Hugo Egon Balder: Der Ernst des Witzbolds

Also bin ich auch Jude

Man kennt Hugo Egon Balder eigentlich nur aus dem kommerziellen Ulkfernsehen von Tutti Frutti bis Genial daneben. Wie ernst er jedoch sein kann, zeigt der 64-Jährige als Moderator der ZDF-Dokumentation Mit dem Mut der Verzweiflung, wo er am 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung (27. Januar, 22.15 Uhr) auch übers Schicksal seiner jüdischen Familie im Holocaust berichtet.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Balder, die meisten Zuschauer haben Sie sicher noch nie so ernsthaft erlebt wie in Mit dem Mut der Verzweiflung, wo Sie auch von ihrer jüdischen Verwandtschaft während des Holocausts berichten. Ist das eine neue oder nur unbekannte Facette?

Hugo Egon Balder: Es ist eine unbekanntere, sofern man mich nur aus dem Fernsehen kennt. Wie die meisten Menschen habe auch ich allerdings ein privates und ein öffentliches Gesicht. Und so ernst ich im Alltag sein kann, ist es hier wohl wirklich fast das erste Mal, dass ich beruflich nichts Lustiges mache.

War dies der Grund, warum das ZDF ausgerechnet den Komödianten zum Erzähler einer Sendung zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung gewählt hat?

Ich vermute schon. Die Fallhöhe, dass ein lustiger Vogel wie ich so bittere Dinge aus unserer Vergangenheit schildert, fanden die zuständigen Redakteure wohl interessant.

Und woher wussten die das? Mir war Ihre Biografie in diesem Punkt völlig unklar.

Vermutlich haben sie die einzige Sendung gesehen, bei der ich doch mal richtig ernst war: „Vorfahren gesucht“ im WDR, wo ich vor ein paar Jahren mit erfahrenen Rechercheuren auf die Suche nach meiner Verwandtschaft im Holocaust gegangen bin. Dabei habe auch ich vieles erfahren, was mir bis dahin nicht bewusst war. Vor allem über meine Mutter, die ja Theresienstadt überlebt hat.

Bei Ihnen zuhause war das kein Thema?

Nie! Ich wusste zwar schon als Kind, dass meine Oma, meine Mutter und mein Bruder im KZ saßen, aber darüber hat keiner offen gesprochen, im Gegenteil. Wenn mein Vater über den Krieg erzählt hat, klang das immer wie ein großes Abenteuer.

Die typische Realitätsblockade der Nachkriegsgesellschaft.

Ganz genau. Bis zur WDR-Dokumentation hatte ich zum Beispiel keine Ahnung, dass mein Vater, dessen Schilderung jener Jahre immer so lustig war, zwölfmal in Gestapo-Haft war und mein Bruder siebenmal. Oder unter welchen Umständen es meiner Mutter gelungen ist, die Lagerhaft zu überstehen. Ein Grund dafür war anscheinend, dass sie gelernte Kindergärtnerin ist, denn die wurden im Vorzeige-KZ Theresienstadt dringend benötigt, um für die Alliierten den Anschein der Humanität zu erwecken. Und das war nur die Spitze des Eisberges jener Dinge, die mir zuvor nicht klar waren.

Was machen die mit einem Spätgeborenen wie Ihnen?

Genau diese Frage hat sich auch das ZDF gestellt, dem es mit der Sendung eben nicht darum geht, zum 5000. Mal die Schicksale der Nazi-Zeit nachzuerzählen, so wichtig das ist. Wichtiger war in dem Fall darzustellen, wie diese Schicksale und ihre Erzählung das Leben nachgeborener Generationen geprägt haben. Und da fängt man wirklich nochmal ganz neu an, über sich nachzudenken, und erlangt im Idealfall sogar Erkenntnisse, warum man so geworden ist, wie man ist.

Welche sind das in Ihrem Fall?

Das ist insofern schwer zu beantworten, da ich ja nicht weiß, wie ich mit diesen Erkenntnissen geworden wäre. Tatsache ist jedoch, dass ich ein sehr pragmatischer, nüchterner Mensch bin, der viel mit sich selbst ausmacht und wenig nach außen trägt. Diese Eigenschaften, die mir von außen gern als Oberflächlichkeit, gar Arroganz ausgelegt werden, habe ich ohne Frage von meiner Mutter, die ihre Vergangenheit auch mit sich selbst ausgemacht hat. Sie hatte halt einen Strich unter ihre Vergangenheit gezogen. Hätte sie sich dagegen von Anfang an geöffnet, wäre ich womöglich ein anderer. Vielleicht hätte ich sogar einen anderen Beruf als Komiker.

