ARD-Vasallen & Tatortreiniger

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

7. – 13. Dezember

Neigt sich das Jahr dem Ende zu, beginnt die Zeit der Ausblicke aufs nächste. Weil die Welt auch weiter um Krisen kreist, dürften sie zwar wenig Erbauliches erbringen. Doch eine Aussicht stimmt hoffnungsfroh: Klara Blum verlässt den badischen Tatort und damit die ödeste Ermittlerin in knapp 1000 Fällen. So gesehen darf man die Notbremse der ARD als humanitären Akt bezeichnen, gepaart wird mit einem Neuanfang: Ersetzt werden Eva Mattes und der heillos unterforderte Sebastian Bezzel durch Hans-Jochen Wagner (der dafür sein ZDF-Engagement an der Seite von Kommissarin Heller beenden muss) und Eva Löbau (was nicht nur dank Harald Schmidt als Kriminaloberrat etwas Lakonie ins badische Jammertal bringen könnte). Lustig, gar ulkig will das Trio aber nicht werden, wenn es wie Dienstag verkündet die Schnarchnasen vom Bodensee ablöst.

Weder lustig noch ulkig war Sonntag zuvor die Live-Sendung der Lindenstraße, besonders für Erfinder Hans W. Geissendörfer, der sich angesichts des mageren Bruchteils jener Zuschauer, die das Geburtstagskind 30 Jahre zuvor eingeschaltet hatten, erneut fragen muss, ob sein Dauerbrenner noch weiter beheizt werden sollte. Schluss mit lustig dachte sich im Übrigen fast zeitgleich ein gewisser Hape Kerkeling, als er 1984 erstmals in Bremen ein Fernsehstudio betrat und schon damals, wie der zurückgetretene Entertainer dem Spiegel anvertraut hat, ans Aufhören dachte.

Tiefgründig bis brüllend komisch hingegen ist das, was eine der großen Unbekannten des hiesigen Humors aufschreibt. Nach vier Staffeln Tatortreiniger hat Mizzi Meyer ihr geheimnisumwittertes Pseudonym gelüftet. Sie heißt im wahren Leben Ingrid Lausund und war mal als Hausautorin und Regisseurin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg tätig, womit bewiesen wäre: E und U schließen sich auch an der Autorenquelle keineswegs aus.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. Dezember

Wie wenig, zeigt sich im NDR, wo Donnerstag um 22 Uhr die erste dreier Doppelfolgen mit Bjarne Mädel als hemdsärmelig liebenswerte Putzkraft „Schotty“ läuft, der gewissermaßen den klebrigen Rest vom Krimibrei besserer Sendeplätze beseitigt. Sendeplätze, die abermals von Massengeschmacksunterhaltern wie Markus Lanz besetzt sind, der zwei Stunden zuvor auf ganz großer ZDF-Bühne emotional übersteuern darf, wenn er die Menschen 2015 in den Schmalztiegel seiner klebrigen Anteilnahme tunkt.

Wer dort – parallel zum furiosen Staffelfinale des heillos unterfrequentierten Serienereignisses von Deutschland 83 bei RTL – zwingend landen sollte (und wohl auch wird), ist Stefan Raab. Der beendet tags zuvor nach 2243 Folgen TV total und bittet Samstag letztmalig, ihn zu schlagen. Was das Feuilleton über Jahre schriftlich in Abertausenden von Verrissen getan hat, um ihm nun eifrig nachzutrauern: dem kreativsten Kopf des kommerziellen Entertainments, ein „altruistischer Egoist“, wie ihn die Süddeutsche Zeitung lobpreist.

Nach ihm herrscht wieder jene Leere, die das stete Quizzen hochdifferenter Alterskohorten, Nationalitäten, Intelligenzquotienten bei Kernerhirschhausenpilawa immer nur vergrößert. Es sei denn, dafür sorgt der raffgierige König Fußball, dessen DFB-Pokal ab Dienstag mithilfe ergebener ARD-Vasallen die Konten von Bayern bis Dortmund füllt. Da schaltet man also besser zu Arte, um sich Mittwoch (20.15 Uhr) am Remake des Weihnachtsmehrteilers „Die schwarzen Brüder“, nun ja: zu erfreuen. Das realitätsgetreue Sozialdrama um Tessiner Familien, die ihre Söhne im 19. Jahrhundert aus materieller Not als Kaminkehrer nach Mailand verkaufen mussten, ist ja nicht nur toll kostümiert und zurückhaltend inszeniert; es glänzt auch durch Moritz Bleibtreu als hinreißend skrupellosen Geschäftsmann.

Sehenswert ist an gleicher Stelle auch die Dokumentation Ein gefährliches Buch, in der tags zuvor (20.15 Uhr) das Ende des Urheberrechts an Mein Kampf analysiert wird und wie dessen Inhaber Bayern eine kritische Neuauflage im Frühjahr verhindern will. Typischer Fall von Schattenboxen: das wirre Pamphlet dient heutzutage selbst unter geistig limitierten Stiefelnazis allenfalls als ungelesener Fetisch, auch wenn es vor 90 Jahren das gefördert hatte, was die schwarzweiße Wiederholung der Woche heute erlebbar macht: Nackt unter Wölfen (Montag, 20.15 Uhr, Arte), ein Defa-Film von 1963 mit Armin Müller-Stahl als Buchenwald-Insasse, der versucht, mit einem kleinen Kind die Seelen aller NS-Opfer zu retten. Der farbige Tipp spielt parallel auf EinsFestival in der Zukunft: Moon, Duncan Jones‘ düstere SciFi-Parabel (2009) um die kosmische Energiegewinnung von morgen. Und am Dienstag wagt die Doku der Woche namens Bad Brain (Dienstag, 23.35 Uhr, Arte) ein Gedankenexperiment über einen Computer, der alles mit allem zu einem gigantischen Großhirn verbindet. Beängstigend und faszinierend.


Udo Lindenberg: Panikrocker & Fotomotiv

UdoIch bin ein Trademark

Udo Lindenberg (Foto: Tina Acke) schleicht mit brennender Davidoff durchs rauchfreie Hotel Atlantic, seinem Erstwohnsitz, in Richtung Raucherlounge, seinem Zweitwohnsitz. Hier ein Schnack mit dem Portier, da ein Winken zur Rezeption. Man kennt sich, man mag sich, man sieht sich nicht nur dauernd im Fünfsternehaus, sondern auch in einem opulenten Bildband oder diesen Sonntag am Bildschirm,  wenn N24 dem gealterten Panikrocker um 15.20 Uhr eine kleine feine Reportage über seine besondere Beziehung zu Berlin widmet.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lindenberg…

Udo Lindenberg: Udo, bitte!

Gern, Udo, du bist im Bildband Stark wie zwei gleich zu Beginn ohne Brille zu sehen. War das ein Unfall?

Nein, nein. Das Ding hat ja Tine gemacht und es ist ihr Lieblingsfoto von mir. Very personal. Eigentlich sollte das ja nur ein kleines Geburtstagsheftchen werden für mich. Und da meinte ich zu ihr, Tine, das sind so geile Fotos, die dürfen wir einer großen Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Das ist wie ein Flugschreiber, die Blackbox der letzten vier Jahre meines Lebens, immer zwischen Notärzten und großer Bühne.

Aber noch kein Abgesang oder?

Nein, nein. Nur eine fotografische Zwischenbilanz. Ich habe noch sehr, sehr viel vor. Nächstes Jahr erstmal MTV-unplugged, da checke ich gerade Lou Reed und es sieht ganz gut aus. Ich am Schlagzeug, Contra-Base, dazu Andreas Herwig, die alten Jammer und ich und natürlich Jan Delay.

Ist das eine richtige Freundschaft geworden?

Absolut. Wir sind ein echtes Team geworden, sind viel zusammen, tauschen uns aus, hören Demos, quaken uns voll, checken unsere Sounds. Der verändert sich ständig, das imponiert mir, hier HipHop, da Disko, dann Soul, wer weiß, was noch kommt. Man muss sich immer neu erfinden, so wie David Bowie oder ich, Atlantic Affairs, New York, next year. Und dann mein Musical in Berlin, auch was ganz Neues, die Story von mir und Thomas Brussig, Ulrich Waller – eine echte Fusion von Theater und Rockshow.

Gibt’s bald eine neue Platte?

Ganz sicher den Soundtrack des Musicals, aber für eine komplett neue Platte brauch ich erstmal Zeit zum Spielen, zum Scheißbauen, zum Unterwegssein, zum Aufnkopfstellen, für Abenteuer, neue Eingebungen, weltweit. Es ist ja nicht so schwierig, Musik zusammenzustellen; das Themenfinden ist es.

