Bernd Begemann: Ziegenbart & Sophia Thiel

Auftreten ist wie Atmen

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Gut 20 Platten in fast 40 Jahren, Hamburger Schulgründer, Inspiration kommerziell erfolgreicherer Bands: Bernd Begemann ist der unbekannteste Weltstar der deutschen Popmusik und doch ein Rätsel. Mit seiner Begleitband Die Befreiung (Foto: Miguel Ferraz Araujo) bringt das 61-jährige Waisenkind nun sein Album Milieu heraus. Ein küchenphilosopisch funkensprühendes Interview.

Von Jan Freitag

Freitagsmedien: Wer, bitteschön, ist Patrizia Dembrovski, der du auf deiner neuen Platte Milieu ein ganzes Lied widmest?

Bernd Begemann: Niemand, der Name ist erfunden. Ich bin komplett antiesoterisch, glaube aber, dass Namen eine Auswirkung auf den Charakter haben. Und bei einer Patrizia Dembrovski stelle ich mir vor, dass sie Ärger macht, wenn es nicht sein muss.

Wegen Patrizia oder Dembrovski?

Patrizia klingt nach Eltern, die viel mit ihrem Kind vorhatten, wozu der Nachname aber nicht passt, weshalb sie ihr Leben lang leicht sauer war und jetzt mir als Sänger Probleme bereitet.

Und was haben „Bernd“ und „Begemann“ aus dir als Mensch gemacht?

Nichts Besonderes. Aber dadurch, dass Bernds über 40 sind, also aus einem anderen Zeitalter, existiere ich in der aktuellen Pop-Gegenwart nicht mehr. Trotzdem werde ich mir keinen Künstlernamen mehr zulegen.

Zumal die sanfte Alliteration auf B schon künstlich klingt, wie Bernhard Brink.

Aber eher so ein Bauernkünstler. Ähnlich wie Jan übrigens. Dabei denke ich an jemandem mit Kombi, den jeder anhauen kann, wenn man was vom Baumarkt braucht. Als Jan und Bern gäben wir ein prima volkstümliches Schlagerduo ab.

Heißen die Baumarkt-Jungs nicht eher Holger oder Jochen

Ich sehe schon – meine Namenswissenschaft ist nicht fehlerlos (lacht).

Nehmen wir den nächsten Namen auf der Platte: Sophia Thiel.

Die gibt’s wirklich! Ich sehe gern fern, habe einen Bildschirm mit 77-Zoll-Diagonale und 100.000 Programmen, die ich manchmal durchzappe. Und einmal bin ich dabei auf einen Konsumkanal gestoßen, der nicht Kauf dies oder Happy das heißt, sondern Sophia Thiel, die rund um die Uhr Workouts macht, gut aussieht, gesund kocht oder mit anderen Coaches oder alleine Menschen coacht und dabei immer positiv wirkt.

Oh Gott!

Wer dabei allerdings in ihre Augen sah, der spürte, wie kurz sie vorm Zusammenbruch stand. Und siehe da: Vier Monate später zog sie sich mit einem Burnout zurück. Angesichts all der ausgebrannten Influencer, die 24 Stunden gut gelaunt und topfit geliefert haben, war da mein erster Gedanke: Man kann einfach nicht immer nur so tun, als ob.

Hast du selber Menschen in deinem Milieu, wie euer neues Album heißt, die so sind, also nur tun als ob?

Bestimmt. Aber sie machen es so gut, dass ich es nicht merke. Im schönen Lied The only time I’m really me singt Tammy Wynette, für die Nachbarn ist sie diejenige, die immer Wäsche aufhängt, für die Bank ist sie diejenige, die ständig das Konto überzieht und so weiter. Für sich aber ist sie diejenige, die nur einmal am Tag sie selbst sei – im Moment zwischen Augenschließen und Einschlafen.

Deprimierend.

Aber im fluffigen Country-Sound auch ein poetisches Statement über die vielen Gesichter, mit denen wir uns und andere was vormachen. Schlimmer finde ich allerdings Leute, die uns wie Sophia Thiel dabei ständig etwas verkaufen wollen. Nahrungsergänzungsmittel, Schönheitsprodukte, Lügen wie im CSU-Konservatismus der Adenauer-Jahre, wo hinter der heilen Welt makelloser Fassaden ebenfalls das Dunkel lauerte.

Du selbst bist noch in Adenauers Kanzlerschaft zur Welt gekommen. Wie kongruent sind denn deine Außenwirkung und die Persönlichkeit dahinter?

Auch ich habe eine Art Benutzeroberfläche, die auf der Bühne zum Vorschein kommt und alle umarmt. Privat komme ich dagegen auch gut mit mir alleine klar, treffe tagelang niemanden und bin dennoch glücklich oder fühle mich zumindest wohl. Ein glücklicher Asozialer oder um es mit Walt Whitman zu sagen: ich enthalte viel Leiden.

Aber bei dir sind privater Rückzug und öffentlicher Exzess einfach zwei Komponenten derselben Materie, kein vorgegaukeltes Trugbild zu Verkaufszwecken?

Ying und Yang, innen einatmen, draußen ausatmen. Beides macht mich glücklich.

Wo bist du als Entertainer denn glücklicher: vor 20.000 Leute in der Arena oder vor 20 im Club?

Je weniger, desto schwieriger. 20.000 hatte ich noch nicht, aber auch vor der Hälfte zu spielen ist einfach, da muss man bloß schlicht bleiben. Zehn misstrauische Leute in Vorarlberg fordern dagegen die volle Aufmerksamkeit. Tougher Gig!

Wie definierst du da Erfolg?

Einige Rapper halten sich für erfolgreich, weil sie 40 Lamborghinis haben. Ich glaube, damit stopfen sie nur das Loch in ihren kalten Herzen. Ich definiere Erfolg anders. Als Waisenkind aus einem Heim der Sechziger, über das es vermutlich schreckliche Dokus gibt, war ich dank meiner Adoptiveltern mit vier Monaten ein Gewinner. Ich bin daher, auch wenn es nach evangelischem Kirchentag klingt, für jeden Tag dankbar.

Amen.

Und dabei fällt mir auf, wie viele Leute ihr Leben so organisieren, dass sie es gerade so aushalten und ständig auf der Suche nach Sorgen sind, die ihr Leben beeinträchtigen. Ich bin mir dagegen oft selbst genug. Auch, weil ich mir bewusst bin, 60 der 80 friedlichsten und, wohlhabendsten Jahre unserer Weltregion erlebt zu haben. Deshalb riskieren Leute außerhalb davon ihr Leben, um meine Nachbarn zu sein. Das hält mir mein unverdientes Glück vor Augen, aus dem man aber auch was machen sollte. Freude empfangen, Freude verteilen – sorry, dass ich in Kalendersprüchen rede.

Hatte dieses Denken nur Einfluss auf dein Leben oder auch die Kunst dazu?

