Fallschirmjäger & Naziopfer

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

19. – 25. Januar

Am Montag war es endlich so weit: Die biedersten Brandstifter unserer Tage haben was Konstruktives geleistet, gewissermaßen. Als Pegida die Absage der vorigen Montagsdemo aus Sicherheitsgründen verkünden wollte, wandten sich die diskussionsunfreudigen Alltagsrassisten dafür ausgerechnet an die verhasste Lügenpresse und sorgte somit nach dem Wort des Jahres 2014 gleich noch für einen Kandidaten der laufenden Saison: Lügenpressekonferenz. Mit diesem Sprachwitz geht es allerdings zurück zum Boden der Tatsachen, auf dem die Presse – ob mit oder ohne Lügen davor – nach der jüngsten Welle der Solidarität wieder landet.

Millionen aufrichtig bis scheinheilig Betroffene haben sich auch hierzulande die Notausgabe des Charlie Hebdo aufs Klo gelegt – nun darf die Branche schön weiter den Bach runtergehen, wenn sie durch chronische Nichtbeachtung der Umsonstgesellschaft in den Ruin getrieben wird. Die Verkaufszahlen deutscher Magazine jedenfalls zeichnen abermals ein düsteres Bild. Besonders jene, die willens und in der Lage sind, über Terror plus Folgen seriös zu berichten, verlieren massiv an Auflage, während Ballermannmedien gerade im Netz florieren.

Kein Wunder, dass das Dschungelcamp – so sehr selbst anspruchsvolle Kritiker heute ihre verkürzende Pauschalkritik am Madenfressen relativieren – einen Zuspruch erfährt, von dem bedeutsamere Formate auf bedeutsameren Sendern nur träumen können. Wobei dramaturgische Ohrfeigen wie das grenzdebile Sedativum In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte zeigt, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen ohne störenden Ballast von Sinn, Verstand, Handwerk oder zumindest so was wie Leidenschaft Topquoten erzielen können.

Das drückt vernunftbegabten Zuschauern ähnlich aufs Gemüt wie dieser nasstrübe Winter, der allerdings eine Hoffnung nährt: Dass die zwei dauergiggelnden, äh, Moderatoren Matthias Opdenhövel und Dieter Thoma beim infantilen Abfeiern von allem, was im Skispringen irgendwie germanisch, also aus deutscher Sportreportersicht anbetungswürdig ist, bald vom Berg schmelzen. Gegen diese Art unreflektierten Teenagerpatriotismus gerät der stets bemühte Reporter Tom Bartels ja beinahe zur Displaced Person des Wintersports.

0-FrischwocheDie Frischwoche

25. Januar – 1. Februar

Zum Glück steht diese Woche für ein paar besinnliche Momente im Zeichen eines ernsthaften Themas: Der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, die sich am Dienstag zum 70. Mal jährt. Gut, die Privatsender interessieren sich wie üblich einen feuchten Kehricht für derlei Realismus, weshalb selbst ihre, hüstel, Nachrichtenkanäle N24 und n-tv sogar am 27. Januar lieber Fallschirmjäger oder Relikt-Jäger porträtieren als irgendwie ans Menschheitsverbrechen zu erinnern. Aber wenigstens die gebührenfinanzierte Konkurrenz gibt sich einige Mühe, dem Datum gerecht zu werden.

Einigermaßen.

Denn während die umfassende Berichterstattung bei Phoenix, Arte oder im WDR stattfindet, der am 27. Januar ab 23.15 Uhr seine Lange Nacht der Erinnerung begeht, lässt die ARD tags zuvor erstmal Bärenbabys schmusen, bevor um 22.45 Uhr endlich Ich fahre nach Auschwitz beginnt, eine aufwühlende Reise unbedarfter Schüler und Hamburger Polizei-Azubis ins Herz der Finsternis. Und das ZDF? Zeigt Dienstag – nach dem putzigen Produkttest „Wie gut ist unser Bier?“, versteht sich – um 22.15 Uhr die sehenswerte Doku Mit dem Mut der Verzweiflung, durch die allen Ernstes der Spaßvogel Hugo Egon Balder führt der zudem übers Schicksal seiner jüdischen Familie spricht. Ansonsten delegiert das Zweite sein Gedenken aber doch lieber zu 3sat, dass den Gedenktag bereits heute Abend mit der verstörenden Doku Der Spion vom Pariser Platz über die Ursprünge der Vergasungsmaschinerie einläutet. Oder gleich ins Netz.

Apropos: 3sat bebildert am Dienstag nicht nur die Probleme von gestern, sondern ab 20.15 Uhr auch die von morgen, wenn Leere Meere, volle Teller das Abfischen globaler Gewässer darstellt. So was könnte ab Donnerstag theoretisch auch die Kabarett-WG zur Sprache bringen. Um 22.45 Uhr blasen Sebastian Pufpaff, Maike Kühl und Hannes Ringlstetter hoffentlich frischen Wind ins verwaiste Fach politischer Unterhaltung nach Scheibenwischer. Ein Wind, den sich das Erste auch von der Vorabendserie Unter Gaunern erhofft, die dienstags um 18.50 Uhr eine Familie Kleinkrimineller zu Helden macht, was allerdings eher peinlich als lustig ist. Und am Donnerstag dann versucht der Tatort-Sender was Sensationelles: er schickt eine Ermittlerin aus der Großstadt zur Kripo Bozen, damit endlich auch zur besten Sendezeit mal irgendwas mit Mord läuft.

Oje.

Dann doch lieber Tipps der Woche schauen. In schwarzweiß diesmal Hafen im Nebel von 1938 mit dem blutjungen Jean Gabin als Deserteur auf der Flucht vorm Militär (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). Und Dienstag um 22.45 Uhr in Farbe auf SuperRTL: Der Vorname, eine französische Bühnenstückadaption über zwei Paare, die sich so klug über den Kindsnamen Adolphe streiten, dass Der Gott des Gemetzels zur Kuschelrunde gerät.

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