Posted: October 6, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
29. September – 5. Oktober
Es ist in den Tagen nach Pete Hegseths Sportpalastrede (ohne Applaus) und Jimmy Kimmels Talkshowrückkehr (mit Rekordquote) nicht so einfach, bundesdeutsche Fernsehbefindlichkeiten sonderlich ernst zu nehmen. Aber sie sind es – davon weiß Jan Böhmermann, dem das ZDF passend zum derzeitigen Druck auf politisch anstrengende Komiker die Sendezeit kürzen will, gerade ein Lied zu singen. Seit mehr als zehn Jahren teilt der Polizistensohn gegen alles aus, was er außerhalb seines eigenen, relativ engen Meinungskorridors verortet.
Das macht angreifbar. Und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Pointen werfen. Der Cancelshitstorm, durch den er sich gerade kämpft, sagt jedoch mehr über die Gesellschaft, in der wir uns unterhalten lassen, als ihren aktuell wirkmächtigsten Entertainer aus. Weil der ideologisch bislang eher unauffällige Chefket blöd genug war, ein Trikot mit Palästina ohne Israel drauf zu tragen, sprang Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit Jens Spahn übers populistische Stöckchen und forderte Böhmermann auf, den Rapper von einem Konzert zum 2. Jahrestag des Hamas-Massakers am 7. Oktober auszuladen, das Böhmermann im Rahmen seiner Ausstellung Die Möglichkeit der Unvernunft organisiert.
Darauf tat unsere Erregungsökonomie, wir ihr getriggert, und drängte – nein, nicht zur inhaltlichen Debatte, sondern das restliche Line-up von Wa22ermann bis Blumengarten, solidarisch abzusagen. Zensur! schallte es da aus allen Foren. Ein drolliger Vorwurf. Kritik an Netanjahus Krieg trennscharf von Antisemitismus zu unterscheiden, traut sich heutzutage ja nicht mal mehr akademisches Fachpersonal. Aber dass Böhmermann ausgerechnet kulturpolitischen Rechtsauslegern gehorcht, ist schon auch von bedenklicher Rückgratlosigkeit.
Gut, dass sich die Branche mit ihm solidarisiert und … ach nee – außer Qualitätsfeuilletons diskutiert niemand aus Böhmermanns Branche sachlich mit. Auch nicht Louis Klamroth, der dem Vernehmen nach lieber „mit neuen, innovativen Formaten den politischen Diskurs weiterentwickeln“ will, um der ARD „jüngere Zielgruppen“ zu erschließen, „die klassisches Fernsehen nicht mehr nutzen“. Tja, Louis – die suchten lieber TikTok. Jenen Messenger also, den mit Larry Ellison gerade der nächste Trump-Vasall übernimmt.
Die Frischwoche
6. – 12. Oktober
Dazu drängt sich ein Zitat des Horror-Regisseurs Tobe Hooper in der Netflix-Serie Monster auf: „Ich mache keinen Film, den dieses Land will. Ich mache einen Film, den dieses Land verdient.“ Er spricht vom Texas Chainsaw Massacre. Ein Kettensägen-Gemetzel von expliziter Bestialität, dessen Vorbild der schizophrene Serienmörder Ed Gein war, dem wiederum die dritte Staffel der Biopic-Reihe gewidmet ist. Wobei sie mehr als Dahmer oder Lyle und Eric Menendez über Hollywood, Real Crime, uns alle zu sagen hat.
Ebenfalls schon auf Sendung: Die ARD-Serie Naked mit Svenja Jung als Co-Abhängige des sexsüchtigen Noah Saavedra, deren toxische Obsession bis zur Belastungsgrenze obsessiv ins Bild gesetzt wurde. Dazu Euphorie, deutsches Spin-Off der nahezu gleichnamigen, aber nicht identischen Highschool-Legende. Was Headautor Jonas Lindt auf RTL+ aus dem israelischen Original über die selbstzerstörerische GenZ macht ist aber nicht nur eigensinnig, sondern herausragend.
Dieses Niveau kann Hundertdreizehn nicht ganz erreichen. Das sechsteilige Experiment um die Zahl von 113 mittelbar Betroffenen jedes tödlichen Verkehrsunfalls ist ab Freitag in der ARD-Mediathek zwar gut geschrieben, gespielt, inszeniert. Leider setzt es die statistische Disposition statistisch unter Druck einer verlustreichen Massenkarambolage und erhöht ihn obendrein durch die Who-Dunnit-Dramaturgie im Anthology-Format. Ein bisschen mehr Understatement hätte ihm gutgetan. Die Kernkompetenz von 7 vs. Wild gewissermaßen.
Die Teilnehmer des 5. Real-Life-Abenteuers verschlägt es Dienstag erstmals bei Prime an den Amazonas. Und wieder dürfte ihm die Reduktion aufs Wesentliche zu hoher Güte verhelfen. Das gilt auch für den ARD-Mittwochsfilm Nichte des Polizisten, der das NSU-Opfer Michelle Kiesewetter extrem präzise porträtiert. Und sonst? Netflix rückt tags drauf Victoria Beckham ins eigene Rampenlicht. Disney+ startet zeitgleich die Mystery-Serie Playing Gracy Darling und Paramount+ 24 Stunden später den zehnteiligen Knast-Thriller Remnick aus dem Gefrierschrank Alaska.
Posted: October 2, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: Uncategorized |
Ich bin bis heute keine Rampensau
Rund um die Jahrhundertwende war sie Liebling, aber auch Prellbock der jungen Aufmerksamkeitsökonomie. Die ARD-Doku Being Franziska van Almsick zeigt, wie die Weltklasseschwimmerin durchs mediale Fegefeuer gegangen ist. Ein Interview mit der 47-Jährigen über Versöhnung, Realismus und die Gnade einer frühen Geburt.
Von Jan Freitag
Frau van Almsick, ich bin ein Journalist und Sie sprechen trotzdem mit mir. Was sagt das über Sie als Person des öffentlichen Lebens aus?
Franziska van Almsick: (lacht) Na, dass ich kein Problem damit habe, mit Journalisten zu sprechen. Das hatte ich auch noch nie. Ich finde es schön, wenn sich Menschen für das, was ich tue, interessieren, mit oder ohne Presseausweis. Oder was meinen Sie denn?
Dass Ihre Erfahrungen mit der Presse in den Neunzigerjahren so negativ waren, dass Sie sie seither meiden…
Ach, das ist jetzt 30 Jahre her und mir geht’s wirklich gut, glauben Sie mir. Daher freue mich doch eher darüber, dass Sie sich für mich und diese Dokumentation interessieren. Ich bin mit der Zeit von damals wirklich versöhnt.
Also nicht nur mit damit, kein olympisches Gold gewonnen zu haben, wie Sie Ende der dritten Folge einräumen?
Nein, auch mit der Presse. Und wir hatten ja nicht nur schlechte Zeiten miteinander, sondern auch gute. Dort, wo ich heute stehe, mit diesem Bekanntheitsgrad, würde ich ohne sie ja nicht stehen, und könnte entsprechend keine Charity-Projekte mit meinem Namen unterstützen, die mir wichtig sind. In der Medienbranche herrscht immer ein Geben und Nehmen. Da habe ich anfangs vielleicht ein bisschen viel eingesteckt.
Insbesondere von der Boulevardpresse wie Bild oder B.Z., die Ihnen regelmäßig bis tief unter die Gürtellinie eingeschenkt haben. Stichwort „Franzi van Speck“. Sogar mit denen sind Sie im Reinen?
Das, was passiert ist, lässt sich nicht ungeschehen machen. Ich habe aus all dem aber gelernt. Heute findet mein mir wichtiges Privatleben außerhalb der Öffentlichkeit statt.
Hat diese Gelassenheit auch mit Ihrer Persönlichkeitsstruktur zu tun?
