Krankenhausserien gibt es viele, aber zumindest hierzulande war noch keine so wie KRANK Berlin – eine Realfiktion von AppleTV+ am Rande der Erträglichen, die gerade deshalb herausragendes Fernsehen ist.
Von Jan Freitag
Triage ist ein vergifteter Begriff. Während das medizinische Fachpersonal im angloamerikanischen Raum damit zunächst mal nur die Behandlungsdringlichkeit zeitgleich eintreffender Patienten vorsortiert, gilt er hierzulande seit Corona als inhumane Selektion nach Leistungsprinzip – auch und gerade bei denen, die sie vornehmen. Wenn Dr. Parker das Personal ihrer Notaufnahme zur Triage bittet, macht sich deshalb zügig Unmut breit. Allerdings weniger wegen humanistischer als pragmatischer Gründe.
Bei aller Hilfsbereitschaft bringt sie fürs überlastete Personal schließlich vor allem Bürokratieaufwand mit sich. Und den kann im KRANK, wie die namenlose Großklinik am Berliner Brennpunkt nur heißt, echt niemand gebrauchen. KRANK sind darin ja nicht nur 250 Patienten auf einmal, „wenn’s brennt“, und 300, „wenn’s richtig brennt“, wie Parkers Vorgesetzter die Neue begrüßt. KRANK ist der gesamte Organismus, von dem sie versorgt werden. Wie krank das, sehen wir von Beginn einer Serie an, die nach langer Odyssee bei Apple gelandet ist. Vor sechs Jahren hatte der englische Notarzt Samuel Jefferson mit dem deutschen Autor Viktor Jakovleski das Treatment bei Sky vorgelegt. Jetzt geht sie bei der Konkurrenz aus Cupertino als Achtteiler online.
Wobei ihr Weg nicht halb so steinig war wie der, den alle Beteiligten solcher medizinischen Durchlauferhitzer von Einlieferung und Triage bis Erstversorgung und Abschied nehmen. Im Drehbuch des achtköpfigem Writers Room wechselt Suzanna Parker (Haley Louise Jones) aus ihrer gemütlichen Münchner Geriatrie ins rastlose Krank(enhaus) nach Neukölln. Und das mag ein „fiktionales Amalgam unterschiedlichster Recherchen, Orte, Erfahrungen, Träume, Visionen“ sein, wie Producer Henning Kamm den Drehort eines verwahrlosten Ostberliner Sport- und Erholungszentrums der Achtzigerjahre beschreibt. Ähnlichkeiten mit dem Alltagswahnsinn der Charité dürften dennoch eingepreist sein.
Gleich nach ihrer Ankunft befindet sich Dr. Parker inmitten chaotischer Zustände, denen Slavko Popadićs Dr. Weber ein angemessen verwüstetes Gesicht gibt. Nach durchfeierter Nacht müsste der Unfallchirurg eigentlich seinen Rausch ausschlafen. Auch auf Partydrogen jedoch wirft er sich in einen Dienst ohne Vorschrift, der die komplette Klaviatur stationärer Krisenbewältigung zwischen Professionalität und Improvisation spielt. Zunächst bleibt somit offen, was in der Serie nun dysfunktionaler ist: das KRANK, sein Personal, dessen Kundschaft oder die Gesundheitspolitik im Ganzen.
Früher geklärt ist hingegen, dass die Regisseure Alex Schaad und Fabian Möhrke Protogonisten plus Publikum alles abverlangen. Wie 2016 in der dokufiktionalen Rettungsstelle des CBS-Blutbads Code Black oder dem gynäkologischen BBC-Realitycheck This Is Going to Hurt sechs Jahre später, könnte KRANK Berlin vom Medical wirtschaftswundervoller Bauart folglich kaum weiter entfernt sein. Eine Fernseharztgeneration, nachdem die weißen Halbgötter in George Clooneys Emergency Room erstmals blutige Kittel bekamen, haben sich Klinik- und Praxisfiktionen der Wirklichkeit zwar angenähert.
So unverblümt wie bei Apple aber hat zumindest aus deutscher Produktion nicht mal das großartige Hebammen-Porträt Push am offenen Herzen der medizinischen Mängelverwaltung operiert. Kein Wunder, dass sich Dr. Parker bereits in Minute 33 zum Schreien in eine Abstellkammer verzieht und kurz darauf zum Heulen vor die Tür. Schließlich muss sie nicht nur pausenlos den Ausnahmezustand bis hin zum Bauchschuss betreuen; ebenso schlimm ist ein Kollegium, das der Neuen mit abgebrühter Geringschätzung entgegentritt.
„Ich geb‘ ihr drei Tage“, sagt Dr. Ertan (Şafak Şengül) am Ende der Premierenschicht und weiß die Statistik von vier verschlissenen Chefärzten in zwölf Monaten hinter sich. Weil sich Kollegin Parker als stressresilienter erweist, werden es jedoch – obwohl im Neonlicht nur zu ahnen ist, ob Tage oder Jahre vergehen – volle acht Folgen. Was darin passiert, wirkt mitunter dick mit stereotyper Tinte aufgetragen. Wie üblich im Fernsehentertainment ist Suzanna Parker (Haley Louise Jones) vor etwas Privatem nordostwärts geflohen, wo Klinikchef Beck (Peter Lohmeyer) trotz dünner Personaldecke nichts Besseres zu tun hat, als ihr den Einstieg mit einer betriebsinternen Ermittlung zum Tod einer Patientin schwer zu machen, für die der schwerstabhängige Ben verantwortlich zu sein scheint.
Dass er irgendwann Müllcontainer nach Drogen durchwühlt und darin zudröhnt wegdämmert, erfolgt ebenfalls eher im Spätdienst krasser Figurenzeichnung als inhaltlicher Stringenz – vom Dauereinsatz der glaubhaften Rettungswagen-Besatzung Olivia (Samirah Breuer) und Olaf (Bernhard Schütz) auf Swinger- und Technopartys oder einem Staffelfinale im 9/11-Stil ganz zu schweigen. Für Producer Kamm indes agiert sein Team „in der gesunden Mitte aus larger than life und such is life“. Zugleich real und fiktional, plausibel und kurzweilig.
All dies ist KRANK von der ersten bis zur letzten Szene einer Serie voller Gefühl, aber ohne Sentimentalitäten. Beides machen Schaad und Möhrke mal mit halluzinierender Schnittfolge, mal mit quecksilbriger Zeitlupe, hier in fiebriger Hektik, dort in routinierter Ruhe fast körperlich spürbar. „Surreal ist nur“, sagt Henning Kamm, dass Dr. Parker „im Emergency Room gendert“. Nicht aus Konservatismus, sondern Zeitmangel. Man fühlt ihn in jedem Moment einer grandiosen Milieustudie aus dem Fegefeuer der Hölle namens Gesundheitssystem.
