Sultanate & Neonazis

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

28. März – 3. April

Das Leben, der Frühling zeigt es grad aufs Neue, ist ein einziges Kommen und Gehen. So wie der Winter verschwindet, hat uns also auch der britische „Independent“ verlassen, eine hochseriöse Zeitung, die nun nach 30 Jahren ins Netz abwandert, jenes Medium, das selbst Qualitätsblättern den Garaus macht. Umso erfrischender ist es, dass mit den Frühblühern auch ein schnöde vernachlässigtes Pflänzchen im hochglänzenden Wald mehr oder weniger debiler Frauenmagazine sprießt: Die Allegra. Gut, sie ist nicht mehr so gehaltvoll wie vor elf Jahren, als Springer sein freches Gör trotz solider Auflage von 160.000 Stück dem oberflächlichen Glamour des publizistischen Zeitgeists opferte, aber immerhin: es wächst auch mal was nach.

Solange es darf.

Gäbe es in der Türkei eine Zeitschrift mit derart modernem Frauenbild – Staatspräsident Erdoğan ließe ihre Redaktion besetzen und alle verhaften. Seine Pressefreiheit besteht halt darin, der Presse die Freiheit zu gewähren, ihm zu huldigen. Wer das nicht tut, muss aber gar nicht daheim publizieren, um des Sultans Knute zu spüren. Sein Versuch, eine harmlose Satire des NDR-Magazins extra3 dadurch zu verhindern, dass er den deutschen Botschafter einbestellte, ging voll nach hinten los: Mit fünf Millionen Abrufen erzielte der Beitrag eine Rekordreichweite und brachte dem Format kurz darauf noch eine Rekordquote von 880.000 Zuschauern.

Der gespielte Witz war jedoch lustiger als die lachhafte Demutshaltung der Bundesregierung, die dem türkischen Staatspräsidenten über Tage hinweg nicht mit Kritik am vordemokratischen Gebaren behelligte und erst auf mediale Intervention hin einige das-geht-so-aber-nicht-Floskeln absonderte. Schließlich braucht Berlin den Despoten vom Bosporus für die Flüchtlingsabwehr an der Donau. Ohne Humor jedoch hat es faschistoider Machtmissbrauch beim Publikum schwerer, Aufmerksamkeit zu erzielen. Deshalb wollten am Mittwoch auch nur halb so viele Menschen Christian Schwochos brillanten Auftakt des NSU-Dreiteilers Mitten im Leben sehen wie Aktenzeichen XY auf dem Nachbarkanal ZDF.

0-FrischwocheDie Frischwoche

4. – 10. April

Bleibt zu hoffen, dass Teil 2 und 3 mehr Resonanz (aber bitte nicht in Form der Hassposts von voriger Woche) erzielen. Heute spielt Almila Bagriacik die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek mit so glaubhafter Empathie, dass der abermalige Mord an ihrem Vater durch die rassistische Ermittlungstaktik von Polizei und Verfassungsschutz doppelt schmerzt, um die es dann Mittwoch geht. In welchem Umfeld das möglich war, zeigt die Themenwoche Der neue Rechtsruck. Das dokumentarische Essay Broken Land über eine Handvoll Amerikaner, die von paranoidem Fremdenhass getrieben den Grenzzaun nach Mexiko bewachen, macht heute um 20.15 Uhr den Auftakt. Den Schlusspunkt bildet am Freitag Burhan Qurbanis fabelhafter Spielfilm Wir sind jung, wir sind stark mit Jonas Nay als Neonazi im Pogrom von Rostock-Lichtenhagen.

Das wäre wie alle drei NSU-Filme ein typischer Kandidat für den Grimmepreis: Ästhetisch radikal, dramaturgisch kompromisslos, soziokulturell bedeutsam, dazu exzellent gespielt, also unbedingt sehenswert. Schade, dass die Verleihung der wichtigsten Fernsehtrophäe im Land am Freitag um 22.35 Uhr bloß als Aufzeichnung bei 3sat läuft, während die ARD tags zuvor natürlich wie jedes Jahr die Primetime freiräumt, wenn Barbara Schöneberger den komplett kommerziellen, künstlerisch irrelevanten Musikpreis Echo für maximale Massenkompatibilität verleiht.

Aber so spielt halt das Programmierungsleben im Quotenland D, das zeitgleich die 300. Folge Alarm für Cobra 11 bei RTL erlebt, den ewigpräsenten TV-Koch Christian Rach heute auf gleichem Kanal zum 2083. Mal irgendwelche Restaurants testen lässt, eine spontan erstellte ARD-Doku übers gigantische Steueroasen-Datenleck von gestern heute kurz vor Mitternacht statt gleich nach der Tagesschau zeigt, während das ZDF morgen zur besten Sendezeit lieber den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth feiert, als irgendeiner Art von Senderauftrag gerecht zu werden. Das einzig charmante Format dieser Woche findet daher bei ZDFneo statt, wo ab Samstag um 16.30 Uhr zehn Folgen lang Geschichte auf eher absonderliche Art erklärt wird, wenn Hannes Jaenicke durchaus humorvoll die mysteriösesten Verschwörungen, größten Junkies oder schlechtesten Deals präsentiert.

So muss also wieder mal der Tatort als Gütesiegel herhalten, in dem das HR-Team am Sonntag allerdings von Sabin Tambrea in den Schatten gestellt wird, der sich grad zum feingliedristen Bösewicht des Films mausert. Und sonst? Bleiben ja noch die Wiederholungen der Woche. In schwarzweiß: Jack Arnolds bizarrer Spinnenhorror von 1955 Tarantula (Freitag, 0.05 Uhr, 3sat), in Farbe Manta, Manta (Dienstag, 20.15 Uhr, RTL Nitro), wo Til Schweiger 1991 sein Spielfilmdebüt gab – also lang bevor er zur Ein-Mann-Armee vom Dienst wurde, die es auch mit einer Formation jener Fluggeräte aufnimmt, um die es im Doku-Tipp geht: Drohnen (Freitag, 22.10 Uhr, 3sat).

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