aber irgendwie tröstlich.

Gut, ein bisschen melodramatischer sind die ewigen Pubertätsverlängerer der neuen deutschen Härte schon geworden, irgendwie wattierter als anno Herzeleid. Das Piano wird eher getupft als zerstört, der Gesang häufiger mal gehaucht statt geprügelt, die Poesie um etwas Sperma erleichtert und dafür noch morbider. Aber der Grundsound, dieser bretthafte, zu Geröllwüsten zerspante Pathos-Metal, den treiben uns die sechs Schmerzensmänner des Rock unter die Fußnägel wie 1994. Danke für die Haue.

Rammstein – Zeit (Universal)

Blurry Future

Ist es HipHop, ist es Postpunk, ist es Elektrotrash, ist es vielleicht sogar so etwas wie Darkwave-Trippop? Wenn alles drin steckt und wenig sichtbar bleibt, mag es für harmoniesüchtige Ohren verwirrend klingen, verstörend, haltlos. Alternative Klanggeschmäcker indes werden bei Bands wie Blurry Future hellhörig. Das Duo aus Hamburg kippt seine Soundbits und Krautflächen so zusammen, dass The B-52’s mit Hayiti im S/M-Keller von Prodigy catchen.

Und das ist selten eingängig, aber stets auf fiebrige Art mitreißend, wenn Songwriterin Charlotte Becher ihre blechernen Raps über Marlon Mausbachs Gitarrenbretter zischt. Manchmal wie Kae Tempest ohne Ideologie-Verwirrung, manchmal wie Chicks on Speed mit mehr Wumms – das selbstverliehene Farbspektrum dunkelbunt trifft dieses Stilgewitter zwischen Weltschmerz und Romantik ganz gut. Und macht Lust auf mehr.

Blurry Future – Alligator (popup-records)

St. Arnault

Aufmerksame Leser*innen dieser Kolumne haben womöglich gemerkt, dass Bläsersequenzen hier ziemlich gut ankommen, sofern sie nicht die Deutungshoheit übernehmen, sondern selbige brechen. Der kanadische Songwriter St. Arnaud hat folglich ein dickes Stein im Brett, wenn er sein neues Album Love and the Front Lawn regelmäßig mit dem Sound einer Trompete auflockert, die sich unter den Crooner-Folk mischt wie ein Schlagsahne in den Pudding.

Und nicht nur Trompeten. Gitarrenriffs der Siebziger schmiegen sich über Sixties-Keyboards und Neunziger-Drums hinweg an St. Arnauds melancholische Wird-schon-Poesie, die selbst tragische Themen von Furcht bis Krankheit in ein Manifest der Zuversicht verwandelt. Den Bläsern und seinem Bruder – dem Youtube-Animator GingerPale – sei Dank. Das klingt dann manchmal wie Neil Diamond auf Ecstasy, zeitloser Westcoast-Pop in den Straßen von San Franzisco. Nicht neu, aber schön.

St. Arnaud – Love and the Front Lawn (Fierce Panda)


Daniela Hoffmann: Julia Roberts & Gaslit

0hoffmann

Hello, I’m your voice, oder wat?!

Wer Julia Hoffmann berlinern hört, ahnt nicht, dass sie seit 30 Jahren die deutsche Stimme von Julia Roberts ist – auch in der Starzplay-Serie Gaslit. Ein DWDL-Gespräch mit Deutschlands bekanntester Synchronspercherin über Labiallaute, Übersetzungssexismus, Julias Kiekser und warum sie unfreiwillig oft Originalfassungen schaut.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hoffmann, Sie meinten vorm Interview, eigentlich nicht so gern im Mittelpunkt zu
stehen, aber für Gaslit würden Sie mal eine Ausnahme machen. Warum?

Daniela Hoffmann: Weil es eine unglaublich hochwertige Produktion ist, für die Starzplay
Oscars kriegen müsste, wenn das für Serien ginge. Maske, Schnitt, Regie, die Schauspieler
natürlich, allen voran Sean Penn – alles einfach genial gut.

Und Julia Roberts?

Ach, die war ja eigentlich schon immer gut, aber mittlerweile ist sie es auch deshalb, weil sie so normal gereift ist, ohne sich botoxen zu lassen. Ich bewundere das auch, weil Frauen über 50 normalerweise gar keine Rollen mehr kriegen und wenn doch, nur beschissene. Da sich hat Julia Roberts gesagt, sie produziert eben selbst.

So wie Gaslit.

Und vorher Homecoming. Auch wenn das vielleicht blöd klingt: mit ihrem Geld und Einfluss kauft sie sich gewissermaßen die Würde ihrer Charaktere, die zwar immer noch sexy sind; ist halt Julia Roberts. Aber eben auch altersgerecht und anspruchsvoll, ohne nur weibliche Rollenklischees zu bedienen.

Sie selbst sind ungefähr in Julia Roberts Alter. Synchronisiert man sie da einfach reifer oder verändert sich die Arbeit am gealterten Original grundsätzlich?

Ach, ich kenne Julia Roberts mittlerweile so gut, dass die Art, wie ich sie spreche einfach mitgealtert. Bei Pretty Woman musste ich ihre charakteristischen Kiekser und Tonsprünge noch kopieren. Mittlerweise sind die einfach drin in mir, alles automatisch.

Sind Sie am Sprecherinnenpult dann ein bisschen Julia Roberts oder bleiben sie Daniela Hoffmann?

Da ticken alle Synchronsprecher anders, aber ich verschmelze wirklich mit der Figur, die ich spreche, nicht nur im Falle Julia Roberts. Einige von uns machen ihr eigenes Ding und versuchen – was manchmal möglich ist – das Original zu verbessern. Obwohl ich Schauspielerin bin, orientiere ich mich dagegen voll und ganz am Original; das bin ich der Figur, aber auch dem Drehbuch oder Regisseur schuldig. Haben Sie die Serie gesehen?

Nur im Original; Ihre Synchronisation war noch nicht verfügbar.

Da haben Sie ja gehört, wie emotional Julia Roberts Martha Mitchell interpretiert. Diese Verzweiflung ziehe ich mir als Sprecherin so rein, dass ich beim Sprechen schon mal weine und nach Feierabend besser nicht angesprochen werde – so aufgewühlt bin ich noch. Das passiert aber nur bei hochwertigen Formaten wie diesem hier, nicht immer. Bei weniger hochwertigen bleibe ich außerhalb der Figur, das ist auch okay.

Was ist Ihnen in beiden Fällen wichtiger: Lippensynchronität oder Textauthentizität, also Form oder Inhalt?

Das Spiel bleibt am wichtigsten, aber mit der nötigen Hingabe ist es zu 99 Prozent möglich, beides in Einklang zu bringen. Und falls das nicht geht, mach ich die Sache schon lange genug, um Texte so abzuändern, dass sie passen. Manchmal übersehen selbst erfahrene Schreiber ja einen Labial.

Labial?

Konsonanten mit Lippenverschluss.

M, B, P, F, V, W.

Wobei die letzten drei Halblabiale sind. Regisseur, Cutter, Toningenieur oder eben ich finden fast immer Worte, wo die Übersetzung zu viel oder zu wenig Labiale hat; das fällt beim Zusehen auf. „Remember“ hat drei, „erinnern“ null; da muss man eine Alternative finden, die das Gleiche aussagt, aber lippensynchron ist. Gerade bei Julia Roberts sind aber alle so gut eingespielt, dass das kein Problem ist. Problematisch ist eher was anderes mittlerweile.

Nämlich?

Sie ist ein bisschen tiefer geworden, während ich etwas höher geblieben bin. Hier hat das aber auch mit ihrem texanischen Slang zu tun, den man auf Deutsch kaum kopieren kann.

Wobei Frauen hierzulande auffallend oft höher synchronisiert und gelegentlich sogar zu kleinen Mädchen verniedlich werden.

Aber doch nicht meine Julia?

Nein.

Als gebürtige Ostberlinerin, die sehr emanzipiert erzogen wurde und aufgewachsen ist, stört mich das auch manchmal, auch im Privaten. Dieses Mädchenschema. Julia Roberts und ich sind inzwischen so verschmolzen, dass der tiefere Ton automatisch kommt.

Wie klingt sie denn so im persönlichen Gespräch?

Keine Ahnung, ich habe sie nie getroffen. Was aber eher daran liegt, dass sie seit Jahrzehnten nicht so gerne reist, auch Premieren bleibt sie meistens fern. Vor der von Pretty Woman, als sie noch keine Kinder hatte, sollte es ein Treffen geben, aber weil mich Journalisten gebeten hatten, dabei mit ihr wie auf dem berühmten Filmplakat mit Overknee-Stiefeln an der Wand zu lehnen, hab‘ ich dankend abgelehnt.

Und bei anderer Gelegenheit?

Stand mir vielleicht ein bisschen die DDR-Schule im Weg. Da hat man nämlich Russisch statt Englisch gelernt, und meine Zweitsprache war Französisch. Mittlerweile kann ich zwar ganz gut Englisch und verstehe auch fast alles. Aber damals hätte ich mich gar nicht mit ihr unterhalten können. „Hello, I’m your voice“ und sie dann: „Hello, I’m your body“, oder wat?!

Kennt Julia Roberts wenigstens Ihre Stimme?

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es gibt die Erzählung, dass amerikanische Produzenten meine Art ihrer drei Arten, dreckig zu lachen, beim Casting zu Pretty Woman am besten fanden. Vielleicht hat sie die Probeaufnahmen auch gehört.

Am besten, weil Sie damals noch eher Schauspielerin als Synchronsprecherin waren?

Vielleicht. Aber mittlerweile spreche ich mehr als zu spielen. Was auch daran liegt, dass es für Frauen meines Alters weniger gute Rollen gibt und ich kein Geld habe, mir wie Julia eigene schreiben zu lassen. Beim Sprechen mag ich erste Liga sein, als Darstellerin durfte ich nie so ganz vorne mitspielen. Aber alles hat seine Zeit und diese ging irgendwann einfach zu Ende.

Wurden Sie als Schauspielerin auch mal wegen Ihrer Stimme gebucht, so als Hollywood-Zugabe?

Im Gegenteil, das war eher kontraproduktiv, weshalb ich beim Casting auch extra berlinere. Mir fehlt einfach das Glamouröse ihrer Ausstrahlung, die stünde meinen Rollenprofilen im Weg; ich war da oft eher Typ Putzfrau.

