Gruenspan: Krautrock & Theater

gruenspan-historisch-2-540x304Über Pferden

Ab 1889 Tanz und Vergnügungssalon, später öffentliches Bad mit Hippodrom darunter, seit 1968 Disko. Heute: frisch saniert. Das Gruenspan, Hamburgs erstaunlichster Club, dessen quietschbunte Fassade einst als Sensation galt (Foto: Opel) und noch heute fasziniert.

Von Jan Freitag

Geschichte ist der zeitgenössischen Clubkultur eher wesensfremd. Geschichte klingt nostalgisch, irgendwie alt, gar erwachsen. Party dagegen ist: jetzt. In diesem Moment. Für diesen Moment vor allem. Bis auf einige Selfies vom Absturz und den Kater danach ist nicht nur das Feiervolk rings um den Hamburger Kiez schließlich schon dann strikt geschichtsvergessen, wenn die Party nur Stunden vorbei ist. Jahrzehnte haben da wenig Bedeutung. Doch daran will Robert Hager arbeiten.

Hier, genau hier, der Clubbetreiber breitet seine Arme aus, “standen früher Wannen”, eine Menge davon. Genug jedenfalls, um die Bewohner des heruntergekommenen Arbeiterviertels St. Pauli vorm letzten Krieg und noch eine Weile später zu reinigen. Und unter der öffentlichen Badeanstalt ohne Pool, Robert Hager feuert sein lautestes Lachen durch den Vollbart, “war früher das Hippodrom”. Eine Manege also – vor knapp hundert Jahren der heißeste Budenzauber im Amüsierviertel. Pferde, Akrobaten, Musik, Bier, Schnaps, Seeleute, Seemannsbräute, nicht nur nachts um halb eins. Es war die Hochphase der Großen Freiheit, besungen von Hans Albers, beschallt von einem kleinen Balkon, auf dem die Kapelle saß, wenn tief darunter falsche Cowgirls im Kreise ritten.

So viel Geschichte steckt am Clubstandort Hamburg nur hier, im Gruenspan. Gleich neben dem Indra, wo die Beatles fern der Heimat ihr Debüt gaben. “Gegeben haben sollen”, korrigiert Robert Hager und nennt zwei, drei andere Bühnen der näheren Umgebung, die den Durchbruch der Fab Four ebenso für sich reklamieren. Auch sein Grünspan zählt zu den Bewerbern. Natürlich. Wieder lacht er durch den mächtigen Kuppelsaal seines Konzerthauses. “Hier haben sie allerdings wohl doch nur geschlafen.”

Aber egal. Die Sache mit den Beatles ist eine dieser zahllosen Geschichten vom “Tanz und Vergnügungssalon”, als der das Gruenspan 1889 erbaut wurde. Man kann an einigen zweifeln oder nicht – besser ist, man lauscht einfach staunend den fabelhaften Anekdoten, über die der zugezogene Bayer Hager selbst so oft gestaunt hat, seit er das älteste Etablissement seiner Art in Deutschland, so heißt es, 2009 übernommen hat.

Übers Kino zum Beispiel, das dem Jugendstilgebäude die ganze Weimarer Republik hindurch kosmopolitischen Glamour verlieh. Übers biedere Paartanzambiente, das ihn nach dem Badehausintermezzo Anfang der Sechziger provinziell trübte. Über den türkischen Nusshändler, der daraus gemeinsam mit einem deutschen Zahnarzt 1968 das Gruenspan machte. Über die erste Diskothek weit und breit, wo echte Discjockeys auflegten wie jener Taxifahrer, der Hager mal bei einer Fahrt erzählte, dass er vom Eröffnungsabend an zehn Jahre jedes Wochenende am Plattenteller stand. Und natürlich über jene Frau von 91 Jahren, die unlängst bei einer Hausführung ergriffen berichtete, wie sie als junges Ding hier gebadet habe.

Dass ihr dabei ein Gefühl von Wehmut durchs alte Herz wehte, daran ist Robert Hager nicht ganz unschuldig. Seit er den Laden vor fünf Jahren übernahm, erlangt Hamburgs traditionsreichster Club Stück für Stück sein Gedächtnis wieder. Während unter dem blinden Kirchenglas des früheren Oberlichts bis zu 900 Besucher feierten, wurde die schimmelige Haut vom Klinker geschlagen. Finanziert mit einem Darlehen im mittleren sechsstelligen Bereich. So begann bald das backsteinrote Herz des Gruenspan zu pulsieren.

Überall traten bauliche Kostbarkeiten ans Kunstlicht. Hier etwas Stuck, da ein alter Balken. Hatten sich die Gäste im Oberrang zuvor auf Beton gelehnt, ist es nun ein gusseisernes Gründerzeitgeländer. Wo 40 Jahre Investitionsstau, wie der gelernte Hotelfachmann die Substanzvernachlässigung seines Großods nennt, das Flair einer Kettenkneipe verströmt hatten, wirkt nun vieles aus der Zeit gefallen. “3 Kartoffelpuffer 15 Pfennig” steht neben der Eingangsbar in Fraktur; was man zur Pferdeschau halt so aß.