Ich bin jedenfalls kein nachtragender Mensch. Eher ein realistischer. Und ich kann gut reflektieren und schaue auch bei negativen Berichten: was könnte daran wohl stimmen? Vielleicht sind deshalb ja eher die positiven Aspekte der Berichterstattung bei mir hängengeblieben. Damals war eben einfach eine andere Zeit. Und wir hatten auch viel Spaß miteinander. Ich war ja schon damals ein etwas anderer Typ als viele andere im Rampenlicht.
Inwiefern?
Ich bin in der DDR aufgewachsen, da zählte nur der sportliche Erfolg, nicht Geld oder Ruhm Alles, was darüber hinaus passiert ist, ist einfach passiert. Natürlich gab es dafür irgendwann ein Management, Werbeverträge und alles. Aber ich habe lieber meine Ruhe und bin bis heute keine Rampensau.
So gesehen hatten Sie ja geradezu Glück, in der analogen Medienwelt großgeworden zu sein. Für Facebook und TikTok wären Sie förmlich ein Schlachtopfer gewesen!
Absolut. Ich bin auch deshalb heute nur dann in den sozialen Medien unterwegs, wenn es um meine Projekte geht. Der Umgang dort ist oft schnelllebig, laut und wenig nachhaltig, das war nie meine Welt. Umso schöner ist es, wenn man mich heute in einem Atemzug mit Sportgrößen wie Boris Becker, Steffi Graf, Jan Ulrich oder Michael Schumacher nennt.
Wobei die Öffentlichkeit eher über diese Stars redet als mit ihnen. Holen Sie sich mit dieser Dokumentation auch ein Stück weit Kontrolle übers eigene Narrativ zurück?
Das war jedenfalls nicht meine Motivation, denn wer mit meinem Namen noch was anfangen kann, hat ohnehin meist eine feste Einstellung zu mir. Die ARD ist mit der Doku übrigens auf mich zugekommen, nicht umgekehrt. Das Ergebnis gefällt mir aber ausgesprochen gut. Und es ist nicht nur ein Porträt von mir, sondern eines der damaligen Zeit. Die war zwar in vielerlei Hinsicht völlig anders als heute, bringt aber dieselben Lehren hervor.
Welche wären das?
Das Leben ist für die Wenigsten ein Zuckerschlecken. Und hinfallen ist völlig okay, solange man wieder aufsteht. Niederlagen gehören gerade im Sport unwiderruflich dazu. Wer wirklich Erfolg haben will, muss deshalb weitermachen. Immer weitermachen.
Lernen wir darüber hinaus etwas in der Serie über Sie, was die Öffentlichkeit bis dato nicht wusste?
Das müssten sie mir sagen. Ich glaube aber, wer mich über all die Jahre begleitet hat, wird keine großen Überraschungen erleben.
Haben Sie denn selber etwas Neues über sich erfahren?
Am ehesten vielleicht, wie reflektiert und am Ende auch entspannt ich schon als Teenager oft war und wie viel ich damals verkraften konnte. Vielleicht bin ich auch deshalb so versöhnt mit mir und meiner Karriere.
Was würden Sie Neulingen beim Umgang mit Medien heutzutage denn mit auf den Weg ins Rampenlicht geben?
Authentisch zu bleiben, auch wenn das Mut erfordert. Wie sagte meine Mutter so schön: Wer mit den Medien rauffährt, fährt auch wieder runter. Sich und anderen dabei nichts vorzuspielen, ist natürlich ein Risiko, weil es angreifbarer macht. Trotzdem ist Authentizität mit einer gesunden Portion Vorsicht besser, als in der Öffentlichkeit Masken zu tragen. Das merkt man nämlich ganz genau.
Being Franziska van Almsick, 3×30 Minuten, ARD-Mediathek
Posted: October 1, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Gefräßige Fernsehrevolution
Stefan Raab (Foto: RTL) hatte einst frischen Wind durchs Leitmedium linearer Tage geblasen. Sein Primetime-Comeback bei RTL zeigte vorigen Mittwoch, wie lange das her ist. Ein Appell zur drohenden Fortsetzung heute Abend, endlich abzutreten.
Von Jan Freitag
Im weitverzweigten Flussdelta der Niedertracht, dümpelt eine weithin unterschätzte Diffamierung durchs Wasser. Sie nennt sich „Ageism“ und bezeichnet abwertende Haltungen aufgrund unvermeidbarer Alterungsprozesse. Normalerweise verbietet es sich da von selbst, Menschen aufgrund der Zahl ihrer Falten und Jahre herabzuwürdigen. Bei einem allerdings machen wir an dieser Stelle schon deshalb kurz die Ausnahme, weil er sein humoristisches Arsenal eigentlich nur noch mit Diffamierungen von variierender Niedertracht munitioniert: Stefan Raab.
Stefan wer, fragen die Generationen Z bis Alpha da womöglich. Stefan, kurz zur Aufklärung, der 1993 das deutsche Musikfernsehen und sechs Jahre später die Mainstream-Comedy revolutionieren half. Wobei die Zeitspannen allein bereits andeuten, dass diese Revolution ihr frechstes Kind längst gefressen hat. Und dem anhaltenden Verdauungsprozess wohnen wir zurzeit auf RTL bei, wo der begnadete Entertainer nach drei Jahrzehnten ProSieben gerade sein Lebenswerk verfüttert.
Ein paar Appetithäppchen gab es in der Vorwoche, als Die Stefan Raab Show fünfmal 15 Minuten lang zur immer noch besten Sendezeit um 20.15 Uhr lief. Das Konzept? Tja… Grob erinnerte es an seine Comedy-Legende TV total, wo er bis 2012 das zeitgenössische Fernsehprogramm kommentierte. Gröber war es bereits zum Auftakt vor zehn Tagen eine Dauerwerbesendung für RTL-Formate oder Bully Herbigs Kinofilm Kanu des Manitu. Am gröbsten war jedoch Raabs Rap-Variante der deutschen Nationalhymne zwischendurch, bei der man sich vor Fremdscham gern in Sarah Connors Sickergrube verkrochen hätte.
Schwer zu glauben, dass die gestrige Langversion dieser Live-Zumutung noch schlimmer werden könnte als ihre viertelstündigen Teaser zuvor. Aber es wurde schlimmer. Sehr viel schlimmer. So schlimm, dass er zum Premierenthema „Bodybuilding“ fünf Muskelpakete plus Horst Lichter eingeladen hat, aber keinen Kritiker der umstrittenen Anabolika-Cocktailparty, geschweige denn einen Mediziner. Inga Lescheks Reklame für „bestes Entertainment, Humor, Neugier und die scharfzüngige Einordnung der Woche“, kam also nicht zufällig ohne Begriffe wie „Relevanz“ oder „Niveau“ aus.
Warum die RTL-Inhaltsverantwortliche „Fremdscham“ und „Inkompetenz“ vergessen hatte, lässt sich da nur mit dem Zeugnisverweigerungsrecht aller Angeklagten erklären. Umrahmt von handgezählten 750 Ähs unterschiedlicher Länge, eröffnet Raab die Show mit einer 7,5-minütigen Sketch-Attrappe darüber, wie sein Langhaarschneider bei der morgendlichen Kopfrasur versagt hat. Mangels Pointen versagte dann selbst das handverlesene Saalpublikum dem Studio-Einpeitscher die Gefolgschaft. Dabei sind geschätzt zwei Drittel der Besucher unübersehbar selbst Bodybuilder, die Raab nur in Gestalt einer Straßenumfrage mit sanfter Kritik am Körperwahn behelligt.
Der Staffelstart lässt sich deshalb nur als Verbeugung vor einer Manosphere genannten Klientel traditionsbewusster Pfundskerle deuten, die vom traditionsbewussten Pfundsmoderator mit patriarchal geprägter Folklore versorgt wurden. Dad-Jokes wie „Louis Armstrong, der erste Trompeter auf dem Mond“ stammen schließlich noch aus Stefans Köln-Sülzer Kindheit. Kalauer über Gartenzaunstreitereien, den ZDF-Fernsehgarten oder das Oktoberfest haben ebenso grauen Bartwuchs. Und wenn der Gastkomiker Robert Geiss in drei Minuten Trash-TV humoristisches Fatshaming plus Homophobie und Agism betreibt, hat Die Stefan Raab Show erfolgreich um Applaus von rechtsaußen gebettelt.