So wie Sie hier gerade sprechen, werden Sie in der Öffentlichkeit vermutlich auch gar
nicht als Julia Roberts erkannt.

Nie. Als Hamburger kennen Sie vermutlich nicht Radio Paradiso, den gefühlt alle Taxifahrer in Berlin hören. Ich mache da die Station-Voice, spreche also Jingles und so. Trotzdem erkennen mich Taxifahrer selbst dann nicht, wenn ich dabei gerade neben ihnen sitze.

Sie klingen da jetzt auch nicht enttäuscht, unerkannt zu bleiben.

Da fehlt mir ehrlich die Eitelkeit. Manchmal werde ich wegen meiner Rollen im „Landarzt“
oder so erkannt, das finde ich irgendwie nett. Aber als Synchronsprecherin stehe ich nun mal
nicht im Mittelpunkt.

Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser langen Zeit verändert?

Sie ist unglaublich schneller geworden. Wir leisten in derselben Zeit das vierfache Pensum als 1990 – ohne, dass sich die Gage mitvervierfacht hätte (lacht). Dafür standen wir damals oft zu viert im Studio, jetzt werden alle einzeln aufgenommen; das spart natürlich Wartezeit. Früher lag das Tagespensum dagegen bei 80 Takes, heute sind es 250, können aber auch 400 sein.

Ist es organischer, also schauspielerischer, wenn alle gemeinsam im Studio sind?

Für manche mag das so sein, für mich nicht. Auch wegen der Erfahrung, zu wissen, wie Kollegen ihre Takes sprechen, ohne dass ich sie dabei sehe. Was allerdings komplizierter ist als damals: wir kriegen die Filme aus Gründen der Geheimhaltung selten im Ganzen, sondern nur noch stückweise zu sehen. Alles sehr verschwiegen.

Wie sehen Sie selbst eigentlich fern – synchronisiert oder original?

Ich beginne oft im Original, um mein Englisch aufzufrischen, ende aber gern in der Synchronfassung. Wenn meine Kinder hier sind, läuft aber fast nur original, weil beide perfekt Englisch sprechen. Mein Großer kann sogar noch Koreanisch, der ist mit einer Koreanerin verheiratet; da bin ich natürlich der Doofdepp aus dem Osten, die darum kämpfen muss, wenigstens Untertitel anzuschalten. Selbst, wenn wir was mit Julia Roberts schauen, läuft das Original.

Nee!

Doch (lacht). Dann sag ich manchmal, Mensch, ihr lebt von der Synchro, verdammte Hacke. Aber machen wir uns nichts vor: es gibt auch unter Jüngeren viele, die nicht genug Englisch sprechen oder zu wenig Lust auf Mitlesen haben. Wir werden noch gebraucht!

Und wie lange werden Sie noch für Julia Roberts gebraucht?

Bis sie aufhört und der Verleih mich bezahlt. Verglichen mit Julia Roberts verdiene ich zwar fast nichts, bin aber durch meine Erfahrung schon etwas teurer. 2000 Mark vor Steuern wie für „Pretty Woman“ sind es jedenfalls nicht mehr. Wenn da jemand entscheidet, sie wollen wen Günstigeres, bin ich weg und irgendwann vergessen. Es ist, wie’s ist.


Xaviers Abbitte & McKays Lakers

TV

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. April

Die Welt ist wieder ein Stück weit besser geworden. Frankreich hat die Kuschelnationalsozialistin Marine Le Pen mit lächerlichen 41 Prozent der Stimmen an den Rand der Bedeutungslosigkeit verabschiedet. In Polen oder Ungarn werden regierungskritische Journalist*innen noch immer nicht standrechtlich erschossen. Ukraine-Krieg, Gaspreise, Inflationsangst haben die Klimakrise beendet. Und dann leistet Reichsbürger-Heulsuse Xavier Naidoo auch noch Abbitte, ohne dabei in Tränen auszubrechen. Alles in Ordnung also in aller Herren Länder.

Außer Kalifornien.

Dort hat Netflix einen Rückgang von 200.000 Abos vermeldet – wenngleich inklusive jener 700.000 Zugänge, die in Russland gerade kriegsbedingt gesperrt wurden. Ist also alles in allem gar nicht so fürchterlich um den globalen Marktführer bestellt, auch wenn ihm der Aktienkurs zwischenzeitlich eingebrochen ist. Das jedoch passierte auch Mark Zuckerbergs Metaverse, dessen Börsenwert seit seinem Urknall um ein Drittel abgestürzt ist. Und dann hat CNN – unterm Jubelgeschrei von Donald Trump – auch noch das Ende seines digitalen Ablegers CNN+ zum 30. April verkündet.

Während der Abschied so kurz nach dem Start aus publizistischer Sicht ein herber Verlust ist, müsste man Netflix langsam keine Krokodilstränen mehr hinterherweinen. Inhaltlich drängen Frischlinge wie Apple+ den Platzhirsch ohnehin langsam ins feuilletonistische Abseits. Und von ARD über Amazon bis Arte hält kein Streamingdienst, geschweige denn TV-Sender die Pressefreiheit für ähnlich banal, wenn nicht gar lästig wie der Platzhirsch, dessen Kommunikation mit Gutsherrenart noch kooperativ beschrieben wäre.

Auch ProSieben schließt Kritiker*innen zwar für schon mal für unbotmäßige Berichterstattung von Presseveranstaltungen aus. Von RTL gibt’s für Freelancer ab und zu nur dann Sendehinweise, wenn positives Feedback zu erwarten ist. Verglichen mit der Informationsblockade aus dem Silicon Valley allerdings betreiben deutsche Privatsender und ihre Videoportale maximale Transparenz.

Die Frischwoche

25. April – 1. Mai

Kein Wunder, dass von Netflix in dieser Empfehlungsliste mal wieder fehlt. Ganz oben steht dort etwas von – Überraschung – HBO, der wahren Keimzelle des neuen Kinos Fernsehen: Winning Time. Unter der Leitung vom Regie-Wizzard Adam McKay wirft Sky ab heute ein wild zuckendes Schlaglicht auf die Los Angeles Lakers 1979, als sie der windige Immobilien-Tycoon Jerry Buss (John C. Reilly) zum Dreamteam aufplustert und damit nicht nur den Basketball, sondern die Sportwelt insgesamt umkrempelt.

Der Zehnteiler ist demnach alles andere als ein Sportbiopic. Mit Pornoästhetik, Weltklassesound, Splitscreens, Kulissenschieberei und beißender Tragikomik skizziert er vielmehr das Lebensgefühl der frühen Achtzigerjahre, dass der Bildschirm zu explodieren scheint. Man muss das nicht mögen, aber gelassen lässt es wohl niemanden. Ein bisschen weniger gilt das auch fürs zweite HBO-Format, das Sky parallel nach Deutschland holt: We Own This City, eine Art Spin-Off von The Wire, das Korruption und Zerfall von Baltimore visuell auf den Punkt bringt.

Nachdem Magenta Diane Kruger Donnerstag ins Haifischbecken der Serie Swimming with Sharks schickt, geht die fabelhafte Elizabeth Moss im metaphysischen Apple+-Thriller Shining Girls auf die Jagd nach einem Mann, der sie brutal missbraucht hat. Acht Teile atemloser Verfolgung, die sich am Rande aber auch mit Medien der Gegenwart befassen. So wie das ZDF-Drama Gefährliche Wahrheit, in dem es heute Abend nur oberflächlich um die Recherchen der Lokaljournalistin Gehrke (Lisa Maria Potthoff) über einen Plattenbaubrand geht. Dahinter verbirgt sich das Sittengemälde einer Demokratie, die gut recherchierten, also auch finanzierten Journalismus als nebensächlich erachtet – und sich damit ihr eigenes Grab schaufeln könnte.


Bülent Ceylan: Opas Geige & Neuköllns Kinder

Bülent Ceylan präsentiert Factual-Format im ZDF

Kunst ist wichtig!

Im Social Factual Don’t Stop the Music formte Bülent Ceylan (Foto: ZDF/D4Mance) Mitte April im ZDF (und weiterhin in der Mediathek) einen Kinderchor aus 50 benachteiligten Neuköllner*innen. Ein Gespräch darüber, wie ihm Musik und Humor einst selbst aus dem sozialen Abseits halfen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bülent Ceylan, was genau passiert bei Don’t Stop the Music?

Bülent Ceylan: Es geht darum, benachteiligten Kindern das Erlernen eines Instruments zu ermöglichen und dabei auch ihre schulische und soziale Entwicklung zu verbessern. Während meine eigenen Kinder allein durch unseren finanziellen Status einen leichteren Zugang zur Musik haben, ist es für viele davon schon finanziell schwierig, Instrumente zu erlernen. An einer Schule in Berlin Gropiusstadt haben sich rund 50 Kinder bereit erklärt, mit uns Geige, Gitarre, Schlagzeug und Trompete zu erlernen oder im Chor zu singen – mit dem Ziel, nach einem halben Jahr intensiver Begleitung ein Konzert zu geben. In Australien hat das wunderbar funktioniert.

Klingt dennoch irgendwie nach dem üblichen Help-TV mit sozial benachteiligten Versuchskaninchen.

Ganz und gar nicht. Das Projekt will zeigen, wie wichtig kreative Fächer für die kindliche Entwicklung sind. Musik oder Bildende Kunst werden gern als bessere Beschäftigungstherapie vernachlässigt, dabei beeinflussen sie die kognitive und emotionale Intelligenz so positiv, dass auch andere Fächer oder Dinge wie Integration besser funktionieren und somit dabei helfen, Gewalt- oder Fluchterfahrungen besser zu verarbeiten. Das wird auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begleitet und eingeordnet.

Ist das nicht ein sehr hoher Anspruch für ein vierteiliges Fernsehformat?

Finde ich nicht. Man merkt an den Kindern, die wir über ein halbes Jahr begleitet haben, wie gut sie dadurch integriert wurden und damit insgesamt bessere Schulleistungen erbringen. Ich habe echt schon viele Sachen fürs Fernsehen gemacht, aber bei dem hier geht es wirklich mal um was Grundlegendes.

Stellen Sie dafür nur Ihr prominentes Gesicht zur Verfügung oder haben Sie richtige Aufgaben dabei?

