Laufendes Band & Reiche Leichen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Oktober

Was wären nur Fix ohne Foxi, Ying ohne Yang, Marianne ohne Michael, Baden ohne Baden? Halbe Sachen, undenkbar wie Gruner ohne Jahr. Bis jetzt. Das Paar zweier Verlagsdynastien, nach dem Krieg eine Keimzelle des demokratischen Aufbruchsjournalismus und noch immer stilbildend klassische Publizistik, es trennt sich. Im Frieden, heißt es, lösen sich die Erben von John Jahr aus dem Hamburger Pressehaus. Der Name dürfte wohl erhalten bleiben, aber ohne das berühmte + in der Mitte, geht ein weiteres Stück Zeitungsgeschichte verloren.

Das kann man nun nüchtern veränderten Informationskonsumgewohnheiten zuschustern, aber jede beendete Ära ist eben auch ein geschlossener Erinnerungsraum, Geschichte statt Gegenwart. So tot, wie es dem Fernsehen seit langem vorhergesagt wird. Gerade in seiner linearen Form, hat es das frühere Leitmedium ja auch nicht leicht. Besonders gegen das eigenmächtige, selbstverwaltete Home-Entertainment auf DVD, Streams oder Youtube.

Wen ein Fernsehformat nämlich so fesselt, dass ein Loskommen unmöglich ist, neigt naturgemäß zu dem, was neudeutsch Binge-Watching heißt. Serienglotzen am Stück, ganze Staffeln in einer Nacht oder wie es ein amerikanisches Liebespaar getan hat: 51 Episoden The Walking Dead nacheinander, zweieinhalb Tage unterbrochen nur von den nötigsten Verrichtungen, in Zeitraffer festgehalten vom US-Sender Fox.

Nicht, dass Extrem-Binging dieser Art mit einer deutschen Serie durchhalten würde; keine einzige erzeugt schließlich auch nur annähernd den Sog von, sagen wir: Homeland oder House of Cards. Aber hiesige Sender sollten sich angesichts der Lässigkeit, in der die zwei Hardcorezuschauer das Zombiegemetzel durchgestanden haben, ruhig mal zum Anlass nehmen, ihre Struktur zu überdenken. Also zum Beispiel, was Privatkanäle wie Vox oder RTL2 schon getan haben, ganze Abende einer Serie zu widmen.

Aber vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit seiner grundsatzlinearen Programmpolitik ist so was natürlich nicht zu erwarten. Dort gilt es eher als Sensation, wenn Jörg Pilawa kurz vor Weihnachten im NDR zum 80. Geburtstag von Rudi Carrell Am laufenden Band aufwärmt. Jene schlaghosenalte Siebzigershow, bei der heute niemand mehr so genau sagen kann, worum es dabei bis aufs finale Vorbeirauschen merkwürdiger Sachpreise wie Schnellkochtopf und Trockenhaube eigentlich ging.

TV-neuDie Frischwoche

13. – 19. Oktober

Aber diese Publikumsvergesslichkeit teilen Klassiker mit vielem aus der Gegenwart. So wird also vom heutigen Fernsehpranger Mein Kind schafft das spätestens zwei Stunden nach der achten Folge nur in Erinnerung geblieben sein, dass sich RTL2 unter Vortäuschung von Anteilnahme an fetten Kindern beim Abspecken ergötzt hat. Auch an Akte D dürfte sich nach dem Montagsauftakt nur wenige erinnern – was allerdings keine inhaltlichen Gründe hat. In der ARD-Reihe wird nämlich endlich das politisch gewollte Scheitern der Entnazifizierung dokumentiert. Allerdings kurz vor Mitternacht, wenn garantiert keiner zusieht. Das gilt dann leider auch für eine weitere Entmystizierung der jungen Republik in Unser Wirtschaftswunder, das zwar um 20.15 Uhr läuft; aber 3sat haben viele gar nicht auf der Fernbedienung.

Den Quotensieg des Tages wird daher wohl Alles muss raus davontragen. Der ZDF-Zweiteiler (Fortsetzung Mittwoch) handelt schließlich von der Pleite des Schlecker-Konzerns. Dass er sie wenig erbaulich per Holzhammermoral verarbeitet, tut da nichts zur Sache; fiktionalisierte Zeitgeschichte mit Starbesetzung (Atzorn, Preuß, Lukas, Martinek, Sadler) zieht immer. Besonders, wenn sie auch noch vom Topthema Fußball handelt, des FC Bayern zumal, der Mittwoch im Ersten mal wieder einen Satz kostenloser Werbung kriegt, wenn es die zugegeben spannende Geschichte des jüdischen Ex-Präsidenten Landauer zugegeben versiert erzählt.

Versiert ist in seiner Sperrigkeit auch alles von Dominik Graf, was Deutschlands wohl bester Regisseur am Wochenende gleich zweimal beweisen darf. Samstag läuft – komischerweise im BR – sein Starnberg-Krimi Die reichen Leichen, der den mysteriösen Tod von König Ludwig II. nochmals in die Gegenwart zieht. Tags drauf lässt Graf seinen Münchner Kommissar Meuffels im Polizeiruf wieder zur Höchstform auflaufen.

Und wo so viel Gutes diese Woche im Süden spielt, biegen wir kurz in den Osten ab: Arte startet heute die Reihe Red Western, wo Defa-Winnetou Gojko Mitic zum Auftakt in Weiße Wölfe zeigen darf, dass Indianerfilme nicht nur von Skalpjägern oder edlen Wilden handeln müssen. Und Dienstag dann wirft der RBB (22.05 Uhr) einen wehmütigen Blick auf DT64, den vergleichsweise rebellischen DDR-Jugendsender, der 1993 viel zu früh abgewickelt wurde.

Der Tipp der Woche wendet sich dann allerdings wieder gen Westen und in die Gegenwart: Samstag schenkt 3sat der fabelhaften Corinna Harfouch als Anstaltsleiterin in Dürrenmatts Die Physiker eine Theaterübertragung, die es in sich hat. Glückwunsch.


Nils Koppruch: Der Mensch & die Lücke

Cover-TR-20572-Werkschau_kleinOhne Worte

Vor zwei Jahren geschah das Unfassbare, vor allem unfassbar Traurige: Nils Koppruch ist gestorben. Der Sänger, dessen Band Fink dem Country ein deutsches Gesicht ohne Cowboyhutpeinlichkeit gegeben hat, riss eine Riesenlücke in unzählige Lebensläufe und seinen Stadtteil St. Pauli. Eine fabelhafte Werkschau erinnert nun an sein Schaffen und die Wochenendreportage an den Künstler.

Von Jan Freitag

Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzenes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot.

Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten Musik des Öfteren mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. Nils Koppruch ist tot, und mit ihm starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen  Singer/Songwriter deutscher Sprache überhaupt. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Der globale Pop lässt Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber an dieser Stelle muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben, die ohne ihn womöglich unbesetzt bleibt.

Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg Fink gründete, hierzulande die erste Band, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop, da dachte er selbst noch, „das machen nur Nazis und Arschgeigen“. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.

Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel, dessen Zauseligkeit schon Ausdruck einer Haltung des Understatements war, als die Hipsterbeardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten, einen zerzausten „Gegenentwurf zum elitären Cliquending“, wie er es erst kürzlich umschrieb. „Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist“, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.

Arbeiter, Weber, Handwerker – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon im gebrauchten Zweiteiler zu Turnschuhen zwischen uralten Instrumenten in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 48-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphusen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten und grauen Fusseln, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.

„Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben“, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Nur: er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento?, sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. „Ohne meine Bilder“, sagte Nils Koppruch, „könnte ich nicht davon leben“.

Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von „Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen“. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ihm ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie, und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen und prominenter Kundschaft. Dass er unterm Pseudonym SAM schon lange vor der Musik tätig war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: „Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen“. Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, seine Cash-Interpretationen und Benefizkonzerte, seine sprachliche Poesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.

Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, „so dick“, seine Hände gingen schulterbreit auseinander, „totaler Stuss heute“, aber immerhin ein Ausdruck. „Das kannst du posthum veröffentlichen lassen“, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Dann wird es Zeit, denn Nils Koppruch ist tot, er starb gestern in Hamburg und ja, er hinterlässt eine Lücke. Nein, viele Tausend Lücken.

Nils Koppruch und Fink – Werkschau (12 CDs + Begleitbuch, Trocadero)


Frank Z: Abwärts-Punk & Neo-Krautrocker

Eher Kunstprojekt als Band

Abwärts, das klingt nach Vorwärtsrock und Parolenpunk der renitenten Achtziger. Und plötzlich machen die Urgesteine aus Hamburg nach 35 Jahren im Geschäft eine Platte, die klingt wie die Einstürzenden Neubauten. Sänger Frank Ziegert alias Z., der einzige, der alle Neugründungen seiner Band überstanden hat, über das neue Album Krautrock, die Reste seiner Wut und was jüngere Hörer mit Stahlbeton & Blechlawinen anfangen können.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frank, ist es beabsichtigt, dass manche Stücke auf eurer neuen Platte ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern?

Frank Z.: Ach, echt? Interessante Wahrnehmung, aber nicht beabsichtigt.

Ist die minimaistische Prägung dennoch so eine Art Altersintellektualismus oder eher logische Konsequenz aus dem, was ihr seit fast vier Jahrzehnten macht?

Weder noch, würde ich sagen. Sie ist ein Versuch, zu experimentieren. Unsere letzten Platten waren ja eher punkorientiert, gingen aber dabei fast in den Industrial hinein. Da wollten wir diesmal etwas machen, das wieder minimalistischer ist. Deshalb lautet der Name ja auch Krautrock, der zwischendurch zum Schimpfwort verkommen war, aber eigentlich für ziemlich innovative Musik stand.

Aber ist Krautrock mit seinen psychedelischen Gitarrenflächen nicht genau das Gegenteil vom kühlen Minimalismus, den ihr hier ausprobieren wollt?

Wenn du dir so Sachen wie Can anhörst, gab es da durchaus minimalistische Soundstrukturen.

Ist das Krautrock-Element denn auch eine Reminiszenz an die musikalischen Wurzeln von Rockmusikern über 50?

Schon, aber auch eine Reminiszenz an uns selbst. Wir haben ja zum Beispiel drei Abwärts-Songs neu aufgenommen und zitieren auch sonst musikalisch viel aus den Achtzigerjahren. Wer sich ein bisschen in der Pop- und Punkgeschichte auskennt, wird bei uns immer wieder fündig, solange er denn sucht.

Aber seid ihr das denn überhaupt noch – Punk?

Zumindest kommen wir ursprünglich aus der Ecke und haben das zuletzt auch sehr gepflegt. Aber wir ticken gar nicht so konzeptionell. Was allerdings auffällt ist, dass die Arbeit an Krautrock viel arbeitsintensiver war als an den Alben zuvor.

Für Punkrock reichen halt drei Akkorde.

Genau. Eins, zwei, drei, go.

Was unterscheidet den Punkrock eurer frühen Jahre von dem der Gegenwart?

Gar nicht so viel, weil wir auch 1979 nie den schlichten Punk jener Zeit gespielt haben, sondern immer eher zwischen den Stühlen saßen, also experimenteller waren. So gesehen waren die Sachen des 21. Jahrhunderts mehr Punkrock als das, was wir in den Achtzigern gemacht haben. Man muss halt aufpassen, dass das, was man macht, kein reines Verkaufsargument ist. Wenn die Toten Hosen plötzlich eine Platte wie wir aufnehmen würden, wären doch alle völlig vor den Kopf gestoßen. Deshalb machen die immer wieder das Gleiche.

Ist euer Sound 1979 aus Rebellion oder Verweigerung entstanden?

Wir hatten zu Beginn jedenfalls ganz klar das Bedürfnis, mit unserer Musik auch was verändern zu können. Aber so was erledigt sich dann doch ziemlich schnell, weil man schnell merkt, als Musiker doch sehr begrenzten Einfluss aufs Große und Ganze zu haben. Wir können da höchstens Denkanstöße geben. Trotzdem war unsere Musik wie Punkrock generell auch Ausdruck einer bestimmten Wut, der wir Ausdruck geben wollten.

Hast du noch was von dieser Wut in dir?

Ein bisschen davon hab ich mir bewahrt, das zieht sich noch immer durch unsere Texte. Klassische Liebeslieder findest du bei mir eher selten (lacht).

Eher schon Parolen wie Stahlbeton & Blechlawinen. Ist das auch so ein Zitat aus früheren Zeiten?

Nicht unbedingt, unsere Zitate sind eher musikalischer Natur.

Dieses hier klingt aber schwer nach Zurück zum Beton von Syph.

Das stimmt, jetzt wo du’s sagst.

An wen richtet sich das – Nostalgiker, die euch von Beginn an begleiten, oder neue Fans, die man damit noch überraschen kann?

An beide, hoffe ich. Auf unseren Konzerten findet man die Alten ebenso wie 16-, 17-Jährige. Wenn man sich mit „Krautrock“ echt auseinandersetzt, ist da für alle was dabei.

Abwärts hat sich in 35 Jahren gefühlt fünfmal aufgelöst und neu zusammengesetzt. Gab es die Band zwischenzeitlich eigentlich immer weiter?

Es gab immer mal Zeiten, wo in den Pausen viel passiert ist und welche, in denen es nichts zu sagen gab. Und wenn du als Künstler nichts zu sagen hast, dann lässt man es lieber. Unterm Diktat dieses zwanghaften Zyklus Platte-Tour-Platte-Tour wird man am Ende bloß kommerziell, nicht kreativ. Deshalb habe ich auch längst aufgehört, die Band auch als solche zu bezeichnen, sondern eher als Kunstprojekt mit wechselnder Besetzung.