Insofern, als es mein Temperament beeinflusst. Weil ich mich zugleich von innen und von außen betrachten kann, schreibe ich als Reporter meines eigenen Lebens besser darüber, ohne ständig Groll zu hegen. Selbst Leuten, die mir Böses wollten, kann ich nicht richtig böse sein.

Du empfindest generell niemals Wut?

(überlegt lange) Menschen machen gemeine Sachen, aber wenn ich das jetzt länger vertiefe, fordere ich womöglich das Schicksal heraus. Ich bin ja nicht mal auf mich richtig wütend. Nur häufig enttäuscht, nicht besser zu sein, als ich bin.

Kennst du das Gefühl der Scham für Dinge, die du getan hast oder gewesen bist?

Scham ist unkonstruktiv. Ich habe bestimmt schon gesagt, die ich heute nicht mehr sagen würde. Aber was man durch Worte vermasselt, kann man auch durch Worte gutmachen.

Musst du die Worte in Du wirst dich schämen für deinen Ziegenbart von 1996 wieder gutmachen?

Da rede ich ja von der Scham anderer. Und Ziegenbärte sahen schon damals furchtbar aus. Wenn ich darüber nachdenke, was mir jemals peinlich war, hätte ich gern meinen Körper von früher zurück und meine Fähigkeiten von heute früher entwickelt. Es ärgert mich, die ersten 100 Konzerte vermasselt zu haben. Aber ich vergebe mir!

Sind noch 100 weitere Konzerte im älteren Körper drin oder spürst du den Zahn der Zeit?

Auftreten ist wie Atmen. Ich habe eine Rente plus Zusatzrente und selbst für den Ausnahmefall des vorigen Winters, in dem ich mir den Ellbogen gebrochen hatte und dachte, nie mehr Gitarre spielen zu können, eine Arbeitsausfallversicherung. Aber warum auf Spaß verzichten? Wenn ich unfähig werde, mich auszudrücken, und zu gebrechlich, um die Leute mitzunehmen, wenn sie sich bei den Konzerten Sorgen um mich machen, höre ich vielleicht auf. Vorher nicht.

Das Interview ist vorab bei MusikBlog erschienen


Ripley: Matt Damon & Andrew Scott

Ästhetisches Nervenreißen

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Die Netflix-Serie von Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley ist nicht nur umfangreicher als der Kinofilm von 1999, sondern ein Meisterwerk der Verbindung von Schönheit mit Spannung und Tiefe.

Von Jan Freitag

Der Weg nach ganz oben ist für Menschen weit unten lang und beschwerlich. Also nicht für Dickie Greenleaf, versteht sich. Der Spross eines New Yorker Großreeders blickt von seiner Luxusvilla hinunter aufs Mittelmeer, muss jedoch offenbar nie selbst hinaufsteigen. Ganz im Gegensatz zu Tom Ripley. Der Trickbetrüger müht sich zu Beginn einer fabelhaften Netflix-Serie die Treppen zu Dickies Domizil erst aufwärts, dann abwärts, bergan, bergab. Immer und immer wieder.

Es ist ein schweißtreibender Kampf gegen die kapitalistische Höhendifferenz, den er mit sich und seinem Ehrgeiz austrägt. Schließlich könnte es sich lohnen: Beauftragt von Dickies Vater soll Tom dessen Sohn überreden, sein Lotterleben als alimentierter Tunichtgut aufzugeben und heimzukehren. Erster Klasse nach Italien. Honorar und Spesen inklusive. Ein verlockendes Angebot für jemanden, der Ottonormalverbraucher um Kleinbeträge erleichtert.

Und eins, das Cineasten vertraut vorkommen dürfte. Als Anthony Minghella Patricia Highsmiths Thriller Der talentierte Mr. Ripley 1999 verfilmt hat, schlidderte Matt Damon beim Versuch, jemand besseres zu sein, von einer Katastrophe zur nächsten. Zwei Jahre nach seinem Mafia-Epos The Irishman nun schickt Steven Zaillion den noch viel talentierteren Andrew Scott zurück in die Neo-Noir-Sixties. Und man fragt sich: Kann das Fernsehen dem Roman etwas abgewinnen, das dem Kino verborgen blieb?

Antwort: Sie kann. Mehr noch: Sie verlängert die Spielfilmlänge nicht nur auf achtmal 30 bis 60 Minuten, sondern zur vielleicht besten Fiktion 2024, wenn nicht aller Zeiten. Denn Ripley, so heißt sie in aller Kürze, gelingt nahezu Einmaliges: Dramaturgischer Tiefgang und schauspielerische Brillanz, gepaart mit ästhetischer Vollkommenheit und erzählerischer Stringenz, die trotz hinlänglich bekannter Story zum Zerreißen fesselt.

Dass der vermeintliche Studienfreund des Hobby-Malers Dickie plant, in dessen Rolle zu schlüpfen, erschließt sich nämlich schon früh, nimmt der Erzählung aber nichts von ihrer Spannung. Bis dahin aber muss Ripley Treppensteigen. Um fremdes Vertrauen zu gewinnen, quartiert er sich in dessen Haus himmelhoch über Neapel ein und wird vom Besucher zum Freund, der seinen Gastgeber so virtuos manipuliert, dass weder Dickie (Johnny Flynn) noch seine Freundin Marge (Dakota Fanning) etwas davon bemerken.

Wo Matt Damon seinen Eindringling als Impulstäter spielt, der eher zufällig in die Eskalationsspirale gerät, bleibt Showrunner Zaillion somit der Buchvorlage näher und kann sich dabei auf seinen Hauptdarsteller verlassen. In dessen Figur skizzierte Highsmith vor 70 Jahren eine Klassengesellschaft, die so hermetisch verriegelt ist, dass man ihr nur auf krummen Weg – oder endlos geschwungener Wendeltreppe – aufwärts entkommen kann. Und diesen Eifer spielt Andrew Scott mit einer unsichtbaren Vielschichtigkeit, die sprachlos macht.

Von argloser Naivität bis zur maliziösen Infamie muss er nur zwei, drei Gesichtsmuskeln bewegen und variiert sein Minenspiel damit in einer Sekunde mehr als ein Heino Ferch in seiner gesamten Karriere. Die eigentlichen Stars sind allerdings gar nicht im Bild: Robert Elswitt und Jeff Russo. Während der Kameramann jede seiner schwarzweißen Einstellungen zum Gemälde macht, das für sich genommen schon ins Filmmuseum gehört, legt der Komponist einen Soundtrack darüber, der gleichermaßen eindrücklich und beiläufig ist.