Und wie der akkurat frisierte Geschäftsführer mit seinem metalmähnigen Pressesprecher an seiner Seite durch das neue alte Schmuckstück führt, wie beide von den acht entschalten Säulen unter  der Empore schwärmen, dem verzweigten Backstagebereich voll Sperrmüllsofas und Perserteppichruinen, von der salbungsvollen Aura überall – da wird deutlich, wo Hager und seine 40 Mitarbeiter hinwollen. “Live wird immer theatralischer”, sagt der Musiker im Verwalter, “deshalb wird auch der Raum zusehends Teil der Performance.”

Gut 5.000 Besucher, die ein Schauspielfestival 2013 ins Eigentum der Sprinkenhof AG gelockt hat, sollen demnach keine Ausnahme gewesen sein. Man sei am Ende zwar auch abhängig davon, was große Veranstalter wie Scorpio ins Haus booken, gibt PR-Mann Jannes Vahl zu bedenken. Doch zwischen Künstlern wie Jan Delay, der hier sein letztes Album vorstellte, und Karl Bartos, der hier zuletzt ohne Kraftwerk auftrat, wolle man künftig öfter mal bestuhlen. Sich also programmatisch noch breiter aufstellen, ohne beliebig zu sein. Oder wie Hager es ausdrückt: “Das Gruenspan soll von einer Ortsbezeichnung zur Inhaltsangabe werden.”

Bei ein paar Prozent Ertrag und dem Dauerrisiko roter Zahlen sei Markenbildung dafür ebenso unerlässlich wie Lokalkolorit. Die Sanierung wirkt da Wunder. Nur zu weit führen, das dürfe sie nicht. “Der Zugang zum Hippodrom bleibt zugemauert”, betont Robert Hager und man spürt, wie sein Herz dabei blutet. “Sonst renovieren wir uns pleite.” Und ist ein Laden erst mal dicht, zumal in der Lage, mit Garten, Empore und dem schönsten Raucherraum der Welt, dann wird er, was das Gruenspan auch geöffnet immer sein will: Geschichte.

Mehr Fotos & Kommentare unter: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-10/gruenspan-club-hamburg


Electrofriday: Dorian Concept, Kele

Dorian Concept

Gleich hinter Heavy Metal, heißt es oft, kommt Techno in all seinen Spielarten der Klassik am nächsten. Entweder pflegt er die symphonische Fläche bis zur Stupidität oder wenigstens das nötige Pathos in repititiver Konzentration. Gern kompiliert er auch beides in einem. Wenn noch eine gehörige Prise Pop hinzukommt, das funkensprühende Sammelsurium der Samples und Zitate, dann sind wir bei Dorian Concept angelangt. Der österreichische Produzent und Remixer ist einer der ganz großen Virtuosen des elektronischen Mash-up. Und sein zweites Album Joined Ends entsprechend eine Art Arbeitsnachweis jener Möglichkeiten, die Experimentierfreude gepaart mit rhythmischer Spielfreude ergibt.

Mithilfe eines Wurtlitzer E-Pianos und dem Ergebnis unablässiger Suche nach analogen Sounds, synthetisiert er die Wirklichkeit mit neuer Hardware zu digitalen Welten, denen man die Herkunft kaum noch anhört. Und obwohl alles daran fühlbar computerisiert klingt, hat man Track für Track der zwölf ungeheuer liedhaften Stücke stetes das Gefühl, hier spiele ein echtes Orchester mit den Mitteln der Moderne. Selten waren die Ninja Tunes so poppig, selten war Pop so eklektisch. Versehen zudem mit einem der tollsten Cover-Artworks des elektronischen Jahres. Zum Funkensprühen schön!

Dorian Concept – Joined Ends (Ninja Tunes)

Kele

Es ist schon eine ganze Weile her, dass analoger Indierock die digitale Zukunft erstmals auf dem Dancefloor umarmt hat. Rave nannte sich dieses teilelektronische Experiment Anfang der Neunziger, als der Begriff noch nicht auf technoides Dauerstakkato gebucht war und Manchester dank Bands wie den Stone Roses, EMF oder den Happy Mondays zu Madchester wurde. Seither hat diese Art des Mash-ups den universellen Pop strukturell so stark beeinflusst, dass nur in wenigen Genres die Summe in ihre einzelnen Teile zerlegbar zu sein scheint. Bei Kele dagegen ist er noch zu spüren, dieser Wunsch seiner musikalischen Vorgänger, zwei vermeintlich widerstrebende Teile so zu vereinen, dass – wie in einer aussichtsreichen Ehe – weiterhin Individuen erkennbar bleiben. Kele, das ist Kelechukwu Rowland Okereke, besser bekannt als Sänger der fabelhaften Band Bloc Party, die dem Britrock vor gut zehn Jahren eine elegische Melancholie verpasst hatten wie zuvor allenfalls Radiohead oder The Verve. Seit Bloc Party 2009 für eine Weile in seine Bestandteile zerfiel, versucht sich Kele also solo – und führt doch lückenlos fort, was die Band seit ihrem gefeierten Debüt Silent Alarm mit jedem Album vollführt haben: die Symbiose von distinguiertem Gitarrenpop und geschmeidiger Electronica zu einem Gemisch, das die Zutaten stets erkennbar lässt.

