Altersglühen: Speeddating & Improvisation
Posted: November 12, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentAllerbest Ager
Jan Georg Schüttes fabelhafter Mittwochsfilm Altersglühen (20.15 Uhr, ARD) glänzt nicht nur durch improvisierende Topschauspieler beim Senioren-Speeddating (Foto: WDR/Georges Pauly), sondern wirft auch ein wichtiges Schlaglicht auf Liebe jenseit der 66 am Bildschirm. Doch selbst dieses Stück Fernsehen zeigt: da ist noch viel zu tun.
Von Jan Freitag
Best Ager war gestern, Senioren sind das neue Ding. War 40 vor noch nicht allzu langer Zeit die nagelneue 20, kurz darauf abgelöst von der 50, so gibt der demografische Wandel gepaart mit medizinischem Fortschritt, endlos verlängertem Jugendwahn und Fachkräftemangel zusehends der alten Schlagerweisheit Recht: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Inklusive allem, wovon Udo Jürgens 1978 noch dezent schwieg, Sex zum Beispiel, dieser Jugendangelegenheit früherer Tage. Heute jedoch – so macht uns zumindest die Anleitung zu ewiger Glückseligkeit weis – wird er selbst von Greisen praktiziert, variiert, zelebriert. Sex ist alterslos. Kein Wunder, dass der Begriff in diesem ARD-Mittwochsfilm übers Liebesleben reifer Menschen so oft fällt wie altersgemäße Höflichkeitsfloskeln. Exakt 13:29 Minuten ist Altersglühen alt, da spricht ihn ein gewisser Volker Hartmann erstmals aus, gespielt vom 72-jährigen Michael Gwisdek, der sich dem Altern auch optisch mit Basecap überm grauen Dreitagebart widersetzt und somit den Querschnitt der zwölf anderen Hauptfiguren dieses bemerkenswerten Stücks Fernsehen entspricht.
Es geht darin um Speeddating für Senioren. Vor acht Jahren setzte Ralf Westhoffs gefeiertes Kinodebüt Shoppen diesem Instrument zeitgenössischer Partnerschaftsanbahnung ein filmisches Denkmal. Nun ersetzt sein Kollege Jan Gregor Schütte die einsamen Großstädter im besten Hipsteralter durch deren Eltern, ach: Großeltern. Und er tut es auf grandiose Art und Weise. Mit zarten 69 ist Brigitte Janner noch die jüngste im Ensemble, der älteste hingegen (Jochen Stern) war bei Hitlers Machtübernahme bereits fünf und ist mit rüstig nur unzureichend fit umschrieben. Sie alle treffen sich in einer Berliner Villa zu Kennenlernduetten im siebenminütigen Wechsel. Und dass der Regisseur dem fabelhaften Cast von Christina Schorn über Mario Adorf bis hin zu Angela Winkler kein Drehbuch zur Hand gab, dass die 13 Protagonisten ihre Rollen vollständig improvisieren mussten, dass sie den Film zudem an nur einem Tag ohne Unterbrechung gedreht haben – all dies ist noch nicht mal das Bemerkenswerteste am Film. Es ist die schonungslose Offenheit, die daraus erwächst, eine tiefe Wahrhaftigkeit aus dem Innersten der Protagonisten. Denn sie alle mögen ihrer jeweiligen Figur vorab bestimmte Charakterzüge ersonnen und zu einer stimmigen Persönlichkeit verklebt haben: Mit jeder Minute mehr verschmelzen Dichtung und Wahrheit zu einer glaubhaften Liaison.
