Das Dienstagsgeheimnis

fragezeichen_1_Nachrichtensprecherinnensträhne

Davon abgesehen, dass kurzhaarige Nachrichtensprecherinnen offenbar illegal sind – warum hängt ihnen dann stets eine Haarsträhne links über die Schulter?

Es gab mal eine, bei der hätte das nicht geklappt mit der zeitgenössischen Frisurenuniform im medialen Informationsvermittlungswesen: Dagmar Berghoff. Dafür hatte La Grande Dame der Tagesschau schlicht den falschen Schnitt. Akkurat lag er kurzgewellt am Kopf wie Serepentinen im Hochgebirge. Damals, die Achtziger, eine betonfrisierte Zeit. Aber heute? Haben Nachrichtensprecherinnen zumindest im Ersten seit Susann “Bacall” Stahnke die Haare schön lang, wobei eine Hälfte rechts hinterm Schulterblatt hängt, die andere links vor der Brust. Seltsam. Aber erklärbar.

Meint jedenfalls Linda Zervakis, gesegnet mit dem dunkel-dichten Bewuchs ihrer griechischen Ahnen. Damit die Matte nicht am Mikro scheuert, erklärt das neue Nachrichten-Gesicht seine Strähnenjustierung, müsse sie halbseitig sichtbar sein. Wobei da doch ein paar Fragen bleiben. Warum nicht (sorry, liebe Antifa) mal rechts vor links? Warum nicht alles hinterrücks oder, ein radikaler (fast schon der ZDF-Kolaboration verdächtiger) Vorschlag, einfach mal Haar ab wie bei Margit Slomka?

So weit kommt’s noch, bei der bürokratischen ARD, wo Adenauer unverdrossen durch die Gremien hustet! Also gibt‘s nur eine Erklärung für die Unwucht: Mit der freien Schulter symbolisiert die Welterklärerin den männlichen, vulgo seriösen Teil ihrer Rolle; mit der bedeckten den femininen, vulgo anlehnungsbedürftigen. Soll ja keiner denken, Emanzipation reiche bis ins bürgerliche Hamburg-Lokstedt. Da könnte nachrichtenfrau gleich Jackett ohne T-Shirt drunter tragen.

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Stimmenbruch & Nachtspielzeiten

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

10. – 16. August

Nachrichten sind ein knallhartes Geschäft. Gerade in Krisenzeiten wie diesen bedarf es einer gehörigen Portion Distanz, um im Wellenbad katastrophaler Neuigkeiten nicht Schaden zu nehmen an der Nachrichtensprecherseele. Umso rührender war es vorige Woche, Klaus Kleber zu beobachten, wie ihm angesichts einer seltenen Nachricht über echte Willkommenskultur für Flüchtlinge in Deutschland die Stimme brach. Langsam, aber hörbar, vor allem: spürbar. So viel Mitgefühl ist selten, im knorrigen Metier täglicher News.

Das Klebers ebenso empathische ZDF-Kollegin Dunja Hayali übrigens zeitgleich vom Spätabend zurück ins nette, aber belanglose Frühstücksfernsehen schickt. Vier Wochen lang bot ihr Donnerstalk eine frische Abwechslung zum Gesprächseinerlei von Jauch bis Illner, jetzt dürfen die Platzhirsche wieder ran. Hoffentlich kommt die sympathischste Stimme des Informationswesens bald zurück ins Rampenlicht.

Aus dem die geistig schlichten, aber bestens verdienenden Auto-Reporter um den britischen TV-Star Jeremy Clarkson fast verschwunden waren. Hofften zumindest alle Menschen mit höherem IQ als ein Kleinwagen PS hat. Nun aber kehrt der gefeuerte Moderator des Automagazins Top Gear auf den Bildschirm zurück. Angeblich bietet ihm Amazon Prime für 36 Folgen einer Online-Show umgerechnet 250 Millionen Euro, also gut sechs Millionen pro Folge. Das sind Dimensionen weit jenseits von denen des Fernsehens und belegen irritierend, auf welche Konkurrenz es sich künftig einzustellen hat.

Bleibt abzuwarten, wie die Platzhirsche darauf reagieren. RTL2 zum Beispiel zerrt ab Montag nach drei schönen Jahren Pause das einst florierende Pro7-Produkt Popstars aus der Grube, die vor 15 Jahren unterm Regiment von Detlef D. Soost eine Band namens No Angels hervorgebracht hatte. Ob die „Mutter aller Castingshows“ nach dem Ende des Genre-Booms noch funktioniert? Na ja…

0-FrischwocheDie Frischwoche

17. – 23. August

Da schauen wir uns doch lieber an, was wirklich ernst zu nehmendes Fernsehen so im Angebot hat. Vorweg: Gar nicht wenig. Wenngleich natürlich wie so oft fern der Wahrnehmbarkeit. Das ZDF etwa versteckt sein preisgekröntes bulgarisches Drama Die Lektion nach realen Begebenheiten um eine kriminelle Lehrerin, die ihre Schüler gleichzeitig vorm Verbrechen warnt, heute eine knappe halbe Stunde nach Mitternacht. Nochmals 20 Minuten später läuft am Mittwoch Die Elbphilharmonie, eine entwaffnende Doku über Hamburgs teuerste Baustelle, die ihre Kosten auf fast eine Milliarde vervielfacht hat. Tags zuvor kriegt Stefanie Schoeneborns und Christiane Hoffmanns äußerst aktuelle Doku Der Buchhalter von Auschwitz über den grad beendeten Prozess gegen SS-Mann Oscar Gröning zwar eine akzeptable Sendezeit (19 Uhr), aber einen abseitigen Sendeort (ZDFinfo).

