Schäferkordt und die Georges

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 15.-21. Juli

Deutsches Fernsehen ist einfach toll. Private Blockbuster über Tornados, Viren oder irgendwas mit Hitler verkaufen sich weltweit blendend. Seriösere Produktionen über Berlin Berlin, Ost-Berlin Ost-Berlin oder irgendwas mit Nazis heimsen global Preise bis hin zum Oscar ein. Und heute das: RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt kriegt bei den 41. Emmy Awards in New York der International Emmy Directorate Award für besondere Verdienste um die Renditemaximierung ihres Arbeitgebers verliehen. Schäferkordts Kommentar: „Wir sind dabei, unsere Geschäfte in die digitale Welt zu transformieren und konzentrieren uns dabei auf unsere Kernkompetenz: Das Erstellen attraktiver Bewegtbildinhalte, die unser Publikum bestens unterhalten und informieren.“ Wollen wir ihre Worte doch mal kurz mit dem Programm des abgelösten Exmarktführers vergleichen, solange ihn Pro7 noch nicht überholt hat:

9.30-17.30 Uhr laufen – unterbrochen von einem Boulevardmagazin – fünf Dokusoaps, die ihr Publikum mit scheinbarer Realität für noch dümmer verkaufen, als es ohnehin gemacht wird

17.30-20.15 Uhr laufen – unterbrochen von drei Boulevardmagazinen nebst dem, was RTL so unter „Nachrichten“ versteht – drei Seifenopern mit Folgenzahlen hoch im vierstelligen Bereich

20.15-00.00 Uhr laufen – unterbrochen vom nächsten Boulevardmagazin – drei weitere Dokusoaps voller Helfer, die so tun, als würden sie ein paar Exemplaren des Stammpublikums helfen

Gediegene Unterhaltung, seriöse Informationen, Fernsehen für Anspruchsvolle. Danke, Anke! Und nächstes Jahr gibt’s den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für die 250. Wiederholung der Literaturadaptionen Harry Potters. Bei so viel Hintersinn kann man sich glatt drauf freuen, was die Filmfabrik Dreamworks ankündigt: Eine Remake von– kein Scherz! – Lassie. Den man vor 40 Jahren noch auf Röhren von Nordmende, Saba, Grundig sehen konnte, künftig aber nicht mal mehr auf Flatscreens von Loewe, der Insolvenz angemeldet hat und damit wohl Metz als letzten deutschen Fernseherhersteller hinterlässt.

Seine nötige Dosis, sagen wir: Spitzensport der Art von Fußball muss man sich bald also auf, sagen wir: koreanischen Modellen der Marke Samsung ansehen. Aber immerhin frei empfangbar. Denn da insbesondere Fußball vielerorts als Grundnahrungsmittel gilt, müssen Übertragungen laut einem Beschluss des Europäischen Gerichtshofs kostenfrei und unverschlüsselt zu sehen sein. Die Fifa hat angesichts ungehöriger Gewinnausfälle für Blatters Dunstkreis reflexhaft gemault, aber es bleibt dabei: Großereignisse von Olympia bis WM gelten quasi als Menschenrecht.

Dass da irgendwie was dran ist, belegen stattliche 7,5 Millionen Fußballfans, die an einem beliebigen Abend das deutsche Vorrundenspiel bei der Frauen-EM gegen Island im ZDF gesehen haben. So was lief früher mittags vor sechsstelligen Zuschauerzahlen. Schöne neue welt. Jetzt müssen die Berichterstatter nur noch merken, dass die sich immer weiter dreht. Dann wird ein solches Turnier irgendwann vielleicht nicht mehr mit einer Spielerin getrailert, die einen Ball in eine Waschmaschine schießt.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 22.-28. Juli

Sonst nämlich gibt es womöglich Ärger mit der womöglich modernsten Frau des deutschen Entertainments, die bildungsbürgerliche Fernsehverächter immer mal wieder mit der verstörenden Tatsache konfrontiert, dass selbst kommerzielle Comedy durchaus witzig sein kann: Anke Engelke. Um ihr Potenzial endlich auch über den Humor hinaus nutzbar zu machen, darf sie ab Samstag zur super Sendezeit um 0.15 Uhr im WDR eine „Kulturshow für Künstler, Schauspieler, Philosophe und Musiker“ namens Anke hat Zeit präsentieren. Dass ihre Gäste von Sophie Hunger über Nils Mönkemeyer oder Michael Schiefel bis Lianne La Havas der Masse eher unbekannt sein dürften und dennoch nie beim perfekten Promidinner gekocht haben, lässt Gutes erhoffen. Es braucht schließlich nicht immer große Namen, um gute Unterhaltung zu liefern.

Normalerweise. Idealerweise dagegen steht Götz George auf der Besetzungsliste. In den vergangenen 30 seiner nunmehr 75 Jahre auf Erden er schließlich vornehmlich grandiose Rollen gespielt. Zu seinem Geburtstag am Dienstag schenkt ihm die ARD tags drauf (und Arte tags zuvor) folglich ein Biopic namens George, in dem Götz seinen Vater Heinrich spielt und zwar, was sonst: ziemlich gut. Dass es inmitten der Sommerferien läuft, und dann auch noch nach einer Schimanski-Wiederholung um 21.45 Uhr, hat der Jubilar zwar heftig kritisiert, aber dafür dürfte er sich über runde zwei Wochen Dauerbeschuss mit Wiederholungen freuen, die ihn praktisch nie als Nebendarsteller führen. Samstag, um kurz vor Mitternacht zum Beispiel mit einem alten Schimanski-Tatort von 1991 im NDR, und XYZ mit einem ganzen Thementag im WDR, was irgendwie anspruchsvoller klingt, als siebeneinhalb Stunden Mario Barth, mit denen RTL am Samstagabend den Bildschirm verschmutzt.

Dann doch lieber ARD gucken, also nicht Freitag natürlich, wenn die üblichen Schnulzen mit Titeln wie Im Fluss des Lebens noch nicht mal in Erstaustrahlung laufen. Sondern auf dem Doku-Platz am Dienstag um 22.45 Uhr, wo sechs Homosexuelle den Filmemachern Ringo Rösener und Markus Stein in beeindruckender Weise schildern, wie es Unter Männern – schwul in der DDR war. Ein irgendwie noch immer eher unterbelichtetes Thema. So wie Die Lust der Männer … jenseits der 60 , was 3sat am Mittwoch die beste Sendezeit wert ist. Beide Sendungen zeigen selbstbewusst, dass man über vermeintliche Tabus laut reden muss. Fehlt nur noch der Bruch des letzten großen no-gos für Männer: schwule Fußballprofis. Weil sich da aber leider immer noch niemand outet, wird derzeit weiter und weiter und weiter und weiter über Pep Guardiola berichtet werden, bis der Ball endlich wieder läuft. Der Countdown tickt, noch knappe drei Wochen.

Leicht, lässig, locker zu überbrücken mit dem Tipp des Tages: Ab heute zeigt der BR montags und donnerstags zur Primetime den seligen Helmut Fischer als ewigen Stenz Monaco Franze aus einer Zeit vor 30 Jahren, als Fernsehen noch maßgeblich sein konnte.

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