Altersglühen: Speeddating & Improvisation

Allerbest Ager

Jan Georg Schüttes fabelhafter Mittwochsfilm Altersglühen (20.15 Uhr, ARD) glänzt nicht nur durch improvisierende Topschauspieler beim Senioren-Speeddating (Foto: WDR/Georges Pauly), sondern wirft auch ein wichtiges Schlaglicht auf Liebe jenseit der 66 am Bildschirm. Doch selbst dieses Stück Fernsehen zeigt: da ist noch viel zu tun.

Von Jan Freitag

Best Ager war gestern, Senioren sind das neue Ding. War 40 vor noch nicht allzu langer Zeit die nagelneue 20, kurz darauf abgelöst von der 50, so gibt der demografische Wandel gepaart mit medizinischem Fortschritt, endlos verlängertem Jugendwahn und Fachkräftemangel zusehends der alten Schlagerweisheit Recht: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Inklusive allem, wovon Udo Jürgens 1978 noch dezent schwieg, Sex zum Beispiel, dieser Jugendangelegenheit früherer Tage. Heute jedoch – so macht uns zumindest die Anleitung zu ewiger Glückseligkeit weis – wird er selbst von Greisen praktiziert, variiert, zelebriert. Sex ist alterslos. Kein Wunder, dass der Begriff in diesem ARD-Mittwochsfilm übers Liebesleben reifer Menschen so oft fällt wie altersgemäße Höflichkeitsfloskeln. Exakt 13:29 Minuten ist Altersglühen alt, da spricht ihn ein gewisser Volker Hartmann erstmals aus, gespielt vom 72-jährigen Michael Gwisdek, der sich dem Altern auch optisch mit Basecap überm grauen Dreitagebart widersetzt und somit den Querschnitt der zwölf anderen Hauptfiguren dieses bemerkenswerten Stücks Fernsehen entspricht.

Es geht darin um Speeddating für Senioren. Vor acht Jahren setzte Ralf Westhoffs gefeiertes Kinodebüt Shoppen diesem Instrument zeitgenössischer Partnerschaftsanbahnung ein filmisches Denkmal. Nun ersetzt sein Kollege Jan Gregor Schütte die einsamen Großstädter im besten Hipsteralter durch deren Eltern, ach: Großeltern. Und er tut es auf grandiose Art und Weise. Mit zarten 69 ist Brigitte Janner noch die jüngste im Ensemble, der älteste hingegen (Jochen Stern) war bei Hitlers Machtübernahme bereits fünf und ist mit rüstig nur unzureichend fit umschrieben. Sie alle treffen sich in einer Berliner Villa zu Kennenlernduetten im siebenminütigen Wechsel. Und dass der Regisseur dem fabelhaften Cast von Christina Schorn über Mario Adorf bis hin zu Angela Winkler kein Drehbuch zur Hand gab, dass die 13 Protagonisten ihre Rollen vollständig improvisieren mussten, dass sie den Film zudem an nur einem Tag ohne Unterbrechung gedreht haben – all dies ist noch nicht mal das Bemerkenswerteste am Film. Es ist die schonungslose Offenheit, die daraus erwächst, eine tiefe Wahrhaftigkeit aus dem Innersten der Protagonisten. Denn sie alle mögen ihrer jeweiligen Figur vorab bestimmte Charakterzüge ersonnen und zu einer stimmigen Persönlichkeit verklebt haben: Mit jeder Minute mehr verschmelzen Dichtung und Wahrheit zu einer glaubhaften Liaison.

Und diese Authentizität wirft ein Schlaglicht auf unseren Umgang mit Liebe im Alter, wie es so wohl noch nie zu sehen war. Gut, schon als sich der blutjunge Harold 1971 in die uralte Maude verliebte, war das Tabu greiser Erotik zumindest angekratzt. Christiane Hörbiger durfte vor neun Jahren als Rentnerin Martha auf der Suche nach später Leidenschaft hitzige Bettszenen ohne Double mit Michael Mendl vollführen. Und Michael Dresens Cannes-Beitrag Wolke 9 konstruierte 2008 gar eine betagte Ménage à Trois, die fast pornografische Züge trug. Geriatrische Erotik ist also längst ebenso gesellschaftsfähig wie, sagen wir: Analsex nach der Tagesschau. Doch unter Schüttes Nicht-Regie entwickelt sie sich aus dem Innersten der Darsteller heraus, gewissermaßen natürlich, praktisch als unvermeidbares Resultat altersgemäßer Denk- und Gefühlsprozesse, die zwar von 19 Kameras beeinflusst werden, aber doch irgendwie ehrlich wirken.

Dennoch hat auch dieser puristische Ansatz des Improvisationskünstlers Schütte mit seinem eingeschworenen Team von Ulf Alberts kreativem Schnitt bis zu Carol Burandt von Kamekes pointierter Bildgestaltung  einen Makel, der – wem sonst? – seinem Medium entspringt: Die Senioren sehen einfach zu gut aus. Senta Berger (73) ließe sich auch mit allergrößter Mühe nicht unattraktiv schminken. Victor Choulman (76) könnte locker für Outdoormode Reklame machen, Matthias Habich (74) gräbt jede Falte nur noch ansehnlicheren Ausdruck unters braune Haar, die hinreißende Hildegard Schmahl (74) fällt ohnehin ins Beuteschema halb so alter Kavaliere und auch bei den anderen geht der Verfall zurückhaltend zu Werke. Altersglühen erinnert so ein wenig an die Cover von Apothekenrundschau bis Hörzu, wo die duften Seiten des hohen Alters mit Models illustriert werden, die aussehen wie eisgrau gefärbte Mittvierziger mit Wohnsitz Marbella. Wirklich mutig wäre es also gewesen, eine Schar Schauspieler zu engagieren, die sind, wie man mit mehr als 70 arbeits- wie entbehrungsreichen Jahren eben gemeinhin ist: alt.

Doch die hätten womöglich nicht so lebensecht agiert wie dieses Ensemble. Da Film und Fernsehen besonders von Frauen (aber auch ihren Kollegen) alterslos ansehnliche Optik verlangen, um auch im Alter beschäftigt zu werden, sehen die besten Schauspieler ab 66 nun mal bombig aus. Zum realen Altersglühen ist es also ähnlich weit bis zur körperbehinderten Lesbe mit Migrationshintergrund im Kanzleramt. Immerhin: Bis dahin verkürzen solche Filme die Zeit.