Es waren, wie so oft, bewegte Wochen zuletzt, in denen alte Weltordnungen fast noch schneller kollabiert sind als alte Gewissheiten. Bemerkenswert wirkte aber auch die Erkenntnis, wie unerschütterlich mediale Reaktionsmuster darauf bleiben. Stellen wir uns kurz vor, der aktuelle Amokfahrer von Mannheim, er hieße nicht Alexander, sondern Ahmed: die Berichterstattung wäre explodiert. So aber haben nicht nur AfD und Springer leicht gelangweilt abgewunken. Auch seriöse Medien von ARD bis FAZ waren eher desinteressiert.
Deutsche Attentäter befinden sich halt außerhalb des öffentlichen Meinungskorridors, Sie verstehen? Wir nicht! Würde der entscheiden, stünden nämlich Mehrheitsbedürfnisse wie Tempolimit (63 % dafür) oder Mietendeckel (6 % dagegen) neben Migration und Aufrüstung weit oben auf der Agenda. Was nach nachfrageorientiertem Journalismus klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung also als populistische Karikatur der 4. Gewalt, die sich ihr Grab damit noch tiefer schaufelt. Und da kommt Thilo Mischke ins Spiel.
Der durfte sich und seinen Rauswurf vom ARD-Magazin ttt lang und breit in der Zeit erklären. Vorweg: es ist ihm ganz gut gelungen. Bisschen wohlfeiles Bashing des ÖRR vielleicht, dem der Gonzo-Journalist quasi Gonzo-Journalismus vorwirft, aber fair enough. Aber kleiner Disclaimer: Mischke klagt, keine zehn Medien hätten ihn persönlich angefragt. Dann check mal bitte deinen Posteingang, Thilo! Der Autor dieses Blogs hat dich im Auftrag des Branchenmagazins journalist/in um ein Gespräch gebeten. Reaktion? Keine!
So oder so taugt der kurz (wenngleich wohl weiche) Sturz vermutlich nicht für ein Biopic, das mal für einen Grimme-Preis infrage kommt. Den kriegen diesmal wundervolle Fiktionen wie Die Zweiflers oder Angemessen Angry und Players of Ibiza. Wieder nicht dabei: Axel Milberg. Auch dessen 44. und letzter Tatort geht leider leer aus. Ein Grund ist Sonntag sichtbar: Zu schräg, zu weird, zu Borwoski, vielleicht aber auch einfach nur zu nonkonform.
Die Frischwoche
10. – 16. März
Das wollte offenkundig auch ein aussichtsreicher Netflix-Film sein. Auf dem blühenden Feld Rear Future kreiert er eine vergangene Zukunftsvision wie zuletzt Cassandra oder Black Mirror. Inhaltlich lose orientiert an Terminator haben sich Dienst- und Spielzeugroboter der Fünfziger in The Electric State gegen ihre Sklaverei erhoben, allerdings gegen die KI eines dubiosen Tech-Milliardärs verloren, der sie in ein Ghetto stecken lässt.
Klingt originell – hätten die Russo-Brothers nicht bloß ihr Erfolgsrezept diverser Marvel-Blockbuster kopiert und die Star-Wars-artige Waisenkind-sucht-mit-Desperado-ihren-Bruder-Story im Ambiente der Neunzigerjahre auf Pixar-Drolligkeit reduziert. Resultat ab Freitag: Schickes Eye-Candy, dem trotz Millie Bobby Brown keinerlei Tiefgang gelingt. Das genaue Gegenteil davon: die parallel startende, fast brillante Apple-Serie Dope Thief.
Im stressresilient verwahrlosten Philadelphia erleichtern zwei Fortschrittsverlierer als DEA-Cops verkleidet Drogendealer um Geld und Ware. Was auch gutgeht – bis sie an die Falschen geraten. Denn zwischen den Fronten echter Cops und Gangster laden Ray (Bryan Tyree Henry) und Manny (Wagner Moura) das Leid einer tief gespaltenen Nation auf ihre Schultern. Unter der Leitung von Ridley Scott machen sie daraus ein Plädoyer für Rückgrat und Solidarität in amoralischer Zeit, die alle acht Teile lang emotional fesselt.
Interessanterweise sind das auch Zutaten, die ein deutsches ARD-Juwel zum Glänzen bringt: Marzahn Mon Amour. Zweiflers-Regisseurin Clara von Arnim verpflanzt die alleinerziehende Kathi (Jördis Triebel) ab Freitag (Mediathek) sechs Folgen lang in einen Ostberliner Beauty Salon und lässt sie am prekären Dasein ihrer armen, aber aufrechten Kundschaft wachsen. Echt schön! Echt interessant ist dagegen tags drauf die dezent verschwörungstheoretische, aber gut recherchierte Real-Crime-Doku Gemanwings.
Dreimal 40 Minuten sät Sky (denkbare) Zweifel am erweiterten Suizid des deutschen Piloten, der vor zehn Jahren 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Noch mehr Raunen enthält zeitgleich der Doku-Vierteiler Die Stewardessen-Morde um Flugbegleiterinnen im England der 70er Jahre. Und schon heute porträtiert das ZDF in seiner Mediathek zwei Teile lang vergleichsweise bodenständige Typen, nämlich: Türsteher, was wirklich spannend ist.
Die Pressefreiheit war trotz ihrer Verankerung in jeder ernstzunehmenden Verfassung nie ein allzu resilientes Gut. Schließlich sind nur acht Prozent aller Nationen sattelfeste Demokratien. Und mit den USA schmiert davon die größte grad ab. Dass Donald Trump der Korrespondenten-Vereinigung die Besetzung der Pressekonferenz im Weißen Haus entrissen hat und zugunsten rechtspopulistischer Medien ausmistet, ist Teil seiner Agenda und kaum noch der Rede wert.
Besorgniserregender wirkt dagegen, wenn Jeff Bezos die Meinungsredaktion seiner Washington Post auf Trump-Kurs bringt und nur noch libertäre Kommentare duldet. Damit greift er nicht nur in die redaktionelle Unabhängigkeit ein, sondern vollzieht, was jeder radikalen Machtübernahme vorausgeht: die Gleichschaltung der Medien. Dass Angestellte dutzendfach Stellen kündigen und Tausende Abos abbestellt werden, ist Teil der Strategie, kritische Stimmen links der Rechten mundtot zu machen.
Dazu passt, wie deutsche Parteien zurzeit agieren, und nein – damit ist ausnahmsweise nicht die AfD gemeint. Erst erweiset sich Putins Analplug Sahra Wagenknecht als Trumpistin und schiebt ihre Wahlniederlage den Medien oder der Demoskopie (die das Bundestagswahl-Ergebnis mit einer Abweichung von durchschnittlich 0,33 Prozent prognostiziert haben) in die Schuhe. Dann attackiert Friedrich Merz Deutschlands Zivilgesellschaft mit 551 kleinen Anfragen, hat aber zufällig vergessen, wie die Süddeutsche Zeitung empfiehlt, Bauern- und Vertriebenenverbände zu erwähnen, die seit Jahren nahezu deckungsgleich mit CDU/CSU sind.