Da macht Kele nun auch mit seiner zweiten Platte Trick weiter. Mehr noch als auf Boxer vor vier Jahren nämlich liegt darin ein flächiger, gelegentlich klebriger, meist ziemlich selbstbewusster House ebenso offen wie das Wavige seiner Londoner Kumpels. Und beides wird wie gehabt verschweißt durch Keles gefühlvolle Stimme, mit der er gewohnt persönliche Dinge preisgibt. Meist handeln sie von Liebe und ihren oft so schmerzhaften Folgen, dass es nur so “you and me” hagelt, die ewige Dichotomie zweier Suchender, die zusammengehören, aber nicht zusammenfinden. Und irgendwie entspricht das Album dem auch musikalisch. Manchmal klingen die zehn Stücke, zum Beispiel das gefällige Counting zu Beginn, als hätte Kele sie mit Blick auf die Charts verfasst. Manchmal, etwa in Closer, schafft er es doch nicht, sich stilistisch von seiner alten Band zu emanzipieren. Zwischendurch schimmert aus allem, was Kele anpackt, eine Unentschlossenheit heraus, jetzt Remixer oder Rockstar zu sein. Nur: Das führt abgesehen vom anbiedernden R’n’B-Ausreißer mit dem passenden Schnulzentitel Silver and Gold fast nie zur Halbherzigkeit.

Kele – Trick (Lilac Records)


ChrisTine Urspruch: Alberich & Dr. Klein

Ich mach innere Freudensprünge

Millionen kennen sie als Alberich und das Sams, jetzt tritt ChrisTine Urspruch aus dem Schatten anderer und spielt die Serienärztin Dr. Klein (freitags, 19.25 Uhr). Dass sie nur 132 Zentimeter misst, packt das ZDF schon in den Titel. Doch der 44-Jährigen aus Remscheid geht es um mehr als dieses Merkmal.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Urspruch, da lernt man sein Leben lang, Menschen, die von der Norm abweichen, bloß nie aufs Körperliche zu reduzieren, und dann heißt ihre Serienfigur allen Ernstes Dr. Klein?

ChrisTine Urspruch: (lacht) Ach wissen Sie, wenn alles immer nur der Norm entspricht und jeder Hinweis auf Abweichungen wegfiele, wäre das Leben doch ziemlich langweilig. Deshalb finde ich den Namen auch vor allem witzig, nicht diskriminierend. Außerdem schafft er Aufmerksamkeit für die Geschichte und macht neugierig.

Hat der Titel also mehr damit zu tun, dass deutsche Serien gern sprechende Figurennamen wie Fuchs und Gans haben?

Vielleicht. Aber es hat vor allem mit mir zu tun und wie ich im echten Leben mit meiner Größe umgehe. Denn das was draufsteht ist bei mir auch drin. Und die kleine Frau von 1,32 Meter hat in der Serie unabhängig vom Namen riesige Aufgabe zu erfüllen, die sie mit Bravour erledigt. Sehen Sie den Namen daher doch lieber als Kontrastmittel, das sich auf alle Frauen in männerdominierten Welten wie Krankenhäusern anwenden lässt, wo es kaum Oberärztinnen gibt.

Handelt die Serie also von einer Kleinwüchsigen, die zufällig Ärztin ist, oder einer Ärztin, die zufällig kleinwüchsig ist?

Definitiv letzteres. Zumal auch die anderen Protagonisten selten der Norm beziehungsweise bestimmten Klischees entsprechen. Deshalb gibt es ja auch den schwulen Chefarzt, der sich mit Adoptionsfragen befasst. Das wirft gesellschaftliche Fragen auf, über die man am Beispiel der Serie gern nachdenken darf.

Mit dem Ziel, Unterschiede so beharrlich zu thematisieren, bis sie keine Rolle mehr spielen, die Thematisierung also überflüssig wird?

Sicher. Es geht schließlich vor allem um die Suche nach dem persönlichen Glück unabhängig von allen Äußerlichkeiten.

Sind Film und Fernsehen bei uns denn schon reif, Menschen völlig ungeachtet ihrer Äußerlichkeiten zu besetzen?

Das nehme ich so wahr, auch wenn es in kleinen Schritten vor sich geht. Etwa dabei, Menschen mit Migrationshintergrund nicht mehr als solche zu besetzen. Man kann das auch an meiner Figur Alberich im Tatort sehen: Die hat sich längst von ihrer Körpergröße zu einer handelnden Figur emanzipiert. Das ist natürlich noch ausbaufähig, aber Silke Haller – wie sie übrigens heißt – ist eine gestandene Frau.

Ist es denn auch eine behinderte Frau, als die Sie Ihr Widersacher Dr. Lang in Dr. Klein einmal bezeichnet?

Ach, da gibt es im Englischen viel kreativere Begriffe wie „vertically challenged“, also eher herausgefordert als beeinträchtigt. Ich empfinde mich nicht als behindert, weil ich kaum Einschränkungen habe und nicht auf Hilfsmittel angewiesen bin, auch wenn ich nicht an alles rankomme. Aber Sie müssen für bestimmte Höhen sicher auch mal auf einen Hocker steigen. Das ist eine Frage der Perspektive.

Die sich bei Ihnen schon im Namen zeigt, den Sie bewusst mit großem T schreiben.

Um einen spielerischen Umgang mit meiner Größe zu offenbaren, ja. Wir Deutschen problematisieren ja gerne vieles, da versuche ich es gern mal ein bisschen lockerer zu sehen.

Was kennzeichnet Sie denn übers Körperliche hinaus als Schauspielerin – das Komödiantische, Leichte?