Waren Ihre Eltern denn humorbegabt?

Absolut, ich hatte sogar eine richtig heitere Kindheit. Mein Vater etwa hatte, wie der WDR im jüdischen Archiv in Berlin herausgefunden hat, neben seinem eigentliche als Textilhändler noch rund 25 weitere Berufe bis hin zum Film- und Theaterkritiker. Deshalb kannte er zum Beispiel Leute wie Werner Fink.

Den regimekritischen Kabarettisten, der sich auch von den Nazis nie den Mund verbieten ließ?

Genau. Und er ging regelmäßig ins Kabarett der Komiker, das seinerzeit in Berlin von großer Wichtigkeit war. So was erklärt natürlich auch einiges über meinen späteren Werdegang, obwohl meine Persönlichkeit eher von meiner Mutter geprägt wurde.

Weshalb Sie unter anderem nie weinen.

In der Tat, ich mache das alles mit mir aus.

Haben Sie auch nie geweint, als Sie dem Schicksal ihrer Eltern näher gekommen sind?

Innerlich schon, aber nie äußerlich.

Ist es im Rückblick zum Heulen oder Aufbegehren, was Ihrer Familie widerfahren ist?

Zu beidem und doch unbeschreiblich. Ich bin nach Theresienstadt gefahren, um mir ein eigenes Bild davon zu machen. Das holt einen insofern auf den Boden zurück, als man merkt: bei allem Scheiß, der auch jetzt wieder in aller Welt passiert, geht‘s uns doch vergleichsweise gut. Auch das hat mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben. Ob nun Liebeskummer oder andere Schwierigkeiten – wann immer ich Probleme hatte, sagte sie zu mir: Du kannst dir gar nicht vorstellen, was der Mensch alles aushalten kann. Damals konnte ich das nicht wirklich verstehen. Heute ist mir klarer, was sie damit meinte.

Hat sie Ihnen auch auf den Weg gegeben, zu kämpfen, falls sich so etwas je wiederholt?

Nee. Sie hat mir mit auf den Weg gegeben, niemandem zu sagen, dass ich Jude bin.

Sind Sie das denn?

Kein praktizierender, aber meine Mutter ist Jüdin, also bin ich auch einer.

Wenn man jetzt diese beiden Balders nebeneinander stellt – den nachdenklichen und den lustigen: welcher kommt dem echten am nächsten?

Beide gleichermaßen, nur dass der lustige eben öffentlich ist. Ich versuche Überschneidungen weitgehend zu vermeiden.

Bastian Pastewka sagte mal zu seiner gleichnamigen Serie, in der Sie zumindest dem Namen nach sich selbst spielen, da stecke schon viel Hugo Egon drin. Stimmt das nicht?

Was meinte er denn genau?

Dass sie zum Beispiel ihr Essen ständig übersalzen.

Okay, das schon. Die ganze Serie ist jedoch eine große Karikatur, an der die einzelnen Merkmale im Kern existieren, aber heillos überspitzt sind. Ein Funken Wahrheit steckt also drin, aber ich bleibe eine Kunstfigur des ernsten Darstellers, der hier lustige Sachen spielt.

Was ist schwerer: ernste Sachen in heiterer Stimmung zu spielen oder heitere in ernster?

(überlegt lange) Trübsinnig gute Laune zu spielen ist schwerer. Zumal es viel leichter ist, Leute zum Weinen statt zum Lachen zu bringen.

Werden Sie die erste, neue Facette ihres Schaffens denn jetzt öfter mal ausprobieren?

Nee, ich spiele weiter nur Komödien. Auch weil man leicht merkt, ob‘s funktioniert. Bei einem guten Drama herrscht zunächst mal Stille, das alles Mögliche bedeuten kann; bei einem guten Witz beginnen die Leute zu lachen, man weiß also, ob er lustig war. Ansonsten hat man einen Fehler gemacht.

Der weh tun kann.

Richtig weh.

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