Ganz kleines Caro, kann man sagen. Anders als das „großartige Fernsehen“, von dem sein Merzens Stichwortgeber Donald Trump am Ende des größtmöglichen diplomatischen Eklats seit Jahrzehnten sprach, als er der westlichen Wertegemeinschaft in Gestalt des verdatterten Wolodymyr Selenskyi bei einer inszenierten Pressekonferenz im Oval Office offiziell den Krieg erklärte. And the Oscar for the best male actor goes…
… trotzdem to Adrian Brody. Wobei die Gewinner der heutigen Nacht ein bisschen im Schatten des nächsten Tabubruchs stehen: Denn mit The Brutalist und Emilia Pérez haben zwei Filme Oscars erhalten, deren Score nachweislich mit KI nachbearbeitet wurde – was im Abspann allerdings nicht zu sehen war.
Die Frischwoche
3. – 9. März
Wie von künstlicher Intelligenz gemacht, ist auch die Schleichwerbung der Woche: Thomas Müller – Einer wie keiner. Ein arschkriecherischer PR-Beitrag im Dienst des Bundesligatyrannen FC Bayern, den Amazon Prime ab Dienstag als neunzigminütiges Porträt seines drolligsten Multimillionärs feilbietet. Noch wütender macht Fans aller anderen Fußballvereine da womöglich nur noch die Comedy-Serie Ghosts.
Ab Freitag schafft es die ARD dabei in ihrer Mediathek, das englische Netflix-Original um ein Spukschloss 1:1 zu kopieren und dabei jedem Witz die Pointe zu nehmen. Lausiger hat das deutsche Fernsehen selten vom internationalen geklaut. Letzteres beschert uns deshalb die interessanteren Formate der nächsten sieben Tage. Das Historienmelodram Der Leopard zum Beispiel, ein sechsteiliges Remake des gleichnamigen Klassikers von 1963 um sizilianische Aristokraten der 1860er Jahre im Kampf mit der bürgerlichen Moderne.
Durchaus ansehnlich ist auch der dänische Politthriller Fatal Crossing, ab Donnerstag in der Arte-Mediathek. Oder parallel bei MagentaTV die Serienkillerjagd Krähenmädchen, in der es zwar durchaus mystische Stereotypen hagelt, aber dank des Drehorts Bristol einfach sehr viel glaubhaftere als in, sagen wir: Kreta, wohin uns der nächste Auslandseinsatz deutscher Krimis zeitgleich im Ersten entführt, bevor Hans Sigl in Flucht aus Lissabon zwei Tage später westwärts reist.
Das originellste Format made in germany ist demnach – abgesehen von der hochinteressanten Zoonosen-Doku Spillover (Mittwoch, ARD-Mediathek) Tim Mälzers neue Dokusoap. Nach dem Restaurant Zum Schwarzwälder Hirsch versucht er in Herbstresidenz nun ein Altersheim mithilfe intellektuell beeinträchtigter Menschen aufzumöbeln. Und das ist ab Mittwoch bei Vox und RTL+ wie immer im Privatfernsehen emotional unangenehm manipulativ, aber ziemlich anrührend – und vielleicht ja wirklich wegweisend.
Chris Imler gehört zu der Sorte Künstler, die schon immer da waren und doch woanders. Der 152-jährige Schlagzeuger hat bei den Türen gespielt, Peaches, Jens Friebe und Maximilian Hecker, stets im Hintergrund und doch vordergründig unüberhörbar. Optisch von gestern, aber klanglich von morgen, ist sein elektroexperimenteller Stil ungeheuer schwer einzuordnen – schon gar nicht als Solist, den er seit zehn Jahren parallel gibt.
Am ehesten lässt sich auch sein neues Album The Internet Will Break My Heart vielleicht als digitaler Darkpop bezeichnen, der als Goth-NDW verkleidet den Kellerclub unterwandert. Die Beats sind trist, die Samples bedrohlich, sein rollendes Augsburger rrr verleiht den Texten transsilvanisches Timbre. Das ist definitiv kein Wohlfühlsound, aber einen zum Fallenlassen auf halbleeren Dancefloors, die man mit Imlers Hilfe (und ein paar Drogen) stundenlang nicht verlässt.
Chris Imler – The Internet Will Break My Heart (Fun in the Church)
Vono
Ebenfalls aus Berlin, aber nochmals älter als Chris Imler sind Volker und Norbert Schultze, deren Vornamen andeuten, dass sie einem völlig anderen Jahrhundert entstammen. Angeblich Beteiligte nennen es rückblickend “Achtziger”. Damals hatten die blutsverwandten Keyboarder zwei zeitgenössische Platten produziert, deren New Wave sich der Neuen Deutschen Welle beharrlich widersetzen konnte, eher Nichts als Nena also.
42 Jahre später haben Sie sich ins Studio von Bureau B gesetzt und 13 vergessene Minimal-Tracks von damals nicht nur digitalisiert, sondern maximalisiert. Das Ergebnis von Modern Leben 2025 ist ein fett aufgebrezeltes Modern Leben 1983. Es öffnet Spätgeborenen ein großes Fenster in die vielleicht kreativste Epoche deutschsprachiger Popmusik und könnte schon deshalb 2035 auf jeder Eighties-Party laufen.
Vono – Modern Leben (Bureau B)
bdrmm
Und damit aber endlich mal zu etwas viel Jüngerem, was allerdings auch wiederum frühreif klingt, Tendenz altmodisch, dabei aber durchaus frisch: bdrmm, vier englische Shoegazer, deren gitarrenlastiger Emopop auf ihrer dritten Platte ein bisschen Richtung Alternativepop abschweift, und das ist auch gut so. Stimmlich gehabt cheezy, ist der Sound endlich ein bisschen sperriger, kantiger, bisweilen verschrobener.
Ein wirklich origineller Kontrast, den Stücke wie John on the Ceiling oder Snares mit fast schon breakbeat-beschleunigter, synthiegesättigter, flächig zerfasernder Diskodynamik über Ryan und Jordan Smiths Britpop-Gesang legen, der dadurch zum Glück viel seiner Käsigkeit verliert. Auf Microtonic zeigen bdrmm endgültig, wie gut man sich verändern und dennoch treu bleiben kann.
Mit dem allerletztern Fall Familie in Gefahr geht Wolfgang Stumphs Stubbe (Foto: Christoph Assmann/ZDF) nach 30 Jahren endgültig in Rente – anders als sein Darsteller. Ein Gespräch mit dem 79-jährigen Dresdner über den letzten Film der ZDF-Reihe, Sehnsüchte nach früher, Unruhe von heute und seinen Hang zum Stumph-Sinn.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Stumph, wenn Sie vor 30 Jahren geahnt hätten, dass Wilfried Stubbe erst 2025 seinen letzten Fall löst, welchen Abgang hätten Sie sich da gewünscht: Knalleffekt im Morgengrauen oder Tanz ins Abendrot?
Wolfgang Stumph: Letzteres, unbedingt letzteres. Als Cliff fürs Publikum, um Stubbe, seine Tochter, ihr Kind, die Familie und den Stumph-Sinn der Reihe mitzunehmen.
Stumph-Sinn mit ph nicht pf!