Und dreieinhalb Stunden später bleibt für Steven Soderberghs hochgelobte Serie The Nick mit Clive Owen als drogensüchtiger Arzt eines New Yorker Krankenhauses Rassismus, Hygienedesaster, Ärztepfusch und Hierarchie-Irrsinn im Jahr 1900 der Schwesterkanal Neo. Wo im Übrigen auch Jan Böhmermanns grandioser Satire-Talk Magazin Royale am Donnerstag (22.15 Uhr) aus der Sommerpaus zurückkehrt.

Etwas besser hat es Nachspielzeit: Das leichtfüßige, aber authentische Drama vom Brennpunkt Neukölln übers Scheitern der Integration zwischen Besitzstandsdenken und Gentrifikation im Fußballmilieu zeigt der immerhin eingeweihten Kreisen bekannte Kulturkanal Arte am Freitag um 20.15 Uhr. Bemerkenswert an dem sehenswerten Film besonders: Mehmet Atesci als junger Deutschtürke, der sich mit Nazis und Investoren anlegt. Apropos Investoren: Am Montag läuft die nächste Runde im öffentlich-rechtlichen Dauersponsoring vom FC Bayern, dessen Benefizspiel gegen Dresden ab 17.40 Uhr übertragen wird. Danke ARD.

Danke Arte! Für die Wiederholung der Woche, in Farbe: Die durch die Hölle gehen, Michael Ciminos Meisterwerk von 1978 über zwei Jäger (Christopher Walken, Robert de Niro) im Vietnamkrieg (Sonntag, 20.15 Uhr). Und in schwarzweiß, Montag um 20.15 Uhr: der Defa-Klassiker Das Beil von Wandsbek von 1951 über einen Hamburger Schlachter, der aus Geldnot zum SS-Henker wird. Keine Anklageschrift, sondern einfühlsames Psychogramm.


Spechtl, Ratatat, Author & Punisher

Sleep

Andreas Spechtl ging es noch nie um Verständnis und Konsens, gar Beifall oder Lob – weder als Experimentalrocker im Burgenland noch als Herz der verkopften Progpop-Band Ja, Panik im Berliner Exil und erst recht nicht im Projekt Sleep, mit dem er die Suche nach Wohlklang im Duktus der Dissonanz zugleich verfeinert und vergröbert. Auch auf seinem selbstbetitelten Solodebüt erweist sich der Österreicher als Jäger und Sammler eines Sounds, dessen Zusammensetzung kaum einer Harmonielehre folgt, aber seltsam einträchtig klingt.

Sinneswach und neugierig schleicht er barfuß durch die „Polyrhythmik unserer Biospähre“, um herumliegende/fliegende/stehende Töne zu ertasten, die seinen Vorstellungen musikalischer Haptik genügen. Kompiliert zu acht flächig arrangierten Liedern gehen da gleich zum Auftakt gewittrige Trompetenschauer über sommerlich weiche Basswiesen nieder, die Spechtls Stimmwatte in englischer Sprache auf fortan mal mit irritierenden Saxophonfetzen, mal eklektischem Field-Recordings den Flausch aufrauen. Spechtls Welt der Kakophonie, zu schön um schief zu sein.

Sleep – Sleep (Staatsakt/Caroline)

Author & Punisher

Was Tristan Shone als Author & Punisher zur neuen Platte Milk en Honing verlötet, ist demgegenüber zu schief, um schön zu sein. Unterlegt vom fatalistischen Gebrüll des (auch mal ganz schön) chronisch übellaunigen Kaliforniers scheppert da acht überdehnte Tracks lang Stahl auf Stahl, Stromgitarre auf Verzerrungsfuror, Fabriksample auf Urknalldröhnen, dass man für die passende Atmosphäre auch am Strand von San Diego liegen könnte – selbst Shones sonnige Heimat würde beim Klang dieser Platte darker wirken als jeder Strobokeller. So weit so stumpf? Mitnichten!

Wie den Alben zuvor wohnt auch Nr. 6 die sonderbare Magie des brachial Unzugänglichen inne, das viele Schranken ins Gemüt überwindet. Author & Punisher, der nicht ohne Grund beim Label des Grölmetallers Phil Anselmo erscheint, entwickelt ein Volumen, das den selbstreferenziellen Materialtests des Industrial fast schon Liedstrukturen verpasst. Man muss nicht schlechter Laune sein, um das zu ertragen, man kann sogar bester Laune sein, ohne sie beim Hören einzutrüben. Ein kleiner Dachschaden wäre indes ratsam; Normhörgewohnheiten sind hier ja fehl am Platze.

Author & Punisher – Milk en Honing (Housecore Records)

Ratatat

Mit Hörgewohnheiten ist das allerdings so eine Sache. Wer etwa hätte im Rückblick gedacht, dass eine Band, die bald darauf Stadien jeder Größe füllte, ausgerechnet mit Aberwitz der Art von Bohemian Rhapsodie zum Durchbruch käme? Außer Ratatat wohl keiner. Die zwei Kalifornier bewegen sich ja äußerst erfolgreich in Queens musikalischem Ideenkosmos – und das trotz ihrer Jugend noch nicht mal mit den Mitteln von heute.

Unterstützt durch prähistorische Verstärker, Vintage-Gitarren und dem spinettartigen Orgelsound aus Freddy Mercurys Jugend zaubert das New Yorker Duett eine Sinfonie des Indietronic aufs neue Album, die sich an tollen Vorbildern dieser verspielten Mashup-Variante des digitalen Pops messen lassen darf. Französische Frickelgiganten von Air bis Phoenix suppen frontal in Magnifique hinein, das kindliche Genie von Retro Stefson oder Vampire Weekend zudem seitlich, alles überlagert von Krautrock, Queen und allem, was die Siebziger zu geben haben. Jeder Track ist ein Mixtape verknallter Schüler beim Balzen um die Schönste im Klassenraum der Popmusik. Zum Tanzen, Wippen, Verlieben.