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Gummibären & Kometensonden

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. November

Kürzel sind toll. Sie komprimieren ganze Zeilen auf Wortlänge und vereinfachen das Leben so ungemein. HSV, LPG, CDU, NSA, ICE, BGB, FAZ usw. auszuschreiben, würde die Dinge ja eher komplizierter machen als klarer. Etwas anders sieht es mit n-tv aus. Offiziell steht es für „News-Television“ und verweist auf den Nachrichtenwert des Gezeigten. Oberflächlich war es auch ziemlich nachrichtenwertig, was eine Dokumentation dort kürzlich über fossile Bodenschätze und ihren Verbrauch in den USA zu sehen war. Doch je länger sie lief, desto mehr vernunftbegabte Zuschauer fragten sich: Müssten da nicht irgendwann Begriffe wie Klimawandel, Emmissionen, auch nur Kohlendioxid fallen? Die Antwort: Nein. Nicht bei der RTL-Tochter. Ob nun wegen all der Autowerbespots dazwischen oder Sympathie für die Tea Party.

Deren Intellekt befindet sich in etwa auf dem Niveau handelsüblicher Gummibärchen, also einem, mit dem die RTL-Gruppe gemeinhin ihr Publikum bedient. Klüger als die Gelatinebomben ist dagegen Michael „Bully“ Herbig. Auch deshalb löst er Thomas Gottschalk nach 24 lukrativen Jahren nun als Testimonial für Haribo ab, kann sich vorher aber noch ein paar Tipps vom Altmeister abholen, wie man dessen Produkte verkaufsfördernd vor der Kamera postiert. Aber vielleicht ist im Werbevertrag ja auch gleich die Nachfolge von Wetten, dass…? Geregelt. Dass es mit der vorletzten Show am Samstag in Graz, die abermals den eklatanten Kompetenzmangel des scheidenden Masters offenbarte, kurz vor Weihnachten wirklich wahrhaftig vorbei sein soll, mag man ja noch immer nicht recht glauben. Zumal das ZDF Anfang 2015 angeblich doch noch mal über ihre Rettung beraten will.

Mit den üblichen Verdächtigen, vermutlich. Ganz oben, wie immer: Jörg Pilawa. Der übernimmt zwar Dezember auch noch die NDR-Quizshow von Alexander Bommes. Aber bevor sein Nachfolger im Dritten nicht 24 Stunden parallel auf allen Kanälen zu sehen ist, so scheint es, könnte sich Jörg Pilawa auch jederzeit auf die Wettcouch setzen. Oder zum Beispiel in einen Hamburger Imbiss, als Schildkrötenersatz neben Ditsche, der im WDR gestern seinen 10. Geburtstag feierte. Obwohl – für einen wie Pilawa ist die Sonntagsanstoßzeit gegen Mitternacht wohl doch zu nischig. Da könnte er ja gleich zu Sky gehen, die im Auftaktquartal 2014 mit 12,3 Millionen Euro zwar erstmals in der Bezahlsendergeschichte ein Plus verzeichnen, aber dennoch weit davon entfernt sind, massenhaft Zuschauer zu haben, wie Pilawa es mag.

TV-neuDie Frischwoche

10. – 16. November

Selbstredend keine Massen wie der Tatort, in dem Boris Aljinovic Sonntag nach 13 Jahren einen dramatischen Abgang als Berliner Kommissar Stark kriegt. Aber ein Vielfaches anderer Sendungen, die in dieser Woche ungerechtfertigt unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Der Thementag Komet in Sicht zum Beispiel, mit dem 3sat am Mittwoch die Landung einer Sonder der ESA-Raumfähre Rosetta auf 67P/Tschurjumow-Gerassimenko nach zehn Jahren Anflug um 16.30 Uhr flankiert – voll kreativ kuratierter Dokus, Spielfilme, Reportagen zum Thema Komet.

Der ist gewissermaßen auch Hauptdarsteller eines anderen Schwerpunkts im Spartenprogramm: Als Teil der Retrospektive zum Dogma-Erfinder Lars von Trier läuft Sonntag auf Arte Melancholia, sein Film über einen drohenden Meteoriten-Einschlag, der sich zusehends als Depressionsstudie im Gesicht der famosen Kirsten Dunst entwickelt. Den Auftakt der Werkschau macht Montag (20.15 Uhr) allerdings Triers Meisterwerk Breaking The Waves über ein gelähmtes Unfallopfer, dass seine Frau bittet, ihre Sexualität mit anderen vor ihm auszuleben. Dicht gefolgt von seinem gefeierten Debütfilm Element of Crime von 1984 im Anschluss, der einer bekannten deutschen Popband den Namen lieferte. Etwas weniger dicht gefolgt von der fabelhaften Kurzserie Geister, in der es Mittwoch unter einem Kopenhagener Krankenhaus furchtbar zu spuken beginnt. Arte zeigt den überarbeiteten Director’s Cut mittwochs in vier Doppelfolgen.

Dänische Wochen, könnte man meinen. Ergänzt vom NDR, dessen Erstausstrahlungen skandinavischer Filme heute (23.15 Uhr) mit dem hochgelobten dänischen Gangsterfilm Der Nordwesten langsam zum Montagsmarkenzeichen wird. Komplettiert von ServusTV, das Dienstag um 22.25 Uhr Hijacking zeigt, ein hyperreales Drama vom Borgen-Macher Tobias Lindholm, das die Geschichte eines dänischen Frachters in Piratengewalt erzählt, ohne die Schuldfrage zu klären. Puristisch, fabelhaft, toll gespielt.

Zumindest letzteres kann man auch von Jan Georg Schüttes Komödie Altersglühen sagen. Was explizit nicht am Drehbuch liegt – da keins existiert: Wie so oft gibt der Regisseur seinen Darstellern nur grobe Rollenprofile zu Hand. Und Mario Adorf über Senta Berger bis Michael Gwisdek beim improvisierten Speeddating zuzusehen, ist die reine Freude. Witzigerweise gibt es gleich im Anschluss ebenfalls was zum Thema Tempoflirten, diesmal im Blindtest. Bei Sexy Beasts, der ersten hausgemachten Show von Sixx, erkunden die Probanden innere Wert hinter Horrormasken.

Apropos Horror: Der steht auch an, wenn sich die ARD Donnerstag erneut zum dauerwerbenden Büttel von Burda macht und drei Stunden zur besten Sendezeit die Verleihung des filmisch irrelevanten „Bambi“ überträgt. Dann doch lieber Fernsehen ohne Worte, wie im Tipp der Woche: Abel Gances schwarzweißer Antikriegsstummfilm J’accuse von 1919 (Dienstag, 23,25 Uhr, Arte), aufwändig restauriert und sinfonisch überarbeitet.