Nee, das ZDF kennt mich ja schon seit Jahren und weiß genau, dass ich seit 2017 eine Kinderstiftung habe, selbst Familienvater bin, leidenschaftlich gern Musik mache und wie ein Großteil der Teilnehmer einen Migrationshintergrund habe. Die Kombination war mindestens genauso ausschlaggebend wie meine Popularität. Ich fungiere daher nicht nur als Motivator, es trotz aller Hindernisse schaffen zu können, sondern auch als Freund und Bindeglied.

Und als Komiker?

Natürlich mache ich auch mal Witze, aber Star der Sendung sind die Kinder, nicht ich.

Wie verhindert Don’t Stop the Music dennoch, sie aus dem Schatten des objektiv einzigen Stars zu holen, nämlich Ihrem?

Die Protagonisten bei uns werden nicht vorgeführt, und wir arbeiten auch ohne Drehbuch – obwohl es sogenannte Fokus-Kinder gibt, die wir etwas intensiver begleiten, und wo die Eltern sich auch bereit erklärt haben, dass wir beispielsweise auch mal bei ihnen zu Hause drehen.

Also leine Tränen unterm Geigenteppich?

Nicht gezielt zumindest. Aber natürlich gibt es über die vier Folgen hinweg ergreifende Szenen, bei denen mir jedenfalls schon mal die Tränen gekommen sind. Einfach, weil jemand etwas schafft, das man nicht erwartet hatte. Es gibt auch mal prominente Paten, deren Namen ich noch nicht verraten darf, aber wir haben eine andere Botschaft als reines Entertainment: Kunst ist wichtig!

Arbeiten Sie mit dieser Botschaft auch ein bisschen Ihre eigene Biografie einer benachteiligten Kindheit als Sohn türkischer Eltern ab?

Natürlich. Ich weiß ganz genau, wie es ist, als Außenseiter aufzuwachsen, hatte allerdings das große Glück eines Vaters, der mir trotz und wegen unseres Migrationshintergrundes echt alles ermöglichen wollte. Ich war deshalb aus voller Überzeugung bei diesem Langzeitprojekt dabei und hoffe, man merkt ihm das auch an. Es liegt mir unabhängig von Quoten und Kritiken wirklich am Herzen, den Leuten zu zeigen: wenn wir es als reiches Land nicht mal schaffen, unsere Kinder einigermaßen gleich zu behandeln – wie sollen wir dann Riesenprobleme wie den Klimawandel in den Griff kriegen? Und nichts eignet sich dafür mehr als die Förderung kreativer Energien.

Was hat Ihnen als türkischer Junge im deutschen Mannheim der Siebziger und Achtzigerjahre mehr geholfen bei der Integration – Ihr Vater oder die Musik?

Beides. Durch die Möglichkeit, ans Gymnasium zu gehen, was damals alles andere als selbstverständlich für Kinder mit meiner Biografie war, hatte ich in einen Musiklehrer, der das Fach und die Schüler tatsächlich ernst genommen hat. Dadurch bin ich irgendwann in den Kinderchor gekommen. Und weil uns zuhause das Geld für ein neues Instrument fehlte, hat mir mein Vater die alte Familiengeige aus dem Keller geholt.

Familiengeige?

Die hatte mein Urgroßvater einst aus der Türkei mit nach Deutschland gebracht. Sie war zwar kaputt, aber mein Vater hat sie damals für’n Appel und’n Ei reparieren lassen. Auch, weil wir mit den Deutschen halten sollten. Und obwohl es am Ende nur für ein paar Weihnachtslieder reichte, hatte ich nach zwei, drei Jahren einen völlig anderen Bezug zur Musik. Johann Sebastian Bach hat mir echt dorthin geholfen, wo ich heute bin.

Und der Humor?

War ebenso wichtig. Dank der Musik konnte ich als Teenager meinen Frust rausschreien, also abbauen. Andere zum Lachen zu bringen hat mich dagegen einfach nur glücklich gemacht.

Nur glücklich gemacht oder bei der Kompensation Ihrer Benachteiligung geholfen?

Auch das. Mein erstes positives Erlebnis hatte ich mit sieben, acht Jahren, als ich die Beerdigung meiner Oma ein wenig aufheitern konnte. Und als Teenager hat er für attraktive Checkpoints bei den Mädchen gesorgt. Wer die zum Lachen bringt, rückt vom Rand der Idioten, die Außenseiter wie mich gehänselt haben, automatisch ein Stück weit Richtung Mittelpunkt. Das war Genugtuung und Exitstrategie in einem.

Haben Sie damals bereits humoristisch mit den Vorurteilen über Ihresgleichen gespielt?

Schon auch.

Aber werden Klischees durch Witze darüber nicht eher verfestigt als beseitigt?

Ich möchte Vorurteile durchs Lachen darüber schon auch brechen. Eines dieser Klischees besteht allerdings darin, dass ich mich auf der Bühne andauernd mit meiner Herkunft auseinandersetze. Dabei beschäftigen sich mindestens 80 Prozent meiner Programme mit Menschen allgemein und was sie so Merkwürdiges machen. Aber weil der Türke ab und zu Witze über Türken macht, wird das halt ständig hervorgehoben. Dabei will mein Humor in der Regel gar nicht um vier Ecken gesellschaftlicher Probleme denken, sondern – gerade in dieser schwierigen Zeit – einfach mal Anlass zum Ablachen geben. Trotzdem beschäftige ich mich natürlich mit Ungerechtigkeiten oder Rassismus.

Und zwar nicht als Kunstfigur…

Sondern Bülent Ceylan, das ist mir enorm wichtig.

Hat das ZDF denn nun den Komiker Ceylan oder den Außenseiter Bülent für Don’t Stop the Music verpflichtet?

Das Gesamtpaket. Komiker mit Migrationshintergrund, Musiker mit Familie, Außenseiter mit Aufstiegsbiografie – alles drin in mir, was fürs Format wichtig ist.

Hätten Sie als Kind vor 30, 40 Jahren dabei mitgemacht?

Absolut. Viele der 50 Kinder schwärmen bis heute davon, wie es sie beflügelt hat. Hoffentlich setzen sie damit ein Zeichen an die Politik, Kreativität mehr zu fördern. An deutschen Grundschulen fehlen 23.000 Musiklehrer. Unglaublich.


Musks Trillionen & Macht der Informationen

TV

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. April

Das nennt man wohl vom Regen in die Traufe oder epidemiologisch: von der Pest zur Cholera. Die russische Journalistin Marina Ovsyannikova, berühmt für ihren Protest vor laufender Kamera gegen Putins Angriffskrieg, soll laut FAS künftig für Springers Welt aus ihrer alten Heimat berichten. Das ist schon deshalb bedenklich, da Ovsyannikova vor ihrer tapferen Schildaktion alles andere als ein leuchtendes Vorbild publizistischer Ethik war. Zum anderen betreibt Springer einige der übelsten Hetzblätter, die Putins publizistischer Indoktrination in wenig nachstehen.

Wären Bild und Welt Messengerdienste, sie würden in etwa Telegram und Twitter entsprechen – in lichten Momenten durchaus informativ, in dunkleren die Hölle. Falls Elon Musk wie angekündigt auf Shoppingtour geht, sollte man das im Hinterkopf behalten. Für 43 Trillionen Dollar, so heißt es, kauft der elektromobile Weltraumcowboy demnächst die Welt – ach nee, so weit ist er dann doch noch nicht. Deshalb kauft er für 43 Billionen Dollar vorerst nur das World Wide Web. Moment. Auch schwer einzupacken. Deshalb begnügt er sich für 43 Milliarden Dollar mit Twitter, das zwar kaum Gewinn abwirft, aber – tja, was eigentlich ist: Spielzeug, Machtinstrument, beides?

In jedem Fall eines, das der weltweiten Meinungsbildung gefährlich werden kann. Sie war zwar selten mal in Händen vollends neutraler Philanthropen. Aber schon die – angeblich nebenbei angedeutete – Idee, das Kommunikationsportal übernehmen zu wollen, sorgte für Kurssprünge zugunsten des Mehrheitseigners Musk und zeigt, wie wenig ihm an informationeller Selbstbestimmung, aber wie viel an sich selbst gelegen ist. Wie wenig RTL an Spiritualität gelegen ist und wie viel an Quote, zeigte Die Passion am vorigen Mittwoch.

Angekündigt als modernisierte Fassung der letzten Tage Christi, schickten die Kölner diverse Stars ihrer eigenen Zweit- bis Drittverwertungsmaschinerie auf eine Essener Bühne, wo die deutsche Polizei Alexander Klaws als Jesus im Guantanamo-Drillich zur Kreuzigung führt. Laith Al-Deen spielt Petrus, Thomas Gottschalk gibt den gottgleichen Sprecher und lautstark sing dazu Andreas Bourani. Auweia.

0-Frischwoche

Die Frischwoche

18. – 24. April

Und wegen Ostern und allem, die Tipps der Woche ausnahmsweise mal in tabellarischer Form

Mittwoch, ZDF-Mediathek: Lüge und Wahrheit – Die Macht der Information, fünfmal 45 Minuten Analyse von John Kantara, wie Kommunikation von der Verschwörungstheorie bis zur Kriegspropaganda zur Waffe wird

Mittwoch, Disney+: The Dropout, fünfteilige Podcast-Verfilmung über die US-Unternehmerin Elizabeth Holmes (Amanda Seyfried), deren reales Biotec-Startup Theranos mit Bluttest Milliarden verdient, aber nicht wert war

Mittwoch, ARD-Mediathek: Die Glücksspieler, absolut ansehnliche Miniserie mit Katharina Schüttler, Manuel Rubey und Eko Fresh als unzufriedene Großstädter, denen ein Milliardär mit einer Wette auf die Sprünge zum Glück hilft

Freitag, ARD-Mediathek: All You Need, 2. Staffel der schwulen Serie, in der sich eine Reihe teils intersektional diskriminierter Berliner erneut mit großer Freude am visuellen Tabubruch durch komplizierte Privatleben vögelt.

