Reportage: Landwirte im Stadtstaat

claas-98 (1)Hanseland in Bauernhand

Wer an Landwirtschaft denkt, denkt hierzulande erstmal an Niedersachsen, Bayern, Mecklenburg. Dass es auch im Hamburger Stadtgebiet echte Bauern mit richtigem Vieh und amtlichen Äckern gibt, erscheint da eher abwegig. Ist es auch ein wenig, aber keinesfalls ausgeschlossen. Eine kleine Reise zur großstädtischen Landbevölkerung.

Von Jan Freitag

Das alte Landwort Bauer hat einen seltsamen Klang, zumindest in Großstädterohren. Bauer, das hört sich ja nach Schützenfest und grünem Grobkord an, nach viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Entertainment, nach Provinz, Dreck, Gülle, Brauchtum, solchen Sachen. Bauern, so könnte man meinen, nennen sich da lieber Landwirt, besser: Agrarökonom. Hauke Jaacks nennt sich Bauer und er tut es voller Stolz. Der Bauer in ihm macht den Rücken fast noch ein wenig grader, hält den Kopf noch aufrechter, intoniert die Silben irgendwie fester, als er seinen Stand ausspricht. Und wenn dieser kräftige Mann mit der rosigen Gesichtsfarbe hinzu fügt, was ihm so wichtig ist, dann spricht daraus ein großer Teil seines Selbstverständnisses: „Ich bin Hamburger Bauer.“ Fehlt nur noch, dass das auch gut so sei.

Denn kurios ist es ja schon: einen Ort zu beackern, der 1,7 Millionen Bewohner auf 75.500 Hektar staut und sein Wasser zum Markenkern erhebt, aber zusehends aus Beton besteht. Doch auf einen messbaren Teil dieses steinernen Molochs – 160 Hektar nämlich – baut Hauke Jaacks Futter für sein Vieh an, das ringsum grast. Und damit ist er nicht allein: Fast 800 Blumenzüchter, Forstwirte und Baumschulen und Getreide-, Tier- oder Obstbauern nutzen ein Drittel des Hamburger Stadtgebiets landwirtschaftlich. Die meisten davon, ist aus dem örtlichen Bauernverband zu hören, seien eher Kleinbetriebe, einige gar im Nebenerwerb. Es gibt aber auch die Konkurrenzfähigen, die Agrarökonomen, die Großen.

Wie Bauer Jaacks.

Die 1,4 Millionen Liter seiner 160 Milchkühe können mit den Flächenländern ringsum mithalten. Auch 400 Rinder sind alles andere als Hobby. Und der Betrieb, den Haacks mit seiner Frau Swantje bewirtschaftet, gedeiht nicht nur, er wächst beständig. Wer also durchs Falkensteiner Forstidyll Richtung Wedel fährt, trifft früher oder später höchstwahrscheinlich auf die Zäune des Moorhofs, den der Pinneberger 2004 gekauft hat, als die elterliche Farm zu eng geworden war. Und das nicht irgendwo, sondern „genau hier in Hamburg“, sagt der 51-Jährige. Denn wer so hart arbeitet, aufstehen halb fünf, Feierabend gut 14 Stunden später, 365 Tage im Jahr, ohne Wochenenden, Feiertage, Krankenstand – „der will auch mal ein bisschen leben“.

Und vom Konzert über Theater bis hin zu guten Restaurants biete die Metropole eben alles, was er nicht missen mag, auf dem Dorf aber müsste. Von wegen wenig Entertainment. Einerseits. Andererseits – wer brauche das schon im Überfluss, wenn der Beruf „Berufung ist wie meiner“. Einer, den auch dieser Berufene so liebt, dass er sein Fernweh einst dadurch kompensierte, dem Vieh Namen exotischer Orte zu geben. „Das ist Nova Scotia“, sagt er und weiß allein, wie sich diese Milchkuh von all den Artgenossen der riesigen Halle unterscheidet. Von den Inseln Hawaiis den Gang runter oder gegenüber: Herten. Kein schickes Reiseziel, mehr Reminiszenz an den Fleischmulti Herta, Erfinder europäischer Fließbandschlachtung, heute Sinnbild dessen, was Erzeuger wie Jaacks nicht mehr wollen: Reine Massenware.

Um sich nach zwei urlaubslosen Jahrzehnten ab und an eine Kreuzfahrt zu gönnen, um sich das erste Kind leisten zu wollen, das im Vorjahr zur Welt kam, um mithalten zu können auf dem harten Viehmarkt, „muss man allerdings Kompromisse machen“. Also nicht Bio, wie er mehr ausspuckt als sagt: „Nachhaltig konventionell“. Mit Kunden von der Fastfoodkette bis  zur Eigenvermarktung. Mit 4500 Kubikmetern Gülle, die nur auf eigenen Äckern landen. Mit drei Azubis und mehr Vieh, als ihm manchmal lieb wäre. Er lächelt: „Ich hätte gern wieder 25 Kühe“. Wie früher, als bäuerliches Leben nicht leichter, aber ruhiger war. Wie auf dem Hof seiner Eltern.

Oder wie bei Henning Beeken.

Der mag zwar im Kern den gleichen Beruf ausüben – von Hauke Jaacks trennen ihn trotzdem mehr als gut 30 Kilometer zwischen Rissen und Kirchwerder. Schon optisch. Im Schatten knorriger Bäume öffnet der Neubauer mit dem schicken Scheitel seinen Hoodie, als er übers Anwesen der Vorfahren führt. Alles am Hof Eggers erinnert an jene Zeiten, in die sich sein Kollege aus dem Hamburger Westen in romantischen Momenten zurücksehnt. Vorm reetgedeckten Fachwerkhaus seiner Eltern spielen die zwei Kinder, im Schweinestahl nebenan suhlen sich zufriedene Exemplare einer wachstumsschwachen, aber erhaltenswerten Rasse im Dreck, vorbei an historischen Stallungen steht das älteste Wirtschaftsgebäude der Hansestadt, Baujahr 1540. Schon damals waren es Verwandte, die sich hier niederließen. Und eigentlich“, beteuert der Enddreißiger mit dem sanften Lächeln, „sieht hier alles exakt so aus wie vor 100 Jahren“. Und doch völlig anders.

Denn unausgesprochen mag Nachhaltigkeit auch früher schon Standard gewesen sein; mit der Erholungsaura, die Beekens Land umweht, hatte der Überlebenskampf gegen Wetter und Fürst nur wenig gemein. Heute gibt es an gleicher Stelle zwar 70 Rinder, ein paar Schafe und Hühner, saisonal gar Weihnachtsgänse, dazu eine Ferienwohnung mit Ausflugslokal samt Hofladen und 90 Hektar Ackerland im ökologischen Fruchtwechsel. „Aber weil wir weder Gemüse noch Milchvieh haben“, sagt der gelernte Gartenbauer, den es 2012 nach drei Jahren Mexiko zurück auf die Heimatscholle trieb, „ist das kein so richtig hartes Bauernleben“.

