Kino: Kurt Cobain – Montage of Heck

Der Schmerzensmann

Brett Morgens Dokumentation Montage of Heck ist gewiss nicht der erste, aber beste Film über Kurt Cobain. Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Selbstmord schildert er sein Leben als Abfolge von Schmerzen und wirkt gerade dadurch ungeheuer heilsam. Ein vertonter Nekrolog mit vielen Comicsequenzen und noch mehr nie gesehenen Archivbildern. Grandios! 

Von Jan Freitag

Mütter sind ein Naturphänomen. Nicht wenige von ihnen halten bis tief ins Erwachsenenalter metaphysisch Kontakt zum Nachwuchs, als sei die Nabelschnur noch intakt. Mit gespenstischer Empfindsamkeit erspüren sie über große Distanzen hinweg das Seelenleben ihrer Kinder, riechen Ängste, wittern Gefahr, fühlen Sorgen und wissen Signale im Hochfrequenzbereich zielsicher zu deuten – selbst auf Musikkassetten. Als Wendy Elizabeth Fradenburg zum Beispiel vor 25 Jahren eine ihres Sohnes hörte, das wusste sie gleich mehr als bloß zu ahnen: „Schnall dich an, Kurt, denn darauf bist du nicht vorbereitet.“

Das allein wäre nun keine aufsehenerregende Interpretationsleistung, hieße der picklige Junge von damals 23 Jahren nicht mit Nachnamen Cobain und das schlichte Demotape in Mamas fürsorglicher Hand Nevermind – kurze Zeit später die wohl berühmteste Schallplatte des Rock vom wohl berühmtesten seiner Antihelden. Und Mama Cobains Antennen behielten recht, denn ihr kleiner Kurt schnallte sich nicht an. Im Gegenteil: er ließ sogar die Fahrertür offen, ignorierte alle Verkehrsregeln, pfiff auf Promillegrenzen und raste mit Vollgas in die Mauer seines eigenen Kreisverkehrs.

Mit welcher Wut er das tat, mit wie viel Eifer und was für einer Energie – das zeigt ein Film, den besser niemand sieht, in dessen Träumen Kurt Cobain ein Engel im Grungehimmel bleiben soll. Einerseits. Den andererseits unbedingt – keine Bitte, ein Befehl! – jeder sehen sollte, für den Musik nicht nur das Abspielen vorgefertigter Tonabfolgen ist, sondern Teil eines Gesamtkunstwerks, mehr Organismus als Sound, komponierte Persönlichkeit. Montage of Heck heißt diese Dokumentation. Es ist bei weitem nicht der erste übers Leben, Sein und Sterben des leidgeprüften Genies aus Aberdeen/Washington, aber die weitaus beste. Benannt nach Kurt Cobains erster Proberaum-MC, deren Titel ahnen lässt, was das künftige Idol einer ganzen Generation auf sich zurollen sah: Installation der Hölle.

Durch die reist Brett Morgen hindurch, vom fröhlichen Anfang bis zum bitteren Ende, atemlos, gnadenlos, kein Horrortrip, aber ein wilder Ritt. Nachdem der vielfach preisgekrönte Regisseur mit Boxern in der Bronx bereits Menschen porträtiert hat, die ihr Leben lang unten bleiben, mit den Rolling Stones aber auch solche, die zeitlebens aufwärts streben, widmet sich Cobains fast gleichalter Landsmann nun einer Figur der Zeitgeschichte, die wie eine Flipperkugel zwischen Decke und Boden des Daseins flottiert.

Streng chronologisch geht Morgen dem Objekt seiner Kamerabegierde auf den Grund. Angefangen mit grisseligen Schmalfilmaufnahmen einer spießbürgerlich behüteten Jugend im Nordwesteck Amerikas, arbeitet er sich peu à peu übers anschwellende Teenager-Desaster vor zu den ersten Gehversuchen als Musiker, die vorbei am höllischen Demotape scheinbar geradlinig auf den Olymp des Rock’n’Roll führen, bis er von ihm runter stürzt, depressiv und drogensüchtig, Flinte im Mund. Exitus. Doch es ist das Verdienst des Autors, fast ein Geschenk an faszinierte Beobachter wie innige Fans, dass er nie formalistisch gerät. Sein Gradmesser dieser totgeweihten Existenz ist weder Sieg noch Niederlage, sondern Schmerz: Des Scheidungskindes, Geborgenheit zu suchen und gleichsam zu verachten. Des Künstlers, Erfolg zu wollen und zu fürchten. Des Workoholics, faul zu sein und ehrgeizig. Des Familienvaters, Liebe zu geben und zu zerstören. Des Gottes, Hitze zu spenden, aber auszubrennen.

Schmerz, das lehrt uns die Pophistorie, ist ein steter Begleiter des Ruhms. Zumindest für alle, die schnell genug leben, um jung zu sterben, wird er vom Leid begleitet wie ein Südstaatenbegräbnis. Das belegt nicht zuletzt der legendäre Klub 27, dem zuletzt die physisch wie psychisch zerschlissene Amy Whinehouse beitrat. Das belegen mehr noch jene Zeitgenossen des Vereinsgründers, die Brett Morgen vors Objektiv kriegt. Sein erstaunlich biederer Bassist Krist Novoselić, der mit ratloser Mine vom täglichen Kampf des Bandhirns mit sich und seinen Dämonen erzählt. Ein erstaunlich offener Vater, der den jungen Kurt als hyperaktives Ritalin-Depot schildert. Dazu, erstaunlich aufgeräumt, Courtney Love, die den Traum ihres Mannes zitiert, drei Millionen verdienen zu wollen „und dann Junkie zu werden“. Und nicht zuletzt sein Träumer selbst, der auf dem Weg dorthin beteuert, alles dafür zu geben, seine chronischen Magenschmerzen loszuwerden, aber Angst habe, „ohne sie weniger kreativ zu sein“. Der in grotesk intimen Heimvideos Einblicke ins Innerste seines Daseins gewährt und doch oft direkt neben sich steht – mal angewidert, mal selbstverliebt, oft erstaunt vom aberwitzigen Kerl an seiner Seite.

Um beide zu illustrieren, Realität nebst Trugbild, verdichtet Brett Morgen das vielfältige Archivmaterial aus allen Phasen seiner 27 Jahre mit virtuosen Comic-Passagen, lebenden Skizzen und periodisch verblassendem Bildschirm über Nirvanas variiertem Soundtrack. All dies macht Montage of Heck zum gefilmten Zerfallsprozess, der niemanden schont und jeden bereichert – Cobain, sein Umfeld, die Zuschauer, sie vor allem. Anschnallen bitte!

Montag of Heck läuft für kurze Zeit in ausgewählten Kinos wie dem Cinemaxx; mehr Pics’n’Sound’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-04/cobain-montage-of-heck-film

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