Ratatat – Magnifique (Because Music)


Interview-Classics: Phil Collins

Warum diese Eitelkeit?

Zum Geburtstag seines Musicals Tarzan ist Phil Collins (Foto@Stage Entertainment) mit seinen zwei jüngsten Söhnen nach Hamburg gekommen, um mal nach dem Rechten zu sehen. Fünf Jahre später zeigen die freitagsmedien das Gespräch über Männlichkeit, Selbstwertgefühl, Körperkult, leichte Musik und sein erstes Schlagzeug.

Interview: Jan Freitag

Phil Collins: Sie sind ja ganz außer Atem. Sind Sie gerannt?

Nein, ich hatte gerade ein Fußballspiel.

Als Spieler? Gewonnen?

Ja, 3:2, aber das ist unterste Amateurliga in Hamburg. Hat Ihr Team gewonnen, die Tottenham Hotspurs?

Sicher, sie haben gestern Portsmouth 2:1 besiegt, aber ich bin nicht mehr so ein Fan der Spurs wie früher. Das war eher Teil meiner Jugend. Als ich von Nord- nach Westlondon gezogen bin, wechselte ich zu den Queens Park Rangers und später, als ich viel mit den Genesis unterwegs war, wurden wir Freunde von Liverpool, die gestern unglücklich verloren haben. Ich verehre eher gutes Spiel wie jetzt von Manchester United, so wie meine beiden Jungs, sie sind große Fans von Rooney und Ronaldo. Richtig glühende Fußballleidenschaft hat viel mit dem Alter zu tun.

Und dem Geschlecht.

Selbstverständlich.

Wollen wir über Männlichkeit sprechen?

Warum nicht.

Hat Sie eine Relevanz für Sie als Mann?

Ich nehme Sie als Tatsache hin.

Sind Sie eher ein physischer oder ein intellektueller Typ Mann?

(lacht) Tja, ich bin wohl nicht gebildet genug, um wirklich ein intellektueller Kerl zu sein. Aber davon abgesehen war ich früher deutlich körperlicher als heute. Schlagzeugspielen ist eine ungemein physische Angelegenheit, weitaus mehr als viele andere Instrumente, vom Komponieren ganz zu schweigen. Aber selbst, wenn ich mich in früheren Jahren hingesetzt habe, um zu schreiben, war das etwas völlig anderes im Vergleich zu heute. Damals war ich sogar beim Nachdenken eher physisch, heutzutage überdenke ich meine Physis permanent auf eher intellektuelle Weise.

Ist das ein natürlicher Reifungsprozess?

Auch, sicher. Je älter man wird, desto mehr neigt man zur Analyse menschlichen Verhaltens – das der anderen, idealerweise aber auch des eigenen. Man versucht sich wie seine Mitmenschen zu mäßigen, man verliert an Temperament und Spontaneität. Der Geist siegt in gewisser Weise über den Körper.

Wie würden Sie Ihren Körper beschreiben?

(lacht) Gebraucht. Früher erlangte ich meine Fitness auf der Straße, auf Tour, unterwegs. Heute definiere ich meine Erscheinung viel weiter entfernt von Muskeln, Physis, Form. Ich bin nicht so fit wie ich mal war – und sein sollte (lacht).

Haben Sie als Schuljunge geträumt, eins der Sportasse zu sein?

Nicht wirklich. Als ich 13 war, ging ich ja zur Schauspielschule – mit elf Mädchen, außer mir nur noch ein anderer Junge. Sie können sich vorstellen, dass es eine großartige Zeit für mich war. Außerdem spielte ich damals schon sehr lang Schlagzeug, ich habe mit vier, fünf Jahren begonnen und das war ebenso wie Gitarrespielen eine ziemlich coole Sache.

Musik war also keine jugendliche Therapie zur Verbesserung Ihres Selbstbewusstseins.

Nein, ich habe darüber noch nie viel nachgedacht, es sei denn, man fragt mich konkret danach wie Sie jetzt. Trotzdem hat es mein Selbstbewusstsein natürlich gestärkt, als positiver Nebeneffekt. Aber dass ich überhaupt Schlagzeuger wurde, war totaler Zufall. Ich wurde 1951 geboren, die Nachkriegszeit, alles war knapp und man bekam zum Geburtstag einen Spielzeugsoldaten, ein Spiel, einen Fußball, keine ganze Kollektion von Star-Wars-Figuren, Gameboys, Spiele, von allem reichlich. Und ich hab eben ein Schlagzeug gekriegt.

Weil Ihr Vater Drummer war?

Ehrlich – keine Ahnung warum. Ich weiß noch, wie mir die Kinnlade runterklappte, aber meine Schwester war Eisläuferin, mein Bruder Cartoonist, also standen wir in gewisser Weise am Rande des Showgeschäfts, mehr steckt nicht dahinter.

Gerade darin entsprechen sie nicht dem gängigen Typus des Popstars. Hatten Sie je Probleme mit der Selbstachtung?

Im Alter langsam schon (lacht). Wenn ich in einer Bank arbeiten würde, wäre das viel wahrscheinlicher, aber in meinem Business ist das etwas schwieriger zu beantworten. Aber nein, glauben Sie mir: Ich hatte nie schlaflose Nächte wegen mangelnder Selbstachtung, war jedoch immer (überlegt lange) … sehen Sie, je öfter man liest, dass man nicht wie ein traditioneller Popstar aussieht, dass man sich optisch von den Ansprüchen dieser Branche und ihrem Publikum unterscheidet, dann beginnt man irgendwann, darüber nachzudenken und gerät in Gefahr, tatsächlich an Selbstwertgefühl einzubüßen. Ich hatte also lange Zeit keine allzu hohe Meinung von meinem Äußeren, aber das bezog sich nur auf den Abgleich mit dem öffentlichen Bild von mir.