Dafür eines im Einklang mit der Natur, das die Vielfalt ländlichen Wirtschaftens auf Hamburger Raum wunderbar verdeutlicht. Im Grunde gibt es hier nämlich alles, was der Agrarsektor so hergibt, nur eben meist eine Spur kleiner als in Deutschlands Schlachthof Niedersachsen oder Mecklenburg Kornkammer im Osten. Ein Henning Beeken mit seinem kreativen Angebot für gestresste Innenstädter und Einzelabnehmer ist somit repräsentativer für die hanseatische Landwirtschaft als etwa ein Hauke Jaacks mit seinem spezialisierten Großbetrieb zwischen wesensmäßig nachhaltiger, im Ertrag jedoch intensiver Produktion.

Und doch haben beide einiges gemeinsam, was junge Bauern von der tiefsten Provinz bis in die Metropole oft zu verbinden scheint: Die abgetretene Generation genießt ihren Ruhestand wie zu Urzeiten gern in Sichtweite der Nachfolger; deren Enkel sollen mal selber entscheiden, ob sie das Erbe später übernehmen; die Generation dazwischen aber betrachtet es trotz aller Entbehrungen, Mühe, Existenzangst als bauchgetriebenen Lebenszweck, den noch die schwerste Missernte nicht verhagelt. Und doch gibt es bei vielen Agrariern nun eine Art autobiografischer Konstante, man könnte sie auch Bremsimpuls vorm Berufseinstieg nennen: Bauern werden wollen nur wenige, Bauern sein dann umso mehr.

Wie Anja Ullrich.

„Ich habe meine Eltern eigentlich immer nur arbeiten gesehen“, erinnert sie sich an ihre Kindheit unweit von Beekens Hof. Also machte sie eine kaufmännische Ausbildung, wurde danach Erzieherin, sagte der Landwirtschaft kurzum langfristig Ade. Bis mit Anfang 30 abermals umsattelte. Im wahrsten Sinne des Wortes: Als ihr Vater 1998 schwer erkrankte, kehrte die Tochter heim und wandelte seine Mischwirtschaft um in einen Pferdehof. Weil sie diese Tiere innig liebt. Und weil die Sehnsucht der Städter danach wachse, „je mehr Technik in der Welt“ sei.

Um sie zu stillen, bietet die Frau mit dem roten Pferdeschwanz fast 40 der Vierbeiner Stellplätze auf ihrem Gestüt. Baut ihnen auf dem 17 Hektar großen Gelände eigenes Heu an. Betreut sie mit aller Liebe, lässt sie aber doch laufen, wohin sie wollen. Es sei ein erfülltes Leben, sagt Anja Ullrich beim Rundgang in Reiterhosen. Fürs Tier, mehr aber noch für sie selbst. Dass ihr Geschlecht von den Herren des Dritten Standes selbst in der urbanen Landwirtschaft noch immer nur mürrisch akzeptiert wird, sei ärgerlich; darüber hinaus aber biete ihre Aufgabe, was kein Stadtjob könne: Mensch und Tier, Büro und Freiraum, Vorsorge und Fürsorge, Natur und Technik. Am Ende also auch wieder das, was sie tagein tagaus bei ihren Eltern erlebte: „Arbeit, Arbeit, Arbeit“. Nur dass die sie von der nie überzeugen wollten.

Anders als bei Mathias Peters.

Mit sechs Jahren, 1976 war das, wollte der Bauersohn aus Hamburgs Südosten aufs Gymnasium und Tierarzt werden. Ein beliebter Berufswunsch nachfolgender Generationen – noch naturnah, nicht mehr so naturverwachsen. Sein Vater aber sagte bloß: „War’ du man Buur, mien Jung“, erinnert sich der Stammhalter grinsend. Und was tat er? Nun lacht Peters: „Ich war natürlich folgsam“. Zum Glück, so sieht er das heute. Denn 37 Jahre und zwei Kinder später darf man sich Mathias Peters als glücklichen Menschen vorstellen. Der Beweis steht, besser: stakst im Stalltrakt seines prachtvollen Bauernhauses von 1561 rum. Er heißt Herkules und ist erst sieben Stunden vorher zur Welt gekommen. Der bullige Landwirt nimmt das Kalb in zwei kräftige Pranken und guckt wie stolze Väter eben gucken: „Ein Prachtstück!“

Seine Ahnen, die dieses Land seit Urzeiten bestellen, sie hätten es wohl „Geschenk Gottes“ genannt und eher nüchtern zur Kenntnis genommen als bejubelt. Der aktuelle Erbe aber zählt zur neuen Generation Hamburger Bauern. Was sie oft eint, ist ein emotionaler Pragmatismus, der selbst den eigenen Eltern, die weiterhin mithelfen im Betrieb, vermutlich fremd war. Als ertragsorientierter Landwirt könnte man das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiese rings um die zauberhaft geschwungene Gose-Elbe also durchaus als Last empfinden, als Hindernis seiner täglichen Arbeit. Mathias Peters indes, einst ein Einserschüler und heute erstaunlich eloquent, für einen Handarbeiter, betrachtet es ganz anders. „Als Aufgabe.“

Was hier wächst und gedeiht, tut es folglich im Einklang mit der Natur, aber streng nach Effizienzkriterien. Seine 110 Rinder fressen nichts als Weidegras, sollen aber auch ihren Schlachtpreis bringen. Das Gemüse in den Gewächshäusern wie davor wird bei Befall schon mal gespritzt, ansonsten jedoch in Ruhe gelassen. Und Abertausende von Maiglöckchen auf der anderen Straßenseite werden kurz vor ihrem Namenstag von Hand gepflückt, gehen dann aber in den Export nach Frankreich. „Wer in Hamburg Landwirtschaft betreibt“, sagt Peters mit Filterzigarette im Mund, „kann nur in der Nische überleben“. Doch die müsse man schon marktgerecht füllen.

