Interview-Classics: Phil Collins

Warum diese Eitelkeit?

Zum Geburtstag seines Musicals Tarzan ist Phil Collins (Foto@Stage Entertainment) mit seinen zwei jüngsten Söhnen nach Hamburg gekommen, um mal nach dem Rechten zu sehen. Fünf Jahre später zeigen die freitagsmedien das Gespräch über Männlichkeit, Selbstwertgefühl, Körperkult, leichte Musik und sein erstes Schlagzeug.

Interview: Jan Freitag

Phil Collins: Sie sind ja ganz außer Atem. Sind Sie gerannt?

Nein, ich hatte gerade ein Fußballspiel.

Als Spieler? Gewonnen?

Ja, 3:2, aber das ist unterste Amateurliga in Hamburg. Hat Ihr Team gewonnen, die Tottenham Hotspurs?

Sicher, sie haben gestern Portsmouth 2:1 besiegt, aber ich bin nicht mehr so ein Fan der Spurs wie früher. Das war eher Teil meiner Jugend. Als ich von Nord- nach Westlondon gezogen bin, wechselte ich zu den Queens Park Rangers und später, als ich viel mit den Genesis unterwegs war, wurden wir Freunde von Liverpool, die gestern unglücklich verloren haben. Ich verehre eher gutes Spiel wie jetzt von Manchester United, so wie meine beiden Jungs, sie sind große Fans von Rooney und Ronaldo. Richtig glühende Fußballleidenschaft hat viel mit dem Alter zu tun.

Und dem Geschlecht.

Selbstverständlich.

Wollen wir über Männlichkeit sprechen?

Warum nicht.

Hat Sie eine Relevanz für Sie als Mann?

Ich nehme Sie als Tatsache hin.

Sind Sie eher ein physischer oder ein intellektueller Typ Mann?

(lacht) Tja, ich bin wohl nicht gebildet genug, um wirklich ein intellektueller Kerl zu sein. Aber davon abgesehen war ich früher deutlich körperlicher als heute. Schlagzeugspielen ist eine ungemein physische Angelegenheit, weitaus mehr als viele andere Instrumente, vom Komponieren ganz zu schweigen. Aber selbst, wenn ich mich in früheren Jahren hingesetzt habe, um zu schreiben, war das etwas völlig anderes im Vergleich zu heute. Damals war ich sogar beim Nachdenken eher physisch, heutzutage überdenke ich meine Physis permanent auf eher intellektuelle Weise.

Ist das ein natürlicher Reifungsprozess?

Auch, sicher. Je älter man wird, desto mehr neigt man zur Analyse menschlichen Verhaltens – das der anderen, idealerweise aber auch des eigenen. Man versucht sich wie seine Mitmenschen zu mäßigen, man verliert an Temperament und Spontaneität. Der Geist siegt in gewisser Weise über den Körper.

Wie würden Sie Ihren Körper beschreiben?

(lacht) Gebraucht. Früher erlangte ich meine Fitness auf der Straße, auf Tour, unterwegs. Heute definiere ich meine Erscheinung viel weiter entfernt von Muskeln, Physis, Form. Ich bin nicht so fit wie ich mal war – und sein sollte (lacht).

Haben Sie als Schuljunge geträumt, eins der Sportasse zu sein?

Nicht wirklich. Als ich 13 war, ging ich ja zur Schauspielschule – mit elf Mädchen, außer mir nur noch ein anderer Junge. Sie können sich vorstellen, dass es eine großartige Zeit für mich war. Außerdem spielte ich damals schon sehr lang Schlagzeug, ich habe mit vier, fünf Jahren begonnen und das war ebenso wie Gitarrespielen eine ziemlich coole Sache.

Musik war also keine jugendliche Therapie zur Verbesserung Ihres Selbstbewusstseins.

Nein, ich habe darüber noch nie viel nachgedacht, es sei denn, man fragt mich konkret danach wie Sie jetzt. Trotzdem hat es mein Selbstbewusstsein natürlich gestärkt, als positiver Nebeneffekt. Aber dass ich überhaupt Schlagzeuger wurde, war totaler Zufall. Ich wurde 1951 geboren, die Nachkriegszeit, alles war knapp und man bekam zum Geburtstag einen Spielzeugsoldaten, ein Spiel, einen Fußball, keine ganze Kollektion von Star-Wars-Figuren, Gameboys, Spiele, von allem reichlich. Und ich hab eben ein Schlagzeug gekriegt.

Weil Ihr Vater Drummer war?

Ehrlich – keine Ahnung warum. Ich weiß noch, wie mir die Kinnlade runterklappte, aber meine Schwester war Eisläuferin, mein Bruder Cartoonist, also standen wir in gewisser Weise am Rande des Showgeschäfts, mehr steckt nicht dahinter.

Gerade darin entsprechen sie nicht dem gängigen Typus des Popstars. Hatten Sie je Probleme mit der Selbstachtung?

Im Alter langsam schon (lacht). Wenn ich in einer Bank arbeiten würde, wäre das viel wahrscheinlicher, aber in meinem Business ist das etwas schwieriger zu beantworten. Aber nein, glauben Sie mir: Ich hatte nie schlaflose Nächte wegen mangelnder Selbstachtung, war jedoch immer (überlegt lange) … sehen Sie, je öfter man liest, dass man nicht wie ein traditioneller Popstar aussieht, dass man sich optisch von den Ansprüchen dieser Branche und ihrem Publikum unterscheidet, dann beginnt man irgendwann, darüber nachzudenken und gerät in Gefahr, tatsächlich an Selbstwertgefühl einzubüßen. Ich hatte also lange Zeit keine allzu hohe Meinung von meinem Äußeren, aber das bezog sich nur auf den Abgleich mit dem öffentlichen Bild von mir.

Sie haben es nicht zu einem Problem gemacht?

Niemals. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mir die Maskenbildner in den Achtzigerjahren, als ich zu einer öffentlichen Person wurde, wegen meines schütteren Haars ständig aufwändige Haarbehandlungen aufzwängen wollten, bis ich fast wie ein Plüschtier aussah. Das hab ich ziemlich schnell abgelehnt, weil es nicht nur albern aussah, sondern auch mehr gestört hat als Unperfektion aus Sicht der Popindustrie und zeigte mir, dass mein Aussehen andere offenbar weitaus mehr gestört hat, als mich selbst. Ich bin ein Schlagzeuger und es ist Musik, versehen Sie? Rod Steward hat sich herausgeputzt, wenn er den vorderen Bühnenrand betrat, ich habe mich herabgeputzt wenn ich an den hinteren Bühnenrand ging. Jetzt, als Musical-Komponist, verschwinde ich ganz dahinter. Also warum die Eitelkeit? Vor 30, 40 Jahren haben die Menschen in der Musikbranche weniger über so etwas nachgedacht als heute.

