Unter Gaunern: gut gemeint & schlecht geklaut

Heiter bis Heulen

Mit Unter Gaunern (ab Dienstag, 18.50 Uhr) bleibt der ARD-Vorabend weiter im Würgegriff billiger Scherze übers Verbrechen. Dabei hat die Geschichte der kriminellen Sippe Schulz durchaus Potenzial und ist auch bei weitem nicht so schlimm wie die üblichen Schmunzelkrimis auf diesem Sendeplatz, verliert sich aber in Kalauern.

Von Jan Freitag

Seit das Fernsehen Leitmedium ist, hat jede neue Zeit ihre ganz eigenen Serien. Sie handeln von den Straßen einer kriminellen Stadt und einfachen Farmern am Ackersaum der Weltwirtschaftskrise, von texanischen Ölbaronen der Ära Reagan oder Chemielehrern, die ein zerrüttetes Land mit Chrystal Meth versorgen. Heute zum Beispiel, im Würgegriff wechselnder Katastrophen, wandern bisexuelle Managerinnen wegen Geldwäsche in den Knast und Ostküstenmafiosi ins norwegische Exil, während Zombiehorden durch verwaiste Häuserschluchten staksen und machtgeile Politiker unter noch machtgeileren Kollegen um ein Maximum an Macht ringen. Es sind traurige, triste, oft deprimierende und dennoch manchmal federleichte Serien, die das Fernsehen aus aller Welt grad erzählt. Vor allem aber sind es vielschichtige, tiefgründige, hinreißende Serien, über die man mal lachen, mal weinen, aber immer staunen kann.

Außer vielleicht in Deutschland.

Dieser dicht bevölkerte Flecken Erde im Herzen Europas mag gesegnet sein mit dem reichsten öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt, geschaut von einem Publikum, das seinem linearen Programmangebot unverdrossen die Treue hält – wenn hierzulande Fiktion in Reihe entsteht, ist sie meist nur dann zum Weinen, wenn eigentlich gelacht werden soll und umgekehrt. Man kann das wunderbar an einem gewöhnlichen Dienstag im Frühjahr begutachten, wenn auf die bieder-bräsige Klerusserie Um Himmels Willen die bieder-bräsige Arztserie In aller Freundschaft folgt, was beides fortan im Anschluss einer neuen Krimiserie zu sehen ist, die mit bieder-bräsig noch milde umschrieben wäre.

Sie heißt Unter Gaunern und läuft fortan dort, wo deren Produzent Michael Polle die „Todeszone“ des Tages verortet: am Vorabend. Jenem Zeitraum also vor der „Tagesschau“, in dem das Erste einen Großteil seiner Werbeeinnahmen erzielt. Um dies endlich mal mit etwas mehr Niveau als bei den üblichen Schmunzelkrimis auf diesem Sendeplatz zu tun, wollte Polle wie gewohnt Heiterkeit liefern, dabei aber „was Schönes, Eigenes“ machen. Das wäre dann allerdings schon der beste Witz der acht Folgen. Denn Unter Gaunern, so viel vorweg, ist schlicht zum Heulen. Dabei ist die Geschichte im Grunde ganz apart. Anders als im mordlüsternen Gesamtangebot zwischen Heiter bis tödlich und dem 1000. Tatort stehen hier mal keine Ermittler im Mittelpunkt, sondern die Täter: Familie Schulz aus Bremen, vier Kleinkriminelle mit großem Berufsethos (keine Waffen, keine Drogen) und einem Problem: Tochter Betty schlägt aus der Art und wird Polizistin. Heimlich. Klänge nett, käme es denn aus, sagen wir: Dänemark.

In Deutschland indes ist alles, wirklich alles daran so bräsig und betulich, so halbherzig, fast feige, dass die nachfolgenden Nonnen vom Kloster Kaltenthal geradezu unterhaltsam sind – machen die doch wenigstens keinen Hehl daraus, Zielgruppenbespaßung fürs Stammpublikum über 66 zu machen. „Unter Gaunern“ hingegen soll nicht nur „erfrischend frech und herrlich unkorrekt“ sein, sondern auch noch junge Zuschauer in die Todeszone locken. Und zwar mit folgenden Methoden: Betty, bemüht, doch überdreht gespielt von Pastewkas Filmnichte Cristina do Rego, hat einen Raben als Haustier und spricht aus dem Off zu uns Opfern dieser Billigkopie von allem, was sich anspruchsvolle Produzenten gar nicht erst zu drehen trauen. Für Doofe erklärt sie also andauernd die Story vom weißen Schaf unter den schwarzen ihrer Sippe, in der sich Vater Bruno (Jophi Ries) als Schmuggler betätigt, Opa Frans (Peter Franke) Kunstwerke kopiert, Enkel Moritz mit Steroiden handelt und Mutter Jette den Verbrecherladen zusammenhält. Dazu gibt es putzige Bullen wie die kettenrauchende Kommissarin Wolff (Barbara-Magdalena Ahren), geklaute Witze à la Hasch auf Lieferpizza (Lammbock) oder Frettchen in der Hose (The Big Lebowski), hineingestopft von Russenmafiosi, die untereinander Deutsch mit russischem Akzent reden, während die Bremer breitestes Hamburger Idiom pflegen, weil das wohl irgendwie ruppiger klingt. Was es jedoch nicht gibt, ist die kleinste Prise Mut, das Dauerthema Kriminalität mal abseits handelsüblicher Kalauer einzusetzen. Als Vehikel zum Beispiel, der Gesellschaft aufrichtig in tiefere Schichten zu folgen.

Stattdessen wird das Verbrechen permanent banalisiert, um es vorabendtauglich zu machen, ohne gleich ganz darauf zu verzichten. „Die Bullen damals“, erinnert sich Opa Frans an seine kriminelle Frühphase, „Das waren noch andere Kaliber“. Die hätten noch scharf geschossen, „nicht so schwule Gummigeschosse wie heute“. Das ist zwar nicht halb so schlimm wie die sprechenden Namen von Fuchs bis Gans der Schmunzelkrimis an gleicher Stelle, aber doch weit schlimmer als öffentlich-rechtliches Fernsehen sein müsste, würde man sich und anderen mal was zumuten. Und sei es, ganz ohne Krimi.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s