Nach furchtbar zähen 75 Minuten, in denen der Moderator keinerlei erkennbares Interesse an Thema, Gästen, der Realität, aber umso mehr an sich selber zeigte, hinterlässt Stefan Raabs Rückkehr also zwei grundsätzliche Fragen. Worum genau ging es da zwischen GZSZ und stern TV eigentlich noch mal? Und wann tritt dieser hochverdiente Bilderstürmer linearer Fernsehtage eigentlich ab? Ungeachtet der Diffamierungen Schwächerer, waren Formate wie TV total oder die Wok-WM ja doch Meilensteine des dualen Systems. Seine Liebe zur Musik stach angenehm aus dem Konservenprogramm anderer Kanäle hervor. Außer ihm konnte 1998 folglich niemand so glaubhaft den dahinsiechenden ESC retten.
Dass der NDR den Gesangswettbewerb künftig wieder ohne seinen Heilsbringer organisieren will, sollte ihm hier allerdings zu denken geben. Die sang- und klanglose Beerdigung von „Du gewinnst hier nicht die Million“ sowieso. Nur Monate nach ihrer Premiere hatte RTL im Juni schließlich die notorisch quotenschwache „Entertainment-Quiz-Competition-Show“ abgesägt. Hauptgrund: Stefan Raab hat seinen Instinkt verloren. Fürs herkunftsunabhängige Maß an Respektlosigkeit. Für schlagfertigen Humor. Letztlich also: für gute Unterhaltung.
Jimmy Kimmel kann ihn in seiner zurückgekehrten Late-Night-Show daher noch so sehr für ein drolliges Job-Angebot loben: Raab ist von vorgestern. Ein Grund mehr, übermorgen keine Sende-, also Lebenszeit mehr mit ihm zu vergeuden. Irgendwann war es irgendwie mal lustig mit dir, lieber Stefan. Aber jetzt genieß doch bitte endlich deinen wohlverdienten Ruhestand. Das ist kein Agism, sondern einfach höchste Zeit.
Posted: September 22, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
15. – 21. September
Wer weiß eigentlich noch, wo ihr/ihm der Kopf steht in dieser buchstäblich verrückten Zeit? Rein anatomisch auf den Schultern, schon klar. Medienpolitisch dagegen wird er mittlerweile so durchgeschüttelt, dass zusehends weniger seriöse Information hineingelangt. Gehaltvolles Politainment zum Beispiel, das in den USA nur noch wenige Late-Night-Shows gewährleisten. Bis Donnerstag. Da hat die ABC auf Geheiß von Disney-CEO Bob Iger persönlich den Talk-Host Jimmy Kimmel suspendiert.
Dabei hatte er Charlie Kirk noch nicht mal kritisiert. Aber wer dem chauvinistischen Fundi, nach deutscher Lesart ein Neonazi, nicht bedingungslos huldigt, betreibt in den USA 2025 geradezu Gotteslästerung. Wobei sie die rechte Cancel Culture nur oberflächlich begründet. Liberale Stimmen abzuschalten ist Teil einer totalitären Agenda, der nach Colbert und Kimmel demnächst auch Fallon und Meyers zum Opfer fallen. Daran lässt Trumps Zensor Brenden Carr keinen Zweifel.
Selbst Elmar Theveßen ist wegen zweier eher banaler Fehler seiner Berichterstattung über Kirk ins MAGA-Fadenkreuz geraten. Während journalistische Visa von fünf Jahren auf acht Monate verkürzt werden sollen, droht dem ZDF-Korrespondenten die Ausweisung. Und dass der US-Präsident parallel die NYT auf 15 Milliarden Dollar Schadensersatz wegen was auch immer verklagt, erweitert seinen Rachefeldzug auf den Print-Bereich. Immerhin hat ein Bundegericht entschieden, dass die Klage unzulässig sei. Amerika 2025.
Wobei niemand denken sollte, in Deutschland sei alles besser. Dass sich Dunja Hayali infolge radikalisierter Shitstorms gegen grundsoliden Journalismus zeitweise vom Bildschirm zurückzieht, lässt Schreckliches befürchten. Daran ändert wenig, dass der NDR Julia Ruhs als Klar-Moderatorin durchs Bild-Gewächs Tanit Koch ersetzt. Der BR hält hingegen an der politisch, vor allem aber journalistisch umstrittene Rechtsauslegerin fest.
Angesichts der globalen Gefahr, in den Autoritarismus zurückgefallen, fällt es schwer, das Tagesgeschäft zu beleuchten. Aber dass Adolescense acht Emmys abräumen konnte, wirft eigentlich nur eine Frage auf: warum hat Hauptdarsteller Owen Cooper den Preis als Nebendarsteller bekommen? Und damit zu RTL: hättet ihr statt einer Dauerwerbesendung mit Stefan Raab nicht einfach so 15 Minuten Reklame täglich fürs Kanu des Manitou machen können? Das hätte der Menschheit einiges erspart.
Die Frischtwoche
22. – 28. September
Womöglich sogar das Langformat der Stefan Raab Show am Mittwoch, die den Showmaster hoffentlich schnell aufs wohlverdiente Altenteil befördert. Er hatte seine Zeit. Sie ist lang vorbei. Stefan, bitte geh! Es gibt so viel Besseres zu sehen. Theoretisch sogar bei Disney+, von dessen Finanzierung durch Abos wir an dieser Stelle hier allerdings abraten – opfert der Konzern durch Jimmy Kimmels Absetzung auf dem Altar des Entertainments doch die Demokratie. Shame on you!
Aber es gibt ja Alternativen. Arte zum Beispiel, das dem Großregisseur Werner Herzog ab heute mit dem KI-Experiment About A Hero huldigt und Dienstag die wirkmächtige Doku Missbrauch in der Welt der Online-Spiele der Beetz-Brüder zeigt. Oder das Erste, dessen Mediathek sich am Donnerstag an einer Reality-Gameshow namens Werwölfe versucht und tags drauf im französischen Sechsteiler Sea Shadows einen Umwelt-Thriller mit Mystery andickt. Oder das ZDF, wo The Pain Killers parallel die Machenschaften der Pharma-Industrie acht fiktionale Folgen lang auf niederländische Unternehmer ausweitet.
Selbst Amazon Prime, das auch nicht unbedingt für Demokratie und Pluralismus steht, in Jeff Bezos aber einen Herrscher hat, der seine Washington Post vorerst nicht freiwillig vom Markt nimmt, darf man an dieser Stelle empfehlen. Dort startet am Mittwoch Hotel Costiera, eine Action-Variante von The White Lotus, bevor The Summit 7 vs. Wild mit richtigen Promis auf Neuseeland ausweitet.
All dies aber steht im Schatten der besten Serie dieser abermals schrecklichen Woche: The Savant, ein bedrückend brillanter AppleTV+-Thriller, der die USA am Rand des Bürgerkriegs in Gestalt einer IT-Agentin (Jessica Chastain) illustriert, die sich in rechte Chatrooms hackt. Fantastisches Politainment – das bei Disney+ künftig kaum noch laufen dürfte, so wenig wie es Donald Trump huldigt.
Posted: September 15, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
8. – 14. September
Es ist schon bemerkenswert, wie viel Anstand die Unanständigen, wie viel Humanismus die Menschenfeinde, wie viel Liebe die Hater von uns verlangen, falls einer der ihren dem Tod von der Schippe springt oder wie im Falle Charlie Kirks eben auch nicht. Hätte die Staatsanwaltschaft, von der El Hotzo für dessen Freude übers Ableben amerikanischer Faschisten angeklagt wurde, wohl auch jemanden belangt, der sich Adolf Hitlers Tod wünscht oder wem darf man öffentlich ungestraft das vorzeitige Ableben wünschen?