Sie haben es nicht zu einem Problem gemacht?

Niemals. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mir die Maskenbildner in den Achtzigerjahren, als ich zu einer öffentlichen Person wurde, wegen meines schütteren Haars ständig aufwändige Haarbehandlungen aufzwängen wollten, bis ich fast wie ein Plüschtier aussah. Das hab ich ziemlich schnell abgelehnt, weil es nicht nur albern aussah, sondern auch mehr gestört hat als Unperfektion aus Sicht der Popindustrie und zeigte mir, dass mein Aussehen andere offenbar weitaus mehr gestört hat, als mich selbst. Ich bin ein Schlagzeuger und es ist Musik, versehen Sie? Rod Steward hat sich herausgeputzt, wenn er den vorderen Bühnenrand betrat, ich habe mich herabgeputzt wenn ich an den hinteren Bühnenrand ging. Jetzt, als Musical-Komponist, verschwinde ich ganz dahinter. Also warum die Eitelkeit? Vor 30, 40 Jahren haben die Menschen in der Musikbranche weniger über so etwas nachgedacht als heute.

Jetzt malen Sie sich die Vergangenheit schön.

Nein, wenn man eine zu große Nase hatte, hielt man sie eben nicht in die Mitte des Plattencovers. In den letzten 20 Jahren hat das Image in allen Bereichen eine größere Bedeutung gewonnen. Überhaupt waren Musiker auf Schallplatten seltener, mal abgesehen von den ganz großen wie den Stones. Es war eine symbolischere Zeit.

Sie waren auf all ihren Soloplatten so groß zu sehen.

Aber doch so groß, dass ich kaum hineinpasst, weil es so ungeheuer persönlich war, was ich verarbeitet habe. Face Value zum Beispiel, mein erstes Soloalbum, war die Verarbeitung meiner Scheidung und allem, was damit zu tun hatte, eine düstere Zeit, aber auch eine produktive. Und darum geht es doch in der Musik: Gefühle hineinzulegen und auszudrücken. Darum musste man auch meinem Gesicht so nah wie möglich kommen können. Auf No Jacket Required ging es mir dann wieder besser, also wurde das Cover farbig. Bei Hello I Must Be Going hatte ich neue Perspektiven, also blickte ich zur Seite. Es sind Stimmungsbilder.

Bei denen auffällt, dass sie im Laufe Ihrer Karriere immer unkomplizierter werden, verglichen mit den Anfängen bei Genesis.

Das kann schon sein, aber die Vertracktheit von Genesis war auch der Ausdruck seiner Zeit wie jede Musik, die man macht. Ich komponiere nicht mehr viel, aber eines der fünf Lieder, die ich in der letzten Zeit geschrieben habe, klingt für Außenstehende womöglich simpel – nur ein Klavier und ich. Aber gerade diese Reduktion macht es unheimlich komplex, weil der Kopf sich mehr dazu mehr eigene Bilder erstellen muss.

Dennoch gilt das Musical als besonders unkomplizierte Musikrichtung.

Sicher, Tarzan ist massentauglich, aber ich betrachte es auch mehr als ein Projekt, um meiner Abkehr von der Popmusik eine konkrete Richtung zu verleihen.

Der Held ist eine ungeheuer physische Figur. Welche Relevanz hat sie in unserer Zeit?

Das ist eigentlich ein Missverständnis von Edgar Rice Burroughs Roman. Unser Bild von Tarzan ist geprägt durch frühe Cartoons, die Filme mit Johnny Weissmüller, wo die Figur muskelbepackt, stark und impulsiv ist. Als wir für sie für das Musical in New York, Holland oder Hamburg gecastet haben, suchten wir einen eher zerbrechlichen Typ, kein Produkt täglicher Workouts im Fitnessstudio. Genau solche aber haben sich massenhaft beworben, weil das dem Bild von Tarzan entspricht, aber auch dem des Durchsetzungsfähigen in der Wildnis. Wir wollten aber das genaue Gegenteil, eine stinknormale Person.

Wie Greystoke.

Genau, Christopher Lambert, eine der wenigen realistischen Adaptionen. Ein Charakter, der seine Kraft eher aus dem Geist schöpft, den Körper aber dennoch im Rahmen seiner Möglichkeiten einsetzt. Das ist gegenwärtig doch die viel zeitgemäßere Eigenschaft. Deswegen passt Tarzan je nach körperlicher Ausgestaltung in jede Zeit, es geht ums Überleben im  Dschungel, ob aus Pflanzen oder Beton. Physische Stärke ist heutzutage doch eher Accessoire als Grundlage.

Stört Sie die enorme kulturelle Bedeutung von Körper, Form, Schönheit da umso mehr?

Absolut. Und zwar auch aus eigener Erfahrung, ihr nicht gerecht werden zu können. Es gibt zwar bestimmte Genres, in denen es völlig okay ist, wie Pete Doherty auszusehen (lacht), aber meistens wird doch ein ganz anderer Typ erwartet. Vor allem Frauen werden unsäglich auf ihren Körper reduziert. Je höher die kommerziellen Erwartungen an sie sind, desto stärker repräsentieren sie den Venus-Typ – in der Werbung, in Filmen, der Musik. Die Gesellschaft erwartet es von ihnen und weil die Protagonistinnen dieser Erwartung gerecht werden wollen, wird sie immer weiter verfestigt. Es ist ein Teufelskreis.

Dem nur wenige entrinnen wie die Schauspielerin Tilda Swinten.