25 Jahre Rote Flora: Die Wände der Revolte

flora2-540x304Talking Walls

Von Krawalltourismus bis Radical Chic – 25 Jahre nach der Besetzung ist die Rote Flora eigentlich auserzählt. Nur einer ist noch nie so recht zu Wort gekommen: das Gebäude selbst. Freitagsmedien lassen daher pünktlich zum Rückkauf des Gebäudes durch die Stadt mal dessen Wände reden.

Von Jan Freitag

Stein hat eine bemerkenswerte, je nach Sichtweise auch beneidenswerte Eigenschaft, gerade in unserer redseligen Zeit: Er schweigt. Mal laut, mal leise, doch vielfach wortlos. Denkmäler mögen vom Gestern erzählen und Mauern vom Morgen, am Ende aber ist jedes Gespräch mit Gemäuern ein Dialog ohne Antwort. Dann allerdings steht man zwischen diesen Wänden dieses Gebäudes an diesem Platz und der Stein ringsum – er redet nicht nur, er brüllt.

„NEIN HEISST NEIN!“ zum Beispiel, die unmissverständliche, ultimative Abfuhr. In knurrenden Großbuchstaben steht sie im großen Saal links neben der Bühne, über der ein riesiges Transparent 25 Jahre Rote Flora feiert, besser: Die offizielle Besetzung am 1. November 1989, als das frühere Theater durch illegale Aneignung vorm Abriss gerettet wurde. Seither ist es ein steinerner Tinnitus im Ohr der bürgerlichen Gesellschaft, das Grundrauschen der autonomen Idee vom richtigen Leben im Falschen, parolenhaft und wütend. „Nein heißt nein!“

Das ist hier überall zu lesen, oft wörtlich, öfter sinngemäß. Nein heißt nein zur Räumung, nein heißt nein zu Investoren, nein heißt nein zu Bullen, Staat und Kapital. Oder wie am Flügel links der Bühne: nein heißt nein zu Patriarchat, Sexismus, solchen Sachen. Versehen mit Versionen der Ablehnung von „Du bist nicht mein Typ“ über „Ich mag dich, aber…“ bis „Stille“. Was auf dem bröselnden Putz der Flora steht, ist selten achtlos dahin geschmiert. Am Schulterblatt 71, gegenüber der Piazza, von Anwohnern gern Galao-Strich genannt, sind Graffiti oft Regelwerke statt bloß Malereien, mehr Proklamationen als Tags und Pieces. Im Ganzen aber sind sie noch viel mehr: Eine Art schriftliches Gedächtnis sozialer Ermächtigung mit illegalen Mitteln im renditeorientierten Umfeld von Gentrification, Aufwertungspolitik, Marke Hamburg, deren Verwalter die Flora nach langen Streitigkeiten mit dem langjährigen Eigentümer Klausmartin Kretschmer gerade für 820.000 Euro zurückgekauft hat. Finanzsenator Peter Tschentscher versicherte zwar, dass die Rote Flora wie bisher nicht-kommerziell genutzt werden solle, aber seinen Frieden mit der Stadt werden die Besetzer daher dennoch nicht machen.

„Lasst uns die Revolte beginnen“, steht unweit des Nein-Gebots. Die radikale Bitte ist zwar keine 25 Jahre alt, eher zweieinhalb. Sie zeugt aber vom Prozesshaften der Flora ebenso wie vom Ursprung. Aufbegehren ist hier Daseinsgrund, Handlungsdirektive und nur selten im Konjunktiv gehalten. An linksradikaler Wand herrscht der Indikativ, Tendenz Imperativ, Ausrufezeichen sind Standard, häufig zwischen zwei weiteren. So viel Zeit muss hier sein. So viel Zeit kann hier sein. Niemand würde je am Beschriften gehindert. Im Rahmen der Corporate Identity ist alles erlaubt.

Dennoch sind Stil und Ausdruck oft, nun ja, unvollkommen, fast schludrig. Gediegene Streetart bleibt die Ausnahme, selbst Original Banksy‘s, scherzt ein Aktivist beim Aufbau des abendlichen Konzertes, dürften hier achtlos übermalt werden. Ob philosophisch (Wir sind ein Bild der Zukunft) oder türkisch (Allah, Silah, Siyaset, Siktiret). Ob emotional (R.I.P. Oz) oder brachial (ich kotze gleich). Ob restriktiv (Kein Hartalk) oder konstruktiv wie im „Leoncavallo“. So heißt die kubische Bar zwischen Flur und Saal. Gegenüber dem – kein Witz – offenen Kamin wurde ein detaillierter Stadtplan aufgepinselt. Als Orientierungshilfe für Demonstrierende auf Zwischenstopp zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Dieser Mai 2007 war ein Wendepunkt dieses an Wendepunkten reichen Gebäudes. Fünf Stunden filzte die verhasste Staatsmacht im Vorfeld den besetzten Bau, angeblich auf der Suche nach Linksterroristen, tatsächlich illegal. So urteilte später der Bundesgerichtshof und verschweißte die Szene, der nach dem Abgang des gnadenlos gescheiterten Ex-Richters Schill ein gemeinsamer Feind abhanden gekommen war, aufs Neue.

Mit sieben Jahren ist das Minatur-Hamburg eins der älteren Graffitis im Haus. Künstlerisch regiert schließlich das Prinzip der Dekonstruktion, dramaturgisch das der politischen Großwetterlage. Die Beschimpfung der GAL als „grüne Hampel“ könnte sich auf die Regierungsbeteiligung der GAL von 1997 beziehen oder der jüngeren vor vier Jahren, ist aber ohnehin kaum noch zu entziffern. Datierbar ist allenfalls der Schriftzug überm Stadtplan anno ‘92, als die damalige Stadtentwicklungssenatorin Müller dem Projekt eins von ebenso zahl- wie folgenlosen Ultimaten zum ordentlichen Vertragsverhältnis gestellt hatte. „Leoncavallo“ beginnt der Gruß an ein besetztes Zentrum in Mailand, „mehrfach von bullen zerstört“. Dass der Schriftzug überlebt hat, dürfte allerdings weniger am nebenstehenden Hinweis „Nicht Täkken“ liegen, sondern am Standort unter der Decke.

