Samstagsporträt: Markus Staiger, Nuclear Blast

Vom Metall zum Metal

In einer Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb hat der Musikfan Markus Staiger das größte unabhängige Heavy Metal-Label der Welt geschaffen. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte vor 25 Jahren im Kinderzimmer.

Von Jan Freitag

Schwäbisches Arbeitsethos? Markus Staiger schüttelt den Kopf. Ha Noi! Bei aller Bodenständigkeit, das nun nicht. Obwohl – er denkt kurz nach. „Eigentlich doch.“ Sofern es Attribute wie Beharrlichkeit und Ausdauer beschreibt, falls es für Geschäftssinn und Risikofreude steht, wenn es zu schätzen heißt, „dass man mag, wenn etwas wächst und gedeiht“, wie Staiger es ausdrückt, „bin ich wohl doch recht schwäbisch.“ Schwäbischer zumindest, als der Name seines Unternehmens: Nuclear Blast. Auch wenn man in Donzdorf gern Blascht sagt. Schwaben können eben alles, außer Hochdeutsch. Und Staigers stetig wachsende Firma belegt, dass seine Landsleute selbst im letzten Winkel jedes Produkt für die ganze Welt erzeugen. Von Maschine über Teddy bis Geschirr und nun auch noch Markus Staigers Ein und Alles, seinen Lebenszweck: Heavy Metal. Mit ihm wurde ein mittelständischer Betrieb bei Ulm zum weltgrößten unabhängigen Plattenlabel einer Musikrichtung, die gerade am Rande der Schwäbischen Alb wie eine Invasion Außerirdischer wirkt. Heavy Metal, das hören doch die mit den rauen Sitten, den satanischen Riten, den langen Matten. „Die Region ist tiefschwarz und gläubig“, sagt ihr Grundversorger Staiger, selbst eingeborener Katholik, „aber bei uns erwirbt man sich mit Erfolg eben Respekt.“

Und von beidem hat sich der Mann mit den sanften Augen in 45 Jahren reichlich erarbeitet. Besser noch: in seiner zweiten Lebenshälfte; am Ende der ersten war er noch Bürgerschreck mit Punkfrisur. Das belegt auch ein Dokumentarfilm von Arte namens Heavy Metal auf dem Lande. Staigers Mutter zeigt darin Jugendfotos ihres Buben und lächelt scheu durch ihre Küche in rustikaler Eiche. Dem Markus, so erteilt sie ihm heute Absolution, „dem isch des wirklich ernscht“. Und wem es das ist, darf auch vom deutschen Bibelgürtel aus Tassen mit Pentagramm, Aufnäher mit „Satan inside“ oder Alben mit Kruzifix als Steinschleuder verkaufen. Wer Heavy Metal sagt, muss schließlich auch Nuclear Blast sagen. Das Unternehmen mit Büro in L.A. verbucht rund um den Globus Chartplatzierungen. Nightwish, eine der mittlerweile 104 Vertragsbands, katapultiert jedes ihrer Alben nicht nur im heimischen Finnland an die Chartsspitze und knackt locker die Millionen-Grenze international verkaufter CDs. In Zeiten sinkender Tonträgerabsätze eine unglaubliche Zahl und doch nur eine Seite der Medaille.

Die andere heißt Mailorder und Merchandising. An die 6000 Produkte stapeln sich im riesigen Lager des firmeneigenen Gebäudes, weitere 2000 sind lieferbar. Woche für Woche verschicken gut gelaunte Frauen im Versand Tausende von Paketen um die Welt. Das Klima ist gut, die Musik verbindet. Hier, inmitten langer Regalfluchten, ist auch Markus Staiger in seinem Element. Zwischen Weihnachtsgirlanden aus Fledermäusen, Armreifen mit Eisernem Kreuz oder Platten in martialischen Hüllen, umgeben von Totenköpfen, T-Shirts, Nieten und Nippes. Ihr Besitzer kennt jede Kiste, jede Band, jeden Button. Er lächelt milde über unnützes Zeug, verharrt stolz vor der kleinen Vinylecke und preist ungläubig Topseller wie Patronengurte oder Trinkhörner. Staiger grinst: „Keine Ahnung, was 4000 Leute damit wollen.“ Der echte Metal-Fan hegt eben eine innige Beziehung zu Devotionalien, zum Fetisch, zur Uniform. Und sie beschert Nuclear Blast im Vorjahr fast 40 Millionen Euro Umsatz. Die knapp 100 Angestellten, meist echte Fans mit langen Haaren und Band-Shirts, kriegen sogar Weihnachtsgeld.