Dafür steht er täglich vor sechs auf, an Markttagen drei Stunden früher. Dafür kämpft er „an allen Fronten“, falls mal eine zusammenbricht, und lässt sich dafür von großen Bauern auch noch abfällig „Schreber“ nennen“. Dafür hat er allerdings auch ein Leben neben der Ackerkrume. Ein reetgedecktes Fachwerkhaus etwa, dass er vor zehn Jahren in Eigenarbeit luxussaniert hat. Eine Frau, die liebend gern ihren Job als Pflegerin dafür getauscht hat, nun in der Diele Petersilie zu zupfen. Und einen Sohn, der dem mütterlichen Rat, bald Abitur zu machen, mit großem Eifer widerspricht. „Der will Bauer werden“, sagt sein Vater und hat wieder seinen Kälbergeburtsblick. Bauer. Dieses Schützenfestwort.


Notwist, Kante, Pollyester, Hanni El Khatib

The Notwist

Es gibt Bands, die müssen bloß irgendwas machen, und sei es ein Album, schon geraten Fans in Extase. Sie kaufen blindlings, jubeln lauthals und tun exakt dasselbe, wenn sich alles Jahre später wiederholt. The Notwist ist so eine Band. Seit sie mit Neon Golden das Mashupgenre Indietronic prägte, sprengen die Gebrüder Acher diverse Regeln der Harmonielehre und machen aus diffusen Tonkaskaden feste Strukturen, die klingen wie Lieder. Auch das fünfte Album seit dem Wandel der Rocker zu Fricklern schafft diesen Transfer. Fast. Denn Messier Objects, logischerweise mit 1 bis 16 betitelt, strapaziert unser Abstraktionsvermögen mit zerklüfteten Klanghaufen, bis Das Spiel ist aus endlich The Notwists Kernkompetenz zeigt: digitale Flächen so mit analogem Instrumentarium zu vermischen, dass nicht nur wahre Fans niederknien. Auch die Objekte 1-16 sind beachtlich, verblüffend und liedhaft, aber doch eher strukturarmes Gespiel. Kein Wunder – entstammen sie doch überwiegend Theatervertonungen.

The Notwist – Messier Objects (Alien Transistor)

Kante

In diesen Kontext gehört auch das neue Album von Kante. Wer die zutiefst theatralische Band aus Hamburg in den 20 Jahren ihres Bestehens vorurteilsfrei gehört hat, hätte in den lyrisch verspielten Arrangements zwischen Postrock und Deutschpop wohl schon zu Hamburger Schulzeiten Soundtracks vermutet. Und wie zum Beweis des wahren Kerns dieser These, kompiliert das neue Album In der Zuckerfabrik nun tatsächlich Beiträge, mit denen das Quintett um Peter Thiessen Stücke von Dostojewski bis Brecht zwischen Wien und Berlin begleitet hat. Es sind sperrige Lieder allesamt, kontextgebunden und singulär: Mal ein Raunen wie Arioso der Shen Te, dann Gitarrenpeitschen wie Keine Wegspur, nichts zu sehen, ringsum Kammermusik, Freejazz, Songwriting, Pathospunk, Versmaß – ein Panoptikum wie das Theater selbst. Und nichts für nebenbei.

Kante – In der Zuckerfabrik (Hook Music)

Pollyester

Das zweite Album des Münchner Plastikpopduos Pollyester kann man ebenfalls unmöglich mit einem Ohr hören. Für Fahrstühle oder Leseabende ist City Of O. völlig ungeeignet. Die singende Bassistin Polina Lapkovskaja verarbeitet an der Seite ihres Schlagzeugers Manuel da Coll und Beni Brachtel, zuständig fürs Elektronische, aberwitzig konfuse Beats zu einer Art Trashdance, als wäre die Disko absurdes Theater. Irgendwo zwischen Las Ketchup und Kraftwerk, Chicks on Speed und Daft Punk blasen Pollyester einen funky slappenden Achtziger-Wavepop aus den Boxen, dass sich alle Gehirnzellen flugs in die Beine verkrümeln und dort gehörig austoben. Kultivierte Geister dürften da vor Schreck laut schreien. Niveauliebende Partypeople wohl eher vor Glück.

Pollyester – City Of O. (Disko B)

Hanni El Khatib

Eher umgekehrt dürfte es sich da bei Hanni El Khatib verhalten. Doch Klischeesucher aufgepasst: Das ist weder ein tunesischer Violinist noch arabesker Ethnopop, sondern ein singender Skateboarder aus San Franzisco mit philippinischen Wurzeln, der das Gegenteil von Klassik oder Weltmusik liefert und doch den Mainstream bedient. Mit ein paar zotteligen Beardos macht er zwar Rock im Stile der Siebziger, als sich jungen Muckern ohne Hang zur Glitzerhose kaum Alternativen boten. Obwohl wir das Jahr 2014 schreiben, ist jedoch auch sein drittes Album Moonlight nicht aus der Zeit gefallen. Was der schöne Frontmann selbst “Messerkampf-Musik” nennt, scheint nämlich eine anschlussfähige Garagenversion früherer Gitarrenverbände zu sein, die den Psychobeat der Stooges mit dem Desertrock von Tito & Tarantula im zeitgenössischen Alternative vereint und mit weinerlichem Gesang die Männlichkeit austreibt.

Hanni El Khatib – Moonlight (Innovative Leisure)

Mehr Pics’n’Files’n’Sound unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-02/the-notwist-kante-pollyester-hanni-el-khatib


Robert Palfrader: Metzger & Kaiser

Bisschen exhibitionistisch

In Österreich ist Robert Palfrader ein Star, bekannt von Bühne und Bildschirm, wo der 47-Jährige zum humoristischen Stammpersonal zählt.  Wer ihn allerdings hierzulande sehen will, muss schon im Netz suchen. Bei Youtube sind seine preisgekrönten Live-Audienzen Wir sind Kaiser Klickmillionäre. Jetzt holt ihn die ARD ins deutsche Programm, als Titelheld der Krimiverfilmung Metzger, wo Palfrader am 12. Februar erstmals einen ermittelnden Restaurator nahe Innsbruck spielt. Ein Interview über die Absurdität seiner Landsleute, den Schreiner in ihm selbst und warum er doch weder Wirt noch Arzt geworden ist.

Interview: Jan Freitag

Herr Palfrader, haben Sie Ulrich Seidels Film Im Keller über Österreicher und was sie in Ihrer Freizeit tun, gesehen?

Robert Palfrader: Nur Ausschnitte, aber ich bin mir des Aberwitzes darin bewusst.

Wie so oft in Kunst und Medien zeigt er Österreicher als spießbürgerliche Freaks, die auch Josef Haderer oder Manfred Deix persiflieren. Sind Sie wirklich alle so?