In seiner unaufdringlichen Detailversessenheit, die oft über Minuten hinweg Schnappschüsse der Umgebung zu machen scheint, erinnert Ripley dadurch an Meisterwerke von Lost in Translation bis Smoke, in denen die Optik inhaltliche Aufgaben übernimmt, ohne sie zu ersetzen. So kreiert Zaillion das atemberaubende Stadtlandfluss-Porträt einer eleganten Ära, deren visuelle Schönheit anmutig mit der sozialen Ungleichheit ringsum kontrastiert und beides damit zur Formvollendung führt. Doch obwohl hier jedes einzelne Bild heillos überfrachtet wirkt, bettelt keines davon je um Bedeutung.

Das Herausragende einer einzigartigen Inszenierung aber besteht darin, dass die Sechzigerjahre hier zu keiner Zeit kostümiert wirken – als würde Netflix Super-8-Filme jener Jahre digitalisieren, anstatt sie nachzustellen. Für den Deutschen Louis Hofmann ist es da die größte Ehre, an der Seite von John Malkovich mitspielen zu dürfen – und sei es auch nur am Rande. Wobei Ripley für alle Beteiligten das Beste sein dürfte, was sie von ihrer Karriere erwarten dürfen. Nur bei Andrew Scott darf man sich da nicht zu sicher sein. Er zählt zwar schon jetzt zu den Größten unserer Zeit, hat sein Potenzial aber noch nicht annähernd ausgeschöpft.


Höckes Mett & Artes Kant

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. April

Die Nachricht der Medienwoche ist, dass – nein, nicht Olaf Scholz nun TikTok nutzt und gleich mal vorführt, was er in seiner Aktentasche hat. Die Breaking News besteht eher in der gleichermaßen naheliegenden und überraschenden Erkenntnis, dass Björn Höcke ein brauner Schaumschläger ist. In den knapp zehn Jahren seiner rechtsextremistischen Selbstdämonisierung dachte man ja lange, er sei zu gerissen für Selbstentlarvung.

Im Zwiegespräch mit dem Thüringer CDU-Fraktionschef Mario Voigt allerdings ist die westfälische AfD-Pumpgun zur Luftpumpe geworden. Man mag an Voigts Eigen-PR via Welt TV am Freitag alles Mögliche kritisieren: Dass Ministerpräsident Bodo Ramelow nicht dabei war. Dass über Mettbrötchen gestritten wurde. Dass man Nazis nicht entzaubern kann, weil ihre Fans nun mal ausschließlich an Magie glauben.

Tatsache aber bleibt: AfD-Verantwortliche sind auch in den Studios von ARZDF häufiger zu Gast. Und am Ende dieser Einladung stand Björn Höcke als blaubrauner Wüterich bar nennenswerter Argumente da, dem unter Druck ständig Propaganda und Gesichtszüge entgleiten. So gesehen war dieser seltsame Abend beim Springerkanal zwar kein Sieg für Demokratie und Pluralismus, aber doch über seine ärgsten Feinde.

Schwer davon zurück in die Spur beiläufiger Fernsehunterhaltung zu kommen. Egal: Sebastian Puffpaff hat Mittwoch zum 100. Mal TV total moderiert und kurz nach Stefan Raabs Rückkehrankündigung wurde dabei zum 100. Mal deutlich, wie missraten, vor allem: unwitzig die Sendung ohne ihren Erfinder ist. Ein paarmal seltener hat Elton Schlag den Star geleitet, taugte aber wie in jedem seiner Formate zum Sympathieträger.

Umso erstaunlicher, dass ihn Pro7 nun ziemlich rüde rausgeworfen hat. Noch erstaunlicher war hingegen, wie lautstark er seinem Ärger darüber Luft gemacht und vielleicht gerade deshalb unmittelbar danach ein irgendwie unmoralisches Angebot von RTL-Programmchefin Inga Leschek erhalten hat, doch einfach zur Konkurrenz zu wechseln. Schwer vorstellbar, aber vielleicht könnte es ja helfen.

Die Frischwoche

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15. – 21. April

Denn auch in dieser Woche hat RTL absolut gar nichts von auch nur annähernder Bedeutsamkeit im Programm, wie es dieser Tage überhaupt verblüffend dünn mit Neuerscheinungen aussieht. Herausragend ist da schon, dass Netflix ab Dienstag Greta Gerwigs erste, maximal gelungene Solo-Regie Lady Bird mit Saoirse Ronan als Schülerin beim Versuch, aus Kalifornien an die Ostküste zu gelangen, zeigt.

Bemerkenswert scheint auch die Sky-Serie The Sympathizer um einen Spion des Vietcongs zu werden, der am Ende des Vietnamkrieges in die USA geht und dort zwischen zwei Loyalitäten zu seiner alten und der neuen Heimat schlingert – woran nicht nur die bissige Kapitalismuskritik überzeugt, sondern Robert Downey jr. in einer ganzen Reihe Nebenrollen, die das amerikanische Establishment jener Tage aufs Korn nehmen. Ansonsten?

Tja…

Am Dienstag gehen Joko & Klaas ins 50. Duell gegen ProSieben, was schon ein echtes Highlight dieser Woche werden dürfte. Am Mittwoch läuft Das Experiment der Freiheit, in dem Arte Immanuel Kant zum 300. Geburtstag dokumentarisch auf die Spur kommt. Freitag setzt das Erste in seiner Mediathek Phil Laudes Kartoffel-Püree Almania fort, das in der ersten Staffel ganz gut, aber ausbaufähig war.

Und Sonntag darf Felicitas Woll im ZDF-Herzkino Neuer Wind im Alten Land erneut beweisen, dass sie eigentlich zu talentiert ist für öffentlich-rechtliche Schnulzen. Was natürlich auch für die unendliche Flut mittelmäßiger Krimis gilt, von denen tags zuvor in der Mediathek ein weiterer Fall vom Kommissar und die Angst zu sehen ist. Einer Krimireihe eines – Achtung! – seelisch irgendwie vernarbten Polizeiermittlers mit Paranoia und … ach, lassen wir das.


Voigts Welt & Norwegens Festung

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. April

Die Aufmerksamkeitsökonomie des (kommerziellen) Fernsehens funktioniert wie jene rechter Populisten: Man kippt kommunikative Gefahrengüter in öffentliche Debatten, lässt sie mit der digitalen Umgebung reagieren, bezeichnet etwaige Emissionen als ungewollt, Zufall oder nebensächlich, kümmert sich nicht weiter um deren Entsorgung und genießt die allgemeine Erregung – Stefan Raabs Entertainmentelixier.

Es besteht seit jeher aus großem Getöse über Bagatellen wie Maschendrahtzäune oder Boxkämpfe und erzeugt auch neun Jahre nach seinem Rückzug von der Pro7-Bühne verlässlich Breaking News wie die, er werde gegen Regina Halmich kämpfen, neue Shows moderieren, einen Sender gründen, womöglich gar alles in einem, zugleich und gigantisch. Wie viel daran reines Marketing ist, lässt sich vorerst nur erahnen.