Und dir als roten Faden.

Das kann man so sehen, Frank Z., der rote Faden.

Jetzt gehst du langsam auf die 60 zu…

(lacht laut)

Spürt man das in den Knochen oder rockst du das einfach weg?

Ach, ich bin relativ fit. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, ich kipp von der Bühne, würde ich es lassen.  Wie das einige Altrocker durchziehen, finde ich eher absurd.

Du möchtest nicht als Rolling Stone enden.

Auf keinem Fall.

 

Der Artikel ist vorab erschienen unter http://www.musikblog.com/2014/10/wir-sind-eher-kunstprojekt-als-band-abwaerts-im-interview/


Farin Urlaub: Globetrotter & Raumfahrer

Neureicher mit Punkwurzeln

Jan Vetter alias Farin Urlaub ist schon lange nicht mehr nur der Ärzte-Sänger mit dem gewinnenden Lachen. Seit Jahren schon reist er als Fotograf durch die Welt und betreibt mit Racing Team eine ziemlich erfolgreiche Zweitband, die nächste Woche ihr neues Album Faszination Weltraum rausbringt. Ein Interview über Punks und Hippies, Heimat und Fernweh.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Farin Urlaub, Sind Punks und Hippies eigentlich noch Antipoden?

Farin Urlaub: Ach, ich bin ja selber kein Punk mehr, eher ein neureicher rumreisender Musiker mit Punkwurzeln. Mit Bäume umarmen hab ich aber noch immer ein Problem.

1977, als Punk entstanden ist, sind Hippies noch nach Goa gefahren und Punks nach London.

Jetzt versteh ich die Frage von eben – und jetzt macht’s ein alter Punk umgekehrt. Ich bin ja nicht nach Indien oder Australien gefahren, um mich selbst zu finden, sondern das Land. Und ich bin kein Punk geworden, weil ich den Nihilismus geteilt habe, sondern weil die Musik geil war. Heute kannst du dir unbemerkt ein Kaninchen auf den Kopf tackern, aber Bäumeumarmen finde ich immer noch merkwürdig. Hippies haben eine seltsame Ernsthaftigkeit in ihrer vermeintlichen Leichtigkeit, das habe ich in den Achtzigern gemerkt, als ich noch regelmäßig Tramper mit durch Deutschland genommen habe. Da stellt sich mir die Frage nach dem Sinn und was man tut, um seinem Leben einen zu geben (zeigt auf den Bildband auf dem Tisch).

Es gibt allein in Deutschland ein paar Tausend guter Fotografen, die bei aller Professionalität selten mal 300 Bildbände verkaufen. Der Amateur Farin Urlaub schafft locker das Zehnfache.

Ich betrachte die Welt nicht als Nullsummenspiel. Es gibt auch Leute, die besser als ich Gitarre spielen, aber weniger Erfolg damit haben. So fucking what? Ich finde den Denkansatz, nur Kompetenz verdiene Anerkennung, falsch, und glaube nicht, auch nur einer von denen hätte auch nur einen Bildband weniger verkauft, weil ich jetzt zufällig da mitspiele. Ich will, wenn möglich, die ganze Welt bereisen, und bei Bedarf auch fotografieren. Das macht mir keine Gewissensbisse.

Und ihr ökologischer Fußabdruck.

Der schon eher. Ich muss soviel Regenwald aufforsten, dass ich kaum zum Musizieren komme. Andererseits erlebe ich Leute, die die absurdesten Theorien über die Welt haben, aber nur Österreich, Deutschland und Schweden kennen. Das geht so nicht! Wer einen Sweatshop in Ostasien verstehen will, dem reicht  keine Reportage, da bleiben zu viele Fragen offen. Vor Ort kann ich die Fragen gegebenenfalls selber stellen.

Als was bist du denn auf Reisen – als Fotograf, als Tourist, als Rockstar?

Als Rockstar jedenfalls nicht. Ich wurde immer mehr zum Fotografen, aber das Foto ist auch nur Mittel zum Zweck. Wenn ich unterwegs beschließe, ein Buch über die Reise zu machen, ändert sich mein Aktionsradius sofort.

Und siehst die Welt fortan mit den Augen potenzieller Betrachter statt den eigenen?

Nee, so Fotograf bin ich noch nicht, aber mit der Zeit hab ich das Geschehen ohne Kamera gesehen und konnte trotzdem erfassen, wie es durchs Objektiv wirkt. Das kommt von ganz allein.

Was unterscheidet eine gelangweilte Hausfrau, die zum Ausgleich einen Makrameekurs belegt, vom Rockstar, der zum Ausgleich Bildbände macht.

Der Unterschied ist: Ich bin nicht gelangweilt. Außerdem muss ich niemandem was beweisen, dass ich noch was anderes kann als Gitarrespielen zum Beispiel. Geld brauch ich auch keines, zumal ich daran nichts verdiene. Mein gesamtes Honorar ging beim ersten Bildband an „Ärzte ohne Grenzen“, das sind echt Helden; diesmal spende ich es an eine Klinik auf Osttimor. Es klingt vielleicht pathetisch, aber ich hab schon so viel gesehen und darf so ein tolles Leben führen, dass ich nun ein bisschen zurückgeben möchte.

An wen genau denn, wer sind deine Kunden?

Wer in den Signierstunden eine Widmung wollte, war wohl Ärzte-Fan. Aber das waren 200. Aber unter den paar Mails an mich war eine ältere Dame, die meinte: ich hab mir mal ihre Musik angehört, die ist ja furchtbar, aber die Fotos gefallen mir gut (lacht sein Farin-Urlaub-Ganzgesichts-Lachen). Wenn Paul McCartney, den ich sehr verehre, einen Roman geschrieben hat, guck ich mir das vielleicht mal an, aber kauf ihn nicht notwendigerweise – außer natürlich, er wäre wirklich gut. So weit geht die Liebe nicht. Und wenn alle Ärzte-Fans jetzt einen Bildband von mir hätten, hätte er nicht zwei, sondern 200 Auflagen.

Gibt es denn jetzt durchs Buch neue Punk-Fans?

Das wohl weniger, aber mein Bekanntheitsgrad hat sich natürlich in Bereiche erweitert, wo Punkrock bislang womöglich nicht so verbreitet war.

Mittlerweile erscheinen immerhin fast mehr Bildbände als Ärzte-Alben.

(lacht) Stimmt, Mist. Die Musik ist in Verzug.

Ist das bereits ein Schwerpunkt-Wechsel?

Also in zehn Jahren sehe ich mich garantiert nicht mehr auf der Bühne. Aber hinterm Fotoapparat kann man so alt aussehen wie man will und muss auch nicht witzig sein, sondern bloß abdrücken. Von daher hat die Fotografie eine langfristigere Perspektive für mich, genau wie das Reisen.

Sind Sie mehr unterwegs als zuhause?