Zum Beispiel – politischer zu werden.

Das wäre mein Plan.

Ist das eine Frage des Alters?

Ich war ja früher auch schon politisch. Straßenlieder, DDR, Wozu sind Kriege da, Waffenhandel, Atomkrieg aus Versehen, all so was. Nicht so sehr Tagespolitik, nicht Barschel in der Badewanne. Doch jetzt freu ich mich erstmal über den Bildband.

Udo drückt eine halbe Zitrone in seinen Tee. In manchen Momenten wirkt er erstaunlich klar, manchmal driften seine Gedanken in unverständliches Genuschel ab und nie ist wirklich klar – hat man hier einen Menschen oder das Image vor sich, das er selbst gern in die Welt streut.

Darin sind fast 400 Bilder von dir zu sehen. Welchen Udo Lindenberg zeigen die. Den ganzen?

Erstmal den rund um Stark für zwei, die very Anfänge, die Demos, die Begegnungen, das Überlegen, die vielen Zettel, Fragmente, Ideen, die Talks mit allen Teilnehmern. Die ersten Videos.

Es ist also nur ein Ausschnitt deines Lebens, kein Querschnitt.

Genau. Only four years. Es ist vor allem ein Feierbuch, weil because: there was a big party. Natürlich auch mit Schwierigkeiten. Egal. Big family.

Du bist auf jedem Bild mit Hut und Brille zu sehen.

Wie sonst?

Bist du das tatsächlich selbst oder ist das vor allem ein Image, das die Öffentlichkeit von dir hat?

Das bin schon ich. Ich gehe zwar nicht mit dem Hut ins Bett, gehe aber mit ihm schwimmen. Ich hab halt eine tolle Frisur, nur dass der Scheitel immer höher rutscht… Der Hut steht mir gut seit meinen Detektivaufnahmen aus dem Film Panische Zeiten, das war 1980. Warum soll ich da jetzt noch was dran ändern.

Und die Brille?

Nicht ganz so lang, aber mit der sehe ich auch besser, vor allem in die Ferne. Außerdem ist es ein Schutzvisier, mein Schutzschild, weil ich den ganzen Tag observiert werde.

Aber das hast du dir doch selber ausgesucht.

Hat mich aber trotzdem lange gestört. Jetzt allerdings nicht mehr so. Aber stimmt schon, ich wollte immer das die Leute über den kleinen Jungen aus Gronau sagen, das geht der berühmte Udo L. Verstehst du? Der Macher aus der Provinz, der sein Ding regelt. Ich bin ein Trademark und das pflege ich eben.

Man weiß gar nicht, wie du ohne aussiehst.

Zum ersten Mal in 20 Minuten blickt Udo Lindenberg unter seiner tiefsitzenden Hutkrempe hervor und dann passiert’s: er lüftet sogar kurz seine Brille. „Wenn Augen töten könnten“ sagt er und lacht. Sind eigentlich ganz warme Augen und seit Ewigkeiten vor Lichteinfluss geschützt auch erstaunlich junge. Fast wie die seiner Freundin Tine Acke, die jetzt die Raucherlounge betritt.

Oh, da ist Tine. Danke für das Buch.

Wenn du auf vier Bühnenjahrzehnte zurückblickst – gibt es da irgendwas, das konstant war an Udo Lindenberg, das ihn die ganze Zeit hindurch kennzeichnet?

Die eigene Sprache, die ich erst erfinden musste. Sprachlich konnte ich mich da an nichts orientieren, musikalisch ging das leichter, mit Bowie, den Stones, von den großen Akustikmeistern. Meine Shows sind auch gleich geblieben, Felliniesk, würde ich mal sagen, mit vielen Darstellern, viel Wirkung. Dazu meine Scheißegalhaltung, ob so was im Radio gespielt wird. Obwohl ich immer ein bisschen auf die Charts geschielt habe; ich wollte, das jeder was davon mitkriegt. Ich bin Breitensportler, kein Nischenkünstler. Vor mir gab es im deutschen Rockbereich Rio Reiser, Macht kaputt was euch kaputt macht, sehr wichtig für mich, für alle. Das hat mich sehr inspiriert. Dazu Ihre Kinder aus Nürnberg.

Beide ungeheuer politisch.

Ernst vor allem. Dem wollte ich eine Partyband gegenüberstellen, Streiche spielen, alles auf den Kopf stellen mit Udo ohne Hut, ein good looking man, das kam an.

Bis in die Neunzigerjahre, da gab es einen Bruch.

Da hatte ich eine Krise. Eine künstlerische, eine Sinnkrise. Ich wusste nicht, wie man den Schritt vom Jugendidol zu einem würdevollen Rockchansonnier hinkriegt, der mit 60 noch große einsame Songs singt. Das haben nur wenige geschafft, Paul McCartney, Bob Dylan, David Bowie, solche Kaliber. Und die großen Franzosen: Yves Montand, Charles Aznavour.

Die klangen ja schon als sie jung waren recht alt.

(lacht) Das stimmt. Ich hab das zuerst nicht geschafft, da hat mir die Malerei sehr geholfen. Und Tine, wir kennen uns ja schon seit über 15 Jahren. Ich dachte Anfang der Neunziger, jetzt ist alles vorbei, mein Lebenswerk ist over.

Klingt nach Ruhestand.

Wusste ich nicht. Ich hatte jedenfalls große Zweifel. Dazu Notarzt, Kliniken, zu viel Alkohol, der ganze Scheiß. Dann hab ich plötzlich neue Aufgaben gesehen, Atlantic Affairs, neue Richtungen, und ich wusste, das schaffst du nur, wenn du fit bist und frisch. Also: viel Sport, kein Saufen, lieber andere Drogen, sonst kriegst du die Kurve nicht.

Tine Acke: Zwischendurch war aber auch noch Aufmarsch der Giganten, das vergisst du immer.

Udo Lindenberg: 30 Jahre Panik-Orchester, stimmt, Jubilee. Mit Nina Hagen, Eric Burdon on stage. Großartig.

Das Ende der Kurve war aber Stark wie zwei von 2008, dein ersten Nr.-1-Album.

Ganz genau.

Hat dich der Erfolg selber überrascht?

Schon, aber so viel Arbeit und Nerven wie darin stecken, auch irgendwie nachvollziehbar. Und alles dokumentiert in diesem Buch. Ich sehe das auch als eine Hommage an die Freundschaft zu all den Leuten, die mir dabei geholfen haben.

Was finden so junge Leute wie Jan Delay oder deine Freundin Tine, die rein theoretisch deine Enkel sein könnten, eigentlich an jemandem wie dir?

Wieder: die Sprache. Jan hat mir erzählt, als er ein kleines Kind war, lief ich im Autoradio seiner Eltern und er war wie elektrisiert von ihr. Daran hat er sich später erinnert und gemerkt, geil, man kann gute Sachen auch auf Deutsch singen. Das war in den Achtzigern nicht selbstverständlich, kein Rilke, kein Hesse, kein NDW, sondern Umgangssprache, die sich nach einer langen Phase der deutschen Sprachlosigkeit nach all dem Nazischeiß und dem Schlagerdreck und zwei kleinen Italienern erst neu bilde musste in der Musik. Ich habe das meiste auf Bierdeckeln in Kneipen nach dem einen oder anderen Doppelkorn verfasst. Da war ich glaube ich ausersehen. Mittlerweile singen ja alle deutsch wie der Alte.

Im Buch steht was von „Der Greis ist heiß“.

Das bin ich, aber als Persiflage auf andere, die in meinem Alter im grauen Sterbeflanell durch die Gegend laufen und Kinder Angst vor dem Alter machen. Ich dagegen bin der Meinung, das Alter steht für Radikalität und Meisterschaft; je älter man wird, desto weniger hat man zu verlieren, zu buckeln. Die Zeit ist knapp, da muss man weniger Rücksicht auf Hierarchien und Karriere nehmen.

Fühlst du dich denn alt?

Manchmal, wenn ich meine Glieder strecke, gerade nach Tourneen. Aber innerlich fühle ich mich zeitlos.

Aber 100 wirst du nach deinem Lebenswandel nicht?

Ganz sicher sogar. Ich sage immer, wenn grad keine Freunde zuhören (flüstert): zehn, vielleicht noch 15 Jahre.

Aber trinken tust du nicht mehr.

Selten. Früher dauernd, heute gezielt.

Früher, sagt er noch,  hätte hier eine Flasche Whisky gestanden. Jetzt schwappt eben reichlich Alkoholfreies über den Tisch, wenn er davon trinkt. Udo Lindenberg wirkt fahrig, für einen Berufsjugendlichen, aber fit für einen Mann Mitte Sechzig. Er zieht an seiner Zigarre, die längst erloschen ist. Willst du noch ’ne Platte mit Autogramm? Man wird nicht lesen können, was er da auf die CD geschrieben hat, aber es stammt immerhin von ihm.