Zumal sie im Kernschatten einer weit größeren PR-Attacke steht: dem Streitgespräch des Thüringer CDU-Fraktionsvorsitzenden Mario Voigt mit dem rechtsextremsten Gottseibeiuns Joseph-Adolf Höcke. Moderiert vom Senderchef Jan Philipp Burgard, will der Ministerpräsident in spe die Persona non grata a.D. Donnerstag beim Springer-Portal Welt TV vorführen – trotz warnender Beispiele. Die MDR-Sommerinterviews zum Beispiel.

Darin ist Moderator Lars Sänger bereits mehrfach an der geschmeidigen Faktenverachtung des AfD-Ostgauleiters abgeprallt wie fleischlose Wurstalternativen am CSU-Parteitag. Umso gespannter darf man sein, ob und vor allem: wie gut sich die Voigt und Burgard diesmal vorbereiten, um den Leitsatz der Mediendemokratie gerecht zu werden: Schweigen ist Silber, Reden – nun ja, besser als nix.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

8. – 14. April

In Umkehrung dieses Grundsatzes, halten wir uns bei der Vorstellung anstehender Fernseh- und Streamingformate mal kurz und arbeiten sie chronologisch in Stichworten ab

Am Mittwoch begeben sich vier Unbekannte in der ARD-Mediathek auf die Suche nach verschollenen Elternteilen und machen den Vierteiler My Roots zu einer intensiven Tauchfahrt ins eigene Seelenleben, bevor bei Netflix die sechsteilige Alpen-Mystery-Serie Anthracite startet.

Ab Donnerstag mach Arte eine impulskontrollgestörte Gewerkschafterin mit dem Kampfnamen Machine zur Hauptfigur einer französischen Dram-Serie, während Amazon Prime das populäre Videospiel Fallout zur wuchtigen Serienfiktionen mit Tiefgang umdefiniert

Freitag dann schottet die skandinavische Near-Future-Dystopie The Fortress (ARD-Mediathek) Norwegen zu einer Festung für Klimawandelgewinner ab und die schwedische Comedyserie Dreaming of England reist in der Arte-Mediathek zurück in die Achtzigerjahre.

Am Samstag weht Neuer Wind im Alten Land durchs ZDF, als Felicitas Wolls Top-Journalistin Beke an ihre Wurzeln zurückkehrt. Und kurz darauf die Schauspielerin dann auch noch an gleicher Stelle in Hannu Salonens Psychodrama Blindspot Teil eines neoliberalen Intrigantenstadls ist.

Und Sonntag rundet der Neo-Sechsteiler Infiniti die Woche dann mit einem weiteren Ausflug ins All ab, der sich nach Das Signal und Constellation schon wieder auf der ISS abspielt – dem neuen Serienhotspot oberhalb der Erdatmosphäre.


AUGN, oh alien, Khruangbin

AUGN

Das Prinzip Sleaford Mods ist auf komplizierte Art simpel: Rotzige Beats auf die Ohren, rotzigere Lyrics an die Nieren, das Ganze mit 3000 Litern Adrenalin, Testosteron und Schweiß in einen Kellerclub gekippt – fertig ist eine der erstaunlichsten Alternative-Karrieren, die natürlich Nachahmer findet. AUGN zum Beispiel. Wobei es viel zu kurz gedacht ist, das Kreuzköllner Duo als puren Abklatsch der englischen Vorbilder zu nehmen.

Auch auf ihrem neuen Doppelalbum Fata Morgana/Gerstenkorn nämlich klingen die technoiden Bässe im vorderen Hintergrund zwar verteufelt nach Andrew Fearns Dosenbier-Kakophonie. Aber wenn der unerkannte Strumpfmaskensänger dem Hass auf Berlin, Beyoncé, Habibibullshit und alles rechts der Linken dystopisch verzerrt seinen Lauf lässt, klingt Jason Williamson geradezu versöhnlich. AUGN tun richtig weh. Aber es ist ein guter Schmerz.

AUGN – Fata Morgana/Gerstenkorn (Dioptrien)

oh alien

Das Gewöhnliche ungewöhnlich zu machen oder wenigstens klingen zu lassen, ist eine der ganz großen Kunstgriffe. Dem Wiener Trio oh alien gelingt er buchstäblich spielend. Sein Elektropop wurde in den vergangenen 20 Jahren schließlich rauf und runter dekliniert. Gelangweilte Frauenkopfstimme, eher gehaucht als gesungen. Dazu analoge Synthetik zwischen TripHop und Wave – Billie Eilish hat das zuletzt abermillionenfach verkauft.

Wie es da neu erscheinen kann, ist ein Geheimnis aus Österreich, dem man nördlich der Alpen schwer habhaft wird. Auf ihrem Debütalbum kreieren oh alien nämlich popkulturelle Lückenbebauung, die ihren Überfluss als Originalität verschleiert und umgekehrt. Das cheezy Shining wird so zum Beispiel mit einer öligen Gitarre verfüllt, die andernorts nach Ricky King klänge. Hier macht sie daraus große Kleinkunst für nebenbei. Man kann sich an ihr kaum satthören.

oh alien – What We Grow (Assim Records)

Khruangbin

Und wo wir schon bei Musik mit Milchprodukten sind: Das texanische Trio Khruangbin ist zurück und tunkt uns auch auf der vierten Platte in ein käsiges Quarkgemisch aus Psychopop, Americana und LoFi-Funk, als wäre Beck in einen Topf Laid Back gefallen. Unter Marko Speers Gitarrentupfern schleichen DJ Johnsons Schlagzeug und Laura Lee Ochoas Bass hindurch wie Kiffer auf Ketamin – als wäre selbst ihr Downbeat zu schnell für heiße Sommernächte.

Das Besondere an A La Sala – Spanisch für “zum Zimmer”: Es ist dabei ziemlich gut gelüftet, also frisch genug, um wach zu bleiben. Man möchte sich einfach in warme Chai-Latte legen, Ochoas hauchzartem Gesang lauschen und leicht wegdösen, ohne einzuschlafen. Was schon deshalb gut gelingt, weil die Klangteppiche Aufmerksamkeit erfordern, um darin Takte zu erkennen. Bedroom-Pop für Aufgeweckte gewissermaßen.

Khruangbin – A La Sala (Dead Oceans)


Reichelts Rassenwahn & Krens Crooks

Die Gebrauchtwoche

TV

25. – 31. März

Zeigefinger haben viele Funktionen. Sie können sich melden, hakeln, alle Aufmerksamkeit einfordern, sie können dich anzeigen, belehren, in der Nase bohren, seit einiger Zeit sogar islamistische Gesinnung bezeugen und für Resonanzraum-Rassisten wie Julian Reichelt noch viel besser: auch jenseits solcher Gesinnungen Hass und Hetze schüren.

Wäre der frühere Bild-Chef nicht nur ein rechtsradikaler Schreihals, sondern Reichsführer JR, würde Antonio Rüdiger wohl allenfalls im KZ-Team spielen. Weil er es jedoch in der deutschen Fußballnationalmannschaft tut, hat Reichelt ein Bild mit erhobenem Zeigefinger auf seiner Plattform Nius zum Terrorakt umgedeutet, wofür ihn Rüdiger und der DFB angezeigt haben.