Definitiv, schon immer. Ich reise, seit ich neun bin, seit ich 16 bin auch allein und seit ich volljährig bin, war ich stets mehr unterwegs als an einem Punkt. Im Moment ist es so, dass ich nur in Jahren mit Ärzte-Touren musikalisch mehr unterwegs bin als fotografisch. Ich lebe in Berlin, zahle meine Steuern in Deutschland, bin aber von Natur aus nicht sesshaft. Ein großer Teil von mir will immer weg. Immer. Wenn ich in Afrika bin, will ich gleichzeitig irgendwie auch nach Asien und umgekehrt. Dadurch bin ich heimwehfrei und auch nicht durch ständige Hotel-Wechsel genervt.

Hast du dennoch eine häusliche Seite?

Auf jedem Fall, das ist aber weniger eine Immobilie als ein Bewusstseinszustand, dort wo ich meine Sachen aufnehmen kann zum Beispiel. Das bezieht sich eher auf ein Zimmer mit Gitarre und Mikro, weniger auf ein Sofa oder die Hollywoodschaukel. Mein Heimatbegriff ist weniger lokal als menschlich. Zurzeit trifft er auf Berlin zu. Aber auch nur bis zum nächsten Jahr.

Sind Heimat und Reisefieber Gegensätze?

Nicht bei mir. Noch mal Pathos: Ich fühle mich wirklich als Weltbürger; es braucht einfach nicht viel, damit ich mich woanders wohl fühle. Es sei denn, ich werde bespuckt und beklaut. Wenn ich stattdessen ein relativ sauberes Bett kriege oder einen schönen Zeltplatz und was zu essen, dann bin ich zufrieden.

Es gibt ja auch Show-Kollegen wie Mathew McConaughey oder Hannes Jaenicke, die sind gleich in ihren Trailer gezogen und damit um die Welt gereist.

Das hab ich mir auch schon überlegt, aber in meinen Geländewagen mit Dachzelt passt meine Gitarre nicht rein. Für ein Ersatzmodell, das ich in Indien dabei hatte, sind meine Ohren dann doch zu genau. Und wenn ich mir einen größeren Wagen zulege, ist es nicht mehr die Art zu reisen, die mir vorschwebt, dann ist man wieder zu sehr gebunden. Ideal ist, mit gar nichts loszufahren. Das schaffe ich wegen der Kamera und dem Rechner dazu zwar nicht mehr, aber noch viel mehr sollte es nicht werden.

Hast du das Zeug zum Aussteiger?

Um das herauszufinden war ich unter anderem ein ganzes Jahr unterwegs – und habe dann gemerkt: Nein, ich will meine Freunde wieder sehen, ich will zurück. Ich hab das Jahr dann trotzdem durchgezogen, auch wenn der Bauch nach zwei Dritteln zurück wollte. Als ich dann drei Wochen nach meiner Rückkehr mit dem  Racing Team…

Deiner Zweit-Band.

…unterwegs war, wollte ich aber danach gleich wieder los.  Eine einsame Insel würde mich erschrecken; mich reizt das Unterwegssein, weil ich nicht so in mir ruhe, dass mir ein Blick in die Ebene reicht, um glücklich zu sein.

Welche weißen Flecken gibt’s noch auf deiner Landkarte?

Viele. Alle -stans, also große Teile der ehemaligen UdSSR. Zentralafrika, die Südsee, überhaupt: Inseln. Und beide Pole.

Immer mit Fotoperspektive?

Nein. Eine Kamera hab ich jetzt nicht immer dabei, aber ob ich mal wieder was in dieser Richtung mache, hängt auch wieder vom Erfolg des zweiten Bildbandes ab.

Deswegen steht auch Farin Urlaub, nicht Jan Vetter drauf.

Nein, sondern weil „Urlaub“ andeutet, dass es hier jemand ernst meint mit dem Reisen.

Wirst du Deutschland irgendwann ganz verlassen?

Ich fühle mich zwar ganz wohl hier, aber als Perspektive ist das denkbar. Deutschland schockt mich zwar selten, aber es überrascht mich noch seltener.


Brachialpopulisten & Leichenberge

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

29. September – 5. Oktober

Nun ist sie also Geschichte, die unheilige Allianz des brachialpopulistischen Rechtsauslegers Nicolaus Fest beim brachialpopulistischen Revolverblatt Bild. Aus freien Stücken, so heißt es, hat deren Vize dem brachialpopulistischen Chefredakteur Diekmann die Kündigung eingereicht. Seine rassistische Islamkritik war offenbar selbst dem Sturmgeschütz der Dummokratie zu krass. Wobei offen bleibt, ob das nun gegen Fest oder für Bild spricht. Geschichte ist fortan auch der Deutsche Fernsehpreis, den die Springer-Presse dank der RTL-Involvierung im Gegensatz zu relevanteren TV-Trophäen sogar öfter mal thematisiert hatte.

Gewonnen haben dort die üblichen Gewinner früherer Jahre wie Annette Frier für Danni Lowinski oder das ZDF mit der heute-Show. In seiner Ödnis erinnerte die zugehörige Gala zudem ans einstige Testbild, vertont mit einer Folge DSDS. Sogar der prämierte Mitmoderator Klaas Heufer-Umflauf vermochte es nicht, den vorgeschriebenen Witzen auch nur den allerwinzigsten Funken Esprit zu verleihen. Die einzigen, die dem Selbstbeweihräucherungspokal vier führender Sender eine Träne nachweinen, dürften also Sat1 und RTL sein, denen auf lange Sicht gar nichts mehr von irgendwem ausgezeichnet wird.

Doch auch ARZDF fehlt fortan ein adäquates Forum fürs Eigenlob. Weshalb sich etwa der Odenwaldaufarbeitungsfilm Die Auserwählten 2015 dem Urteil des Grimme-Instituts stellen muss – wenngleich mit besten Chancen. Denn Christoph Röhls Missbrauchsstück war nicht nur die überaus gelungene Fiktionalisierung des Unerklärlichen; sie ging auch durch die juristische Instanz verletzter Persönlichkeitsrechte zweier Betroffener, die sich mit ihrer Klage gegen angebliche Verharmlosung jedoch gottlob nicht durchsetzen konnten. So was ist stets die beste Werbung für Realitätsadaptionen, was sich auch in gut fünf Millionen Zuschauern ausdrückte. Nur ein paar Hunderttausend weniger also als das drittletzte Wett-Desaster von Markus Lanz – und das trotz Konkurrenz von der Champions-League. Oder doch wegen Ulrich Tukur, der seinem verstörend realistischen Schulleiter Pistorius alias Gerold Becker diabolisches Charisma verlieh.