Wirst du irgendwann noch mal sesshaft, mit eigener Wohnung, vielleicht sogar Häuschen im Grünen?

Niemals. Ich bleibe in Hotels, ich liebe die Anonymität, die Unverbindlichkeit. Zurzeit fahre ich unheimlich gern Schiff. MS Deutschland, Queen Mary.

Und die Brille bleibt.

Unbedingt. Ich bleibe Abenteurer, Explorer, aber nur mit Schutzschild. Vielleicht wechsel ich irgendwann mal meine Frisur. Wer weiß.

Das Interview entstand vor vier Jahren zur Veröffentlichung von Udol Lindenbergs Fotoband

The Man in the High Castle: Siegreiche Nazis

AmazonEr war gar nicht weg

In der Amazon-Serie The Man in the High Castle haben die Nazis doch gesiegt und halb Amerika besetzt. Nach der englischen Originalversion ist der erfolgreichste Serienstart des Online-Händlers parallel zur Hacker-Serie Mr. Robot nun auch auf Deutsch abrufbar. Was zeigt, dass sich die klassischen Sender auch hierzulande im Kampf mit Online-Anbietern zügig warm anziehen sollten.

Von Jan Freitag

Guter Geschmack zählt abgesehen von ein paar Tausend weit unappetitlicherer Eigenschaften nicht grad zum Kernbestand nationalsozialistischer Leitkultur. Fliegerfilme, Kolossalarchitektur, Jungmädelzöpfe oder Hirschgeweihkunst – alles nichts für Feingeister mit Niveau. Bis auf die Einrichtung repräsentabler Räumlichkeiten, sagen wir: einer deutschen Botschaft am Westrand der USA. Die nämlich besticht durch ein exquisites Interieur zwischen Art Déco und Bauhaus: Gedeckte Farben, dezentes Mobiliar, ausladende Fenster, bisschen hakenkreuzlastig vielleicht, stilistisch aber durchaus ansprechend – zumindest in The Man in the High Castle.

Ab heute ist die zehnteilige Dystopie, in der Hitlers Tätervolk den Zweiten Weltkrieg zusammen mit Japan doch gewonnen hat, bei Amazon Prime abrufbar. Es ist ein verstörendes, oft bizarres, vielfach ideensprühendes Gedankenexperiment, das den Westteil Nordamerikas nationalsozialistisch besetzt hält und den östlichen kaiserlich, geteilt durch eine Pufferzone namens „Rocky Mountain States“, die zu Beginn der Serie (noch) verhindert, das beide totalitären Siegermächte zum Kampf um den ganzen Kontinent blasen. Bis dahin halten sie die Urbevölkerung dank eines gehörigen Anteils Kollaborateure eben gemeinsam unter faschistischer Knute.

Wie soll man das nennen – wahnsinnig, fantastisch, Quatsch? Bei allem Aberwitz jedenfalls ist es auch nicht vollends an den Haaren herbeigezogen! Schließlich standen die Nazis gegen Kriegsende offenbar kurz vor der eigenen Atombombe und hätten sie gewiss wahlloser eingesetzt als Washington, das Hiroshima und Nagasaki im Sinne der Dramaturgie hier doch nicht pulverisiert hat. Doch um Authentizität, Realismus, gar Wahrheit geht es dieser Serie nicht; dafür birgt schon Ridley Scott als ausführender Produzent, der nach „Blade Runner“ bereits das zweite Buch des kalifornischen Endzeit-Experten Philip K. Dick adaptiert.

Ohne ein konkretes Datum zu nennen, erzählt bereits „Das Orakel vom Berge“, wie die okkupierte Juliana Crain in den Besitz mysteriöser Schmalspurfilme gerät, auf denen laufende Bilder vom Triumpf der Alliierten über die angeblichen Kriegsgewinner zu sehen sind, auf deren Spur sich neben dem dubiosen Joe Blake auch Obergruppenführer John Smith begibt. Showrunner Frank Spotnitz besetzt seine Hauptfiguren mit der schönen Alexa Davalos, dem süßen Luke Kleintank und Rufus Sewell als scharfkantiger SS-Scherge (also mal nicht mit deutschen Nazi-Darstellern), verlegt den Rahmen ins Erscheinungsjahr 1962 und ergreift somit die Chance zum bipolaren Kostümfest, die Tristesse von 1984 Tür an Tür mit dem Sixties-Pop der Mad Men, das gediegene Ambiente der NS-Vertretung beim japanischen Freundfeind gleich neben blutigen Folterkellern oder dunklen Widerstandsnestern.

Und genau da liegt das Problem: die Optik befindet sich im dauernden Wettstreit darum, ob sie den Inhalt definiert oder umgekehrt. Einerseits werden die Figuren kreativer entwickelt als hierzulande üblich und sodann mit Brüchen, Finten, Tiefen versehen, die deutsche Serien gern vermeiden. Andererseits begeht The Man in the High Castle jenen Fehler, der unser Historytainment oft unsäglich macht: Da entwirft sich der Untergrund ein schickes Wappen, das die Jagd auf ihn ungemein erleichtert; da müssen Hakenkreuze selbst auf der Wählscheibe normaler Telefone prangen; da sehen die Bösen echt böse aus und Helden meist hinreißend; da ist also vieles optisch überdreht, als traue man dem Sog der Erzählung nicht.

Zu unrecht. Denn der kostenlos abrufbare Pilotfilm war Anfang des Jahres nicht ohne Grund der erfolgreichste Start einer Eigenproduktion auf Amazon. Da dürften auch die nächsten Folgen den magischen Sog des Auftakts trotz einiger Mängel entfalten – gerade jetzt, wo totalitäre Extremisten die Gewaltspirale mal wieder fernab aller Kausalität aufwärts rasen. Da passt es zum Epochenbruch, dass die Arte-Serie Occupied derzeit die Besetzung Norwegens durch russische Truppen infolge abgedrehter Ölhähne (woran auch die Verbündeten kein Interesse haben) zum Thema macht. Auch nicht grad realistisch, aber undenkbar? Harte Zeiten, gute Serien…


Deine Freunde: Neue Platte & Gewinnspiel

 KindskoepfeDeine Freunde

Zur Feier der dritten Platte von Deine Freunde, zeigen freitagsmedien ein Interview mit Flo, Lukas, Pauli und verlosen exklusiv dreimal die neue CD Kindsköpfe. Die Frage steht unterm Gespräch.

Kinder sind das Derbste

Als Florian Sump, Markus Pauli und Lukas Nimscheck vor gut drei Jahren in Hamburg Deine Freunde gründeten, war nicht absehbar, was das für Wellen schlagen würde. Ihre zwei ersten Alben waren schnell in aller Munde. Kindermunde. Aber auch Erwachsenenmunde. Denn Flo, in der Rapszene bekannt als Jim Pansen, Markus, genannt Pauli, Tour-DJ von Fettes Brot, und Lukas, zugleich Moderator beim Ki.Ka, machen echten HipHop für Kinder, der sie musikalisch ähnlich fordert wie textlich. Auch auf dem neuen Album Kindsköpfe geht es wieder um Ferien und Hausaufgaben, Heimweh oder Flummis, also alles, was das Leben gewöhnlicher Familien wirklich prägt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Liebe Freunde, es geht die Legende, ihr seid entstanden, weil die Kita, in der Florian arbeitet, eine Rap bestellt hat. Stimmt das so?

Florian: So ähnlich, allerdings aus Eigeninitiative, weil wir in der Kita seit Jahren dieselbe Musik gehört hatten. Das wollte ich mal ein bisschen variieren und habe Pauli gefragt, mit dem ich schon seit Jahren Musik mache und der wiederum mit Lukas.

Pauli: Und weil wir uns alle schon gut kannten und die Aufnahmen zu Schokolade so viel Spaß gemacht hatten, haben wir einfach zusammen weitergemacht und eigentlich jede Woche im Übungsraum ein neues Lied aufgenommen.

Mit dem Ziel, die Kindermusik zu revolutionieren?

Florian: Nein, wir wollten uns nie gegen etwas, sondern höchstens für uns positionieren. Es ging zunächst mal um unseren eigenen Spaß an der Sache. Und dass den auch Kinder haben, konnte ich ja jedes Mal bei mir in der Kita testen, wenn ich ein neues Demo vorgespielt habe. Daraus ist eine große Eigendynamik entstanden.