Siege gegen Frankreich und Holland, die erst dem ZDF, dann RTL zweistellige Quoten brachten, empfindet der brustbehaarte Volkverhetzter angesichts nichtarischer Beteiligung eben als Rassenschande. Für empathie- und vernunftbegabte Menschen dagegen sind sie Vorboten auf etwas, das vor kurzem noch undenkbar schien: Euphorie und Optimismus während der EM im eigenen Land.

Dazu passt, dass ein Moderator beim Sommermärchen 18 Jahre zuvor den Höhepunkt seines TV-Schaffens erreicht hatte, der im Sommer wieder auf Sendung gehen könnte. Stefan Raab kündigt sein Comeback an. Schöne alte Medienwelt. In der hässlichen neuen hingegen schadet Daniel Drepper gerade jener pluralistischen Demokratie, die er für NDR, WDR und SZ zu schützen vorgibt.

Der Investigativ-Journalist beehrt eine Unternehmensberatung per Gastbeitrag, hält es aber nicht für nötig, Kress auf Nachfrage Auskunft über sein Honorar zu geben, verachtet also jene Transparenz, die er bei anderen einfordert. Drepper hat aber auch achtbare Kolleg*innen – und juristisch entlastete: Correctiv hat auch den (vorerst) letzten Prozess gegen Teilnehmer der Potsdamer Remigrations-Verschwörung gewonnen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

1. – 7. April

Auf wessen Seite Gerhard Schröder steht, lässt sich hier nur mutmaßen. Im konventionell gelungenen ARD-Porträt Außer Dienst? aber zeigt NDR-Autor Lucas Stratmann (Kevin Kühnert und die SPD) den Altkanzler ab Mittwoch in der Mediathek als unbelehrbares Alphatier mit Diktatorenfaible, das perfekt in die Netflix-Serie Crooks passen würde. Ab Donnerstag schickt Showrunner Marvin Kren sein Gang-Gemetzel 4 Blocks darin quasi auf Europareise.

Und wenn Frederick Lau als Safeknacker Charlie mit der organisierten Kriminalität in Wien, Marseille, Berlin um den Verbleib einer geraubten Goldmünze rangelt, suppt aus jeder zweiten Szene fast noch mehr gewaltverliebtes Testosteron als Kunstblut. Unterhaltsam ist es dennoch – oder gerade deshalb. Ähnlich viel drastisches Entertainment verströmt die Apple-Serie Sugar.

Collin Farrell spielt darin ab Freitag einen Detektiv, der vermisste Personen findet. Die Hommage an schwarzweiße Film-Noir-Legenden ist zwar schön gefilmt, ästhetisch also wertvoll. Inhaltlich aber nervt die Reminiszenz an misogyne Mackerzeiten mehr als sie fesselt. Einen Zeitsprung vorwärts macht derweil die 4. Staffel Charité und reist zugleich in der ARD-Mediathek 25 Jahre vorwärts.

Der Klimawandel ist darin raue Realität, unserer Fortschrittsgläubigkeit kann er aber ebenso wenig anhaben wie die AfD, von der nichts zu spüren ist. Ohne den üblichen Superstarcast wird stattdessen sechsmal 45 Minuten der medizinische Fortschritt mit queer-diversem Herzschmerz angedickt. Das ist ungefähr so okay wie das schwedische Vermisstendrama Dark Heart, ab Montag bei Prime.

Oder Ripley, die Serienadaption des 90er-Blockbusters, aber Donnerstag mit Andrew Scott statt Matt Damon bei Netflix. Oder parallel die Aurel Mertz Neo-Late-Talk Tropical Tonight und Dan Aykroyds Mystery-Dokureihe UnBelievable. Oder das Matriarchats-Experiment Girls State, tags drauf bei Apple, gefolgt von Hannah Emde als neue Moderatorin von Terra X am Sonntag im Zweiten.


Maischbergers Nuhr & Schalkos Kafka

Die Gebrauchtwoche

TV

18. – 24. März

Ob und wie viel Rücksichtnahme, gar Pietät vonnöten ist, entscheiden empathische Gemüter meist mittig zwischen Herz und Hirn. Dort also, wo sie eigene Emotionen mit denen anderer irgendwie austarieren. Bei Boulevardmedien wie RTL dagegen gibt es weder den Begriff der Rücksichtnahme noch Pietät. Entscheidungen fallen daher grundsätzlich mittig zwischen End- und Mitteldarm. Auch jene also, ein Kate-Spezial zu zeigen.

Nur Stunden zuvor hatte die Princess of Wales ihre Krebserkrankung publik gemacht. Für Sender mit Herz und Hirn ein Moment des Innehaltens, wie er sich auch nach Fritz Weppers Tod gehört. Für Sender ohne Herz und Hirn bietet es indes die Gelegenheit, beides auszuschalten, damit das Stammpublikum einschaltet. So funktioniert nun mal die Aufmerksamkeitsökonomie, in der auch Dieter Nuhr nach Kräften mitmacht.

Umso irritierender, dass er Mittwoch bei Sandra Maischberger in einer Sendung zur Spaltung der USA gravitätisch dreinblickend die der deutschen Gesellschaft beklagen durfte, ohne dass sie ihn groß mit seiner fundamentalistischen LinksgrüngenderwokenessF2F-Feindlichkeit konfrontiert hätte. Im Gegenteil. Sie stellte den AfD-Liebling als AfD-Gegner dar, der sich entsprechend zum Opfer von, tja – was eigentlich stilisieren durfte?

Kritik ganz generell vermutlich. Die gab es vorige Woche aber auch in konstruktiver Form. Nämlich beim Deutschen FernsehKrimi-Preis, den unter anderem die Podcast-Verfilmung ZEIT-Verbrechen erhielt. Noch mehr würde sich X Filme Creative Pool zwar über eine Abspielplattform freuen, nachdem sich Paramount+ aus der deutschen Inhaltsproduktion komplett zurückgezogen hat.

Aber so eine Trophäe dürfte die Suche vermutlich befeuern. Weitere Preisträger übrigens: Allerlei mit Landkrimi oder Tatort im Label. Und apropos Label: House of Dragons, zugkräftig-lukratives Prequel im endlosen GoT-Universum kriegt ab Juni die 2. Staffel und belegt damit, was eigentlich alle längst wissen: Dass einmal zugerittene Fernsehpferde reiten müssen, bis sie sterben.