Teils schon, aber dieses Bild ist ubiquitär um den Erdball anwendbar. Solche Leute gibt es in Kuala Lumpur ebenso wie in Paderborn. Menschliche Schwächen eignen sich eben besonders gut, um an die Oberfläche gezerrt zu werden. Nehmen Sie Fargo von den Brüdern Coen – deren Figuren sind so wenig typische Amerikaner wie typische Niederösterreicher, kommen aber in beiden Ecken vor. Solche Filme machen einem das nur bewusst.

Wohnt dem österreichischen Menschenschlag dennoch etwas inne, was zur Persiflage oder Überzeichnung besonders taugt?

Sie scheinen das zu glauben, ich nicht. Vielleicht sind wir ein bisschen exhibitionistisch, allein weil wir noch einiges aufzuarbeiten haben.

Wir Deutschen auch.

Nur, dass Ihr fleißiger wart. Verglichen mit der Konsequenz, in der Deutschland entnazifiziert wurde, ist die österreichische Inkonsequenz geradezu beschämend. Einer wie Deix legt da zum Glück immer wieder den Finger in die Wunde, aber auch die Serie Braunschlag

In der Sie den Bürgermeister einer maroden Gemeinde an Tschechiens Grenze spielen.

Doch so typisch österreichisch die Erzählung auch erscheint, könnte sie ebenso gut in Bayern spielen und wäre dadurch nicht weniger wahrhaftig.

Könnte Ihre Figur des Restaurators Willibald Metzger, der im Raum Innsbruck Kriminalfälle löst, auch überall spielen?

Nein.

Braucht er denn die Alpen im Hintergrund?

Höchstens eine Kleinstadt, wo ist ziemlich egal. Da kommt sein emotional weidwunder Charakter am besten zum Tragen.

Ein neurotischer Charakter vor allem, sagt er doch zu Beginn, es gäbe eigentlich nichts, wovor er keine Angst hätte.

Das ist ein bisschen Koketterie, aber stimmt schon: Weil ihm manche Kante in die Seele geschlagen wurde, hütet er sich im sozialen Kontakt davor, nochmals gedemütigt zu werden.

Ist es eine fiktionale Figur oder kennzeichnet sie irgendetwas Typisches, vielleicht auch in Ihrer Persönlichkeit?

Was uns beide eint, ist bloß zweierlei: Ich trinke gern und bisweilen zu viel Rotwein. Und ich arbeite wahnsinnig gern mit Holz, deshalb habe ich bei mir zuhause auch eine eigene Tischlerei, in die ich mich zu selten, aber bei jeder Gelegenheit zurückziehe. Insofern ähneln wir einander doch noch in einem Punkt: Dieses Zurückgezogene, In-sich-Gekehrte suche auch ich in meiner Werkstatt, wo ich nur die Maschinen höre und das Holz rieche.

Wenn Adler Finger entwenden oder Kruzifixe auf Autos stürzen, beweist der Regisseur immer wieder seinen Hang zur Symbolik.

(lacht), da haben Sie sehr gut aufgepasst. Respekt.

Steckt die auch hinter Ihrem Job als Restaurator alter Holzgegenstände der Gegend?

Vermutlich, aber das müssen sie schon den Autoren fragen; ich bin nur die hirnlose Sprechpuppe des Autors.

Jetzt kokettieren aber Sie!

Gut, wenn ich als Hauptdarsteller am Set nicht anspreche, was schiefläuft, mache ich meinen Job falsch. Es ist daher meine Pflicht, auf Unebenheiten aufmerksam zu machen, wenn sich’s, wie man bei uns sagt, spööht.

Also sperrt?

Genau, wenn es in mir zu knirschen beginnt, muss ich das kundtun. So ein Dreh ist ja immer ein Miteinander, in dem man Einfluss nehmen muss, aber auch sagen können, ich weiß nicht weiter. Ein Satz übrigens, den ich mir von einem Politiker vor der Kamera wünschen würde.

Weil es der politische Gegner umgehend als Inkompetenz oder Schwäche auslegt!

Furchtbar! Dabei würde es die Glaubwürdigkeit doch eher steigern. Gerade Männern muss man noch immer oft erklären, wie stark Schwäche sein kann und umgekehrt. Ich lasse ja auch meine Frau autofahren, weil sie es einfach viel besser kann als ich. Dafür bin ich lustiger.

Und zwar mit eher feinem, fast stillem Humor, während große Teile des Publikums gern über die groben, lauten Dinge lachen.

Da widerspreche ich doppelt. Zum einen mache ich den Job seit mehr als 20 Jahren und habe eins gelernt: Unterschätzt die Zuschauer nicht! Sie sind klüger als wir alle denken. Zum anderen kann ich so auf die Kacke hauen, dass es bis Deutschland spritzt. Dennoch braucht die Figur des Metzgers keine lauten Töne. Damit sich die Zuschauer emotional an eine Figur binden können, muss es etwas zum Entdecken geben. Weniger ist mehr.

Ist das Ihre Humorschule?

Wenn es da überhaupt eine gibt, der ich bis an mein Lebensende vergebens versuche, gerecht zu werden, ist Helmut Qualtinger.

Den man hierzulande eher aus Der Name der Rose kennt.

Der aber ein brillanter Kabarettist war. Gerade, weil er in seiner Bissigkeit ungeheuer leise sein konnte.

Im Gegensatz zu Ihnen war Qualtinger aber auch noch Schauspieler.

In der Tat, das bin ich nicht. Ich bin ja nicht mal ordentlich ausgebildet, weder im einen noch im anderen Fach. Erste Berufserfahrungen habe ich mit 22 in meinem Wiener Caféhaus gesammelt. Mein elfjähriger Neffe meinte damals mit Blick zum Tresen, Onkel Robert, ist das deine Bühne? Und er hatte Recht! Die Bar war eine Art Methadon für meine eigentliche Berufung. Wie oft habe ich dort versucht, mit einem Satz möglichst viele Gäste auf einmal zu beleidigen. Manchmal ist mir das sogar gut gelungen.

Ihr Vater war Metzger. Wie ist er damit umgegangen, dass Sie erst Wirt, dann Witzbold geworden sind?

Wissen Sie, auch wenn er Fleischhauer war, war er in höchstem Maße bildungsaffin. In seinem Freundeskreis gab es fast ausschließlich Akademiker. Meine Eltern waren schlichte, aber kunstsinnige Leute, die prächtig mit meiner Auswahl umgegangen sind. Meiner Mutter wär es zwar lieber gewesen, wenn ich Beamter geworden wäre oder Arzt, wie es mein eigener Plan war, aber sie fand wie mein Vater alles toll, was ich gemacht hab. Selbst als Straßenfeger hätte sie gelobt, wie elegant ich den Besen schwinge. Wir haben so viel Aufmerksamkeit, Liebe und Respekt gekriegt – da konnten wir wenig falsch machen. Ich hätte alles werden können.