Er bezeichnet die Familie als Mittelpunkt von allem und die Vermittlung zwischen hüben und drüben, von Dresden die Elbe hoch nach Hamburg als Achse, die alles verbindet. Das ging ja bereits mit der ersten Folge los, als der Kriminalist Stubbe als Leihbeamter in den Westen ging, wo seine Frau ein Haus geerbt hatte.
Meistens lief das damals umgekehrt…
Mit dem Strom der Elbe hoch gegen den Strom der Zeit und wieder zurück – das war immer mein ganzes Streben. Als humanistischer Kabarettist ging es mir schon 1991 bei „Go Trabi Go“ oder zwei Jahre später im Salto Postale als sächsischer Postbeamter Stankoweit in Brandenburg, also keine Science-Fiction, sondern Versöhnung am Boden der Tatsachen. Sitcom im Zeitgeist des Hier und Heute.
Haben Sie dennoch manchmal Sehnsucht nach damals?
Ach, Sehnsucht… nach was?
Der Einfachheit vieler Dinge zum Beispiel. Im letzten Stubbe streicheln Sie über eine uralte Schreibmaschine „ohne elektronischen Mumpitz“. Klingt ziemlich nostalgisch.
Diese Nostalgie steckt ja mitten in der Gegenwart. Aber natürlich gibt es eine Sehnsucht nach der Harmonie und dem Zusammenhalt von früher. Denn nur er hat die Kraft zur Veränderung. Wir können es nur gemeinsam schaffen, etwas verändern…
Und dabei positiv auf alte Zeiten zurückblicken, ohne sie zu verklären?
Genau. Ich kann natürlich erzählen, dass ein Schauspieler bei mir schon im Jugendclub mein Interesse an Theater geweckt und mich auf die Bühne gebracht hatte, schön und gut. Das habe ich als Kind ohne Vater mit aufopferungsvoller Mutter gelernt, die mich in den 50ern dazu erzogen hat, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Aber da passiert es schnell, dass Jüngere abwinken und sagen, jetzt spricht der Opa wieder von damals (lacht).
Und wenn Sie es jetzt doch mal tun?
Hatte ich an den richtigen Stellen zur richtigen Zeit das Glück, richtige Entscheidungen zu treffen. Beim Gedanken an früher habe ich besonders im Hinblick auf Beruf und Familie also ein warmes Gefühl. Gerade deshalb benötigt man aber ein wenig Selbstkontrolle, um es beim Erinnern mit der Temperatur nicht zu übertreiben und Fehler einzugestehen, die man natürlich gemacht hat. Irren ist ja nicht nur menschlich, sondern notwendig. Niemand macht immer alles richtig – das zu erkennen, bewahrt einen davor, in Herrlichkeit zu scheitern.
Überwiegen bei Ihnen denn richtige oder falsche Entscheidungen?
Ich hoffe doch, ersteres. Sonst würde ich mich hier nicht mit Ihnen in der Sächsischen Vertretung in Berlin über die letzte Folge Stubbe nach 30 Jahren unterhalten.
Können Sie sich noch an Stubbes ersten Satz erinnern, den er 1995 nach seinem Umzug in Hamburg sagte?
Hmmm. „Der Himmel ist der gleiche Himmel“?
Fast. Auf die Frage seiner Frau, was Stubbe denn noch in Dresden wolle, sagt er: „Ruhe, zuallererst Ruhe“. War das im Grunde genommen die Essenz von dem, was Ihre Figur mittlerweile 54 Filme kennzeichnen würde?
Vermutlich schon und jetzt erst recht. Ich dachte häufiger, wenn wir wieder mal aktuelle gesellschaftspolitische Themen wie Rechtsradikalismus oder familiäre Gewalt in der Serie verarbeitet haben, das reicht jetzt aber auch mal. Später, als ich angefangen habe, Dokumentarfilme zu machen, habe ich dann ja wieder über den Tellerrand der Unterhaltung geblickt und wertvolle Erkenntnisse gewonnen.
Welche zum Beispiel?
Mein Stumph-Sinn ist hat doch eine gesamtdeutsche Sicht in meiner Arbeit. Als ich vor drei Jahren die fünfteilige Dokumentarreihe ZusammenHalten für den MDR gedreht hatte, bin ich deshalb persönlich zum NDR gegangen und habe dort gefragt, warum sie denn am 3. Oktober nicht auch dort laufen könnte.
Und?
Hat funktioniert! Das hat mir Freude gemacht. Positiv zu provozieren, gegen den Mainstream zu schwimmen.
Bisschen dickköpfig zu sein…
Ja, ich bin schon ein bisschen unbequem. Nur wer aneckt bringt etwas in Bewegung.
Als wir vor 18 Jahren über den Film Heimweh nach drüben geredet haben, meinten Sie, eine Klette zu sein und penetrant treu. Woran kleben Sie heute?
An meiner Moral und Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Der Regisseur Peter Kahane zum Beispiel, mit dem ich 2006 „Eine Liebe in Königsberg“ gedreht habe und über 35 Stubbe. Wir arbeiten zwar längst nicht mehr zusammen, haben aber noch immer regelmäßig Kontakt. Das Gleiche gilt für Achim Wolff, lange Zeit mein Partner im „Salto Postale“, oder viele Kollegen aus der aktiven Kabarettzeit. Dabei ist nicht wichtig, wie man beruflich voneinander profitiert. Man wird mich so leicht nicht los.
Gilt das auch fürs Fernsehen oder tritt Wolfgang Stumph gemeinsam mit Wilfried Stubbe von der Bühne?
Nee, ich freue mich zum Beispiel schon jetzt auf die nächste Spielzeit in der Semperoper, wo ich in der kommenden Spielzeit zum 120. Mal den Gefängniswerter Frosch in der „Fledermaus“ spielen darf.
Können Sie sich auch noch eine neue Krimi-Reihe vorstellen?
Das nicht. Vielleicht gibt es noch ein paar für mich wichtige Rollen. Gern ernste Themen mit Humor, die Treuhandaffäre als Komödie zum Beispiel oder das Wärmepumpen-Drama. Uns den Spiegel vorzuhalten, macht mir halt immer noch großen Spaß. Ich habe bestimmt noch einiges mitzuteilen.
Klingt eher nach Unruhestand als Ruhestand.
Genau. Wobei ich mich schon etwas zurücknehmen werde. Ich will zum Beispiel nicht mehr wie früher Co-Produzent meiner eigenen Filme sein, sondern einfach nur meinen Beruf ausüben, meinen persönlichen Anteil für einen Film leisten, ins Glied eines Ensembles zurücktreten. Familie genießen.
Das zweieinhalbjährige Kind ihrer Kollegin und Tochter Stephanie.
Das werde ich mit großer Freude und Verantwortung genießen, aber bestimmt noch nicht aufhören zu arbeiten. Wer rastet der rostet.
Die AfD hat gestern, fear fact, zwar zwei Prozent weniger, aber 43 Sitze mehr erzielt als ihre Ahnen der NSDAP, als sie am 13. September 1931 letztmals nur zweitstärkste Reichstagspartei geworden war. Die einzigen Gewinner der Bundestagswahl sind da abseits der ganz Linken und ganz Rechten zwei Überraschungssieger: Die Demoskopie, die das amtliche Endergebnis analog zur 18-Uhr-Prognose mit gespenstischer Präzision vorhergesagt hatte. Und der sachorientierte Journalismus, mit dem ARD und ZDF Goebbels Wiedergänger behandeln.