Ohne Leiter ist das kaum zu crossen, wie man unter Sprayern sagt. Überhaupt ist der Faktor Höhe das einzige Hindernis zur kreativen Entfaltung. Bis auf ein paar Holzverschalungen, teils Relikte des großen Feuers von 1995, liegt der Anteil unbemalter Flächen im Promillebereich. Selbst ein Stück Mauer auf halber Treppe zum Frauenklo, das den Firnis des „Gesellschafts- und Concerthauses Flora“ von 1888 trägt, brauchte nach der Freilegung kein Jahr, um vollends koloriert zu werden. Wenngleich seltsam unpolitisch. Überhaupt lässt sich das haltungslose Klima außerhalb der Flora auch an den Wänden des ideologisiertesten Gebäudes weit und breit ablesen. Jenseits seiner bekritzelten Haut zeigt der Kapitalismus sein hässlichstes Gesicht. Es toben Krisen, als verdichte sich die Gegenwart zur Dauerkatastrophe. Das gelbe Haus am Schulterblatt ist seit der Kampfansage des Besitzers Klausmartin Kretschmer, sein 370.000-Euro-Schnäppchen auch gegen den Willen von Stadt, Besetzern und Recht zu vergolden, in akuter Räumungsgefahr. Und was geschieht im Innern? Wenig Neues! Zumindest an den Wänden.

Tiraden gegen den Spekulanten im eigenen Haus findet man dort so selten wie Solidaritätsdressen an Griechenland oder frische Revolutionsaufrufe. Links und rechts des Portals ruft die Fassade unverdrossen auf die Barrikaden; von innen aber tut sie es zusehends zur Party. Ein fettes „abi 12“ samt aufgemalter Getränkeliste von Beck’s bis Bionade gibt die Stimmungslage somit besser wieder als manch verblassende Parole. Exakt 25 Jahre nach ihrer Besetzung ist die Rote Flora unfreiwillig Teil der innig bekämpften Marke Hamburg geworden. Nein heißt zwar immer noch nein. Aber nicht mehr so oft. Nicht mehr so laut. Nicht mehr zu allem. Der sprechende Stein bringt es an den Tag.

Der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-11/rote-flora-graffiti


Hinnerk Schönemann: Dampfkessel & Ventil

Ich passe gut in Uniform

Ein Theatercafé in Hamburg. Hinnerk Schönemann kommt in Turnschuhen, Jeans und Daunenweste rein und fühlt sich offensichtlich unwohl unter den Kulturbeflissenen der Metropole. Erst als er seine Freundin an den Tisch telefoniert hat, taut er ein wenig auf – und redet über seine Filmrollen, die ihn – oft in Uniform – zu den derzeit besten Schauspielern im Land machen. Heute zum Beispiel in Nord bei Nordwest (ARD, 20.15 Uhr), einer Art Ostseewestern, den erst der Mecklenburger so wirklich sehenswert macht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Hinnerk Schönemann, in Ihren vielen Rollen spielen Sie auch diesmal wieder die Unscheinbarkeit in Person. Werden Ihnen nur solche Rollen angeboten – unprätentiöse, einfache, normale?

Hinnerk Schönemann: Das würde ich gar nicht mal sagen, aber diese Rollen liegen mir. Ich mag es, wenn sie wie das tatsächliche Leben verlaufen, wo es meistens viel einfacher zugeht als im Film, wo man seine Sätze nach hinten raus schon mal verhaspelt. Film vergrößert die Sprache auf ein unnatürliches Maß, ich bevorzuge es zurückgenommener.

Erden Sie dadurch die unnatürliche Drehbuchvorgaben oder Charaktere

Wenn es sich im Wechsel zwischen Drehbuch, Regie und meinem Spiel ergibt, vielleicht. Situationen, die zu sehr ins Theatralische abgleiten, versuche ich nach Gesprächen mit dem Regisseur wie jetzt Markus Imboden schon ein bisschen runterzuholen. Da haben Markus und ich ein ähnliches Gefühl für die Szene. Wir erden das dann gemeinsam.

Auf ein Niveau von Bodenständigkeit, das Ihnen auch als Mensch entspricht, Ihrer Persönlichkeit?

Mag sein. Privat bin ich ungeheuer bodenständig, das liegt an meiner Herkunft auf dem Land. Unter 70 Einwohnern kann man sich keine Extrawürste erlauben, sag ich mal. Aber trotzdem – die Art wie ich spiele, dieses Rohe, Unperfekte, vor allem in der Sprache, ist eindeutig ein Stilmittel. Das wende ich an, indem ich die Texte vorher nicht allzu intensiv lerne. Ich weiß immer, worum es geht, lasse mir aber die Freiräume, eigene Worte einzufügen, sofern mir ein Regisseur wie Markus dazu die Freiheit lässt. Trotzdem hat es natürlich mit mir zu tun. Auch diese Rolle als Dorfpolizist ist mir näher als manche andere. Darin fühle ich mich wohl.

Ihre Rollen offenbaren immer eine große Unsicherheit im Umgang mit Menschen.

Totale Überforderung. Aber Figuren, die nicht genau wissen, was sie tun, sind auch viel spannender als jene, die alles unter Kontrolle haben und hinterher mit geschwellter Brust davon erzählen. Das Natürliche macht mir auch deshalb mehr Spaß, weil die Zuschauer es besser verstehen, weil es näher an ihnen dran ist. Sonst gehen Sie ins Theater. Fehler, Fehltritte, Lehrstellen gefallen mir gut, gefallen mir sehr gut. Aber selbstverständlich gibt es Filme, für die man exakt den Vorgaben entsprechen muss, auch wenn es mir schwer fällt; Texte auswendig zu lernen liegt mir nicht so. Hier hab ich so um die 70 Prozent gelernt, der Rest ist Improvisation, hab ich ja auch in Ausbildung gelernt.

Wenn man wie Sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht – ist das von der Ausbildung bis zur Karriere eher hinderlich oder sogar förderlich?

Na ja, als klassischer Heldentyp mit Titelseitenqualität wächst die Gefahr, Fehltritte zu machen und ein erreichtes Niveau wieder nach unten zu verlassen. Ich muss immer durch mein Schauspiel, weniger durch die Oberfläche glänzen.

Das ist nachhaltiger.

Und man ist mit seinem Äußeren weniger präsent. Es hilft dabei, sich im Hintergrund zu halten, um so über die Nebenrollen nach vorn zu kommen. Im zweiten Glied kann man sich mehr austoben, das kommt mir sehr entgegen. Es macht mir den größten Spaß, wenn nicht alle Augen auf mich gerichtet sind, Hauptrollen stehen mir zu sehr im Fokus.

Haben Sie sich in diesem Film dann unwohl gefühlt? Schließlich ruhen alle Augen nur auf Ihnen?