Das bringt Markus Staiger nachbarschaftliche Anerkennung. Dabei schafft ein Betrieb dieser Größe im überschaubaren Donzdorf mit seinen 11.000 Einwohnern gerade mal die Top Ten der größten Arbeitgeber. Doch die Kleinstadt mag ihren Markus und Bürgermeister Martin Stölzle nennt drei sehr praktische Gründe: „Er ist ein Beispiel, wie man als junger Mensch eine Firma von Weltruf aufbaut, er schafft Arbeitsplätze und ist ein guter Steuerzahler.“ Außerdem veranstalte er gern Feuerwerke und die Musik sei teilweise, nun, hörbar. In einem Ort, wo der frühere Patriarch, ein reicher Graf von bald 100 Jahren, naturgemäß mit Erlaucht angeredet wird und Konservativismus als genetisch bedingt gilt, sei Kritik da selten. Das war vor einem Vierteljahrhundert sicher anders, als Markus Staiger beim Zivildienst begann, der umliegenden Szene kleinere Posten Importplatten zu ordern. Vom Metall zum Metal – gelernt hatte er Maschinenschlosser. Doch Regelarbeitsverhältnisse waren seine Sache nie. Auch der Name seines Ur-Versands stieß kaum auf Verständnis: Misthaufen Distribution, wirtschaftlich eine Reihe Sammelbestellungen mit geringer Gewinnspanne, räumlich ein Zimmer im Elternhaus, perspektivisch ein Sprungbrett nach oben. 1987 gründete er Nuclear Blast. Seither befindet er sich im Steigflug.

So sehr, dass Staiger nun kürzer treten muss, treten darf, will. Nach20 Jahren pausenloser Arbeit nimmt er sich nun Zeit für seine Freundin und Hobbys. Joggen, Fitness, Yoga. Und Golf. Als Ausgleich und Naturerlebnis. Der untersetzte Mann in schwarzer Freizeitkleidung lacht: „Aber alloi“, nicht mit dem örtlichen Jet Set. Dafür, aus dem Munde eines wohlhabenden Porschefahrers klingt das rasch verdächtig, „bin ich zu independent“. Und doch muss man es ihm glauben. Nicht wegen der Band-Logos, die er gern vor der Brust trägt. Nicht wegen 20.000 Platten des Vollgasgenres, die seine Wohnung verstopfen. Nicht, weil er Kaufangebote der riesigen Majorlabels so ablehnt wie heimeliges Versorgungsdenken oder das Siezen. Nein, es ist das Wesen seiner Musik. Heavy Metal sei keine Frage des Geldbeutels und schon gar nicht von Trends, sondern pures Herzblut. „Ich werde ihn mein Leben lang hören“, schwört er. Was sich wie Selbstvergewisserung des alternden Fans anhört, es ist reine Feststellung.

„Hey, your Record is fucking unbelievable“, ruft Staiger einer Musikerin zu, die sein chaotisches Büro voll goldener Schallplatten und Versandkisten betritt. Bei Fourtysomethings mit blondierter Kurzhaarfrisur führen solch juvenile Ausbrüche oft zum Fremdschämen. Doch wie Markus Staiger danach beteuert, in ihre Band richtig Energie zu stecken, weil sie so unfassbar gut sei, ist man geläutert. Dieser Mix aus Leidenschaft und Energie in schwäbischem Akzent, mit ihm lässt sich alles verkaufen. Ob Metal oder Metall.

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