Lukas: Zumal man nur gegen etwas revoltieren kann, was man auch kennt. Von uns weiß bis heute keiner allzu viel von anderer Kindermusik. Aber stimmt schon: was wir im Laufe der Zeit kennengelernt haben, war oftmals relativ unerträglich. Da sind wir hinein gestoßen.

Florian: Erst als wir einen Fuß in der Tür dieser Musikrichtung hatten, habe ich angefangen, mich umzuhören. Trotzdem haben wir uns keine Marktlücke gesucht, die Marktlücke hat uns gefunden.

Und zwar eine, die Kinder ruhig musikalisch und textlich fordern darf?

Lukas: Absolut. Aber wir wollen dabei nicht didaktisch sein und den Kindern mit jedem Lied zwanghaft irgendwas beibringen: Zähneputzen, links-rechts-links gucken – so hört man ja als Erwachsener auch keine Musik. Wir wollen gut unterhalten und ganz wichtig: unsere Songs genauso gut produzieren wie für jede andere Altersklasse.

Pauli: Deshalb hat sich die Arbeit an sich an den Songs auch überhaupt nicht geändert. Da erfordert jeder einzelne die gleiche Sorgfalt.

Florian: Das macht es zu Musik für Kinder, die auch für Erwachsene funktioniert. Deshalb haben wir überraschend viele von denen ohne Kinder im Publikum.

Pauli: Selbst in der HipHop-Branche, bei denen man ja schnell mal als nicht „real“ gilt, haben wir richtige Fans.

Lukas: Man darf ja auch nicht vergessen, dass jene, die mit deutschem HipHop aufgewachsen sind, jetzt oft eigene Kinder haben. Denen bieten wir, auch wenn das kitschig klingt, ein Erlebnis für die ganze Familie.

Florian: Da mussten auch viele Konzertveranstalter erst lernen, dass Erwachsene sich das allein anhören können. In dem Punkt setzen wir uns doch von anderer Musik für Kinder grundsätzlich ab.

Weil ihr die anders als andere mit Ironie fordert?

Lukas: Ich würde es eher Überhöhung nennen.

Florian: Ein verträgliches Augenzwinkern. Etwa wenn es um ernste Themen wie Leistungsdruck und Streit geht, also echte Probleme.

Also doch ein didaktischer Ansatz.

Lukas: Aber eben nicht als Ursache, sondern Effekt. Und ich höre auch eher von Eltern, dass das nach hinten losgeht, wenn sie mir sagen, immer wenn ihre Kinder aufräumen sollen, singen sie unseren Refrain Räum doch selber auf!. Das gab’s vorher wohl eher nicht.

Was aber schon gewertet wird, wenn ihr zum Auftakt der neuen Platte in „Attacke“ erst „Dutzi Dutzi Dutzi, ganz genau nau nau“ singt und dann zu „Scherz, keine Sorge, Deine Freunde klingen so“ den Bass reindrückt.

Lukas: Aber auch da hab ich mein Testpublikum in der Kita, das den Dutzi-Dutzi-Einstieg zu Beginn ebenso ernst nimmt wie den Rap danach. Wir wollen nichts schlecht reden, ehrlich.

Florian: Es geht nur darum, was wir selber mögen, nicht was wir an anderen ablehnen.

Pauli: Da ist kein erhobener Zeigefinger.

Florian: Und wir wollen mit niemandem Streit anfangen.

Auch nicht mit Rolf Zuckowski?

Florian: Mit dem schon gar nicht. Unser Pate.

Lukas: Wir veröffentlichen ja auf seinem Label, das er eigens für uns gegründet hat.

Pauli: Genau damit wollte er zeigen, dass es mittlerweile auch andere Kindermusik gibt.

Florian: Wobei Kinder in seinen Texten auch schon Probleme haben durften. Deshalb passen wir gut zueinander. Er lässt uns von seiner Erfahrung lernen, ohne uns reinzureden.

Lukas: Ein sehr weiser Kumpel.

Aber musikalisch aus einem völlig anderen Metier.

Lukas: Eher Singer/Songwriter, genau. Aber auch wir kommen ja aus unterschiedlichen Richtungen. Ich zum Beispiel habe vorher nie HipHop gemacht, sondern mit Pauli eher Remixes.

Florian: Wobei wir auf dem neuen Album weiter weg vom HipHop in den Pop vordringen, was kleinen Kindern musikalisch oft einiges abverlangt.

Pauli: Wir müssen uns ja auch weiterentwickeln, statt immer nur Viervierteltakt. Rumfrickeln macht gerade mir mehr Spaß.

Florian: Und ich habe gemerkt, dass man selbst Kleinkindern musikalisch viel mehr zumuten kann, als Erwachsene oft denken. Deshalb nehmen wir die auch genauso ernst. Als ich meine Kinder in der Kita mal gebeten hatte, ihre Lieblingsplatte mitzubringen, war alles Mögliche dabei: Peter Fox.

Slayer.

Florian: (lacht) Das nun nicht. Aber Dinge, die sie inhaltlich vielleicht nicht verstehen, aber musikalisch schon.

Lukas: Man lügt sich ja auch in die eigene Tasche, wenn man Kinder unterfordert. Denn die haben ja auch ein Leben abseits von Deine Freunde, sehen fern, spielen Computerspiele. Und da geht ja auch nicht alles wie beim Sandmännchen zu.

Pauli: Und wenn wir auf Festivals gespielt haben und in den Umbaupausen lief Techno, haben die Kinder eben dazu getobt.

Lukas: Obwohl wir oft schreien, laut und technoid sind, gibt bei uns vor der Bühne keine heulenden Kinder. Und das, obwohl die schon bei Märchenvorführungen teilweise heulend auf Mamas Arm landen. Darauf sind wir wirklich stolz.

Aber kommt nicht auch manchmal das Bedürfnis auf, wieder Musik ohne Furzwitze und Kinder vor der Bühne zu machen?

Pauli: Ja, aber das machen wir ja auch alle in anderen Projekten, nur nicht zusammen. Ich trete zum Beispiel mit Fettes Brot auf.

Florian: Mir haben Deine Freunde sogar aus einem kreativen Tief geholfen, deshalb fühle ich mich grad zu wohl, um was zu vermissen.

Lukas: Zumal man in Zeiten von Social Networks in der Erwachsenenmusik immer getrieben wird, ob das cool genug ist, Underground oder doch Mainstream. Diese Sorge haben wir grad nicht. Man wird sehr entspannt. Auch, weil der Tour-Rhythmus wahnsinnig unstressig ist.

Florian: Nicht wie sonst morgens aufbauen, nachmittags Soundcheck und dann diese nervöse Zeit bis zum Auftritt; jetzt bauen wir auf und eine Stunde später geht’s los.

Lukas: Und dann sind Konzerte für uns auch noch geradezu therapeutisch, weil wir danach unglaublich viel positive Resonanz kriegen, was die Musik Eltern und Kindern bedeutet.

Florian: Gerade Kinder begegnen uns dabei voll auf Augenhöhe, die haben noch nicht dieses Star-Denken. Das macht echt Spaß. Kinder sind halt das Derbste.

GEWINNSPIELFRAGE

Vervollständige folgende Strophe vom ersten Song der ersten Platte Deiner Freunde:

Ich esse jeden Tag Obst / Yes Yo / Mal weniger, mal mehr :

Antworten bitte an janfreitag@gmx.net oder mit email-Adresse als Kommentar hinter den Text. Die Gewinner werden gezogen, der Versand erfolgt so, dass die Platte vor Weihnachten da ist.


Schülerzeitungsreporter & Banksystemkritiker

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

30. November – 6. Dezember

Ach, eigentlich hätte man ihm doch einen würdevolleren Abschied gewünscht. Eigentlich wäre Günther Jauch eine Prise Restanstand zu wünschen gewesen nach vier Jahren unablässigen Bashings seriöser Feuilletons. Eigentlich spricht man von Toten ja nicht schlecht. Nur, warum lädt Deutschlands zahnlosester Talkgastgeber dann nicht Gäste zum Schlussakt, denen er gewachsen ist, eine Krabbelgruppe seines Potsdamer Reichenghettos oder rampenlichtunerfahrene Ottonormalverbraucher, idealerweise RTL-Zuschauer und Quizfans? Aber nein, er muss es im ARD-Finale mit Wolfgang Schäuble aufnehmen, der schon bissigere Moderatoren zerfleischt hat.

Dabei wollte der Plauderonkel jede Konfrontation mit dem kampfeslustigen Gegenüber vermeiden, indem er artige Fragen an „Deutschlands dienstältesten Abgeordneten, beliebtesten und wortmächtigsten Minister und für manche gar heimlichem Kanzler“ mit Gefälligkeitsgutachen wie „viele Wähler möchten ja, dass alles so bleibt“ einleitet. Dennoch kanzelte der Innenminister seinen Stichwortgeber ab wie einen Schülerzeitungsreporter, aber gut – so dürfte auch dem allerletzten Fan des Erklärbärs aufgegangen sein, dass dessen Aus im Ersten keine Minute zu früh, sondern vier Jahre, zwei Monate und 18 Tage zu spät.