Und haben es bis zum Kaiser geschafft.

Sehen Sie!

Mit Wir sind Kaiser, wo Sie als Robert Heinrich I. seit 2007 Audienzen prominenter Landsleute auf einem prächtigen Thron abhalten, haben Sie es in Österreich zur echten Berühmtheit geschafft. Ist das anschlussfähig für den deutschen Markt?

RTL hat seinerzeit die Formatrechte vom ORF gekauft und mit ein paar Comedians getestet, aber leider nicht mit mir. Hah! Aber die haben das längst eingestampft. Andererseits ist die Resonanz auf 3sat und Youtube auch aus Deutschland riesig.

Wird der Metzger ihre Popularität da nochmals steigern?

Das würde mich immens freuen, aber um des Projektes, nicht um meiner selbst willen. Es geht mir gut auf dem österreichischen Markt. Ein Star zu werden ist nicht mein Antrieb.

Sondern was ist ihr Karriereziel?

Das sich meine Kinder ihr Frühstück selber machen, damit ich möglichst viel Zeit in der Tischlerei verbringen kann.

Wären Sie am Ende lieber Hand- als Kopfarbeiter?

Nein, ich liebe meinen Beruf, ich liebe mein Leben, glauben Sie mir: Ich stehe ich jeden Morgen grinsend auf.


Durch die Nacht mit … Polak & Haftbefehl

Provokateure unter sich

Kurz nach dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung schickte Arte den jüdischen Komiker Polak Durch die Nacht mit… dem kurdischen Rapper Haftbefehl. Das macht die 125. Folge der Reihe traurig und fabelhaft zugleich, weiterhin zu sehen in der Arte-Mediathek.

Von Jan Freitag

Und dann, ganz plötzlich, gibt es ihn doch: den ersten Moment annähernder Wahrhaftigkeit. Eine Dreiviertelstunde ist der deutsch-kurdische Rapper Haftbefehl schon im Auftrag von Arte Durch die Nacht mit… dem deutsch-jüdischen Standup-Komiker Oliver Polak gefahren, ohne dass einer das Rolltor der Selbstgerechtigkeit hinter dunklen Sonnenbrillen hochgefahren hätte. Das Begegnungsformat des Kulturkanals ist längst zum Entfremdungsformat mutiert – da macht der Humorberserker einen Religionswitz zu viel. Moschee, sagt er grundlos, „das klingt für mich immer wie Muschi“. Treffer!

Versenkt wird indes nicht der Gläubige mit Moscheebezug an Polaks Seite, sondern der Possenreißer selbst. Fast. Kurz nämlich erinnert Haftbefehls Seitenblick an die Posen seiner Videos, in denen er vor finsteren Ghettokids den Hurensöhnen, Bitches, Pussycats „Russisch Roulette“ androht. Wäre keine Kamera im Wagen – wer weiß, ob der Sprechsänger dem Antisemitismus seiner Texte nicht auch mal physisch ihren Lauf gelassen hätte.

Doch darum ging es Arte ja, als e die Jubiläumsfolge ihrer famosen Reihe so nah am 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung ausgerechnet mit einem jüdischen Berufszyniker und einem Gangsterrapper dieser Herkunft programmiert hat: Um Konfliktpotenzial. Seit Christoph Schlingensief 2002 mit Christian Thielemann zum Auftakt durch Berlin fuhr, gab es 125 solcher Nächte. Die Paare waren mal überraschend harmonisch wie Götz Alsmann und Roland Kaiser, mal überraschend disharmonisch wie Tom Schilling und Olli Schulz, mal einfach nur fehlbesetzt wie H.P. Baxxter und Heinz Strunk. Stets aber steckte auch in offensichtlicher Differenz ein Keim gegenseitiger Anziehungskraft.

Bis jetzt.

Denn Polak und Haftbefehl hassen einander von Herzen, das wird bereits klar, als ersterer letzteren an einem Frankfurter Imbiss mit Blumen begrüßt. Sie tun es allerdings gar nicht mangels Sympathie; schließlich teilen beide den Markenkern der Provokation um ihrer selbst willen. Nein – ihr Hass auf andere entsteht vor allem aus maximaler Selbstverliebtheit. Dummerweise ist auch sie bloß wieder Pose zweier Rampensäue, die jedes echte Gefühl unter der Coolness ihrer Pointen verscharren. Nur: genau das macht die Fahrt über Hessens Großstadtkieze und Rummelplätze ja so sehenswert. Gewährt es doch abgrundtiefe Einblicke ins Wesen männlicher Selbstfindung zwischen tradiertem Rollenklischee und modernem Anspruch.

Als Polak kurz vor Schluss seine Depression erwähnt, unterbricht ihn Aykut Anhan alias Haftbefehl mit „ich hatte auch schon Depris“, was allerdings weniger Ausdruck von dessen Ignoranz ist als von Polaks Sendungsbewusstsein, das mit der Scheinoffenbarung bloß das zugehörige Buch bewerben will. So bleiben die beiden Gefangene jenes Bilds, das sie zwanghaft von sich zeichnen zu müssen glauben, um sich der eigenen Identität zu versichern. Das ist zwar ziemlich deprimierend, aber auch ganz schön unterhaltsam. Außer für Polak und Anhan. Die wollen nur, dass es bald vorbei ist. Mit dieser Nacht.


Flachpappen & Zuchtstuten

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Februar

Die Berlinale ist ein Kinotreffen von Weltrang, das mit leichtem Hochmut herabsieht auf die Niederungen des Fernsehens. Genauer: herabsah. Denn die 65. Filmfestspiele von Berlin öffnen sich erstmals dem Bildschirm. In der Jury sitzt niemand Geringeres als Matthew Weiner, Erfinder der fabelhaften Mad Men und Autor vieler Folgen der Sopranos. Walther Whites schmieriger Anwalt kriegt nach dem Ende von Breaking Bad ein Prequel namens Better call Saul, das im Berliner Regelprogramm läuft. Ja, sogar die televisionäre Kreativitätsbrache Deutschland gebiert mit der ZDF-Krimiereihe Blochin etwas Stilvolles und bietet dafür in Gestalt von Jürgen Vogel sogar ein cineastisches Schwergewicht auf.

Dieser ambitionierte Bruch gängiger Sehgewohnheiten könnte mit etwas gutem Willen also durchaus rechtfertigen, was diverse Flachpappen am Flatscreen nicht vermögen: 1,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen, die die Öffentlich-Rechtlichen dank der neuen Haushaltsabgabe bis 2017 generieren dürften. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass unser Leitmedium damit auch dramaturgisch revolutioniert wird wie in Amerika, Skandinavien, England, ach – eigentlich überall. Aber mit zu wenig Geld kann man sich von Mainz bis München nun irgendwie nicht mehr rausreden. Und es scheint ja auch sonst, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden.