Schon. Das Komödiantische liegt mir schon sehr. Aber keine Sorge: Ich kann auch Drama und spiele es sogar am Theater. Aber unterschätzen Sie nicht das Dramatische an der Komödie, das gibt es auch in Dr. Klein.

Waren Sie dafür in einer Schauspielschule?

Nein. Viele meiner schauspielerischen Fähigkeiten beruhen eher auf Fortbildungen, Kurse und learning by doing.

Was war dabei Ihr Durchbruch: Das Sams oder der Tatort?

Eine Verkettung von Zufällen und Zusammenkünften, aber auf die Kinohauptrolle im Sams werde noch immer oft angesprochen, die empfinde ich bis heute als Bestätigung eines langen Weges ins Schauspiel. Daraus resultierte dann der Tatort und daraus wiederum Dr. Klein. So kommt eins zum anderen.

War das Sams dennoch eher Sprungbrett oder Bürde, was die spätere Rollenfestlegung betrifft?

Sagen wir mal so: Ich hatte anfangs schon Sorge, dass es mich so auf fröhliche Kinderfiguren festlegt wie seinerzeit Inger Nilsson, die kaum andere Rollen als Pipi Langstrumpf angeboten bekam. Aber das ist immer das Risiko unseres Berufes und die Sorge hat sich bei mir als unbegründet erwiesen.

Sehen Sie Dr. Klein da als weiteren Emanzipationsschritt?

Absolut, da mache ich innere Freudensprünge. Gerade, weil ich aus der Nebenrolle in die erstere Reihe trete, mit einer Figur, die mir auf den Leib geschrieben wurde. Davon träumt fast jeder Schauspieler.

Aber Sie bleiben dennoch dem Alberich noch treu?

Die irren Zuschauerzahlen sind da jedenfalls ebenso großer Ansporn wie die tollen Bücher und meine Kollegen.  Ohne die könnte ich mir ein Leben kaum noch vorstellen. Gut, nichts ist für die Unendlichkeit, aber die aktuellen Gespräche deuten nicht darauf hin, dass sich ein Ende anbahnt.


Laufendes Band & Reiche Leichen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Oktober

Was wären nur Fix ohne Foxi, Ying ohne Yang, Marianne ohne Michael, Baden ohne Baden? Halbe Sachen, undenkbar wie Gruner ohne Jahr. Bis jetzt. Das Paar zweier Verlagsdynastien, nach dem Krieg eine Keimzelle des demokratischen Aufbruchsjournalismus und noch immer stilbildend klassische Publizistik, es trennt sich. Im Frieden, heißt es, lösen sich die Erben von John Jahr aus dem Hamburger Pressehaus. Der Name dürfte wohl erhalten bleiben, aber ohne das berühmte + in der Mitte, geht ein weiteres Stück Zeitungsgeschichte verloren.

Das kann man nun nüchtern veränderten Informationskonsumgewohnheiten zuschustern, aber jede beendete Ära ist eben auch ein geschlossener Erinnerungsraum, Geschichte statt Gegenwart. So tot, wie es dem Fernsehen seit langem vorhergesagt wird. Gerade in seiner linearen Form, hat es das frühere Leitmedium ja auch nicht leicht. Besonders gegen das eigenmächtige, selbstverwaltete Home-Entertainment auf DVD, Streams oder Youtube.

Wen ein Fernsehformat nämlich so fesselt, dass ein Loskommen unmöglich ist, neigt naturgemäß zu dem, was neudeutsch Binge-Watching heißt. Serienglotzen am Stück, ganze Staffeln in einer Nacht oder wie es ein amerikanisches Liebespaar getan hat: 51 Episoden The Walking Dead nacheinander, zweieinhalb Tage unterbrochen nur von den nötigsten Verrichtungen, in Zeitraffer festgehalten vom US-Sender Fox.

Nicht, dass Extrem-Binging dieser Art mit einer deutschen Serie durchhalten würde; keine einzige erzeugt schließlich auch nur annähernd den Sog von, sagen wir: Homeland oder House of Cards. Aber hiesige Sender sollten sich angesichts der Lässigkeit, in der die zwei Hardcorezuschauer das Zombiegemetzel durchgestanden haben, ruhig mal zum Anlass nehmen, ihre Struktur zu überdenken. Also zum Beispiel, was Privatkanäle wie Vox oder RTL2 schon getan haben, ganze Abende einer Serie zu widmen.

Aber vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit seiner grundsatzlinearen Programmpolitik ist so was natürlich nicht zu erwarten. Dort gilt es eher als Sensation, wenn Jörg Pilawa kurz vor Weihnachten im NDR zum 80. Geburtstag von Rudi Carrell Am laufenden Band aufwärmt. Jene schlaghosenalte Siebzigershow, bei der heute niemand mehr so genau sagen kann, worum es dabei bis aufs finale Vorbeirauschen merkwürdiger Sachpreise wie Schnellkochtopf und Trockenhaube eigentlich ging.

TV-neuDie Frischwoche

13. – 19. Oktober

Aber diese Publikumsvergesslichkeit teilen Klassiker mit vielem aus der Gegenwart. So wird also vom heutigen Fernsehpranger Mein Kind schafft das spätestens zwei Stunden nach der achten Folge nur in Erinnerung geblieben sein, dass sich RTL2 unter Vortäuschung von Anteilnahme an fetten Kindern beim Abspecken ergötzt hat. Auch an Akte D dürfte sich nach dem Montagsauftakt nur wenige erinnern – was allerdings keine inhaltlichen Gründe hat. In der ARD-Reihe wird nämlich endlich das politisch gewollte Scheitern der Entnazifizierung dokumentiert. Allerdings kurz vor Mitternacht, wenn garantiert keiner zusieht. Das gilt dann leider auch für eine weitere Entmystizierung der jungen Republik in Unser Wirtschaftswunder, das zwar um 20.15 Uhr läuft; aber 3sat haben viele gar nicht auf der Fernbedienung.