Ja, so was ist äußerst selten. Diese körperliche Stilisierung des Perfeken zerstört die Selbstachtung vieler Menschen und hat Auswirkungen bis in Bereiche, wo es eigentlich keinerlei Relevanz haben sollte. Ein Politiker mit dem Auftreten eines Winston Churchill ist zumindest in England heutzutage kaum noch denkbar. Ich will gar nicht sagen, dass Bill Clinton oder Tony Blair keine guten Politiker sind, aber beide haben die Standards für äußerliche Sekundärtugenden des smarten Repräsentanten enorm erhöht. Bei einem Churchill hat das gesprochene und geschriebene Wort das Image geformt, heute ist es eine jugendliche Ausstrahlung im gereiften Körper. Unsere politischen Führer sehen – mal abgesehen von Gordon Brown – alle gleich aus, nicht grad Yuppies, aber doch kreierte Images. Es sind Verkäufer.

Und die Wähler Konsumenten.

In der Tat. Unser gesamtes Umfeld ist doch Ergebnis einer einzigen großen Verkaufsstrategie: Selbst untere Einkommensschichten haben zwei Autos, Flatscreens in jedem Zimmer, alles ist ein einziges großes Wollen, das andere so neidisch macht, bis sie die Ansprüche noch höher schrauben.

Sie haben keine zwei Autos und Flatscreens in jedem Zimmer?

Nein, ich habe ein fünf Jahre altes Auto, und Sie wären überrascht wie klein mein Haus ist. An einer Straßenecke eines kleinen Dorfes in der Schweiz. Gut, ich habe noch ein Appartement in New York, das ich mir nach dem Start von Tarzan zugelegt habe, aber auch aus dem Grund, dort vielleicht mal mehr Theater zu machen. Alles in allem führe ich nach der Scheidung ein eher einfaches Leben.

Nach welcher Scheidung – der letzten?

Oh Gott! (rammt sich symbolisch einen Pflock ins Herz). Ja, der dritten. Und ich habe ehrlich nicht das Gefühl, eine vierte zu brauchen. Ich bin offenbar dazu bestimmt, allein zu sein. Und welche Frau würde wohl jetzt noch meine Hochzeitsabsichten ernst nehmen?

Zumal Sie in Kürze 60 Jahre alt werden.

Oh Gott – das kommt hin!

Klingt nicht sehr begeistert. Wird dich etwas ändern?

Ach, den größten Schritt habe ich ja bereits vollzogen habe, seit ich mich auf die Familie konzentrierte. Ich will meine Jüngsten aufwachsen sehen, fahre sie zu Schule, zum Fußball und genieße das sehr.

Keine Konzerte mehr?

Das letzte Mal bin ich bei einem Schulfest meines achtjährigen Sohns Nicholas aufgetreten. Aber die Zeit der Tourneen ist endgültig vorbei und das vermisse ich auch nicht. Durch meine Familie ist mir klar geworden, dass Karriere nicht mehr so wichtig ist. Ich werde nie aufhören, Musik zu machen und nehme gerade ein Coveralbum mit 30 Motown-Klassikern.

Aber ein Popstar sind Sie nicht mehr.

So sieht es wohl aus.

Haben Sie Ihr erstes Schlagzeug eigentlich aufgehoben?

Nein, leider. Ich habe auch keine Ahnung, wann es mir verloren gegangen ist und würde einiges darum geben, wenn es wieder auftaucht.

Hängen Sie auch sonst an Dingen der Vergangenheit?

Sehr, ich brauche sie als Speicher meiner Erinnerung. Deshalb bin ich auch das kollektive Gedächtnis meiner Familie. Dafür bräuchte ich dann doch ein größeres Haus.


Peace’n’Pop: Frieden & Katastrophen

Protestkunst

Die Dokumentation Peace’n’Pop verdichtet den Arte-Schwerpunkt zum Frieden fast 100 Minuten lang zum Lehrstück über Macht und Ohnmacht der Protestkultur. Auch dank vielfältiger Zeitzeugen wie Ken Follett ist das weit mehr als eine unterhaltsame Nummernrevue.

Von Jan Freitag

Der Krieg hat keine Melodie, allenfalls Rhythmus. Krieg stampft, marschiert, er rattert, knallt und lärmt wie billiger Techno. Und falls der Krieg doch mal eine Poesie findet, ist es die der Trennung, des Hasses, Gefechtslyrik gewissermaßen: Copkiller, Arschficksong, Deutschland Deutschland über alles. Kein Wunder, dass Gewalt sang- und klanglos daherkommt. Musik, erklärt Thomas Hübner, besser bekannt als Clueso, im Arte-Zweiteiler Peace’n’Pop, sei ja „das Esperanto der Kommunikation“, sorge also für Verständigung über Barrieren, Grenzen, Schlagbäume hinweg. Musik ist die Antithese zur Gewalt. Sie steht für Harmonie und Einvernehmen. Für Frieden.

Peace!

Doch Baez und Lennon, Blumenkinder und Folkbarden, Pazifisten und Beatniks – sie alle mögen ihm noch so innbrünstig „a chance“ geben; weil wahrer, ganzheitlicher, nicht nur militärischer, auch sozialer Frieden höchstens in der (zugegeben schönen) Fantasie existiert, hat Musik doch mehr mit Krieg zu tun, als vielen Künstlern lieb ist. Von dieser Schnittstelle handelt Christian Bettges‘ sehenswerte Analyse künstlerischer Ausdrucksformen in der Kakophonie menschlicher Spannungen jeder Art, die den Sommerschwerpunkt des Kulturkanals zum Thema Kultur & Kampf in rund 100 Minuten bündelt.

Sieben Jahrzehnte lang reist der Autor von Pop 2000 durch die jüngere Geschichte kultureller Konfliktbegleitung und wird dabei so umfassend fündig, dass er weit mehr als den Soundtrack unserer kriegerischen Gegenwart liefert. Bettges verknüpft die Bilderflut des medialen Zeitalters so geschickt und schlüssig zur Sinfonie renitenter Ästhetik, dass deutlicher wird, warum die Ära der Protestsongs erst nach dem furchtbarsten aller Kriege begann. Startschuss 1945.

