Murat Kurnaz: 5 Jahre Leben

Tyrannei und Freiheit

5 Jahre Leben (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) ist nicht bloß nur ein Spielfilm übers unsagbare Leid des Bremers Murat Kurnaz in Guantanamo, sondern ein Lehrstück darüber, wie tyrannisch Demokratie wird, wenn sie vor Angst durchdreht.

Von Jan Freitag

Nein, Angela Merkel wird 5 Jahre Leben nicht sehen. Auch Frank-Walter Steinmeyer, Brigitte Zypries, Wolfgang Schäuble, Otto Schily und ein gewisser Thomas Röwekamp dürften den Film übers völkerrechtswidrige Martyrium des Folteropfers Murat Kurnaz im amerikanischen Foltergefängnis Guantanamo bei Arte ebenso meiden wie sie ihn zuvor im Kino gemieden haben. Andernfalls müssten die Bundespolitiker und ihr Kollege aus der Bremer Innenbehörde vor Scham im Boden versinken oder besser noch: dem Bündnispartner USA abschwören wie einem gewöhnlichen Schurkenstaat.

Denn nichts anderes sind die Vereinigten Staaten, falls an jenen 90 Minuten, die heute endlich im Fernsehen laufen, auch nur ein paar der Wahrheit entsprechen. Und das tun sie, die USA verhehlen schließlich gar nicht, dass sie Bürger fremder Staaten willkürlich und illegal als „ungesetzliche Kombattanten“ auf unbestimmte Zeit einkerkert. Die deutsche Exekutive weiß das, sie wusste es schon, als der Kleingangster Kurnaz mit Kontakt zu den falschen Leuten ohne Rechtsgrundlage ins furchtbarste Gefängnis der Welt kam.

Und was taten Bundesregierung und BND, Politiker wie Geheimdienstler? Nichts. Bis auf besagten Bremer Innensenator, der dem türkischen Staatsbürger die Aufenthaltserlaubnis entzog, weil er sich zwischen Isolationshaft und Misshandlung nicht um deren Verlängerung bemüht hatte. All dies sind schrecklich gute Gründe, 5 Jahre Leben zu sehen. Ein weiterer ist: die Adaption von Murat Kurnaz‘ Biografie zählt zu den besten Verfilmungen realer Ereignisse, vergleichbar allenfalls mit Romuald Karmakars Der Totmacher.

Dafür braucht Stefan Schaller weder Knalleffekte noch Geigenteppiche, ja nicht mal allzu explizite Gewaltdarstellungen oder Gefühlsausbrüche. Dem jungen Regisseur reichen zwei grandiose Darsteller und die Wahrheit, um zu zeigen, dass die USA nebst Verbündeten wie die Bundesrepublik Rechtstaatlichkeit und Demokratie bereitwillig aufgeben, sobald es machtpolitisch geboten erscheint. Mehr noch: in eineinhalb Stunden demaskiert Schallers Langfilmdebüt das System amerikanischer Militärjustiz im „War on Terror“ als menschenverachtend, rassistisch, totalitär, barbarisch, in – bei allem Respekt den Opfern der deutschen Erfinder gegenüber – einem Wort: faschistoid.

Denn im eindrücklichen Kammerspiel zweier Gegner abseits jeder Augenhöhe, zelebriert der Film das Gegeneinander von selbsterklärten Herren- und erniedrigten Untermenschen so intensiv, dass jede Sekunde Verhör schon beim Zusehen schmerzt. Der Berliner Sascha Alexander Geršak füllt seinen Murat Kurnaz dabei mit einem so zähem Fatalismus, als wäre er selbst dieser 19-Jährige vom Bremer Kiez in den Fängen seines amerikanischen Peinigers Gail Holford (Ben Miles), der die Regeln von Humanismus, Logik und Empathie auch dann noch außer Kraft setzt, als ihm längst klar wird, dass sein Opfer unschuldig ist. Dass Schlafentzug, Schläge, Isolation keinerlei Erkenntnisse erbringen. Dass alles Leid nur um seiner selbst willen geschieht. Um das System am Laufen zu halten.

Denn das bedient sich im Namen der Freiheit unverhohlener Gestapo-Methoden. Dies ohne schrille Töne und erhobene Zeigefinger, einfach nur mit den Mitteln famoser Schauspieler im Ambiente der Unmenschlichkeit zu zeigen, ist ein Verdienst aller Beteiligten bis hin zur genialen Kameraführung von Armin Franzen. Mitschuldige von Steinmeyer bis Schäuble werden sich das wohl trotzdem nicht ansehen. Zu sehr sind sie selber Täter.

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