Porträt: Hamburg im Abstiegsfieber

Kein HSV

Wenn der HSV absteigt, verliert die 1. Bundesliga ihr ältestes Mitglied und der Fußball einen verblassenden Mythos. Aber was verliert eigentlich die Stadt, in der Hamburgs größter, stolzester, selbstgerechtester Club spielt? Alles. Und nichts. Stimmungsbericht von einem seltsam teilnahmslosen Ort.

Von Jan Freitag

Fußballzitate sind oft von ergreifender Schlichtheit. Der Ball sei rund, heißt es, das Spiel dauert 90 Minuten, und die Wahrheit, sie liegt aufm Platz. Ein Bonmot des wichtigsten, aber profansten Teamsports überhaupt, besticht indes durch einen Tiefgang, der dessen Dialektik perfekt auf den Punkt bringt. Fußball, widerlegte Liverpools Trainerlegende Bill Shankly einst ein gängiges Vorurteil, sei gar keine Frage von Leben und Tod. Zitat „Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Es ist ein wirklich machtvoller Satz der Freizeithistorie, voller Selbstüberschätzung und Realitätssinn, befeuert von großer Hingabe, Gespür für Dramatik und einer gehörigem Portion Weitblick. Stammt er doch aus einer Epoche, da Fußball allen Ernstes Fußball war, kein Milliardengeschäft. Als es weder Trikotwerbung noch Ablöseirrsinn geschweige denn die Champions League gab. Als Fußball folglich die Seele betraf, nicht Wirtschaftsräume. Als es einzig ums Spiel ging. Womit wir beim HSV wären.

Denn ums Spiel geht es dem Hamburger Sport Verein schon lang nicht mehr. Beim Gründungsmitglied der Bundesliga dreht sich alles einzig und allein ums nackte Dasein. Seit zwei Jahrzehnten schlingert der selbsternannte Dino des deutschen Fußballs dem Aussterben entgegen und macht seinem Maskottchen damit alle Ehre, das in Erdmaßstäben gerechnet ebenfalls bald nach seinem Aufritt vom Planeten verschwand. In diesem Jahr nämlich scheint sich die Frage nach Leben oder Tod endgültig zu beantworten. Doch wer stirbt da eigentlich genau, wenn der HSV spielerische Bankrotterklärungen weiter an organisatorisches Chaos koppelt und absteigt – ein Club? Eine Erinnerung? Ganz Hamburg? Nun mal halblang!, müsste es da aus der Lausitz schallen. Dort nämlich verabschiedet sich der ostdeutsche Traditionsverein Energie Cottbus nach 17 Jahren Profifußball in die 3. Liga. Und das betrifft wirklich eine ganze Region, die außer Braunkohle, Braunkohleabraum und Braunkohlearbeitslosen vor allem eins zu bieten hatte, was noch für Gemeinsinn sorgte: Ihren SC mit dem kraftvollen Namen. Aber Hamburg? Hat doch auch sonst alles. Und nichts.

Denn so anachronistisch der Kampf Mann gegen Mann (und manchmal Frau gegen Frau) sein mag, so plebejisch es dabei zugeht und so unverständlich Außenstehenden das Alles-oder-nichts-Gehabe eingefleischter Fußballfans erscheint – Fußball ist auch in Hamburg weit mehr als ein simpler Sport. Und das hat Gründe, vermutlich Tausende. Ein paar davon sind neidgelb oder lokalpatriotischrot, andere druckerschwärzedunkel oder geldscheinbunt, nicht unerheblich viele braun-weiß und all die Farben zeigen, dass Fußball selbst in einer Stadt mit unermesslicher Beschäftigungsvielfalt mehr Leute verbindet als jeder Ehrenbürger, jedes Volksfest, jede Architektur. Da wäre zunächst ein Rivale, der seinen Vorsprung auf allen Ebenen schon im Namen trägt: Als Bundesland hängt Bayern den Stadtstaat bei praktisch allen Parametern von Bildung über Tourismus bis Wirtschaft, ja selbst Kultur zügig ab. Als Metropole reicht Hamburg München höchstens in punkto Selbstüberschätzung als vermeintlich schönster Ort im Kosmos das Wasser. Und addiert zu Bayern München hält der Supermeister jeden Fußballrekord von Belang – bis auf den einen der Ligazugehörigkeit. Noch. Andernfalls blieben Hamburg gerade mal die Beatles. Dazu ein Hafen, den der Klimawandel demnächst flutet. Und St. Pauli.