Freitag, Starzplay: Gaslit, herausragende Realpolitserie mit Julia Roberts als Frau des Justizministers (Sean Penn), die 1974 maßgeblich zu Nixons Sturz beigetragen hat und damit auch etwas über die Emanzipation jener Tage erzählt

Freitag, Sky: The Gilded Age, pompöses Kostümfest über Aufstieg & Fall vulgärkapitalistischer Industrie-Magnaten im New York der 1880er Jahre, ästhetisch spürbar Bridgerten, dramaturgisch eher Game of Thrones

Samstag, Arte: Letzte Ausfahrt Weltall, Dokumentation der extraterrestrischen Expansionspläne eitler weißer Milliardäre wie Elon Musk oder Jeff Bezos, die Rudolph Herzog mit seinem Vater Werner als Sprecher  beobachtet


Bilderbuch, Kae Tempest, Sophia Bel

Bilderbuch

Rosen, besonders rosarote, haben zu Recht nicht den allerbesten Ruf. Als Ausdruck antiquierter Ansichten von Romantik, sind sie eher was für die Generationen Schlager als Pop. Es sei denn, letzterer okkupiert ersteren und steht auch noch dazu – dann darf die beste Popband der Welt gern die kitschigste Rose der Welt aufs Cover nehmen und dazu “unten am Ende der Straße lebt ein süßes Girl / aber ich weiß nicht wie sie heißt” singen”. Ist auch egal. Wenn man Bilderbuch ist.

Den vier Österreichern um Schmusezyniker Maurice Schmidt vergibt man ja alles: die öligen Gitarrensoli von Michael Krammer, den wattierten Bass von Peter Horazdovsky, das schulterpolsterige  Schlagzeug von Philipp Scheibl und vier Platten, die all das zum geschmeidigsten Lowfi-Bigbeat der Welt vereinen. Jetzt gibt es Gelb ist das Feld mit rosaroter Rose und es beschreitet den Weg gediegener Selbstverseifung konsequent weiter. Wenngleich so brillant, dass die Schlagerhaftigkeit darauf betört, nicht verkleistert.

Bilderbuch – Gelb ist das Feld (Maschin Records)

Kae Tempest

Kae (fka Kate) Tempest ist jemand, der/die/das mit jeder Äußerung Aufsehen im alternativen Kunstbetrieb erregt. Seit einiger Zeit nonbinär definiert, hat er/sie/es schon alles publiziert, was Publikum findet: Lieder, Platten, Stücke, Bücher, Romane, Essays und dummerweise auch Sympathiebekundungen für den latent antisemitischen Israel-Boykott BDS. Mindestens heikel, aber bei aller Kritik: nicht annähernd ausreichend, um ein musikalisches Werk zu ignorieren, das in jeder Hinsicht herausragend ist und bleibt.

Als Rapperin gestartet, haben all ihre Alben eine Kraft des elektronisch ummantelten Sprechgesangs, der kaum noch zu steigern war – in Gestalt von The Line Is A Curve aber doch übertroffen wird. Die zwölf Tracks der realen Kunstfigur aus London sind von einer selbstentblößenden Emotionalität, die mit dem dronigen Triphop ringsum nicht nur korrespondiert, sondern verschmilzt. HipHop aus der Tiefe einer streitbaren, fragilen, trotzigen, lebenswunden Seele, wie er selten zu hören war. BDS ist scheiße, aber Kae Tempest das Beste, was dem Musikbusiness passieren konnte.

Kae Tempest – The Line Is A Curve (Fiction)

Sophia Bel

Als Cindy Lauper Anfang der Achtziger den Musikzirkus aufmischte, war die Zeit reif für feministischen Powerpop, der Gender, nicht Sexus negieren wollte. Fast 40 Jahre später ist die Zeit kaum weniger reif dafür, aber feministische Powerpop-Künstler*innen erregen längst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, was für sich genommen ja schon mal für ihre Verbreitung spricht. Theoretisch. Praktisch sind weibliche Selbstbehauptungen, wie sie Sophia Bel in wunderbaren Powerpop verwandelt, weiter die Ausnahme.

Anxious Avoidant heißt das Debütalbum der amerikanischen Songwriterin kanadisch-holländischer Herkunft, aufgewachsen in Michigan, gemobbt als Kind, als Erwachsene umso robuster im Umgang mit Verletzungen. Und es klingt wie einst Cindy Lauper so eigensinnig verspielt nach dem richtigen Leben im Falschen, dass man ihrem postpunkigen Alternative sogar ein paar Banjos, gar Country-Sequenzen nachsieht. Empowerment darf einen auch mal billig um den Finger wickeln.

Sophia Bel – Anxious Avoidant (Bonsound)


False Balance & Bülents Musik

Die Gebrauchtwoche

4. – 10.  April

False Balance fristete seit dem Durchbruch dieser Umschreibung falsch verstandener Ausgewogenheit feuilletonistisch beachtetes, am Ende aber einflusslose Nischendasein. Querdenkern, Nazis oder querdenkenden Nazis ähnlich viel publizistischer Redezeit zu gewähren wie dem vernunftbegabten Rest der Menschheit, wirkte journalistisch zwar asymmetrisch, aber außer für Jan Böhmermann zumindest im öffentlichen Diskurs nicht weiter schlimm. Und dann kam Butscha

Darf, ja muss man die Leugnung russischer Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung bei Kiew und anderswo erwähnen, während an Moskaus Verantwortung für dieses Kriegsverbrechen nicht ein seriöser Zweifel besteht? Darf, ja muss man die Opfer zeigen oder darf, ja muss deren Würde durch verpixelnde Pietät, wenn nicht gar Ausblendung gewahrt bleiben? Und wie ist es eigentlich mit Autokorsos Berliner Putin-Versteher – ignorieren, anprangern, verulken? Wer kluge Antworten hat – bitte bei freitagsmedien melden oder besser gleich dem Pulitzerpreis-Komitee.

Nur so viel: Unsere visuell fixierte Gesellschaft verliert zusehends alle Empathie für Dinge, die unsichtbar bleiben. Von daher hat Bild ausnahmsweise was richtig gemacht, als sie Butscha mit dem Foto der Hand einer Toten illustrierte. Julian Reichelt hätte als Chefredakteur schließlich Kinderleichen gestapelt. Von daher darf man durchaus besorgt sein über sein neues Projekt. Rome Medien GmbH soll es heißen, benannt nach der imperialen Plutokratie, nicht der ewigen Stadt, versteht sich. Und ein paar gewissenlose Kolleg*innen aus Springer-Zeiten hat er schon beisammen – Sebastian Vorbach und Willi Haentjes oder die Yellow-Fotografin Ute Oelker.

Ob sich die neuen Römer an Reichelts Hassliebe Bild oder rechten Verlagen von Regin über Kopp bis Antaios orientieren, bleibt offen. In einer Zeit aber, da Karl Lauterbach Ministerbeschlüsse twittert und bei Lanz zurücknimmt oder umgekehrt, scheint alles möglich. So sind mit Ulrike Handel und Niddal Salah-Eldin zwei (teils migrationsgeprägte) Frauen im Springer-Vorstand für die rassistisch-sexistische Agenda mitverantwortlich. Überzeugungsgesteuerter ist da die Entscheidung des ZDF, Bettina Schausten zur Chefredakteurin zu machen und Nadine Bilke zur Programmdirektorin.

Die Frischwoche

11. – 17. April

Die sichtbarste Antwort von Sat1 auf gläserne Decken lautet dagegen Ruth Moschner, die Donnerstag zum zweite Mal Kühlschrank öffne dich moderiert. RTL+ startet derweil echte Attacken auf spätrömische Herrschaftsstrukturen alter weißer Männer. Dienstag laufen dort gleich sechs internationale Serien an. Und jede davon erhebt den hehren Anspruch zukunftsweisender Diversität in Besetzung, Produktion, Dramaturgie. Und die amerikanischen (Un-)Romantic Comedies Starstruck und Cheaters erfüllen ihn mit Personal, das ebenso hart wie heiter vom heteronormativen Mainstream abbiegt, sogar ganz gut.

Auch Josh Thomas ist als Showrunner und schwuler Zappelphilipp der australischen Empowerment-Tragikomödie Everything’s Gonna be Okay fast so hinreißend wie einst als Showrunner und schwuler Zappelphilipp von Please Like Me. Selbst die verschiedenartigen Schüler*innen des Coming-of-Age-Melodrams Generation zeugen von Wahrhaftigkeitsbedürfnis. Die Protagonistinnen der Hochglanzprodukte You Shall Not Lie und Eden allerdings sind trotz ungewohnt weiblicher Produktionen viel zu sexy, um divers zu sein.

Divers, ohne übertrieben sexy sein zu wollen, ist dagegen die die achtteilige Adaption von Cecilia Aherns Kurzgeschichten Roar, in denen die Showrunnerinnen Carly Mensch und Liz Flahive ab Freitag bei AppleTV+ weibliche Rollenmuster mit Stars wie Nicole Kidmann skizzieren. Männer sind ab morgen auch in der ulkigen Netflix-Mockumentary Hard Cell aus einem Frauenknast Mangelware, während Bülent Ceylan als Host von Don’t Stop the Music dienstags (22.15 Uhr, ZDF) benachteiligte Berliner Kids durch die Gründung eines Orchesters aus dem Abseits holt – was überraschend frei von Fremdschampathos funktioniert.

Jenseits aller Emanzipation sichtbar: Die sechsteilige Politbestseller-Verfilmung Anatomy of a Scandal (Freitag, Netflix) und der Konzertfilm Auswärtsspiel in Ostberlin, womit das Erste den Toten Hosen am Mittwoch zum 40. Geburtstag gratuliert. Parallel setzt der NDR den hochinteressanten Doku-Talk Die Narbe von und mit Anja Reschke fort, diesmal nicht über Katastrophen wie das Zugunglück von Eschede, sondern Verbrechen wie den Vernachlässigungsfall Jessica.


Holger Stark: Die Zeit & die Jagd

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Präzision und Relevanz der Fakten

Als Leiter des Investigativ-Ressorts der ZEIT ist Vize-Chefredakteur Holger Stark (Foto: Christian O. Bruch) einer der einflussreichsten Journalisten im Land. Ein Gespräch übers Spannungsverhältnis von Unschuldsvermutung und Verdachtsberichterstattung, publizistisches Jagdfieber oder warum auch der Mann von taz-Chefredakteurin Barbara Junge noch viel über #MeToo zu lernen hat.

Von Jan Freitag

Herr Stark, gibt es bei Journalisten im Allgemeinen und bei investigativen wie Ihnen im Besonderen so etwas wie angeborenen oder berufsbedingten Jagdinstinkt, womöglich gar Jagdtrieb?