TV-neuDie Frischwoche

6. – 12. Oktober

Sonntag ist der zurzeit fabelhafteste Schauspieler im Land übrigens gleich wieder im Einsatz. Dann in seiner Rolle als Kommissar Felix Murot, der im Tatort weniger mit dem karzinogenen Anagramm seines Namens zu tun hat, sondern vielmehr mit Zählen. Leichen nämlich. Im Schmerz geboren überbietet schließlich nicht nur spielend Nick Tschillers bisherige Rekorde; mit 47 Toten pulverisiert er sie geradezu. Dabei geht es in der wilden Rachegeschichte gar nicht so sehr um die Zahl der Opfer als darum, wie viel Shakespeare und Tarantino massentaugliche Abendunterhaltung verträgt.

Ansonsten ist das bekanntlich ja nicht sooo viel. Das zeigt sich zum Beispiel am Freitag, wenn es das ZDF für geboten hält, eine Klinkserie mit der 1,32 Meter großen ChrisTine Urspruch alias Alberich zu besetzen und allen Ernstes Dr. Klein zu nennen. Immerhin geht es in dem fiktiven Krankenhaus nicht ausschließlich um Zwergenwitze. Auch Schwule kriegen ihr Fett weg, Blondinen und vermutlich irgendwann Stotterer oder Adlige. Womit in etwa das Scherzpotenzial von Dating Daisy umrissen wäre. Dort geht es parallel im Ersten zwar endlich mal nicht um ulkige Mordermittler; eine junge Großstädterin auf der Suche nach ihrem Traummann zur Serienheldin zu machen, erinnert aber dennoch eher an Doctor’s Diary als eine gute Idee. Fernsehen kann so schlicht sein…

Umso schöner, wenn es sich mal ernst nimmt. Was die Öffentlich-Rechtlichen zur besten Sendezeit aber wie gewohnt ihren Spartenablegern überlassen. Zum Beispiel Arte, das ab morgen die verwirrendste aller zeitgenössischen Fragen im Bereich der Politik stellt: Kapitalismus, quo vadis?. Dienstags wird fortan also auf allen Ebenen nach Antworten gesucht, wieso die globale Revolte gegen ein Wirtschaftssystem unterbleibt, dass Ungleichheit im Rahmen einer immerwährenden Dauerkrise nur immer mehr vergrößert.

Seltsam. So wie dieses Land insgesamt.

Das versucht der Besonderheitendetektor Manuel Möglich ab Samstag zur besten Sendezeit auf ZDFneo gerade mal wieder neu zu ergründen. Nach seiner Reportagereihe Wild Germany wirft er nun vom Ausland aus einen Blick auf Deutschland und wird abermals auf unterhaltsame Weise fündig. Ein Format schafft es diese Woche allerdings aus der Nische ins Hauptprogramm: extra 3, seit fast vier Jahrzehnten im NDR ein Garant für launige Gegenwartsanalysen, denen keine Fallhöhe zwischen Satire und Klamauk zu hoch ist. Ab Donnerstag um 22.45 Uhr läuft es nun, unterstützt von Komikern wie Max Giermann und Wigald Boning, monatlich im Ersten.

Nur einmal, nämlich heute um 20.15 Uhr, läuft dagegen der Tipp der Woche auf Arte: Die Wand nach Marlen Haushofers gleichnamigen Beststeller. Mit Martina Gedeck als unfreiwillige Einsiedlerin. Großes Kino im Kulturkanal.


Folkfriday: Mirel Wagner, Jeff Beadle

Mirel Wagner

Hätte die Dunkelheit einen Tonfall, hier wäre er gut zu hören. In dieser düster tröpfelnden Gitarre, diesem verschrobenen Wattegesang, all den menschenleeren Zwischenräumen, aus denen man sich so sehr einen Hoffnungsschimmer herbeisehnt. Und wenn schon kein heiteres Glockenspiel, dann doch wenigstens Bass, Schlagzeug, Keyboard, Chorus, egal – Hauptsache, irgendetwas hilft dem gefangenen Kind aus Mirel Wagners Keller ans Licht. Aber da ist nichts außer dunkelbunter Traurigkeit, deprimierend, trist. Es ist zum Heulen.

Nun hat die Finnin mit äthiopischen Wurzeln ihr zweites Album When The Cellar Children See The Light Of Day veröffentlicht. Darauf zeigt sie mehr noch als auf ihrem Debüt, dass der viel zitierte Soul im Sound farbiger Musiker nicht zwingend grooven muss. Wenn Mirel Wagner zur Gitarre greift, bleibt die Seele verschattet und das Kellerkind in der Dunkelheit ihrer trüben Gedanken gefangen. Da regnet es zehn Stücke lang aus dicken Wolken aufs kaputte Dach darüber. Permanent geht es um alptraumhaften Herzschmerz und schmerzhafte Wachträume. Um The Devil’s Tongue, die da furchtbar an ihr leckt. Oder um schwarze Wellen aus Fleisch, Blut und Knochen, unter denen sie förmlich begraben wird. Zum Heulen, wie gesagt.

Zum Heulen schön.

So niederschlagend Text und Gitarre im Zusammenspiel schließlich beim ersten Hören wirken, so groß ist Wagners musikalische Kraft, die darin zum Ausdruck kommt. Ihr Gesang klingt meist, als käme er aus einem Puppenhaus, in dem sie gefangen ist, seltsam dürr und zart wie hinterm Schrank versteckt gesungen. Durch einen äußerst dünnen Gitarrenschleier zudem, der oft nur aus vier, fünf Noten besteht. Doch selbst wenn die zehn Stücke durchweg aus den staubigen Ecken ihres Innersten berichten, dort wo nie ein Besen hingelangt: When The Cellar Children See The Light Of Day betört durch Mirel Wagners Mut, all dem Ausdruck zu verleihen. Man wünschte ihr nur, sie würde mal brüllen, statt zu flüstern.

Mirel Wagner – When The Cellar Children See The Light Of Day (Sub Pop)

Jeff Beadle

Um im Strom der folkinspirierten Songwriter nicht an der ersten Flussbiegung schon auf dem Trockenen zu landen, sollte sich jeder Liedermacher ein Alleinstellungsmerkmal zulegen. Ben Howard zum Beispiel versucht es mit exzellenten Gitarrenspiel, William Fitzsimmons mit einer rauschebärtigen Flüchtigkeit, Mike Rosenberg mit Quakorgan und Passenger-Pop. Aber Alleinstellungsmerkmale? Auch Jeff Beadle ist instrumentell versiert, ein ganz schöner Beardo, stimmlich eher quakig als kernig und dem Mainstream zumindest nicht strukturell abgeneigt. Doch der Kanadier hat noch ein anderes Distinktionselement – eine dufte Legende.

Sie geht ungefähr so: Bereits im zarten Alter von zwölf Jahren ist Jeff Beadle mit Kumpels durch seine Heimatstadt Toronto gezogen und hat bei jeder Gelegenheit selbstkomponierten Folk zum Besten gegeben. Weil ihm der frühe Start ins Business jedoch nicht zum frühen Durchbruch verhelfen konnte, schlug sich der Nachwuchsmusiker nach der Highschool erst mal als Poolreiniger durch, wobei er so vielschichtige Geschichten übers Mit- und Gegeneinander von Arm und Reich in seinem schlauen Telefon aufnahm und mit allerlei Alltagseindrücken garnierte, dass daraus nun ein Debütalbum voller “sehr privater Erlebnisse und Erfahrungen” entstanden ist. So heißt es zumindest im PR-Sprech.