Seit Freitag zum Beispiel zeigt das ZDF alle sechs Folgen der gelungenen von Schirach-Verfilmung Schuld mit Moritz Bleibtreu als Anwalt aberwitziger Strafrechtsfälle vorab in seiner Mediathek und riskiert damit reale Quotenverluste bei der TV-Ausstrahlung zwei Wochen später. Doch was heißt riskieren: Irgendwie will das Stammpublikum mit anspruchsvollen Formaten abseits vom Tatort ja ohnehin nichts zu tun haben – sonst hätte die erste einigermaßen brüchige Kommissarin seit, ja, seit wann eigentlich?, nicht so wenig Zuschauer angelockt wie Melika Foroutan als Borderline-Ermittlerin Louise Boni Donnerstag im Ersten. Serienperspektive gescheitert, dürfte das wohl heißen, denn der Bergdoktor nebenan im Zweiten hatte locker die doppelte Zuschauerzahl. Wer nicht will, der hat offenbar schon.

0-FrischwocheDie Frischwoche

9. – 15. Februar

Und kriegt eben weiter Schonkost à la Tod eines Mädchens. Der ZDF-Zweiteiler wartet am Montag und Mittwoch zwar wie gewohnt mit exponierter Darstellerriege von Auer bis Ferch und Schönemann bis Kling auf. Die atmosphärisch dichte, aber zuweilen öde Lösung eines Mädchenmordes ist allerdings ein ziemlich plump zusammengeklautes Mashup aus Kommissarin Lund und der britischen Serie Broadchurch, die das beide jedoch tausendmal besser machen und dafür weder schöne noch berühmte Schauspieler brauchen, sondern einfach nur gute.

Dass man auch in der Konstellation ansprechend unterhalten kann, hat die ARD zumindest mal in einem Fall verstanden. Zum Auftakt einer Reihe Romanadaptionen des österreichischen Autors Thomas Raab schickt sie am Donnerstag Willibald Metzger und der Tote im Haifischbecken in die Primetime. Mit einem ermittelnden Restaurator in der alpinen Provinz, gespielt vom Wiener Kabarettisten Robert Palfrader, der auch nicht schön ist, aber brillant, was seine preisgekrönte Reihe ORF-Satire Wir sind Kaiser verdeutlicht, die es hierzulande trotz beißend komischen Humors teils deutscher Gäste natürlich nur ab und an mal zu 3sat schafft.

Auf Pro7 schafft es hingegen naturgemäß das, was in Serie zuletzt etwas vernachlässigt wurde: Superhelden. Am Dienstag (20.15 Uhr) startet auf dem Kaugummikanal die Verfilmung des legendären DC-Comicstars Roter Blitz, der in den USA als The Flash zum kleinen Straßenfeger wurde und das, wenig überraschend, mit viel Oberfläche und wenig Tiefgang. Doch, hey! – hier will ja niemand erklären, geschweige denn aufklären, hier geht es (wie im anschließenden Batman-Prequel Gotham) um nichts anderes als ein paar Stunden Kleinkind ohne Realitätsbezug zu sein. Also in etwa das, was bis zum Aschermittwoch noch karnevalistisch das Regelprogramm verunreinigt. Oder was Germany’s Next Topmodel ab Donnerstag auf Pro7 wieder mit Frauen, pardon: Mädchen tut, die von der geistig bemitleidenswerten Fastfoodfachverkäuferin Heidi Klum bereits zum 10. Mal zu sexistisch verwertbaren Zuchtstuten dressiert werden. Für Klamotten, deren Herkunft man sich so nebenbei am Freitag um 20.15 Uhr auf 3sat betrachten kann, wenn Edelmarken zum Hungerlohn zeigt, wie widerliche die Welt des Glamours wirklich ist.

Als Ablenkung taugen da allenfalls die drei Teile der französischen Kurzserie Nordkurve, die Arte am Donnerstag ab 20.15 Uhr hintereinander weg zeigt über einen Mord im Stadion einer fiktiven französischen Stadt, die am Beispiel des Fußballs den sozialen Niedergang ganzer Regionen beschreibt. Brillant gespielt und auch für Fußballferne ungeheuer spannend. Zur Ablenkung taugen aber natürlich auch die Tipps der Woche: In Farbe Robert Altman’s Last Radio Show, eine Ode an die Musik mit allem, was Hollywood kurz vorm Tod des Regisseurs 2006 zu bieten hatte (Dienstag, 22.25 Uhr, 3sat). Und in Schwarzweiß Auf Liebe und Tod, ebenfalls ein Letztwerk, allerdings von François Truffaut, der damit 1983 jenen Film Noir persiflierte, der ihn selbst zur Legende gemacht hatte.


Club-Mausoleum: Ernst-Merck-Halle

frumpy-2-540x304Schlägerei inklusive

Dritte Folge des Club-Mausoleums, in dem die freitagsmedien vertriebene, geschlossene, abgerissene, umgewidmete Institutionen der Hamburger Musikszene vergangener Jahrzehnte wieder auferstehen lässt. Diesmal: Die Ernst-Merck-Halle (Foto: Michael Laukeninks) im Karoviertel, gleich bei Platen un Blomen (1956-1986).

Von Jan Freitag

Wenn es um Coolness geht, gelten Eltern gemeinhin als Antithese, zumindest für Jugendliche. Was Eltern so machen, ja selbst was sie vor Urzeiten gemacht haben, als sie auch mal jung waren, ist per se Spießerkrams. Punkt. So weit die Regel. Kommen wir also zur Ausnahme. Ich war ungefähr zwölf, also klein genug, um die Worte meines Vaters vorbehaltlos für bare Münze zu nehmen, aber groß genug, um darauf keinen Pfifferling mehr zu geben, als er mir von etwas erzählte, das mich vor Ehrfurcht niederknien ließ: Papa habe, sagte er mit kaum sichtbar stolzem Grinsen zur vorbildfunktional ernsten Miene, einen Konzertsaal zerlegt.

Boah!

