Interviewfriday: Mike “Passenger” Rosenberg

PassengerFucking hell!

Wer sich mit Mike Rosenberg alias Passenger kurz vor einem unangemeldeten Konzert – Busking genannt – in einer Hamburger Fußgängerzone zum Interview trifft, muss damit rechnen, dauernd von Fans unterbrochen zu werden. Das ist insofern bemerkenswert, als sein Singer/Songwriter-Folk vor fünf Jahren, als der Brite aus Brighton sein Geld noch als Straßenmusiker verdiente, nur wenige interessiert hat. Heute dagegen sind die Mumfords und Sheerans Topstars mit Top-Ten-Garantie, die auch Rosenbergs neues Album Whispers spielend erreichen dürfte. Ein Interview vorm Straßengig über seine Wurzeln, den Lärm unserer Zeit und ob er manchmal neidisch auf Neulinge im Geschäft ist.

freitagsmedien: Mike, wenn du gleich hier auf der Straße in einer Stadt wie Hamburg spielst – welcher Song käme dir da in den Sinn?

Mike Rosenberg: Oh, Hamburg, das muss dann wohl einer von den Beatles sein. Hilf mir.

Get back…

… to where we once belonged, richtig. Ich habe viele Jahre fast ausschließlich auf der Straße gespielt. Da ist es an dem Ort, wo die Beatles ihre Karriere begonnen haben, natürlich noch schöner, genau dort zu spielen. Aber ich habe auch im Hinterkopf, dass es oft keine leichte Zeit war, als Straßenmusiker. Ich hatte nichts, kein Label, keine Platten, oft kaum Zuschauer, nur meine Gitarre und mich, der versucht hat, damit ein paar Pfund zu verdienen.

Was funktioniert hat?

Mal mehr, mal weniger. Aber am Anfang fast jeder Musikkarriere, die nicht gerade bei einer Castingshow entsteht, gibt es dieses Dilemma: Man möchte seine ganze Energie, sein Leben in diese Aufgabe stecken, muss am Ende des Tages aber auch mal was essen und dafür mehr arbeiten, als einem manchmal Spaß macht.

Das klingt, als wärst du froh, diese Zeit hinter dir zu haben.

Froh ist nicht das richtige Wort. Versteh mich nicht falsch: Busking war für mich die Chance, im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum ein bisschen Geld dazu zu verdienen und zugleich fünf Stunden am Tag zu üben. Das war toll. Ohne Busking wäre ich ein schlechterer Musiker.

Und hier und jetzt?

Lerne ich dadurch noch immer, nehme dafür natürlich kein Geld mehr, aber liebe es noch immer so sehr, für Menschen zu spielen, die mein Konzert nicht als Tauschgeschäft für ihren Ticket-Kauf sehen, sondern als gegenseitiges Geschenk.

Auch, um sich von den großen Hallen, die du mittlerweile füllst, wieder ein bisschen zu erden?

Definitiv. Und um es mit den Beatles auszudrücken – ja, ich kehre damit immer wieder ein bisschen heim. Ich spiele wirklich gern vor vielen Leuten in großen Hallen, aber das hier gibt mir ein Gefühl von Herkunft, das ich niemals missen möchte. Als mit All The Little Lights und vor allem Let Her Go der Erfolg kam, als ich ständig auf Tour war, Interviews geben musste, im Rampenlicht stand, aber keine Zeit mehr zum Busking hatte, spürte ich ein großes Loch in meinem Herzen. Ich war wirklich unglücklich, denn je mehr du über Musik sprichst, desto weniger Zeit hast du, sie zu machen. Ich will einfach nur spielen, egal vor wie vielen Leuten.

Kennst du Ricky Dean Howard?

Den Namen hab ich schon mal gehört. Ein Folkmusiker?

Ein Singer/Songwriter aus London, fast wie du. Nur, dass er zurzeit noch in kleinen Clubs spielt wie gestern in St. Pauli.

Ah, St. Pauli! Ich kenne kein besseres Publikum. Nicht so leicht in Wallung zu bringen, aber sehr konzentriert und unglaublich aufmerksam. Wo hat Ricky gespielt?

Im Rock Cafè, sehr klein. Er hat ein Lied von dir gecovert.

Oh, welches?

Riding to New York.

Wow, cool!

Vorher sagte er, dass du längst jede Riesenhalle füllst, aber ebenfalls vor 80 Zuschauern begonnen hast und darauf womöglich manchmal neidisch wärst. Bist du das?

(lacht) Dafür hatte ich zu viele Gigs vor weniger als 80 Leuten. Sicher, manchmal vermisse ich diese Intimität, aber Mann, solche Auftritte sind echt hart. Die Leute quatschen, während du dir da vorn einen abkämpfst, gehen zwischendurch rauchen, klatschen aus Höflichkeit. Ich bin zu glücklich mit der Gegenwart, um die Vergangenheit durch die rosa Brille zu verklären. Ich wollte ja genau dahin, wo ich heute stehe und hatte nach Let Her Go bloß Angst, die Leute wollen nur dieses eine Stück hören und sonst keines mehr. Aber nun hören sie sich auch alle anderen vier Platten an und setzen sich mit mir auseinander. Das ist ein Riesengeschenk, das ich nicht mehr gegen mehr Nähe und Vertrautheit tauschen möchte. Also kein Neid, höchstens Respekt vor allen, die dort stehen und sich durchboxen.

Was ist denn aufregender – 5000 zahlende Gäste zu bedienen oder 50 zufällige?

Schwer zu sagen. Gestern hab ich in Hannover vor 25.000 Leuten gespielt. Wahnsinn! Am Tag davor war ich in Berlin auf dem Alexanderplatz vor vielleicht 600. Aber witzigerweise waren die 25.000 oft andächtiger und konzentrierter, also leiser, als die 600 und beides war auf seine Art wundervoll. Aber Mann, 25.000 – das hätte mir vor drei Jahren einer sagen sollen…

Wie erklärst du dir den derzeitigen Erfolg von Folk und Singer/Songwriting?

Damit, dass Musik immer in Kreisläufen funktioniert. Als ich vor zehn Jahren meine Gitarre ausgepackt hab, haben viele gelacht, weil damals der DJ das Maß aller Dinge war. Dass Ed Sheeran oder Marcus Mumford jetzt Stadien füllen, liegt also sicher auch am miesen Niveau der Popmusik von heute. Wie willst du zu Miley Cyrus eine persönliche Beziehung aufbauen? Die Leute wollen wieder mehr berührt werden.

Und vielleicht dem Lärm der Gegenwart entfliehen?

Absolut. Wir sind umgeben von Lärm – für die Ohren, die Augen, fürs Gemüt. Da kriegt Ruhe und Einfachheit, Understatement, ein Flüstern plötzlich eine neue Bedeutung, denn die Zeiten mögen sich geändert haben – viele Menschen nicht, sie wollen etwas fühlen. Und das ist der fucking fundamentale Grund aller Musik, die von Herzen kommt: etwas zu fühlen.

Was gibt ihnen dein neues Album Whispers über den Titel hinaus zum Fühlen?

Lustig, dass du das fragst, denn ein Song darauf – Crazy World – handelt genau von diesem Lärm und wie wir uns davon fortsehnen. So wie auch ich mich manchmal zurücksehne in die Zeit der Ruhe vorm Erfolg. Ich will mich nicht beschweren und niemanden bewerten, aber meine Songs sollen den Leuten Raum zum Nachdenken geben. Etwa dafür, das iPhone nach ein, zwei Fotos oder einem kurzen Film auch mal weg zu legen, anstatt das ganze Konzert durch den Bildschirm zu sehen. Sie sollen bei mir sein, nicht gedanklich bereits bei YouTube. Dafür steh ich doch da oben.

Wie läuft es, wenn du Zuschauer bist?

Gleich zu Beginn zwei Fotos, das war’s. Das gehört heute einfach dazu. So hab ich’s auch bei meinem letzten Konzert getan.

Nämlich?

Glaub es oder nicht – Robbie Williams. Fucking hell! Er ist so grandios. Als Musiker und als Mensch. Ich kannte ihn nicht, hab ihn aber vor zwei Tagen in Berlin getroffen, zum ersten Mal und er kam zu mir und meinte, du warst doch heute busking auf dem Alexanderplatz? Erzähl mir alles darüber! Er ist ein globaler Popstar, interessiert sich aber auch für das, was abseits der großen Bühnen passiert. Deshalb bin ich auf so vielen Konzerten wie möglich, egal ob kleine Clubs oder Stadien. Du lernst bei jedem einzelnen und besonders bei einem wie Robbie. Was für ein Entertainer!