Und diese Authentizität wirft ein Schlaglicht auf unseren Umgang mit Liebe im Alter, wie es so wohl noch nie zu sehen war. Gut, schon als sich der blutjunge Harold 1971 in die uralte Maude verliebte, war das Tabu greiser Erotik zumindest angekratzt. Christiane Hörbiger durfte vor neun Jahren als Rentnerin Martha auf der Suche nach später Leidenschaft hitzige Bettszenen ohne Double mit Michael Mendl vollführen. Und Michael Dresens Cannes-Beitrag Wolke 9 konstruierte 2008 gar eine betagte Ménage à Trois, die fast pornografische Züge trug. Geriatrische Erotik ist also längst ebenso gesellschaftsfähig wie, sagen wir: Analsex nach der Tagesschau. Doch unter Schüttes Nicht-Regie entwickelt sie sich aus dem Innersten der Darsteller heraus, gewissermaßen natürlich, praktisch als unvermeidbares Resultat altersgemäßer Denk- und Gefühlsprozesse, die zwar von 19 Kameras beeinflusst werden, aber doch irgendwie ehrlich wirken.
Dennoch hat auch dieser puristische Ansatz des Improvisationskünstlers Schütte mit seinem eingeschworenen Team von Ulf Alberts kreativem Schnitt bis zu Carol Burandt von Kamekes pointierter Bildgestaltung einen Makel, der – wem sonst? – seinem Medium entspringt: Die Senioren sehen einfach zu gut aus. Senta Berger (73) ließe sich auch mit allergrößter Mühe nicht unattraktiv schminken. Victor Choulman (76) könnte locker für Outdoormode Reklame machen, Matthias Habich (74) gräbt jede Falte nur noch ansehnlicheren Ausdruck unters braune Haar, die hinreißende Hildegard Schmahl (74) fällt ohnehin ins Beuteschema halb so alter Kavaliere und auch bei den anderen geht der Verfall zurückhaltend zu Werke. Altersglühen erinnert so ein wenig an die Cover von Apothekenrundschau bis Hörzu, wo die duften Seiten des hohen Alters mit Models illustriert werden, die aussehen wie eisgrau gefärbte Mittvierziger mit Wohnsitz Marbella. Wirklich mutig wäre es also gewesen, eine Schar Schauspieler zu engagieren, die sind, wie man mit mehr als 70 arbeits- wie entbehrungsreichen Jahren eben gemeinhin ist: alt.
Doch die hätten womöglich nicht so lebensecht agiert wie dieses Ensemble. Da Film und Fernsehen besonders von Frauen (aber auch ihren Kollegen) alterslos ansehnliche Optik verlangen, um auch im Alter beschäftigt zu werden, sehen die besten Schauspieler ab 66 nun mal bombig aus. Zum realen Altersglühen ist es also ähnlich weit bis zur körperbehinderten Lesbe mit Migrationshintergrund im Kanzleramt. Immerhin: Bis dahin verkürzen solche Filme die Zeit.
25 Jahre Rote Flora: Die Wände der Revolte
Posted: November 8, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Talking Walls
Von Krawalltourismus bis Radical Chic – 25 Jahre nach der Besetzung ist die Rote Flora eigentlich auserzählt. Nur einer ist noch nie so recht zu Wort gekommen: das Gebäude selbst. Freitagsmedien lassen daher pünktlich zum Rückkauf des Gebäudes durch die Stadt mal dessen Wände reden.
Von Jan Freitag
Stein hat eine bemerkenswerte, je nach Sichtweise auch beneidenswerte Eigenschaft, gerade in unserer redseligen Zeit: Er schweigt. Mal laut, mal leise, doch vielfach wortlos. Denkmäler mögen vom Gestern erzählen und Mauern vom Morgen, am Ende aber ist jedes Gespräch mit Gemäuern ein Dialog ohne Antwort. Dann allerdings steht man zwischen diesen Wänden dieses Gebäudes an diesem Platz und der Stein ringsum – er redet nicht nur, er brüllt.