Selbst in der Elefantenrunde, dank offener Mehrheitsverhältnisse auf absurde acht Parteien angeschwollen, sind BettinaSchausten und OliverKöhr entwaffnend nüchtern mit Alice Weidel umgegangen. Der publizistischen Objektivitätspflicht haben auch Markus Preiss im Ersten und Shakuntala Banerjee im Zweiten damit zwar einen Dienst erwiesen. Weil die Normalisierung rechtsextremer Kräfte in Gesellschaft, Medien, Politik zur Abschaffung der pluralistischen Demokratie führen könnte, war es allerdings ein Bärendienst.
Nach gefühlt 239 millionenfach eingeschalteten Duellen und Quadrellen, Kreuzverhören und Fragerunden – zuletzt mit Olaf Scholz und Friedrich Merz bei den Springer-Propagandisten Marion Horn und Philipp Burgard – ohne Thematisierung relevanter Themen abseits von Migration, Militär und Wirtschaft, gibt es demnach zwei Fernsehwahlkampferkenntnisse: Privatsender sollten die Finger von lassen. Und nächstes Mal vielleicht doch auch mal jemandem unter 40, sagen wir Rezo, damit beauftragen.
Was ansonsten noch haftenbleibt von dieser epochalen Wahlkampfperiode mit Urnenschock? Jan Böhmermanns fatalistisch-heitere Replik auf Elon Musks Einmischung in der digitalen New York Times. Und vielleicht noch, dass ProSiebenSat1 bereits fleißig am eigenen Grab schaufelt und kurz vor der Wahl massive Stellenstreichungen verkündet hat, weil man auch in Unterföhring künftig lieber auf Social Media als Redaktionen setzt.
Die Frischwoche
24. Februar – 2. März
Manchmal könnte man meinen, unsere Medien sind mindestens so KRANK wie die Notaufnahme der gleichnamigen Neuköllner Klinik, in der AppleTV+ Mittwoch Fernsehgeschichte schreibt. Unter der Regie von Alex Schaad und Fabian Möhrke ersteht aus den Trümmern des deutschen Gesundheitssystems nämlich ein Emergency Room auf, der acht Teile auf derart plausible Art unterhaltsam und umgekehrt ist, dass es bei allem Entertainment noch mehr schmerzt als die Dresche einer großartigen Dramaserie bei Disney+.
A Thousand Blows schildert zwölf Teile lang Boxerinnen im London der 1880er Jahre und schafft damit ein antipatriarchales Action-Format, das alle Aufmerksamkeit verdient. Deutlich mehr jedenfalls als die Blockbuster der Woche. Allen voran die Prunksitzungen des anbrechenden Karnevals, den das ZDF am Donnerstag zur besten Sendezeit aus Köln überträgt und die ARD 24 Stunden später aus Mainz. Was allerdings alles nicht halb so jeck ist wie die neue Staffel Big Brother.
Vor 25 Jahren bei RTL2 gestartet und anfangs ein Quotengarant, interessieren sich ab heute allerdings nicht mal besoffene Faschingsfans fürs Gossen-TV von Sat1. Ob für Amazon Prime etwas anderes gilt, bleibt abzuwarten. Donnerstag startet dort die wuchtige Bibel-Fiktion House of David über den israelitischen Religionsgründer, während der unvermeidliche Gamer Knossi tags drauf an gleicher Stelle zur Mission Unknown bittet – eine Art Dschungelcamp auf dem Atlantic.
Parallel startet bei Paramount+ das RomComRoadMovie Drive Me Crazy, während Arte tags zuvor Philippe Faucons vierteiliges Empowerment-Drama Nismet über eine junge Frau (Emma Boulanour) im Kampf mit dem Patriarchat zeigt. Und als sachliches Schmankerl macht die ARD-Mediathek Fans gesundheitsfördernder Drogennutzung mit der Doku Magic Mushrooms gegen Depressionen Mut.
Ob Tocotronic (Foto: Noel Richter) wollen oder nicht: Mit 14 Platten in 30 Jahren zählen sie zum Kanon der deutschsprachigen Popkultur wie Grönemeyer, Rammstein, Herr Lehmann. Vielleicht klingt ihr neues Album Golden Years deshalb so nostalgisch. Ein falscher Eindruck, meinen Sänger Dirk von Lowtzow und Drummer Arne Zank. Bestenfalls nach vorauseilender Wehmut dreier Mittfünziger auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft.
Von Jan Freitag
Der Titel eurer neuen Platte „Golden Years“ klingt irgendwie nostalgischer als man es von Tocotronic erwartet hätte. Habt Ihr Heimweh nach früher?
Dirk: Ich würde ihn eher als offenes System bezeichnen, das man sarkastisch aufs Gestern gerichtet deuten darf, apokalyptisch auf die leuchtenden Brände von L.A. grad oder des Golden Age, das Donald Trump ausgerufen hat. Es funktioniert aber auch als Hoffnungsschimmer einer Momentaufnahme absolut reiner Gegenwart, die der Protagonist im Titelstück als etwas ansieht, das vielleicht nicht mehr besser wird. Ich würde es daher als vorauseilende Wehmut bezeichnen, aber nicht als Nostalgie.
Arne: Weil man den Titel im Englischen auch mit „Ruhestand“ übersetzen kann, verstehe ich ihn auch als Sehnsucht nach vorne, als Vorfreude aufs Rentendasein.
Dirk: Ach! (lacht)
Das habt ihr mit Anfang 50 schon im Hinterkopf?
Arne: Mit etwas Humor schon. Der hat übrigens auch mit unserem ersten Label L’Age D’Or zu in Hamburg tun hat, das ständig mit dem Gold-Begriff gespielt hat.
Dirk: Gold ist ja auch immer ein bisschen tacky, wie man heute sagt, ein billiger Glanz, nicht ganz echt. Aber wie auch immer: alle dürfen den Titel deuten, wie sie wollen. Das Schöne am Pop ist ja, dass die Kommunikation beim Hören entsteht. Aber wenn du uns fragst, war Nostalgie definitiv nicht der erste Impuls.
Wobei man nach 14 Platten in 30 Jahren durchaus nostalgisch zurückblicken darf, oder?
Dirk: Klar, aber unsere Entwicklung ging innerhalb eines fortlaufenden Prozesses relativ geradlinig von Punkt zu Punkt bis heute. Genau aus diesem Grund waren wir stets eine Album-Band, die mit sich, der Welt und den Zeitläuften in Dialog treten. Unser Ansinnen war immer, in dem Sinne großzügig zu sein, viel von uns persönlich mitzuteilen.
Arne: Geradezu geschwätzig sogar.
Dirk: Heute würde man es wohl „oversharing“ nennen, wie wir uns als Personen und Band mitgeteilt haben. Tocotronic war immer öffentlich Tagebuch führen.
Aber waren die Ich-Botschaften wirklich Veräußerungen eures Innersten oder nicht doch einfach Kunstgriffe, von sich zu singen, aber alles zu meinen?