Wenn du seinen Erfolg hättest – würde dich das als Person verändern?

Definitiv, das lässt niemanden unbeeinflusst. Wenn dein Leben so bizarr wird wie seins, kannst du nicht der Gleiche bleiben. Selbst auf meinem kleineren Level des Erfolgs verlierst du schnell die Bindung zu dir selbst. Aber genau da helfen mir zehn Jahre als Straßenmusiker. Ich hatte genug Zeit, die schwierigen Seiten meines Jobs zu erleben, um in den besseren nicht abzuheben und sich vor Augen zu halten, dass mein einer Hit der letzte sein könnte, wer weiß. Aber ehrlich – wenn es das war, bin ich damit zufrieden. Dann hatte ich dieses Erlebnis und kann einfach weiter Musik machen, die ich liebe.

Die du im Studio mit Band spielst, live aber ganz allein – warum?

Ich war schon häufiger in Bands und das hat einfach nicht so gut geklappt wie ich mit mir und meiner Gitarre auf der Bühne. Meine Musik handelt so sehr von meinen Gefühlen und Worten, dass andere Musiker eher Hürden aufbauen würden, das zu vermitteln. Im Studio kann man alles ausprobieren, aber live will ich mit meinem Publikum in Kontakt treten, nicht mit meinen Mitmusikern.

Das Interview ist zuerst erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/06/die-leute-wollen-wieder-beruehrt-werden-passenger-im-interview/


Geheiminterview: JBK & Lanz & Pilawa

Charmant!

Jörg Pilawa ist zurück bei der ARD und avanciert dort nun zum Startalker, Starmaster, Starallesmögliche. Doch auch zuvor schon hat er alle gekriegt. Als sich das ZDF etwa von Johannes B. Kerner getrennt hatte, bat er dessen Nachfolger Markus Lanz zum Gespräch, lange bevor ihm das Wettsofa Hämnorhoiden verpasste. Die freitagsmedien waren dabei. Das Geheimprotokoll!

Jörg Pilawa: Johannes, Markus, Freunde – ihr seid ja nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch äußerst nett.

Markus Lanz: Dito, danke.

Johannes B. Kerner: Finde ich auch, ein echter, und ich sag das nicht einfach nur so: Sympathieträger. Jeden Tag auf Sendung und nie ein böses Wort.

Lanz: Charmant, wie wir Österreicher sagen. Wie Johannes, den nennen ja alle JBK und das hat auch mit Respekt zu tun. Deine Gesprächsführung, die kann man nicht lernen, das liegt im Blut.

Kerner: Vor allem im Wiener Blut, Markus. Und im Hamburger, Jörg. Im Ernst, ihr beide, so völlig ohne Krawall wie die da bei Sat.1…

Deinem neuen Arbeitgeber.

Kerner: RTL, ich meinte RTL und diese ganzen Radaukanäle, RTL2, Vox, Arte. Aber du beim Ersten.

Zweiten.

Kerner: …Programm. Toll! Und immer einfach nur freundlich. Irre. Könnte ich gar nicht.

Aber Johannes, du bist doch quasi der Erfinder der freundlichen Gesprächsatmosphäre, die Fleisch gewordene Höflichkeit.

Kerner: Fleisch geworden, klasse! Aber ich kann, wenn ich will, und ich will ja, mit Verlaub, auch mal hart sein müssen zu meinen Gästen. Zum Beispiel der Eva Herman, dem Jan Ulrich oder Robert Hoyzer.

Lanz: Das stimmt, da warst du knallhart und das möchte ich jetzt auch sein auf deinem Sendeplatz. So richtig hart, aber herzlich.

Witzig, so hieß auch mal ’ne Fernsehserie.

Kerner: Ja, witzig (lacht nach innen). Ich glaube, der Markus kriegt das hin. Und sag mal, ich hoffe, das so offen fragen zu dürfen: Würdest du da wirklich so hart rangehen, wie ich bei der Herman. Kompromissloses Nachhaken, offensive Körpersprache, hochgezogene Augenbrauen und hinterher rausschmeißen, wenn’s langt? Ich hab mich immer so vorgebeugt, zur Eva. Herman.

Lanz: (Legt seine Stirn vertikal in Falten) Und?

Respektheischend. Johannes – deine härteste Mimik?

Kerner: Pass mal auf (faltet seine Stirn horizontal) – so hab ich sie alle weich gekocht, wenn ich wirklich, ich sag’s mal ganz salopp: was aus denen rauskitzeln wollte. Beichten, Geständnisse. Und wie ich den Jögi Löw zum Schweigen gebracht hab, nach dem Remis gegen Finnland.

„Das war schon arg“, hast du ihn da gefragt. Frech! Bist halt ein Sportass. Aber es gab ja auch mal Kritik, wie damals, als du gleich nach dem Amoklauf von Erfurt einen jungen Augenzeugen hattest.

Kerner: Na ja, Jörg, manchmal ist ja das Leben keine Quizshow.

Nicht?

Kerner: Dann schon eher Kochshow. Ich hatte Mälzer, Wiener.

Lanz: Schubeck, Henssler.

Beide: Lafer! Lichter! Lecker!

Lanz: Aber besser finde ich Leute mit ganz schlimmen Krankheiten. Oder neulich, nach dem Erdrutsch – da war gleich einer von den Gerutschten bei mir. Da muss man auch mal mittrauern.

Kerner: Die Verona hat bei mir in der Sendung geweint, erinnert ihr euch? Da hieß sie noch Feldbusch. Aber am liebsten red’ ich mit dem kleinen Mann: Langzeitarbeitslose, Streetworker, Kinder, Frauenrechtlerinnen, Terrorüberlebende, Kinder, Kassiererinnen…

Und Kinder, ganz wichtig.

Lanz. Krebskranke, Steuerzahler, Erdrutschopfer, Anlageberater, Lebensretter, Klingeltonanbieter, Mietrechtler, Kinderdorfmütter…

Kinder nicht zu vergessen.

Kerner: Ohne Promis geht es aber auch nicht. Politikerstars, Sportstars, Fernsehstars, Kochstars, Superstars, Supermodelstars, Superkinostars. Sogar der Will Smith war bei mir. Er hat mit den Ohren gewackelt.

Lanz: Irre, nur die ganz Großen!

(Plötzlich tritt Reinhold Beckmann ein) Geht’s hier um mich? Das interessiert mich.

Lanz: Sorry Reinhold, hier geht’s heute um JBK und mich.

Beckmann: Oh, dann bin ich weg (und ab).

Lanz: Ich hatte Schumi.

Kerner: Den kleinen. Bei mir war der große. Exklusiv! Wir duzen uns.

Lanz: Duzen, super.

Kerner: Außer Gäste wie Hoyzer, Ulrich, Herman. Obwohl, doch, die Eva… Aber Politiker duze ich nie. Die Wulffs, die Steinmeiers, von der Leyen, alle bei mir. Da wahre ich Distanz.

Lanz: Politiker lade ich gar nicht erst ein. Dafür waren bei mir die größte Familie, die jüngsten Eltern und ein echter Zoodirektor.

Kerner: Ehrlich, Markus – nicht schlecht. Superthema, wenn’s der jüngste Vater der größten Familie mit Zoo wäre. Ich hatte Sido. Harter Typ.

Lanz: Und wie der dich da angemacht hat, die ganze Zeit diese Gossensprache, fick disch, Schwuler, mit Schlägen hat er dir gedroht, aber du bist ruhig geblieben. Toll.

Kerner: Du Markus, das war nur eine Kopie, bei Switch reloaded. So eine Art Hommage an mich. Die ziehen – und ich hoffe, damit nicht falsch zu liegen – die richtig – falls mir gestattet ist, das so zu sagen – guten Fernsehleute – von denen ich ja nun, entschuldige diese vage Vorform großen Selbstbewusstseins, fraglos einer bin – durch den, ich würd’ mal so sagen: Kakao.

Lanz: Welche Sorte?

Kerner: Bonaqua, glaub ich. Oder Gutfried. Eine von den ganz köstlichen Sorten, bekömmlich und gar nicht teuer.

Und so gut für Kinder.

Kerner: Ich hab’s, Air Berlin, das ist der leckerste.

Grad für Kinder.