„NEIN HEISST NEIN!“ zum Beispiel, die unmissverständliche, ultimative Abfuhr. In knurrenden Großbuchstaben steht sie im großen Saal links neben der Bühne, über der ein riesiges Transparent 25 Jahre Rote Flora feiert, besser: Die offizielle Besetzung am 1. November 1989, als das frühere Theater durch illegale Aneignung vorm Abriss gerettet wurde. Seither ist es ein steinerner Tinnitus im Ohr der bürgerlichen Gesellschaft, das Grundrauschen der autonomen Idee vom richtigen Leben im Falschen, parolenhaft und wütend. „Nein heißt nein!“
Das ist hier überall zu lesen, oft wörtlich, öfter sinngemäß. Nein heißt nein zur Räumung, nein heißt nein zu Investoren, nein heißt nein zu Bullen, Staat und Kapital. Oder wie am Flügel links der Bühne: nein heißt nein zu Patriarchat, Sexismus, solchen Sachen. Versehen mit Versionen der Ablehnung von „Du bist nicht mein Typ“ über „Ich mag dich, aber…“ bis „Stille“. Was auf dem bröselnden Putz der Flora steht, ist selten achtlos dahin geschmiert. Am Schulterblatt 71, gegenüber der Piazza, von Anwohnern gern Galao-Strich genannt, sind Graffiti oft Regelwerke statt bloß Malereien, mehr Proklamationen als Tags und Pieces. Im Ganzen aber sind sie noch viel mehr: Eine Art schriftliches Gedächtnis sozialer Ermächtigung mit illegalen Mitteln im renditeorientierten Umfeld von Gentrification, Aufwertungspolitik, Marke Hamburg, deren Verwalter die Flora nach langen Streitigkeiten mit dem langjährigen Eigentümer Klausmartin Kretschmer gerade für 820.000 Euro zurückgekauft hat. Finanzsenator Peter Tschentscher versicherte zwar, dass die Rote Flora wie bisher nicht-kommerziell genutzt werden solle, aber seinen Frieden mit der Stadt werden die Besetzer daher dennoch nicht machen.
„Lasst uns die Revolte beginnen“, steht unweit des Nein-Gebots. Die radikale Bitte ist zwar keine 25 Jahre alt, eher zweieinhalb. Sie zeugt aber vom Prozesshaften der Flora ebenso wie vom Ursprung. Aufbegehren ist hier Daseinsgrund, Handlungsdirektive und nur selten im Konjunktiv gehalten. An linksradikaler Wand herrscht der Indikativ, Tendenz Imperativ, Ausrufezeichen sind Standard, häufig zwischen zwei weiteren. So viel Zeit muss hier sein. So viel Zeit kann hier sein. Niemand würde je am Beschriften gehindert. Im Rahmen der Corporate Identity ist alles erlaubt.
Dennoch sind Stil und Ausdruck oft, nun ja, unvollkommen, fast schludrig. Gediegene Streetart bleibt die Ausnahme, selbst Original Banksy‘s, scherzt ein Aktivist beim Aufbau des abendlichen Konzertes, dürften hier achtlos übermalt werden. Ob philosophisch (Wir sind ein Bild der Zukunft) oder türkisch (Allah, Silah, Siyaset, Siktiret). Ob emotional (R.I.P. Oz) oder brachial (ich kotze gleich). Ob restriktiv (Kein Hartalk) oder konstruktiv wie im „Leoncavallo“. So heißt die kubische Bar zwischen Flur und Saal. Gegenüber dem – kein Witz – offenen Kamin wurde ein detaillierter Stadtplan aufgepinselt. Als Orientierungshilfe für Demonstrierende auf Zwischenstopp zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Dieser Mai 2007 war ein Wendepunkt dieses an Wendepunkten reichen Gebäudes. Fünf Stunden filzte die verhasste Staatsmacht im Vorfeld den besetzten Bau, angeblich auf der Suche nach Linksterroristen, tatsächlich illegal. So urteilte später der Bundesgerichtshof und verschweißte die Szene, der nach dem Abgang des gnadenlos gescheiterten Ex-Richters Schill ein gemeinsamer Feind abhanden gekommen war, aufs Neue.