Die Frischwoche

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25. – 31. März

Und manchmal sogar darüber hinaus. Deutsches Historytainment zum Beispiel ist im Grunde tot, seit Miguel Alexandre Die Frau vom Checkpoint Charlie 2007 auf 1982 bügelte. Ab Donnerstag dekoriert RTL+ nun Bochum für Disko 76 zurecht, wo Jannik Schümann den popkulturellen Aufbruch im Ruhrpott jener Tage simuliert. Die sechs Folgen à 45 Minuten sind auf so lächerliche Art überkostümiert, dass Mettigel in verbleitem Benzin bekömmlicher wärne.

Oder sagen wir: Teil 2 der Passion, die RTL am Mittwochabend durch Kassel treibt – und wieder freut sich die hauseigene Promi-Kaderschmiede auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, etwa für Ben Blümel als Jesus, Nadja Benaissa als Maria, Timur Ülker als Petrus, Jimi Blue Ochsenknecht als Judas und kein Scherz: der Autor dieser Zeilen als Kreuzträger-Komparse, Donnerstag nachzulesen bei DWDL.

Vorher gibt’s aber noch verblüffendes Fernsehen wie das sechsteilige Biopic Kafka. Zum 100. Geburtstag spielt der famose Joel Basman den weltweit meistverkauften deutschsprachigen Schriftsteller im Kreis eines beispiellosen Casts von Lars Eidinger bis Verena Altenberger. Wenn das Erste Dienstag/Mittwoch zwei Dreierfolgen zeigt, dürfte die Quote allerdings nicht nur wegen des morgigen Länderspiels bei RTL mies sein.

So experimentelles, originelles, herrlich wirres Historytainment wie David Schalkos nach Daniel Kehlmanns Buch ist dem Durchschnittspublikum nämlich kaum zuzumuten. Das schätzt eher Krimis wie Signora Volpe. Drei Teile lang ermittelt die britische Geheimagentin im italienischem Urlaubsidyll, und wer dachte, nur Deutsche können derart bescheuerte Ausflugsmorde lösen – hier ist der Gegenbeweis.

Empfehlenswerter ist dagegen – zumindest für Märchenfans – ab Freitag die Disney-Serie Renegade Nell um eine Engländerin mit Superkräften auf ihrer achtteiligen Flucht vor Magie und Machismo der frühen Neuzeit. Und immerhin erwähnenswert: A Bloody Lucky Day, ein zehnteilige Mystery aus Südkorea (Freitag, Paramount+) und zeitgleich bei Apple TV: STEVE!, ein zweiteiliges Porträt des Komikers S. Martin.


Kates Bilder & GoTs Nachfolger

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. März

Man fragt sich angesichts der anhaltenden Debatte um falsche Fotos aus dem Buckingham Palast ja schon, was merkwürdiger ist: Dass Bilder kursieren, die nicht den wahren Zustand von Prinzessin Kate darstellen. Oder dass überhaupt jemand erwartet, es könnte Bilder von ihr geben, die etwas anderes als Fake sind, also – hüstel – der Wahrheit entsprechen. Schließlich ist es seit jeher Teil der erhabenen Wirklichkeit, genau die im Sinne profaner Ansprüche zu gestalten.

Anders gesagt: Ob mit KI, simpler Retusche oder der strikten aristokratischen Angebotspolitik – nichts, was aus Königshäusern nach außen dringt, geschieht zufällig, ist also auch nur annähernd authentisch. Schon drollig, dass selbst seriöse Medien solch ein Aufhebens um den wahren Zustand irgendwelcher Royals machen. Zumindest hierzulande ist da doch weitaus interessanter, was Peter Kloeppel macht.

Aufhören nämlich. Und das ist wirklich mal der Rede wert. Denn als der Henri-Nannen-Schüler 1993 zu RTL ging, war der Sender unseriöser als eine Peepshow unweit seiner Journalistenschule in Hamburg. Peepshows sind mittlerweile zwar verboten und der frühere Marktführer hat auch weiterhin die Seriosität einer vergessenen Unterhose im Stundenhotel. Aber Peter Kloeppel – der stand fast 30 Jahre lang fürs halbe Prozent Anspruch, den sein Arbeitgeber nur kurz mal erfüllen wollte.

Dazu passt, dass RTL dieses Jahr keinen Grimme-Preis kriegt, wie überhaupt nahezu ausnahmslos öffentlich-rechtliche Produktionen prämiert wurden. Wobei geehrt: Dass die Sieger Nichts, was uns passiert, Tamara und Sam – Ein Sachse mit der toxisch-obszönen Macho-Exkulpation Boom Boom Bruno um den Titel beste Fiktion konkurriert haben und weder das sensationelle Historytainment Deutsches Haus noch die herausragende BRD-Doku Capital B gewonnen haben, lässt gehörig am Sachverstand der Jury zweifeln.

Die Frischwoche

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18. – 24. März

Umso mehr steht zu befürchten, dass die Fortsetzung der harmlos depperten Glubschaugen- Satire Miss Merkel, seit gestern bei RTL+ zu sehen, 2025 im Marler Lostopf steckt, während die Fortsetzung der abermals hinreißend originellen Coming-of-Age-Real-Groteske Oh Hell, ab Donnerstag bei Magenta TV, wohl wieder leerausgeht – und damit die letzte fiktionale Eigenproduktion des Streamingdienstes der Telekom.

Das ist wirklich schade, wird vom Konkurrenzprogramm dieser Woche allerdings an den Rand der Aufmerksamkeitsschwelle verdrängt. Parallel startet bei Netflix nämlich 3 Body Problem, und wer die chinesische Romanvorlage nicht kennt: Darin geht es acht Teile lang um fünf Physiker, die mit der möglichen Ankunft Außerirdischer konfrontiert werden. Für geschätzte 25 Millionen Dollar pro Folge wird daraus nun ein opulentes SciFi-Drama.

Wobei schon die Showrunner andeuten, welche Wucht es entfaltet: Die GoT-Macher David Benioff & D.B. Weiss haben sich des angeblich unverfilmbaren Stoffes angenommen und nicht weniger als Kino fürs Fernsehen daraus gemacht, das zum Fettesten zähl, was bislang je gestreamt wurde. Fett vor allem, weil es ein bildgewaltiges, wissenschaftsaffines, aber nie verkopftes Panoptikum zivilisatorischer Ängste entwirft, das nie in billigen Budenzauber abdriftet.

Auf kleinerer Flamme köchelt hingegen ab Freitag in der Mediathek hingegen Friedefeld, nach ARD-Angaben die „erste deutsche Animated Sitcom“. Zehnmal 25 Minuten orientiert sich die Bevölkerung des anarchistischen Zeichentrick-Städtchens um den Prokrastinierer Paul (gesprochen von David Kross) spürbar an Formaten wie Family Guy oder Bob’s Burger, erreicht zwar zu keiner Zeit deren Aberwitz, ist aber ziemlich kurzweilig.