Kerner: Jörg, Verzeihung, immer diese Kinder. Also bei der Eva…

Lanz: Eva, Eva, du immer mit deiner Eva!

Also es sind ja doch die spannenden Momente, wo man sich Gedanken macht und überlegt, wie man weiter macht und die hab ich mir jetzt gemacht und mich entschieden, dass ich jetzt ohne euch weitermache, und dich Eva, äh – Markus, Johannes, jetzt verabschiede.

Lanz: Charmant!

Kerner: Nett!

Und Markus: Wenn dir irgendwann mal irgendwas am Samstagabend anbietet – lass die Finger davon! Die Showbühne ist zu groß für uns zwei beide…

Lanz: Wetten, dass nicht?

Kerner und Pilawa im Duett: Top!

Lanz: Um was wetten wir?

Ums die deutsche Fernsehshow!

Lanz: Angenommen!


Fußball & Fußballsimulationen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Juni

Die schlechte Nachricht vorweg: Weil ein CNN-Reporter die Frechheit besaß, voriges Jahr stundenlang über die Ereignisse rund um den Istanbuler Gezi-Park zu berichten, wurde er festgenommen, was Regierungschef Erdogan zu der spannenden Rechtfertigung hinriss, er sei ein „Agent“. Eine bessere Nachricht hinterher: es gab vorige Woche von Montag bis Donnerstag doch Wetter über Deutschland, obwohl es die Tagesschau Sonntag zuvor nicht angesagt hatte. Womit bewiesen wäre, dass die Realität gar keines Beweises in den Hauptnachrichten bedarf, um zu existieren. Schon mal ganz beruhigend… Noch beruhigender oder je nach Perspektive beunruhigend ist dagegen der Umstand, dass die Kanzlerin nicht alleinverantwortlich für alles ist, was ihre Regierungspartei zum Regieren beiträgt. Sonst wäre Angela Merkel als Telefonjoker beim Promi-Special von Wer wird Millionär? wohl nicht nur ans Telefon gegangen; sie hätte sicher auch gewusst, was DDR-Bürger(innen) mit der Waschmaschine „WM66“ neben der Wäsche noch angestellt haben – nämlich Obst einkochen (und nicht die West-Verlierer vom Wembley-Endspiel verhöhnen).

Somit blieb ihr Parteikollege zwar bei 500.000 Euro für den guten Zweck (wie üblich irgendwas mit Kindern) hängen, die Einschaltquote aber lag locker ums Dreizehnfache höher. Ein Rekordwert, den die Bild seinen PR-Buddies von RTL kaum kostenlos beschert haben wird, als sie eifrig für die Sendung mit Kanzlerin geworben hatte. Liebe ohne Gegenleistung ist kommerziellen Medien schließlich so fremd wie frische Ideen fürs eigene Programm. Darum holt Sat1 auch lieber die ebenso dämliche wie verstaubte Show Deal or no Deal aus er Kiste, wenngleich mit dem Moderationsneuling Wayne Carpendale (was garantiert gar nichts mit dem Engagement seiner Frau Annemarie Warnkross bei der gleichen Sendergruppe zu tun hat) am Mikro.

Ein derartiger Gebrauchtwarenhandel ist aber kein privates Fernsehphänomen. Der WDR plant für Oktober die Exhumierung von Geld oder Liebe, wenngleich mit dem überreifen Jürgen von der Lippe am Mikro. Und dem Schlager-It-Girl Helene Fischer 2015 die Schlager-Domina Andrea Berg entgegenzusetzen, ist jetzt auch keine so bahnbrechende Idee des ZDF im Kampf um die Lufthoheit im Showfernsehen mit der ARD.

TV-neuDie Frischwoche

9. – 15. Juni

Doch übers kreative Potenzial eines Formates entscheidet ja nicht immer der Grad an Innovation. Wenn das Filmdebüt im Ersten am Donnerstag bereits zum 15. Mal ARD jungen Regisseuren eine vergleichsweise prominente Plattform bietet, startet es mit der Kinoadaption Am Himmel der Tag, wo eine ungewollte Schwangerschaft der blutjungen Aylin Tezel die Partylaune vermiest. Das erinnert zwar schwer an das englischsprachige Pendant Juno, ist dadurch aber keinesfalls schlechter. Ganz ähnlich verhält es sich mit der US-Serie Dr. Monroe. Ab Freitag (21.45 Uhr) heilt der brillante Zyniker die vertracktesten Leiden, was natürlich nicht ganz zufällig an Dr. House erinnert, der jedoch anders als sein Kollege statt eines Privatlebens ernste Drogenprobleme hat.

Etwas mehr Innovationspotenzial bietet dagegen ein gewisser Paul Kemp. Serien über Dienstleister jenseits von Polizisten und Pastoren, Ärzten und Anwälten gibt’s zwar genug – zum Beispiel beim Import In Treatment über einen Psychiater, der sich zuweilen etwas arg persönlich mit seinen Patienten befasst. Einen professionellen Streitschlichter zum (Anti-)Helden fortlaufender Fiktion zu machen, ist aber zumindest ungewohnt. Wenigstens dass. Denn obwohl die 13 Teile auf den Erfahrungsberichten eines echten Mediators beruhen, sind die Fälle bereits zu Auftakt so unrealistisch inszeniert, dass es eigentlich nur einen Grund gibt, zuzusehen: Harald Krassnitzer. Der Österreicher verleiht seiner Titelfigur eine wunderbare Balance zwischen Zynismus und Empathie, was die Serie am Ende doch zu einem der Highlights dieser Woche macht. Aber das hat natürlich noch andere Gründe als die Güte des Gezeigten.

Schließlich steht das gesamte Programm fortan voll im Schatten von ihm, the one and only: King Fußball. Sobald Donnerstag im ZDF zur MEZ-Primetime die Eröffnungsfeier beginnt, bleibt der rechtelosen Konkurrenz nichts anderes übrig, als Ramschware zu versenden oder noch schlimmer: Surrogate. Daher schickt RTL2 heute in Ermangelung echter Journalisten ihr Auswandererprodukt Die Reimanns auf Brasilien-Check. Der NDR versucht es später am Abend (22.45 Uhr) immerhin mit dem talentierten Micky Beisenherz, aber auch sein Nationalteamporträt Fußball, Frauen, Fönfrisuren bleibt den Porträtieren naturgemäß ziemlich fern. Noch hilfloser wirkt da nur der Versuch privater Kanäle, realen Fußball durch filmischen zu ersetzen, Sat1 zum Beispiel morgen durch die Geschlechterkampfkomödie FC Venus und Kabel1 tags drauf mit Sönke Wortmanns Wunder von Bern.

Ansonsten ist es einen Monat vorm WM-Endspiel die Woche der TV-Finals. Hell’s Kitchen (Vox) und Hotter than My Daughter (RTL) bleiben uns ab Mittwoch erspart wie ab morgen Sing meinen Song (Vox). War noch was? Ach ja: Der Schwaben-Tatort ist pfingstbedingt auf heute verschoben. Morgen schickt das ZDF Vegetarier gegen Fleischesser ins Duell und ignoriert dabei, dass da neben der Gesundheit noch irgendwas mit Umweltschutz war. Wie man Dokumentationen ohne Populismus macht, zeigt parallel dazu Arte mit Doping, Drogen, Depressionen über Hochleistungssportler jeder Art. Und wie man mit Kitsch Weltstars macht, zeigt Pedro Almodovar im Tipp der Woche: Vor 25 Jahren machte sein „Fessle mich!“ einen gewissen Antonio Banderas berühmt.


Journalismus nach Offshore-Leaks und NSA

Partnertausch

Vom Mediensubjekt zum -objekt: Julia Stein vom NDR

Ein Jahr nach der Aufdeckung des NSA-Skandals dokumentieren die freitagsmedien eine Reportage des Medienmagazins journalist, in dem die gleichen Journalisten am Beispiel von Offshore-Leaks nicht nur ein neues Licht auf internationale Finanzströme warfen, sondern auch zeigten, wie wichtig investigative Recherche fürs Funktionieren demokratischer Gesellschaften ist. Und wie Qualitätsmedien dafür kooperieren sollten.