Ob sein Niveau allerdings weiter für RTL taugt, das sich nach dem weltweit positiven Medienecho für Deutschland 83 grad in einer Liga mit HBO oder Arte sieht und mindestens drei Spielklassen oberhalb von Sat1, dem selbst bei einem ansehnlichen Kostümkrimi wie Polizeikommission Berlin 1 scharenweise die Zuschauer davonlaufen, bleibt abzuwarten. All die globalen Fernsehpreise – zuletzt der renommierte C21 International Drama Award in London – dürften jedoch auch diesen Donnerstag kaum verhindern, dass mehr Menschen die „Bergretter“ im ZDF sehen als Deutschlands beste TV-Serie 2015 neben Weissensee.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. Dezember

Dass beide deutsch-deutschen Inhalts sind, zeigt immerhin, dass Fernsehen zeithistorisch sein sollte, um gegen Shows, Sport, Internet zu bestehen. Auch der ARD-Mittwochsfilm begibt sich diese Woche daher thematisch jenseits der Wende, genauer: in die frühen 60er, wo Charly Hübner und Katharina Lorenz als westdeutsche Biederbürger von einem Kind erfahren, das ihr Sohn sein könnte, der 1945 bei der Flucht aus dem Osten verschollen ist und nun auf Verwandtschaftsverhältnisse hin geprüft wird, was in Zeiten vorm modernen Vaterschaftstest putzige Ausmaße annimmt und seinem Bruder Max gehörig gegen den Strich geht, dem wenig an innerfamiliärer Konkurrenz gelegen ist.

Das Zweistaatenthema ist aber auch dokumentarisch verwertbar. Und zwar nicht nur in den endlosen Rückblicken von ZDFinfo, sondern Sonntag auch auf N24, wo der Übergang zur Einstaatlichkeit am Beispiel eines Künstlers geschildert wird, der von DDR & BRD gleichermaßen profitiert hat: Lindenberg. Udo und Berlin! folgt dem Panikrocker um 15.20 Uhr sehr unterhaltsam auf beide Seiten der Mauer, die seine Karriere geprägt haben. Weiter südwestlich spielt eine andere Dokumentation. Und plötzlich bist du verrückt beleuchtet am Dienstag (22.45 Uhr) im BR einen besonderen Skandal der an Skandalen keinesfalls armen (Un-)Rechtsgeschichte Bayerns: Die kriminelle Kaltstellung des Bankensystemkritikers Gustl Mollath durch Staat und Justiz, wobei es Leonie Stade und Annika Blendl weniger um Politik als die Psychiatrie geht, in der Patienten bis heute entrechtet werden.

Was leider auch für all jene gilt, denen 3sat Mittwoch (20.15 Uhr) den Themenabend Unser Wohlstand, Eure Not widmet (3sat. Mi 2015). Drei Dokus nacheinander handeln darin von Arbeitssklaven, Huren und Hausmädchen, deren Leid unser Konsumglück ermöglicht. Schwer, nach derlei Schwergang leichte Kost zu empfehlen, aber Überfütterung mit Sorge ist ja auch nicht bekömmlich. Problemlos verdaulich wäre zum Beispiel die Einleitung des Abschieds eines anderen Schwergewichts der Unterhaltung: Stefan Raab. Kurz vor seiner Rente mit 49 zeigt Pro7 Freitag vier Stunden lang Das Beste aus TV total, woran sich gut ablesen lässt, warum der Entertainer heute zu den wenigen Lichtblicken des Metiers zählt.

Zu den Lichtblicken früherer Kinokunst zählt die farbige Wiederholung der Woche: Hitchcocks Immer Ärger mit Harry (Montag, 20.15 Uhr, Arte), die 1955 niemand geringeres ins Rampenlicht spülte als die fabelhafte Shirley MacLaine. Schwarzweiß ratsam ist zum 100. Geburtstag von Frank Sinatra sein heroinsüchtiger Drummer im Drama Der Mann mit dem goldenen Arm aus dem gleichen Jahr. Und dokumentarisch geraten: Jesus und der Islam, ein aufwändiger Siebenteiler, mit dem Arte von Dienstag bis Donnerst die Entstehung der orientalischen Religion und die Rolle des christlichen Gottessohns darin beleuchtet.


Hamburg-Kolumne: Schmidt & Olympia

Sicherheitskonferenz am 01.02.2014 in München. Foto: Tobias Kleinschmidt

Sicherheitskonferenz am 01.02.2014 in München. Foto: Tobias Kleinschmidt

Wahnsinnsstadt

Helmut Schmidt und die Olympischen Spiele 2024: Die Hamburg-Kolumne von HH-Mittendrin widmet sich diesmal dem vergeigten Referendum der Jubelperser und was das mit dem verstorbenen Altkanzler zu tun hat.

Von Jan Freitag

Der November, so heißt es, ist ein Monat des Abschieds. Abschied von der Hitze langer Tage, Abschied von der Wärme kurzer Nächte, Abschied vom Wesen aller Lebenslust gewissermaßen. Es sind vier schwindsüchtige Wochen mit erhöhter Suizid- und Depressionsgefahr, die sonntäglich Verblichene beweinen lassen: Heilige, Gefallene, den Tod im Ganzen. Da scheint es irgendwie einer höheren Macht zu gehorchen, dass im November gleich zwei Übergrößen hanseatischen Selbstverständnisses gestorben sind: Helmut Schmidt und die Olympischen Spiele. Genauer: die Illusion von beiden.

Denn thronte der Altbundeskanzler auch annähernd ein halbes Menschenleben nach der finalen Phase seiner politischen Macht noch wie ein Monarch über den Köpfen des führungsgierigen Volkes, so war der Plan, das weltgrößte Sportfest in knapp neun Jahren an Alster und Elbe zu feiern, nicht mehr als die Halluzination aktueller Bedeutsamkeit. Immerhin: Helmut Schmidt lebte, rauchte, dachte, dozierte, analysierte auch mit 96 Jahren wie einst zu Regierungszeiten, unbeirrbar und verehrt von (fast) allen. „Feuer und Flamme“ für Hamburg jedoch, dieser erfrischend anarchistische Slogan fürs staatstragende Ereignis in spe, war von Beginn an eine optische Täuschung, manifestiert auf Tausenden von Plakaten und einer medialen Berichterstattung im Rücken, die dem Begriff „Journalismus“ bis in seriöse Redaktionsetagen hinein spottete.

Was hätte Helmut Schmidt gesagt?

Helmut Schmidt, das andere Vexierbild Hamburger Bedeutsamkeit, hat sich dazu dem Vernehmen nach nicht allzu offen geäußert. Aber was hätte der Elder Statesman schon gesagt, in seiner schnodderig präsidialen, leicht altklugen, aber eben auch lebensweisen Art? „Nun kommt mal wieder runter von eurem hohen Ross“, vermutlich. Als unverwüstlicher Schiffermützenlotse liebte er seine Heimat schließlich viel zu sehr, um sie den Gernegrößen aus Wirtschaft, Politik und Presse zu überlassen. Er nahm sein Hamburg ja nicht viel wichtiger als es war, eben weil er es so mochte und umgekehrt, weil er alle Zuneigung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft abglich, weil er auch darüber sinnierte, Tag für Tag, Kippe für Kippe.

Das ist ein schöner, kluger, nostalgischer, intimer Patriotismus, lokal verwurzelt und polyglott. Der einzige womöglich, dem weder Selbstgerechtigkeit noch Ausgrenzung folgen, einer, für den man vielleicht zwei Kriege, vier Systeme, 24 Kanzler und bald 100 Jahre erlebt haben muss. Nun ist die rauchige, oft polarisierende, selten ungerechte Stimme pragmatischer Vernunft verstummt und fehlt selbst jenen, die ihn politisch kaum bewusst erlebt haben, was ein bisschen merkwürdig ist für einen, der ihm politisch noch nicht mal sonderlich nahe stand.

Wille, Demut, Kraft und Bescheidenheit

Vielleicht rührt dieses Verlustgefühl ja daher, dass Helmut Schmidt vier Führungseigenschaften miteinander verbunden hat, deren Kombination – falls es sie je großflächig gab – langsam auszusterben scheint: Wille und Demut, Kraft und Bescheidenheit. Alles versinnbildlicht in der wohl größten Absurdität seiner Amtszeit: Dass er bei alldem, worin dieser Staatsmann von Verachtung der Umweltschutzbewegung bis zur Ablehnung basisdemokratischer Teilhabe falsch lag, ausgerechnet den Tod des tiefbraunen Proletarierfressers Hanns-Martin Schleyers als eigenes Verschulden, mithin als persönlichen Verlust ansah.