Nein, nein. Das habe ich eher auf diese großen Sat.1-Schinken bezogen. Wenn ich da ständig der Titelheld wäre, würde mir das nicht gefallen. Diese Art Präsenz brauche ich gar nicht. Mit Hintergrund meine ich auch, hintergründig zu agieren. Und weil ich weiß, dass das bei einem Autor wie Holger Karsten Schmidt stets der Fall ist, müsste ich mir dessen Drehbuch gar nicht durchlesen, da würde ich so mitspielen. So eine Rolle ist ein Sechser im Lotto, der absolute Hauptgewinn. Auch in Markus Imbodens Mörderische Erpressung hatte ich das Gefühl, etwas Großes zu machen, ohne groß zu sein. Da war ich auch so ein kleiner Dorfpolizist.

Bevor Sie zur Dauerhauptdarsteller wurden,  hatten Sie in knapp 50 Filmen fast ausschließlich Nebenrollen und viele davon in Uniform.

Hauptrollen sind gar nicht unbedingt bedeutender als die kleineren. Der Wahnsinn war zum Beispiel mein Kurzauftritt in Das Leben der anderen. Da bin ich sogar nur eingesprungen für jemanden, für zwei Tage. Da hab ich mir gesagt: na klar, guck dir das mal an. Und das hat mich eigentlich zuerst mal überfordert. Die waren alle schon total eingespielt und ich komm da reingeschneit und hab gleich eine große Szene, soll einen Witz erzählen, den ich überhaupt nicht witzig fand und mir noch nicht mal merken konnte. Das Drehen an sich war aber nicht so, dass ich es jederzeit wieder machen würde; viel zu gehetzt alles. Und ich hatte auch regelrecht Angst vor dem Film.

Sprichwörtlich oder wirklich Angst?

Nein, wirklich. Weil einen jeder angesprochen hat und meinte, boah wie toll und was du da drin gemacht hast. Wahnsinn. Deshalb hab ich den Film erst eineinhalb Jahre später durch Zufall mal gesehen und hab mich dann so darüber gefreut, diese Szene gemacht zu haben. Die Arbeit war okay, aber das Ergebnis war so toll – das hätte ich nicht gedacht. Es ist ein bisschen konzentrierter Hinnerk Schönemann.

Der sich jetzt ein bisschen als Oscargewinner fühlt?

Nee, Quatsch, überhaupt nicht. Ich habe nicht wirklich gearbeitet an diesem Film, mein Beitrag war kleiner, den Ruhm sollen andere einstreichen.

Ihrer rührt dagegen vor allem von Polizeirollen her. Verselbständigt sich so was?

Ich krieg auch andere Rollen angeboten, aber ich passe unglaublich gut in Uniform auf den Bildschirm. Die Leute wollen junge Polizisten sehen, die nicht zu abgehoben sind, aber auch ein wenig durchgeknallt. Aber ich weiß, dass ich ganz genau ab jetzt, wo Sie das fragen, aufpassen muss, wie viele ich davon noch annehme.

Dabei symbolisieren Streifenhörnchen besser als jeder andere Charakter ein Stück bundesrepublikanischer Normalität.

(Lacht) Streifenhörnchen, genau, damit konnte ich bisher gut leben, nun ist bald mal Schluss. Gute nehme ich weiter an. Selbst ganz normale Polizisten müssen ja irgendwas Ungewöhnliches haben, um ihre Normalität bemerkenswert zu machen.

Und Polizist werden wollten Sie nie?

Nie, auch wenn es Spaß macht, sie zu spielen.

Was sie immer ein wenig wie ein Dampfkessel machen. In vielen ihrer Rollen drohen sie jeden Moment zu explodieren.

So halte ich meine Energie aufrecht. Außerdem bin ich von Natur aus, also biologisch, ein hyperaktiver Typ, ich habe mein Leben lang gezappelt. Das kann ich beim Spielen einerseits nutzen, andererseits damit kompensieren, weil ich das Gefühl habe, zu arbeiten.

Muss man sie bremsen.

Absolut.

Mit welcher Technik.

Ganz einfach: einfach sagen. Ich stehe nicht kurz vor der Explosion, ich bin bloß energiegeladen, weil ich viel anbiete für meine Rolle, viel investiere. Man muss mich nicht im Zaum halten.

Nutzen Sie all die asiatischen Kampfsportarten, die Sie praktizieren als Ventil?

Hab ich mal, aber eher in der Schulzeit. Heute merke ich allerdings noch, was in mir steckt, weil ich zum Beispiel überhaupt kein Langschläfer bin, nach halb sieben, sieben bin ich nicht hoch, obwohl ich noch gar kein Kind habe; hätte ich aber gerne… Aber ich gehe auch früh zu Bett, nicht nach zwölf. Ich muss immer unterwegs sein, stundenlang im Sessel zu hocken und zu lesen ist nichts für mich. Ich hab mir in meinem Mecklenburger Heimatdorf einen Hof gekauft und baue mir den aus, das liegt mir mehr als rumsitzen.

Ein richtiges Landei?

Total. Und hundertprozentig norddeutsch. Jetzt weiß ich erst, was Heimat ist. In der Stadt fühle ich mich jedenfalls unwohl. Ich hab da zwar gewohnt und studiert und dachte, das gehört einfach dazu, bis ich gemerkt habe, dass das nicht stimmt. Ich brauche die Stadt nicht, ich gehöre aufs Land, weil ich es liebe, allein zu sein. Nicht einsam. Ich genieße es, körperlich zu arbeiten, da hab ich meinen Trecker und kann alles machen, noch keine Landwirtschaft, erst mal das Land urbar machen, bauen, baggern, das geht alles mit meinem Trecker.

Was ist Ihnen an der Stadt so unangenehm?

Die vielen Menschen. Mittlerweile hab ich wirklich ein großes Problem mit Ansammlungen. Drehen, Interviews geben – das ist Teil der Arbeit, das kann ich akzeptieren, aber ich habe allergrößte Probleme, mich einfach so auf einen Kaffee zu treffen und zu reden; Smalltalk liegt mir überhaupt nicht. Ich verkrampfe mich und will nach Hause, das gibt mir nichts und zuhause liegt immer noch so viel Arbeit, dass ich gar keine Zeit für so was hab. Das ist kein Genuss. Ebenso wenig wie zu feiern. Ich war noch nie ein Partytyp, selbst Geburtstag hab ich immer ausgelassen, weil ich keinen Spaß daran habe Leute zu bewirten und zu unterhalten.