Jetzt malen Sie sich die Vergangenheit schön.

Nein, wenn man eine zu große Nase hatte, hielt man sie eben nicht in die Mitte des Plattencovers. In den letzten 20 Jahren hat das Image in allen Bereichen eine größere Bedeutung gewonnen. Überhaupt waren Musiker auf Schallplatten seltener, mal abgesehen von den ganz großen wie den Stones. Es war eine symbolischere Zeit.

Sie waren auf all ihren Soloplatten so groß zu sehen.

Aber doch so groß, dass ich kaum hineinpasst, weil es so ungeheuer persönlich war, was ich verarbeitet habe. Face Value zum Beispiel, mein erstes Soloalbum, war die Verarbeitung meiner Scheidung und allem, was damit zu tun hatte, eine düstere Zeit, aber auch eine produktive. Und darum geht es doch in der Musik: Gefühle hineinzulegen und auszudrücken. Darum musste man auch meinem Gesicht so nah wie möglich kommen können. Auf No Jacket Required ging es mir dann wieder besser, also wurde das Cover farbig. Bei Hello I Must Be Going hatte ich neue Perspektiven, also blickte ich zur Seite. Es sind Stimmungsbilder.

Bei denen auffällt, dass sie im Laufe Ihrer Karriere immer unkomplizierter werden, verglichen mit den Anfängen bei Genesis.

Das kann schon sein, aber die Vertracktheit von Genesis war auch der Ausdruck seiner Zeit wie jede Musik, die man macht. Ich komponiere nicht mehr viel, aber eines der fünf Lieder, die ich in der letzten Zeit geschrieben habe, klingt für Außenstehende womöglich simpel – nur ein Klavier und ich. Aber gerade diese Reduktion macht es unheimlich komplex, weil der Kopf sich mehr dazu mehr eigene Bilder erstellen muss.

Dennoch gilt das Musical als besonders unkomplizierte Musikrichtung.

Sicher, Tarzan ist massentauglich, aber ich betrachte es auch mehr als ein Projekt, um meiner Abkehr von der Popmusik eine konkrete Richtung zu verleihen.

Der Held ist eine ungeheuer physische Figur. Welche Relevanz hat sie in unserer Zeit?

Das ist eigentlich ein Missverständnis von Edgar Rice Burroughs Roman. Unser Bild von Tarzan ist geprägt durch frühe Cartoons, die Filme mit Johnny Weissmüller, wo die Figur muskelbepackt, stark und impulsiv ist. Als wir für sie für das Musical in New York, Holland oder Hamburg gecastet haben, suchten wir einen eher zerbrechlichen Typ, kein Produkt täglicher Workouts im Fitnessstudio. Genau solche aber haben sich massenhaft beworben, weil das dem Bild von Tarzan entspricht, aber auch dem des Durchsetzungsfähigen in der Wildnis. Wir wollten aber das genaue Gegenteil, eine stinknormale Person.

Wie Greystoke.

Genau, Christopher Lambert, eine der wenigen realistischen Adaptionen. Ein Charakter, der seine Kraft eher aus dem Geist schöpft, den Körper aber dennoch im Rahmen seiner Möglichkeiten einsetzt. Das ist gegenwärtig doch die viel zeitgemäßere Eigenschaft. Deswegen passt Tarzan je nach körperlicher Ausgestaltung in jede Zeit, es geht ums Überleben im  Dschungel, ob aus Pflanzen oder Beton. Physische Stärke ist heutzutage doch eher Accessoire als Grundlage.

Stört Sie die enorme kulturelle Bedeutung von Körper, Form, Schönheit da umso mehr?

Absolut. Und zwar auch aus eigener Erfahrung, ihr nicht gerecht werden zu können. Es gibt zwar bestimmte Genres, in denen es völlig okay ist, wie Pete Doherty auszusehen (lacht), aber meistens wird doch ein ganz anderer Typ erwartet. Vor allem Frauen werden unsäglich auf ihren Körper reduziert. Je höher die kommerziellen Erwartungen an sie sind, desto stärker repräsentieren sie den Venus-Typ – in der Werbung, in Filmen, der Musik. Die Gesellschaft erwartet es von ihnen und weil die Protagonistinnen dieser Erwartung gerecht werden wollen, wird sie immer weiter verfestigt. Es ist ein Teufelskreis.

Dem nur wenige entrinnen wie die Schauspielerin Tilda Swinten.

Ja, so was ist äußerst selten. Diese körperliche Stilisierung des Perfeken zerstört die Selbstachtung vieler Menschen und hat Auswirkungen bis in Bereiche, wo es eigentlich keinerlei Relevanz haben sollte. Ein Politiker mit dem Auftreten eines Winston Churchill ist zumindest in England heutzutage kaum noch denkbar. Ich will gar nicht sagen, dass Bill Clinton oder Tony Blair keine guten Politiker sind, aber beide haben die Standards für äußerliche Sekundärtugenden des smarten Repräsentanten enorm erhöht. Bei einem Churchill hat das gesprochene und geschriebene Wort das Image geformt, heute ist es eine jugendliche Ausstrahlung im gereiften Körper. Unsere politischen Führer sehen – mal abgesehen von Gordon Brown – alle gleich aus, nicht grad Yuppies, aber doch kreierte Images. Es sind Verkäufer.

Und die Wähler Konsumenten.

In der Tat. Unser gesamtes Umfeld ist doch Ergebnis einer einzigen großen Verkaufsstrategie: Selbst untere Einkommensschichten haben zwei Autos, Flatscreens in jedem Zimmer, alles ist ein einziges großes Wollen, das andere so neidisch macht, bis sie die Ansprüche noch höher schrauben.

Sie haben keine zwei Autos und Flatscreens in jedem Zimmer?

Nein, ich habe ein fünf Jahre altes Auto, und Sie wären überrascht wie klein mein Haus ist. An einer Straßenecke eines kleinen Dorfes in der Schweiz. Gut, ich habe noch ein Appartement in New York, das ich mir nach dem Start von Tarzan zugelegt habe, aber auch aus dem Grund, dort vielleicht mal mehr Theater zu machen. Alles in allem führe ich nach der Scheidung ein eher einfaches Leben.

Nach welcher Scheidung – der letzten?

Oh Gott! (rammt sich symbolisch einen Pflock ins Herz). Ja, der dritten. Und ich habe ehrlich nicht das Gefühl, eine vierte zu brauchen. Ich bin offenbar dazu bestimmt, allein zu sein. Und welche Frau würde wohl jetzt noch meine Hochzeitsabsichten ernst nehmen?

Zumal Sie in Kürze 60 Jahre alt werden.

Oh Gott – das kommt hin!

Klingt nicht sehr begeistert. Wird dich etwas ändern?

Ach, den größten Schritt habe ich ja bereits vollzogen habe, seit ich mich auf die Familie konzentrierte. Ich will meine Jüngsten aufwachsen sehen, fahre sie zu Schule, zum Fußball und genieße das sehr.

Keine Konzerte mehr?

Das letzte Mal bin ich bei einem Schulfest meines achtjährigen Sohns Nicholas aufgetreten. Aber die Zeit der Tourneen ist endgültig vorbei und das vermisse ich auch nicht. Durch meine Familie ist mir klar geworden, dass Karriere nicht mehr so wichtig ist. Ich werde nie aufhören, Musik zu machen und nehme gerade ein Coveralbum mit 30 Motown-Klassikern.

Aber ein Popstar sind Sie nicht mehr.

So sieht es wohl aus.

Haben Sie Ihr erstes Schlagzeug eigentlich aufgehoben?

Nein, leider. Ich habe auch keine Ahnung, wann es mir verloren gegangen ist und würde einiges darum geben, wenn es wieder auftaucht.

Hängen Sie auch sonst an Dingen der Vergangenheit?

Sehr, ich brauche sie als Speicher meiner Erinnerung. Deshalb bin ich auch das kollektive Gedächtnis meiner Familie. Dafür bräuchte ich dann doch ein größeres Haus.


Peace’n’Pop: Frieden & Katastrophen

Protestkunst

Die Dokumentation Peace’n’Pop verdichtet den Arte-Schwerpunkt zum Frieden fast 100 Minuten lang zum Lehrstück über Macht und Ohnmacht der Protestkultur. Auch dank vielfältiger Zeitzeugen wie Ken Follett ist das weit mehr als eine unterhaltsame Nummernrevue.

Von Jan Freitag

Der Krieg hat keine Melodie, allenfalls Rhythmus. Krieg stampft, marschiert, er rattert, knallt und lärmt wie billiger Techno. Und falls der Krieg doch mal eine Poesie findet, ist es die der Trennung, des Hasses, Gefechtslyrik gewissermaßen: Copkiller, Arschficksong, Deutschland Deutschland über alles. Kein Wunder, dass Gewalt sang- und klanglos daherkommt. Musik, erklärt Thomas Hübner, besser bekannt als Clueso, im Arte-Zweiteiler Peace’n’Pop, sei ja „das Esperanto der Kommunikation“, sorge also für Verständigung über Barrieren, Grenzen, Schlagbäume hinweg. Musik ist die Antithese zur Gewalt. Sie steht für Harmonie und Einvernehmen. Für Frieden.

Peace!

Doch Baez und Lennon, Blumenkinder und Folkbarden, Pazifisten und Beatniks – sie alle mögen ihm noch so innbrünstig „a chance“ geben; weil wahrer, ganzheitlicher, nicht nur militärischer, auch sozialer Frieden höchstens in der (zugegeben schönen) Fantasie existiert, hat Musik doch mehr mit Krieg zu tun, als vielen Künstlern lieb ist. Von dieser Schnittstelle handelt Christian Bettges‘ sehenswerte Analyse künstlerischer Ausdrucksformen in der Kakophonie menschlicher Spannungen jeder Art, die den Sommerschwerpunkt des Kulturkanals zum Thema Kultur & Kampf in rund 100 Minuten bündelt.

Sieben Jahrzehnte lang reist der Autor von Pop 2000 durch die jüngere Geschichte kultureller Konfliktbegleitung und wird dabei so umfassend fündig, dass er weit mehr als den Soundtrack unserer kriegerischen Gegenwart liefert. Bettges verknüpft die Bilderflut des medialen Zeitalters so geschickt und schlüssig zur Sinfonie renitenter Ästhetik, dass deutlicher wird, warum die Ära der Protestsongs erst nach dem furchtbarsten aller Kriege begann. Startschuss 1945.

Schon ein Jahr später begann nach den Völkerschlachten vorangehender Epochen das Zeitalter der Stellvertreterkriege. Seit Frankreich in Indochina unterm Vorwand kommunistischer Gefahrenabwehr sein Kolonialreich verteidigte, was die USA 1950 in Korea fortsetzten, wurde die Existenzfrage somit räumlich abgeschoben. Statt vor der eigenen Haustür floss das Blut nun ferner der Heimat. Erst diese Distanz, so Bettges, ließ aus der Sicherheit körperlicher Unversehrtheit heraus jenen Widerstand gegen das gottgewollte Recht auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln florieren, den die Hörweite detonierender Granaten zuvor unterdrückt hatte.

Weil die nukleare Weltvernichtungsgefahr jener Tage zugleich das Rock’n’Roll-Credo vom hedonistischen „live fast, die young“ befeuerte, blieb Emanzipation aber nie auf den Bellizismus der Elterngenerationen beschränkt. Ungehorsam, Drogenrausch, langes Haar, Love-Parade: Zwischen Angst und Spaß befreiten sich die Unterdrückten überkommener Konventionen nach und nach von allen Fesseln der Altvorderen – die darauf verlässlich mit Repression reagierten. Um diese Eskalationsspirale zu illustrieren, hat Christian Bettges nicht nur plakatives Archivmaterial gefunden, sondern allerlei redselige Zeitzeugen: Maler, Rapper, Modemacher, Alt-68er, Ken Follett, Bettina Wegner, wer auch immer dabei war. Oder ist. Wie besagter Clueso.

Zum Glück macht der Regisseur daraus im Gegensatz zu seiner preisgekrönten ARD-Reihe Pop 2000 nicht nur eine unterhaltsame Nummernrevue zeitgenössischer Kreativität; Peace’n’Pop ist ein Lehrstück über Macht und Ohnmacht des Ungehorsams. Vor 16 Jahren, erklärt Bettges die Entwicklung, habe noch „großes Abgrenzungsbedürfnis zum Protestsong in Wollsocken“ bestanden. Seit 9/11 definieren sich junge Künstler wie Anfang der Achtziger wieder explizit politisch. Von diesem Wandel handelt der zweite Teil von 1979 bis heute.

Dummerweise will Bettges auch darin zu viel und zu wenig zugleich. Er schlägt den ganz großen Bogen der Protestkultur, springt von Vietnam über Techno zum War on Terror, blickt auf Zombiefilme, Punkrock, Mainstream und Off-Art, begleitet Ostermärsche, Sitzblockaden, Attac-Demos, spart abgesehen vom kurzen Schwenk auf Ballerspiele die Gegenseite der popkulturellen Politisierung zum Guten jedoch aus.

Dabei hat auch die ihre Lieder, Kunst und Kreationen. Horst Wessel, Kid Rock, Böhse Onkelz, Rednecks, Rechtsrocker und nicht zu vergessen all die Promis medial vermittelter Konflikte, deren Frontbesuch den Kampfesmut stärken sollte und soll: Marlene Dietrich, Marilyn Monroe, Chuck Norris, Jessica Simpson, zuletzt gar der deutsche Techno-Star Paul Kalkbrenner auf Stippvisite bei der Bundeswehr in Kunduz. Das ist keineswegs verwerflich, aber gewiss kein Pop zum Peace. Vielleicht ganz gut, ihn hier nicht zu hören. Ein Friedenslied von Lennon klingt allemal schöner.


Kleinblockbuster & Heldenbeschau

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

3. – 9. August

Range, Maaßen, Beckedahl – das Sommerloch produziert gern Tagesschau-Stars, die darin selten zu sehen sind. Der Generalbundesanwalt, Deutschlands oberster Verfassungsschützer und ein leidlich bekannter Netzjournalist erregen sonst allenfalls die Gemüter medial Eingeweihter. Aber da sich Griechenland grad ein wenig beruhigt, in der Ukraine kaum geschossen wird und selbst die größten Mitgefühlsreserven irgendwann mal erschöpft sind angesichts des Flüchtlingselends in aller Welt, dominiert das aberwitzige Ränkespiel um vermeintlich illegal publizierte Staatsgeheimnisse seit Tagen die nachrichtenarme Zeit.

Das ist gut so und wichtig, aber doch ein bisschen seltsam. Schließlich lockt die Pressefreiheit ansonsten allenfalls Betroffene hinterm Ofen bundesrepublikanischer Behaglichkeit hervor. Quote ist mit ihr jedenfalls ebenso wenig zu machen wie Werbung, zumal mit Spotpreisen wie beim Superbowl, dem Finale der amerikanischen Football-Liga NFL. Bei der Übertragung im Februar liegen sie wieder oberhalb von 150.000 Dollar – pro Sekunde, nicht pro Spot. Dieser Irrsinn ist jedoch längst so normal, dass zuletzt keiner über 4,5 Millionen plus Herstellungskosten für einen Halbminüter debattierte, sondern eher darüber, dass die kommerziellen Kleinblockbuster im Februar 2016 erstmals auch ins Netz gestreamt werden.

Aus deutschen Landen ist da höchstens mitteilenswert, dass der „Musikantenstadl“ unter leicht verjüngter Moderation künftig Stadlshow heißt, womit das Erste offenbar jene Alterskohorte im Visier hat, die ZDFneo zurzeit mit Blockbustaz versorgt. So heißt der Gewinner des vorjährigen TV-Labs, mit dem der Spartenkanal sein Publikum über die Serientauglichkeit neuer Formate abstimmen lässt. Fragt sich nur, über wen das siegreiche Schultheater mit Eko Fresh und Ferris MC als liebenswerte Plattenbau-Loser mehr sagt: Die Zuschauer, die solchen Klischeemüll wählen. Oder den Sender, der ihn überhaupt zur Wahl stellt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

10. – 16. August

Um Angebote zu finden, die gegen Sender und Zuschauer sprechen, muss man sonst eher ins private Milieu zappen. Zu Sat1 etwa, wo man es ab Mittwoch für geboten hält, 25 Jahre Einheit vorab mit einer Bild-kompatiblen Heldenbeschau namens Wir sind Deutschland zu feiern und Freitag drauf den Container von Promi Big Brother mit Kalibern von Nino de Angelo bis Menowin Fröhlich zu füllen, deren Existenz ja vor allem den ganz alten oder ganz schlichten Konsumenten bekannt sein dürfte.

Was noch vor wenigen Jahren höchstens ein paar Nachtschattengewächsen in schlecht belüfteten Zimmern bekannt gewesen sein dürfte, sind hingegen Zombie-Fiktionen. Seit dem unfassbaren Erfolg von Walking Dead jedoch beißen sich die Untoten übers frei empfängliche Fernsehprogramm zusehends in gewöhnliche Wohnstuben. Gerade ist bei Pro7 die unerbittlich gruselige US-Serie „The Strain“ angelaufen, da legt Sixx donnerstags zur besten Sendezeit mit der nächsten Comic-Adaption nach: iZombie handelt von einer Pathologin (Rose McIver), die anders als andere Zombies zwar blass, aber bombig aussieht und nur Gehirne von Mordopfern isst, von denen sie sodann Erkenntnisse über den Tathergang sammelt. Das ist von so gravierender Dummheit, dass man es glatt schon wieder mögen könnte.

Vielleicht sollte man doch lieber gleich die lebenden Untoten der Fußball-Bundesliga ansehen, mit denen am Freitag live im Ersten die neue Saison startet: Zum Auftakt tritt der HSV bei Meister Bayern an, wo die hanseatischen Zombies abermals versuchen, ihr hirntotes Überleben zu verlängern. Eine spannende Doku, in der es irgendwie auch um Artenschutz geht, läuft Mittwoch im Zweiten. Aus Liebe zum Tier heißt das Schmuckstück, in dem die Reihe ZDFzoom radikale Umweltschützer fragt: „Wie weit dürfen Aktivisten gehen?“, aber nicht moralinsauer wie gewöhnlich, sondern ergebnisoffen.

Das erinnert an die farbige Wiederholung der Woche: Christian Petzolds Kinodebüt Die innere Sicherheit (2000) mit der blutjungen Julia Hummer als Kind fliehender Terroristen, das im Untergrund die Liebe entdeckt  (Montag, 22.45 Uhr, WDR). Schwarzweiß ist dagegen der Spätwestern vom Mann, der Liberty Vance erschoss (1962, Freitag, 21.50 Uhr, Servus) mit James Steward als Senator, der seine Karriere auf ein Duell begründet, das nie stattfand. Die „Doku der Woche“ heißt passend zur abstrusen Vergabe der Olympischen Winterspiele an Peking: China, die neue Supermacht (Dienstag, 20.15 Uhr, Arte.


Linda Zervakis: Stilldemenz & Hippiehosen

lindazervakisDie Katastrophenfrau

Linda Zervakis (Foto@Thu Thuy Pham) ist die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund. Den Summer of Peace auf Arte präsentiert die Hamburgerin mit griechischen Eltern seit zwei Wochen allerdings wegen der kriegerischen Nachrichtenlage. Ein Gespräch über die Bürde der Herkunft, Role Models, Stilldemenz und warum ihr oft eine Locke über der Schulter hängt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zervakis, bislang lagen die Moderatoren der Arte-Sommer auf der Hand: Scooter hat seine technoiden 90er präsentiert, Samy Deluxe den Soul, Katja Ebstein die Sixties. Was bitte prädestiniert Sie für den Summer of Peace?

Linda Zervakis: Weil Konflikte jeder Art seit vergangenem Sommer die Nachrichten oft komplett füllen, wollte Arte den Fokus wohl mal in Richtung Frieden verschieben und hatte dabei offenbar das Bedürfnis, der Katastrophenfrau von der Tagesschau mal eine Leine zuzuwerfen, damit auch sie mal aus dem dauernden Verlesen von Krisen rauskommt (lacht).

Wobei die Katastrophenfrau das popkulturelle Thema dann politisch erden soll?

Klar, sonst hätte man ja Nicole nehmen können. Aber die hatte wohl keine Zeit… Ich dagegen bin in Elternzeit und stehe trotz aller Krisenthemen schon für die sachliche Seite des Friedensthemas.

Sind Sie denn nur krisengestählt oder auch friedensbewegt.

Ich gebe zu, noch auf keiner Friedensdemo gewesen zu sein. Stattdessen bin ich damit beschäftigt, meinen inneren Frieden zu Hause zu finden Das liegt aber auch daran, dass mich die tägliche Konfrontation mit den Krisen der Welt, die weit über das hinausgehen, was wir letztlich in den Nachrichten sehen, manchmal extrem demotiviert, dagegen öffentlich aufzubegehren. Es ist eine gewisse Ohnmacht, die sich in mir breit macht. So gesehen eröffnet mir die Zusammenstellung des Summer of Peace die Möglichkeit, mich daran zu erinnern, dass wir nicht ohnmächtig sind! Weil es den Zustand absoluten Friedens bislang eigentlich noch nie gab, wäre alles andere als Misanthropie allerdings dennoch utopisch.

Definieren Sie Frieden da im militärischen Sinne als Abwesenheit von Krieg oder im Sinne von Baruch de Spinoza und Johann Galtung als Abwesenheit von Ungleichheit?

Oha, jetzt fordern Sie meine Stilldemenz aber heraus! Also Abwesenheit von Krieg wäre ja schon mal ein schöner Schritt Richtung Frieden, aber mein Begriff davon basiert schon eher auf einer gesellschaftlichen Gesamtlage. Was allerdings bedeutet, dass wir uns angesichts der Ungerechtigkeit in aller Welt dauernd im Kriegszustand befänden. Es ist kompliziert…

Welche Situation herrscht denn dann zum Beispiel in Ihrer zweiten Heimat Griechenland?

(verdreht lachend die Augen) Na bitte!

Na, bei der ersten Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund kann man das Thema Herkunft ja nicht aussparen. In Griechenland herrscht zwar keine Waffengewalt, aber schreiende Ungerechtigkeit. Lebt das Land in Frieden?

Sicher nicht. Was Griechenland aber vom Kriegszustand unterscheidet, erlebe ich jedes Mal, wenn ich da bin: Die Menschen bewahren auch im Schlechten das Gute in ihren Herzen, teilen das Wenige, das sie haben, und lassen sich nicht unterkriegen. Griechenland wird niemals seine Seele verlieren; das Herz am rechten Fleck zu haben, beseitigt keine Krise, aber seine Wärme ist die einzig richtige Antwort auf den Krieg oben gegen unten, der alten Eliten gegen das Volk, die die Last der Reformen alleine tragen müssen. Das Miteinander bleibt freundlich, der Hilfsbereitschaft tut all dies keinen Abbruch. Das finde ich großartig.

Das klingt, als sei Ihr eigenes Herz dem Land Ihrer Ahnen näher als dem Land, wo Sie geboren und aufgewachsen sind.

Ich vergleiche Deutschland und Griechenland mit zwei Schülern derselben Klasse: Da gibt es immer den Streber, der alles kann und weiß, den die anderen dafür zwar beneiden, aber auch ein bisschen verachten. Und es gibt den verpeilten Typen, der meistens beliebter ist, aber wenig auf die Reihe kriegt. Die Verpeilten wollen nicht dauernd vom Streber hören, wie es richtig läuft, die Streber hätten gern was von der Lässigkeit der Verpeilten. So in etwa fühle ich mich auch manchmal.

Wann genau zum Beispiel?

Als ich letzten Sommer da war, hat sich eine Bekannte aufgeregt, jetzt Kfz-Steuern zahlen zu müssen. Da denke ich dann: Hey, so läuft das nun mal, wenn man ein Gemeinwesen finanzieren will, merke aber gleich, dass dieser Gedanke ganz klar der deutsche Teil in mir ist.

Welche Rolle hat Ihre Herkunft bislang im Alltag gespielt?

Abgesehen davon, dass unser großes Fest Ostern ist und nicht Weihnachten, eigentlich keine. Bis ich zur „Tagesschau“ gekommen bin – und plötzlich wurde Linda aus Hamburg zur Zervakis aus Griechenland, die dunkle Haare hat statt blonder und nicht Müller heißt, sondern irgendwie ausländisch. Das hat zwar nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, die kenne ich am eigenen Leib gar nicht. Aber merkwürdig ist das schon.

Hat aber ja auch den Grund, dass mit der Tagesschau die nächste Institution durchlässig für nichtdeutsche Biografien geworden ist…

Aber schöner wäre es doch, wenn das endlich nichts Besonderes mehr wäre, also keiner Erwähnung wert. So nach dem Motto: Das ist unsere neue. Punkt. Herkunft egal.

Zumal Ihre Herkunft als Tochter eines Kiosk-Besitzers aus einfachen Verhältnissen, die es auf einen der wichtigsten Posten der Mediengesellschaft gebracht hat, spannender ist.

Gut, ich musste mir mit meinen Brüdern ein Zimmer teilen. Und am Kiosk hab ich die volle Härte sozialer Ungleichheit gespürt, wenn Stammkunden dort ihre Sozialhilfe verflüssigt haben. Dennoch hab ich meine Kindheit nie als schwierig empfunden, obwohl man als Gastarbeiterkind früh das Gefühl bekam, ein bisschen mehr leisten zu müssen als andere. Was ich da vor allem lernen musste, war Hilfe von Menschen anzunehmen, die sich meiner angenommen haben. Und die gab es immer wieder – allen voran meine Eltern, die selber keine gute Bildung haben und gerade deshalb immer darauf bedacht waren, dass wir zur Schule gehen, auf die Lehrer hören, Deutsch lernen. Das haben wir immer beherzigt.

Taugen Sie demnach als Role-Model?

Kommt drauf an, für welche Rolle.

Sich als Frau mit Migrationshintergrund aus schwierigen Verhältnissen in einer Männerbranche durchgesetzt zu haben?

Als in Hamburg geborene Griechin tauge ich dazu im Moment doch schon deshalb nicht, weil die uns  Deutschen doch nur das Geld aus der Tasche ziehen (lacht). Ein gutes Beispiel zu sein, das nehme ich gerne an, aber bitte kein Vorbild, der Rucksack ist mir zu schwer. Egal ob wegen meiner Herkunft oder meines Geschlechts.

Letzteres erfordert bei der Tagesschau offenbar einen besonderen Dresscode. Ihre Haar zum Beispiel…

Von denen eine Hälfte immer über die linke Schulter hängt, ich weiß (lacht).

Tauschen Sie beim Summer of Peace die Nachrichtenuniform gegen Batic-Shirts?

Ein bisschen Flower-Power darf es schon sein; den Tagesschau-Blazer lass ich da mal schön im Schrank.

Auch privat?

Wenn ich offizielle Termine wie den hier hinter mir habe, verwandle ich mich – zack! – in die Privatperson und tausche die Highheels gegen Chucks und Jeans. Da freu ich mich schon jetzt drauf.


FilmDebüt im Ersten

Schonzeit

Reihen wie das FilmDebüt im Ersten bieten dem Nachwuchs erstaunlich prominenten Entfaltungsspielraum – und prominenten Schauspielerin seit gestern wieder die seltene Möglichkeit, sich mal so richtig auszutoben.

Von Jan Freitag

Talentschmieden? Die Privatkonkurrenz reifungsresistenter Schulhofrabauken dürfte sich vor Lachen in die Hochwasserröhre machen, wenn sich ausgerechnet die Öffentlich-Rechtlichen – Altersschnitt über 60 – als nachwuchsfreundlich preisen. Doch die ARD mag in der ominösen Zielgruppe ein Nachfragedefizit haben; das Angebot ist bisweilen jugendlicher als ihr geriatrischer Ruf. Seit 2001 läuft zum Beispiel jeden Sommer das FilmDebüt im Ersten. Zur Wochenmitte dürften Filmschulabsolventen darin einmal jährlich ihre Erst- bis Zweitlingswerke zeigen.

Gut, der Sendeplatz nach den Tagesthemen ist nicht grad allererste Primetimesahne. Daniela Musgiller nennt die Zeit vor Mitternacht dennoch eine „Riesenchance für junge Talente“, um das zu präsentieren, was die federführende Redakteurin des NDR „Gemischtwarenladen“ nennt. Zum Auftakt liegt darin etwa Jan Ole Gersters gefeierte Langspielfilmpremiere Oh Boy, die der Berliner Republik mit Tom Schilling als modernitätsmüdem Lebenskünstler ein schwarzweißes Denkmal von hinreißender Lässigkeit gebaut hat.

Im Stromlinienprogramm haben sperrige Genrestudien wie diese hingegen Null Chance auf Zuschauer ohne Einschlafprobleme. Nach den Hauptnachrichten müssen schließlich Blut, Schmalz und (am besten Freuden-)Tränen fließen, gern verquirlt zum mainstreamtauglichen Cocktail für jedermann, besser noch: jederfrau. Umso überraschender, dass seit 15 Jahren auch ein paar Zwischentöne Raum zur Entfaltung kriegen. Und das beileibe nicht nur im Ersten. Ohne den Druck der Reichweite säen auch andere Sender eifrig Spielwiesen für kreative Selbst(er)finder an.

Was beim SWR Debüt im Dritten heißt, nennen WDR Kinozeit: Debüt und BR Debütsommer, während Das kleine Fernsehspiel im ZDF schon seit 1963 ein Schaufenster für Frischlinge öffnet, die darin erste Gehversuche auf 90 Minuten starten. Aus derlei Foren sind bereits Namen von Fatih Akin und Lars Kraume über Maren Ade, Aelrun Goette bis hin zu Andreas Dresen, Christian Schwochow, Tom Tykwer und sogar Wolfang Petersen hervorgegangen. Allesamt längst Superyachten der fiktionalen Gegenwart – die für ihren Einstieg allerdings weit seltener auf personelle Schützenhilfe der Branche bauen konnte.

Heute dagegen nutzen viele Schauspieler der oberen Gehaltsklasse die Chance, unter der Regie blutiger Anfänger für den Bruchteil normaler Gagen Horizonte auszuloten. Devid Striesow, Sibel Kekilli, Matthias Schweighöfer, Nora Tschirner, Moritz Bleibtreu, Corinna Harfouch oder Bruno Ganz – Kaliber dieser Größe lernen sonst ja eher Drehbücher namhafterer Autoren als Bastian Günther, dessen diesjähriges FilmDebüt Houston kein geringerer als Ulrich Tukur in der Rolle eines alkoholkranken Headhunters bereichert.

Auch Jasna Fritzi Bauer in Wolfgang Dinslages einfühlsamen Coming-of-Age-Drama Für Elise (19.8.) oder Max Riemelt als schwuler Polizist in Stephan Lacants Freier Fall (2.9.) hat wohl weniger die Aussicht auf das Geld als den Abglanz des Unbekümmerten, Neuen, Gewagten gelockt. Zumal für die Leinwand. Denn wie gewohnt wurden acht der neun aktuellen ARD-Debüts nicht eigens für den Bildschirm produziert. Ein paar Drehtage mehr als die TV-üblichen 20 dürften sogar gut gebuchte Darsteller zur Teilnahme überzeugt haben. Und anders als im Kino, wo das Millionenpublikum von Oh Boy im Kreise gefälliger Herbig- bis Schweiger-Zoten zu den anspruchsvollen Ausnahmen zählt, liegt die Zuschauerzahl am Flatscreen selbst um 22.45 Uhr stets im siebenstelligen Bereich.

Mit Regie-Rookies lässt sich also durchaus Quote machen. Was dazu führt, das sogar renditefixierte Kommerzkanäle bisweilen auf Risiko setzen. RTL zum Beispiel hat dem Werbefilmer Philipp Kadelbach schon drei Jahre vor seinem Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter den Riesentopf des Blockbusters Hindenburg anvertraut. Und bei Pro7 durfte sich 1999 ein unerfahrener Kurzfilmer namens Dennis Gansel in abendfüllender Länge mit dem RAF-Thriller Das Phantom ausprobieren, bevor ihm Napola und Die Welle bekannt machten. Während die Branche also insgesamt über Quotendruck, Etatkürzungen und digitale Konkurrenz klagt, scheinen die Möglichkeiten junger Filmemacher zumindest stabil zu bleiben.

Das müssten jetzt nur noch die Programmverantwortlichen bemerken und den Nachwuchs nicht in Nachwuchsreihen Richtung Geisterstunde abschieben, sondern auf die Hauptsendeplätze. Einfach mal eine selbstbewusste 20.15 für Momčilo Mrdakovićs Regiedebüt Mamarosh etwa, das mit seiner federleicht ergreifenden Mutter-Sohn-Geschichte aus dem umkämpften Belgrad der Jahrhundertwende weltweit Preise gewann, im Ersten aber keine Chance auf etwas Prominenteres hat als einen Mittwoch Ende August kurz vor elf. Alles andere, so scheint es, ist staatsvertragswidrig. Sonst ändern sich kurz nach acht noch die Sehgewohnheiten…


2 Bier – 1 Platte

Marthe-SarahSarajane – India.Arie

So manch musikalische Karriere begann im Backround bekannter Kollegen und Kolleginnen. Auch Sarajane sammelte in der Band von Ina Müller erste Bühnenerfahrungen. Als die Wahl-Hamburgerin mit der auffallenden Frisur dann ihr eigenes Album veröffentlichen wollte, gründete sie mit McNificent Music dafür kurzerhand ein eigenes Label. Ihr Debüt #Step One erschien im März. Welches Album sie auch bei diesem Schritt stets begleitete, erzählt Sarajane im Interview.

Von Marthe Ruddat

Marthe: Sarajane, wir sprechen heute über die Musik, die Dich in besonderem Maße geprägt und begleitet hat. Fällt Dir die Auswahl schwer?

Sarajane: Nein, überhaupt nicht. Das muss einfach die Acoustic Soul von India.Arie sein.

Acoustic Soulist das 2001 erschienene Debutalbum von India.Arie. Es wurde für 7 Grammys nominiert. Mit ihrem Mix aus Soul, Blues und Hip Hop hat die Amerikanerin eine Art neues Genre mittig zwischen Singer/Songwriting und Nu Soul geschaffen.

Das ging schnell! Warum ist die Platte für Dich so besonders?

Weil sie mir meine musikalische Karriere eröffnet hat. Ich habe schon immer heimlich in meinem Zimmer gesungen und auch Gesangsunterricht genommen. Es war aber nie so, dass ich vor Publikum, geschweige denn vor meiner Familie gesungen habe. In der 12. Klasse gab es in der Schule dann ein Projekt. Jeder durfte sich aussuchen, welches Thema er bearbeiten möchte. Man musste einen kleinen schriftlichen Text verfassen, das Projekt endete aber mit einer großen Aufführung in der Aula. Ich habe mich ganz blauäugig für das Thema Soulmusik entschieden. Mir ist erst später klar geworden, dass das bedeutet, dass ich vor Menschen singen muss. Und da war es schon zu spät.

Du hast Deinen Auftritt also durchgezogen?

Ja, ich hab’s durchgezogen! Ich hatte mir noch einige Leute für einen Chor gesucht. Die haben aber alle nacheinander wieder abgesagt und so stand ich am Tag des Auftritts alleine da. Ich war so nervös. Ich wusste, ich kann nicht anfangen zu singen, wenn ich die ganzen Menschen sehe. Deshalb ist der Vorhang erst hoch gegangen, als ich schon angefangen hatte. Mein erster Song war dann von India.Aries Acoustic Soul.Marte-Sarahcover

Welches Lied war das genau?

Das war Brown Skin. Es ist ein sehr emotionales Liebeslied mit wunderschönem Text und toller Gesangsmelodie. Es hat mich aber auch aus anderen Gründen sehr bewegt. Wir hatten damals ein afrikanisches Flüchtlingsmädchen in unsere Familie aufgenommen. Wir haben uns damals tatsächlich sofort verschwestert, wenn man das so sagen kann. Und auch die ganze Musik, die ich damals gehört habe, war von schwarzen Soulmusikern aus Amerika oder England. Ich habe mich damals immer schon als Teil dieser Szene und als Schwester dieses Mädchens gefühlt, obwohl ich ja ein englisch-schottisches Milchbrötchen bin.

 

Where are your people from? / Maybe Mississippi or an Island.

Apparently your skin has been kissed by the sun.

You make me want a Hershey’s kiss, your licorice.

Every time I see your lips / it makes me think of honey-coated chocolate.

Your kisses are worth more than gold to me.

I’ll be your almond joy / you’ll be my sugar daddy.

Brown skin, you know / I love your brown skin.

I can’t tell where yours begins / I can’t tell where mine ends.

Brown skin, up against my brown skin.

Need some every now and then:oh hey.

 

Seither ist ja nun einige Zeit vergangen. Ist die Platte mittlerweile aus dem Plattenregal verschwunden?

Nein, absolut nicht. India.Arie höre ich immer noch sehr viel. Ich habe selber gedacht, dass so eine Platte irgendwann an Wirkung verliert, aber sie packt mich noch immer. Als wir auf Tour gegangen sind, habe ich mir die Acoustic Soul noch einmal als Mp3 gekauft. Die CD ist einfach schon sehr zerkratzt und fällt auseinander. Als ich sie dann gehört habe, kamen tatsächlich wieder genau die selben Gefühle hervor wie damals.

Und wie fühlen die sich ungefähr an? 

India.Arie hat eine sehr weiche, tiefe Stimme. Die bringt mich irgendwie immer wieder runter. Als Künstler befallen einen manchmal Ängste, davor bin auch ich nicht gefeit. Das Leben als Freiberufler bringt einfach aus Sorgen mit sich und manchmal bekomme ich Existenzängste. Auf die Songs von India.Arie greife ich zurück, wenn ich mal denke, dass jetzt alles ganz bestimmt ganz schlimm wird. Ihre Musik holt mich dann wieder in die Realität zurück. Irgendwie ist sie dann so etwas wie eine Motivatorin direkt in meinem Ohr.

Marthe1Sarajane steckt voller Energie. In jeder Antwort wird ihre positive und emotionale Art deutlich.  Dabei wirkt sie nie abgehoben oder unecht, sondern stets aufgeweckt und ziemlich pfiffig.

Ist India.Arie damit mehr als ein musikalisches Vorbild für Dich?

Auf jeden Fall. Als Künstlerin ist sie ein Vorbild, weil sie einfach so erfolgreich ist. Sie hat Grammys erhalten und ist unter anderem auch als Kulturbotschafterin aktiv. Aber auch als Mensch habe ich das Gefühl, dass sie eine authentische und warme Persönlichkeit ist. Es gibt ja oft berühmte Persönlichkeiten, von denen alle Welt denkt, dass sie ganz liebe Menschen sind. Und wenn man sie dann mal trifft, wird man eventuell enttäuscht. Bei India.Arie ist das, glaube ich, nicht so. Es gab zum Beispiel in Amerika mal diese I am not my Hair-Debatte. Es ging darum, dass afroamerikanische Mädchen nur über ihre Haare definiert werden und sich deshalb oft bemühen, ihre Haare wie weiße Mädchen zu stylen. India.Arie hat deshalb das Lied I am not my Hair geschrieben und sich einfach die Haare abrasiert. Das hat mich beeindruckt. Sie wirkt einfach wie eine coole Frau mit der richtigen Einstellung. Und ich glaube wenn man sie treffen würde, dann würde sie einem ein gutes Gefühl vermitteln. Auch wenn ich vor Aufregung total durchdrehen würde…

Wer Sarajane vor ihrer kurzen Sommerpause noch einmal live erleben möchte, hat am 7. August auf der Hansesail in Rostock und einen Tag später dem Beckstrassen Festiv in Hamburg noch die Gelegenheit dazu.


Landesverrat & Stellvertreterkriege

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

1. – 7. August

Landesverrat, ah ja. Fehlt nur noch der gute alte „Volksschädling“, mit dem eisernere Kanzler einst den Pöbel vom Machtzentrum der Klassengesellschaft fernhielten. 33 Jahre nach dem letzten Vorwurf an ein Medium, es würde Geheimisse des Staates aus reiner Feindseligkeit publizieren, erhebt die Bundesanwaltschaft wieder Anklage gegen Journalisten, diesmal der kleinen, aber aufmüpfigen Onlineplattform www.netzpolitik.org. Davon abgesehen, wie vordemokratisch es ist, dass nicht etwa Staatsgeheimnisse strafbar sind, sondern deren Veröffentlichung, fällt die Bundesrepublik damit zurück in dunkle Zeiten von Bismarck bis Strauß und belegt eindrücklich, das Pressefreiheit auch im Rechtsstaat nur so weit reicht, wie er die Mächtigen nicht kratzt.

Was sonst noch Juckreiz erzeugt, im aktuellen Mediengeschehen, verblasst vor dieser Ungeheuerlichkeit so sehr, dass man das Texten an dieser Stelle einstellen möchte, aber damit ist ja auch niemandem gedient. Die Besonderheiten der vergangenen Tage gibt es daher kurz in Stichworten: Inka Bause sitzt bald neben Bruce Darnell und Dieter Bohlen in der Supertalent-Jury und belegt damit nachdrücklich, wie egal es RTL mittlerweile ist, wer dessen Firlefanz moderiert – Hauptsache die Hülle überdeckt all die gähnende Leere dahinter. Die Fusion der ProSiebenSat1-Gruppe mit Axel Springer ist dagegen vom Tisch. Und der Kanzlerinnen-Kuschler LeFloid darf künftig dienstags (EinsPlus, 22.45 Uhr) als Daddelheini ausgerechnet in jenes Regelprogramm, das er auf seinem Youtube-Kanal ansonsten mit Hohn und Spott überzieht.

Mission accomplished!

0-FrischwocheDie Frischwoche

8. – 14. August

Das dürften vor genau 70 Jahren auch jene Piloten gefunkt haben, die drei Tage nach der ersten Atombombe auf Hiroshima nun Nagasaki in nuklear verwüstet hatten. Zum Gedenken an eines der furchtbarsten (und weiter ungesühnten) Verbrechen der Menschheit spricht Klaus Scherer am Montag um 23.45 Uhr im Ersten mit letzten Überlebenden und fragt: Warum fiel die zweite Bombe, was Arte tags drauf mit drei Dokumentationen zur besseren Sendezeit ab 20.15 Uhr ebenfalls tut. Und auch, wenn diesem Thema jede Leichtigkeit fehlt, passt es zum Summer of Peace, mit dem der Kulturkanal grad die Schnittstellen von Krieg und Kultur auslotet. Sonntag zum Beispiel läuft ein Prunkstück des Sommerschwerpunkts, Christian Bettges sehenswerte Doku Peace’n’Pop, die ab 22 Uhr der Geschichte des Protestsongs im Jahrhundert der Stellvertreterkriege nachgeht.

Bei so viel realpolitischer Härte fällt es schwer, Leichtigkeit zu empfehlen. Aber Oh Boy, Jan Ole Gersters schwarzweißes Porträt eines modernitätsmüden Lebenskünstlers mit Tom Schilling auf dauernder Suche nach ganz gewöhnlichem Kaffee und etwas weniger Hipsterhype, ist Dienstag (22.45 Uhr) nicht nur von hinreißender Lässigkeit; es bildet auch den Auftakt vom diesjährigen FilmDebüt im Ersten, das bis September neun Nachwuchsregisseuren eine vergleichsweise prominente Plattform ihrer Erstlingswerke bietet. Der geniale Selbstdarsteller Oli Schulz allerdings muss sich in der famosen Reihe My Hometown auf dem Kleinstkanal EinsPlus in seine Heimatstadt Hamburg begeben, deren abseitige Ecken er Mittwoch um 20.15 Uhr mit herrlicher Schnodderigkeit bewirbt.

Apropos Werbung: Dienstag um 18 Uhr umgeht ein anderer Kleinstkanal das Reklameverbot: ZDFkultur überträgt den sportlich irrelevanten, finanziell lukrativen Audi-Cup, der einzig und allein das Ziel hat, Gastgeber Bayern München, seine Sponsoren und die diesjährigen Gegner aus Mailand oder Madrid mit noch mehr Millionen zu mästen. Statt dem Ingolstädter Autokonzern also aufs Markenlogo zu starren, sei lieber ein VW namens Herbie empfohlen, der auch am Bildschirm läuft und läuft und läuft: Ab Donnerstag zeigt Disney Channel Ein toller Käfer von 1968, gefolgt von drei Sequels mit dem lebenslustigen Faltdachmodell Nummer 53, was zwar irgendwie auch Reklame ist, aber einfach zu nostalgisch, um illegitim zu sein.

Sichtwort Nostalgie: Die schwarzweiße Wiederholung der Woche heißt Im Lauf der Zeit (Montag, 22.10 Uhr, Arte), Wim Wenders akustisch reduziertes, optisch opulentes Selbstfindungsepos am Zonenrand von 1976. Fünf Jahre jünger und in Farbe ist ein Tipp, der sich eher an Männer über 40 wendet: Porky’s (Dienstag, 20.15, RTLNitro), zotiger Highschool-Quatsch gewiss. Er sagt jedoch so viel über das aus, was Jungs 1981 amüsant fanden, dass es für deren aktuelle Lebenspartner(innen) aufschlussreich sein könnte… Für alle aufschlussreich ist indes die Doku der Woche Zum dritten Pol (Freitag, 20.15 Uhr, Servus), ein berauschender Film übers Leben der Himalaya-Pioniere Norman und Hettie Dyhrenfurth, erzählt von ihrem 97-jährigen Sohn Norman, dem selbst kein Gipfel zu hoch war.