Pin-Up-Girls und Millionäre

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 1.-7. April

Einfach Wahnsinn, was die vorige Woche so für Topnews mit sich brachte: Der Premiumpromi Cindy aus Marzahn, intellektuelles Aushängeschild des weltbesten Senders (RTL) und tragende Säule der weltbesten Show (Wetten, dass…?), wechselt sommers zu Sat1. Dass Nordkorea mit Krieg droht und Zypern die Pleite, verwelkt auf dem Boulevard natürlich ebenso zum Bodenschlenker nachrichtlicher Erregungskurven wie die Tatsache, dass der wunderbar uneitle weil ausschließlich sachorientierte ARD-Korrespondent Jörg Armbruster – dem wir hiermit rasche Genesung wünschen – bei der Arbeit in Syrien angeschossen wurde. Gibt halt wichtigeres zu berichten als so dröge Sachen wie Weltpolitik. Den neuesten Frauentausch zum Beispiel, dem RTL2 seit gestern – Überraschung! – ein -Promi voranstellt und das sendereigene Pinup-Girl Micaela mit dem sendereigenen Bäuerinnensucher Heinrich durchwechselt, was ja nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil die eine Schäfer heißt und der andere Schäfer ist, sondern weil eine der zwei Tauschfrauen Y-Chromosomen trägt, also gar nicht so richtig Frau … aber lassen wir solche Spitzfindigkeiten bei einem Kanal, der Scripted Reality wie Mitten im Leben unter Nachrichten verbucht.

Womit wir bei der Medienschizophrenie der Woche wären. Denn die Topnachricht, Christian Wulff lehne die Einstellung aller Ermittlungen gegen Zahlung von 20.000 Euro ab, beruht ja auf einem offenbar fälschlichen Korruptionsverdacht, der nun seinerseits rückwirkend zur Topnachricht darüber aufgeblasen wird, die Medien (übrigens besonders jene, die ehedem fleißig mit eingedroschen hatten auf den Expräsidenten in spe) hätten damals alles falsch gemacht, was jetzt eine schöne Nachricht unter den Tisch kehrt, die weiterhin berichtenswert bleibt: Dass der Empokömmling Wulff und der Elitenzögling Groenewold gar nichts Illegales getan haben müssen, um die Mechanik einander waschender Hände in den einflussreichen Schichten dieses wirtschaftspolitischen Systems für verachtens-, also berichtenswert zu halten.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 8.-14. April

Obwohl: Dass die Medien durchaus in der Lage, ja bereit sind, über so etwas eingehend zu berichten, zeigt der gigantische Aufriss, den die eingeweihten Redaktionen von NDR und SZ derzeit ums Datenleck internationaler Steueroasenflüchtlinge betreiben. Das führt sogar so weit, dass die ARD ihr Jubelporträt über Gunter Sachs aus gegebenen Anlass ändern ließ. Um 21 Uhr ist der verstorbene Gentleman-Playboy also doch nicht mehr bloß jener „Unternehmer, Künstler, Sammler“, den auch öffentlich-rechtliche Glitzerformate gern in Erbreichen und ähnlich eigenleistungsfrei zu Geld Gekommenen wie Sachs sieht, sondern auch ein Betrüger im ganz großen Stil.

Und damit aber mal zurück zum Wesenskern des Fernsehens von heute: Entertainment. Das kommt auch heute (Montag) Abend gleich mal als Krimi daher, aber immerhin als sehr unterhaltsamer namens Der Tote im Watt, der neben einem wirklich fiesen Eingangsmord auch eine wirklich tolle Hauptdarstellerin zu bieten hat, von der künftig nicht nur im neuen Hamburger Tatort noch mehr zu hören sein wird: Petra Schmidt-Schaller. Noch spielt die Tochter des gleichnamigen DDR-Stars (mit Stasi-Makel) zwar auch noch in Sat1-Romanzen mit (die diesen Dienstag mit Groupies bleiben nicht zum Frühstück mal ein wenig gehaltvoller als üblich daherkommen); doch früher oder später dürfte sie statt in heiteren Schnulzen eher auf 3sat zu sehen sein, wo am Freitag (22.35 Uhr) die einzig relevanten Trophäen der hiesigen kleinen TV-Welt verliehen werden: Die Grimme-Preise.

Nicht dabei: Das gleichermaßen über- wie unterschätzte Dschungel-Camp, dessen Nominierung ein gleichermaßen über- wie untertriebenes Protestgeheul des gleichermaßen über- wie unterbewerteten Feuilletons nach sich gezogen hatte. Auch nicht dabei: Pastewka mit Bastian Pastewka der auch heute als Bastian Pastewka – ironischerweise parallel zur Grimme-Verleihung laufenden – Folge Der Pusher brilliert, in der er unversehens und brüllend komisch zum Haschdealer wird. Ebenfalls nicht dabei Jan Böhmermann, der auch ohne Charlotte Roche zur Seite der kreativste deutsche Host ist, was er in seiner ersten eigenen Talkshow Lateline ab Mittwoch bei EinsPlus sicher unter Beweis stellen wird, während RTL am Sonntag mal wieder nur unter Beweis stellt, wie sehr er sich um seine zweitliebste Klientel nach Arbeitslosen bemüht: Leute mit zu viel Geld. In Secret Millionaire lässt er sie deshalb als Gutmenschen undercover ein paar Karmapunkte sammeln, was Christine Neubauer overcover eigentlich immer tut, diesen Freitag mal als Die Pastorin, die immer irgendwo einen schicken Arzt trifft, der ihr das harte Gutmenschsein versüßt.

Wer statt erbrechen lieber lächeln will und das noch nicht bei putzigen Franzosen mit lustigem Akzent getan hat, kriegt Samstag (20.15 Uhr, BR) die nächste Gelegenheit, in Willkommen bei den Sch’tis die beste deutsche Übersetzung eines ausländischen Films aller Zeiten erleben zu dürfen. Transkribiert, aber dennoch sehenswert dürften dagegen ab Sonntag die Geister-Geschichten auf Arte sein, eine Woche lang Gruselfilme aus einem Jahrhundert Filmgruseln, zum Auftakt Spielbergs Zwischenwerk Always und Peter Jacksons Frühwerk The Frighteners.

Zum Schluss noch die Entdeckung der Woche: Kinder des Ostens – unprätentiöse, promiferne Aufbereitung von DDR-Biografien, und was der Westen draus gemacht hat (Do, 20.15, RBB)

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