Die Frage ist polemisch, zugegeben. Aber wer sich die merkwürdige Verklärung des rechtsextremen Anschlagsopfers zum mal konservativen, mal Trump-nahen Influencer betrachtet, wünscht sich vielleicht ein ganz kleines bisschen mehr El Hotzo in der Tagesschau. Oder zumindest den Mut, Nazis als das zu benennen, was sie selbst angesichts der zivilisatorischen Übereinkunft, seine Gegner normalerweise nicht zu töten, halt immer noch sind: Nazis.
In diesem Sinn suchen wir bei der Verleihung der Deutschen Fernsehpreise mal nach Formaten mit Typen wie Kirk oder ihren Urahnen, werden aber nicht fündig. Selbst unter den Nominierten der Kategorie Information – null brauner Thrill von gestern, heute, morgen. Dafür viele richtige und ein paar falsche Entscheidungen. Krank Berlin als beste Dramaserie auszuzeichnen war zum Beispiel ebenso zwingend wie der für Bilal Bahadırs Drehbuch von Uncivilized.
Aber bitte – Achtsam morden soll komödiantisch besser sein als Angemessen Angry oder Tschappel? Marie Furtwängler besser geschauspielert haben als Marie Bloching, Haley Louise Jones oder Melodie Simina in Schwarze Früchte? Und Tim Mälzers klischeetriefende Herbstresidenz war allen Ernstes das beste Factual Entertainment? Dahinter stecke wie immer viel Proporzdenken – deshalb haben ARD und ZDF sieben und acht Preise gekriegt, aber von RTL (4) bis AppleTV+ (1) eben auch alle anderen mindestens einen.
Echte Überzeugung lieferte tags drauf der Deutsche Radiopreis. Auf einer selbstverliebten, aber geerdeten Gala wurde in Hamburg nicht nur, wie die Süddeutsche Zeitung urteilt, Nahbarkeit prämiert. Sondern Kreative und ihre Sendungen, die bei allem Dudelfunk täglich herzblutgetriebene Arbeit ohne Prominenzboni abliefern. Und das obendrein gern im Auftrag kleiner Provinz-Kanäle, die aufopferungsvoll gegen die Widrigkeiten unserer Zeit ansenden.
Die Frischwoche
15. – 21. September
Umgekehrt gilt das auch für öffentlich-rechtliche Mediatheken, die aufopferungsvoll gegen amerikanische Riesenportale anstreamen. Das Erste zum Beispiel, wie Evil-E zeigt. Die Doku spürt der Deutschen Eva Ries nach, die einst den Wu-Tang Clan zur festen HipHop-Größe machen half. Selbst Medicals gelingen der ARD, wenn sie online first laufen wie David & Goliath, worin die wunderbare Lou Strenger vorerst zwei Filme lang ein neues Feld betritt: als Personalpsychologin eines Essener Krankenhauses.
Ansonsten gibt es viel Neues aus den USA. Jude Law etwa als Restaurant-Betreiber der Netflix-Serie Black Rabbit ab Donnerstag. Tags drauf die klaustrophobische Kapitalismuskritik Der Milliardärsbunker in acht Teilen aus Spanien. Oder zeitgleich bei Disney+ Swiped, das Porträt der Erfinderin des Dating-Portals Tinder und ihr einsamer Kampf im Männerhaifischbecken Silicon Valley.
Ansonsten startet Mitte der Woche bei arte.tv Faithless, das sechsteilige Remake von Ingmar Bergmanns legendärem Selbstporträt Trolösa aus dem Jahr 2000. Kurz darauf macht Amazons revisionismusanfälliger Wehrmachtsfiebertraum Der Tiger vor der Prime-Ausstrahlung einen Kino-Abstecher. Und die deutsch-türkische Netflix-RomCom She Said Maybe spielt parallel witzigerweise in einer Türkei ohne Diktator.
In einem Russland mit Diktator spielt hingegen die ZDF-Doku Der Pate von St. Petersburg. Drei Teile skizziert sie ab Sonntag in der Mediathek den Aufstieg Wladimir Putins zum faschistoiden Warlord, gegen den selbst Leonid Breschnew liberal wirkt. Letzter Tipp: The Woddafucka Thing, eine Berliner No-budget-Ganoven-Komödie mit der fabelhaften Dela Dabulamanzi, die 2024 für den Deutschen Schauspielpreis nominiert war. Samstag bei One oder in der ARD-Mediathek.
Posted: September 10, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
1. – 7. September
Bad News are bad News: Obwohl die marktbeherrschende Macht der Suchmaschine weltweit unverkennbar ist und damit gegen jedes erdenkliche Kartellrecht verstößt, wird Google nicht zerschlagen. Good News are, nun ja, better News than bad News: Trotzdem hat ein US-Bundesgericht dem Mutterkonzern Alphabet spürbare Auflagen verordnet. Wettbewerbern gleiche Zugangsmöglichkeiten zu gewähren etwa. Na, immerhin.
Was das am Ende in der Kommunikationsbranche wert sein könnte, hat der Big Tech Vasall im Weißen Haus nur Tage später klargemacht: Als die EU-Kommission Google zu Milliardenstrafen verurteilte, drohte Donald Trump für das, was seine Justiz bestätigt neuerliche Strafzölle an. Und das wiederum Tage, nachdem er verkündet hatte, ABC und NBC Sendelizenzen entziehen, weil sie keine Hofberichterstattung betreiben. Der Weg Amerikas zur Tyrannei, er wird in den Medien beschleunigt.
Da ist es doch eine gute Nachricht im Sinne einer guten Nachricht, dass die KI-Suchmaschine Perplexity ein Modell namens Comet Plus plant, das Anbieter journalistischer Medien für die Nutzung ihrer Inhalte entlohnt. Für fünf Dollar pro Monat – von denen angeblich vier an teilnehmende Medienhäuser gehen – erhielten User Zugriff auf Premium-Inhalte „vertrauenswürdiger Herausgeber und Journalisten“. Ziel sei ausdrücklich ein „besseres Internet“ – was immer das auch sein mag.
Für besseres Fernsehen stand einst der Club der roten Bänder. Eine Coming-of-Age-Serie, mit der Vox 2015 nicht nur bewiesen hatte, dass aus der RTL-Gruppe seriöse Unterhaltung kommen kann. Sie stand auch für die lineare Fähigkeit, der digitalen Übermacht auch inhaltlich zu trotzen. Jetzt ist die nächste Generation krebskranker Kids im Krankenhaus geplant. Und irgendwie ist das auf nostalgische Art tröstlich.
Die Frischwoche
8. – 14. September
Auf diffizile Art bedeutsam ist vieles, was Orkun Ertener macht, seit sein KDD vor 18 Jahren den deutschen Krimi umdefinierte. Jetzt definiert der Showrunner in Gestalt der Neo-Serie High Stakes deutschen Culture-Clash neu. Eine Astrophysikerin mit Kopftuch finanziert sich ihr NASA-Studium darin als Pokerspielerin. Und das ist nicht nur wegen der originellen Fallkonstruktion fantastisch. Hauptdarstellerin Via Jikeli schafft es, Widersprüche migrantischer Biografien ohne Zeigefingerfuchteln auszudiskutieren. Herausragend!
Sich selbst umzudefinieren ist dagegen schwieriger. In seiner neuen ARD-Impro-Serie Die Hochzeit gelingt es Jan Georg Schütte dennoch. Wie üblich kriegt sein (teilweise bekanntes) Personal darin statt Drehbüchern nur Regieanweisungen, aber auch den Freiraum für etwas, das man fast Romanze nennen könnte. Mit weniger Stars diesmal, aber viel Gefühl. Und ein bisschen erfinden Ricky Gervais bei Sky The Office neu, indem er dasselbe falsche Dokumentarteam diesmal einer Zeitungsredaktion in Ohio beim Gründen zusieht.