Holger Stark: Den gibt es vermutlich, und ich glaube auch, dass es den als Antrieb in Teilen auch geben darf, um Fragen nachzugehen, bei denen Journalistinnen und Journalisten die Antworten eigentlich nicht finden sollen. Es gibt allerdings eine rote Linie: Der Jagdinstinkt sollte nicht zum Jagdfieber werden. Und heikel wird es, wenn daraus ein Herdentrieb vieler Redaktionen wird. Spätestens dann sollte sich investigativer Journalismus hinterfragen und im Zweifel zurücknehmen. Es gab genug Beispiele, wo dieses Korrektiv fehlte.

Die Affäre um den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zum Beispiel.

Da hat sich der kollektive Jagdtrieb verselbständigt. Zeitweilig wirkte es, als hätten damals viele Medien einen der höchsten Repräsentanten des Staates zur Strecke bringen zu wollen – um in Ihrer Sprache zu bleiben.

Tendenz Kopfgeldjagd also.

Mit Vorwürfen, die teilweise weder angemessen noch sauber abgewogen waren und damit so weit übers Ziel hinausgeschossen sind, dass sie dem Bundespräsidenten, aber auch dem Journalismus geschadet haben. Auch deshalb mag ich persönlich die Formulierung vom „zu Fall bringen“ nicht, weil sie einen Selbstzweck insinuiert. Bei der journalistischen Aufgabe, gut recherchierte Geschichten aufzuschreiben, geht es ja nicht darum, welcher Politiker, Filmemacher, Unternehmer durch welchen Artikel zum Rücktritt gezwungen wird, sondern um Sachverhalte, um Aufklärung und eine Annäherung an die Wahrheit. Konsequenzen daraus muss dann die Gesellschaft ziehen.

Haben Sie und Ihr Team trotzdem schon mal jemanden gezielt zu Fall gebracht?

Meine Wortwahl ist das wie gesagt nicht. Die Zeit hat den Machtmissbrauch von Dieter Wedel offenkundig gemacht. Ziel dieser Recherche war allerdings nicht, dass er nie wieder Filme machen darf; das muss die Fernsehbranche oder auch das Publikum beantworten. Wir haben die Fakten für die anschließende Diskussion zutage gefördert.

Aber diese Fakten-Fixierung verhindert doch selbst beim berufsethisch gefestigtsten Reporter nicht, die Welt vor Menschen wie Dieter Wedel bewahren zu wollen.

Das wäre als Motiv verständlich, und bei Wedel war es erschütternd, in welchen Abgrund wir geschaut haben. Aber mich treibt eher die Suche nach Antworten an: Wissen wir, wie vielen Menschen jemand Leid angetan hat? Wissen wir, wie systematisch er potenziell seine Macht missbraucht? Wissen wir, ob noch andere dahinterstecken? Dass manche Kollegin und mancher Kollege am Ende finden, jemand wie Dieter Wedel sollte keinen Film mehr drehen, will ich gar nicht ausschließen; ich selber habe bei Wedel dazugehört. In unseren Konferenzen steht das aber nicht im Mittelpunkt. Wir suchen mit viel Leidenschaft nach Fakten, die sind das Elixier des investigativen Journalismus, dafür stehen wir morgens auf.

Kann Haltung der Faktenfindung in die Quere kommen und sollte daher bei Dienstbeginn an der Bürotür abgegeben werden?

Das berührt eine Diskussion, die wir schon sehr lange führen. Wenn Glenn Greenwald…

Seinerzeit Guardian-Reporter, der den NSA-Skandal um Edward Snowden ins Rollen brachte.

… sagt, weil Journalisten auch Menschen mit eigener Meinung sind, könne es gar keinen objektiven Journalismus geben, mag er recht haben. Ich lege trotzdem Wert darauf, dass Journalismus nicht zuvorderst meinungsgetrieben sein sollte. Wobei die Trennung in Meinung und Fakten im angelsächsischen Raum sehr viel strikter gehandhabt wird als im deutschsprachigen. Als wir vorigen Sommer zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern aufgedeckt haben, dass viele Staaten Journalistinnen, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle mithilfe der israelischen Spähsoftware Pegasus ausspionieren, hat den zugehörigen Leitartikel unser Politik-Ressort geschrieben. Die Kollegen haben mit einem klugen, ungetrübten Blick geurteilt, übrigens ausgesprochen scharf. Ich mag eine solche Arbeitsteilung.

Ist Ihr Anteil an dieser Arbeitsteilung dabei grundsätzlich Verdachtsberichterstattung?

Ich betrachte investigativen Journalismus fast immer als Entwicklungsprozess nach bestem Wissen und Gewissen, der nur selten bei Weiß beginnt und bei Schwarz aufhört. Wir starten mit einem Verdacht, und wenn einem nicht gerade Verträge oder glasklare Fakten vorliegen, ist zu Beginn meist offen, wo eine Recherche endet. Auch das ist ein Argument gegen das erwähnte Jagdfieber; mit der Prämisse an Recherchen heranzugehen, ein Betroffener müsste nach der Veröffentlichung zurücktreten, würde eine Investigation vom Ende her angehen.

Überwiegen im Arbeitsalltag Ihrer Redaktion Geschichten mit oder ohne Wendung?

Es gibt viele Recherchen, die werden gar nicht erst zu einer fertigen Geschichte, weil sie bei der Auslese interner Überprüfungsprozesse scheitern. Von denen aber, die das Licht der Öffentlichkeit erblicken, entwickelt sich der überwiegende Teil oft in etwa so, wie wir es anfangs erwartet hatten. Eine komplette Drehung einer Geschichte im Zuge der Recherche ist selten.

Gibt es Mittel- oder Maximalwerte, ab welchem Zeit- und Arbeitsaufwand Geschichten noch abgebrochen werden dürfen?

Theoretisch kann sie auch nach 100 Tagen Arbeit von drei Leute abgebrochen werden. Es ist der Luxus eines Investigativ-Ressorts, sich so viel Zeit wie nötig zu nehmen. Unsere Faustregel lautet aber, dass wir nach zwei, drei Wochen ein Gefühl dafür haben wollen, ob wir einen guten Zugang finden. Meine Erfahrung ist, dass halbgare Geschichten oft monatelang vor sich hindümpeln und letztendlich doch nicht gut werden.

Wie lösen investigativ Recherchierende bis dahin das Spannungsverhältnis zwischen Unschuldsvermutung und Verdachtsberichterstattung auf?

Dieses Spannungsverhältnis wird es immer geben, man kann und sollte aber versuchen, beide Perspektiven im Blick zu behalten. Das ist besonders in der #MeToo-Berichterstattung wichtig, wo es oft keine objektivierbaren Fakten wie schriftliche Unterlagen oder Belege gibt, sondern fast immer Aussage gegen Aussage zweier Personen steht und es keine Zeugen gibt. Außerdem ist die Trennlinie zwischen privat und gesellschaftlich relevant fast nirgends schwieriger als in diesem Bereich zu ziehen. Auch bei Lucke Mockridge oder Jerome Boateng muss zunächst die Unschuldsvermutungen gelten – um sie anschließend mit den eigenen Recherchen, etwa den Aussagen der Betroffenen und gemeinsamen Bekannten abzugleichen.

Wann genau darf das Pendel dann legitimerweise von der Unschuldsvermutung zur Verdachtsberichterstattung kippen?

Wenn die Indizien erdrückend sind, wenn es mehrere Quellen gibt, wenn die Aussagen etwa durch Chats bestätigt werden. Und natürlich ist die Rolle des mutmaßlichen Täters wichtig. Ob er – und viel seltener sie – einerseits gesellschaftliche Bedeutung hat und in welchem Maße ihm das System, in dem er agiert, die Machtausübung über andere erleichtert hat. Ersteres sorgt für öffentliches Interesse, Letzteres beinhaltet die Gefahr der Wiederholung durch andere im selben System, beides verleiht einer Berichterstattung Relevanz.

Und bei #MeToo…

… haben wir es definitiv mit einem System zu tun: einem Patriarchat, das Männer seit Jahrtausenden an den Schaltstellen der Macht hält und dort bei manchem den Glauben befördert, er könne sich alles erlauben. Auch hier würde ich aus publizistischer Sicht sorgsam unterscheiden, ob ein Machtmissbrauch innerhalb der Strukturen – bei Dieter Wedel also im Filmproduktionsprozess – entsteht oder wie mutmaßlich im Fall von Luke Mockridge und seiner Freundin auf privater Ebene. Je höher die gesellschaftliche Stellung des Täters und je systemischer der Fall, desto größer das öffentliche Aufklärungsinteresse.

Und was ist mit Journalisten selbst und möglichem Machtmissbrauch?

Einen solchen Fall haben wir ja bei Julian Reichelt und seinem Machtmissbrauch als Chefredakteur der größten deutschen Boulevardzeitung erlebt. Wären Fälle wie dieser oder auch Dieter Wedels vor 30 Jahren publik geworden, hätte es vermutlich eher ein Schulterzucken gegeben.

Wenn nicht sogar ein Schulterklopfen.

Viele Opfer hätten wahrscheinlich zu hören gekriegt, sich mal nicht so anzustellen. Im Licht des gesellschaftlichen Wandels blicken wir darauf zum Glück nun mit anderem Bewusstsein. Hinzu kommt, dass auch journalistische Institutionen wie der Presserat dem Wandel Rechnung tragen, flankiert durch Gerichte, die Verdachtsberichterstattungen juristisch auf ihre Legitimität hin prüfen. In diesem Spannungsfeld von Presse, Justiz und öffentlicher Debatte hat sich das Thema #MeToo im vergangenen Jahr so entwickelt, dass genauer denn je hingeschaut wurde, wie ein Boateng, ein Reichelt, ein Mockridge in ihren Machtsphären als Fußballer, Chefredakteur oder Comedian agieren – mit allen Grauzonen und schwierigen Fragen, die das mit sich bringt.

Wobei ein Teil dieser Beobachtungen mittlerweile juristisch untersagt wurden.

Der aktuell kontroverseste Fall ist Luke Mockridge, weil die Berichterstattung des Spiegels tief ins Privatleben jenseits seiner Arbeit als Komiker vordringt, die mit den bekannt gemachten mutmaßlichen Übergriffen nur am Rand zu tun hatte. Wer sich in seiner beruflichen Funktion so exponiert wie Julian Reichelt es tat, ist sicher anders zu beurteilen als Luke Mockridge oder Jerome Boateng, die zunächst einmal nur moderieren oder Fußball spielen. Und zugleich lässt sich an diesen Fällen beobachten, dass die Medien und die Gesellschaft mittlerweile offener als früher sind, um mögliche Missbrauchsstrukturen kritisch zu beleuchten.