Schon ein Jahr später begann nach den Völkerschlachten vorangehender Epochen das Zeitalter der Stellvertreterkriege. Seit Frankreich in Indochina unterm Vorwand kommunistischer Gefahrenabwehr sein Kolonialreich verteidigte, was die USA 1950 in Korea fortsetzten, wurde die Existenzfrage somit räumlich abgeschoben. Statt vor der eigenen Haustür floss das Blut nun ferner der Heimat. Erst diese Distanz, so Bettges, ließ aus der Sicherheit körperlicher Unversehrtheit heraus jenen Widerstand gegen das gottgewollte Recht auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln florieren, den die Hörweite detonierender Granaten zuvor unterdrückt hatte.

Weil die nukleare Weltvernichtungsgefahr jener Tage zugleich das Rock’n’Roll-Credo vom hedonistischen „live fast, die young“ befeuerte, blieb Emanzipation aber nie auf den Bellizismus der Elterngenerationen beschränkt. Ungehorsam, Drogenrausch, langes Haar, Love-Parade: Zwischen Angst und Spaß befreiten sich die Unterdrückten überkommener Konventionen nach und nach von allen Fesseln der Altvorderen – die darauf verlässlich mit Repression reagierten. Um diese Eskalationsspirale zu illustrieren, hat Christian Bettges nicht nur plakatives Archivmaterial gefunden, sondern allerlei redselige Zeitzeugen: Maler, Rapper, Modemacher, Alt-68er, Ken Follett, Bettina Wegner, wer auch immer dabei war. Oder ist. Wie besagter Clueso.

Zum Glück macht der Regisseur daraus im Gegensatz zu seiner preisgekrönten ARD-Reihe Pop 2000 nicht nur eine unterhaltsame Nummernrevue zeitgenössischer Kreativität; Peace’n’Pop ist ein Lehrstück über Macht und Ohnmacht des Ungehorsams. Vor 16 Jahren, erklärt Bettges die Entwicklung, habe noch „großes Abgrenzungsbedürfnis zum Protestsong in Wollsocken“ bestanden. Seit 9/11 definieren sich junge Künstler wie Anfang der Achtziger wieder explizit politisch. Von diesem Wandel handelt der zweite Teil von 1979 bis heute.

Dummerweise will Bettges auch darin zu viel und zu wenig zugleich. Er schlägt den ganz großen Bogen der Protestkultur, springt von Vietnam über Techno zum War on Terror, blickt auf Zombiefilme, Punkrock, Mainstream und Off-Art, begleitet Ostermärsche, Sitzblockaden, Attac-Demos, spart abgesehen vom kurzen Schwenk auf Ballerspiele die Gegenseite der popkulturellen Politisierung zum Guten jedoch aus.

Dabei hat auch die ihre Lieder, Kunst und Kreationen. Horst Wessel, Kid Rock, Böhse Onkelz, Rednecks, Rechtsrocker und nicht zu vergessen all die Promis medial vermittelter Konflikte, deren Frontbesuch den Kampfesmut stärken sollte und soll: Marlene Dietrich, Marilyn Monroe, Chuck Norris, Jessica Simpson, zuletzt gar der deutsche Techno-Star Paul Kalkbrenner auf Stippvisite bei der Bundeswehr in Kunduz. Das ist keineswegs verwerflich, aber gewiss kein Pop zum Peace. Vielleicht ganz gut, ihn hier nicht zu hören. Ein Friedenslied von Lennon klingt allemal schöner.


Kleinblockbuster & Heldenbeschau

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

3. – 9. August

Range, Maaßen, Beckedahl – das Sommerloch produziert gern Tagesschau-Stars, die darin selten zu sehen sind. Der Generalbundesanwalt, Deutschlands oberster Verfassungsschützer und ein leidlich bekannter Netzjournalist erregen sonst allenfalls die Gemüter medial Eingeweihter. Aber da sich Griechenland grad ein wenig beruhigt, in der Ukraine kaum geschossen wird und selbst die größten Mitgefühlsreserven irgendwann mal erschöpft sind angesichts des Flüchtlingselends in aller Welt, dominiert das aberwitzige Ränkespiel um vermeintlich illegal publizierte Staatsgeheimnisse seit Tagen die nachrichtenarme Zeit.

Das ist gut so und wichtig, aber doch ein bisschen seltsam. Schließlich lockt die Pressefreiheit ansonsten allenfalls Betroffene hinterm Ofen bundesrepublikanischer Behaglichkeit hervor. Quote ist mit ihr jedenfalls ebenso wenig zu machen wie Werbung, zumal mit Spotpreisen wie beim Superbowl, dem Finale der amerikanischen Football-Liga NFL. Bei der Übertragung im Februar liegen sie wieder oberhalb von 150.000 Dollar – pro Sekunde, nicht pro Spot. Dieser Irrsinn ist jedoch längst so normal, dass zuletzt keiner über 4,5 Millionen plus Herstellungskosten für einen Halbminüter debattierte, sondern eher darüber, dass die kommerziellen Kleinblockbuster im Februar 2016 erstmals auch ins Netz gestreamt werden.