Nur: Ohne FC davor sieht der gemeine HSV-Fan dieses bewohne Quartier bestenfalls als szeneviertelgroße Kotztüte, die das schwarzweißblaue Partyvolk freitags sauber flutet und sonntags versifft zurücklässt. Mit FC davor jedoch empfindet es der sechsfache Meister auch nach 26 Jahren ohne echten Titel schon als Affront, mit dem Kiezclub nur die Stadtgrenze zu teilen; in Liga 2 aufeinanderzutreffen, grenzte da an Majestätsbeleidigung – was direkt zur nächsten Farbkombination führt. Denn der HSV ist ja nicht bloß ein Verein in Hamburg, er ist der Hamburger Verein schlechthin. Das Gros seiner Anhänger wohnt statistisch gesehen zwar im Umland; was die Anhängerschaft betrifft, ist St. Pauli Hamburgs Stadtclub. Trotzdem sieht sich der HSV seit jeher als Chefsache. Mit ihm fiebern Bürgermeister und Industrielle, Handelskammer und Sportredakteure, uns Uwe und wenn Heidi Kabel noch lebte, sie würde dem Verein wohl von Litfasssälen aus eine Handbreit Wasser unterm Kiel wünschen. Im investorenwildwuchernden Betonensemble zwischen Alster und Elbe, das städtebaulichen Esprit gern durch Bullaugenfenster ersetzt, bemüht man eben bei jeder Gelegenheit maritime Vergleiche. Voilà: Ginge die Hochseeyacht HSV im Seegefecht mit Provinznestern wie Braunschweig und Stuttgart unter, sänke das Flaggschiff einer Stadt, die bis heute in Nostalgie schwelgt.

Ach, die Hanse… Sie war es, die Hamburg Reichtum und Stolz gegeben hat, was bis heute auch auf dessen Vorzeigeverein abstrahlt. Es war Kaufmannsspieltrieb, der ihn anno 1887 aus zwei Leichtathletikvereinen gebar. Es war Kaufmannsverstand, der ihn 1983 kurz an Europas Spitze hievte. Es sind Kaufmannsmillionen, die ihm nun aus der Portokasse eines öligen Logistikmilliardärs notdürftig über Wasser halten. Wenn die versiegen (und falls nicht, doch nur wieder in fremde Mittelklassestars statt struktureller Umkehr flössen), droht der Stadt mit dem Abstieg auch ökonomischer Schaden. Schließlich ist Fußball auch für Pfeffersäcke zunächst mal: Business. 116 Millionen Euro hat der HSV in der vorigen Saison umgesetzt. Ein Schuldenstand in vergleichbarer Höhe bringt Zinsen ein. Als Arbeitgeber, Steuerzahler, Verbraucher und Merchandiser trägt der e.V. geltwert zur Wirtschaftskraft seines Standorts bei, als PR- und Spaßfaktor auch immateriell. Selbst die schlingernde Tagespresse der einstigen Medienhauptstadt wird weiter an Auflage verlieren, wenn als Gegner Heidenheim statt Bayern droht.

Ein Abstieg wäre daher auch in den Kassen spürbar. Bei Mike Ahlert etwa, dessen Lokal Picknick am Stadion an Spieltagen „nur halb so viele Gäste“ besuchen würden, wie er der Bild auf der Suche nach „Folgen des Abstiegs“ entlockt. Das klingt nun eher sachlich als ergriffen und zeigt gut die Stimmung am Ort des Untergangs. Die nämlich liegt angesichts eines Kurses, der seit dem DFB-Pokal 1987 mit Unterbrechungen abwärts führt, irgendwo zwischen Teilnahmslosigkeit, Zynismus und offenem Hass. Selbst Dauerkartenbesitzer, so scheint es, machen sich eher über gestanzte Durchhalteparolen ständig wechselnder Trainer lustig, als eine Atmosphäre unbedingten Miteinanders herbeizufiebern. Das sichtbarste Zeichen der Empathie waren noch Plakate zur Rückrunde, die irgendwas mit „Gras fressen“ insinuierten und doch bloß großformatiges Papier waren. Selbst der Bürgermeister rang sich in der örtlichen Morgenpost bloß ein schales „Die Situation beim HSV treibt mich um“ ab. Da ist kein Feuer im Support – nicht auf der Straße, nicht auf den Rängen. Und falls doch, brennt es irgendwie durch: Wer die wutverzerrten Gesichter mitgereister Fans nach der Niederlage in Augsburg vom vorigen Sonntag erlebt hat, wünscht ihnen einen Crashkurs in Sachen Spielermotivation bei den Anhängern des benachbarten FC St. Pauli. Dort weiß man scheinbar besser, dass sich wahre Zuneigung erst im Schlechten zeigt. Dort wehten auch nach der allerletzten Aufstiegschance per 0:3 gegen einen Dorfclub namens Aalen Beifall statt att Pfiffe durchs Stadion. Dort ist Empathie eine Frage des „Wir-“ nicht des „Wert-Gefühls“. Im Sozialismus, verglich der Grasnabenphilosoph Shankly sein Bild vom Fußball mal mit Politik, „arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns.“ Aber Hamburg ist ja bekanntlich ziemlich kapitalistisch.

Der Artikel ist gestern leicht gekürzt in der Berliner tageszeitung erschienen

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