Von Jan Freitag

Zwölf Ziffern, neun Nullen und ein Kraftbegriff zur Umschreibung – man muss den Umfang dieser schwer ermesslichen Ziffernfolge laut aussprechen, um sich ihrer Tragweite bewusst zu werden: 260.000.000.000. In Worten: Zweihundertsechzigmilliarden. Speichereinheiten nämlich. Gut ein Viertel Terabyte oder bildlich formuliert: der Gegenwert von einer halben Million Bibeln. Und das ist noch nichts dagegen, was diese Datenmenge symbolisiert: Eine Nummer mit 15 Ziffern, zweiunddreißig Billionen. Dollar nämlich. So hoch schätzt die NGO Tax Justice Network den Wert sämtlicher Einlagen, die in sonnigen Steueroasen bunkern. Es sind gewaltige Zahlen, furchteinflößende Zahlen, irrationale Zahlen, vor allem aber sind es welche mit zahllosen Unbekannten. Zumindest so lange, bis irgendwer ein paar Strahlen Lichts ins Dunkel der Vetternwirtschaft internationaler Finanzströme zwischen grad noch legitim und längst nicht mehr legal bringt, bis dieser Jemand somit einigen Fragzeichen erhellende Ausrufezeichen verpasst – sie folglich dechiffriert, ordnet, verwaltet, auswertet und am Ende: publiziert wie nun unterm Titel Offshore-Leaks, einem der größten Knüller unserer rasanten Medienwelt seit Watergate.

Das aber – ein Knüller – war die Enttarnung von rund 130.000 schweigsamen Vermögenstransakteuren aus gut 170 Ländern weniger, weil das Enttarnte so sensationell wäre; wie schmutzig die Reichsten der Welt ihren Reichtum mehren, wurde in der Dauerkrise längst zur deprimierenden Gewissheit. Nein – zum globalen Ereignis geriet die Enthüllung erst, da sie in einer grenzübergreifenden, besser: grenzsprengenden Kooperation internationaler Journalisten erfolgte. Ein Dreivierteljahr, nachdem das „International Consortium of Investigative Journalists“ seine 86 Mitglieder in 46 Staaten vage über den wohl umfassendsten Geheimnisverrat der Wirtschaftsgeschichte informiert hatte, veröffentlichten Medien von der Washington Post über die BBC bis hin zur Süddeutschen Zeitung in der Nacht zum 4. April zeitgleich den ersten Schwung ihrer kollektiven Recherche. Es war eine beispiellose Zusammenarbeit, ein gewaltiger Scoop, eine Schlagzeilenfabrik unter Volllast, ein Riesenfass voller Superlative.

Und ein Rätsel.

Denn warum bloß, fragten sich Außenstehende wie Eingeweihte, verzichten öffentlich-rechtliche Anstalten, profitorientierte Verlage, Konkurrenten allesamt auf einem zäh umkämpften Mark der Meinungen und Meldungen bloß freiwillig auf die Leitwährung ihrer täglichen Arbeit: Exklusivität. „Schließlich entstehen bei einer solchen Interaktion Unschärfen, was die eigene Leistung bei der jeweiligen Geschichte betrifft“, gibt Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Hamburger Macromedia Hochschule für Medien, zu bedenken. Und schlimmer noch: „Man teilt sich ja nicht nur die Arbeit, sondern auch den publizistischen Erfolg“.

Einer, der beides sogar ziemlich gern geteilt hat, bleibt angesichts solcher Einwände ganz gelassen. Denn als Datenexperten die Festplatte voll Herrschaftswissen aus dem Geldasyl langsam in journalistisch verwertbare Informationen verwandelten, erinnert sich Bastian Obermayer von der Süddeutschen an den Herbst 2012, „fragten wir uns, ob der finanzielle und personelle Aufwand für unser kleines Ressort zu stemmen ist“. Die Antwort: Eher nein. Selbst die Ausnahmejournalisten des findigen, vielfach preisgekrönten, einfach famosen SZ-Teams Investigative Recherche um den Ausnahmeausnahmejournalisten Hans Leyendecker – der neben dem zögerlichen (Ex-)Spiegel-Chef Georg Mascolo als einziger Deutscher im ICIJ sitzt – waren zwar rasch Feuer und Flamme, aber Realisten genug, um sich Hilfe ins Boot zu holen: Den NDR.

Mit dem Hamburger Funkhaus, betont der Bayer Obermayer, habe man schließlich gute Erfahrungen gesammelt. Erst vor wenigen Wochen präsentierten beide eine interredaktionelle Langzeitrecherche zur miesen Zahlungsmoral hiesiger Versicherungen parallel in ihren Reportageforen – gedruckt auf Seite 3, gesendet bei Panorama. Über fehlenden Datenschutz beim Dienstleister EasyCash wurde ebenso gemeinsam geforscht wie zu CIA-Gefängnissen oder die Machenschaften bei der HSH-Nordbank. Da lag es nahe, sich im weltumspannenden Fall undurchsichtiger Geldströme mit den Kollegen von der Elbe zusammenzutun. Vermittelt über den freien Journalisten John Goetz, „eine Art Scharnier zwischen beiden Redaktionen“, wie ihn Bastian Obermayer nennt, wurde die lockere Partnerschaft fortan auf ein neues Niveau gehoben. „Wir haben wirklich alle Informationen ausgetauscht“, sagt Julia Stein und lacht laut, das tut sie öfter, es ist ihr Naturell. Erst im Januar wechselte die Hanseatin von 41 Jahren aus der Redaktionsleitung des Medienmagazins ZAPP an die Spitze vom NDR-Team Recherche und damit gleich mal zur größten Story ihrer Karriere, mit dem höchsten Grad an Aufmerksamkeit, vor allem aber: an Zusammenarbeit. „Selbst bei Wiki-Leaks gab es keine Kooperation dieses Ausmaßes“.

Wöchentliche Schaltkonferenzen zum Beispiel zwischen ICIJ, der SZ, ihr selbst. Dazu ständiger Telefonkontakt mit den vier Kollegen aus München, die Absprache mit drei weiteren aus dem Reporterpool des hauseigenen Inforadios, das ihr Vorgänger vor Beginn seiner Elternzeit noch hinzugezogen hatte, „da man der Datenmenge nur im großen Team Herr werden konnte“. Das alles bei maximaler Transparenz gleichrangiger Medien, die sämtliche Rechercheergebnisse von ein und derselben Festplatte ohne Ausnahme, ohne Verzug kommunizieren – das war ein nie da gewesener Koordinationsaufwand, sagt die zweifache Mutter zwischen einem halben Dutzend Telefonaten in den unprätentiösen Fluchten des Sendersitzes am schicken Hamburger Rothenbaum. Sicher, es habe auch Reibungsverluste gegeben; „solche Abstimmungen kosten Zeit“, das hat Julia Stein gelernt. Da könne man nicht „so vor sich hinbröseln“ wie gewohnt. „Genau das aber hat uns zusätzlich motiviert“, widerspricht Peter Hornung vom beteiligten NDR-Info und erntet heftiges Nicken seiner TV-Kollegin, „Druck kann auch förderlich sein.“ Ergo, fast im Chor: Die Koalition hat sich gelohnt! Mehrfach und auf allen Ebenen. Denn jede Recherche, sagt der Mittvierziger Hornung, ein abgebrühter Hörfunkmann aus Heidelberg, „gewinnt durch Kooperationen andere Blickwinkel“. So kann eine Geschichte nur besser werden – und da sei noch nicht mal von der juristischen Sicherheit doppelter Ergebnisprüfung durch zwei Rechtsabteilungen die Rede. Doch unabhängig vom Primat des Inhaltes, vom Ethos des Berufes, vom Erfolg der Story, ganz zu schweigen vom Nutzen fürs Publikum, erbringt die Verbrüderung einen weiteren Effekt – auch wenn alle Befragten zögern, ihn offen auszusprechen: Marketing.

Schließlich dienen unterschiedliche Verbreitungswege auch als reziproke Reklametafeln. Offshore-Leaks, sagt Julia Stein, führe dazu, dass sich Fernsehen, Funk und Presse „untereinander teasern“. Das klingt ein bisschen positiv, weshalb sie nachträglich ein verschämtes „unbeabsichtigt“ davor setzt, so anrüchig erscheint ihr der Werbeeffekt. „Wenn die Süddeutschen auf eine ARD-Reportage am Abend hinweist oder die umgekehrt auf einen morgigen Text bei uns“, ergänzt auch SZ-Reporter Obermayer eher beiläufig, „helfen wir uns gegenseitig“. Man stehe ja nicht in direkter Konkurrenz zueinander. Peter Hornung drückt es so aus: „Wir ziehen uns im Rattenrennen nicht die Wurst vom Brot.“ Im Gegenteil. Die gewaltige Resonanz aufs Enthüllungspaket, das den 60 belieferten ARD-Wellen allein in Woche eins fast 100 Berichte, Interviews und Kommentare beschert hat, dem aufwändigeren Fernsehen ein Dutzend Reportagen plus Live-Schaltungen in Tagesschau– Formate, der Süddeutschen jeden Tag locker eine Seite Lesestoff in mehreren Ressorts nebst regelmäßiger Titelgeschichten, hat also das Zeug zur Blaupause künftiger Kooperationen. „Ich sehe da schon einen Trend“, meint Julia Stein.