Aus deutschen Landen ist da höchstens mitteilenswert, dass der „Musikantenstadl“ unter leicht verjüngter Moderation künftig Stadlshow heißt, womit das Erste offenbar jene Alterskohorte im Visier hat, die ZDFneo zurzeit mit Blockbustaz versorgt. So heißt der Gewinner des vorjährigen TV-Labs, mit dem der Spartenkanal sein Publikum über die Serientauglichkeit neuer Formate abstimmen lässt. Fragt sich nur, über wen das siegreiche Schultheater mit Eko Fresh und Ferris MC als liebenswerte Plattenbau-Loser mehr sagt: Die Zuschauer, die solchen Klischeemüll wählen. Oder den Sender, der ihn überhaupt zur Wahl stellt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

10. – 16. August

Um Angebote zu finden, die gegen Sender und Zuschauer sprechen, muss man sonst eher ins private Milieu zappen. Zu Sat1 etwa, wo man es ab Mittwoch für geboten hält, 25 Jahre Einheit vorab mit einer Bild-kompatiblen Heldenbeschau namens Wir sind Deutschland zu feiern und Freitag drauf den Container von Promi Big Brother mit Kalibern von Nino de Angelo bis Menowin Fröhlich zu füllen, deren Existenz ja vor allem den ganz alten oder ganz schlichten Konsumenten bekannt sein dürfte.

Was noch vor wenigen Jahren höchstens ein paar Nachtschattengewächsen in schlecht belüfteten Zimmern bekannt gewesen sein dürfte, sind hingegen Zombie-Fiktionen. Seit dem unfassbaren Erfolg von Walking Dead jedoch beißen sich die Untoten übers frei empfängliche Fernsehprogramm zusehends in gewöhnliche Wohnstuben. Gerade ist bei Pro7 die unerbittlich gruselige US-Serie „The Strain“ angelaufen, da legt Sixx donnerstags zur besten Sendezeit mit der nächsten Comic-Adaption nach: iZombie handelt von einer Pathologin (Rose McIver), die anders als andere Zombies zwar blass, aber bombig aussieht und nur Gehirne von Mordopfern isst, von denen sie sodann Erkenntnisse über den Tathergang sammelt. Das ist von so gravierender Dummheit, dass man es glatt schon wieder mögen könnte.

Vielleicht sollte man doch lieber gleich die lebenden Untoten der Fußball-Bundesliga ansehen, mit denen am Freitag live im Ersten die neue Saison startet: Zum Auftakt tritt der HSV bei Meister Bayern an, wo die hanseatischen Zombies abermals versuchen, ihr hirntotes Überleben zu verlängern. Eine spannende Doku, in der es irgendwie auch um Artenschutz geht, läuft Mittwoch im Zweiten. Aus Liebe zum Tier heißt das Schmuckstück, in dem die Reihe ZDFzoom radikale Umweltschützer fragt: „Wie weit dürfen Aktivisten gehen?“, aber nicht moralinsauer wie gewöhnlich, sondern ergebnisoffen.

Das erinnert an die farbige Wiederholung der Woche: Christian Petzolds Kinodebüt Die innere Sicherheit (2000) mit der blutjungen Julia Hummer als Kind fliehender Terroristen, das im Untergrund die Liebe entdeckt  (Montag, 22.45 Uhr, WDR). Schwarzweiß ist dagegen der Spätwestern vom Mann, der Liberty Vance erschoss (1962, Freitag, 21.50 Uhr, Servus) mit James Steward als Senator, der seine Karriere auf ein Duell begründet, das nie stattfand. Die „Doku der Woche“ heißt passend zur abstrusen Vergabe der Olympischen Winterspiele an Peking: China, die neue Supermacht (Dienstag, 20.15 Uhr, Arte.


Linda Zervakis: Stilldemenz & Hippiehosen

lindazervakisDie Katastrophenfrau

Linda Zervakis (Foto@Thu Thuy Pham) ist die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund. Den Summer of Peace auf Arte präsentiert die Hamburgerin mit griechischen Eltern seit zwei Wochen allerdings wegen der kriegerischen Nachrichtenlage. Ein Gespräch über die Bürde der Herkunft, Role Models, Stilldemenz und warum ihr oft eine Locke über der Schulter hängt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zervakis, bislang lagen die Moderatoren der Arte-Sommer auf der Hand: Scooter hat seine technoiden 90er präsentiert, Samy Deluxe den Soul, Katja Ebstein die Sixties. Was bitte prädestiniert Sie für den Summer of Peace?

Linda Zervakis: Weil Konflikte jeder Art seit vergangenem Sommer die Nachrichten oft komplett füllen, wollte Arte den Fokus wohl mal in Richtung Frieden verschieben und hatte dabei offenbar das Bedürfnis, der Katastrophenfrau von der Tagesschau mal eine Leine zuzuwerfen, damit auch sie mal aus dem dauernden Verlesen von Krisen rauskommt (lacht).

Wobei die Katastrophenfrau das popkulturelle Thema dann politisch erden soll?

Klar, sonst hätte man ja Nicole nehmen können. Aber die hatte wohl keine Zeit… Ich dagegen bin in Elternzeit und stehe trotz aller Krisenthemen schon für die sachliche Seite des Friedensthemas.

Sind Sie denn nur krisengestählt oder auch friedensbewegt.

Ich gebe zu, noch auf keiner Friedensdemo gewesen zu sein. Stattdessen bin ich damit beschäftigt, meinen inneren Frieden zu Hause zu finden Das liegt aber auch daran, dass mich die tägliche Konfrontation mit den Krisen der Welt, die weit über das hinausgehen, was wir letztlich in den Nachrichten sehen, manchmal extrem demotiviert, dagegen öffentlich aufzubegehren. Es ist eine gewisse Ohnmacht, die sich in mir breit macht. So gesehen eröffnet mir die Zusammenstellung des Summer of Peace die Möglichkeit, mich daran zu erinnern, dass wir nicht ohnmächtig sind! Weil es den Zustand absoluten Friedens bislang eigentlich noch nie gab, wäre alles andere als Misanthropie allerdings dennoch utopisch.

Definieren Sie Frieden da im militärischen Sinne als Abwesenheit von Krieg oder im Sinne von Baruch de Spinoza und Johann Galtung als Abwesenheit von Ungleichheit?