Was auf heitere Art auch für den Comedy-Zehnteiler Palm Royale um Kristen Wiig als gewöhnliche Frau gilt, die in den Siebzigerjahren versucht, im Jet Set von Palm Springs Fuß zu fassen. Und auf ernste Art gilt es ebenso für die deutsche Doku Bittere Früchte, in der Arte in seiner Mediathek unseren irrsinnig umweltfeindlichen, weil ausschließlich egoistischen Nahrungsmittelkonsum unter die Lupe nimmt.


Oppenheimers Oscars & RTLs Reality Stars

Die Gebrauchtwoche

TV

4. – 10. März

Darf man das, der Unterhaltung in Zeiten globaler Krisen Priorität einräumen, im Tsunami reaktionärer Shitstorms also einfach mal arglos durchs Entertainment schippern und eskapistischer Gelassenheit nach Hollywood schalten? Darf man, kann man, muss man sogar! Schließlich sind die Oscars auf apolitische Art hyperpolitisch und dennoch gute Alltagsablenkung.

Schon weil Christopher Nolans subtiler Friedensappell Oppenheimer acht Stück gewann, der lipstickfeministische Zuckerschock Barbie dagegen nur einen für die Musik. Weil das Auschwitz-Kammerspiel The Zone of Interest doppelt prämiert wurde, aber der 75. Teil des Action-Geballers Mission Impossible ebenso oft leerausging. Weil letzteres nicht nur für Sandra Hüller gilt, sondern auch die zwei Netflix-Beiträge Nyad und Maestro.

Das Streaming-Zeitalter dürfte damit zwar nicht vorbei sein, sah aber auch schon mal glänzender aus. Was das lineare Fernsehen aber keineswegs erfreuen sollte. Dort herrscht mal wieder ideologisches Durcheinander. Was nicht nur am öffentlich-rechtlichen Umgang mit Nastassja Kinskis Vorwurf liegt, als halbes Kind zu Nacktszenen Tatort Reifeprüfung genötigt worden zu sein, was der NDR mit sabberndem Hinweis auf den Siebziger-Zeitgeist abgebügelt.

Chaotisch ist auch das Talkshow-Gebaren. Während Olaf Scholz der Legende 3 nach 9 eine furchtbar belanglose Audienz gewährte, hat Uschi Glas im Kölner Treff bei milder Intervention von Micky Beisenherz nämlich das N****-Wort benutzt. Kein gutes Omen Mario Voigts CDU-Plan, Bernd Höcke per Rededuell „zu stellen“. Zumal es in Ulf Poschardts altrechtem Jagdrevier Welt TV stattfände, der sich beim Gedanken an den Kraft-durch-Freude-Machismo à la AfD vermutlich im Porsche selbstbefriedigt.

Ob GDL-Führer Weselsky angesichts seiner Macht über Land und Leute dasselbe im ICE tut, hängt vom Streikplan ab. Der Tarifstreitgegner aber bleibt so konstant in den Schlagzeilen, dass das ZDF die Contenance verliert. Vorigen Dienstag lief eine derart voreingenommene, schlampig recherchierte, bewusst irreführende Ausgabe der Reihe Die Insider, Episodentitel Tricks hinter den Kulissen, dass sie aus der Mediathek verschwand und gern im digitalen Jenseits bleiben darf.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. März

Im digitalen Diesseits gibt’s ja auch so viel zu sehen. Guy Ritchies Netflix-Serie The Gentlemen zum Beispiel, eine Fortführung seines gleichnamigen Films um englische Aristokraten, die an eine Cannabis-Plantage unterm eigenen Landsitz und damit in Teufels Küche der organisierten Kriminalität geraten – was wie immer bei Ritchie routiniert zwischen Gewaltästhetik und Aberwitz kreiselt.

Zumindest letzteres bildet auch das Wesensmerkmal der vierteiligen Rocko Schamoni Supershow des Hamburger Trash-Entertainers (ab Mittwoch, ARD-Mediathek). Auf weniger charmante Art gilt es aber auch für The 50. So viele Cup-D-Promis wie Cosimo Citiolo und Cora Schumacher oder Diogo Sangre und Djamila Rowe versammelt RTL ab heute in einem Schloss zum Get-together der „bekanntesten deutschen Reality-Stars“.

Und ehrlich: das ist exakt so schrecklich, wie es klingt. Besser als alle spontanen Vorurteile, die ein Endzeit-Thriller namens Helgoland 513 um den Kampf der Überlebenden einer globalen Katastrophe auf der deutschesten aller Inseln hervorruft, ist da die siebenteilige Dystopie ab Freitag bei Sky. Weitaus schlechter gerät demgegenüber das fünfteilige Neo-Original Bauchgefühl.

Schade eigentlich. Denn Laura Berlin als abtreibungswilliger Thirty-Something, die es ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek mit einer paternalistisch-ignoranten Gesellschaft zu tun kriegt, hat alles für ein tiefgründiges Stück über deutsche Doppel- bis Dreifachmoral. Leider klotzt sie stattdessen mit billigen Klischees. Was parallel vermutlich auch für die Anwaltsserie Mandat für Mai an gleicher Stelle gilt.

Daher noch drei ehrliche Tipps: Der Achtteiler The Brigade (Dienstag, Magenta TV) um eine extrem diverse Pariser Eliteeinheit und was die Nähe zur Kriminalität mit Kriminalitätsbekämpfenden macht. Der Siebenteiler Nach dem Attentat (Freitag, Apple TV) um die Jagd auf den Mörder von Abraham Lincoln 1865. Und Robot Chicken (Samstag, Comedy Central), eine Stop-Motion-Variation von Star Wars, die man eigentlich nur lieben kann


Florian David Fitz: Terror & Signale

Jeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf

Fitz

Florian David Fitz (Foto: Anika Molnar/Netflix) war lange der schludrige Lover vom Dienst. Seit Terror wurde er spürbar ernster – und darf jetzt den Witwer einer Astronautin im vierteiligen SciFi-Drama Das Signal bei Netflix spielen. Ein Gespräch über deutsche Mystery, die Angst vorm Fremden und ob eigentlich alles gut wird.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Fitz, Netflix kündigt Das Signal als Science-Fiction-Mystery-Thriller an. Aber ist nicht eigentlich ein gesellschaftskritisches Familiendrama?

Florian David Fitz: Naja, das ist genau, was ich von Anfang an am Stoff mochte. Er ist beides. Das kleine Drama im großen Ganzen: das Rätsel, das die abgestürzte Astronautin der Welt hinterlässt, und das ganz kleine Drama ihrer Tochter, um die sich der hinterbliebene Vater fortan allein kümmern muss, während er versucht das Rätsel zu lösen.

Konnten Sie dafür auch ein bisschen aus ihrem Privatleben als Familienvater schöpfen?

Klar hilft das. Das ist ja das Schöne am Schauspielen. Jeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf. Aber unsere Gefühle kleinen Kindern gegenüber, kommen doch direkt vom Stammhirn. Das kann jeder nachvollziehen. Ich musste auch mit 17 schon heulen, als Meryl Streep sich bei Sophies Entscheidung an der Rampe im KZ für eines ihrer Kinder entscheiden soll. Das lässt keinen fühlenden Menschen unberührt. Was eigene Kinder allerdings bewirken: Sie machen einen empfindlicher.