The Paper ist dabei mehr als eine Mockumentary. Der Zehnteiler verbreitet die Hoffnung, dass sachliche Medien etwas ändern können. Als richtige Doku hat Being Franziska van Almsick zwar nicht das Zeug, etwas zu verändern. Es rückt drei Teile in der ARD-Mediathek lang allerdings so einiges über den polarisierenden Schwimmstar der Neunzigerjahre gerade. Angst macht ab Dienstag hingegen die ZDF-Reportage Tradwifes über Frauen in den USA, die sich als Besitz reaktionärer Männer begreifen.
Bei so viel verstörendem Realismus noch ein bisschen inszenierter. In der grandiosen Cameo-Parade Call My Agent Berlin spielt sich ein halbes Stadion voll deutscher Stars von Bleibtreu bis Berben selbst als Klientel einer fiktiven Schauspielagentur. Und das ist ab Freitag bei Disney+ so unglaublich plausibel – man könnte es glatt für glaubhaft halten. Ganz im Gegensatz zur Fortsetzung des Historienschinkens Oktoberfest 1905, zeitgleich in der ARD-Mediathek. Oder eine Netflix-RomCom mit dem wundervollen Titel Halb Malmö hat mit mir Schluss gemacht um eine 31-jährige Schwedin beim Versuch, Mr. Perfect zu finden.
Der Vollständigkeit halbe noch: Heute bereits startet bei Sky die Action-Drama-Serie The Task mit Mark Ruffalo als depressiver FBI-Agent. Mittwoch zeigt Netflix seine Real-Crime-Fiktion Die Toten Frauen über brutale Bordellbesitzerinnen im Mexiko der 60er Jahre. Und zu guter Letzt ein Tipp für Arthaus-Fans: Leere Netze, ein deutsch-iranisches Fischereidrama, am Sonntag in der ZDF-Mediathek.
Posted: September 2, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Als das Modem leise pfiff
In der großarigen ZDF-Serie Chabos geraten vier Jungs 2006 in eine Abwärtsspirale bis ins Jahr 2025. Das erzählt vier von acht Teilen auf leichte Art tiefgründig über die unterbelichtete Generation der Millennials – und ist trotz einiger Logiklücken und arg männlicher Perspektive auch danach noch sehenswert.
Von Jan Freitag
Die Zweitausendzehner – so nah und doch so fern. MP3-Player verdrängen den Discman und Digitalkameras die analoge Fotografie. Deutscher Rap wird aggro und deutscher Pop gecastet. Klingeltöne sind ein Milliardengeschäft und Computerbildschirme umzugskartongroß. Netzwerke heißen darauf StudiVZ statt Instagram und sind sogar noch sozial. Und als Deutschland 2006 vorm Beginn gestapelter Krisen ins Sommermärchen startet, pfeift nicht nur der Schiri, sondern auch das Modem.
Während Klinsi, Schweini, Poldi mit unbekümmertem Fußball durch die Heim-WM stürmen, steht also auch Peppi vorm Sommer seines Lebens. Zu dumm, dass er winterlich gerät. Nachdem sein Kumpel Alba am Türsteher einer Duisburger Disco abprallt, biegen die beiden Teenager und der gleichaltrige PD nämlich von ihrer geplanten Nacht aller Nächte zum Vierten im Bunde ab. Gollum ist zwar ein pickliger Nerd, könnte aber den Horrorfilm Saw 2 herunterladen. Dauert nur wenige Stunden. Die Nullerjahre halt. Und der Download lohnt sich. So scheint es.
Denn was nach dem Gruselschocker passiert, zieht die vier Chabos – seit Haftbefehl 2013 darüber rappte, ein umgangssprachliches Synonym für Straßenjungs – achtmal 30 Minuten in einen Abgrund, der sich nie mehr ganz schließen wird. Nur so viel: in der gleichnamigen ZDF-Serie hat er mit viel Geld zu tun, das die Teenager schnell auftreiben müssen. Wie Jungs in dem Alter nun mal sind, führt jede Beschaffungsidee jedoch flugs zur nächsten Katastrophe, chaostheoretisch Butterfly Effect genannt. Und dass die Eskalationsspirale kein Ende nimmt, erzählt uns Peppi 20 Jahre später zum Auftakt des ersten Teils.
„Mir geht’s super“, lügt der prekär beschäftigte Start-up-Irgendwas, als er frisch getrennt, beruflich stagnierend und überhaupt allein einen Schulfreund trifft. Weil der ihm dann auch noch vom Klassentreffen in zwei Wochen erzählt, zu dem Peppi nicht eingeladen wurde, fährt er nach Duisburg, um der Sache seiner gescheiterten Existenz auf den Grund zu gehen. Aus dieser Suche haben Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, preisüberhäuft für den Kurzfilm Masel Tov Cocktail, nach eigenem Drehbuch die Geschichte einer spätpubertären Katharsis inszeniert. Und was für eine!
Dank gespenstisch passgenauer Protagonisten zweier Altersstufen sind die ersten vier Folgen mit das Beste, was tragikomödiantisch hierzulande seit langem gedreht wurde. Nico Marischkas halbwüchsiger Peppi zum Beispiel ist Johannes Kienasts ausgewachsener Version nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten; auch ihr unsicherer, liebenswert linkischer Habitus wirkt nahezu deckungsgleich. Gleiches gilt fürs halbstarke Großmaul PD (Jonathan Kriener), das sich in David Schütters Mittdreißiger zum noch großmäuligeren Sherriff vervollkommnet – von Max Mauffs Midlife-Variante des kauzigen Kinderzimmer-Eremiten Gollum (Loran Alhasan) ganz zu schweigen.
Die Chabos sind allerdings mehr als Hauptfiguren ihrer eigenen Coming-of-Age-Story. Gemeinsam mit fünf, sechs weiblichen Handlungsobjekten im Schatten (aber nicht unter der Fuchtel) männlicher Subjekte, lässt das ZDF Millennials buchstäblich selbst über sich sprechen. „16 Millionen Deutsche, die auf Dating-Apps hängen und sich nicht für irgendwas entscheiden können“, erklärt uns Peppi auf der Heimfahrt nach Duisburg durch die vierte Wand. „Work-Life-Balance, Flexibilität, Freiheit, Selbstverwirklichung, dies das.“
Besonders dies das aber macht den Achtteiler zumindest anfangs zu einer tiefgründig unterhaltsamen Milieustudie der Zeit zwischen 9/11 und Banken/Euro/Klimakrise. Noch utopisch genug für den Traum einer besseren Zukunft, schon ausreichend dystopisch, um ihre Verschlechterung zu ahnen. Für diesen Zwiespalt haben die Casterinnen Phillis Dayanir und Johanna Hellwig fantastisches Personal eingestellt. Arina Prass als Peppis erste Freundin, der Paula Kober als erwachsener Popstar glaubhaft eine Radikalkur in weiblicher Selbstermächtigung verpasst etwa. Seine Mutter Martina mit Anke Engelke in kleiner Nebenrolle, aber mit einer Präsenz, die ihr Film-Mann Peter Schneider als arbeitsloser Idealist sogar steigert. Und dann wäre da noch Vincent Krüger.
Seinem verschwörungsanfälligen Kleindealer der GenY kauft man nicht nur 20 Jahre Alterungsprozess ab. Auch die Läuterung zum Überzeugungstäter seiner eigenen Moral ist absolut authentisch. Schauspielleistungen wie diese machen am Ende sogar wett, dass „Chabos“ einen unerklärlichen Qualitätsabfall erleiden. Auf der Jagd nach Steigerungsmöglichkeiten ihrer Abstiegsdynamik verlieren sich Khaet und Paatzsch ab Folge 5 nämlich im Kleinklein billiger Effekte – gipfelnd in einer finalen Geldbeschaffungsmaßnahme des schüchternen Alba (Arsseni Bultmann), an der wirklich alles Behauptung bleibt.