Regeln brechen, Stühle werfen, Fäuste schwingen, selbst gegen die angerückte Polizei, fuhr er fort. Das volle Randaleprogramm. Ein gewisser Bill Haley war 1958 nach Hamburg gereist, um aufzuführen, was meines Vaters Eltern als Ausgeburt der Hölle galt: Rock’n’Roll. Und weil dieser Satanist zeitgenössischer Jugendkultur die Massen anzog wie der Antichrist sündiges Fleisch, gab es seinerzeit nur einen Ort, der ihm gerecht werden konnte: Die Ernst-Merck-Halle. Benannt nach einem Pfeffersack mit sozialer Ader, der seiner Heimatstadt aus den sprudelnden Handelsquellen des väterlichen Unternehmens 100 Jahre zuvor an nahezu gleicher Stelle einen Zoo geschenkt hatte und auch sonst allerlei gönnerhafte Gaben.

Am Dammtor war das, dort wo später „Planten un Blomen“ entstand, eine ruhige Ecke damals, blumenumrankt, verkehrsarm, ländlich. Die verschnörkelt schöne Halle, in der schon damals – wenngleich ohne Stromgitarren – Konzerte klangen, wurde zwar im Krieg zerstört, doch ziemlich rasch wieder aufgebaut. Nun also stand mein Vater mittendrin und das Schicksal nahm seinen Lauf. Da Saalordner den Ordnungsbegriff an jenem Oktobertag ungleich enger auslegten als heute, verboten sie der aufgeheizten Menge, nein – nicht zu randalieren: zu tanzen! Die folgerichtigen Tumulte vom „Rock’n’Roll-Wahnsinn befallener Jugendlicher“, wie die Zeit damals indigniert schrieb, führten erst zum Abbruch, dann zur Massenschlägerei nebst Mobiliardemolierung. Konsequenz: 20.000 Mark Sachschaden. Elvis Presleys Absage, dem der Skandal offenbar die Hosen verfüllte. Außerdem ein legendäres Gebot von realsatirischem Ernst: Das Gestühl, stand fortan auf der Ticketrückseite, sei „nur als Sitzplatz zu verwenden“. Für Schäden aus „anderweitiger Benutzung“, habe der Besucher aufzukommen.

So war das damals, im größten Saal weit und breit. 6000 Leute, pro Quadratmeter einer, passten rein und noch viel mehr davor. Wo die St. Petersburger Straße nun das massive Verkehrsaufkommen an den mächtigen Messehallen vorbei zum mächtigeren Fernsehturm führt, durchschnitt damals ein besserer Feldweg das bewaldete Naherholungsgebiet. Rein äußerlich dürfte die betonklobige Kastenkonstruktion der neuen Ernst-Merck-Halle vor 60 Jahren daher nicht nur in den Augen erwachsener Besitzstandswahrer eine Anmaßung gewesen sein. Doch die aufblühende Jugend atmete auf: Endlich genug Platz für Superstars, der bis dato selbst im angrenzenden St. Pauli knapp war. Endlich ein Ort kollektiven Austobens!

Also wurde getobt. Und wie.

Wo Bundespräsident Heuß 1953 in aller Würde die weltwichtige IGA eröffnet hatte, sorgte „schon ein Louis Armstrong für erste Randale“, erzählt Messesprecher Karsten Broockmann lachend aus einer Chronik, die demnächst erscheint. Ausschreitungen beim betulichen Jazz-Onkel – das ging ja gut los… Und es ging so weiter. Gebucht auf Großereignisse war die EMH, wie man sie rasch nannte, ein steter Quell polizeilicher Überstunden. Die Beatles, AC/DC, Rolling Stones, The Who, Queen – wenn die Ikonen ihrer Zeit auftraten, ging es vor, während, nach dem Konzert hitzig zu. Vielleicht ja wegen der atomsphärischen Mängel.

Die Bühne war zu hoch, der Sound miserabel, das Ambiente trotz Empore und Baldachinen am Bühnenrücken eher Kuhhändlerhalle als Club. Im Sommer raubte das viele Ober-, Seiten-, Neonlicht viel Stimmung, im Winter alle Wärme. Und wenn die Halle mal schlecht gefüllt war, das durfte ich Mitte der Achtziger bei meinem einzigen Besuch dort erleben, als der großhallenuntaugliche Joe Jackson lustlos gegen die leeren Ränge anjazzrockte, glich ihre Aura allenfalls der Alsterdorfer Sporthalle. Turnmattenausstrahlung.

Dass die EMH 1986 abgerissen wurde, hatte aber ganz andere Gründe: bauliche, politische, wirtschaftliche, vor allem die. Der Messestandort wurde zu bedeutsam für kulturelle Befindlichkeiten. So sehr, dass am Ort des letzten innerstädtischen Konzerthauses dieser Größe nun ein fünfzehnstöckiges Messehotelmonster den Blumenpark samt Spielplatz gegenüber verschattet und auch sonst jedes Maß einer milieugerechten Bebauung sprengt. Mein Vater und seine halbstarken Rock’n’Roll-Rabauken würden der Lobby vermutlich mal einen Besuch abstatten. Ist vielleicht ganz gut, dass er das nicht mehr erleben muss.

Vorab veröffentlicht unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-12/ernst-merck-halle-hamburg-musikklub


Interview: Alex Empire/Atari Teenage Riot

Die volle Aufmerksamkeit

Alexander Wilke-Steinhof alias Alec Empire (42) ist seit bald 25 Jahren Kopf der digitalen Hardcore-Band Atari Teenage Riot. Mit Reset bringen die Berliner nun erst ihr fünftes Studioalbum heraus. Musikalisch erinnert es an die frühen Neunziger, inhaltlicher eher an die Gegenwart. Gespräch mit einem radikal linken Musiker, der selbst in der eigenen Szene polarisiert und seit jeher einen Sound macht, den man überall hören kann, aber gewiss nicht nebenbei.

 

Interview: Jan Freitag

 

freitagsmedien: Alec, euer neues Album heißt Reset. Welche Art von Neustart ist damit gemeint?

 

Alec Empire: Atari Teenage Riot war nie eine klassische Band mit fester Struktur, sondern stets eine Art Kollektiv, das sich für ein Album vereinigt. Insofern haben wir seit jeher andauernd Veränderungen vorgenommen, die einem Neustart gleichkommen. Diesmal ist mit MC Rowdy ein amerikanischer Rapper dabei und mit Street Grime erstmals auch jemand aus England, der eine ganz eigene Musikszene repräsentiert. Das hat auch den Sound stark verändert, also nicht nur die Vocals, sondern die Stimmung insgesamt.

 

Aber Neustart drückt ja noch mehr aus, als bloß einen Stimmungswechsel.

 

Deshalb fokussieren wir uns inhaltlich diesmal auch stärker auf Technologien, die unser Leben bestimmen und mittlerweile zusehends gegen uns gewendet werden können. Da muss ein grundsätzliches Umdenken, wovor wir explizit warnen. Wir malen noch kein Bild einer Mad-Max-Gesellschaft, weil wir die Dinge schon noch im Griff haben. Dennoch regen wir dazu an, unsere Hacker-Ideale früherer Tage extrem zu hinterfragen, auch in der Musik. Das ist für uns in der Tat ein Neustart.