Mit sieben Jahren ist das Minatur-Hamburg eins der älteren Graffitis im Haus. Künstlerisch regiert schließlich das Prinzip der Dekonstruktion, dramaturgisch das der politischen Großwetterlage. Die Beschimpfung der GAL als „grüne Hampel“ könnte sich auf die Regierungsbeteiligung der GAL von 1997 beziehen oder der jüngeren vor vier Jahren, ist aber ohnehin kaum noch zu entziffern. Datierbar ist allenfalls der Schriftzug überm Stadtplan anno ‘92, als die damalige Stadtentwicklungssenatorin Müller dem Projekt eins von ebenso zahl- wie folgenlosen Ultimaten zum ordentlichen Vertragsverhältnis gestellt hatte. „Leoncavallo“ beginnt der Gruß an ein besetztes Zentrum in Mailand, „mehrfach von bullen zerstört“. Dass der Schriftzug überlebt hat, dürfte allerdings weniger am nebenstehenden Hinweis „Nicht Täkken“ liegen, sondern am Standort unter der Decke.
Ohne Leiter ist das kaum zu crossen, wie man unter Sprayern sagt. Überhaupt ist der Faktor Höhe das einzige Hindernis zur kreativen Entfaltung. Bis auf ein paar Holzverschalungen, teils Relikte des großen Feuers von 1995, liegt der Anteil unbemalter Flächen im Promillebereich. Selbst ein Stück Mauer auf halber Treppe zum Frauenklo, das den Firnis des „Gesellschafts- und Concerthauses Flora“ von 1888 trägt, brauchte nach der Freilegung kein Jahr, um vollends koloriert zu werden. Wenngleich seltsam unpolitisch. Überhaupt lässt sich das haltungslose Klima außerhalb der Flora auch an den Wänden des ideologisiertesten Gebäudes weit und breit ablesen. Jenseits seiner bekritzelten Haut zeigt der Kapitalismus sein hässlichstes Gesicht. Es toben Krisen, als verdichte sich die Gegenwart zur Dauerkatastrophe. Das gelbe Haus am Schulterblatt ist seit der Kampfansage des Besitzers Klausmartin Kretschmer, sein 370.000-Euro-Schnäppchen auch gegen den Willen von Stadt, Besetzern und Recht zu vergolden, in akuter Räumungsgefahr. Und was geschieht im Innern? Wenig Neues! Zumindest an den Wänden.
Tiraden gegen den Spekulanten im eigenen Haus findet man dort so selten wie Solidaritätsdressen an Griechenland oder frische Revolutionsaufrufe. Links und rechts des Portals ruft die Fassade unverdrossen auf die Barrikaden; von innen aber tut sie es zusehends zur Party. Ein fettes „abi 12“ samt aufgemalter Getränkeliste von Beck’s bis Bionade gibt die Stimmungslage somit besser wieder als manch verblassende Parole. Exakt 25 Jahre nach ihrer Besetzung ist die Rote Flora unfreiwillig Teil der innig bekämpften Marke Hamburg geworden. Nein heißt zwar immer noch nein. Aber nicht mehr so oft. Nicht mehr so laut. Nicht mehr zu allem. Der sprechende Stein bringt es an den Tag.
Der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-11/rote-flora-graffiti
Bornholmer Straße: Mauerfallfilm & Hübner
Posted: November 5, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentBefehl!
Der famose ARD-Film Bornholmer Straße (5. November, 20.15 Uhr) ist gewiss eines der besten Stücke Aufarbeitung des Mauerfalls vor 25 Jahren. Das liegt am tragikomischen Drehbuch, mehr aber noch an Charly Hübner als zweifelnd resoluter Grenzer, den es angeblich genau so in der Realität gab. Und das ist fast noch schwerer zu glauben als der Spießersozialismus selbst.