Das klingt bei ihrem Beruf ziemlich problematisch.

Da ist es seltsamerweise genau umgekehrt. Da kann ich einen Schalter umlegen, das ist Arbeit und da brauche ich Publikum, ein Team, das mich beobachtet, da kann ich sogar andere mit Humor unterhalten. Aber sobald Drehschluss ist, ist das alles weg. Selbst das Bier hinterher, kann man an einer Hand abzählen, wenn ich förmlich mitgezogen wurde. Bei der Arbeit kann ich mich hinter einer Rolle verstecken.

Traumrolle?

Mit Leander Haußmann, eine große tragende Rolle mit ihm. Oder Detlef Buck. Am besten beide zusammen, das träume ich seit meiner Schulzeit. Komischerweise war es schon immer mein Gefühl, wir würden gut zusammen passen. Aber vielleicht klappt es dann gerade nicht. Wenn sich zwei Komiker unterhalten, kann es ja auch ganz schön traurig sein.


Bornholmer Straße: Mauerfallfilm & Hübner

Befehl!

Der famose ARD-Film Bornholmer Straße (5. November, 20.15 Uhr) ist gewiss eines der besten Stücke Aufarbeitung des Mauerfalls vor 25 Jahren. Das liegt am tragikomischen Drehbuch, mehr aber noch an Charly Hübner als zweifelnd resoluter Grenzer, den es angeblich genau so in der Realität gab. Und das ist fast noch schwerer zu glauben als der Spießersozialismus selbst.

Von Jan Freitag

Das Aussehen, so lautet eine Grundregel filmischer Attraktivitätsverteilung, hängt maßgeblich von der Geisteshaltung ab. Um in 90 Minuten möglichst wenig Zeit mit Charakterzeichnung zu vergeuden, zeichnet man lieber an der äußeren Kontur. Die Guten sehen daher meist super aus, die Bösen dagegen, nun ja, eher Scheiße. Ein DDR-Grenzübergang zum Beispiel, in einer kühlen Herbstnacht vor 25 Jahren: Nervös beobachtet die Wachmannschaft eine anschwellende Menschenmenge, die ohne Visum von Ost- nach Westberlin wollen, und wie sehen sie aus, die uniformierten Schießhunde des sinkenden Schiffes? Wie Trottel!

Die Körper zu linkisch, die Haare zu bieder, die Brillen zu groß, die Blicke zu dumpf – die gesamte Schlagbaumbesatzung ist eine hyperbürokratische Karikatur ihrer Selbst, allesamt Fratzen der Tyrannei, demaskiert von der wankenden Mauer daneben. So stellt sich das gesamtdeutsche Fernsehen zum Jubiläum der Wiedervereinigung den Systemfeind vor. Noch ein Klischeestück über die Wendezeit, noch mehr fiese Realsozialisten im Kampf mit aufrechten Bürgern – mit dieser Feststellung könnte man es bewenden lassen, abschalten oder einnicken und rasch vergessen.

Fertig.

Doch so einfach ist es nicht. Die ARD mag das Vorurteil des falschen Lebens im Falschen abermals nach Schema F wie Fremdscham kostümieren – abgesehen vom Äußeren fiktionalisiert „Bornholmer Straße“ die Realität einer historischen Nacht am Rande der Brillanz. Christian Schwochows Film liefert mit das Beste, was zum 9. November 89 samt Folgen bislang gedreht wurde. Und das hat zwei gleichrangige Gründe. Der erste steht im Drehbuch der Eltern des Regisseurs. Das Familienprodukt von der Ferieninsel Rügen entwickelt nämlich als erster Film zum Thema glaubhaft Empathie für die Täter, ohne ihre Handeln zu verharmlosen. Das Schlüsselwort lautet: Befehl. Je mehr die bewaffneten Grenzer innerlich vorm wachsenden Mob im Neonlicht ihres Postens kapitulieren, je absurder ihnen das Exekutieren überkommener Gesetze im Lichte von Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz („unverzüglich“) erscheint, je heftiger sie ihre aufkeimende Angst in hilfloses Paragrafenreiten kleiden, desto häufiger verweisen sie auf ihre Vorgesetzten. Gern ohne Prädikat und Objekt: Befehl. Punkt.

Dieser betutlich-biedere, ketterauchend-ignorante, moosgrün-staubige Kadavergehorsam macht Bornholmer Straße zu weit mehr als bloß einer weiteren Fiktion des diktatorischen Ernstfalls vor realem Hintergrund. Weder bloß Tragödie noch bloß Komödie, die das System aus SED, FDJ, NVA wechselweise verulkt oder überzeichnet, um ernsthafte Diskurse zu vermeiden. Es ist eine wahrheitsgemäß groteske Darstellung hierarchischen Verhaltens insgesamt, eine mal sehr lustige, mal mehr ergreifende Studie gesunden Menschenverstands am Krankenbett der Unlogik. Die Protagonisten mögen dabei bis in die höchsten Dienstgrade handelnde Akteure des Legalen, aber Illegitimen sein – als in dieser Nacht lange nach der Moral auch noch das Recht kippt, werden sie selbst zu Opfern. Opfern der Geschichte, Opfern der Zukunft.

Und die verkörpert, zweiter Grund, niemand so hinreißend wie Charly Hübner. Sein tapsig resoluter Oberstleutnant Harald Schäfer schwankt so fabelhaft zwischen Macht und Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Loyalität und Trotz, als stünde der echte Harald Schäfer am Set, jener Chef vom Dienst, der damals kurz vorm Gewaltausbruch den Grenzbaum hochzog. Dafür braucht der 41-Jährige wie bei Mecklenburgern üblich nicht viele Worte; ihm reichen kleine Gesten, die mehr sagen als ein ganzer Abend RTL. Wie sein schweigsam brodelnder Kommissar Bukow im Polizeiruf schürzt Hübner im Konfliktfall oft nur die Lippen und betrachtet den Lauf der Dinge wie von außen, hilflos und zweifelnd, doch voller Verantwortungsgefühl: für seine Grenze, die jener Schäfer seit 25 Jahren sichert. Für das System, hier symbolisiert von einem grandios zerfließenden Ulrich Mattes als Oberst Hartmut Kummer. Für seine Untergebenen von Milan Peschel über Rainer Bock bis Frederick Lau. Letztlich auch für die Menge, deren Zorn zusehends gerechter wirkt. Auch sie ist übrigens erstaunlich unfotogen. Wenn selbst die Guten scheiße aussehen dürfen, macht ein guter Film noch mehr richtig.