Dirk: Natürlich, denn es waren am Ende ja Songtexte, keine Tagebücher, also objektive Tatbestände mit der Möglichkeit, sie subjektiv zu deuten. Dennoch waren gerade die frühen Platten stark von unserem echten Leben geprägt. Liebe, Freundschaft, Jugend…
Arne: Oder die ständige Erklärung, warum wir überhaupt eine Band geworden sind.
In einer Zeit, die verglichen mit unserer Dauerkatastrophe als sorgloses Jahrzehnt gilt, der Francis Fukuyama das Label Ende der Geschichte verpasst hatte. Konnte man darin lockerer aus dem Bauch denken, während die Gegenwart verkopfter ist?
Arne: Ich finde ja, wir waren schon mal verkopfter als heute, haben mittlerweile aber zur Unmittelbarkeit zurückgefunden, einem direkteren Ausdruck in der Sprache wie früher.
Dirk: Und ich habe aber auch die Neunziger nie als so unbeschwert empfunden, dass alles aus dem Bauch heraus war. Wir hatten halt andere Interessen und wollten den Alltag darstellungsrealistischer aufsaugen. Von 1999 bis Mitte der Zehner ungefähr war unser Songwriting zwar stärker von Theorien als Praxis geprägt, hat aber immer noch unseren Alltag verdaut. Damals war uns Theorie zum Verständnis der Verhältnisse halt wichtiger. Danach sind die Songs dann wieder ins Autofiktionale gerutscht. Da ist dieses Album eine Mischform all unserer Epochen.
Arne: Wenn ich an die Neunziger zurückdenke, kommt mir weniger Hedonismus in den Sinn als die Baseballschlägerjahre, die Nationalisierung der Popkultur, die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl, dieses ganze Das-Boot-ist-voll-Rhetorik. Politisch war da vieles grauslich und persönlich verklemmt, vergrübelt. Soziologisch kann man der Zeit vielleicht Sorglosigkeit attestieren, aber jetzt hier im Rückblick fällt mir das schwer.
Dirk: Ich empfinde uns bisweilen heute sogar als freigeistiger. Wenn man wie wir so Ende der Achtziger in den Indie-Hardcore-Punk hinein sozialisiert wurde, gab viele extrem einengende Regeln, Gebräuche, Codices bis hin zur Frage, ob man auf Major-Labels publizieren dürfe.
Arne: Ich persönlich habe das gar nicht als einengend empfunden. Weil politische Korrektheit oder wie sie heute heißt: Wokeness meist einen ernsten Hintergrund hat, nähern wir uns beidem sprachlich und stilistisch halt seit jeher spielerisch, also weder explizit politisch noch unpolitisch.
Auf der neuen Platte klingt immerhin ein Lied explizit politisch: Denn sie wissen, was sie tun, was nach einer direkten Ansprach an AfD und Identitäre klingt.
Dirk: Es geht eher um die Hegemonie der Niedertracht zur Durchsetzung politischer und persönlicher Zwecke. Dass diese Hegemonie hauptsächlich von rechtspopulistischen oder -extremen Politker*innen und ihrer gewaltbereiten Gefolgschaft betrieben wird, liegt auf der Hand. Aber unsere Lieder sind eher biografische als politische Mikrolebensdramen. Deshalb würde ich dieses hier als Protestsong beschreiben. Ein Genre, das uns schon immer interessiert.
Arne: Besonders ihr radikales Image, die eigentlich das Gegenteil gesellschaftlicher Sichtweisen beinhaltet, sondern radikal subjektiv ist.
Dirk: Im Pop ist Politik für mich immer eher Werden als Sein. Das sieht man zum Beispiel an Bye Bye Berlin – eine Art Vogelperspektive, aus der das Berghain brennt, beeinflusst von einem amerikanischen Maler, also gar nicht explizit politisch. Durch die Kürzungsorgie des Berliner Senats und seine Austeritätspolitik ist es das aber geworden.
Spürt ihr diese Austeritätspolitik an eurer künstlerischen Arbeit in dort?
Dirk: Klar. Aber umso mehr gilt, dass die politischen Momente unserer Songs nicht gesetzt sind, sondern entstehen. Denn sie wissen, was sie tun ist demzufolge eine Beschäftigung mit Protestsongs.
Es heißt darin, ihre wollt die Rechten nicht mit Gewalt bekämpfen, sondern auf die Münder küssen. Scheitert diese Umarmungstaktik nicht gerade krachend?
Dirk: Deshalb empfehle ich den Kuss ja als Umarmung, bei der man den Geküssten die Luft zum Atmen nimmt. Der Todeskuss als Tötungsfantasie im poetischen Sinne, gewaltsames Abschwören von der Gewalt gewissermaßen. Durchaus ironisch.
Genau 19 Jahre nach dem Start geht Germany’s Next Topmodel (Foto: Rankin/ProSieben) am 13. Februar in die 20. Staffel. Über ein fernsehgeschichtsträchtiges Format, das bis heute polarisiert – und verstört.
Von Jan Freitag
Das sonnige Sommermärchenjahr 2006 war ein folgenschweres, und nein: es hatte wenig mit Fußball zu tun, noch weniger mit der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs und am allerwenigsten mit Plutos Degradierung zum Zwergplanet. Um gegen sexualisierte Gewalt zu protestieren, ersann die amerikanische Frauenrechtlerin Tarana Burke Mitte Oktober den Kampfbegriff #MeToo, und das ist fast 20 Sonnenumrundungen später nicht nur so beachtlich, weil sie es auf einem Netzwerk namens – Ältere erinnern sich – MySpace verbreitete. Mindestens ebenso interessant ist, welcher Fixstern der Fernsehunterhaltung ihr neun Monate zuvor in den Rücken gefallen war.
Am 26. Januar hatte Heidi Klum die Casting-Show ihrer US-Kollegin Tyra Banks importiert. Und zehn Mittwochabende lang sorgte Germany’s Next Topmodel fortan nicht für gewaltige Resonanz auf allen, damals noch meist analogen Kanälen. Ein Dreivierteljahr nach Tarana Burkes öffentlicher Anklage erbrachte ProSieben damit auch den Beweis, dass Sexisten zwar größtenteils Kerle sind, aber keinesfalls sein müssen. Denn geringschätziger als von der Bergisch-Gladbacher TV-Domina, wurden ihre Geschlechtsgenossinnen nur selten behandelt.
Ein Dutzend makelloser, teils minderjähriger Frauen, das die strenge Heidi aus 11.637 Bewerberinnen oberflächlich selektiert hatte, gab jahrzehntelang erstrittene Freiheiten bereitwillig an der Garderobe ab. Mindestens 172 (später 176) komplett körperfettfreie Zentimeter groß, strahlendweiß und wohlgefällig, setzten sich anfangs zwölf Finalistinnen bei aberwitzigen Challenges fortan der Bewertung einer Jury aus, die bis zur 14. Staffel 2019 mal abgesehen von Heidi Klum ausnahmslos aus Männern bestand. Wobei das Urteil von Bruce Darnell, Peyman Amin oder Armin Morbach oft weniger mit Modeln als Voyeurismus, Fremdscham, Quälerei zu tun hatte.
