Spiegelkunde und Retrospektiven

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 8.-14. Juli

Er hat es schon wieder getan, er tut es zwanghaft, und er braucht dafür nicht mal mehr den preußischen Großgrundverweser Stefan Aust: In gewohnt eindimensionaler Grundregelverletzung ethisch fundierten Journalismus schoss der einst (kein Scherz!) linksliberale, dabei oft polemische, aber selten einfältige Spiegel alternativer Stromerzeugung abermals in den Rücken. Das tun die Meinungshenker aus der Hamburger Speicherstadt zwar seit Jahren notorisch, als professionelles Hobby quasi, diesmal indes hat es die Lobbyarbeit zum Wohle der wohlhabenderen Klientel unterm Titel Aufstand in der Rotorsteppe auf die Spitze getrieben: Wuchtige 79 Formulierungen im fünfseitigen Frontalangriff auf die Energiewende attackieren die Windkraft als „Verhunzung“ … „touristisch wertvoller Gegenden“ durch „dreiarmige Banditen“ einer „gemästeten“ … „Kaste“ … „aufgeblähter Firmen“, die „anmutige Bergpanoramen“ mittels „Monstertrucks“ voller „Vögelschredder“ zu „seelenlosen Fluren“ … „verpargeln“, bis „Schallopfer mit leeren Augen“ für deren Kohle „Verzwergungsgefühle“ erleiden, die „gemästeten“ … „Stromzockern“ ihren „Riesenschwindel“ finanzieren helfen. Fazit: „Deutschland dreht durch.“

Dass Matthias Schulz, willfähriger Hofberichterstatter von „700 Bürgerinitiativen“, seine Kamprosa wider die Nachhaltigkeit bisweilen in Zitate verpackt und immerhin einmal die Nachhaltigkeit von (Braun-)Kohle und Atomstrom zumindest sanft in Frage stellt, ändert nichts daran, dass der Spiegel wohlwollend formuliert Kritik nur um der Kritik Willen verbreitet, negativ formuliert jedoch bloß meistbietend Partikularinteressen verhökert.

Das nächste Alphamännchen an der Redaktionsspitze muss also gar nicht – was da nur folgerichtig wäre – Kai Diekmann heißen, um ihr von Herzen zu wünschen, einen Großteil der aktuellen Verluste am Printmarkt zu tragen. Dummerweise aber leiden überregionale Zeitungen mit Niveau und regionale mit dem Rücken zur Wand weit mehr unter der Lesekrise als die profitablen Ethikverächter vom Spiegel. Wobei die Lesekrise ja eigentlich gar keine ist. Zurzeit werden nämlich mehr Presseprodukte gelesen denn je, selbst digital natives greifen regelmäßig zu tagesaktuellen Druckerzeugnissen. Krisis? What Krisis? Absatzkrisis, logo! Anzeigenkrisis, das auch! Aber eben keine Akzeptanzkrisis.

Mal abgesehen vom Fernsehen, versteht sich, das kanalübergreifend von fast allen auf den Deckel kriegt, besonders ARD und ZDF. Da können beide noch so eifrig RTL-Gesichter von Christian Rach bis Inka Bause abwerben – Idioten meiden das Öffentlich-Rechtliche, weil es zu klug ist, Intellektuelle, weil es zu blöd ist, der Rest dazwischen ist – laut Pass oder Gemütszustand – weit über 60 und wird grundversorgt mit Formaten wie Deutschlands größte Grillshow aus einer westfälischen Tennishalle, in der die sehr süße, sehr blonde, sehr visuelle Moderatorin Mirja Weichselbraun den inhaltserstarrten Aberwitz einer Sendung voll der üblichen Promis von Matthias Steiner über Sonya Kraus bis Laferlichterleckmich den einzig klugen Satz des Samstagabends im Zweiten sprach: „Wurst mit Fleisch – wer hat denn solche Ideen?“. Tja, wer bloß…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 15.-21. Juli

… sicher dieselben Programmmacher, denen das nächste gebührenfinanzierte Samstagsinferno aus Verstehen Sie Spaß? und Rette die Million! flatulenzgleich entfahren ist. Formate, deren Untertitel darauf verweisen, wie tief ARZDF im Rektum der Saisonzwänge stecken: Best-of beziehungsweise Das Prominentenspecial. Da die einschlägigen Kanäle im Sommerloch offenbar noch unfähiger sind, auch nur den Hauch gediegener Showunterhaltung zu liefern, bleibt also nur ein Blick auf die Retorte, genauer: Spielfilme und Serien, noch genauer: Adaptionen nebst Wiederholungen.

Das Sommerkino etwa zeigt da wie jedes Jahr, dass das Erste – zumindest in der Ferienzeit – durchaus bereit ist, gutem fiktionalen Fernsehen auch gute Sendeplätze zu bieten: Den Auftakt der sechsteiligen Kinoreihe am Bildschirm macht schließlich die TV-Premiere von The King’s Speech, während zeitgleich im ZDF der grandios groteske Küstenthriller Mörder auf Amrum von 2010 mit dem grotesk grandiosen Hinnerk Schönemann läuft, den zu verpassen für Krimianbeter fast schon ein Sakrileg wäre. Noch älter, noch grotesker, dabei aber noch grandioser ist (ebenfalls um 20.15 Uhr) Luis Bunuels Frühwerk Der diskrete Charme der Bourgeoisie, der den ethischen Verfall des reichsten Zehntels in eine filmische Form gegossen hat, die heute fast zeitgemäßer ist als 1972.

Und weil Wiederholen im Sommerloch nicht gestohlen, sondern geboten scheint, angesichts urlaubsbedingter Abwesenheit vorm heimischen Flatscreen, sei auch noch auf eine der wunderbarsten deutschsprachigen Serien der vergangenen Jahre hingewiesen: Klimawechsel, ab Freitag (21.45 Uhr) auf Arte, Doris Dörries aberwitzige Liebeserklärung an die Menopause und all jene, die von ihr heiß erwischt werden. Nicht aber, aber doch vergleichsweise witzig ist dagegen die NDR-Comedy Krude TV, in der angeblich regionaltypischer Humor verabreicht wird, der zwar manchmal wirklich lustig ist, leider jedoch freitags um Mitternacht läuft. Mitternacht.

Kein Wunder, denn zur Hauptsendezeit herrscht wie gesagt die Retrospektive. Mit Mark Wahlberg als The Fighter zum Beispiel, der Sonntag auf Pro7 als Boxer zwischen Visionen und Vergangenheitsbewältigung zeigt, wie gut unterschätzte Schauspieler sein können, wenn sie passende Drehbücher kriegen. So wie eine gewisse Pam Grier: In den Siebzigern eine Ikone des anspruchsvollen B-Movie, gab ihr Quentin Tarrantino 1997 die Hauptrolle in Jackie Brown, zu sehen zeitgleich auf Arte. Wiederholung deluxe, könnte man sagen, und sie macht eine weniger schöne in Dauerschleife erträglicher: Die unablässige Beweihräucherung Pep Guardiolas auf allen, wirklich allen Kanälen. Selbst die eher unsportliche Zeit widmet dem neuen Bayern-Trainer ja ganze Dossiers. Alles zur Überbrückung der fußballfreien Phase, bis die Bundesliga am 8. August aktiv in die Sportschau zurückkehrt. Wir zählen die Tage, bis TV-Unterhaltung, nun ja, kaum besser wird, aber irgendwie weniger repititv. Am Ende nerven Sommerpausen eben doch. Der Countdown läuft.

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