 

Musikalisch dagegen scheint „Reset“ ein paar Schritte zu euren Ursprüngen zurückzugehen. J1M1 zu Beginn etwa erinnert mich an KMFDM und Underground Resistance.

 

Mit dem Einfluss von Underground Resistance – zumindest auf mich – liegst du richtig. Aber meine Drumprogrammings orientieren sich definitiv mehr am Detroit Techno als am Industrial. Das ist gerade in der elektronischen Musik ein Statement, da wir dem Erfolgspfad der EDM nicht weiter folgen. Wer uns in der Industrial-Ecke vermutet, versteht überhaupt nicht, wo wir herkommen.

Oh, vielen Dank!

 

(lacht) Na ja, Elektronik plus Gitarren ist noch längst kein Industrial. Unsere Energie ist einfach eine ganz andere als bei Nine Inch Nails oder KMFDM. Wir sehen uns näher am HipHop. Mit Public Enemy hab ich mich früher viel mehr beschäftigt als mit den Einstürzenden Neubauten. Es gibt bei Atari Teenage Riot eine DNA, die unangetastet bleibt, aber auf diesem Album fehlen zum Beispiel drei Elemente, die man gern mit uns in Verbindung gebracht hat – Gabba-Beats mit 200 bpm kommen ebenso wenig vor wie Breakcore oder Noise-Elemente. Außerdem setzen wir Texte anders ein.

 

Nicht mehr so parolenhaft wie früher.

 

Genau. Man muss uns nicht auf jeder Demo gleich verstehen. Die Leute haben mittlerweile eben Zugriff auf so viele Informationen, dass wir nichts mehr vereinfachen müssen. Das merkt man besonders beim Titeltrack. Es gibt also Parallelen zu den Anfängen, aber auch Brüche. Das könnte einige verwirren.

 

Gerade die, denen ihr den einst völlig unpolitischen Techno politisiert habt.

 

Das stimmt. Ohne Atari Teenager Riot würde elektronische Musik in der linken Szene schließlich nicht auftauchen, nicht in dieser Form zumindest. Techno auf einer Demo wäre 1992 undenkbar gewesen.

 

Seid ihr politisch denn noch die Gleichen wie damals?

 

Im Grunde schon. Es gab allerdings immer mal wieder Missverständnisse um unsere Position in der linken Szene…

 

Was auch immer das sein mag?

 

Wir kommen eher aus der anarchistischen Ecke, dass jeder sein Leben selbst bestimmen soll. Je mehr sich die Gesellschaft da raushält, umso besser. Das steht natürlich im krassen Gegensatz zur alten Linken, die eher mehr Staat wollen. Das Antifaschistische, Antikapitalistische, Antisexistische mag uns verbinden, aber nicht der Glaube an Autorität und Staat.

 

Hat ein Musikalbum wie dieses überhaupt konkreten Einfluss auf eure politischen Ziele oder ist das mehr so die angesprochene Energie?

 

In diesem Fall wird sich das noch zeigen, aber wir haben im Laufe der Zeit immer wieder Leute getroffen, nicht nur aus der Hacker-Szene, die von unserer Arbeit beeinflusst wurden. Das reicht von neuen Impulsen bis hin dazu, Selbstbestimmung neu zu definieren. Genau so sollte man Musik nutzen: nicht nur als passive Konsumenten, sondern aktive Nutzer. Genau da steuert die moderne Musikindustrie – Stichwort Spotify – mit der Konzentration auf wenige Sekunden statt ganzer Werke gegen. Auch von der befreienden Kraft des Internets haben wir uns mal mehr erhofft; da kriegen die lautesten Brüllaffen die meiste Aufmerksamkeit. Das muss man dauernd hinterfragen.

 

Andererseits brüllt euer sortiertes Chaos auch ganz schön aus den Boxen.

 

Aber ja nicht, um die lautesten zu sein, sondern die volle Aufmerksamkeit zu kriegen. Ich verstehe ja, dass es Musik geben muss, die im Hintergrund läuft. Wir können das nicht. So gesehen ähneln wir Filmen, denen man von Anfang bis Ende möglichst fokussiert folgen sollte, um sie wirklich zu verstehen.

 

In den Ohren Außenstehender bleibt Atari Teenage Riot dennoch vornehmlich infernalischer Krach. Hast du als Musiknutzer das Bedürfnis nach ruhiger Harmonie?

 

Absolut. Auch als Anwender. Ich mache ja wie alle anderen von Atari Teenage Riot noch diverse Nebenprojekte. Wenn ich zum Beispiel Filmmusik komponiere, muss man bestimmten Regeln folgen, aber eben stets nach dem Prinzip: Du musst die Regeln beherrschen, um sie zu brechen. Was mir seit jeher zuwider ist, sind musikalische Hierarchien. Deshalb sehe ich, um es mal ketzerisch auszudrücken, Beethoven und Miley Cyrus auf einer Ebene.

 

Oha, inwiefern?

 

Insofern als ich finde, dass Stockhausen nicht grundsätzlich höherwertig ist als, sagen wir: eine Schlagersängerin, so sehr ich ihn auch mehr schätze. Mir fehlt die Arroganz, zu sagen, irgendetwas in der Musik hätte mehr oder weniger Wert.

 

Alles eine Frage des Kontextes?

 

Sonst befindet man sich schnell auf der Ebene moderner Musikförderung, die einen Großteil ihrer Mittel in Klassik investiert, aber nie in Punkrock. Oder bei den großen Multimedia-Konzernen, die alles, was sich massenhaft verkauft, pushen und die Nische ignorieren.

 

Euch also. Reset ist aber in fast 20 Jahren auch erst die fünfte Platte von Atari Teenage Riot. Ist das bewusst selektives Veröffentlichen?

 

(lacht) Ach, das hatte viele Gründe, manchmal sogar persönliche. Wir sehen unsere Arbeit generell nicht so in der Abfolge von Alben. Wenn du dir anguckst, was wir sonst noch machen, sind wir zwischendurch sicher nicht dauernd in den Ferien. Diese Platte empfinden wir als Statement, das zu diesem Zeitpunkt Sinn ergibt, und nicht bloß eine Ansammlung von Tracks ist, sondern ein echtes Album. Wir sind ständig am Machen. Unabhängig von Platten.

Der Text ist vorab erschienen unter http://www.musikblog.com/2015/02/atari-teenage-riot-reset-das-empire-laermt-zurueck/