NDR-Info macht’s mit der Welt, ein Panorama-Autor schreibt seinen Beitrag für sueddeutsche.de um, SZ-Reporter Klaus Ott tauscht sich mit dem griechischen TV-Moderator Tasos Telloglou aus, der Spiegel druckt seine Reportagen im holländischen Politikmagazin De Tijd, freie Liebe am Nachrichtenmarkt. Dabei diene der Partnertausch im Idealfall einem höheren Zweck, hofft Julia Stein: „Guten Geschichten größtmögliche Aufmerksamkeit zu geben.“ Das Ziel sei eher Marktdurchdringung, Reichweite, Abspielflächen. „Sonst gehen wichtige Recherchen unter“, im Informationsoverkill der multimedialen Gesellschaft. Offshore-Leaks sei demgemäß ein Experiment gewesen, „zuweilen gar ein Abenteuer“ – Julia Stein lacht wieder so herzlich, dass jenseits der Glasfront die Köpfe herumfahren. Es gehe aber „nicht um trimediale, quatromediale, sonst wie mediale Koalition als Selbstzweck“, sondern darum, „was rauskommt“. Für das Medium, seine Nutzer, die Sache. „Kooperation ist toll“, pflichtet Peter Hornung bei. Wie im Fall psychologischer Kundenprofile bei der Hamburger Sparkasse vor zwei Jahren könne die dank der SZ nationales Interesse an lokalen Themen wecken oder in dem der systemrelevanten HRE die globale Krise regional runterbrechen. Alles wunderbar, meint der frühere NDR-Korrespondent in Prag, fügt aber gewohnt nüchtern hinzu: „Solange sie keine Pflicht sind“. Man suche sie also auch fürderhin, gezielt und regelmäßig, aber nur ad hoc. Hornungs Fernbeziehung auf Zeit, Bastian Obermayer, kann dem nur beipflichten: „Wir legen jetzt keine Standleitung zum NDR“, doch die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit seien nun „präsenter“.

So wie überall. Die Datenbanken der Welt lecken an allen Ecken und Enden, Konzerne liegen unterm Brennglas der Netzgemeinde, Institutionen werden durchleuchtet wie beim Radiologen, die digitale Welt ist enthüllungssüchtig. Das sorgt für einen anhaltenden Strom groß angelegter Recherchen, die laut Peter Hornung selbst innerredaktionell selten im Alleingang erfolgen und fast folgerichtig zu einer Wiederbelebung entsprechender Ressorts führen. „Der Hessische Rundfunk hat wieder ein kleines“, erzählt Peter Hornung. Dazu WDR, SWR, die Zeit. Da ist was in Bewegung, und je umfassender, globaler gar die Taten- und Tätersuche gerät, desto schwieriger wird es für Einzelkämpfer. „Man sollte Kompetenzen bündeln“, sagt Medienforscher Weichert, „um zusehends komplexe Themen zu bewältigen.“ Kleiner werden die Zahlen ja nicht.


Interviewfriday: Tobias Jundt (Bonaparte)

Zuckerbrot und Peitsche

Nach ihrer Berlin-Trilogie bringt die Berliner Band Bonaparte um den Schweizer Irrwisch Tobias Jundt ihr viertes Studioalbum heraus. Es heißt wie sie selbst, was für einen Neuanfang steht, wie Jundt sagt. Während das verkleidete Kollektiv aus der Hauptstadt auf Bühnen bis nach Japan explosive Feuerwerke abbrennt, klingt dieser Visual Trash Punk auf Bonaparte zuweilen fast geruhsam. Tobias Judt über die Diskrepanz zwischen Visualität und Klang, elektronische Einflüsse, ernste Texte und warum man die Platte beim Spazierengehen ebenso hören kann wie beim Liebemachen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Tobias Jundt, spielt das Visuelle die Haupt- oder die Nebenrolle bei Bonaparte?

Tobias Jundt: Dazu muss man zuerst mal zwei andere Fragen stellen: was ist visuell? Und wer sind Bonaparte?

Und die Antworten?

Visuell ist für mich eine andere Ebene des Musikalischen, die ich zum Beispiel beim Reisen durch die Welt erlange und dann in verschiedenen Schaffensphasen umsetze, je nachdem, mit wem ich zusammen spiele. Und hier kommen Bonaparte ins Spiel, die immer alles auf mehreren Ebenen denken. Das fängt bei den Farben an und endet bei den Formen. Für mich ist so gesehen schon alles visuell. Auch im Chaos steckt ja grundsätzlich irgendeine Form von Design. Alles hängt zusammen. Aber warum fragst du das überhaupt – schreibst du für ein besonders visuelles Journal?

Im Gegenteil – für ein ziemlich akustisches. Bei deinem neuen Album drängt sich bloß die Frage auf, ob eine Band, deren Musik so stark über die Live-Shows wirkt, auch im Studio funktioniert?

Du sagst also, ohne die Show sind meine Songs scheiße?

Nein, zunächst mal sage ich nur, dass ihnen ohne Live-Shows irgendwas fehlt und frage mich, ob das unvermeidbar oder sogar gewollt ist.

Ich glaube, dass ist eher dein Problem. Nicht jeder, der ein Bonaparte-Album hört, braucht dafür unbedingt eine große Live-Show. Wenn du dir andere Platten anhörst, hast du doch wahrscheinlich auch einen Artist vor Augen.

Meistens, ja. Nur dass der Kontrast zwischen Auftritt und Tonträger bei einem visuell extrem reduzierten Singer/Songwriter mit Barhocker und Gitarre auf der Bühne viel kleiner ist als bei einer Band wie Bonaparte, die live ein Riesenfeuerwerk zündet…

Aber davon unabhängig handelt doch auch diese Platte von Geschichten und Gefühlen, die sie zu einem geschlossenen Ding machen, auf das man sich einlassen kann oder nicht. Es spielt sich doch alles im Kopf des Zuhörers ab. Findest du, die Frage nach Visualität und Sound stellt sich bei dieser Platte mehr als bei der Berlin Trilogie?

Sie stellt sich grundsätzlich bei Bonaparte, aber hier besonders.

Man kriegt auf einer Platte nie den gleichen Effekt wie bei Konzerten hin. Trotzdem kann man diese hier sehr gut beim Autofahren hören oder beim Currykochen, Liebemachen, Spazierengehen, Tanzen und das ist definitiv mehr als bei unseren letzten drei Platten. Diese hier ist schon vom Sounddesign und der Mischung her völlig anders.

Auch elektronischer?

Das verwirrt mich jetzt total. Ich finde diese Platte viel weniger elektronisch als die vorigen, weil sie sehr analog entstanden ist, aber auch das ist wahrscheinlich Geschmackssache.

Üblicherweise nennen Bands bloß Debütalben nach sich selbst. Warum heißt eure vierte Platte Bonaparte.

Weil sie ein bisschen nach Hause gekommen ist. Bonaparte ist so was wie die Deckfläche zwischen der Band Bonaparte und mir, Tobias Jundt. Es ist ein Zusammenziehen aller Elemente und ein Startschuss für etwas Neues, bei dem wieder mehr möglich ist. Aber elektronisch… Es sind alles Live-Drums, meine Gitarre, dazu der Moog, ein paar Synthiefetzen, das war’s. Sehr analog, würde ich sagen.

Bedarf das einer Klammer wie Rockmusik oder was ich gerade gelesen habe: Visual Trash Punk?

Ich würde sagen, es ist einfach Pop, aber mit den Gitarren und Drums des Rock, dem meine Texte allerdings wieder überhaupt nicht entsprechen. Deshalb ist es halt – Bonaparte. Aber Songs wie I Wanna Sue Someone oder May The Best Sperm Win sind schon geradeaus gespielter Punkpoprock mit einem fast herkömmlichen Songwriting. Diese Bonaparte ist viel wärmer als die anderen, auch wegen des New Yorker Drummers Chris Powell.