Von Jan Freitag
Das Aussehen, so lautet eine Grundregel filmischer Attraktivitätsverteilung, hängt maßgeblich von der Geisteshaltung ab. Um in 90 Minuten möglichst wenig Zeit mit Charakterzeichnung zu vergeuden, zeichnet man lieber an der äußeren Kontur. Die Guten sehen daher meist super aus, die Bösen dagegen, nun ja, eher Scheiße. Ein DDR-Grenzübergang zum Beispiel, in einer kühlen Herbstnacht vor 25 Jahren: Nervös beobachtet die Wachmannschaft eine anschwellende Menschenmenge, die ohne Visum von Ost- nach Westberlin wollen, und wie sehen sie aus, die uniformierten Schießhunde des sinkenden Schiffes? Wie Trottel!
Die Körper zu linkisch, die Haare zu bieder, die Brillen zu groß, die Blicke zu dumpf – die gesamte Schlagbaumbesatzung ist eine hyperbürokratische Karikatur ihrer Selbst, allesamt Fratzen der Tyrannei, demaskiert von der wankenden Mauer daneben. So stellt sich das gesamtdeutsche Fernsehen zum Jubiläum der Wiedervereinigung den Systemfeind vor. Noch ein Klischeestück über die Wendezeit, noch mehr fiese Realsozialisten im Kampf mit aufrechten Bürgern – mit dieser Feststellung könnte man es bewenden lassen, abschalten oder einnicken und rasch vergessen.
Fertig.
Doch so einfach ist es nicht. Die ARD mag das Vorurteil des falschen Lebens im Falschen abermals nach Schema F wie Fremdscham kostümieren – abgesehen vom Äußeren fiktionalisiert „Bornholmer Straße“ die Realität einer historischen Nacht am Rande der Brillanz. Christian Schwochows Film liefert mit das Beste, was zum 9. November 89 samt Folgen bislang gedreht wurde. Und das hat zwei gleichrangige Gründe. Der erste steht im Drehbuch der Eltern des Regisseurs. Das Familienprodukt von der Ferieninsel Rügen entwickelt nämlich als erster Film zum Thema glaubhaft Empathie für die Täter, ohne ihre Handeln zu verharmlosen. Das Schlüsselwort lautet: Befehl. Je mehr die bewaffneten Grenzer innerlich vorm wachsenden Mob im Neonlicht ihres Postens kapitulieren, je absurder ihnen das Exekutieren überkommener Gesetze im Lichte von Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz („unverzüglich“) erscheint, je heftiger sie ihre aufkeimende Angst in hilfloses Paragrafenreiten kleiden, desto häufiger verweisen sie auf ihre Vorgesetzten. Gern ohne Prädikat und Objekt: Befehl. Punkt.
Dieser betutlich-biedere, ketterauchend-ignorante, moosgrün-staubige Kadavergehorsam macht Bornholmer Straße zu weit mehr als bloß einer weiteren Fiktion des diktatorischen Ernstfalls vor realem Hintergrund. Weder bloß Tragödie noch bloß Komödie, die das System aus SED, FDJ, NVA wechselweise verulkt oder überzeichnet, um ernsthafte Diskurse zu vermeiden. Es ist eine wahrheitsgemäß groteske Darstellung hierarchischen Verhaltens insgesamt, eine mal sehr lustige, mal mehr ergreifende Studie gesunden Menschenverstands am Krankenbett der Unlogik. Die Protagonisten mögen dabei bis in die höchsten Dienstgrade handelnde Akteure des Legalen, aber Illegitimen sein – als in dieser Nacht lange nach der Moral auch noch das Recht kippt, werden sie selbst zu Opfern. Opfern der Geschichte, Opfern der Zukunft.