Aber egal: Dank ihrer Vielzahl guter Einfälle voller Links zur Popkultur der Sommermärchentage (Achtung Spoiler: Britt Hagedorn, Mola Adebisi, Sabrina Setlur, Jeanette Biedermann oder der kürzlich verstorbene Rapper Xatar haben echt originelle Cameo-Auftritte), vor allem aber wegen der tiefen Zuneigung zu den Figuren, ist die Serie ein tiefgründig heiterer Selbsterfahrungstrip in die Zeit der CD-Brenner und iPods, als Millennials noch Kinder waren und ihre Eltern vom anderen Stern. „Die kriegt Rente“, sagt PD einmal über Gollums Mutter, „die schwimmen im Geld“. Zweitausendzehner – so nah und so fern.
Chabos, 8×30 Minuten, ZDF-Mediathek
Posted: August 29, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Wenn’s klappt – geil!
Phillis Dayanir und Johanna Hellwig casten seit 2016 gemeinsam von Pilcher bis Tatort nahezu das gesamte TV-Repertoire, aber die ZDF-Serie Chabos ist ihr personalpolitisches Meisterstück. Ein Gespräch übers hintergründig bedeutsame Besetzungsfach und wie man darin Kostendruck mit Qualitätsanspruch verbindet.
Von Jan Freitag
Phillis Dayanir, Johanna Hellwig, für die ZDF-Serie Chabos mussten Sie acht Hauptfiguren als Teenager und Erwachsene besetzen. Wie findet man die Balance zwischen äußerlicher Übereinstimmung und schauspielerischer Eignung?
Johanna Hellwig: Bei der Besetzung spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: das Temperament einer Figur, ihre Dynamik im Ensemble, die äußere Erscheinung. Optik und Inhalt können unterschiedliche Geschichten erzählen – oder gemeinsam die eine stützen. Gerade bei dieser Serie war es von Anfang an entscheidend, dass die Zuschauer*innen junge und ältere Besetzung sofort als dieselbe Figur wahrnehmen und sich mit ihnen identifizieren können.
Phillis Dayanir: Und genau da entstehen bei Bauchmenschen wie mir früh konkrete Bilder der Darsteller*innen im Kopf, die ihrer Figur auch inhaltlich entsprechen. Da in der Serie die Rolle des erwachsenen Peppi eine zentrale Begleitfigur der jungen Chabos ist, haben wir sie als erste besetzt. Danach haben wir das Jugendcasting gestartet. Weil die Feinjustierung meistens parallel erfolgt, kamen die erwachsenen Schauspieler allerdings gedanklich schnell dazu.
Ist Ihre Kartei da bereits nach Ähnlichkeiten mit Älteren oder Jüngeren vorsortiert?
Dayanir: Nein, sowas gibt es bei uns nicht. Mit jedem neuen Projekt gehen wir bei der Suche nach Übereinstimmungen wie Trüffelschweine in die Wühlarbeit.
Kommt da bei Ihnen bereits eine KI zum Einsatz?
Hellwig: Für thematische Recherchen nutzen wir digitalen Tools schon, im eigentlichen Castingprozess aber nicht. Wir sind neuen Technologien gegenüber offen, vertrauen wir aber weiterhin stark auf unsere eigene Kreativität und Erfahrung.
Wie ist Ihre Wahl da auf die jungen Chabos Nico Marischka, Jonathan Kriener, Loran Alhasan, Arsseni Bultmann und die erwachsenen Johannes Kienast, David Schütter, Max Mauff und Erol Afsin gefallen?
Dayanir: Recherche, Recherche, Recherche. Sichtungen, Vorbesprechungen und Nachbesprechungen untereinander mit Regie, den Produzentinnen und unserer tollen ZDF-Redakteurin Kristl Philippi, viele Impulse wahrnehmen, aber eben auch Erfahrung. Für die jüngere Besetzung haben wir unterschiedlichste Wege eingeschlagen, um neue Talente zu finden.
Wobei besonders die Regie vermutlich keine Lust auf acht socialmedia-gecastete Anfänger am Set hat…
Hellwig: Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch waren zum Glück sehr offen und angstfrei was junge, unerfahrenere Spieler*innen betrifft, auch bezüglich Social-Media-Talenten. Wenn jemand gut spielt und sich die Rolle zu eigen macht, bekommt er eine Chance – egal mit welchem Background.
Dayanir: Und immerhin zwei der vier Jungs hatten vorher ein wenig Dreherfahrung. Ähnlich wie die Darsteller*innen mit großer Social-Media-Präsenz, die ihren Platz im Ensemble sehr gut gefunden haben.
Gibt die Produktion dem Casting darüber hinaus Aufträge mit auf den Besetzungsweg – Stars und Influencer zum Beispiel?
Dayanir: Die Kombination aus neuen Talenten und prominenter Besetzung war von allen Seiten gewünscht. Das hat uns aber keinesfalls kreativ eingeschränkt, im Gegenteil, unsere BBC-Produzentinnen und die ZDF-Redaktion haben uns alle Freiheit gelassen und eine schöne Arbeitsatmosphäre geschaffen. Wir konnten uns vielmehr mit Vorschlägen aus den unterschiedlichsten Themenfeldern austoben.
Hellwig: Allein die Thematik der 2000er hat hier ein großes Feld der Referenzen und Easter Eggs in den Besetzungsvorschlägen geöffnet.
Denken Sie beim Casting auch als Talentscouts mit dem Ziel, Nachwuchs aufzubauen?
Dayanir: Klar, Talente ausfindig zu machen, ist ein wunderschönes Gefühl. Vor allem, weil wir so nicht nur Rollen besetzen, sondern Menschen auf ihrem Weg begleiten dürfen und das macht diesen Beruf besonders erfüllend.
Hellwig: Wir bleiben neugierig. Ob auf der Straße, im Theater oder bei Vorsprechen von Absolvent*innen. Manchmal ist da genau dieser eine Moment, in dem der Funke überspringt.
Wächst der Bedarf nach Laien statt Profis auch deshalb, weil sie unterm Kostendruck sinkender Budgets einfach billiger sind?
Hellwig: Die Frage ist, ob man an der Besetzung von Talenten mit weniger Erfahrung am Ende wirklich spart. Unerfahrenheit sein kann vielleicht weniger Gage, dafür aber mehr Betreuungs- und Drehzeit erfordern. Deshalb sollte die Neugier aufs Talent immer dessen Beitrag zur Geschichte dienen, nicht dem Etat.
Dayanir: Schließlich haben auch die Großen alle klein angefangen – jemand hat ihnen die erste Chance gegeben, gesehen zu werden. Dennoch ist knappe Kalkulation für jedes, also auch unser Gewerk immer eine Herausforderung.
Führt die dazu, dass Community Casting zunimmt, also die Besetzung mit Laien wie bei der Weiße Hai, wo bis auf sieben Profis der gesamte Cast vom Drehort stammte?
Hellwig: Laien zu besetzen hat Vor- und Nachteile. Oft fühlen sie sich in ihrer bekannten Umgebung wohl und können die Rollen natürlich ausfüllen; das bringt manchmal das gewisse Etwas. Anderseits ist Community Casting meist zeitaufwendiger und damit kostenintensiver.
Dayanir: Um Vertrauen aufzubauen, haben die jungen Chabos vor und während des Drehs in einer WG gewohnt und sind so Freunde geworden, was in ihr Zusammenspiel eingezahlt hat. Auch auf diese zwischenmenschlichen Töne muss man im Castingprozess achten. Wir suchen natürliche Dynamik zwischen den Rollen, die soziale Beziehungen lebendig werden lässt.
Suchen Sie bei der Besetzung junger Figuren auch das erwachsene Potenzial oder reicht zunächst ihre Eignung fürs aktuelle Alter?
Dayanir: Da stecke ich tief im Hier und Jetzt. Gerade bei Jungschauspieler*innen ist schwer vorherzusagen, wie sie sich vom Teenager- ins Erwachsenenalter entwickeln. Und ob sie den Beruf überhaupt dauerhaft ausüben wollen.