Ob live oder im Studio gewinnt man schnell den Eindruck, dass Bonaparte vor allem Partymusik sei. Steckt darin eine verborgene Ernsthaftigkeit, die sich nicht beim ersten Hören erschließt?

Sehr viel sogar. Natürlich haben wir Spaß bei der Arbeit. Aber bei Into The Wild bin ich ziemlich ernst und das süßeste Stück der Platte, If We Lived Here, beschreibt trotz aller Leichtigkeit ein ernstzunehmendes Gefühl. Unser Gespräch ist echt witzig – ich würde bei fast allem, was du fragst, das Gegenteil behaupten. Finde ich eigentlich ganz schön. Aber auch wenn einiges je nach Phase lustig, albern oder dadaistisch daherkommt, ist alles ernsthaft produziert. Like An Umlaut In English zum Beispiel beschreibt das Gefühl, nicht ganz reinzupassen, eben heiter.

Es ist also alles nicht Party, Party an Bonaparte?

Nur, wenn man sich von der Show blenden lässt. Aber ich selber werde manchmal von der anderen Seite geblendet, wenn ich denke, hinter einer Band steckt irgendwas Ernsthaftes, am Ende ist es aber eigentlich gar nichts. Wir beobachten unsere Welt schon sehr genau. In Wash Your Tights etwa geht es um Machtbalancen in Beziehungen, in denen wir alle stecken. Trotzdem hoffe ich, dass die Leute Spaß dabei haben. Das ist doch das Wichtigste. Wenn ich Musik mache, will ich die Leute immer zum Nachdenken bringen, sofern sie nachdenken wollen. Ich will ihnen aber auch etwas Physisches geben, sie also zum Tanzen bringen.

Ein Spagat.

Ja, ein Spagat. Zuckerbrot und Peitsche. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Bonaparte nie wirklich Mainstream wurden. Aber so ist das Leben – ein einziges Ziehen und Stoßen. Das ganze Leben ist ein Spagat.

Der Text ist erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/05/zuckerbrot-und-peitsche-bonaparte-im-interview/


Heribert Faßbender: Reporter- & Bartlegende

Ich war nie Fan

Sicher, nichts ist so alt wie ein Interview von gestern. Doch kurz vorm Anpfiff in Brasilien ist es höchst lesenswert, was der große Kinnbartträger des TV-Fußballs Heribert Faßbender vor der WM 2006 zu seinem Metier gesagt hat – und wie viel davon heute nur wahrer wird. Ein altes neues Gespräch mit einer Kommentarlegende, wiederaufgelegt für die freitagsmedien.

Von Jan Freitag

Herr Faßbender, Sie kennen den Werbeslogan des DSF „Mittendrin, statt nur dabei“?

Heribert Faßbender: Natürlich.

Ist das der Kern des aktuellen Sportjournalismus?

Ich finde, dass ein Sportkommentator immer den halben Schritt zurück machen können muss, um objektiv Ereignisse zu kommentieren. Man soll sich sehr wohl mitreißen lassen, in diesem Fall von der tollen Atmosphäre einer Weltmeisterschaft, aber er darf nicht nur der Fan, der Erregte, der Involvierte sein, der den objektiven Sachverhalt nicht mehr kommentiert. Ich halte es eher mit Hajo Friedrichs: Immer dabei sein, aber nie dazugehören.

Sind Sie selbst eher Beobachter oder Teilnehmer?

Solange ich kommentiert habe, war ich auch dabei. Ich hab ungefähr die Hälfte meiner Laufbahn Radio gemacht – da bist du’s natürlich mit Haut und Haaren. Im Fernsehen sollte man dagegen analysieren und das, was ohnehin zu sehen ist, nicht noch mal beschreiben, sondern bewerten. Nicht am Anfang, sondern am Ende einer Spielhälfte, um den Zuschauer nicht zu bevormunden, aber rechtzeitig genug, um die Einordnung des Geschehens nicht nur Delling und Netzer zu überlassen.

Was ist für Sie zu geringe Distanz – das Duzen?

Ich habe grundsätzlich auch die Sportler am Mikrofon gesiezt, mit denen ich privat per du war, weil ich der Meinung bin, dass sich der Zuschauer sonst ausgeschlossen fühlen könnte. Ich will aber nicht den Zeigefinger heben. Günter Netzer kenne ich zum Beispiel seit 1965, wir haben viele Interviews gemacht, waren aber automatisch immer per Sie. Er antwortete mir einmal auf eine Frage: „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Fassbender, dass Sie mir diese Frage gestellt haben“. Das gefiel mir. Er ist zwar zwei, drei Jahre jünger als ich, aber wir agieren auf Augenhöhe und duzten uns schon damals. Beim nächsten Mal sagte er dasselbe aber schon wieder. Na ja, dachte ich, so originell ist das auch nicht. Und dann hörte ich, wie er das auch in einem anderen Interview gesagt hat. Mein Lieber Freund! Der konnte sich schon immer gut verkaufen.

Waldemar Hartmann duzt jeden.

Waldi hat einen anderen Stil, mit dem er zur Marke geworden ist. Man sollte ihn nicht verbiegen.

Im Unterschied zu ihm wirken Sie eher reserviert am Mikrophon. Entspricht das Ihrer Persönlichkeit?

Sagen wir mal: Ich war als Moderator etwas zurückgenommener. Als Reporter dagegen nicht. Wenn Sie sich meine Reportage Deutschland-Holland von 1990 anhören, wo ich den argentinischen Schiedsrichter in die Pampa schicken wollte, weil der Rudi Völler nach der Spuckattacke von Reiijkard vom Platz schickte.

Sind Sie ein Reporter der alten Schule?

Das ist Definitions- oder Geschmackssache. Für mich waren Rudi Michel oder Ernst Huberty Reporter der alten Schule – nur Namen nennen und den Spielverlauf schildern. Wir als Ihre Nachfolger waren da schon temperamentvoller. Als die Privaten aufkamen mit Studiopublikum, wurden wir im Öffentlich-Rechtlichen eine Zeitlang als die Drögen dargestellt, die wir nie waren. Aber das hat sich mittlerweile zurück entwickelt. Ich will nicht von Genugtuung sprechen, aber als wir dann die Bundesligarechte zurück erwarben hatten, wollte ich eine Sendung auf höchstem technischen Niveau ohne Firlefanz und Showtreppe. Das traute sich damals niemand. Wir haben’s aber gemacht und es war von Anfang an ein Erfolg. Wir hatten deutlich mehr Zuschauer als sat1.

Wie steht es mit der Aufbereitung des Fußballs. Unlängst kam Kritik, auch die Öffentlich-Rechtlichen berichten zunehmend verspielt, teilweise infantil über den Fußball.

Das ist Quatsch, das kann doch niemand ernsthaft behaupten. Das bedeutet aber nicht, dass wir seriöse Kritik nicht ernst nehmen.

Und die Kritik an zuviel Werbung?

Nehmen wir sehr ernst. Dabei bitte ich aber zu bedenken, dass wir die teuren Rechte- und Produktionskosten wenigstens teilweise refinanzieren müssen, um nicht die finanziellen Mittel für andere Programme zu schmälern. Ich gebe zu, da sind wir bei den Grenzwerten angelangt. Mehr darf da nicht kommen. Das sehen wir alle durchaus kritisch, auch mein Nachfolger ab Herbst, Steffen Simon.

Ist es nicht dennoch zu viel Drumherum?

Wir bewegen uns da bewusst in einem Grenzbereich, um die Sendungen interessant zu machen. Von Ausnahmen abgesehen haben wir den noch nicht überschritten und müssen uns immer wieder überprüfen, ob das nicht irgendwann des Guten zuviel wird. Wir sind da sensibilisiert, auch was die WM betrifft.

Durch eigene Reflexion oder Zuschauerresonanz?

Zunächst, weil es unsere Überzeugung ist. Aber selbstverständlich fließt auch die Zuschauerresonanz in unsere Programmüberlegungen mit ein.

Auch die, dass zuviel Fußball gezeigt wird?

Hier hat die ARD einen ersten Schritt gemacht, indem sie auf die Übertragung der UEFA-Cup-Spiele verzichtet. Im Übrigen auch, um zur Refinanzierung der Sportschau beizutragen.

Dennoch droht mit der WM die totale Übersättigung.