Offener auch im Sinne potenziell falscher Verdächtigungen?

Bei sexueller Gewalt erhalten Menschen jetzt eine Stimme, die in der Vergangenheit unserer Gesellschaft nicht gehört wurden. Wir reden viel mehr über Missbrauch, das ist wichtig. Doch umso mehr gilt: Je weiter wir uns von Schwarz oder Weiß in Grauzonen begeben, desto behutsamer muss Journalismus seine Worte wägen. Ist wirklich jedes intime Detail aus einer toxischen Beziehung erwähnenswert? Was die Art und den Tonfall der Verdachtsberichterstattung betrifft, befinden wir uns in einer Lernphase. Bedeutsame Fakten dürfen nicht unerwähnt bleiben, aber manchmal ist ein Weniger an wuchtigen Worten und intimen Details angemessener. Die Enthüllungsstory aus dem Privatleben eines Entertainers darf nicht denselben Sound haben wie jene über CDU-Politiker, die sich in der Pandemie an Maskendeals bereichern. Letztere verdienen ein Ausrufezeichen, Ersterer eher ein abwägendes Fragezeichen.

Aber auch diese Grenzziehung variiert doch von Redaktion zu Redaktion. Für die Bild-Zeitung zum Beispiel ist das Interesse am minderjährigen Sohn, der den Fünffachmord seiner Mutter in Solingen überlebt hat, größer als das am Machtmissbrauch des eigenen Chefredakteurs, gegen dessen Veröffentlichung der Springer-Verlag juristisch mit aller Gewalt vorgeht.

Aber die Gewichtung bei der Bild folgt in diesem Fall ja keiner Moral, sondern einer Doppelmoral. Wer aggressiv über andere schreibt, muss mit hartnäckiger Berichterstattung über sich selbst rechnen.

Der berühmte Fahrstuhl nach unten, den laut Mathias Döpfner jeder besteigen muss, der zuvor mit Bild aufwärtsgefahren ist…

Ironischerweise ist letztlich auch Julian Reichelt Opfer dieser Logik geworden. Er ist mit der Bild ganz nach oben und dann wieder nach unten gefahren, als ihn der Verlag – wenn auch nicht ganz freiwillig – fallenließ. Die Enthüllungen über Reichelts Machtmissbrauch betrafen keinen sexuellen Missbrauch, sondern einen Bereich, wo er Privates mit Beruflichem vermischt hatte. Es ging im Kern um seine Rolle als Chef, nicht als Privatperson.

Genau das sieht er bekanntlich anders, und sein früherer Chef Mathias Döpfner hat ihn bis zur Enthüllung von Juliane Löfflers Ippen-Team darin bestärkt. Sind journalistische Wertmaßstäbe objektiv oder subjektiv, müssen Redaktionen also mit sich selbst ausmachen, worüber sie berichten, oder hilft ihnen dabei ein allgemeingültiger Kanon?

Das müssen die Redaktionen im ständigen Diskurs mit sich ausmachen – schon deshalb, um es nicht den einzelnen Reporterinnen und Reportern zu überlassen, die alleinige Verantwortung dafür zu tragen, was richtig und was falsch ist. Und natürlich verändern sich die Kriterien über die Zeit. Wir zum Beispiel haben uns eine ganze Reihe #MeToo-Fälle angesehen, über die wir letztlich nicht berichtet haben – darunter übrigens auch jener von Luke Mockridge. Unser Informationsstand hatte damals einfach nicht für eine Berichterstattung gereicht.

Vor Ihrem Wechsel zur Zeit vor fünf Jahren, haben Sie fast 16 Jahre investigativ für den Spiegel gearbeitet. Variieren die Unterschiede der Herangehensweisen mit dem jeweiligen Führungspersonal oder stecken sie tief in der jeweiligen DNA?

Das hat viel mit dem Selbstverständnis einer Redaktion zu tun. Der Spiegel geht mit mehr Wucht in solche Recherchen rein und treibt sie damit weiter voran. Dieses Nachhaken ist ein großer Verdienst, es führt aber in der Berichterstattung oft auch eher zu Ausrufe-, als zu Fragezeichen. Wer so leidenschaftlich mit so viel Man- und Womanpower in die Berichterstattung geht, ist eher mal bereit, ein Stoppzeichen am Straßenrand zu übersehen. Die Zeit macht es anders, ohne dass das bei investigativen Recherchen einen Anspruch auf den besseren Weg erheben soll. Ich finde es völlig in Ordnung, dass die Kriterien von Haus zu Haus variieren, eine journalistische Vielfalt kann nur gut tun. Wobei das Thema #MeToo auch bei einst vorsichtigeren Medien dazu geführt hat, publizistische Grenzen weiter auszudehnen.

Ist das schon eine Grenzverschiebung von Täter- in Richtung Opferschutz?

Die Bereitschaft, Opfern zuzuhören und bei aller gebotener Vorsicht auch Glauben zu schenken, ist auf jeden Fall gewachsen, und das ist gut so. Inwiefern das im Rahmen von Verifikation und Falsifikation zu einer dauerhaften Verschiebung der Maßstäbe wird, werden die finalen Gerichtsentscheide zu den Fällen Mockridge, Reichelt und Boateng zeigen. Wir stecken da mitten in einer großen, wichtigen Diskussion.

Ändert die Tatsache, dass sich Gerichte zurzeit energischer als zuvor in die Berichterstattung über Fälle wie Mockridge oder Reichelt einschalten, etwas an Ihrem Zugang zur Verdachtsberichterstattung?

Wir verfolgen die Urteile jedenfalls sehr genau und sind im Zweifel bereit, unsere Geschichten durch alle Instanzen zu treiben, sofern wir von ihrer Richtigkeit überzeugt sind. Der Fall Reichelt zeigt, wie moralische und juristische Einwände die Berichterstattung be- oder sogar verhindern können.

Wobei Dirk Ippen die Story seines Investigativ-Teams angeblich deshalb verhindert hat, weil er nicht schlecht über Kollegen sprechen wollte.

Dass die Geschichte über Reichelt zuerst in den USA veröffentlicht wurde, liegt auch an der dortigen Null-Toleranz-Haltung zu Grenzüberschreitungen am Arbeitsplatz. Gerade musste CNN-Chef Jeff Zucker zurücktreten, weil er eine – wohlgemerkt einvernehmliche – Beziehung zu einer Mitarbeiterin hatte. In der amerikanischen Unternehmenskultur wäre Julian Reichelts Verhalten ein absolutes No-Go, weshalb die Publikation aus Sicht der New York Times legitim war. Dass die gleichen Fakten hierzulande nicht für eine Veröffentlichung gereicht haben, lag auch daran, dass das Landgericht Hamburg über eine vorherige Berichterstattung des Spiegels beschneidend geurteilt hatte.

Dafür ist der Gerichtssitz Hamburg allerdings auch berüchtigt.

Die Richter haben es zugegeben auch nicht immer leicht. Aktuell behandelt das Landgericht die Beschwerde des Königreichs Marokko gegen unsere Berichterstattung über die Spionage-Software Pegasus. Aus unserer Sicht ist die Indizienlage ziemlich eindeutig. Trotzdem behauptet Marokko, diese Software überhaupt nicht eingesetzt zu haben, deshalb dürften wir so auch nicht darüber berichten. Der Fall ist für uns von grundsätzlicher Bedeutung.

Wir früh schaltet die Zeit ihre Rechtsabteilung denn in solche Recherchen wie zu Pegasus ein – auch von Beginn an wie Bild?

Im Fall von Pegasus viele Wochen vor der Veröffentlichung. Bei Investigativ-Recherchen ist das Standard, bei Stücken im Feuilleton oder auf der Geschichtsseite eher die Ausnahme. Besonders heikle Recherchen wie #MeToo-Fälle besprechen wir manchmal von Beginn an mit unserem Justiziar, um zu klären, was rechtlich möglich und zulässig ist.

„Unser Justiziar“ klingt nach Singular. Wie groß ist denn die Rechtsabteilung?

Das ist eine Hamburger Kanzlei mit mehreren Anwälten.

Kann es übers Rechtliche hinaus passieren, dass recherchierte, druckfertige Artikel vor Veröffentlichung auch auf ihre gesellschaftspolitische Auswirkung hin geprüft werden?

Die Frage müssen Sie erklären.

Vor 20 Jahren zum Beispiel haben Sie beim Spiegel über V-Leute in der NPD berichtet und damit das Verbot einer rechtsextremen Partei zumindest mitverhindert.

Die NPD ist eine furchtbare Partei in der Tradition des Nationalsozialismus. Ich kann verstehen, wenn aus Sicht eines Antifaschisten das Herz blutet, wenn eine Recherche auf den ersten Blick der NPD nützt – aber das kann und darf nicht dazu führen, eine wichtige Recherche zurückzuhalten. Die Partei war bis in die Führungsspitzen von V-Leuten so durchsetzt, dass diese den Kurs der NPD entscheidend mitbeeinflusst haben. Und im Verbotsantrag vorm Bundesverfassungsgericht wurden die V-Leute als Belastungszeugen zitiert. Das war rechtsstaatliches Foulplay. Nach unserer Enthüllung ist der Verbotsantrag folgerichtig gescheitert. In erster Instanz mag die NPD profitiert haben, aber ich bin überzeugt davon, dass in zweiter Instanz die Demokratie gewonnen hat.

Hat das klimaschützende Herz der Zeit dann geblutet, als deren kritische Berichterstattung über vergleichsweise kleine Verfehlungen der grünen Spitzenkandidatin Annalena Baerbock die Wahl womöglich zugunsten anderer Parteien beeinflusst hat?

Auch hier kann das Kriterium ja nicht sein, einer bestimmten Partei nicht schaden zu wollen. Das entscheidende sind Präzision und Relevanz der Fakten. Weil Annalena Baerbock damals aussichtsreiche Spitzenkandidatin der Grünen war, halte ich es auch für absolut angemessen, plagiierte Passagen eines Buchs zu thematisieren, das sich als Bewerbungsschreiben fürs Kanzleramt lesen lässt. Alles nicht gravierend, aber es erzählt etwas über eine Politikerin. Und dass die Grünen sich darüber beklagen, fand ich schon deshalb ein wenig weinerlich, weil Baerbock von Teilen der Presse zuvor lange Zeit ausgesprochen freundlich behandelt worden ist.