Hellwig: Schauspielagent*innen haben hier natürlich einen anderen Ansatz. Man hat die langfristige Agenda im Blick, da sie die Karriere ihrer Klient*innen aktiv fördern. Trotzdem sind wir auch als Caster*innen Fans der ersten Stunde und freuen uns über jeden neuen Erfolg der Spieler*innen.
Ist Unerfahrenheit bei Nachwuchsschauspielerin eher hinderlich oder sogar förderlich, weil sie impulsive, unverbildete Lockerheit mit sich bringt?
Hellwig: Eher letzteres. Besonders Kinder können unglaubliche Freiheit im Spiel mitbringen. Dabei ist es aber auch wichtig, dass sie sich beim Casting und am Set sicher fühlen.
Dayanir: Bei Nachwuchsschauspielenden kommt vieles – je nach Rolle – ja aus dem Inneren des Seins. Das ist ein tolles Potenzial, das aber auch einzuordnen ist und manchmal einzufangen gilt. Diese Aufgabe ist im Castingprozess auch schon von großer Bedeutung.
Jetzt haben wir viel über die Besetzung Unbekannter gesprochen. Wie bringt man denn Prominente wie Anke Engelke dazu, bei Chabos eine Nebenrolle zu spielen?
Dayanir: Bei spannenden Stoffen und starken Drehbüchern ist die Rollengröße nicht immer ausschlaggebend, es geht vielmehr um die Qualität der Rolle an sich und im Ensemble.
Sofern man sich traut, sie überhaupt dafür anzusprechen.
Dayanir: Fragen kostet nichts. Das Budget ist zwar nie außen vor, aber unser Ansatz immer zuerst ein kreativer.
Hellwig: Wir kennen Anke Engelke schon durch andere Projekte, was erste Schritte erleichtert. Aber selbst, wenn man sich nicht kennen würde, zeigt die Freundlichkeit in der Kommunikation auch bei anderen bekannten Namen seitens der Managements oder Agenturen, wie respektvoll der Umgang insgesamt ist.
Kann man den Casting-Prozess von Drehbuch bis Drehschluss in einen Satz fassen?
Dayanir: Nach Bewerbung, Drehbuch, Kennenlernen, vergleicht man gemeinsame Visionen, recherchiert, recherchiert, recherchiert, sichtet und kombiniert aufgrund intensiver Gespräche die Favoriten nach E- und Live-Castings zum Ensemble.
Hellwig: Das bei Chabos aus circa 60 Sprechrollen bestand.
Oha!
Beide (lachend): Oh ja!
Ist Ihre Arbeit mit dem ersten Drehtag dann beendet?
Hellwig: Im besten Fall sogar ein paar Wochen vorher, um Regie, Maske, Kostüm die Gelegenheit zu geben, genügend Zeit für ihre Vorbereitung mit den Schauspieler*innen zu haben. Weil es immer mal zu Umbesetzungen kommen kann, sind wir aber auch während des Drehs on hold. Präsent zu sein ist für uns einfach wichtig.
Dayanir: Wir befinden uns auch sonst später immer wieder im Austausch mit Regie und Produktion, Set-Besuche inklusive.
Unterscheidet sich all das eigentlich zwischen Pilcher, Tatort oder Chabos?
Dayanir: Leidenschaft und Intensität in der Besetzung sind überall gleich groß. Was sich unterscheidet, ist der Rahmen: Manche Prozesse sind komplexer oder nehmen mehr Zeit in Anspruch, doch das Herzblut bleibt überall dasselbe.
Hellwig: Projekte unterscheiden sich generell durch ihre Besetzungen hinter der Kamera. Jede Regie, jede Produktion, jeder Sendeplatz, Sender, Streamer, Kinorelease und Stoff, hat andere Anforderungen, auf die man sich neu einlassen muss. Aber genau das ist schön, spannend und fordernd an unserem Beruf.
Wie oft gibt es zwischen Standard und Abweichung da Perfect Matches?
Hellwig: Der Anspruch ist zunächst natürlich immer das absolute Perfect Match, der Wunsch so nah wie möglich ranzukommen ist immer da. Und wenn’s klappt – geil!
Dayanir: Für mich führt der Magic Moment zum Perfect Match, eine Energie im Raum, die Verbindungen zwischen den Spieler*innen, die Impulse durch die Regie. Wer das spüren will, sollte unbedingt Chabos streamen, solche Augenblicke sind das Herz unserer Arbeit.
Posted: August 28, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Cello im Ruhrpottkeller
Helge Schneider ist gerade 70 Jahre alt geworden, von denen er Dreiviertel auf der Bühne steht. Die ARD hat ihm dazu ein selbstgemaltes Geburtstagsporträt gewidmet. Und The Klimperclown ist, nun ja, so sehr Helge Schneider, wie es gerade noch zu ertragen ist. Also absolut aberwitzig. Und großartig.
Von Jan Freitag
Um das Phänomen des kuriosesten aller deutschen Komiker zu verstehen, muss man kurz auf Zeitreise nach Kiel gehen. In seiner 121-jährigen Geschichte hat das Studio am Dreiecksplatz schon viel erlebt. Aber was dort um den 79. Geburtstag geschah, war selbst fürs älteste Lichtspielhaus der Stadt ungewöhnlich. Mitten im Hauptfilm verließ die Hälfte der Zuschauer den Saal, nicht wenige wutentbrannt. Das wäre indes kaum der Rede wert, hätten die verbliebenen 50 Prozent nicht vor Lachen unterm roten Mobiliar gelegen. Wenn es noch eines abschließenden Beweises dafür bedürfte, dass Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Ende 1993 lieferte ihn Helge Schneider in Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem, als teilte Mose das Meer des schlechten Geschmacks.
Für Fans ein Revolutionär, für alle anderen Dilettant: so wie die dadaistische Westerngroteske vor 33 Jahren das Kinopublikum spaltete, wandelt ihr Autor, Regisseur, Komponist und Hauptdarsteller auch kurz vor seinem 70. Geburtstag zwischen Genie und Wahnsinn. Für diesen Balanceakt widmet ihm die ARD nun ein wahnsinnig geniales Porträt. Und weil außer ihm selbst nun wirklich niemand in Helge Schneiders Kopf zu blicken vermag, begibt er sich mithilfe seines langjährigen Bühnenpartners Sandro Giampietro persönlich auf den Grund des Unergründlichen.
Wer ein konventionelles Filmporträt erwartet, wird also enttäuscht. Wer ein unkonventionelles erwartet, allerdings ebenso. Der Klimperclown, wie es nach kurzer Kino-Auswertung ab Montag in der Mediathek auf Erwartungsflexible wartet, dekonstruiert sämtliche Konstanten klassischer Dokumentationen mit derselben Hingabe wie ihr Beobachtungsobjekt. Es beginnt, wo sonst, bei der eigenen Geburt. Schneider stellt sie mit zwei Handpuppen nach und nutzt dabei seine infantil-debile Kopf- und Gaumenstimme der Katzeklo-Ära, die FAZ-Feuilletonisten bis heute verlässlich die Fußnägel hochklappt.
Knapp 80 Minuten stolpert der Jubilar scheinbar orientierungslos durch 63 Jahre Bühnenerfahrung. Der Minderjährige musiziert bereits mit Cello und Günther in Ruhrpottkellern. Als Erwachsener vermischt er bald Comedy und Jazz zu einer Art multiinstrumentellem Nihilismus. Aus seinem gut gefüllten Fundus absurder Perücken, Anzüge, Brillen, Plateauabsätze kostümiert Schneider Kunstfiguren jenseits aller Stereotypen. Das wirklich Absurde aber ist: wie im Kieler Kinosaal lacht sich die Hälfte der Deutschen schlapp, wenn er „meine Schuhe, die lieb‘ ich sehr / ohne Schuhe, wär‘ ich nicht hier“ singt.