Die Gefahr sehe ich nicht. Wir müssen aufpassen, gar keine Frage. Das hängt auch ein bisschen von den Kosten der Nachverwertungsrechte ab. Für Live-Übertragungen haben wir bezahlt, jetzt geht es noch darum, was der Rest kostet und vielleicht machen wir da aus der Not eine Tugend und zeigen in dem einen oder anderen Fall lieber weniger als mehr. Auf der anderen Seite kann ich immer nur jedem Fernsehzuschauer empfehlen, nicht einzuschalten, was er nicht sehen will. Die Anfangszeiten stehen fest; 15, 18, 21 Uhr. That’s it.

Dafür fehlen möglicherweise die öffentlich-rechtlichen Alternativen. Das Restprogramm wird ja naturgemäß zurückgefahren.

Auf dem jeweils anderen Kanal gibt’s ja immer ein Vollprogramm und in unseren Dritten auch.

Wie bewerten Sie den sonstigen Aufwand. Es kursiert die Zahl von 230 Millionen Euro für die Rechte.

Mit dem Rechteinhaber ist vereinbart, keine Lizenzsummen zu veröffentlichen. Dafür bitte ich um Verständnis.

Darüber hinaus haben ARD und ZDF je rund 350 Mitarbeiter im Einsatz mit 1074 Kameras und 35 Ü-Wagen. 20.000 Journalisten werden erwartet, Fußball wird sogar zum Bundestagsthema.

Das sind gigantische Dimensionen. Aber wir können ja nicht die Medienwirklichkeit dirigieren, das ist nun mal so. Diese WM wird das größte Medienereignis das jemals in Deutschland stattgefunden hat und auf absehbare Zeit stattfinden wird. Beckenbauer spricht von den nächsten 50 Jahren, vielleicht sind es sogar noch mehr. Da sollten wir als Öffentlich-Rechtliche Anstalt beim mit Abstand beliebtesten Fernsehport Nr. 1 nicht kleckern, sondern klotzen. Nicht in dem Sinne, zuviel zu machen, andernfalls hätten wir sicher unser gläsernes Studio auf dem Potsdamer Platz gebaut, was ich gerne als Marketing-Maßnahme gehabt hätte. Dem Fernsehzuschauer wird in unserem Kölner Studio aber nichts fehlen. Im Gegenteil. Auch unsere WM-Sendungen fahren wir bewusst ohne Publikum, weil sonst die Gefahr besteht, dass der Moderator nur was für die Anwesenden macht und die Fernsehzuschauer sich eher ausgeschlossen als eingebunden fühlen.

Vergleichen Sie mal Ihre ersten sieben Weltmeisterschaften mit der anstehenden achten.

Der Fußball hat sich permanent entwickelt, ist athletischer, schneller geworden. Große Techniker der frühen Jahre könnten heute gar nicht mehr so ungestört den Ball annehmen. Ein Netzer mit seiner damaligen Fitness hätte keine Chance. Aber der hätte sich sicher auch auf neue Bedingungen eingestellt.

Und vom Begleitprogramm her?

Der Fußball im Herberger’schen Sinne ist längst zu einer gigantischen Unterhaltungsindustrie geworden. Das haben wir als Fernsehanstalten sicher mit transportiert. Hier hat das eine Eigendynamik entwickelt, die wir nicht kanalisieren können.

Gab es einen Punkt, wo der Fußball ins Entertainment gekippt ist?

Na ja, die Spiele wurden doch immer relativ lupenrein live übertragen. Die Amerikaner haben es 1994 versucht, aber ohne Erfolg. Außerdem litt die WM in den USA an mangelnder Atmosphäre, weil die Gäste der Sponsoren vom Soccer wenig verstanden und die Stadion manchmal halb leer blieben. Auf der anderen Seite ist eine Fußball-WM immer eine Weltmesse der besten Fußballer ihrer Zeit. Der Fußball, den sie bieten, ist die beste Unterhaltung.

Warum tun Sie sich diesen immensen Arbeitsaufwand mit fast 65 noch mal an?

Ich bin von meinem Intendanten gebeten worden, als die ARD-Teams für die Fußball-WM, die Weltreiterspiele und die Hockeyweltmeisterschaft zu führen. Auch mit den beiden Sportarten verbinden mich sehr schöne frühere Reportererlebnisse. Es gab sogar ein Angebot, noch mal als Reporter anzutreten. Das habe ich aber vor vier Jahren anders entschieden.

Und warum sind Reporter-Ikonen wie Günther Koch und Gerd Rubenbauer nicht dabei?

Mit Günther Koch haben wir überhaupt nichts zu tun, der Hörfunk hat seine eigenen Nominierungskriterien. Ich in meiner Funktion befasse mich nur mit Fernsehen. Wir hatten am 15. März die Fußball-WM auf der Tagesordnung der Sportchefsitzung. Dort wollte der WDR unter Verzicht auf sein Vorschlagsrecht zwischen zwei Kandidaten abstimmen lassen.

Beckmann oder Rubenbauer.

Genau. Am 14. März wurde uns mittags mitgeteilt, dass Gerd Rubenbauer für Aufgaben am ARD-Mikrofon nicht mehr zu Verfügung stehe. Daraufhin habe ich vergeblich versucht, ihn anzurufen. Als ich ihn am Abend erreichte, war er einem sachlichen Gespräch nicht mehr zugänglich. Ich bedaure das sehr, verstehe aber seine Beweggründe bis heute nicht ganz, immerhin verzichtet er auf acht WM-Spiele in Deutschland. Wir hatten Rubi noch wenige Tage vorher auf seinen Wunsch als einzigem Reporter zwei Assistenten am Platz zugestanden.

Kann man jetzt von einem Generationenwechsel sprechen?

Wir haben zwei 41-jährige Kommentatoren und Reinhold Beckmann mit 50.

Werden Sie bei Bedarf dennoch kommentieren?

Ich habe Schluss gemacht, um Jüngere zum Zuge kommen zu lassen.

War das auch Ergebnis der Kritik, die Sie für Ihren Kommentarstil einstecken mussten?

Nein. Ich halte es mit einem Wort von Kurt Masur: Man muss wissen, wann der Kreis ausgeschritten ist. Das isser.

Viele haben bemängelt, Sie kommentieren unzeitgemäß.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht war ich das Symbol des öffentlich-rechtlichen Fußballreporters, hatte den höchsten Bekanntheitsgrad und bot damit natürlich eine gute Angriffsfläche. Sie wissen wie das ist: Das potenziert sich in den Medien und dann ist es auch schnell wieder vorbei. Kritiker von damals sagen heute oft: Mensch, mach doch noch mal.

Haben Sie sich die Angriffe gar nicht zu Herzen genommen?

Wenn ich mir Fehler zuzurechnen hatte, dann ja. Wenn was in der Vorbereitung nicht gestimmt hat oder ich schlecht drauf war. Ich sehe das heute gelassener. Natürlich ist es unangenehm, wenn du eine Scheißkritik über dich liest, gerade, weil das ja manchmal sehr persönlich ist und unter die Gürtellinie geht. Aber wer in der Öffentlichkeit Kegel aufstellt, muss sich auch nachzählen lassen, was er getroffen hat. Das muss man akzeptieren.

Haben Sie das satirische Buch Wie werde ich Heribert Faßbender gelesen?

Na ja, so diagonal. Da ist mir ja vieles in den Mund gelegt, was gar nicht von mir stammt.

Fanden Sie es dennoch amüsant?

Heute denke ich: warum denn nicht? Ich habe bei meinem großen Lehrmeister im Hörfunk gelernt, Hauptsache, der Name ist richtig geschrieben. Auch das sag ich heute, Sie sehen mich ja ganz relaxt, mit der Abgeklärtheit eines fast 65-Jährigen. Damals war das ein bisschen aufgeregter und es war ja auch nicht ganz sauber, was die gemacht haben. Aber was soll’s, damit kann man leben und es gehört auch dazu. Ich bin ja von Haus aus Jurist und erkenne die Pressefreiheit auch für mich an.

Und man kriegt mit den Jahren ein dickeres Fell als ein jüngerer Kollege.

Schon, aber ich weiß ja wie Medien funktionieren, wie sich so was entwickelt. Ich kann da differenzieren.

Das klingt sehr nüchtern. Wie leidenschaftlich sehen Sie den Fußball?

Ich war nie Fan. Aber ich liebe das Spiel und halte Fußball nach wie vor für ein, wenn nicht das Faszinosum unserer Zeit.

Mit gesellschaftlicher Relevanz?