Was muss dieser aufrechte Sozialdemokrat den reibungslos vom Helfershelfer des nationalsozialistischen Terrorregimes zum bundesrepublikanischen Arbeitgeberführer aufgestiegenen SS-Sturmbahnführer verachtet haben? Und doch erbot er ihm am Ende jenen Respekt, den die Täter-Generation Schleyer Andersdenkenden bis zur Vernichtung verweigert hatte. Es ist genau diese Größe, die Hamburg fortan fehlen wird, nicht die der elitären Sport- und Funktionärspaläste. Tschüss Helmut, Olympia Ade.


Den Sorte Skole, Bill Ryder-Jones

vinylcover_preorder_hqDen Sorte Skole

Elektronische Musik ist so voller Sub-, Downsub- und Underdownsubgenres, dass sich jeder, der nicht mindestens 15 Semester Technoide Terminologie studiert hat, nur blamieren kann, wenn er seine Lieblingsplatte sprachlich zuzuordnen versucht. In dieser Atmosphäre Den Sorte Skole zu verorten, grenzt daher schlicht ans Unmögliche. Mit Turntable, Mixer und Effektgeräten generiert das DJ-Team seit 2002 Klangkaskaden, die das Potenzial digitaler Mischtechniken so versiert, verspielt und liebevoll mit nostalgischen Samples aller Epochen verkleben, dass es ebenso gut von einem vieltausendköpfigen Weltorchester stammen könnte.

Tatsächlich aber sind es nur Martin Højland und Simon Dokkedal, die ihrer konzentrierten Gerätschaft am Pult diese Vielfalt kohärenter Töne entlocken. Vor zwei Jahren etwa haben die beiden Freunde 250 Schallplatten aus 51 Ländern aller Kontinente zum schlechthin brillanten Album Lektion III verarbeitet. Beim Nachfolger Indians & Cowboys nun ist es womöglich von allem etwas weniger; das Ergebnis jedoch ist abermals eine Art Konversationslexikon globaler Musik im Eigenverlag, komprimiert auf 75 Minuten, die man sich wie immer gegen Spende runterladen kann, besser aber noch auf Vinyl kauft. Der musikalische Kosmos aller Gattungen darauf ist schließlich ein betörendes, tanzbares Friedensprojekt, das alle Stile, Gattungen, Genres, Geschmäcker vereint, ohne sie gleichzuschalten. Vielleicht das Beste, was im elektronischen Fach 2015 zu hören gewesen sein wird. Eher mehr, nicht weniger.

Den Sorte Skole – Cowboys & Indians (self published)

m_1440517640Bill Ryder-Jones

Nach so einem Feuerwerk der Inspiration und Kreativität ist es nicht ganz einfach, in die profaneren Gefilde des Pop zurückzukehren, aber es geht durchaus. Mit einem Künstler nämlich, für den der Begriff des shoegazenden Slackers vermutlich mal erfunden wurde: Bill Ryder-Jones. Mit seiner blickdichten Lockenwolle vorm Kopf zum verwaschenen Holzfällerhemd fände der kalkblasse Brite wohl auf keiner ernst gemeinten Weihnachtsfeier Einlass. Umso erstaunlicher, dass er sein drittes Studioalbum mit 32 Jahren exakt dort aufgenommen hat, wo auch ein Großteil seiner Bescherungen stattfanden: im Elternhaus von West Kirby nahe Liverpool.

Was da im alten, scheinbar unverändert möblierten Kinderzimmer zwischen älteren Postern und ältesten Polstern entstand, ist eine Art Minimal-Powerpop zwischen Lemonheads und Arctic Monkeys, die der Multiinstrumentalist als Gastmusiker begleitet. Leise, fast flehentlich flüsternd erzählt er zur fröhlichen Fuzz-Gitarre, was aus dem Jungen von früher geworden ist, und wirkt dabei manchmal so euphorisch, als sei er damit ganz zufrieden. Oft aber klingt das alles aber so herzzerreißend melancholisch, als gäbe es doch noch eine Menge zu erledigen auf dem Weg zum Sinn seines Lebens. West Kirby County Primary ist ein erwachsenes Kindheitsalbum übers Großwerden beim Kleinbleiben und dabei vor allem eines: wunderschön!

Bill Ryder-Jones – West Kirby County Primary (Domino)


Interview-Classics: Ludwig Haas & Dr. Dressler

foto-jack-kuesst-dressler-auf-die-wange-100_v-gseapremiumxlSechsmal Hitler, einmal Dressler

Zugegeben, das nachfolgende Interview ist zehn Jahre alt. Aber aus gegebenen Anlass lohnt es sich doch mal, zurückzublicken denn als Dr. Ludwig Dressler ist Ludwig Haas (Foto: WDR/GFF) volle 30 Jahre Bewohner der Lindenstraße, die am Sonntag mit einer Live-Sendung Geburtstag feiert. Freitagsmedien wünscht alles Gute!

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Ludwig Haas, wann haben Sie erstmals gedacht, vielleicht nie mehr aus derLindenstraße rauszukommen?

Ludwig Haas: Ach, irgendwie habe ich eigentlich ständig damit rechnen müssen. Immer dann nämlich, wenn ein Vertrag auslief. Das hätte also jederzeit passieren können, deshalb hätte es mich auch nie überrascht.

Sind ihre Verträge so kurz?

Nein, nein. Mittlerweile sind es Dreijahresverträge.

Aber ein Ausstieg wäre mit der Zeit schwerer gefallen.

Sicher und ich kann es mir auch jetzt nur schwer vorstellen, zumal ich in einer qualitativ so hochwertigen Serie mitspiele.

Erklären Sie doch bitte mal kurz die Faszination der Lindenstraße?

Ich glaube, es ist anspruchsvolle Unterhaltung, bei der die Zuschauer das Gefühl haben, durch eine Art Schlüsselloch in die Wohnzimmer der Nation gucken zu können. Und das in einer unglaublichen Aktualität. Dadurch hat die Lindenstraße sehr viel bewegt. Die Einstellung zur Homosexualität etwa oder zu Minderheiten. Der Hans W. Geißendörfer hat eine feine Nase für die Schwingungen der Zeit und die vielen Autoren stellen sich darauf gut ein.

Gibt die Serie damit gesellschaftliche Anstöße oder bildet sie bestehende Strömungen nur ab?

Die Lindenstraße gibt auf jedem Fall Anschübe für öffentliche Diskussionen. Es wurden ja bereits Doktorarbeiten darüber geschrieben, sehr beachtlich für eine reine Unterhaltungsserie.

Mehr ist sie nicht?

Doch, denn sie ist auch eine, pardon: Kultserie, bewegt sich also solche allerdings an der Grenze zur gesellschaftlichen Analyse.  Außerdem ist sie äußerst professionell gemacht. Zu Beginn war das nicht so, technisch war sie weniger ausgereift, nicht so versiert, es gab Probleme mit mehreren Kameraeinstellungen. Jetzt das hat manchmal fast Hollywoodqualitäten.

Ist sie dadurch besser als vergleichbare Serien?

Also ich urteile nicht gern über andere Sendungen. Ich gucke sie aber zuweilen – etwa Gute Zeiten, Schlechte Zeiten oder Unter uns, aber nicht regelmäßig, dafür fehlt allein mir die Zeit. Insofern hebt sich die Lindenstraße natürlich schon ab, weil sie eben nur einmal die Woche stattfindet und nicht jeden Tag. Das ist für die Kollegen eine unheimlich harte Arbeit.

In Ihrer Rolle als Dr. Dressler waren Sie bereits Mörder, Gewaltopfer, Witwer, geschieden, Mann einer viel Jüngeren, Vater eines Junkies und eines Schwulen, Buchautor, Arzt, Bösewicht, Samariter – bisschen viel für ein Leben.

Nur, wenn man es mit dem Leben vergleicht, aber nicht für eine derartige Serie. Wenn man den Alltag so zeigen würde, wie er normalerweise ist, wäre das sterbenslangweilig. Es ist die Aufgabe der Autoren, das zu komprimieren, zu verdichten, interessant zu machen.

Und das, ohne die Charaktere zu überfrachten.

Finden Sie es überfrachtet? Ich nicht. Das Denken der Menschen wird jetzt schneller, die Sehgewohnheiten auch, da muss man mit der Zeit gehen.