5 Jahre Neo & 1 Woche FDJ

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

27. Oktober – 2. November

Keine Frage: Selbst als gebührenfinanzierter Sender mit Niveau kann man ein Boulevard-Magazin machen. Womöglich muss man es sogar tun, angesichts der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage, die selbst der FAZ längst bunte Spalten verpasst hat und Arte Dokusoaps. Es ist halt bloß fraglich, ob sich die ARD wirklich entblöden muss, fürs Boulevard-Magazin Brisant wie zuletzt Redakteure des debilen Blaublutblatts die aktuelle als „Promi-Experte“ zu engagieren. Das ist ja doch so, als würde die NASA Erich von Däniken für eine Mars-Mission engagieren. Oder auch: Das Publikum darüber entscheiden lassen, was demnächst auf einem anderen Sender mit Anspruch läuft.

Nichts gegen Partizipation oder Interaktivität, aber dass die Zuschauer des ehrgeizigen TV-Lab den abischerzflachen Dünnschiss Diese Kaminskis ins ZDFneo-Programm gewählt haben, kann nur zweierlei bedeuten: An der Wahl haben bloß Stammgäste von RTL2 teilgenommen. Oder ZDFneo hat sich nur als Jugendkanal des ZDF getarnt und ist in Wahrheit RTL2. Kurz nach seinem 5. Geburtstag am Freitag geht er nämlich mit der billigen Klamaukkopie von Six Feet Under in Serie, bei der prollige Kölner Bestatter beim Ketterauchen, tihi, den Sarg ansengen oder darauf, bruha, kopulieren.

Herrjemine.

Dann doch lieber die letzte Folge Wetten, dass…? (oder sollte man sagen: die letzte mit Markus Lanz?) ansehen, für die allerdings grad Furchtbares vermeldet wurde: kurz vor Weihnachten muss sie nun doch ohne die drei Altmoderatoren auskommen, von denen sich der erste (Elstner) grundlos abgemeldet hat, der wichtigste (Gottschalk) sarkastisch und der irrelevante (Lippert) bedauernd. Mit purem Hohn dagegen hat Will Arnett beim Late-Night-Talker Jimmy Kimmel über seinen Besuch auf dem Wettsofa hergezogen: Fünf Minuten lang lachte sich der Hollywoodstar über die Absurdität unseres Fernsehens schlapp und gelobte, schon aus Angst vor unserer Humorlosigkeit werde er es nie wieder aufsuchen.

TV-neuDie Frischwoche

3. – 9. November

Aber keine Sorge, lieber Will: Samstag ist die Couch wieder mit Stamminventar von Grönemeyer über Berben bis Hirschhausen besetzt und Arnetts Blockbuster mutierter Schildkröten läuft ja auch schon eine Weile im Kino, da kann er sich die deutsche Werbeplattform sparen. Wir allerdings, wir Eingeborenen, wir können das nicht so leicht. Uns wird tagein, tagaus das Grauen vorgesetzt – und das zum Mauerfalljubiläum auch noch mit vorgegaukelter Relevanz. Etwa das Experiment Eine Woche DDR, bei dem RTL eine Schulklasse im Mittagsjournal Punkt 12 fünf Wochentage lang in FDJ-Hemden steckt, mit Spreewaldgurken füttert, Fahnenappelle simulieren lässt und so angeblich den Alltag Ost erspürt.

Schlechter geeignet ist dafür eigentlich nur noch der lausige Polizeiruf Magdeburg am Sonntag. Besser dagegen taugt der Themenabend Mauerfall, mit dem das ZDF parallel bis drei Uhr nachts die Zeit vor 25 Jahren aufleben lässt. Richtig gut wäre auch die Wiederholung von Hurra Deutschland!, mit dem EinsFestival ab Freitag um 17.30 samt der legendären Handpuppen an die Ereignisse der Wendephase erinnert. Nahezu perfekt indes eignet sich der ARD-Mittwochsfilm Bornholmer Straße. Darin spielt Charly Hübner einen fast beängstigend glaubhaften Grenzer, dem die Ost-Berliner am 9. November ’89 den Übergang einrennen. Die Tragik darin ist so voller Komik und umgekehrt, dass Christian Schwochows biografische Fiktion schon jetzt zum Besten zählt, was 2014 hervorgebracht haben wird.

So was ist gewöhnlich auch bei allem, was Hinnerk Schönemann spielt, der Fall. Wobei der Ostseekrimi Nord bei Nordwest Donnerstag im Ersten das Rad des Küstenwesterns nicht neu erfindet, aber um ein fabelhaftes Exemplar erweitert, wenn Schönemann als Exbulle mit Tierarztpraxis in Mecklenburg auf zwei Leichen stößt. Ebenfalls hoch im Norden handelt, was der NDR heute um 23.15 Uhr erstausstrahlt. Da In der Stunde des Luchses aus Skandinavien stammt, ist aber bereits zu ahnen, dass es hier um weit krassere Kriminalität geht: einen dänischen Doppelmörder nämlich, der zur Resozialisierung einem psychiatrischen Experiment unterzogen wird, das auch dem Zuschauer an die Nerven geht.

Dass Sat1 am Dienstag ein brauchbares Drama zeigt, bei dem man sich trotz Alexandra Neldel als aufrechte Ärztin im asiatischen Katastrophengebiet nicht fremdschämen muss, sei hier auch noch erwähnt (wobei Gegen den Sturm dennoch dünnere Bretter bohrt). Und damit wären wir auch schon beim Kontrastprogramm Tipp der Woche. In Schwarzweiß diesmal Sie küssten und sie schlugen ihn (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mit der Francois Truffaut 1959 die Nouvelle Vague begründete. In Farbe Dead Man Walking (Mittwoch, 20.15 Uhr, Tele5), mit der Sean Penn 1995 als verurteilter Hinrichtungskandidat bewies, dass er mehr kann als Action.


Reisereportage: Klettersteig Hochkönig

Hochkönig - Anstieg HochkönigsjodlerDrahtseilakt

Risiko war gestern. Heute kraxelt man entspannt an fest verankerten Stahltrossen die Alpen hinauf. Längst schießen Klettersteige wie Pilze aus der alpinen Felswand. Ist das wirklich Bergsteigen Light? Nicht am Hochkönig.

Von Jan Freitag

Dieser Ausblick: Im Osten der flächig aufragende Hochkönig, im Osten sein spitzer Gipfelnachbar Hochseiler, das Steinerne Meer in Sicht, weiß überzuckert, grüngrau geädert, von Schäfchenwolken umwickelt – ein Herzensöffner, der für vieles entschädigt. Für die Anstrengung und die Versagensangst, für die brennenden Muskeln, zitternden Knie, geschundenen Finger, eigentlich für alles. Sogar für diesen Irrtum.