Als „Male Gaze“ berüchtigt, wurden bis heute also annähernd 500 „Mädels“, zu denen die Organisatorin ihr Frischfleisch nicht nur sprachlich degradiert, exakt dem ausgesetzt, was diverse Emanzipationsbewegungen eigentlich beendet hatten: Weiblichkeit als Ware maskuliner Gebrauchs- und Geschäftsinteressen. Bei Heidi Klum trafen die verklemmten Fünfziger ungemein rentabel auf die freizügigen Nullerjahre und griffen dem reaktionären Backlash der rechtspopulistischen Gegenwart (hoffentlich unfreiwillig) voraus. In dem bestand allerdings nicht die einzige Grundsatzkritik an GNTM.
Als die 17-jährige Lena Gehrke am 29. März 2006 vor fast fünf Millionen Zuschauern – überwiegend weiblich und schwer pubertierend – zu Heidi Klums erstem Topmodel gewählt wurde, verlor besonders das gehobene Feuilleton die Contenance. Dabei musste man gar nicht wie Roger Willemsen zum Start der 4. Staffel sinnbildlich „sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln“, um Heidis misogynes Zuchtgestüt anzuprangern. Sachlichere Tadel reichten von Sadismus, Zynismus, Rassismus über Verstöße gegen Jugend-, Arbeits-, Medienrecht bis zum „Sexismus in Reinkultur“, den die Philosophin Catherine Newmark 2015 im Deutschlandfunk beklagte.
Daran ändert ein Sinneswandel wenig, der im Weinstein-Skandal Ende 2017 einsetzte. Drei Jahre später gewann die Transperson Alex Peter zwar eine Staffel, in der weder Konfektions- noch Körpergröße normiert waren, bevor ein Jahr drauf erst die Altersgrenze, dann das Männerverbot fiel. Parallel aber haben abermillionenfach geklickte Videos von STRG-F oder Rezo Klums angebliche Läuterung mithilfe zahlreicher Kronzeuginnen früherer Ausgaben als Diversitäts-Washing entlarvt. Dazu passt, dass ein Gericht Lijana Kaggwa größtenteils Recht gab als die 22er-Finalistin von Manipulation, gar psychischer Gewalt sprach und von ProSieben wegen Bruchs der Verschwiegenheitserklärung angeklagt wurde.
Bevor am 13. Februar die 20. Staffel mit paralleler Version männlicher Models startet, hätte man von Hannes Hiller bei aller legitimen Freude übers quotenstarke Format da gern ein paar Worte sachlicher Reflexion über seine Cashcow gehört. Auf Anfrage hat der Senderchef „Selbstkritik“ allerdings mit „Selbstbetrug“ verwechselt und die Königin der „modernen Cinderella-Story“ mit „höchster Glaubwürdigkeit und Kompetenz“ bei „großer Akribie und Leidenschaft“ umschrieben. Fehlt nur noch dynastisches Denken. Nach Heidis Schwager Bill agiert diesmal schließlich Tochter Leni als Jurorin.
Ein Sozialist, wer hier Trumpismus wittert. Bleibt zu hoffen, dass beide mehr anhaben als in ihrer ebenso hüllen- wie würdelosen Dessous-Kampagne. Denn für den Erfolg tut Heidi Klum, die 1992 bei einem RTL-Casting des übergriffigen Thomas Gottschalk entdeckt wurde und hernach fürs „gebärfreudige Becken“ geschmäht, fast alles. Nur so konnte sie den Umsatz nach Forbes-Schätzungen 2020 in drei Jahren auf 34,8 Millionen Euro verdoppeln. Vor allem dank Germany’s Next Topmodel. Ein Goldesel, der den Zusatz by Heidi Klum trägt, aber von Papa Günther gemanagt wird und damit seit 20 Jahren Erfolg hat. Mehr zumindest als die Topmodels selber.
Langfristig laufen viele ja eher auf Zweitverwertungsrampen als Laufstegen, und falls sie im Casting-Beruf tätig sind, dann meist für Günther Klums Modelagentur ONEeins. Analog zu Bohlens wesensverwandten Superstars sind von Klums Topmodels eigentlich nur drei der ersten vier Staffeln erinnerlich. Nach Lena Gehrcke, Barbara Meier, Sara Nuru brechen die Wikipedia-Einträge vieler Epigoninnen zwei Jahre nach dem Sieg ab. Vielleicht hat Bruce Darnell dieses Scheitern ja geahnt, als er vor 19 Jahren „Drama, Baby, Drama!“ forderte. Um viel mehr ging es bei Germany’s Next Topmodel eigentlich nie.
Germany’s Next Topmodel, 20. Staffel, seit 13. Februar (Frauen), ab 18. Februar (Männer), ab 27. März gemeinsam, dienstags und donnerstags um 20.15 Uhr bei ProSieben
Endlich! Nachdem es hierzulande auch in der vorigen Woche wieder unzählige Opfer sinnloser Gewalt gab, greift die Politik hart durch und reguliert – nein, nicht den Autoverkehr, der auch im vorigen Jahr nahezu 3000 Tote (nicht selten durch polizeibekannte Wiederholungstäter) gefordert hatte. Stattdessen schießt sich die Gesellschaft mithilfe populistischer Medien kollektiv auf alle Menschen ein, die erkennbar andere als Biodeutsche sind und deshalb offenbar dringend tatverdächtig.
Fast ebenso befremdlich ist allerdings der umgekehrte Fall verdrehter Prioritäten. Die öffentlich-rechtlichen Quadrelle und Klartexte nämlich zeichnen sich bislang durch Saalpublikum aus, das allzu offensichtlich nach Parteipräferenzen, besser: Parteiabneigungen gecastet wurde. Auch am Donnerstag waren Studiogäste rechts der Mitte rar, während Linksliberale hör- und sichtbar waren. Besonders das ZDF hat an Michelle Obamas Bonmot, when they go low, we go high, irgendwas gehörig missverstanden. Einerseits.
Denn andererseits gewinnen reaktionäre Narrative so zügig die Oberhand über progressive, dass der angeblich „linke Mainstream“ an seiner Objektivität zu ersticken droht. Zumal auch dessen Themen auch im gestrigen Spitzengespräch bei RTL praktisch keinerlei Erwähnung fanden. Klimawandel, Gerechtigkeitslücke, Digitalisierung oder auch nur die Kinderbetreuung vorm Schuleinritt waren allenfalls Robert Habeck mal Randbemerkungen wert. Dafür haben Pinar Atalay und ihr grumpy Kollege Günther Jauch alles getan, um für Unterhaltung zu sorgen.