Wenn der Gitarrenvirtuose (und Klaviervirtuose (und Saxofonvirtuose (und Geigenvirtuose (und Schlagzeugvirtuose (und Akkordeonvirtuose))))) dazu schräge Tonfolgen zupft, belegt er das ungeschriebene Filmgesetz, nur gute Eiskunstläufer können schlechte Eiskunstläufer spielen, und lüftet nebenbei einen Teil seines Witzgeheimnisses: Niemand füllt die Leerstellen unserer Logik virtuoser mit Nichts als der Sohn eines Fernmeldemonteurs und einer Finanzbeamtin. Geboren am 30. August 1955 in Mühlheim/Ruhr, ungefähr 30 Jahre vor jener Medienrevolte, denen auch die Mauern der herrschenden Lachhaftigkeit nicht standhielten.
Mitte der 80er nämlich baut das Privatfernsehen, namentlich RTL und Tele5, drollige Brücken über den Mainstream-Frohsinn. Zwischen Dieter Hallervordens Glubschaugen-Klamauk und Dieter Hildebrandts Verkündungskabarett legen Anarchos wie Christof Schlingensief und Hape Kerkeling, Harald Schmidt und Herbert Feuerstein, Bully Herbig und Corny Littmann, also viele Männer und außer Anke Engelke kaum eine Frau den Humor ihrer Tage zugleich höher und tiefer. Alles hochkonzentriert in Texas.
In dessen „Verweigerungskomik“, schrieb damals der Filmkritiker Georg Seeßlen, sei „immer was los“, man wisse „nur nicht genau was“. Rettungslose Schönseher hätte sich vom Klimperclown da womöglich Aufklärung erhofft, was genau in den vier Fortsetzungen, sieben Kriminalromanen, elf Hörbüchern, zwei Dutzend Cameo-Auftritten und Abertausend Liedern wie Es gibt Reis, Baby los ist. Kleiner Spoiler: Statt alte Fragen zu beantworten, stellt der Film lieber ein paar neue.
Ob der ehemalige Kelly-Family-Sänger Angelo tatsächlich Helge Schneiders Schlagzeug-Roadie ist zum Beispiel und falls (höchstwahrscheinlich) nicht: Warum ihm die ARD geschlagene zwei der 82 Minuten von herausragender Belanglosigkeit beim Schlagzeugaufbau zusieht. Überhaupt: das Klimperclown-Personal… Helge Schneider holt den halben Cast früherer Filme in sein Selbstporträt und verbringt mit ihnen Zeit ohne jeden Mehrwert. Einfach nur Menschen mit Menschen beim, tja, Menschensein oder auch mal alleine mit sich, einem Handstaubsauger und Frank Sinatra im Wohnmobil.
Was an der Loseblattsammlung früher Homevideos, späterer Kinofilme, junger Konzertmitschnitte und brandneuer Dokumentaraufnahmen real oder erfunden ist, Fiktion oder Dokumentation, weiß nur Helge Schneider allein. Weit wichtiger als jede Wahrhaftigkeit ist ohnehin, dass dem kuriosesten, vor allem jedoch uneitelsten aller deutschen Komiker von Herzen egal zu sein scheint, was andere, also wir, das Publikum, von ihm denken. Diese Kaltschnäuzigkeit allein ist bereits lustiger als alle Bühnenprogramme selbsterklärter Comedians zusammen.
Posted: August 25, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
18. – 24. August
Weil Film- und Fernsehschaffende regelhaft sterblich sind, spielen Todesfälle bekannter TV-Figuren hier normalerweise nur Nebenrollen. Bei Rolf Seelmann-Eggebert machen wir allerdings mal eine Ausnahme. Jahrzehntelang Kopf und Stimme der öffentlich-rechtlichen Adelsberichterstattung, schaffte es der frühere Auslandskorrespondent, den Aberwitz aristokratischer Relikte im profanen Zeitalter mit exakt der richtigen Tonlage zu vermitteln.
Dafür gebührt dem Hamburger aus Berlin, der Freitag voriger Woche mit 88 Jahren von uns gegangen ist, ein kleiner Nachruf. Der Abschiedsgruß gilt schließlich auch einer Epoche berufsethischer Verbindlichkeit, die mit Journalisten wie ihm ins Grab gehen. Als Gegenbeweis könnte man jene Medienplayer anprangern, die Robert Habecks grünen Staatssekretär Patrick Graichen wochenlang öffentlich geschlachtet haben, über die Vetternwirtschaft der jetzigen Regierung aber höflich schweigen.
Oder man bohrt dickere Bretter und weist nochmal auf die anstehende Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Pier Berlusconis MFE hin. Schwer zu sagen, ob Silvios Sohn die umbenannte Mediaset glaubhaft zur Mitte führt, wie kürzlich angedeutet. Giorgia Melonis Regierung jedenfalls hält er für die „bestmögliche“. Um dem deutschen Fernseh-Konglomerat trotz stagnierender Umsätze und der Fusion von RTL mit Sky jährlich 400 Millionen Euro Gewinn abzutrotzen, droht da nicht nur ein radikaler Sparkurs, sondern der programmatische Rechtsruck.
Bessere Nachrichten gefällig? Der ZDF-Film In die Sonne schauen geht womöglich ins deutsche Oscar-Rennen. Und die ZDF Studios haben mit Disney+ eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet, Tausende Stunden regional produzierter Serien und Filme von Nord Nord Mord bis Marie Brand aufs Streamingportal zu stellen. Ein Stock, der bis Ende des Jahres auf über 3.000 Episoden und Filme wachsen könnte. Warum das gut ist? Weil es Reichweite und Erträge generiert, um Streamern die Stirn zu bieten.
Die Frischwoche
25. – 31. August
Netflix vor allem. Für seine Krimikomödie Thursday Murder Club ab Donnerstag stand so ein gewaltiges Budget zur Verfügung, dass mit Helen Mirren, Pierce Brosnan, Ben Kingsley ein halbes Altersheim voller Stars die Romanverfilmung um greise Hobby-Detektive bevölkern. Auch deshalb: nicht der Rede wert, aber durchaus unterhaltsam. Was wohl auch für die spanische Mystey-Serie Zwei Gräber tags drauf an gleicher Stelle gilt.
Und etwas weniger vermutlich fürs Serien-Prequel des Agenten-Blockbusters The Terminal List, ab Mittwoch bei Prime Video. Bleibt noch extrem viel ARD-Material der Woche. Heute zum Beispiel macht Ingo Zamperoni den Auftakt mit seiner Primetime-Doku Merkels Erbe – 10 Jahre Wir schaffen das, inklusive Interview mit der Ex-Bundeskanzlerin. Dienstag gefolgt von der dreiteiligen Küblböck-Story, denen die Beetz Brothers zum Glück noch deren Transidentität Lana Kaiser im Titel anhängen.
Donnerstag zeigt die Mediathek des Ersten dann noch den originellen kleinen Dokumentarfilm Der talentierte Mr. Felinton um einen Regisseur, der zwei deutschen Kollegen Idee und Film geklaut und damit sogar Preise gewonnen hat. Freitag dann geht das Erste mit Zwei Frauen für alle Felle in Reihe, die – Achtung, Kalauer – Veterinärinnen sind. Und zu guter Letzt noch eine Sportdokumentation, die wirklich bemerkenswert ist.
In 13 Steps porträtiert der deutsche Autor Michael Wech nämlich die unfassbare Karriere des amerikanischen Hürdenläufers Edwin Moses. Und das ist annähernd zwei Stunden auf eine Art und Weise fesselnd, die sich wohltuend von den Lobhudeleien anderer Sportdokumentarfilmer*innen absetzt. Und zum Schluss ein Schmankerl: am Freitag startet in der ARD-Mediathek die norwegische Tragikomödie Below um eine Norwegerin, die sich nach einem Autounfall querschnittsgelähmt sechs Teile lang nicht in ihr Schicksal fügen will.