Klettersteige, kriegt man vorab von allen zu hören, die im Fels die reine Lehre predigen, das sei doch kein echter Alpinismus. Klettersteige, sagt selbst Gerald, „der Gerry“, dessen Nachname im Berg nichts zählt, „das ist für Könner manchmal eher Micky Maus“; Klettersteige, den Eindruck gewinnen auch Laien am ersten Haken, das ist ja gar nicht so schwer. Ist es doch. Und irgendwie nicht. Denn nach dem Einstieg mag bald die Erschöpfung anklopfen und irgendwann ein Signal ans Gehirn: Aufgabe. Doch spätestens oben, die letzte Kuppe in Griffweite, mündet das Wechselbad der Gefühle in Euphorie, etwas Großes vollbracht zu haben.

Dabei beginnt es zunächst ganz klein, unterm höchsten Berchtesgadener Gebirgsstock. Genau genommen beginnt sie 36 Stunden zuvor, im Alpinpark Dienten am Fuße des Hochkönig. Übungsprogramm für Untrainierte, Aufwärmphase, „Vertrauen zum Fels kriegen“, meint Gerry. „Und zum Material.“ Denn das spielt in dieser Teilkaskoversion des Bergsteigens eine Hauptrolle. Nervenkitzel war das Mantra des Singleurlaubs früherer Tage und leidlich lukrativ für die Region. Erst gepaart mit Sicherheit aber wird er familientauglich und somit Garant für eine ungewisse Zukunft. In der Ära von Schneearmut und Klimawandel wird die Sommersaison schließlich zur neuen Stoßzeit; da muss der Fremdenverkehr Alternativen zum winterlichen Wedeln entwerfen. Und findet ihn vor der eigenen Nase.

Auf deren Höhe zeigt Gerry das Werkzeug der alpinen Zukunft im Fels seiner Heimat: Ein gewundenes Stahlseil an kräftigen Eisenhaken, die unterarmlang und zeigefingerdick alle drei Meter tief in die Wand getrieben und mit 2-Komponenten-Kleber fixiert werden – „das hält euch alle auf einmal“. Und locker zehn weitere Anfängergruppen, 5000 Kilo insgesamt. Es ist ein stählerner Vertrauensvorschuss, an dem man sich gleich doppelt vertäut. Nach dem Partnercheck, versteht sich: Gegenseitig prüfen die Zweierteams Gurte, Knoten, Winde, Karabiner, Seile und übt das Pendeln in Falllinie, den Hub aus beiden Beinen, die Schonung der Arme. Safety geht vor Thrill, Helm ist Pflicht. Also doch Vollkasko? „Nein“, ruft Gerry und sein etwas lautes Lachen verrät den Geschäftsmann im kreuzehrlichen Bergführer: „Wenn du runter fällst, fällst du runter, und das tut weh.“

Aber man falle eben doch nur ein wenig, bis sich das dehnbare Seil vorm Bauchnabel strafft und so denn Absturz dämpft. Zwei Meter, maximal drei. Nicht schön, aber auch nicht nötig. Denn anders als in der Seilschaft ist man im Steig zwar auf sich allein gestellt, hat aber bei Bedarf stets die Hand an der Trosse. „Da passiert nix“, betont der wettergegerbte Fünftagebartträger mit den sehnigen Armen, rät im Fall des Absturzes aber doch: „Nicht abstürzen!“ Dafür probt die Schar Neulinge. Erst mit Seil, um den Stein zu spüren, dann am Stahl, um den Steig zu spüren, zwischendurch am Staudamm, um das Abseilen zu spüren, zuletzt im Hochseilgarten, um die Höhe zu spüren.

Doch am Morgen drauf spürt man erstmal nur die Kälte am Grandlspitz. Wie Quellwasser kriecht sie durchs Fleece. Der Tag ist jung, die Kleidung auf Gipfelfrische geschichtet, 2307 Meter hoch liegt das Ziel, doch bis da ist es noch weit. Erst kommt der Zustieg, zwei Stunden aufwärts bis zum Einklinken. Schon das kostet Körner. Und Nerven. Wer sich den ungesicherten, bisweilen bloß hüftbreiten Schotterpfad indes vor Augen hält, links steil den Berg hinauf, rechts steil zu Tal hinab, der verliert ein bisschen Angst vor den 170 Höhenmetern, die es im Klettersteig zu überwinden gilt. Kategorie B, zum Schluss gar D, eine Stufe vor professionell. Kaum zu glauben, dass die Skala noch weiter reicht.

Denn es ist steil. Ab elf brennt die Sonne. Arme und Beine brauchen zunehmend Pausen. Aber wie sagte Gerry eingangs: „Die Alternative heißt Helikopter.“ Eine teure. Also weiter, die letzten 30 Meter mit Extraseil gesichert, um sich mal hängen zu lassen; wer will schon die makellose Sturzstatistik trüben? Und mit jedem Meter zum Ziel, wo eine furioser Panoramablick jede Mühe – auch des zweistündigen Abstiegs – rechtfertigt, wird man sich der Schizophrenie des Steiges bewusster: Dem Drang, frei zu klettern, dem Zwang, am Draht zu bleiben; dem Glauben, diesem Berg zu trotzen, der Erkenntnis, das könne ja jeder.

Neun Klettersteige hat die Region, zwei davon am Hochkönig, wo der Naturschutz Baugrenzen setzt. Trotzdem erreicht die Zahl der Aufstiege auch hier bald die 1000 pro Jahr. Zu wenig sagen viele, die den leichteren Gipfelsturm als Demokratisierung des Elitensports loben. Zu viel entgegnen jene, die Verhältnisse wie im Südtiroler Klettermekka Arco fürchten, wo der Fels wie käsiger Marmor sei: perforiert, geglättet von Abertausend Haken und Händen. Bei uns, sagt Gerry und meint das positiv, „ist’s so rau, dass die Finger bluten“. Bei ihm, fügt er Tirolerisch hinzu, „wird’ nix zerklettert“.

Berge gibt’s ja genug. Und meist herrsche Stille. Am Grandlspitz, doch auch in den leichten Steigen kann man ihn also spüren: Den Geist des Kletterns, allein mit sich und dem Fels. Nun ja, und einem fingerdicken Stahlseil.

Infos Hochkönig:

http://www.hochkoenig.at/de

www.almhof.co.at