Hübsche Geschichte, keine Frage. Aber ungefähr so banal wie egal und zudem ziemlich unnötig. Denn auch ohne urban legend und ähnlich inszeniertes Zeugs hat Jeff Beadle das, was jedem Künstler gut zu Gesichte steht: einen unverwechselbaren Sound. The Huntings End nämlich, acht wunderbar harmonische Erzählungen eines jungen Lebens, klingen als unternähmen sie kurze Zeitreisen in Epochen, die dem Metier singender Solisten mit Gitarre ihre je eigenen Stempel aufgedrückt haben.

Mal schimmert im ergreifenden Did You Run eine Art Americana durch, die sich noch mühsam aus dem Korsett des konservativen Country seiner Epoche schälen musste. Mal arbeitet sich dieser moderne Folk wie in Cautious Lovers zu einem Alternativerock vor, der sich einst von der harmonieduseligen Flower Power emanzipieren wollte. Mal singen die Blumenkinder aber doch dazwischen wie im gefühligen Devil’s Arms. Allerdings zieht Jeff Beadle stets die Einflüsse aus allen Epochen seines Genres – zwischen Guthrie, Dylan, Mumford & Sons – zurück auf seine Seite und macht daraus ein famoses Songwriting jenseits aller Referenzen.

Jeff Beadle – The Huntings End (Butterfly Collectors)


Nina Hoss: Hollywood, Barbara & Petzold

Muse klingt mir zu passiv

In Christian Petzolds gefeiertem DDR-Melodram Barbara (Freitag, 3. Oktober, 22.15 Uhr, ZDF) spielt Nina Hoss wie so oft eine leidgeprüfte Frau zwischen zwei Männern. Das sage allerdings weniger über diese Frauen aus als übers Land, in dem sie leben, sagt die 38-jährige Schauspielerin, die zurzeit an der Seite von Philip Seymour Hoffman auch in Anton Corbijns Terrorfilm A Most Wanted Man zu sehen ist. Nina Hoss über Frauenfiguren, Musen, ihr komisches Potenzial und warum sie bei langen Kameraeinstellungen entspannt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hoss, wissen Sie, was Ihre Barbara in Christian Petzolds gleichnamigen Film nach geschlagenen 30 Minuten zum ersten Mal tut?

Nina Hoss: (überlegt lange) Nein, geben Sie mal einen Tipp.

Es hat mit ihrem westdeutschen Lover Jörg zu tun.

Sie lächelt?

Genau. Und bis zum ersten herzlichen Lachen dauert es nochmals eine Stunde. Was sagt diese Freudlosigkeit aus über Barbara?

Erstmal wenig, weil weder Christian noch ich im Vorwege viel darüber nachdenken, Emotionen möglichst früh oder spät zuzulassen. Zu Beginn der Geschichte hat Barbara eben nichts zu lachen. Das Schöne daran ist aber doch, wie sie sich peu à peu der Welt öffnet und Empfindungen zulässt.

Dennoch muss man selbst dann als Zuschauer lange nach Spuren der Leichtigkeit suchen.

Die liefern dafür andere Faktoren: Wind, Farben, der Sound. Selbst das Miteinander ist allerdings nicht wirklich schwer, sondern wie sich belasteter Alltag für eine Dissidentin und ihre Umgebung in so einem System nun mal darstellt. Es geht dem Film eben nicht um Leichtigkeit.

Was die meisten Ihrer Figuren kennzeichnet oder?

Anders als im Theater ist es zumindest das, was mir überwiegend angeboten wird. Dennoch gibt es keinen Grund, sich dagegen aufzubäumen. Wie sich meine Charaktere nach Christians Drehbüchern zurück ins Leben kämpfen, sagt ja mehr über die Umstände als die Frauen aus. Christians Filme wirken ja nicht deshalb so schwer, weil ich sie spiele, sondern weil er mit großer Genauigkeit ein beschwertes Land untersucht.

Bedingen Christian Petzold und Nina Hoss einander womöglich?

Das hoffe ich doch. Aber er kann auch ohne mich, wie ich auch ohne ihn kann. Dass wir uns allerdings auch gemeinsam entwickeln können, zeigt unser neuer Film Phoenix

Wieder ein Frauenname?

Nein, eher der aus der Asche. Es geht um eine jüdische KZ-Überlebende auf der Suche nach ihrem Mann, deren zerstörtes Gesicht 1945 wiederhergestellt wird, weshalb er sie, als sie ihn gefunden hat, nicht erkennt.

Puh. Lars von Trier wird gern gefragt, ob er Frauen hasst, so übel wie ihnen seine Filme mitspielen. Könnte man die Frage auch Christian Petzold stellen, dessen weibliche Figuren – oft eingeklemmt zwischen zwei Männern – ähnlich viel erdulden müssen?

(lacht) Nein, lieber nicht. Und ich wehre mich auch dagegen, Geschichten auf Faktoren wie weibliches Leid zu reduzieren. Das Leben ist einfach stets komplizierter, als es einzelne Begriffe suggerieren. Andererseits haben Sie recht: Frauen müssen sich ihre Räume – gerade in zurückliegender Zeit – weit mehr erkämpfen als Männer. Das ist oft ein Kraftakt gegen Widerstände. So gesehen stellt Christian Frauen realistisch dar – und zwar gerade deshalb, weil er Frauenfiguren aus der männlichen Perspektive die nötige Distanz entgegenbringt. Ich finde es frappierend, wie exakt er das weibliche Wesen dabei oft trifft. Vielleicht hat er als Mann mehr Interpretationsspielräume, wenn er nicht sein eigenes Geschlecht beschreibt.

Mittlerweile tut er das zum sechsten Mal mit Ihnen. Sucht sich die Schauspielerin da überhaupt noch ihre Rollen aus oder umgekehrt die Rolle ihre Darstellerin?

Also ich habe schon noch Einfluss. Aber stimmt schon – für manche Charaktere werde ich gar nicht erst angefragt, da falle ich offenbar durchs Raster.

Zum Beispiel – Actionfilme?

Das würde mich zumindest interessieren, schon allein wegen der Stunts. Ich habe zwar schon sehr körperliche Sachen gedreht, einen Vampirfilm, Die Weiße Massai. Aber wenn ich nur mit Christian arbeiten würde, fehlte mir ganz sicher ein Ventil. Bei ihm neige ich ja doch eher zur Implosion. Explodieren tue ich dagegen eher auf der Bühne, das sieht aber halt nur ein Bruchteil der Kinozuschauer. Ich opfere jedenfalls nicht drei Monate für einen Film, der mir zu platt ist und unausgegoren, der weder mein Interesse trifft noch meinen Geschmack.