Und die verkörpert, zweiter Grund, niemand so hinreißend wie Charly Hübner. Sein tapsig resoluter Oberstleutnant Harald Schäfer schwankt so fabelhaft zwischen Macht und Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Loyalität und Trotz, als stünde der echte Harald Schäfer am Set, jener Chef vom Dienst, der damals kurz vorm Gewaltausbruch den Grenzbaum hochzog. Dafür braucht der 41-Jährige wie bei Mecklenburgern üblich nicht viele Worte; ihm reichen kleine Gesten, die mehr sagen als ein ganzer Abend RTL. Wie sein schweigsam brodelnder Kommissar Bukow im Polizeiruf schürzt Hübner im Konfliktfall oft nur die Lippen und betrachtet den Lauf der Dinge wie von außen, hilflos und zweifelnd, doch voller Verantwortungsgefühl: für seine Grenze, die jener Schäfer seit 25 Jahren sichert. Für das System, hier symbolisiert von einem grandios zerfließenden Ulrich Mattes als Oberst Hartmut Kummer. Für seine Untergebenen von Milan Peschel über Rainer Bock bis Frederick Lau. Letztlich auch für die Menge, deren Zorn zusehends gerechter wirkt. Auch sie ist übrigens erstaunlich unfotogen. Wenn selbst die Guten scheiße aussehen dürfen, macht ein guter Film noch mehr richtig.
Reisereportage: Klettersteig Hochkönig
Posted: November 1, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Drahtseilakt
Risiko war gestern. Heute kraxelt man entspannt an fest verankerten Stahltrossen die Alpen hinauf. Längst schießen Klettersteige wie Pilze aus der alpinen Felswand. Ist das wirklich Bergsteigen Light? Nicht am Hochkönig.
Von Jan Freitag
Dieser Ausblick: Im Osten der flächig aufragende Hochkönig, im Osten sein spitzer Gipfelnachbar Hochseiler, das Steinerne Meer in Sicht, weiß überzuckert, grüngrau geädert, von Schäfchenwolken umwickelt – ein Herzensöffner, der für vieles entschädigt. Für die Anstrengung und die Versagensangst, für die brennenden Muskeln, zitternden Knie, geschundenen Finger, eigentlich für alles. Sogar für diesen Irrtum.
Klettersteige, kriegt man vorab von allen zu hören, die im Fels die reine Lehre predigen, das sei doch kein echter Alpinismus. Klettersteige, sagt selbst Gerald, „der Gerry“, dessen Nachname im Berg nichts zählt, „das ist für Könner manchmal eher Micky Maus“; Klettersteige, den Eindruck gewinnen auch Laien am ersten Haken, das ist ja gar nicht so schwer. Ist es doch. Und irgendwie nicht. Denn nach dem Einstieg mag bald die Erschöpfung anklopfen und irgendwann ein Signal ans Gehirn: Aufgabe. Doch spätestens oben, die letzte Kuppe in Griffweite, mündet das Wechselbad der Gefühle in Euphorie, etwas Großes vollbracht zu haben.
Dabei beginnt es zunächst ganz klein, unterm höchsten Berchtesgadener Gebirgsstock. Genau genommen beginnt sie 36 Stunden zuvor, im Alpinpark Dienten am Fuße des Hochkönig. Übungsprogramm für Untrainierte, Aufwärmphase, „Vertrauen zum Fels kriegen“, meint Gerry. „Und zum Material.“ Denn das spielt in dieser Teilkaskoversion des Bergsteigens eine Hauptrolle. Nervenkitzel war das Mantra des Singleurlaubs früherer Tage und leidlich lukrativ für die Region. Erst gepaart mit Sicherheit aber wird er familientauglich und somit Garant für eine ungewisse Zukunft. In der Ära von Schneearmut und Klimawandel wird die Sommersaison schließlich zur neuen Stoßzeit; da muss der Fremdenverkehr Alternativen zum winterlichen Wedeln entwerfen. Und findet ihn vor der eigenen Nase.