Schleicht sich Dr. Dressler gelegentlich in den Alltag von Ludwig Haas ein?

Eigentlich nicht. Ich bereite mich sehr intensiv auf die Rolle vor, versuche mich richtig in sie reinzudenken, aber nach der Arbeit gehe ich nach Hause und habe im Prinzip nichts mehr mit Dr. Dressler zu tun.

Dennoch steckt offenbar ein Stück von Ihnen in der Figur.

Das stimmt. In einer solchen Serie kann man sich nicht einfach so verstellen wie für einen einzelnen Film; da muss man eigene Gefühle, sein Inneres einbringen, obwohl es sich nicht mit der Rolle deckt.

Fällt es dem Publikum nach so vielen Jahren nicht schwer, in anderen Rollen nicht ständig den Dressler zu suchen?

Wissen Sie, ich bin ein alter Theaterschauspieler. Da ist man es so sehr gewohnt, wenn Sie Repertoire spielen, jeden Abend in eine andere Haut zu schlüpfen. Es gibt aber auch Schauspieler, die immer sich selbst spielen. Das bin ich nicht.

Was machen Sie denn noch so nebenher?

Ich habe einen Exklusivvertrag mit der Lindenstraße, habe aber auch viel im Ausland gedreht, auch in den USA.

Oder mit Helge Schneider.

Eine tolle Zeit! All das gibt mir immer wieder Kraft für die regelmäßige Arbeit an der Lindenstraße.

Sie haben zum Beispiel mehrfach Adolf Hitler gespielt.

Sechs Mal, das stimmt.

Liegt das an Ihrem Äußeren?

Womöglich, aber ich sehe ja Gott sei dank nicht genau so aus wie er.

Was würden Sie sagen, wenn Herr Geißendörfer Sie plötzlich sterben lassen würde.

Schwer zu sagen. Es ist immer schwierig, wenn jemand sagt du stirbst in zwei Monaten – auch im wirklichen Leben. Ich wäre sicher traurig, weil ich sehr in dieser familiären Gemeinschaft drinhänge. Aber so wäre eben das Leben.

Das Interview ist zum 20. Geburtstag der Lindenstraße in der FAZ erschienen:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/20-jahre-lindenstrasse-so-waere-das-leben-1277685.html


Lindendstraße: 30 Jahre & kein Ende in Sicht

ensemble_zweitausendfuenfzehn-126_v-gseapremiumxlUnd Heiligabend wird gesungen

Nirgendwo werden deutsche Befindlichkeiten stärker und erfolgreicher verdichtet als in der Lindenstraße (Foto: WDR/GFF). Am Sonntag feiert die ARD ihren Dauerbrenner mit einer Live-Sendung.  Eine Eloge.

Von Jan Freitag

Die Revolution begann bieder: Familie Beimer mit Gitarre, Flöten und Gesang am Adventskranz. Helga, Hans, Benny, Klaus und Marion im hausmusikalischen Kampf gegen den Zerfall unserer gesellschaftlichen Zentralinstanz – so feierte eine Serieninstitution vor genau 25 Jahren ihr Debüt: Die Lindenstraße, dienstälteste, meistdiskutierte, beliebteste, seriöseste,  aufwändigste, in einem Wort: beste Serie im Land. Seit Dezember 1985 ist das ARD-Produkt ein Stück Heimatkunde mit dieser heilen Sippe im Zentrum beim Abwehrgefecht gegen den Werteverfall unterm Wohnzimmerfenster. Sie hat es verloren. Wie alles, was verlässlich scheint, irgendwann zu Bruch geht bei Hans W. Geißendörfer.

Der Erfinder, gute Geist und Übervater von Deutschlands bekanntestem TV-Pflaster hat ja noch jeden Keim sozialer Erschütterung in der Lindenstraße gesät; da war auch das Schicksal der Beimers früh besiegelt: Papa Hans hat fremde Kinder, Stammhalter Benny traf der TV-Tod und Onkel Franz den des Schauspielers. Marion, die Älteste, wurde à la Dallas gesichtsverändert und der Stadt verwiesen, Nesthäkchen Klausi war von spießig über promiskuitiv oder psychotisch bis links- und rechtsradikal schon alles Mögliche, seine Mama hingegen neben kontrollsüchtig auch depressiv, alkoholkrank, suizidgefährdet, das volle Programm. Eins aber hält bis heute an: Heiligabend wird gesungen.

„Leider war 1985 das Fremdschämen noch nicht erfunden“, sagt ARD-Programmchef Volker Herres über die erste Szene dieser Art und meint auch die nächste. „Sonst hätte ich es getan.“ Umso mehr freut er sich bis heute Sonntag für Sonntag über einen Quotengaranten, der unser Land von der geistig-moralischen Wende bis Stuttgart 21, von brennenden Flüchtlingsheimen der Nachwendejahre bis zu denen von jetzt in Echtzeit abbildet und damit Sonntag für Sonntag bis zu vier Millionen Menschen fesselt, nicht wenige davon seit dem 8. Dezember 1985, denen die ARD zum 30. Geburtstag am Sonntag eine Live-Sendung schenkt.

Sie alle schauen zuhause oder mit Freunden, in Altenheimlobbys und Szenebars. Der Altersschnitt liegt klar unter dem der ARD. Und wem das nicht reicht, kann sich in fast 200 wissenschaftlichen Arbeiten fortbilden oder in einer der vielen Bücher blättern wie „1000 Folgen in Wort und Bild“. Vor sechs Jahren ließ es das Jubiläum im Format mittelalterlicher Folianten mit einer Seite pro Folge Revue passieren. Eine Zeitreise durch bundesdeutsche Befindlichkeiten wie die Serie selbst. Familienalbum, nennt es Erfinder Geißendörfer im Vorwort, „das Großmutter angelegt hat und die Kinder weiterführen, um es eines Tages den Enkeln zu übergeben“. Und wer sich nicht all die DVD-Boxen zulegen will oder wie ein Ultrafan alle 1559Episoden auf 30-minütigen VHS-Kassetten speichern, kann sich so noch mal all jene Momente vor Augen führen, die Fernsehgeschichte geschrieben haben.

Da ist er also wieder, in Folge 68, der erste schwule Zungenkuss via TV und kurz darauf die heterosexuelle Premiere mit Priester. Die verhängnisvolle Affäre von Hans mit seiner Verwandten Anna– Urkatastrophe der Beimeridylle in Episode 147. Oder Gung, dieser „Konfuze“ zitierende Flüchtling aus Vietnam, der im Herbst 1998 fiktional als Kanzler kandidierte und ganz reale Stimmen erhielt. Oder. Oder. Oder. Szenen, die sich ins Zuschauergedächtnis gebrannt haben, Landmarken einer Zuschauernation im dauerhaften Umbruch, stets donnerstagesaktuell kommentiert von zwei Dutzend wechselnden Regisseuren: Unfälle, Raub, Mord, Aids, Bulimie und Ärztepfusch, Terrorismus, Islamismus, Rechtsextremismus, Zivilcourage. Dazu Mobbing, Vergewaltigungen, Immobilienspekulation, Organtransplantationen, Kinderschwangerschaften, Atomdebatten, Drogenexzesse, Seniorenerotik – viel Sex & Crime also, aber auch ganz biedere Liebe, dargestellt allein in 27 Hochzeiten, die meisten unter Nachbarn, demnächst wieder eine; in 30 Jahren dürfte die Lindenstraße ein Inzestproblem haben und damit eines der wenigen Tabus, das auf 70.000 Drehbuchseiten ungebrochen blieb. Sonst war fast alles dabei.

Zum Beispiel bei Ludwig Haas, einem von sechs verbliebenen Darstellern der 1. Folge. Als Dr. Dressler war der Arzt bereits Mörder, Dealer, Opfer, Täter, Patriarch von Schwulen und Junkies, Mann einer blutjungen, einer biederen, einer psychotischen Frau, verwitwet, geschieden, verlassen, dazu Schriftsteller, Bösewicht, Samariter, Telefonseelsorger, Intrigant, Kumpel, Adoptivvater – etwas viel für ein Leben. „Nur, wenn man es mit dem echten vergleicht“, meint der Schauspieler. Normalität sei sterbenslangweilig und gehe an beschleunigten Sehgewohnheiten vorbei. „Da muss man mit der Zeit gehen“.

Das tut die Lindenstraße. Nicht immer geschmackssicher, deshalb muss zur Geburtstagsausgabe mit ein paar Peinlichkeiten gerechnet werden wie stets, wenn sich die Serie selbst thematisiert. Aber wer die Serienlandschaft betrachtet, gute wie schlechte Zeiten all der Dr. Kleists unter uns in aller Freundschaft, kehrt oft reuig zurück zu 150 Meter Außenkulisse samt Studio dahinter. Ein falsches Stück realistischer Welt, ausgerechnet im Fernsehen.


2 Bier – 1 Platte

IMG_3262Pohlmann & Ben Harper

Manche behaupten, in Kneipen finde man nur Saufkumpane, keine ernstzunehmenden Freundschaften. So ein Quatsch! Deshalb habe ich Pohlmann nach unserer ersten Begegnung auf biergetränktem Terrain erneut getroffen. Neben Star Wars, der aktuellen Flüchlingssituation und dem Untergang der Welt, sprachen wir dieses Mal aber vor allem über ein Lieblingsthema des Hamburgers: Ben Harpers Fight for Your Mind.

Von Marthe Ruddat

Fight for Your Mind erschien 1995. Es war das letzte Soloalbum Harpers, bevor er sich mit The Innocent Criminals zusammen getan hat.

Pohlmann: Dünnwandiges Glas, süffiges Bier, viel Kohlensäure, eiskalt. So muss das sein! Aus so dicken Humpen trinke ich ja gar nicht gerne.

freitagsmedien: Dann mal Prost! Fight for Your Mind, das klingt fast wie ein Lebensmotto. Wie interpretierst du den Albumtitel?

Solche Interpretationsfragen sind ja bei englischsprachiger Musik besonders spannend. Bei Ben Harper lassen die vielen Bilder und Symbole sehr viel interpretativen Freiraum. Aber für mich ist Mind der Geist. Fight for Your Mind heißt für mich also, den Geist lebendig zu halten. Ich glaube, dass der Geist einen Hang zum Vergessen hat. Wir neigen dazu, gedanklich abzudriften. Wenn man sich aber Mühe gibt und kämpft, dann kann man sich sozusagen wach und bewusst halten. Das ist allerdings eine Prozedur, die viel Kraft kostet. Du zündest dich quasi selber an, gerätst mit dir selbst in einen Konflikt. Am Ende brennst du. Ich glaube dieses Brennen sieht man auf dem Albumcover.

Das Cover der Fight for Your Mind zeigt nicht nur Harpers brennendes Gesicht. Das Artwork ist außerdem von den militärischen Wappen der afrikanischen Staaten inspiriert, und so ist jedem Song ein Wappen zugeordnet.index

Das klingt, als würdest du aus Erfahrung sprechen!?

Absolut! Als Musiker kann es passieren, dass man Songs schreibt und auf einmal merkt, auf wie viele Leute man mit dem Finger gezeigt hat. Und plötzlich kann man dabei zusehen, wie sich der Finger umdreht und auf einen selbst zeigt. Da merkt man dann, dass man kein bisschen besser ist als die anderen. Am Ende kann ich mich aber kaum dazu durchringen, so kritische Songs zu veröffentlichen. Meistens schafft es ein solch ein Song auf eine neue Platte.

Hilft dir die Platte dabei, diesen Kampf in dir auszutragen und zu überstehen?

Ja, auf jeden Fall. Es gibt da zum Beispiel den ersten Song, Oppression. Ich glaube Unterdrückung spüren wir alle auf irgendeine Art und Weise. Der Song beschreibt, wie man sich dagegen zur Wehr setzen kann. Das ganze Album ist durchzogen von Religiosität und Spiritualität. Eigentlich stehe ich solchen Dingen sehr skeptisch gegenüber. Aber wenn es einen Gott gibt und ein Sänger daran glauben kann, dann kann er über sich hinaus wachsen. Ich glaube, Ben Harper nimmt mich da einfach mit. Seine Musik ist für mich wie eine Droge. Naja, nicht Droge, eher Bewusstseinserweiterung!

Wie oft und in welchen Momenten gibst du dich denn dieser Bewusstseinserweiterung hin?

Ehrlich gesagt, höre ich im Moment kaum noch Musik. Ich bin da gar nicht so auf dem Laufenden. Aber wenn ich diese Scheibe höre, dann mit Kopfhörern. Und dann genieße ich einfach diesen wahnwitzig geilen Sound, voller Seele, voller Freude, voller Energie.

Welcher ist din Lieblingssong auf der Platte?

Es gibt zu viele Songs, die sich um diesen Platz streiten. Aber der Song Power of the Gospel berührt mich sehr. Es ist ein Song, der mich irgendwie aufbricht und alle Zweifel auflöst. Hass, Neid, Missgunst, Angst, all diese Gefühle bedrängen uns und werden in Liebe verstanden. Wenn wir uns mit unseren Monstern allein fühlen, kann so ein Song helfen.

 

Ben Harper – Power of the Gospel

It will make a weak man mighty / it will make a mighty man fall

it will fill your heart and hands / or leave you with nothing at all.

It’s the eyes for the blind / and legs for the lame

it is love for hate / and pride for shame.

 

That’s the power of the gospel / that’s the power of the gospel

that’s the power of the mighty power / that’s the power of the gospel.

Gospel on the water / gospel on the land

the gospel in every woman / the gospel in every man.

Gospel in the garden / gospel in the trees

the gospel that’s inside of you / the gospel inside of me.

 

Hast du Ben Harper mal getroffen?

Oh ja! Und ich habe mich davor so besoffen, dass ich heute immer noch darüber nachdenke, wie dämlich ich eigentlich bin. Also du musst dir vorstellen, Ben Harper ist für mich, was Prince für andere Leute ist. Ich hab jetzt kein Poster von ihm Zuhause. Bei diesem Treffen hätte ich einfach cool und gelassen sein müssen. Statt dessen habe ich all das gemacht, was man nicht machen sollte, wenn man einen guten Eindruck hinterlassen möchte.

Klingt viel schlimmer als es ist!

Es gab da so eine Radioshow und ich sollte ihn danach treffen. Meine Plattenfirma hatte das organisiert. Ich war aber so nervös, dass ich vorher erst mal drei Tequila getrunken habe. Ben Harper kam dann mit dem Handtuch um den Hals von seiner Show und meinte ganz cool: „Tonight I am gonna drink my ass off!“ Naja, dann haben alle halt getrunken, aber ich war eben drei Tequila im Vortreffen. Als ich dann endlich neben ihm saß, hab ich den Typen einfach nur vollgequatscht. So wie ich dich gerade vollquatsche, nur mit etwa drei Gin Tonic und noch vier Bier.

Marthe1Was hast Du ihm denn so erzählt?

Das weiß ich noch ganz genau! Ich hatte auf dem Hinweg eine Dokumentation über so eine Mozartlocke gesehen. Ich erzähle das jetzt nicht alles. Im Endeffekt ging es um Laudanum, Drogen und Rock’n’Roll. Mozart war ein taffer Kollege. Nach seinem Tod fand man in seiner Locke keine Spuren von Laudanum. Das haben die Menschen damals genommen wie Aspirin, aber es ist sehr viel stärker. Mozart wollte sich aber nicht so benebeln lassen und hielt seine Schmerzen aus, um bei klarem Verstand zu bleiben. Du musst beachten, dass ich die ganze Geschichte auf Englisch erzählen musste und noch eine längere Hintergrundgeschichte dazu gehörte. Naja, ich glaube ich hole manchmal zu weit aus. Er ist irgendwann einfach aufgestanden und hat gesagt: „It’s time to go, I am tired.“ Und ich saß da dann so…naja… Ich war einfach angetüdelt und habe zu viel Mut bekommen. Ich hätte ihn ja auch tausend Sachen zu seinen Songs fragen können. Aber nein, ich musste ihm irgend eine Geschichte erzählen.

Was würdest du ihn denn fragen, wenn du Ben Harper nüchtern treffen würdest?

Ich würde ihn etwas über Spiritualität fragen und was für ihn Glaube und Musik bedeutet.

Weil er in dieser Hinsicht ein Vorbild für dich ist?

Von Vorbildern halte ich nicht viel. Kill your Idols, heißt es immer so schön! Ich möchte nicht sein wie Ben Harper. Das ist ein Gefängnis, in das man als Künstler geraten kann. Aber ich möchte genau so wie er ein Gefühl der Selbstvergessenheit empfinden, wenn ich Musik mache. Ich glaube, wenn ich ihn heute treffen würde, dann würde ich die Sache mit mehr Würde und weniger Angst angehen.

Seit 2013 warten wir auf ein neues Pohlmann-Album, müssten uns aber noch ein bisschen weiter gedulden. Die Wartezeit kann allerdings mit einem Besuch der Jahr aus Jahr ein – unplugged Tour überbrückt werden. Ab dem 11.12.15 reist Pohlmann durch die Republik und ist am 21.12. in der Hamburger Fabrik zu Gast. Tickets und Infos auf www.ingopohlmann.de.