Welcher wäre das denn?

Als Zuschauerin liebe ich Godard, sehe aber auch gern echte Blockbuster. Als Schauspielerin will ich das Publikum mit komplizierten Figuren beanspruchen und den Film auf einer langen Reise gemeinsam entdecken. Nur so erreicht er die Kraft des Theaters, wo ich direkt spüre, ob die Zuschauer nachdenken. Ich mag nichts Vorgekautes, Durcherklärtes – ganz gleich ob Tragödie oder Komödie.

Kriegen Sie letztere denn überhaupt angeboten?

Durchaus.

Aber gespielt haben Sie noch keine.

Da war die letzte wohl Nackt von Doris Dörrie, über den allgemeinen Beziehungswahnsinn unserer Zeit. Aber auch da war es mir wichtiger, meine Figur in die Extreme zu treiben, als ein paar Lacher zu erzeugen. Ich suche den Humor eher in der Überzeichnung des Normalen.

Würden Sie denn für einen zünftigen Klamauk taugen?

Na klar! Ich bin Schauspielerin geworden, um alles Mögliche darstellen zu können. Aber eben nicht auf Gedeih und Verderb. Es muss schon meinen Humor treffen.

Til Schweiger hat seine Klamotte 1½ Ritter mit den Worten verteidigt, Kopf gegen Eisengitter fänden nun mal alle lustig. Sie auch?

Im Rahmen der richtigen Geschichte schon. Und Slapstick zu beherrschen, vor allem das richtige Timing ist eine große Kunst. Ich merke aber gerade, wie es sich in mir bei all den Fragen nach dem Humor zusammenzieht. Ich kann als Schauspielerin ebenso komisch sein wie ich es als Mensch bin und auch auslebe. Aber mir fehlt total dieses drängende Bedürfnis: Oh mein Gott, darf ich endlich mal was anderes als ernst machen?! Ich bin total glücklich mit dem, was ich zeigen darf und kann.

Zum Beispiel, kompletter Ereignislosigkeit Spannung zu entlocken. Wie in Barbara, wo sie über Minuten nichts tun, außer wortlos ihre neue Wohnung zu vermessen.

Wenn man wie bei Christian Dinge oft stumm erklären soll, muss jede Regung fast zwingend zum Ereignis werden, weil sie Erklärungen ersetzt. Deshalb macht man sich in solchen Einstellungen permanent irre viele Gedanken, was sie über die Figur erzählen. Und diese Konzentration aufs Wesentliche überträgt sich im Idealfall auf die Zuschauer. Ich selbst finde es ja auch ungeheuer spannend, mir meinen Reim darauf zu machen, was Menschen gerade denken oder tun, wenn ich sie auf der Straße beobachte.

Können Sie dieses Beobachtetwerden gut ertragen, wenn Christian Petzold die Kamera gefühlt Minuten lang auf ihr Gesicht hält, ohne das etwas passiert?

Das geht. Und wissen Sie was: Ich finde diese Momente, wo die Kamera sich etwas bei mir abholt, sogar ungemein entspannend.

Oh, die meisten Menschen verkrampfen eher, wenn sie derart beobachtet werden.

Als Nina täte ich das ja auch. Das Entspannende ist aber, dass meine Figur bei diesen Szenen nichts forcieren muss. Szenen wie Barbaras in der neuen Wohnung dürfen sich in den Proben unabhängig vom Drehbuch entwickeln. Ich kann die Einsamkeit darin wirklich erspüren, weil Christian sie mich eigenständig empfinden lässt.

Wenn Sie so von Christian Petzold und sich reden, klingt das wie eine Symbiose, um nicht Ehe zu sagen.

(lacht) Wir kennen uns schon ziemlich gut, ja. Wir sind zwar keineswegs immer einer Meinung, aber ich weiß schon, wohin unser Weg geht, was er sucht. Und das weiß er wohl auch bei mir.

Könnte man das mit dem nostalgischen Begriff der Muse umschreiben?

Muse klingt mir zu passiv, bloß anregend. Wir befinden uns im permanenten Austausch, aber so viele Freiheiten er mir auch lässt: Christian ist und bleibt der Autor, ich bin die Interpretin seiner Ästhetik. Dennoch: wenn schon Muse, dann ist er auch meine.


Christoph Röhl: Missbrauch & Persönlichkeit

Die perfekte Fassade

Der Regisseur Christoph Röhl war Tutor an der berüchtigten Odenwaldschule. Nach einer fabelhaften Doku über seinen früheren Arbeitsplatz hat der Deutsch-Brite das dortige Missbrauchssystem nun als Spielfilm Die Auserwählten verarbeitet. Fast wäre die Ausstrahlung heute Abend (1. Oktober, 20.15 Uhr) in der ARD allerdings geplatzt: weil sie ihn als verharmlosend empfinden, haben zwei Betroffene auf Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte geklagt. Erfolglos.

Interview: Jan Freitag 

freitagsmedien: Herr Röhl, die Missbrauchsopfer Andreas Huckele und Till Boße fühlen sich von Die Auserwählten in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, weil ihnen die Filmfiguren aufs Haar gleichen und die Odenwaldschule zudem verharmlosend dargestellt werde. Können Sie das nachvollziehen?

Christoph Röhl: Nein, denn bis auf die beiden waren alle anderen Betroffenen, die den Film bisher gesehen haben, begeistert.

Wenn rechtlich nichts zu beanstanden ist – können Sie den Vorwurf angesichts der Tatsache, dass die Ähnlichkeit vieler fiktionaler Figuren mit den lebenden verblüffend ist, denn nachempfinden?

Wir wollten uns von Anfang an auf kein Einzelschicksal konzentrieren. Uns war wichtig, keine Geschichte über einen Einzelfall zu erzählen, sondern über ein ganzes System. Der Grund ist klar: Im Falle der Odenwaldschule gab es mindestens 132 Schüler, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Deren Schicksal müssten wir mit dem Film gerecht werden. Er schildert keinerlei Ereignisse, die nur Huckele wiederfahren sind. Weder inhaltlich noch szenisch.

Hat der Regisseur eines Spielfilms mit realer Grundlage nicht dennoch eine besondere Fürsorgepflicht gegenüber den Protagonisten?

Die Verantwortung des Regisseurs – und die des Autors übrigens auch – ist, so authentisch zu sein wie nur möglich. Konkret heißt das: die Mechanismen vom Missbrauch wahrheitsgetreu darzustellen und das Universelle hervorzuheben. Details spielen dabei eine zweitrangige Rolle, solange die Essenz wahrhaftig ist. Es gibt viele Fachexperten, die uns bezeugt haben, dass wir dieses Ziel erreicht haben.

Hätte man dafür nicht jeden einzelnen Darstellten, also auch Andreas Huckele, intensiv am Entstehungsprozess des Films beteiligen müssen?

Andreas Huckele wollte auf eigenen Wunsch nicht involviert werden, weil er zu dem Zeitpunkt seinen eigenen Spielfilm realisieren wollte, mit Till Boße als Regisseur. Wenn beide nun behaupten, der Film verharmlose die Wirklichkeit, müsste man mir konkrete Beispiele nennen, an welchen Stellen man hätte härter erzählen müssen.

Den konkreten Missbrauch zum Beispiel deuten Sie im Film stets nur an.

Um der Gefahr des Voyeurismus vorzubeugen, die bei Kindesmissbrauch besonders groß ist. Film wirkt am stärksten, wenn er das Offensichtliche nicht zeigt. Daher müssen wir die Tat visuell nicht nochmals bestätigen. Zumal es hier um die Mechanismen geht, das Umfeld. Als ein Junge, dem der Täter das Bein streichelt, immer wieder zaghaft die Hand wegschiebt statt zu protestieren, geht es nicht um Missbrauch an sich, sondern den Versuch des Kindes, nein zu sagen, und darum, wie der Täter darüber hinwegsieht. Das zu zeigen ist wichtig, weil die Öffentlichkeit hinterher gern fragt: warum hast du dich nicht gewehrt?

Ist dieser zweite Missbrauch am Ende sogar schlimmer als der erste?

Das kann man weder trennen noch verallgemeinern. Aber was ich bei meiner Dokumentation noch nicht verstanden hatte, war die Bedeutung des Vertrauensverlusts, der das Opfer ein Leben lang begleitet. Es hat Angst, Scham, Schuldgefühle, findet aber nirgends Gehör und unterliegt so weiter der Täterstrategie. Man darf sich keine Illusionen machen: Das Delikt wird es immer geben. Deshalb verfolgt der Film ein bescheidenes Ziel: Der Zuschauer soll abwägen, wie er selbst handeln würde, geschähe es im eigenen Umfeld.

Was ist da besser geeignet: Die Doku Und wir sind nicht die einzigen, mit der Sie 2011 zum gleichen Thema Furore gemacht haben, oder ein Spielfilm, der die Realität nur zur Grundlage hat?

Letzteres, weil er emotionaler berührt. Das sagen auch Betroffene der Odenwaldschule, die ihn gesehen haben. Mit Fiktion erreicht man grundsätzlich mehr Menschen. In diesem Fall verfolgt sie aber auch einen ganz anderen Ansatz. Meine Dokumentation hat Missbrauch in seinen Grundzügen verständlich gemacht; der WDR-Film setzt all dies in den Kontext der Verhältnisse, indem wir zum Beispiel Petra Grust einführen, die als Lehrerin Einlass findet in dieses geschlossene System und dagegen aufbegehrt.

Andreas Huckele, der den Fall seinerzeit an die Öffentlichkeit gebracht hatte und anschließend unter Pseudonym ein Buch darüber geschrieben, wirft Ihnen vor, so eine Mahnerin habe es nie gegeben, weshalb sie allein dem Bedarf des Publikums nach einer positiven Figur diene, um aufatmen zu können. 

Dass hat mit Aufatmen nichts zu tun. Es ging uns um die Frage: warum schaut das Umfeld weg, wenn es vom Missbrauch was mitbekommt? Der beste Weg, um dies zu zeigen ist durch eine Figur, die auf den Missbrauch aufmerksam wird, darüber anderen berichten möchte, und – genau wie die betroffene Kinder selbst – auf Abwehrmechanismen stößt. Die Perspektive einer Lehrerin, die ebenfalls an dem Missbrauchssystem scheitert, verdeutlicht zudem die hoffnungslose Lage der Schüler. Wie alle anderen Figuren ist sie fiktional, aber nicht irreal. Ich selbst kann mich gut mit ihr identifizieren, weil ich dieses System ganz ähnlich kennengelernt habe.

Als Sie 1989 für zwei Jahre dort als Englisch-Tutor tätig waren.

Wie Petra habe ich damals ständig fotografiert, ohne konkreten Missbrauch mitzukriegen. So setzen sich alle Charaktere aus echten Personen zusammen. Selbst Simon Pistorius ist nicht eins zu eins Gerold Becker, bildet aber ab, was solche Menschen kennzeichnet: Charme, Intelligenz, Charisma. Selbst unsere Odenwaldschule ist fiktional, obwohl es der Originalschauplatz ist.

Hat es den Film beeinflusst, dort zu drehen?

Ich finde schon. Es ging uns zwar mehr um die Essenz des Geschehens als möglichst detailgetreue Kulissen. Aber die Odenwaldschule verkörpert ihr geschlossenes Missbrauchssystem natürlich nicht nur als Institution, sondern auch äußerlich. Gerade weil man dieser Idylle so wenig ansieht, was im Inneren vor sich geht, bietet sie die perfekte Fassade. Das Märchenhafte daran ist ein Geschenk für die Metaebene des Films und seine Authentizität.

Wie authentisch ist es dabei, dass Direktor Pistorius und sein Kollegium in Ihrer Darstellung an den Sektenführer Charles Manson und seine Family erinnert?

Tun sie das wirklich? Das wäre nicht gut, weil Becker und die Lehrer an der Odenwaldschule keine Monster wie Manson waren. Das ist wichtig. Missbrauch wird nicht vom „bösen fremden Mann“ begangen, sondern von Menschen mitten unter uns, oft die beliebtesten. So war es auch mit Becker, das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Bei meiner Ankunft war er zwar nicht mehr Direktor, aber alle haben von ihm geschwärmt. Eines Tages sah ich ihn über die Wiese auf den Speisesaal zukommen. Er war umringt von fröhlichen Kindern, die ihn förmlich angebetet haben. Ich fragte eine Kollegin: Who the hell is that?! Und sie sagte mit leuchtenden Augen: That’s Becker! Er wurde fast vergöttert.

Haben Sie ihn je kennengelernt?

Nein. Und ich fand ihn im Gegensatz zu anderen auch nicht charismatisch, was Filmaufnahmen von damals belegen. Das war letztlich der Grund, den Film zu machen: Jeder feierte die Schule, wie anders, besonders, einzigartig und toll sie doch sei. Auch ich war anfangs begeistert, allein vom Ambiente, habe aber schnell die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit entdeckt. Erstens war der Unterricht langweilig, konventionell und frontal, also keineswegs revolutionär. Zweitens gab es Missstände wie Alkohol- und Drogenkonsum, oft am helllichten Tag. Diese Art Regellosigkeit ist typisch für eine Missbrauchskultur.

Hätten Sie ihn jetzt, im Lichte der Vorwürfe, anders gemacht?

Nein. Ich habe mich seit viereinhalb Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt, einen Dokumentarfilm unter schwierigen Bedingungen hergestellt, danach an einem E-Learning Programm für das BMBF gearbeitet und nun mein ganzes Wissen inklusive eigener Erfahrungen in diesen Film eingebracht. Er war für mich also immer mehr war als bloß das – ein Film.

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