Oha, jetzt fordern Sie meine Stilldemenz aber heraus! Also Abwesenheit von Krieg wäre ja schon mal ein schöner Schritt Richtung Frieden, aber mein Begriff davon basiert schon eher auf einer gesellschaftlichen Gesamtlage. Was allerdings bedeutet, dass wir uns angesichts der Ungerechtigkeit in aller Welt dauernd im Kriegszustand befänden. Es ist kompliziert…

Welche Situation herrscht denn dann zum Beispiel in Ihrer zweiten Heimat Griechenland?

(verdreht lachend die Augen) Na bitte!

Na, bei der ersten Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund kann man das Thema Herkunft ja nicht aussparen. In Griechenland herrscht zwar keine Waffengewalt, aber schreiende Ungerechtigkeit. Lebt das Land in Frieden?

Sicher nicht. Was Griechenland aber vom Kriegszustand unterscheidet, erlebe ich jedes Mal, wenn ich da bin: Die Menschen bewahren auch im Schlechten das Gute in ihren Herzen, teilen das Wenige, das sie haben, und lassen sich nicht unterkriegen. Griechenland wird niemals seine Seele verlieren; das Herz am rechten Fleck zu haben, beseitigt keine Krise, aber seine Wärme ist die einzig richtige Antwort auf den Krieg oben gegen unten, der alten Eliten gegen das Volk, die die Last der Reformen alleine tragen müssen. Das Miteinander bleibt freundlich, der Hilfsbereitschaft tut all dies keinen Abbruch. Das finde ich großartig.

Das klingt, als sei Ihr eigenes Herz dem Land Ihrer Ahnen näher als dem Land, wo Sie geboren und aufgewachsen sind.

Ich vergleiche Deutschland und Griechenland mit zwei Schülern derselben Klasse: Da gibt es immer den Streber, der alles kann und weiß, den die anderen dafür zwar beneiden, aber auch ein bisschen verachten. Und es gibt den verpeilten Typen, der meistens beliebter ist, aber wenig auf die Reihe kriegt. Die Verpeilten wollen nicht dauernd vom Streber hören, wie es richtig läuft, die Streber hätten gern was von der Lässigkeit der Verpeilten. So in etwa fühle ich mich auch manchmal.

Wann genau zum Beispiel?

Als ich letzten Sommer da war, hat sich eine Bekannte aufgeregt, jetzt Kfz-Steuern zahlen zu müssen. Da denke ich dann: Hey, so läuft das nun mal, wenn man ein Gemeinwesen finanzieren will, merke aber gleich, dass dieser Gedanke ganz klar der deutsche Teil in mir ist.

Welche Rolle hat Ihre Herkunft bislang im Alltag gespielt?

Abgesehen davon, dass unser großes Fest Ostern ist und nicht Weihnachten, eigentlich keine. Bis ich zur „Tagesschau“ gekommen bin – und plötzlich wurde Linda aus Hamburg zur Zervakis aus Griechenland, die dunkle Haare hat statt blonder und nicht Müller heißt, sondern irgendwie ausländisch. Das hat zwar nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, die kenne ich am eigenen Leib gar nicht. Aber merkwürdig ist das schon.

Hat aber ja auch den Grund, dass mit der Tagesschau die nächste Institution durchlässig für nichtdeutsche Biografien geworden ist…

Aber schöner wäre es doch, wenn das endlich nichts Besonderes mehr wäre, also keiner Erwähnung wert. So nach dem Motto: Das ist unsere neue. Punkt. Herkunft egal.

Zumal Ihre Herkunft als Tochter eines Kiosk-Besitzers aus einfachen Verhältnissen, die es auf einen der wichtigsten Posten der Mediengesellschaft gebracht hat, spannender ist.

Gut, ich musste mir mit meinen Brüdern ein Zimmer teilen. Und am Kiosk hab ich die volle Härte sozialer Ungleichheit gespürt, wenn Stammkunden dort ihre Sozialhilfe verflüssigt haben. Dennoch hab ich meine Kindheit nie als schwierig empfunden, obwohl man als Gastarbeiterkind früh das Gefühl bekam, ein bisschen mehr leisten zu müssen als andere. Was ich da vor allem lernen musste, war Hilfe von Menschen anzunehmen, die sich meiner angenommen haben. Und die gab es immer wieder – allen voran meine Eltern, die selber keine gute Bildung haben und gerade deshalb immer darauf bedacht waren, dass wir zur Schule gehen, auf die Lehrer hören, Deutsch lernen. Das haben wir immer beherzigt.

Taugen Sie demnach als Role-Model?

Kommt drauf an, für welche Rolle.

Sich als Frau mit Migrationshintergrund aus schwierigen Verhältnissen in einer Männerbranche durchgesetzt zu haben?

Als in Hamburg geborene Griechin tauge ich dazu im Moment doch schon deshalb nicht, weil die uns  Deutschen doch nur das Geld aus der Tasche ziehen (lacht). Ein gutes Beispiel zu sein, das nehme ich gerne an, aber bitte kein Vorbild, der Rucksack ist mir zu schwer. Egal ob wegen meiner Herkunft oder meines Geschlechts.

Letzteres erfordert bei der Tagesschau offenbar einen besonderen Dresscode. Ihre Haar zum Beispiel…

Von denen eine Hälfte immer über die linke Schulter hängt, ich weiß (lacht).

Tauschen Sie beim Summer of Peace die Nachrichtenuniform gegen Batic-Shirts?

Ein bisschen Flower-Power darf es schon sein; den Tagesschau-Blazer lass ich da mal schön im Schrank.

Auch privat?

Wenn ich offizielle Termine wie den hier hinter mir habe, verwandle ich mich – zack! – in die Privatperson und tausche die Highheels gegen Chucks und Jeans. Da freu ich mich schon jetzt drauf.