Den Quotensieg des Tages wird daher wohl Alles muss raus davontragen. Der ZDF-Zweiteiler (Fortsetzung Mittwoch) handelt schließlich von der Pleite des Schlecker-Konzerns. Dass er sie wenig erbaulich per Holzhammermoral verarbeitet, tut da nichts zur Sache; fiktionalisierte Zeitgeschichte mit Starbesetzung (Atzorn, Preuß, Lukas, Martinek, Sadler) zieht immer. Besonders, wenn sie auch noch vom Topthema Fußball handelt, des FC Bayern zumal, der Mittwoch im Ersten mal wieder einen Satz kostenloser Werbung kriegt, wenn es die zugegeben spannende Geschichte des jüdischen Ex-Präsidenten Landauer zugegeben versiert erzählt.

Versiert ist in seiner Sperrigkeit auch alles von Dominik Graf, was Deutschlands wohl bester Regisseur am Wochenende gleich zweimal beweisen darf. Samstag läuft – komischerweise im BR – sein Starnberg-Krimi Die reichen Leichen, der den mysteriösen Tod von König Ludwig II. nochmals in die Gegenwart zieht. Tags drauf lässt Graf seinen Münchner Kommissar Meuffels im Polizeiruf wieder zur Höchstform auflaufen.

Und wo so viel Gutes diese Woche im Süden spielt, biegen wir kurz in den Osten ab: Arte startet heute die Reihe Red Western, wo Defa-Winnetou Gojko Mitic zum Auftakt in Weiße Wölfe zeigen darf, dass Indianerfilme nicht nur von Skalpjägern oder edlen Wilden handeln müssen. Und Dienstag dann wirft der RBB (22.05 Uhr) einen wehmütigen Blick auf DT64, den vergleichsweise rebellischen DDR-Jugendsender, der 1993 viel zu früh abgewickelt wurde.

Der Tipp der Woche wendet sich dann allerdings wieder gen Westen und in die Gegenwart: Samstag schenkt 3sat der fabelhaften Corinna Harfouch als Anstaltsleiterin in Dürrenmatts Die Physiker eine Theaterübertragung, die es in sich hat. Glückwunsch.


Nils Koppruch: Der Mensch & die Lücke

Cover-TR-20572-Werkschau_kleinOhne Worte

Vor zwei Jahren geschah das Unfassbare, vor allem unfassbar Traurige: Nils Koppruch ist gestorben. Der Sänger, dessen Band Fink dem Country ein deutsches Gesicht ohne Cowboyhutpeinlichkeit gegeben hat, riss eine Riesenlücke in unzählige Lebensläufe und seinen Stadtteil St. Pauli. Eine fabelhafte Werkschau erinnert nun an sein Schaffen und die Wochenendreportage an den Künstler.

Von Jan Freitag

Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzenes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot.

Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten Musik des Öfteren mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. Nils Koppruch ist tot, und mit ihm starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen  Singer/Songwriter deutscher Sprache überhaupt. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Der globale Pop lässt Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber an dieser Stelle muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben, die ohne ihn womöglich unbesetzt bleibt.

Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg Fink gründete, hierzulande die erste Band, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop, da dachte er selbst noch, „das machen nur Nazis und Arschgeigen“. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.

Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel, dessen Zauseligkeit schon Ausdruck einer Haltung des Understatements war, als die Hipsterbeardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten, einen zerzausten „Gegenentwurf zum elitären Cliquending“, wie er es erst kürzlich umschrieb. „Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist“, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.

Arbeiter, Weber, Handwerker – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon im gebrauchten Zweiteiler zu Turnschuhen zwischen uralten Instrumenten in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 48-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphusen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten und grauen Fusseln, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.

„Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben“, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Nur: er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento?, sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. „Ohne meine Bilder“, sagte Nils Koppruch, „könnte ich nicht davon leben“.

Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von „Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen“. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ihm ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie, und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen und prominenter Kundschaft. Dass er unterm Pseudonym SAM schon lange vor der Musik tätig war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: „Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen“. Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, seine Cash-Interpretationen und Benefizkonzerte, seine sprachliche Poesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.

Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, „so dick“, seine Hände gingen schulterbreit auseinander, „totaler Stuss heute“, aber immerhin ein Ausdruck. „Das kannst du posthum veröffentlichen lassen“, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Dann wird es Zeit, denn Nils Koppruch ist tot, er starb gestern in Hamburg und ja, er hinterlässt eine Lücke. Nein, viele Tausend Lücken.

Nils Koppruch und Fink – Werkschau (12 CDs + Begleitbuch, Trocadero)


Frank Z: Abwärts-Punk & Neo-Krautrocker

Eher Kunstprojekt als Band

Abwärts, das klingt nach Vorwärtsrock und Parolenpunk der renitenten Achtziger. Und plötzlich machen die Urgesteine aus Hamburg nach 35 Jahren im Geschäft eine Platte, die klingt wie die Einstürzenden Neubauten. Sänger Frank Ziegert alias Z., der einzige, der alle Neugründungen seiner Band überstanden hat, über das neue Album Krautrock, die Reste seiner Wut und was jüngere Hörer mit Stahlbeton & Blechlawinen anfangen können.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frank, ist es beabsichtigt, dass manche Stücke auf eurer neuen Platte ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern?

Frank Z.: Ach, echt? Interessante Wahrnehmung, aber nicht beabsichtigt.

Ist die minimaistische Prägung dennoch so eine Art Altersintellektualismus oder eher logische Konsequenz aus dem, was ihr seit fast vier Jahrzehnten macht?

Weder noch, würde ich sagen. Sie ist ein Versuch, zu experimentieren. Unsere letzten Platten waren ja eher punkorientiert, gingen aber dabei fast in den Industrial hinein. Da wollten wir diesmal etwas machen, das wieder minimalistischer ist. Deshalb lautet der Name ja auch Krautrock, der zwischendurch zum Schimpfwort verkommen war, aber eigentlich für ziemlich innovative Musik stand.

Aber ist Krautrock mit seinen psychedelischen Gitarrenflächen nicht genau das Gegenteil vom kühlen Minimalismus, den ihr hier ausprobieren wollt?

Wenn du dir so Sachen wie Can anhörst, gab es da durchaus minimalistische Soundstrukturen.

Ist das Krautrock-Element denn auch eine Reminiszenz an die musikalischen Wurzeln von Rockmusikern über 50?

Schon, aber auch eine Reminiszenz an uns selbst. Wir haben ja zum Beispiel drei Abwärts-Songs neu aufgenommen und zitieren auch sonst musikalisch viel aus den Achtzigerjahren. Wer sich ein bisschen in der Pop- und Punkgeschichte auskennt, wird bei uns immer wieder fündig, solange er denn sucht.

Aber seid ihr das denn überhaupt noch – Punk?

Zumindest kommen wir ursprünglich aus der Ecke und haben das zuletzt auch sehr gepflegt. Aber wir ticken gar nicht so konzeptionell. Was allerdings auffällt ist, dass die Arbeit an Krautrock viel arbeitsintensiver war als an den Alben zuvor.

Für Punkrock reichen halt drei Akkorde.

Genau. Eins, zwei, drei, go.

Was unterscheidet den Punkrock eurer frühen Jahre von dem der Gegenwart?

Gar nicht so viel, weil wir auch 1979 nie den schlichten Punk jener Zeit gespielt haben, sondern immer eher zwischen den Stühlen saßen, also experimenteller waren. So gesehen waren die Sachen des 21. Jahrhunderts mehr Punkrock als das, was wir in den Achtzigern gemacht haben. Man muss halt aufpassen, dass das, was man macht, kein reines Verkaufsargument ist. Wenn die Toten Hosen plötzlich eine Platte wie wir aufnehmen würden, wären doch alle völlig vor den Kopf gestoßen. Deshalb machen die immer wieder das Gleiche.

Ist euer Sound 1979 aus Rebellion oder Verweigerung entstanden?

Wir hatten zu Beginn jedenfalls ganz klar das Bedürfnis, mit unserer Musik auch was verändern zu können. Aber so was erledigt sich dann doch ziemlich schnell, weil man schnell merkt, als Musiker doch sehr begrenzten Einfluss aufs Große und Ganze zu haben. Wir können da höchstens Denkanstöße geben. Trotzdem war unsere Musik wie Punkrock generell auch Ausdruck einer bestimmten Wut, der wir Ausdruck geben wollten.

Hast du noch was von dieser Wut in dir?

Ein bisschen davon hab ich mir bewahrt, das zieht sich noch immer durch unsere Texte. Klassische Liebeslieder findest du bei mir eher selten (lacht).

Eher schon Parolen wie Stahlbeton & Blechlawinen. Ist das auch so ein Zitat aus früheren Zeiten?

Nicht unbedingt, unsere Zitate sind eher musikalischer Natur.

Dieses hier klingt aber schwer nach Zurück zum Beton von Syph.

Das stimmt, jetzt wo du’s sagst.

An wen richtet sich das – Nostalgiker, die euch von Beginn an begleiten, oder neue Fans, die man damit noch überraschen kann?

An beide, hoffe ich. Auf unseren Konzerten findet man die Alten ebenso wie 16-, 17-Jährige. Wenn man sich mit „Krautrock“ echt auseinandersetzt, ist da für alle was dabei.

Abwärts hat sich in 35 Jahren gefühlt fünfmal aufgelöst und neu zusammengesetzt. Gab es die Band zwischenzeitlich eigentlich immer weiter?

Es gab immer mal Zeiten, wo in den Pausen viel passiert ist und welche, in denen es nichts zu sagen gab. Und wenn du als Künstler nichts zu sagen hast, dann lässt man es lieber. Unterm Diktat dieses zwanghaften Zyklus Platte-Tour-Platte-Tour wird man am Ende bloß kommerziell, nicht kreativ. Deshalb habe ich auch längst aufgehört, die Band auch als solche zu bezeichnen, sondern eher als Kunstprojekt mit wechselnder Besetzung.

Und dir als roten Faden.

Das kann man so sehen, Frank Z., der rote Faden.

Jetzt gehst du langsam auf die 60 zu…

(lacht laut)

Spürt man das in den Knochen oder rockst du das einfach weg?