Auf deren Höhe zeigt Gerry das Werkzeug der alpinen Zukunft im Fels seiner Heimat: Ein gewundenes Stahlseil an kräftigen Eisenhaken, die unterarmlang und zeigefingerdick alle drei Meter tief in die Wand getrieben und mit 2-Komponenten-Kleber fixiert werden – „das hält euch alle auf einmal“. Und locker zehn weitere Anfängergruppen, 5000 Kilo insgesamt. Es ist ein stählerner Vertrauensvorschuss, an dem man sich gleich doppelt vertäut. Nach dem Partnercheck, versteht sich: Gegenseitig prüfen die Zweierteams Gurte, Knoten, Winde, Karabiner, Seile und übt das Pendeln in Falllinie, den Hub aus beiden Beinen, die Schonung der Arme. Safety geht vor Thrill, Helm ist Pflicht. Also doch Vollkasko? „Nein“, ruft Gerry und sein etwas lautes Lachen verrät den Geschäftsmann im kreuzehrlichen Bergführer: „Wenn du runter fällst, fällst du runter, und das tut weh.“
Aber man falle eben doch nur ein wenig, bis sich das dehnbare Seil vorm Bauchnabel strafft und so denn Absturz dämpft. Zwei Meter, maximal drei. Nicht schön, aber auch nicht nötig. Denn anders als in der Seilschaft ist man im Steig zwar auf sich allein gestellt, hat aber bei Bedarf stets die Hand an der Trosse. „Da passiert nix“, betont der wettergegerbte Fünftagebartträger mit den sehnigen Armen, rät im Fall des Absturzes aber doch: „Nicht abstürzen!“ Dafür probt die Schar Neulinge. Erst mit Seil, um den Stein zu spüren, dann am Stahl, um den Steig zu spüren, zwischendurch am Staudamm, um das Abseilen zu spüren, zuletzt im Hochseilgarten, um die Höhe zu spüren.
Doch am Morgen drauf spürt man erstmal nur die Kälte am Grandlspitz. Wie Quellwasser kriecht sie durchs Fleece. Der Tag ist jung, die Kleidung auf Gipfelfrische geschichtet, 2307 Meter hoch liegt das Ziel, doch bis da ist es noch weit. Erst kommt der Zustieg, zwei Stunden aufwärts bis zum Einklinken. Schon das kostet Körner. Und Nerven. Wer sich den ungesicherten, bisweilen bloß hüftbreiten Schotterpfad indes vor Augen hält, links steil den Berg hinauf, rechts steil zu Tal hinab, der verliert ein bisschen Angst vor den 170 Höhenmetern, die es im Klettersteig zu überwinden gilt. Kategorie B, zum Schluss gar D, eine Stufe vor professionell. Kaum zu glauben, dass die Skala noch weiter reicht.
Denn es ist steil. Ab elf brennt die Sonne. Arme und Beine brauchen zunehmend Pausen. Aber wie sagte Gerry eingangs: „Die Alternative heißt Helikopter.“ Eine teure. Also weiter, die letzten 30 Meter mit Extraseil gesichert, um sich mal hängen zu lassen; wer will schon die makellose Sturzstatistik trüben? Und mit jedem Meter zum Ziel, wo eine furioser Panoramablick jede Mühe – auch des zweistündigen Abstiegs – rechtfertigt, wird man sich der Schizophrenie des Steiges bewusster: Dem Drang, frei zu klettern, dem Zwang, am Draht zu bleiben; dem Glauben, diesem Berg zu trotzen, der Erkenntnis, das könne ja jeder.
Neun Klettersteige hat die Region, zwei davon am Hochkönig, wo der Naturschutz Baugrenzen setzt. Trotzdem erreicht die Zahl der Aufstiege auch hier bald die 1000 pro Jahr. Zu wenig sagen viele, die den leichteren Gipfelsturm als Demokratisierung des Elitensports loben. Zu viel entgegnen jene, die Verhältnisse wie im Südtiroler Klettermekka Arco fürchten, wo der Fels wie käsiger Marmor sei: perforiert, geglättet von Abertausend Haken und Händen. Bei uns, sagt Gerry und meint das positiv, „ist’s so rau, dass die Finger bluten“. Bei ihm, fügt er Tirolerisch hinzu, „wird’ nix zerklettert“.
Berge gibt’s ja genug. Und meist herrsche Stille. Am Grandlspitz, doch auch in den leichten Steigen kann man ihn also spüren: Den Geist des Kletterns, allein mit sich und dem Fels. Nun ja, und einem fingerdicken Stahlseil.
Infos Hochkönig:

