Kenneth Branagh, Berlin 2013

621px-KennethBranaghJuly09Ich bin ein Positivdenker

Foto: Giorgia Meschini

Kenneth Branagh ist sowohl vor der Kamera als auch auf der Bühne einer von Englands renommiertesten Schauspielern. Geboren in Belfast, aufgewachsen bei London macht er als Shakespeare-Interpret Karriere, bevor er Mitte der Achtziger zum Film wechselt und fünf Jahre später mit der ersten zahlreicher Filminterpretationen des größten englischen Dichters berühmt wird. Von Viel Lärm um nichts über Othello und Hamlet spielt er jedoch nicht nur die Hauptrollen, sondern führt auch Regie der eigenen Drehbücher. Sein Hollywood-Durchbruch erfolgt 1998 in Woody Allens Celebrity“. Trotz dieser Erfolge spielt der 53-Jährige, einst verheiratet mit seinen Kolleginnen Emma Thompson und Helena Bonham Carter, seit geraumer Zeit einen Fernsehkommissar: Henning Mankells Wallander (Samstag, 23 Uhr, MDR). Ein Gespräch über Ritterpflichten, schwedische Winter, Verantwortung am Set und wie er Wallander sterben ließe.

freitagsmedien: Hallo Mr. Branagh, oder muss man jetzt Sir Branagh sagen?

Kenneth Branagh: Nein, nein. Weder noch. Ken wäre mir am liebsten. Sir sagt kein Mensch zu mir.

Obwohl Sie erst kürzlich von der Queen zum Ritter geschlagen wurden.

Das ist korrekt. Und es war eine große Ehre für mich, ein wundervoller, sehr ergreifender Moment einer guten alten Tradition. Aber Sie ändert nichts an meinem bisherigen Leben.

Trotzdem klingt Ritter Kenneth beeindruckend, für ein Kind, dass mit neun Jahren aus Belfast nach London geflohen ist. Gewissermaßen ein Bürgerkriegskind

Na ja, es war nicht wirklich eine Flucht. Wir waren wie alle Menschen in Belfast unmittelbar involviert in die Struggles, Ende der Sechzigerjahre. Und wir sind auch nur sehr, sehr schweren Herzens gegangen, weil wir dort eine große Familie haben. Aber mein Vater hat damals einfach einen Job in der Nähe von London gefunden. Wir waren also bestenfalls Wirtschaftsflüchtlinge [lacht]. Und ich bin immer gern wieder gekommen, ohne Probleme. Mein erster Job als Schauspieler hat mich nach Dublin geführt. Ich war gerade dort auf einer Literaturbühne. Sie sehen – alles wie immer, auch als Ritter.

Ist der eigentlich mit ritterlichen Pflichten verbunden?

Vermutlich schon, ich weiß darüber nur noch nicht allzu viel. Es gibt da wohl ein paar Wohltätigkeitsaufgaben, besonders bei mir zuhause in Nordirland, aber die muss ich erst lernen. Ich gehe also erstmal lieber von ritterlichen Rechten aus [lacht]. Ich glaube, es gibt Menschen, die lassen sich von einem Ritter leichter überzeugen. Und vielleicht erhöht es ja meinen Marktwert [lacht]. Aber im Grunde will ich so bleiben wie vorher, der alte Ken. Der Shakespeareliebhaber, zurzeit Kurt Wallander.

Wie viel vom dem einen steckt im anderen?

Ich denke, Henning Mankell liebt es wie einst Shakespeare in einem populären Genre mit populärer Sprache über populäre Charaktere zu schreiben und dabei einen großen Bogen von Tragödie über Comedy zu Thriller und zurück zu spannen. Außerdem sind beide dabei stets auf der Suche nach anspruchsvoller emotionaler Tiefe. Mankell zeigt da allerdings einen etwas einfühlsameren Umgang mit seinen weiblichen Charakteren, selbst wenn sie gar nicht auftauchen; bei Shakespeare haben Frauen generell eine untergeordnete Rolle gespielt.

Dafür kommt bei Mankell kommt aber diese typisch skandinavische, bisweilen sehr triste Atmosphäre hinzu, in denen die meisten seiner Geschichten spielen.

Sehr schwedisch, das stimmt. Aber Mankell hat dabei wie Shakespeare keine Angst davor, bei aller Spannung in kreativer Hinsicht ambitioniert zu sein; das unterscheidet ihn von vielen populären, auch skandinavischen Autoren unserer Zeit.

Haben Sie selbst etwas vom latent depressiven Ermittler Wallander in sich?

Nein, nicht viel. Henning Mankell hat da einen sehr ernsthaften, politisch motivierten Stil geprägt, der seinen Wallander an der Welt da draußen leiden lässt. Ihm geht wirklich alles persönlich nah, so dass er das Leid anderer nicht gut von sich fern halten kann.

Ist das eine Stärke oder eine Schwäche?

Literarisch gesehen eine Stärke. Denn anders als die meisten Kommissare der Krimigeschichte hat Wallander nicht dieses sexualisierte Machogehabe, dieses offenherzige Selbstbewusstsein mit offenem Mantel und großen Marotten. Da gefällt mir sein Prinzip der offenen Wunde besser. In mir ruht auch eine tiefe Ernsthaftigkeit übers Elend da draußen, ich bin aber doch eher der optimistische Typ, ein Positivdenker. Und das fällt Schweden ja allein deshalb schwerer als mir, weil sie in einem Land der Extreme leben.

Sehr dunkle Winter, sehr helle Sommer.

Genau, mal sehr kalt, dann wieder sehr heiß. Überhaupt nichts für mich. Aber er begegnet diesen Extremen mit etwas, das wir beide teilen: einen aberwitzigen Sinn für Humor, verbunden mit dem Glauben ans Gute im Menschen. Dass sich jeder ändern kann.

Verfolgen Sie eigentlich die anderen Wallander-Interpreten Rolf Lassgård und Krister Henriksson?

Nein, ich habe Krister mal getroffen, sehr netter Kerl. Aber weder die Filme des einen noch des anderen habe ich je gesehen, keinen einzigen. Wenn ich meinen letzten Wallander abgedreht habe, also endgültig Schluss ist, werde ich mir jeden einzelnen mit den beiden Jungs ansehen. Das ist ein sehr konkreter Plan, glauben Sie mir. Aber bis dahin will ich mich nicht von Rollenmodellen des Originalschauplatzes unter Druck setzen lassen.

Ist es ein Prinzip von Ihnen, solche Vergleiche zu meiden?

Womöglich. Ich versuche es zu vermeiden, allzu mechanisch an meine Rollen heranzugehen, was schnell passiert, wenn man sich an anderen orientiert. Ich kannte vorher kein einziges von Mankells Büchern, keine Verfilmung, gar nichts. Dann aber hab ich sämtliche Romane in zwei Monaten förmlich verschlungen und somit aus einer sehr persönlichen, unbelasteten Art auf den Stoff reagiert. Wir wollten nicht so sklavisch schwedisch sein, wie andere Verfilmungen aus dieser Region es oft sind, sondern unsere eigene, dunstige Vorstellung der Gegend entwickeln. Aber ich mag es generell nicht so gern, von fremden Interpretationen beeinflusst zu werden.

Das ist bei einem Shakespeare-Interpreten fast ein Ding der Unmöglichkeit.

(lacht) Stimmt, da ist Fremdinterpretationen schwer zu entgehen, wenn man gern ins Theater geht. Gerade deshalb werde ich mir aber sicherlich keinen Hamlet auf einer anderen Bühne ansehen, wenn ich ihn selber demnächst spiele. Das verwirrt bloß. Ich halte da die Fäden gern in der eigenen Hand.

Das haben Sie auch als Regisseur oft getan, wo Sie sich regelmäßig in eigenen Filmen besetzt haben. Wie ist es da, wie in dieser Reihe, unter anderen Regisseuren zu arbeiten und nur für die eigene Rolle verantwortlich zu sein?

Sehr entspannend, gerade, wenn man mit guten Leuten zusammenarbeiten. Zumal unser Wallander ein extrem feinfühliger, detaillierter Charakter sein sollte; da war es hilfreich, alle Konzentration in mein Spiel stecken zu können. So hatte ich zudem viel mehr Zeit, mich von der Figur förmlich durchdringen zu lassen. Ich war vorher viel in Schweden, habe mich mit dortigen Polizisten unterhalten, die Atmosphäre eingeatmet. Das wäre als Regisseur nicht möglich gewesen. Ich liebe es, Verantwortung abzugeben.

Sie scheinen einen eher wissenschaftlichen Ansatz ans Schauspiel zu haben, mit langer Recherche und großer Faktentreue.

Kann man so sehen. Ich lese viel, schaue mir Filme aus der Region an, besuche die Orte, Bibliotheken, Galerien, alles. Ich lerne. Aber am wichtigsten ist es mir, die Menschen zu treffen. Deshalb habe ich auch mit Henning Mankell selber geredet.

Werden Sie weiterhin seine Bücher spielen?

Hoffentlich. Wenn es nach mir ginge, würden wir noch drei weitere Episoden drehen, inklusive der letzten.

Wo Wallander an Alzheimer erkrankt?

Genau. Es gäbe da noch eine frühere Geschichte von Wallander, die mir sehr gefällt, aber dieses Finale wäre ein guter Abschluss, nach zwölf Filmen und mehr als fünf Jahren Arbeit.

Na ja, den großen Kriminalisten seine Denkfähigkeit verlieren zu lassen, ist auch ein etwas tragisches Ende.

Das ist auch wieder wahr.

Welches würden Sie empfehlen – vielleicht doch eher eine Schießerei mit tödlichem Ausgang?

Da wird Henning, glaube ich, selbst ein Wörtchen mitreden wollen. Wenn es nach mir ginge, würde es jedenfalls ein überraschendes Ende geben, eins, dass niemand erwartet. Jemand wie er sollte nicht auf gewöhnliche Weise enden. Vielleicht nicht grad eine Schießerei, das wäre zu profan. Aber es sollte unvergesslich sein.

Interview: Jan Freitag
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