Ach, ich bin relativ fit. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, ich kipp von der Bühne, würde ich es lassen.  Wie das einige Altrocker durchziehen, finde ich eher absurd.

Du möchtest nicht als Rolling Stone enden.

Auf keinem Fall.

 

Der Artikel ist vorab erschienen unter http://www.musikblog.com/2014/10/wir-sind-eher-kunstprojekt-als-band-abwaerts-im-interview/


Farin Urlaub: Globetrotter & Raumfahrer

Neureicher mit Punkwurzeln

Jan Vetter alias Farin Urlaub ist schon lange nicht mehr nur der Ärzte-Sänger mit dem gewinnenden Lachen. Seit Jahren schon reist er als Fotograf durch die Welt und betreibt mit Racing Team eine ziemlich erfolgreiche Zweitband, die nächste Woche ihr neues Album Faszination Weltraum rausbringt. Ein Interview über Punks und Hippies, Heimat und Fernweh.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Farin Urlaub, Sind Punks und Hippies eigentlich noch Antipoden?

Farin Urlaub: Ach, ich bin ja selber kein Punk mehr, eher ein neureicher rumreisender Musiker mit Punkwurzeln. Mit Bäume umarmen hab ich aber noch immer ein Problem.

1977, als Punk entstanden ist, sind Hippies noch nach Goa gefahren und Punks nach London.

Jetzt versteh ich die Frage von eben – und jetzt macht’s ein alter Punk umgekehrt. Ich bin ja nicht nach Indien oder Australien gefahren, um mich selbst zu finden, sondern das Land. Und ich bin kein Punk geworden, weil ich den Nihilismus geteilt habe, sondern weil die Musik geil war. Heute kannst du dir unbemerkt ein Kaninchen auf den Kopf tackern, aber Bäumeumarmen finde ich immer noch merkwürdig. Hippies haben eine seltsame Ernsthaftigkeit in ihrer vermeintlichen Leichtigkeit, das habe ich in den Achtzigern gemerkt, als ich noch regelmäßig Tramper mit durch Deutschland genommen habe. Da stellt sich mir die Frage nach dem Sinn und was man tut, um seinem Leben einen zu geben (zeigt auf den Bildband auf dem Tisch).

Es gibt allein in Deutschland ein paar Tausend guter Fotografen, die bei aller Professionalität selten mal 300 Bildbände verkaufen. Der Amateur Farin Urlaub schafft locker das Zehnfache.

Ich betrachte die Welt nicht als Nullsummenspiel. Es gibt auch Leute, die besser als ich Gitarre spielen, aber weniger Erfolg damit haben. So fucking what? Ich finde den Denkansatz, nur Kompetenz verdiene Anerkennung, falsch, und glaube nicht, auch nur einer von denen hätte auch nur einen Bildband weniger verkauft, weil ich jetzt zufällig da mitspiele. Ich will, wenn möglich, die ganze Welt bereisen, und bei Bedarf auch fotografieren. Das macht mir keine Gewissensbisse.

Und ihr ökologischer Fußabdruck.

Der schon eher. Ich muss soviel Regenwald aufforsten, dass ich kaum zum Musizieren komme. Andererseits erlebe ich Leute, die die absurdesten Theorien über die Welt haben, aber nur Österreich, Deutschland und Schweden kennen. Das geht so nicht! Wer einen Sweatshop in Ostasien verstehen will, dem reicht  keine Reportage, da bleiben zu viele Fragen offen. Vor Ort kann ich die Fragen gegebenenfalls selber stellen.

Als was bist du denn auf Reisen – als Fotograf, als Tourist, als Rockstar?

Als Rockstar jedenfalls nicht. Ich wurde immer mehr zum Fotografen, aber das Foto ist auch nur Mittel zum Zweck. Wenn ich unterwegs beschließe, ein Buch über die Reise zu machen, ändert sich mein Aktionsradius sofort.

Und siehst die Welt fortan mit den Augen potenzieller Betrachter statt den eigenen?

Nee, so Fotograf bin ich noch nicht, aber mit der Zeit hab ich das Geschehen ohne Kamera gesehen und konnte trotzdem erfassen, wie es durchs Objektiv wirkt. Das kommt von ganz allein.

Was unterscheidet eine gelangweilte Hausfrau, die zum Ausgleich einen Makrameekurs belegt, vom Rockstar, der zum Ausgleich Bildbände macht.

Der Unterschied ist: Ich bin nicht gelangweilt. Außerdem muss ich niemandem was beweisen, dass ich noch was anderes kann als Gitarrespielen zum Beispiel. Geld brauch ich auch keines, zumal ich daran nichts verdiene. Mein gesamtes Honorar ging beim ersten Bildband an „Ärzte ohne Grenzen“, das sind echt Helden; diesmal spende ich es an eine Klinik auf Osttimor. Es klingt vielleicht pathetisch, aber ich hab schon so viel gesehen und darf so ein tolles Leben führen, dass ich nun ein bisschen zurückgeben möchte.

An wen genau denn, wer sind deine Kunden?