Inwiefern empfindlicher?

Jetzt kann ich mir die Szene in Sophies Entscheidung nicht mal mehr anschauen. (lacht)

Machen Kinder auch optimistischer? Ihr Sven sagt allein in der ersten Folge mindestens achtmal zu Charlie, alles wird gut, obwohl gar nichts gut wird.

Vielleicht sagt sich Sven das Mantra auch selbst vor, damit er durchkommt. Aber darum geht es in der Serie: Du kannst dein Kind nicht vor der Wahrheit schützen, indem du die Unwahrheit sagst, musst aber auch abwägen, was man ihm zumuten kann. Das ist unglaublich schwer, abzuwägen.

Sind Sie denn eher der Wahrheits- oder der Beschwichtigungstyp?

Als Vater weiß ich das noch gar nicht, dafür sind meine Kinder zu klein. Aber als Mensch bin ich definitiv kein Beschwichtigungstyp (lacht). Ich sage nie, alles wird gut, wenn es schlecht zu werden droht. Was aber nicht heißt, dass ich ein Pessimist bin. Mir kommt es in der aktuellen weltpolitischen Lage nur so vor, dass wir immer mal wieder im Dreck unserer Geschichte landen müssen, um etwas zum Besseren zu verändern. Wir müssen beim Baden im Meer den Mund voller Plastik haben, damit wir merken, davon zu viel zu produzieren. Wir haben einen klugen Kopf auf den Schultern, aber….

Holen aber nicht das Optimum raus.

Milde ausgedrückt nein. Aber vielleicht hängen wir das mit der Vernunft zu hoch. Die Vernunft kostet uns viel. Sie entspringt uns nicht unbedingt mühelos. Wir sind intelligente Tiere. Schwierige Kombination.

Transportiert die Netflix-Serie diesbezüglich Botschaften?

Was meinen Sie denn?

Eine Botschaft könnte die Angst vorm Fremden sein und wie sehr sie uns im Wege ist.

Unbedingt. Und je weiter die Serie fortschreitet, desto mehr. Verkörpert unter anderem ja von meiner Figur. Ein Zyniker, der als Geschichtslehrer nach der Maxime lebt, der Mensch ist des Menschen Wolf, während seine Frau eher der philanthropische Typ ist. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte, aber es bleibt mühsam mit unserer Spezies. Und auch deshalb gibt die Serie keine Wahrheiten vor, sondern lässt ständig alle Interpretationsräume offen.

Dabei geht Das Signal angesichts der geringen Aufmerksamkeitsspanne heutzutage ein großes Risiko ein. Die Serie ist nämlich unfassbar langsam und leise.

Finden Sie? Eigentlich passiert ja ständig etwas, die Wahrheiten drehen sich dauernd auf den Kopf. Aber eben nicht unbedingt actionmäßig. Spannung und Tempo sind ja nicht dasselbe. Ich hätte Angst, wenn Sie sagen würden, es ist langweilig. Genau deshalb ist die Bildsprache leiser Science-Fiction wie Gravity oder Interstellar sinnlich, aber zugleich spannend. Und das gilt meines Erachtens auch fürs Signal.

Stand für Sie als Ko-Autor dabei je im Raum, dass Sie den Astronauten spielen und Peri Baumeister die daheimgebliebene Geschichtslehrerin?

Nee, nie. Natürlich steckt auch ein emanzipatorisches Element darin, klassische Rollenmuster aufzubrechen, aber wir wollten den unkonventionellen und damit auch interessanteren Ansatz, ohne ein Riesenthema daraus zu machen. Wobei Home-Dads ja mittlerweile ebenso wenig die absolute Ausnahme sind wie geniale Wissenschaftlerinnen.

Dafür steht bei Ihnen jetzt noch immer Astronaut auf der To-do-Liste, den sich nicht nur Jungs wünschen, wenn sie beschließen, Schauspieler zu werden…

Natürlich war ich ein bisschen eifersüchtig auf Peri, aber dafür war meine Arbeit verglichen mit ihrer auch ungleich entspannter. Was sie technisch für ihre Figur leisten musste, war extrem anspruchsvoll.

Ist ihre Umgebung im Raumschiff komplett animiert oder wurde viel Kulisse geschoben?

Obwohl bei solchen Einstellungen naturgemäß CGI im Spiel ist, war auch viel Handarbeit dabei oder eben eine Mischung aus beidem. Etwa Schwerelosigkeit dadurch zu simulieren, dass die Darsteller auf einer Wippe sitzen, Oldschool Hollywood. Witzigerweise sah das richtig gut aus. Aber alles andere hätte unser Budget aber auch gnadenlos überschritten. (lacht)

Das dennoch eher im oberen Drittel deutscher Produktionen als darunter lag, oder?

Zahlen kann ich nicht nennen, aber es war definitiv keine billige Serie. Netflix will zwar zunächst mal den lokalen Markt ansprechen, aber laut Feedback fühlt sich die Serie schon international an. Dark hat schließlich gezeigt, dass deutsche Produktionen auch im Ausland funktionieren können.

Bis Sie Mitte der Zehnerjahre Die Lügen der Sieger und vor allem Terror gemacht haben, waren Ihre Rollen oft leichter, gern auch komödiantisch. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich weiß gar nicht, ob diese Beobachtung so pauschal stimmt, denn ich versuche auch Komödien immer mit Härte und Schmerz zu versehen. Deshalb waren meine Komödien zwar leicht, aber Leichtigkeit und Flachheit sind ja unterschiedliche Dinge. Das lag allein schon an der Themenauswahl. Ob es um Transsexualität ging, das Tourette-Syndrom oder den Tod – ich habe kaum Filme gemacht, bei denen es nicht auch ums Eingemachte ging. Humor war da oft nur der Haken, um die Leute ins Kino zu ziehen.

Gibt es dennoch eine Art Altersweisheit, die komödiantische Schauspieler ab 40 in ernstere Stoffe bringt?

Nein, denn ich habe auch früher schon ernstere Sachen gemacht, die hat nur kein Arsch gesehen. Obwohl, nicht mal das stimmt. Terror – Ihr Urteil lief sehr gut. Aber stimmt schon: seit Vincent will Meer

Wofür Sie 2010 erstmals auch das Drehbuch geschrieben haben.

… ging es eigentlich immer um was Tieferes. Mittlerweile glaube ich, dass es gar nicht so trivial ist, was wir machen: Wir setzen die Leute 90 Minuten in ein anderes Leben, lassen sie die Erfahrungen anderer Menschen machen. Das relativiert viel in unserem eigenen Leben, und lässt uns ab und an über den Tellerrand gucken. Das empfinde ich als sehr befriedigend.