Mittelbar. Gehen Sie mal nach Dortmund, wo es etwa 20 Prozent Arbeitslose sind – ich kenne die Zahl nicht genau. Die Leute gehen ins Stadion, um für drei Stunden ihre Sorgen zu vergessen und immer weiter ihre Borussia zu unterstützen. Genauso auf Schalke, da hat Fußball für mich eine gesellschaftspolitische Relevanz. Das Spiel selbst aber sollte man nicht zu hoch stilisieren. Gerade weil es so einfach ist, jeder es versteht und man nie weiß wie es ausgeht, wie Herberger schon sagte, hat es was.

Haben Sie selbst gespielt?

Oh ja, sehr viel. In Schülermannschaften, während meiner Bundeswehrzeit bei Arminia Hannover, dann in der Studentenauswahl. Aber ich hatte relativ früh eine Patellasehnenentzündung und bin dann schnell zum Tennis gewechselt.

Ist an ihrer Patellasehne ein großer Fußballer gescheitert?

Wohl kaum. Immerhin konnte ich den Ball 40 Meter in den Fuß des eigenen Mannes spielen, es durfte aber kein Gegner in der Nähe sein. Ich war sehr schnell, aber wenn einer kam und seine Sense rausholte, bin ich drumrum gelaufen. Ich war keiner, der hinging wo es weh tat. Und die Treter gab’s auch damals schon.


Absurd & Gemein

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

26. Mai – 1. Juni

Samstag wird ein guter Tag für den nächsten Beweis, wie eisern sich das alte Medium Fernsehen gegen die multimediale Zukunft stemmt. Dann nämlich findet der Tag des – kein Scherz! – Videorekorders statt. Video! Rekorder! Zur Erinnerung: Das sind so klobige Geräte, die Filme ohne Features, Untertitel, Kapitelauswahl, dafür mit der Garantie baldigen Qualitätsverlustes abspielen. Nun könnte man meinen, derlei Relikte antiquierter Abendgestaltung seien höchstens in Museen zu finden, doch weit gefehlt: Eine Umfrage ergab, mit 55 Prozent habe noch mehr als jeder zweite im Land das VHS-System im Wohnzimmer und noch verrückter: knapp die Hälfte davon hat ihn in der Woche vorm Umfragen sogar benutzt.

Allerdings wohl weniger, um den heißesten HBO-Scheiß im Original mit Untertiteln zu sehen, als auf Kassette zu bannen, was das lineare Programm hergibt. Darunter waren also vermutlich welche, die all die Sisi-Wiederholungen zum Tode Karlheinz Böhms oder auch Jauchs Talkshow zur Europawahl aufgezeichnet haben. Die schon darum spannender war als der Urnengang selbst in den Augen politikverdrossener Zuschauer, weil Giovanni di Lorenzo darin vor den Ohren Wolfgang Schäubles bekannte, zweimal gewählt zu haben – in seiner italienischen Gefühls- und in seiner deutschen Wirklichkeitsheimat.

Ein kleiner Aufreger, nichts besonderes. Bisschen peinlich vielleicht für den Chefredakteur der führenden Wochenzeitung, aber kein Grund für Hysterie. Könnte man meinen. Dann aber pöbelten die intellektfeindlichen Klerikalen von Bild bis RTL, als hätte der Publizist die Legalisierung der Kinderpornografie gefordert. Was dem neunmalklugen Eierkopf aus Hamburg-Venedig denn da einfalle, das Wahlrecht jener Institution zu missbrauchen, die der Boulevard sonst bei jeder Gelegenheit als volkskörperfeindlich verflucht – so schepperte es aus allen Rohren, dass es gar deren Darling Jauch zur Replik hinriss, die Vorwürfe seien „absurd und gemein“.

Das Gute daran: Medien mit Niveau, Anstand und Sinn für Verhältnismäßigkeit machten bei der Ballermannschelte nicht mit. Lorenzo tat sodann, was einem Diekmann nie einfiele – seinen Fehler einzugestehen. Und die Berichterstattung ging dann auch bald dazu über, was echt relevant ist wie die Ukraine, deren Krise im Osten so dramatische Zustände erreicht, dass ARD und ZDF zum Äußersten schritten und am Donnerstag ihre Korrespondentinnen Golineh Atai und Katrin Eigendorf aus Donezk abzogen. Weniger relevant war dagegen, was die Tagesschau zwei Tage zuvor getan hatte: Eigentlich gab es ja nichts zu berichten vom Fußball. Im Grunde gab es auch nichts Neues von der Nationalmannschaft; trotzdem bauschte das Erste einen Verkehrsunfall ohne schwere Folgen für zwei beteiligte DFB-Spieler zur zweiminütigen Nachricht auf, die der Reporter mit den dräuenden Worten ausklingen ließ, „ein schwerer Unfall, der einen Schatten über das Trainingslager wirft“.

TV-neuDie Frischwoche

2. – 8. Juni

Aber wenngleich das aus Sicht vieler Newsmacher sensationeller war als Syrien-Krieg, Krim-Krise und der Nachwuchs im monegassischen Königshaus zusammen, wird das Länderspiel gegen Armenien am Freitag wohl vom ZDF übertragen. Und auch sonst geht das Medienleben trotz eines so einzigartigen Blechschadens einfach weiter wie gehabt. Heute etwa zeigt das Zweite das bemerkenswert sinistre Psychodrama Die Tote im Moorwald mit einem bemerkenswert schratigen Franz Xaver Kroetz, um tags drauf mal wieder seinen einzig nennenswerten Dokumentarfilmplatz mit irgendwas Redundanten zum Thema Hochadel (Prinz Harry – der wilde Windsor) zu vergeuden. Sonntag glänzt die ARD mit dem Stuttgarter Tatort, um vier Tage zuvor den wichtigen Mittwochsfilmplatz mit irgendwas Rührselig-Korrektem zum Thema Culture Clash (Die Freischwimmerin) zu verschwenden. Dazwischen gesteht RTL sein Versagen ein, innovatives Fernsehen zu produzieren, indem es ab Donnerstag kurzerhand den sechs Jahre alten Serienerfolg Doctor’s Diary in Doppelfolgen wiederholt. Und auf dem Frauensender Sixx darf das vermeintliche Medium Theresa Caputo in der US-Dokusoap Long Island Medium einen Abend lang so tun, als könne sie mit Toten sprechen.

Ach, die leidige Realität…

Private sollten sie lieber jenen überlassen, die was davon verstehen. Also Arte. Mit zwei bemerkenswerten Dokumentationen über die Ukraine (wohin?) und China (Reich ohne Mitte) belegt der Kulturkanal morgen sein Talent, komplizierte Dinge am Menschen entlang verständlich zu machen (tappt aber in die Populismus-Falle, wenn er sich morgen mit „Die Bio-Illusion“ am falschen Gegner abarbeitet). Trotzdem bleibt es ebenso gutes Fernsehen wie das dortige Porträt Wie ein Mathegenie Hitler knackte über den dechiffrierenden Informatiker Alan Turing am Freitag.

Überhaupt – die kleinen Ableger der Großen. Sie zeigen erneut, was man dort gern sehen würde, um es mal einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Die belgische Amateurfilmkollage „Wenn ich Diktator bin“ zum Beispiel, heute auf 3sat. Die Doku Macht der Bilder, Mittwoch an gleicher Stelle, die das meiste Filmmaterial vom 1. Weltkrieg als nachgestellt entlarvt. Einen furiosen Abend rings um den Star-DJ Paul Kalkbrenner, Mittwoch auf EinsFestival. Oder auch das was EinsPlus bis Sonntag tut. Wobei: vier Nächte am Stück vom Rock am Ring zu berichten – das wäre vielleicht zu verstiegen für ein Vollprogramm. Das aber am Donnerstag dann doch mal andeutet, was selbst zu akzeptabler Sendezeit geht. Dann zeigt die ARD Eric Friedlers Das Mädchen, in dem sich Deutschlands derzeit bester Dokumentarfilmer auf die Spur einer Deutschen begibt, die vor der WM 1978 in Argentinien verschwunden ist, von der Bundesregierung aber nicht gesucht wurde, weil das politisch nicht ins Konzept der Verharmlosung des Militärregimes passte.

Ins Konzept des Tipps der Woche passen dagegen heute gleich zwei Filme: Philipp Seymour Hoffmans letzter Film als Regisseur und Hauptdarsteller Jack in Love (Arte) und Mikey Rourkes Coming Out als ernstzunehmender Schauspieler The Wrestler (EinsFestival).