Wer in den Signierstunden eine Widmung wollte, war wohl Ärzte-Fan. Aber das waren 200. Aber unter den paar Mails an mich war eine ältere Dame, die meinte: ich hab mir mal ihre Musik angehört, die ist ja furchtbar, aber die Fotos gefallen mir gut (lacht sein Farin-Urlaub-Ganzgesichts-Lachen). Wenn Paul McCartney, den ich sehr verehre, einen Roman geschrieben hat, guck ich mir das vielleicht mal an, aber kauf ihn nicht notwendigerweise – außer natürlich, er wäre wirklich gut. So weit geht die Liebe nicht. Und wenn alle Ärzte-Fans jetzt einen Bildband von mir hätten, hätte er nicht zwei, sondern 200 Auflagen.

Gibt es denn jetzt durchs Buch neue Punk-Fans?

Das wohl weniger, aber mein Bekanntheitsgrad hat sich natürlich in Bereiche erweitert, wo Punkrock bislang womöglich nicht so verbreitet war.

Mittlerweile erscheinen immerhin fast mehr Bildbände als Ärzte-Alben.

(lacht) Stimmt, Mist. Die Musik ist in Verzug.

Ist das bereits ein Schwerpunkt-Wechsel?

Also in zehn Jahren sehe ich mich garantiert nicht mehr auf der Bühne. Aber hinterm Fotoapparat kann man so alt aussehen wie man will und muss auch nicht witzig sein, sondern bloß abdrücken. Von daher hat die Fotografie eine langfristigere Perspektive für mich, genau wie das Reisen.

Sind Sie mehr unterwegs als zuhause?

Definitiv, schon immer. Ich reise, seit ich neun bin, seit ich 16 bin auch allein und seit ich volljährig bin, war ich stets mehr unterwegs als an einem Punkt. Im Moment ist es so, dass ich nur in Jahren mit Ärzte-Touren musikalisch mehr unterwegs bin als fotografisch. Ich lebe in Berlin, zahle meine Steuern in Deutschland, bin aber von Natur aus nicht sesshaft. Ein großer Teil von mir will immer weg. Immer. Wenn ich in Afrika bin, will ich gleichzeitig irgendwie auch nach Asien und umgekehrt. Dadurch bin ich heimwehfrei und auch nicht durch ständige Hotel-Wechsel genervt.

Hast du dennoch eine häusliche Seite?

Auf jedem Fall, das ist aber weniger eine Immobilie als ein Bewusstseinszustand, dort wo ich meine Sachen aufnehmen kann zum Beispiel. Das bezieht sich eher auf ein Zimmer mit Gitarre und Mikro, weniger auf ein Sofa oder die Hollywoodschaukel. Mein Heimatbegriff ist weniger lokal als menschlich. Zurzeit trifft er auf Berlin zu. Aber auch nur bis zum nächsten Jahr.

Sind Heimat und Reisefieber Gegensätze?

Nicht bei mir. Noch mal Pathos: Ich fühle mich wirklich als Weltbürger; es braucht einfach nicht viel, damit ich mich woanders wohl fühle. Es sei denn, ich werde bespuckt und beklaut. Wenn ich stattdessen ein relativ sauberes Bett kriege oder einen schönen Zeltplatz und was zu essen, dann bin ich zufrieden.

Es gibt ja auch Show-Kollegen wie Mathew McConaughey oder Hannes Jaenicke, die sind gleich in ihren Trailer gezogen und damit um die Welt gereist.

Das hab ich mir auch schon überlegt, aber in meinen Geländewagen mit Dachzelt passt meine Gitarre nicht rein. Für ein Ersatzmodell, das ich in Indien dabei hatte, sind meine Ohren dann doch zu genau. Und wenn ich mir einen größeren Wagen zulege, ist es nicht mehr die Art zu reisen, die mir vorschwebt, dann ist man wieder zu sehr gebunden. Ideal ist, mit gar nichts loszufahren. Das schaffe ich wegen der Kamera und dem Rechner dazu zwar nicht mehr, aber noch viel mehr sollte es nicht werden.

Hast du das Zeug zum Aussteiger?

Um das herauszufinden war ich unter anderem ein ganzes Jahr unterwegs – und habe dann gemerkt: Nein, ich will meine Freunde wieder sehen, ich will zurück. Ich hab das Jahr dann trotzdem durchgezogen, auch wenn der Bauch nach zwei Dritteln zurück wollte. Als ich dann drei Wochen nach meiner Rückkehr mit dem  Racing Team…

Deiner Zweit-Band.

…unterwegs war, wollte ich aber danach gleich wieder los.  Eine einsame Insel würde mich erschrecken; mich reizt das Unterwegssein, weil ich nicht so in mir ruhe, dass mir ein Blick in die Ebene reicht, um glücklich zu sein.

Welche weißen Flecken gibt’s noch auf deiner Landkarte?

Viele. Alle -stans, also große Teile der ehemaligen UdSSR. Zentralafrika, die Südsee, überhaupt: Inseln. Und beide Pole.

Immer mit Fotoperspektive?

Nein. Eine Kamera hab ich jetzt nicht immer dabei, aber ob ich mal wieder was in dieser Richtung mache, hängt auch wieder vom Erfolg des zweiten Bildbandes ab.

Deswegen steht auch Farin Urlaub, nicht Jan Vetter drauf.

Nein, sondern weil „Urlaub“ andeutet, dass es hier jemand ernst meint mit dem Reisen.

Wirst du Deutschland irgendwann ganz verlassen?

Ich fühle mich zwar ganz wohl hier, aber als Perspektive ist das denkbar. Deutschland schockt mich zwar selten, aber es überrascht mich noch seltener.