Dann denken wir die Situation dahingehend weiter, dass ein grüner Spitzenkandidat im Wahlkampf 2025 gleichauf mit Björn Höcke, aber weit vor CDU oder SPD liegt. Würde die Möglichkeit eines faschistischen Bundeskanzlers zu Beißhemmungen führen?

Das ist sehr theoretisch, einen faschistischen Staatschef wird es in Deutschland hoffentlich nie wieder geben. Jedenfalls würde Die Zeit dem in Leitartikel und Titeln mit großer Leidenschaft entgegenstehen, aber abseits solcher Extrembeispiele kann es nicht Aufgabe des Journalismus sein, ein gewünschtes Wahlergebnis herbeizuschreiben. Die Konstellation Grüne gegen AfD erinnert ein wenig an die Situation in den USA vor Donald Trumps Sieg über Hillary Clinton. Deren Wahlkampf habe ich als Korrespondent 2016 hautnah verfolgt und trotz aller Fassungslosigkeit über Trump versucht, beide mit der gleichen Akribie zu durchleuchten. Dass die gehackten Mails von Clinton und ihrem Wahlkampfteam nur Tage vor der Wahl als Teil einer Kampagne gegen sie publiziert wurden, war fragwürdig. Aber dass sie veröffentlich wurden, halte ich für richtig. Natürlich müssen seriöse Medien genau prüfen, ob sie sich zu Wahlkampfhelfern von Trump oder Putin machen; das darf aber nicht dazu führen, wichtige Details zu unterschlagen.

Wobei sich die Wahrheit in der Zwickmühle populistischer und pluralistischer Publizistik befindet. Erstere erzielt mit ihrer lauten Einseitigkeit Aufmerksamkeit, die letztere im gleichen Maße mit leiser Ausgewogenheit verliert. Schaufelt sie der Demokratie da nicht mit wehenden Fahnen von Ethik und Moral das eigene Grab?

Je lauter die AfD pöbelt, desto intensiver versuchen unser Investigativ-Ressort und Kolleginnen und Kollegen anderer Redaktionen hinter die Kulissen zu schauen – aber das Bild einer Zwickmühle ist mir zu schematisch. Ich würde mir insgesamt mehr kritischen, hinterfragenden, faktenbasierten Journalismus wünschen, sträube mich aber gegen die Vorstellung, Artikel als Predigten zu verstehen. Wir recherchieren, wir legen offen und wir führen Debatten, aber wir sind keine Missionare.

Was ist da denn schwerer in den Griff zu kriegen: Beißhemmungen und Bissreflexe?

Ein investigativer Journalist darf am Anfang keine Beißhemmungen haben. Gleichzeitig müssen wir uns immer wieder hinterfragen, ob wir zu bequem sind, zu aggressiv und ganz wichtig: wie viel Nähe wir zur Politik zulassen. Jetzt sitzt die neue Ampelkoalition an den Schaltstellen der Macht. Es zählt zu den ehrenvollsten Aufgaben des Journalismus, jede Regierung ungeachtet der politischen Farbenlehre sehr genau unter die Lupe zu nehmen. Es gibt vermutlich derzeit so viele Journalistinnen und Journalisten wie selten zuvor, die den regierenden Parteien nahestehen, vor allem der FDP und den Grünen. Man kann das daran ablesen, wie viele Journalistinnen und Journalisten plötzlich Minister duzen.

Wie viele Duzen Sie denn?

Generell wenige. Und bei den wenigen, die ich duze, heißt das nicht, dass wir nicht auch leidenschaftlich miteinander streiten.

Sie verkneifen sich also keine Berichterstattung über öffentliche Personen, die sie auch persönlich gut kennen?

Ich bin ein Anhänger davon, dass politische Journalistinnen und Journalisten keine Parteibücher haben sollten. Und wenn sie das tun, dann sollten sie jedenfalls nicht über die Partei berichten, der sie angehören. Wie sollte man da denn unbefangen urteilen? Sich als befangen zu erklären, ist kein Makel, jeder Eindruck von Hofberichterstattung hingegen schon. Und diese Gefahr ist angesichts der inhaltlichen Nähe, die manche Kollegen zu den Programmen der aktuellen Regierung haben, ziemlich groß. Zu große Nähe ist für uns ungesund. Wir brauchen eine Balance aus Nähe und Abstand.

Haben Sie bei Ihrer täglichen Arbeit die Reputation des Journalismus insgesamt vor Augen?

Wir alle hinterfragen uns seit zehn Jahren mehr denn je, was Journalismus im digitalen Zeitalter noch kann und sollte. Verifikation und Falsifikation haben enorm an Bedeutung gewonnen, Journalismus ist diskursiver geworden. Zum Glück. Und wir müssen uns viel stärker als früher erklären. Ich halte das für eine gesunde Entwicklung, weil sie uns Journalistinnen und Journalisten aus dem Elfenbeinturm holt, von dem wir lange als Sender zu den Empfängern gesprochen haben.

Dummerweise senden einige dieser Empfänger nicht mehr nur zurück, sondern brüllen mit purer Verachtung über die sogenannte Lügenpresse.

Ich nehme diesen Kampfbegriff, den die Nazis einst gegen freie Medien verwendet haben, nicht gern in dem Mund, aber es gibt zwei interessante Umfragen dazu, die untersucht haben, wie Menschen während der Pandemie auf Medien schauten. Vor etwa einem Jahr ist Infratest dimap zu dem Ergebnis gekommen, dass zwei Drittel der Befragten die Berichterstattung für ausgewogen, fair und kritisch halten. Ungefähr zeitgleich haben die Universitäten Mainz und Düsseldorf erhoben, dass elf Prozent der Aussage zustimmen, „die Medien“ würden sie nach Strich und Faden belügen.

Sie sagen offenbar: nur elf Prozent.

Ja, zumal der Wert im Vergleich zu den Jahren zuvor sogar gesunken war. Grad im Vergleich zu den tief gespaltenen USA zeugen beide Zahlen von einer überwältigenden Mehrheit, die die Vorzüge einer freien, unabhängigen Presse sehen, der ein kleiner harter Kern schwer erreichbarer Kritiker und Feinde gegenübersteht. Es ist ja kein Zufall, dass auch die AfD um die elf Prozent herum pendelt. Ein wenig aus dem Blick geraten dabei die anderen, eher stillen 89 Prozent, mit denen ich den gesellschaftlichen Diskurs wichtiger finde.

Das Problem ist nur, dass diese elf Prozent in der digitalen Öffentlichkeit für 89 Prozent des Lärms verantwortlich sind und damit überproportional gut zu hören.

Die Minderheit ist in der Tat lauter als die Mehrheit, aber die Antwort darauf kann nicht sein, ebenfalls schrill zu werden. Die Zeit hat auch deshalb inmitten der Pandemie das beste Jahr ihrer Geschichte hingelegt, weil wir eben nicht mitbrüllen, aber trotzdem emotional diskutieren. Genau das wünschen sich die Leute vom Qualitätsjournalismus – nicht, dass wir den Lärm sozialer Netzwerke oder des Boulevards kopieren.

Was wünschen Sie sich stattdessen?

Einerseits berechtigte Kritik etwa am Pandemiemanagement auszusprechen, auch die Politik damit zu konfrontieren. Wenn wir das nicht machen, sinkt das Vertrauen in die Medien wieder, wie zuletzt gemessen. Andererseits genau hinzuschauen, wer die aggressive Minderheit bildet. Manche ihrer führenden Köpfe sind bekennende Rechtsextremisten, die bereits während der rassistischen Proteste ab 2015 im Dunstkreis von Pegida Schlüsselrollen eingenommen haben, also mitnichten Teil einer breiten Bewegung waren und sind.

Von den Protesten geht zuweilen körperliche Gewalt gegen Ihre Reporter*innen aus, vom alltäglichen Hass im Netz ganz zu schweigen. Wie schützen Sie die vor psychischer und physischer Gewalt?

Das ist in der Tat eine der großen Herausforderungen. Als ich als Reporter selber viel zum Thema Rechtsextremismus gearbeitet hatte, bekam ich eines Tages vom Staatsschutz die Einladung zu einem Sicherheitsgespräch, weil mein Name auf einer schwarzen Liste von Neonazis stand. Da fühlt man sich sehr mulmig und freut sich, in der Redaktion Ansprechpartner zu haben.

Die hatten Sie?

In einer vergleichsweise kleinen Redaktion wie damals der Berliner Zeitung eher auf persönlicher Ebene. Die Tipps der Polizei, sich beim Verlassen des Hauses öfter mal umzuschauen und unterm Auto zu gucken, ob da ein Brandsatz befestigt sein könnte, haben bei mir damals jedenfalls eher zu Verunsicherung als zur Beruhigung geführt. Die Zeit hat im vergangenen Jahr einen Pressekodex mit unterzeichnet, der auch freie Reporterinnen und Reporter logistisch und juristisch unterstützen soll, falls sie ins Visier geraten.

Das wären präventive Maßnahmen. Gibt es auch kurative, also psychologische Unterstützung, wenn jemand schon Opfer von Angriffen wurde?

Wir arbeiten mit Psychologen zusammen, die allerdings bislang nicht in diesem Zusammenhang in Anspruch genommen wurden. Und wenn es darum geht, juristisch gegen Beleidigungen vorzugehen, wird unser Justiziar eingeschaltet. Berichterstattung kann nur dann gut und mutig sein, wenn die Reporterin oder der Reporter auf den Rückhalt der Redaktion zählen kann.

Was ist Ihre Prämisse im journalistischen Umgang mit denen, die „Lügenpresse“ brüllen: Mit Rechten reden oder nur über Rechte schreiben?

Als investigativer Journalist möchte ich möglichst viel herauszufinden, und dazu zählt selbstverständlich, auch die zu konfrontieren und anzuhören, über die man schreibt. Das ist allerdings etwas anderes, als Rechtsextremen ein Forum zu bieten.

Spüren Sie in Fragen von aktueller Dringlichkeit wie dem Rechtspopulismus oder auch dem Klimawandel eigentlich eher gesellschaftlichen Wind von vorne oder von hinten?

Die Frage ist mir zu pauschal.

Okay: Fühlen sich die Menschen von der gebetsmühlenartigen Problematisierung solcher Gefahren eher bevormundet oder motiviert?