Multiple-Choice-Fragen à la Wer wird Millionär? zum Beispiel, was die Befragten gelegentlich an der Zurechnungsfähigkeit des Fragenden zweifeln ließ. Erkenntnisgewinn? Null! Banalisierungswert? Zehn! Oder um es mit dem SZ-Autor Andrian Kreye zum Rassismus-Vorwurf gegen Olaf Scholz wegen dessen Hofnarr-Tirade gegen den Berliner Kultur-Zerstörer Joe Chialo auszudrücken: „Eigentlich bräuchte das gesamte öffentliche Leben inzwischen eine Trigger-Warnung.“
Vor allem bräuchte es andere Medien als die der inoffiziellen AfD-Pressestelle Springer SE. Sonntag gab sie Alice Weidel wieder Wahlkampfhilfe und titelte mit deren Interview-Aussage: „Höcke kann Minister“. Fast wünscht man sich, demokratische Institutionen würden Bild und Welt ignorieren. Das wäre immerhin eine Eskalationsspirale vor Donald Trumps Verbannung der größten US-Nachrichtenagentur AP aus dem Weißen Haus, weil sie den Golf von Mexiko nicht Golf von Amerika nennt.
Die Frischwoche
17. -23. Februar
Damit zeigt sich erneut, dass die USA heute von exakt jenen Kräften regiert werden, die bei Amazon Prime noch am Rande der Gesellschaft stehen. Julian Kurzels Politthriller The Order skizziert eindrucksvoll, wie sich die Terror-Gruppe vor gut 40 Jahren von der Aryan Nation abspaltete, um einen faschistischen Führerstaat auf amerikanischem Grund zu errichten. Mit Jude Law als aufrechter Cop bietet der Film nicht nur gutes Historytainment, sondern Anschauungsmaterial, was uns seit Donald Trump demokratischem Putsch blüht.
Ach, wie schön ist da doch ein bisschen ansehnlicher Eskapismus wie die dritte Staffel White Lotus, mit der Sky ab heute sein unvergleichliches Luxusurlaubsuniversum in Thailand fortsetzt – und abermals außergewöhnliches Fernsehen liefert. Würde Netflix nicht wie so oft jegliches Pressematerial verweigern, könnte man das vielleicht auch über die Thriller-Serie Zero Day mit Robert DeNiro ab Donnerstag als was auch immer sagen. Tja…
Was sich definitiv nicht zur kleinen Weltflucht am Bildschirm eignet, ist dagegen die ARD-Serie Families Like Ours, tags drauf in der Mediathek. Weil Dänemark darin im Klimawandel versinkt, begleitet Thomas Vintergard darin eine Patchworkfamilie auf umgedrehter Fluchtroute südwärts, was der Oscar-Preisträger (Der Rausch) in seiner ersten TV-Serie wirklich grandios inszeniert. Ansonsten startet morgen das männliche Spin-Of von GNTM und parallel zur Bundestagswahl am Sonntag die 2. Staffel der Paramount-Serie 1923 – ein Format, dass wie The Order auch viel mit dem Rechtsruck der globalen Politik zu tun hat.
Würden Wahlen etwas ändern, wären sie verboten – so lautet ein fatalistisches Bonmot staatskritischer Kräfte, das auch auf die medialen Kräfte der aktuellen Duelle und Quadrelle übertragbar ist. Würden Fragen etwas ändern, den Eindruck haben nach Andreas Wunn im Zweiten gestern auch Sandra Maischberger und Maybrit Illner im Ersten verfestigt, hätte man sie womöglich gestellt. Weil weder ARD noch ZDF, geschweige denn CDU und SPD daran interessiert sind, die wichtigen Probleme zu erörtern, fiel das Wort Klimawandel bisher kein einziges Mal.
In Worten: Null.
Weil das auch für Mietexplosion oder Verkehrswende gilt, sind die Arenen am Ende bloß PR-Shows mit AfD-Fetisch. Dazu passt, dass im ZDF-Schlagabtausch nur TinoChrupallas Einstiegsstatement vom Saalpublikum benachbarter Unis bejubelt unterbrochen wurde, während der Schnitt eines heute-Beitrags vom CDU-Parteitag de facto Tatsachen verdreht. Wie gesittet Olaf Scholz und Friedrich Merz gestern debattiert haben, ist da ein Beleg für den Konsens aller medienpolitischen Akteure auf realitätsferne Themenauswahl.
Damit ist der deutsche Fernsehzirkus zwar noch nicht auf dem Niveau der Merz-Wahlkämpferin Bild oder Fox, wo Lara Trump künftig Schwiegerpapa Donald feiern darf, der zugleich liberale Medien wie Politico aus dem Weißen Haus wirft und durch rechtsradikale wie Breitbart ersetzt. Aber wenn 500 Kreative eine Brandmauer der demokratischen Kräfte gegen AfD und ihre Steigbügelhalter fordern, sollten einige davon dringend zuvor in den Spiegel sehen.
Um Geister zu vertreiben, die man rief, kann sonst irgendwann nur noch Buffy helfen, die 22 Jahre nach ihrem Abschied mit Sarah Michelle Gellar in der Hauptrolle zurückkehrt – sonst droht uns irgendwann endgültig das Recht des Dschungels. Apropos: Gestern ging IBES mit routinierter Ödnis zu Ende, hat RTL aber nochmals Topquoten beschwert, die der Superbowl anschließend geschreddert von gefühlt 274 Werbespots nochmals toppte.
Die Frischwoche
10. -16. Februar
Von solch einem Zuspruch darf das Quadrell am Sonntag schon angesichts des zahmen Moderationsduos Günther Jauch und Pina Atalay wohl ebenso nur träumen wie davon, dass Faktenchecks endlich während der Ausstrahlung anstatt hinterher erfolgen. So kann Alice Weidel auch Donnerstag beim ZDF-Klartext die Zahl jüdischer AfD-Mitglieder gewiss unwidersprochen auf 1000 beziffern, obwohl es keine zwei Dutzend sind, oder die Lüge verbreiten, regenerative Energie würde als einzige subventioniert.
Bleibt als seriöse Entscheidungshilfe eigentlich nur noch Stephan Lambys gewohnt grandios recherchierte Dokumentation Die Vertrauensfrage über die Wahlkämpfe aller großen Parteien, Montagabend zur besten Sendezeit im Ersten. Oder man lenkt sich einfach ein bisschen ab vom Weltgeschehen. Mit der True Story of Rihanna zum Beispiel, ab Dienstag in der ZDF-Mediathek, die natürlich alles außer der Wahrheit liefert, aber sehr kurzweilig ist.
Außerdem feiert ProSieben ab Donnerstag die 20. Staffel Germany’s Next Topmodel, bevor der frühere Kanzlerduell-Moderator Stefan Raab tags drauf bei seiner Chefsache ESC als King of Kotelett firmiert. Fiktional dagegen hat die Woche eher wenig zu bieten. Parallel zur Entwicklungshilfe für den NDR startet Paramount+ die 3. Staffel der immer noch fesselnden Robinsonade Yellowjackets.
Am Samstag dann startet das ZDF sein amüsantes Online-Experiment, aus dem abgedroschenen Zombie-Genre einen Endkampf der englischen Generation Z gegen untote Boomer zu machen. Und zeitgleich verabschieden wir uns nach 920 Einsätzen in 382 Jahren von Stubbe, der tatsächlich und abschließend in Rente geht. Genieß ihn bitte, Wolfgang Stumph.