Bevormunden ist nie eine gute Idee, das braucht kein Mensch. Eine kluge Berichterstattung bricht aus vorhersehbaren Mustern aus, ist überraschend, denkt nach, analysiert, bereitet die wissenschaftlichen Fakten auf und recherchiert hartnäckig. Aber über ein Thema wie den Klimawandel deshalb nicht mehr zu berichten, weil die Leute es nicht mehr hören wollen, kann keine Lösung sein. Meinem Eindruck nach hat die Gesellschaft verstanden, dass investigativer Journalismus unbequem ist, aber unerlässlicher Bestandteil einer pluralistischen Demokratie, auf den wir nicht verzichten können. Ich spüre deshalb mehr Wertschätzung für unsere Arbeit, die aufwändig, mühselig und manchmal ergebnislos ist. Umso schöner ist es, wenn sie gewürdigt wird – obwohl wir auch bei uns im Ressort noch am Lernen sind, wie etwa Berichterstattung zum Klimawandel am besten funktioniert.

Worin unterscheidet sich investigativer Journalismus da vom gewöhnlichen?

Recherchieren sollten wir alle. Investigative Journalistinnen und Journalisten schauen dorthin, wo sich Macht konzentriert und fragen, was sich hinter den Kulissen tut. Investigativer Journalismus recherchiert in den meisten Fällen gegen Widerstände.

Gibt es da so etwas wie Standesdünkel investigativer Journalist*innen, die sich für die wirklich harten, tiefgründigen, furchtlosen Rechercheure zu halten?

Ich würde es eher als Stolz definieren, etwas herauszufinden, was als unerreichbar gilt. Aber das höher zu bewerten als die kluge Analyse im Sportressort, warum ein Fußball-Nationalspieler auf die Tribüne verbannt wurde oder ein gut geschriebener Bericht über Volkswagen – das fände ich ausgesprochen überheblich.


Backpfeifen & Kiezpaten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. März – 3. April

Eigentlich ja ganz schön, dass dieser apokalyptischen Tage zwei niederschwellige Aggressionen Angriffskrieg und andere Gewalttaten – nein, nicht aus den Schlagzeilen verdrängen, aber multimedial flankieren. Erst ohrfeigt Will Smith den Laudator Chris Rock, nachdem der unmittelbar vorm größten Moment im Berufsleben des Hollywood-Stars billige Witze auf Kosten von dessen krankheitsbedingt rasierter Frau gemacht hatte. Parallel wird Oliver Pocher aus heiterem Himmel einer Boxveranstaltung abgewatscht. Klingt vergleichbar, ist es jedoch nicht.

Während das armseligste Großmaul aller Unterhaltungszeiten mit der Wehklage, die Backpfeife eines Unbekannten sei „feige, hinterhältig, arglistig“ gewesen im Grunde sein eigene Witzniveau auf Kosten anderer beschreibt, das täglich Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Schellen erfordert, steht Smiths Gewaltausbruch auf der weltgrößten Showbühne für eine Form von toxischer Männlichkeit, die man dem sympathischen Schauspieler gar nicht zugetraut hätte.

Wer im Jahr 2022 denkt, die Ehre der Frau sei nur per Männerfaust zu verteidigen, wie Will Smith in seiner tränenreichen Dankesrede zum eigenen Oscar ständig wiederholte, steht – sagen wir Wladimir Putin, der die Deutsche Welle zum feindlichen Agenten erklärte, habituell näher als – sagen wir Christian Drosten, der am Mittwoch zum Leidwesen der Vernunft sein (vorerst) letztes Corona Update beim NDR zum Besten gab. Und er stellt zudem eine Veranstaltung in den Schatten, die durchaus Bemerkenswertes zu bieten hatte.

Den ersten Oscar als bester Film für ein Videoportal etwa in Gestalt der Tragikomödie Coda von Apple TV. Wie tranig, träge, trüb ist dagegen deutsches Entertainment Marke Verstehen Sie Spaß?, das Barbara Schöneberger seit Samstag zwar gut durchlüftet, aber ernsthaft: unterhaltsamer als die selbstverliebte Kalauerkanone Guido Cantz ist auch ein defekter Lachsack. Damit nach kurzem Exkurs Richtung AfD, die sich nicht zu blöde ist, eine Sendung mit der Maus als Untergang des völkischen Führerlandes zu adeln, weil sie Transmenschen erklärt, zum Angebot der neuen Woche.

Die Frischwoche

4. – 10. April

Auch wenn es karg ist. Immerhin: Die HBO-Serie Somebody Somewhere übt sich ab Donnerstag auf Sky in der nicht ganz ungefährlichen Fernsehkunst einer halbautobiografischen Dramedyserie – wobei der übergewichtige Stand-up-Star Bridget Everett bei aller Melodramatik wunderbar selbstbewusst und eigenmächtig mit ihrer normabweichenden Körperfülle auf der Suche nach Anerkennung in einer perfektionistsichen Welt hantiert. Ob die Hauptfigur von Single Drunk Female (Samantha Fink) ab Mittwoch auf Disney+ zufällig so ähnlich wie ihre Erfinderin (Simone Finch) heißt, bleibt ungeklärt, aber die Dramedy-Serie erzählt sehr glaubhaft von einer Alkoholikerin auf Entzugstour.

Tags drauf lädt eine Netflix-Doku zur Rückkehr ins Weltall, wozu der Markführer in gewohnter Presseverachtung mal wieder keine Bilder freischalten wollte. War vielleicht auch besser so. Ein profitorientiertes Unternehmen, dem es ausschließlich um Economy of Scales, also Masse um der Masse willen geht und qualitativ ohnehin längst weit hinter Emporkömmlinge von Apple bis Starzplay zurückgefallen ist, dürfte Elon Musks egomanischem SpaceX-Projekt ohnehin kritiklos huldigen.

Parallel startet Disney+ die zehnteilige argentinische Dramedy Paartherapie mal anders von Mariano Cohn und Gastón Duprat um eine Beziehungsberaterin (toll: Selva Pérez Salerno), die eigentlich selbst mal emotional beraten werden müsste. Tags drauf dann hat GoT-Star Maisie Williams sein postmittelalterliches Coming-Out als gegenwartstaugliche Darstellerin des Neo-Sechsteilers Two Weeks To Live, in dem sie vor zwei Jahren bei Joyn+ eine Frau spielt, die von der Eremitin zur Rächerin eines heiteren Verschwörungssthrillers wird.

Ob der deutsche Durchschnittsthriller Trügerische Sicherheit mit Max Simonischek als Politiker-Bodyguard, den eine Beziehung zur Sprecherin (Friederike Becht) seines Schutzobjektes in Teufels Küche bringt, besser ist als sein bescheuerter Titel, darf heute Abend im ZDF jede*r selbst überprüfen; keine Lust auf Fernsehkrimis…  Aber wie immer große Lust auf Arte, das Mittwoch in der Mediathek Die Paten von St. Pauli der 60er Jahre skizziert.


ÄTNA, Warmduscher, Confidence Man

ÄTNA

Wäre M.I.A. nicht sehr lebendig, man könnte meinen: der lipstickfeministische Antistar ist zurück, dieser migrationshintergründige Sturm, der den Mainstream digitaler Tanzmusik mit triphoppigem Cockney-Trashpop verwirbelte. ÄTNA allerdings klingen zwar sehr wie die Londoner Stilikone, sind aber aus Dresden und werden von dort aus eher eskapistisch als sozialkritisch, aber maximal schweißtreibend den Dancefloor erobern, sobald er sich wieder füllen darf.

Inéz und Demian jedenfalls dürften die Sogwirkung dorthin noch verstärken. Was sie auf ihrer zweiten Platte produzieren, verleiht dem Titel schließlich Flügel: Push Life. Mehr noch als beim Debüt 2020 wühlt ihr ekklektischer Electroclash zwischen vulgär und debil im Discofundus, sprengt mit narzisstischer Verspieltheit die Grenzen des politisch Unkorrekten und liefert damit das perfekte Album für die Monate zwischen zwei Lockdowns. Darauf einen Hummer im Gucci-Fummel.

ÄTNAPush Life (Humming Records)

Warmduscher

Warmduscher klingt zunächst behaglich. Als der Begriff in postheroischer Zeit aufkam, bezeichnete er schließlich Menschen, die lieber kuscheln als eisbaden. Wenn eine Band Warmduscher heißt, kann das in postpostheroischer Zeit also nur ironisch sein – obwohl sie aus London kommt und womöglich gar nicht weiß, was Warmduscher eigentlich heißt. Dann aber sieht, vor allem: hört man das Sextett mit Namen wie Lightnin’ Jack Everett oder Mr. Salt Fingers Lovecraft und spürt, Ironie ist hier keine Kategorie.

Warmduscher sehen aus wie Gigolos im Trailerpark und machen eine Art Shoegazer-Darkwave, als hocke Peter Gabriel in einem Schrank verbrannter Karnevalskostüme. Wenn Warmduscher ihren Postpunk mit Garagenfunk mischen, klingt das entsprechend nach Bigband im Abflussrohr – wobei Strophen wie “Hot Shot, King of the streets / aint sleeping for days / Live wire, dripping with attitude / nothing to prove” nahelegen, dass es ihnen dort ziemlich gut geht. Und uns beim Hören damit sogar noch viel, viel besser.

Warmduscher – Live at the Hotspot (Bella Union)

Confidence Man

Wo wir grad beim Überwältigungspotenzial schrägen Glamours sind: Confidence Man ist zurück im Strobonebel, und wer nach dem präpandemischen Debütalbum von 2018 glaubte, four to the floor könne unmöglich voller auf die Zwölf hauen, sieht sich dank Tilt getäuscht: dem polytoxikoman metrosexuell teilverhülltem Discoquartett aus Brisbane ist abermals kein Stil zu heilig für ihren Mash-up aus allem, was schillert, scheppert, geschmacksverstärkerwürzt.

Und so klingen die zwölf neuen Stücke von Janet, Sugar, Reggie und Clarence abermals nach renoviertem Eurodance für die Generation Dauerkrise. Mit Busshittexten in Bullshitkostümen zu Bullshitchorälen über Bullshitrhythmen voller Bullshitsamples und Bullshitynths scheißen Confidence Man auf jedes Gejammer über die Verhältnisse und eröffnen den Dancefloor für vorbehaltloses Abgehen. Snap meets Kylie meets Lady Gaga meets Barbie Girl und alle zusammen so all the boys say all the girls say uhhh? Leider geil!

Confidence Man – Tilt (Heavenly Recordings!)